Gesammelte Werke (Über 150 Titel in einem Band)

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Deshalb sagt Professor Diehl natürlich, Rodbertus habe in der theoretischen Nationalökonomie durch seine "neue Einkommenstheorie" und durch die Unterscheidung der logischen und historischen Kategorien des Kapital (jenes bewußte "Kapital an sich" im Gegensatz zum Einzelkapital) bahnbrechend gewirkt. Und deshalb nennt ihn natürlich Professor Adolph Wagner "den Ricardo des ökonomischen Sozialismus", um so die eigene Unschuld in bezug auf Ricardo, Rodbertus wie den Sozialismus mit einem Schlage zu dokumentieren. Lexis aber findet gar, daß Rodbertus "seinem britischen Rivalen" an Kraft des abstrakten Denkens mindestens gleichkäme; ihn aber in der "Virtuosität der Aufdeckung des tiefsten Zusammenhanges der Erscheinungen", in der "Lebendigkeit der Phantasie" und vor allem - in seinem "ethischen Standpunkt gegenüber dem Wirtschaftsleben" weitaus überträfe. Das hingegen, was Rodbertus wirklich in der theoretischen Ökonomie außer seiner Kritik der Grundrente von Ricardo geleistet hat: seine stellenweise ganz klare Unterscheidung von Mehrwert und Profit, seine Behandlung des Mehrwerts als Ganzes im bewußten Unterschied von dessen Teilerscheinungen, seine teilweise vortreffliche Kritik des Smithschen Dogmas über die Wertzusammensetzung der Waren, seine scharfe Formulierung der Periodizität der Krisen und die Analyse ihrer Erscheinungsformen - wertvolle Ansätze, um die Analyse über Smith-Ricardo hinauszuführen, die freilich an der Konfusion in den Grundbegriffen scheitern mußte -, das alles sind den offiziellen Bewunderern Rodbertus' meistens böhmische Dörfer. Franz Mehring hat schon auf das merkwürdige Los Rodbertus' hingewiesen, für seine angeblichen nationalökonomischen Großtaten in den Himmel gehoben, wegen seiner wirklichen politischen Verdienste hingegen von denselben Leuten "wie ein dumme Junge" behandelt zu werden. In unserem Fall handelt es sich aber nicht einmal um den Gegensatz seiner ökonomischen und politischen Leistungen: Auf dem Gebiete der theoretischen Nationalökonomie selbst haben ihm seine Lobhudler ein großes Denkmal auf dem Sandfelde errichtet, wo er mit dem hoffnungslosen Eifer eines Utopisten grub, während sie zugleich die paar bescheidenen Beete mit Unkraut haben überwuchern und in Vergessenheit geraten lassen, in denen er einige fruchtbare Setzlinge hinterlassen hatte.137
Im ganzen kann man nicht behaupten, daß das Problem der Akkumulation seit der ersten Kontroverse, in preußisch-pommerscher Behandlung, vorwärtsgekommen wäre. Wenn die ökonomische Harmonielehre inzwischen von der Höhe Ricardos auf Bastiat-Schulze heruntergekommen war, so hat auch die soziale Kritik dementsprechend den Abrutsch von Sismondi auf Rodbertus vollzogen. Und wenn die Kritik Sismondis im Jahre 1819 eine geschichtliche Tat war, so waren die Reformideen Rodbertus' schon bei ihrem ersten Auftreten, zumal aber in seinen späteren Wiederholungen ein kläglicher Rückschritt.
In der Polemik zwischen Sismondi und Say-Ricardo bewies die eine Seite die Unmöglichkeit der Akkumulation infolge der Krisen und warnte vor der Entfaltung der Produktivkräfte. Die andere Seite bewies die Unmöglichkeit der Krisen und befürwortete die schrankenlose Entfaltung der Akkumulation. Jede war trotz der Verkehrtheit des Ausgangspunkts in ihrer Art konsequent. v. Kirchmann und Rodbertus gehen beide, wie auch nicht anders möglich war, von der Tatsache der Krisen aus. Trotzdem aber jetzt, nach der geschichtlichen Erfahrung eines halben Jahrhunderts, die Krisen sich gerade durch ihre Periodizität nur als Bewegungsform der kapitalistischen Reproduktion deutlich erwiesen hatten, wurde auch hier das Problem der erweiterten Reproduktion des Gesamtkapitals, der Akkumulation, mit dem Problem der Krisen völlig identifiziert und dadurch auf das tote Gleis des Suchens nach einem Mittel gegen Krisen geschoben. Die eine Seite sieht dabei das Mittel in dem restlosen Verzehren des Mehrwerts durch die Kapitalisten, d.h. im Verzicht auf die Akkumulation, die andere - in einer gesetzlichen Fixierung der Mehrwertrate, d.h. gleichfalls im Verzicht auf die Akkumulation. Die Spezialschrulle Rodbertus' beruht hierbei darauf, daß er ohne kapitalistische Akkumulation eine schrankenlose kapitalistische Steigerung der Produktivkräfte und des Reichtums erhofft und befürwortet. Zu einer Zeit, wo der hohe Reifegrad der kapitalistischen Produktion bald ihre grundlegende Analyse durch Marx ermöglichen sollte, artete der letzte Versuch der bürgerlichen Ökonomie, allein mit dem Problem der Reproduktion fertig zu werden, in eine abgeschmackte kindische Utopie aus.
Dritter Waffengang.
Struve - Bulgakow - Tugan-Baranowski gegen Woronzow - Nikolai-on
Inhaltsverzeichnis
Achtzehntes Kapitel.
Das Problem in neuer Auflage
Inhaltsverzeichnis
In einem ganz anderen historischen Rahmen als die beiden ersten spielte sich die dritte Kontroverse um die Frage der kapitalistischen Akkumulation ab. Diesmal war die Zeit der Handlung der Anfang der 80er Jahre bis um die Mitte der 90er und ihr Schauplatz Rußland. Die kapitalistische Entwicklung hatte bereits in Westeuropa ihren Reifegrad erreicht. Die einstige rosige Auffassung der Klassiker Smith-Ricardo mitten in der in Knospen stehenden bürgerlichen Gesellschaft war längst zerronnen. Auch der interessierte Optimismus der vulgär-manchesterlichen Harmonielehre war unter dem niederschmetternden Eindruck des Weltkrachs der 70er Jahre sowie unter den wuchtigen Schlägen des seit den 60er Jahren in allen kapitalistischen Ländern entbrannten heftigen Klassenkampfes verstummt. Selbst von den sozialreformerisch geflickten Harmonien, die sich namentlich in Deutschland noch Anfang der 80er Jahre breitgemacht hatten, war sehr bald nur der Katzenjammer geblieben, die 12jährige Prüfungszeit des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie hatte eine grausame Ernüchterung gebracht, alle Harmonieschleier endgültig zerrissen und die nackte Wirklichkeit der kapitalistischen Gegensätze in ihrer ganzen Schroffheit enthüllt. Optimismus war seitdem nur noch im Lager der aufstrebenden Arbeiterklasse und ihrer theoretischen Wortführer möglich. Ein Optimismus freilich nicht in bezug auf das natürliche oder künstlich hergestellte innere Gleichgewicht der kapitalistischen Wirtschaft und ihre ewige Dauer, sondern in dem Sinne, daß die von ihr mächtig geförderte Entfaltung der Produktivkräfte gerade durch ihre inneren Widersprüche einen ausgezeichneten historischen Boden für die fortschrittliche Entwicklung der Gesellschaft zu neuen ökonomischen und sozialen Formen biete. Die negative, herabdrückende Tendenz der ersten Periode des Kapitalismus, die einst Sismondi allein vor den Augen hatte und die noch Rodbertus in den 40er und 50er Jahren sah, war jetzt aufgewogen durch die emporhebende Tendenz: das hoffnungsvolle und siegreiche Aufstreben der Arbeiterklasse in ihrer gewerkschaftlichen und politischen Aktion.
So war das Milieu in Westeuropa beschaffen. Anders sah es freilich um dieselbe Zeit in Rußland aus. Hier stellen die siebziger und achtziger Jahre in jeder Hinsicht eine Übergangszeit, eine Periode der inneren Krise mit all ihren Qualen dar. Die Großindustrie feierte erst eigentlich ihren Einzug unter der Einwirkung der hochschutzzöllnerischen Periode. In der nun einsetzenden forcierten Förderung des Kapitalismus durch die absolutistische Regierung bildete namentlich die Einführung des Goldzolls an der westlichen Grenze im Jahre 1877 einen Markstein. Die "primitive Akkumulation" des Kapitals gedieh in Rußland unter der Begünstigung allerlei staatlicher Subsidien, Garantien, Prämien und Staatsbestellungen herrlich und erntete Profite, die im Westen um jene Zeit bereits ins Reich der Fabel gehörten. Die inneren Zustände Rußlands boten dabei ein nichts weniger als anziehendes und hoffnungsvolles Bild dar. Auf dem platten Lande zeitigte der Niedergang und die Zersetzung der bäuerlichen Wirtschaft unter dem Druck der fiskalischen Auspowerung und der Geldwirtschaft grauenvolle Zustände, periodische Hungersnöte und periodische Bauernunruhen. Andererseits war das Fabrikproletariat in den Städten sozial und geistig noch nicht zu einer modernen Arbeiterklasse konsolidiert. Namentlich in dem größten industriellen Zentralbezirk Moskau-Wladimir, dem wichtigsten Sitz der russischen Textilindustrie, war es noch zum großen Teil mit der Landwirtschaft verwachsen und halb bäuerisch. Dementsprechend primitive Formen der Ausbeutung riefen primitive Äußerungen der Abwehr auf den Plan. Anfangs der 80er Jahre sollten erst die spontanen Fabriktumulte im Moskauer Bezirk, bei denen Maschinen zertrümmert wurden, den Anstoß zu den ersten Grundlagen einer Fabrikgesetzgebung im Zarenreiche geben.
Wies so die wirtschaftliche Seite des öffentlichen Lebens in Rußland auf jedem Schritt schreiende Dissonanzen einer Übergangsperiode auf, so entsprach ihr auch eine Krise im geistigen Leben Der "volkstümlerische", bodenständige russische Sozialismus, der theoretisch auf den Eigentümlichkeiten der russischen Agrarverfassung basierte, war nach dem Fiasko seines äußersten revolutionären Ausdrucks: der terroristischen Partei der "Narodnaja Wolja", politisch bankrott. Andererseits waren die ersten Schriften Georg Plechanows, die den marxistischen Gedankengängen in Rußland Eingang verschaffen sollten, erst 1883 und 1885 erschienen und etwa für ein Jahrzehnt noch von scheinbar geringem Einfluß geblieben. Während der 80er Jahre und bis in die 90er Jahre hinein war das geistige Leben der russischen Intelligenz, namentlich der oppositionell gesinnten, sozialistischen Intelligenz, von einem seltsamen Gemisch "bodenständiger" Überbleibsel der Volkstümelei mit aufgegriffenen Elementen der Marxschen Theorie beherrscht, ein Gemisch, dessen hervorstechenden Zug die Skepsis in bezug auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus in Rußland bildete.
Die Frage, ob Rußland die kapitalistische Entwicklung nach dem Beispiel des westlichen Europa durchmachen soll, beschäftigte sehr früh die russische Intelligenz. Diese sah auch in Westeuropa vorerst nur die Schattenseiten des Kapitalismus, seine zersetzende Wirkung auf die hergebrachten patriarchalischen Produktionsformen und auf den Wohlstand und die Sicherheit der Existenz breiter Volksmassen. Andererseits erschien das russische bäuerliche Gemeineigentum an Grund und Boden, die berühmte "Obschtschina", als ein möglicher Ausgangspunkt für eine höhere soziale Entwicklung in Rußland, das unter Umgehung des kapitalistischen Stadiums mit seinen Leiden auf einem kürzeren und weniger qualvollen Wege als die westeuropäischen Länder in das gelobte Land des Sozialismus gelangen würde. Sollte man nun diese glückliche Ausnahmelage, diese einzigartige geschichtliche Gelegenheit verscherzen, indem man durch eine forcierte Verpflanzung der kapitalistischen Produktion nach Rußland unter staatlicher Beihilfe die bäuerlichen Besitz- und Produktionsformen vernichtete, der Proletarisierung, dem Elend und der Unsicherheit der Existenz der arbeitenden Massen Tür und Tor öffnete?
Dieses Grundproblem beherrschte das geistige Leben der russischen Intelligenz seit der Bauernreform, ja schon früher, seit Herzen und namentlich seit Tschernyschewski, es bildete die Zentralachse, um die sich eine ganze eigenartige Weltanschauung, die "volkstümlerische", geformt hatte. Diese Geistesrichtung, die in verschiedenen Abarten und Tendenzen spielte - von den deutlich reaktionären Lehren des Slavophilismus bis zur revolutionären Theorie der terroristischen Partei -, hat in Rußland eine enorme Literatur geschaffen. Einerseits förderte sie ein reiches Material in Einzeluntersuchungen über die Wirtschaftsformen des russischen Lebens zutage, namentlich über die "Volksproduktion" und ihre eigentümlichen Formen, über die Landwirtschaft der Bauerngemeinde, die bäuerliche Hausindustrie, den "Artel", sowie auch über das geistige Leben des Bauerntums, das Sektenwesen und dergleichen. Andererseits kam eine eigenartige Belletristik als künstlerischer Reflex der widerspruchsvollen sozialen Verhältnisse auf, in denen Altes mit Neuem rang und auf Schritt und Tritt mit schwierigen Problemen auf den Geist einstürmte. Endlich entsproß derselben Wurzel in den 70er und 80er Jahren eine originelle hausbackene Geschichtsphilosophie, die "subjektive Methode in der Soziologie" die den "kritischen Gedanken" zum ausschlaggebenden Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung oder genauer: die deklassierte Intelligenz zum Träger des historischen Fortschritts machen wollte und die in Peter Lawrow, Nikolai Michailowski, Professor Karejew, W. Woronzow ihre Wortführer fand.
Von diesem ganzen umfangreichen und weitverzweigten Gebiete der "volkstümlerischen" Literatur interessiert uns hier lediglich eine Seite: der Meinungskampf um die Aussichten der kapitalistischen Entwicklung in Rußland, und auch dieser nur insofern, als er sich auf allgemeine Erwägungen über die gesellschaftlichen Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise stützte. Denn auch diese Erwägungen sollten in der russischen Streitliteratur der 80er und 90er Jahre eine große Rolle spielen.
Um den russischen Kapitalismus und seine Aussichten handelte es sich zunächst, die daraus entstandene Debatte griff jedoch naturgemäß auf die allgemeinen Probleme der Entwicklung des Kapitalismus über, wobei das Beispiel und die Erfahrungen des Westens die hervorragendste Rolle als Beweismaterial spielten.
Für den theoretischen Inhalt der nun folgenden Diskussion war eine Tatsache von entscheidender Bedeutung: Nicht bloß war die Marxsche Analyse der kapitalistischen Produktion, wie sie im ersten Band des "Kapitals" niedergelegt ist, bereits Gemeingut des gebildeten Rußlands, sondern auch der zweite Band mit der Analyse der Reproduktion des Gesamtkapitals war schon 1885 erschienen. Das gab der Diskussion ein wesentlich anderes Gepräge. Das Problem der Krisen verstellte nun nicht mehr wie in den früheren Fällen den eigentlichen Kern der Erörterungen. Zum erstenmal war die Frage der Reproduktion des Gesamtkapitals, der Akkumulation, in reiner Gestalt in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung gerückt. Auch verlor sich die Analyse nicht mehr im hilflosen Herumtappen um die Begriffe Einkommen und Kapital, Einzelkapital und Gesamtkapital. Man stand nunmehr auf dem festen Gerüst des Marxschen Schemas der gesellschaftlichen Reproduktion. Und endlich handelt es sich diesmal überhaupt nicht mehr um eine Auseinandersetzung zwischen Manchestertum und Sozialreform, sondern zwischen zwei Spielarten des Sozialismus. Die Skepsis in bezug auf die Möglichkeit der kapitalistischen Entwicklung wird im Geiste Sismondis und zum Teil Rodbertus' von der kleinbürgerlichen "volkstümlerisch"-konfusen Spielart des russischen Sozialismus vertreten, die sich aber selbst vielfach auf Marx beruft, der Optimismus - von der marxistischen Schule in Rußland. Es war somit ein völliger Wechsel der Szenerie eingetreten.
Von den zwei Hauptwortführern der "volkstümlerischen" Richtung war der eine, Woronzow, bekannt in Rußland hauptsächlich unter seinem schriftstellerischen Pseudonym "W. W" (seinen Initialen), ein wunderlicher Heiliger, der in der Nationalökonomie völlig konfus und als Theoretiker überhaupt nicht ernst zu nehmen war. Der andere dagegen, Nikolai-on (Danielson), ein Mann von umfassender Bildung und gründlicher Kenner des Marxismus, Herausgeber der russischen Übersetzung des ersten Bandes des "Kapitals", persönlicher Freund von Marx und Engels, mit beiden in einem regen Briefwechsel (der 1908 in russischer Sprache im Druck erschienen ist). Namentlich Woronzow hatte jedoch in den 80er Jahren einen großen Einfluß auf die öffentliche Meinung der russischen Intelligenz ausgeübt, und gegen ihn mußte der Marxismus in Rußland in erster Linie den Kampf ausfechten. In der uns interessierenden Frage der allgemeinen Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus erstand den beiden genannten Vertretern der Skepsis in den 90er Jahren eine ganze Reihe von Widersachern, eine neue Generation russischer Marxisten, die, ausgerüstet mit der historischen Erfahrung und dem Wissen Westeuropas, neben Georg Plechanow in die Schranken traten: Professor Kablukow, Professor Manuilow, Professor Issajew, Professor Skworzow, Wlad. Iljin, Peter v. Struve, Bulgakow, Professor Tugan-Baranowski u.a. Wir werden uns im weiteren hauptsächlich auf die drei letzten beschränken, da jeder von ihnen eine mehr oder minder abgeschlossene Kritik jener Theorie auf dem uns hier angebenden Gebiete geliefert hat. Dieses zum Teil glänzende Turnier, das in den 90er Jahren die sozialistische Intelligenz in Rußland in Atem hielt und mit einem unbestrittenen Triumph der Marxschen Schule schloß, hat offiziell den Einzug des Marxismus als historisch-ökonomischer Theorie in die Wissenschaft Rußlands inauguriert. Der "legale" Marxismus nahm damals vom Katheder, von den Revuen und vom ökonomischen Büchermarkt Rußlands öffentlich Besitz - mit allen Schattenseiten dieser Lage. Von jener Plejade der marxistischen Optimisten ist zehn Jahre später, als die Entwicklungsmöglichkeiten des russischen Kapitalismus ihre optimistische Kehrseite in der revolutionären Erhebung des Proletariats straßenkundig machten - mit einer Ausnahme -, kein einziger im Lager des Proletariats zu finden gewesen.
Neunzehntes Kapitel.
Herr Woronzow und sein "Überschuß"
Inhaltsverzeichnis
Was die Vertreter der "volkstümlerischen" Theorie in Rußland auf das Problem der kapitalistischen Reproduktion führte, war ihre Überzeugung von der Aussichtslosigkeit des Kapitalismus in Rußland, und zwar infolge des Mangels an Absatzmärkten. W. Woronzow hatte seine Theorie in dieser Hinsicht in der Revue "Vaterländische Memoiren" und in anderen Revuen in einer Reihe von Artikeln niedergelegt, die 1882 zu einem Buch gesammelt unter dem Titel "Schicksale des Kapitalismus in Rußland" erschienen, sodann in einem Aufsatz im Maiheft derselben Revue 1883 unter dem Titel "Der Überschuß bei der Versorgung des Marktes mit Waren", im Septemberheft der Revue "Russischer Gedanke" 1889 in einem Aufsatz über "Militarismus und Kapitalismus", in dem Buche "Unsere Richtungen" 1893, endlich 1895 in Buchform unter dem Titel "Umrisse der theoretischen Nationalökonomie". Die Stellung Woronzows zur kapitalistischen Entwicklung in Rußland ist nicht ganz leicht zu fassen. Er steht weder auf seiten der rein slavophilen Theorie, die aus den "Eigentümlichkeiten" der ökonomischen Struktur Rußlands und seines besonderen "Volksgeistes" die Verkehrtheit und Verderblichkeit des Kapitalismus für Rußland ableitete, noch auf seiten der Marxisten, die in der kapitalistischen Entwicklung eine unvermeidliche historische Etappe erblickten, welche auch für die russische Gesellschaft den einzig gangbaren Weg des sozialen Fortschritts eröffnen könne. Woronzow seinerseits behauptete, der Kapitalismus sei in Rußland einfach unmöglich, er habe keine Wurzeln und keine Zukunft. Es sei gleichermaßen verkehrt, ihn zu verwünschen oder ihn herbeizuwünschen, denn es fehlen in Rußland die Lebensbedingungen selbst für eine kapitalistische Entwicklung, so daß alle die mit schweren Opfern verbundenen Anstrengungen, von Staats wegen den Kapitalismus in Rußland großzuziehen, verlorene Liebesmüh wären. Sieht man jedoch näher zu, dann schränkt Woronzow diese von ihm aufgestellte Behauptung sehr wesentlich wieder ein. Hat man nicht die Anhäufung des kapitalistischen Reichtums, sondern die kapitalistische Proletarisierung der kleinen Produzenten, die Unsicherheit der Existenz der Arbeiter, die periodischen Krisen im Auge, so stellt Woronzow alle diese Erscheinungen für Rußland durchaus nicht in Abrede. Im Gegenteil, er sagt ausdrücklich in der Vorrede zu seinen "Schicksalen des Kapitalismus in Rußland": "Indem ich die Möglichkeit der Herrschaft des Kapitalismus in Rußland als einer Produktionsform bestreite, will ich nichts über seine Zukunft als Ausbeutungsform und -grad der Volkskräfte aussagen." Woronzow meint also, der Kapitalismus könne in Rußland bloß nicht jenen Reifegrad erlangen wie im Westen, hingegen der Prozeß der Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln sei in den russischen Verhältnissen wohl zu gewärtigen. Ja, Woronzow geht noch weiter. Er bestreitet gar nicht die Möglichkeit der Entwicklung kapitalistischer Produktionsformen in gewissen Zweigen der russischen Industrie, selbst der kapitalistischen Ausfuhr aus Rußland nach den auswärtigen Märkten. Sagt er doch in seinem Aufsatz "Der Überschuß bei der Versorgung des Marktes": "Die kapitalistische Produktion entwickelt sich in einigen Zweigen der Industrie sehr rasch (versteht sich: im russischen Sinne des Wortes)."138 "Es ist sehr wahrscheinlich, daß Rußland, wie andere Länder, gewisse natürliche Vorteile hat, infolge deren es als Lieferant gewisser Arten Waren auf auswärtigen Märkten auftreten kann; es ist sehr möglich, daß sich das Kapital dies zunutze machen und die entsprechenden Produktionszweige in seine Hände ergreifen wird ..., d.h., die nationale Arbeitsteilung wird es unserem Kapitalismus erleichtern, in gewissen Zweigen Fuß zu fassen. Es handelt sich aber für uns nicht darum. Wir reden nicht von der zufälligen Teilnahme des Kapitals an der industriellen Organisation des Landes, sondern wir fragen, ob es wahrscheinlich sei, daß die gesamte Produktion Rußlands auf kapitalistische Basis gestellt werden könnte."139
In dieser Form bekommt die Skepsis des Herrn Woronzow offenbar ein ziemlich anderes Gesicht, als man zuerst annehmen mochte. Er hegt Zweifel darüber, ob sich die kapitalistische Produktionsweise je der gesamten Produktion in Rußland wird bemächtigen können. Dieses Kunststück hat sie aber bis jetzt noch in keinem Lande der Welt, nicht einmal in England ganz fertiggebracht. Eine derartige Skepsis in bezug auf die Zukunft des russischen Kapitalismus dürfte also vorerst ganz international gefaßt werden Und in der Tat läuft hier die Theorie Woronzows auf ganz allgemeine Erwägungen über die Natur und die Lebensbedingungen des Kapitalismus hinaus, sie stützt sich auf allgemeine theoretische Ansichten über den Reproduktionsprozeß des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Woronzow formuliert in folgender deutlicher Weise den besonderen Zusammenhang der kapitalistischen Produktionsweise mit der Frage der Absatzmärkte: "Die nationale Arbeitsteilung, die Verteilung aller Industriezweige unter den am Welthandel beteiligten Ländern hat mit dem Kapitalismus gar nichts zu tun. Der Absatzmarkt, der sich auf diese Weise bildet, die Nachfrage nach den Produkten verschiedener Länder, die sich aus einer solchen Arbeitsteilung zwischen den Völkern ergibt, hat ihrem Charakter nach nichts gemein mit dem Absatzmarkt, den die kapitalistische Produktionsweise benötigt ... Die Produkte der kapitalistischen Industrie kommen auf den Markt zu einem anderen Zwecke: Sie berühren nicht die Frage, ob alle Bedürfnisse des Landes befriedigt sind; sie brauchen nicht unbedingt dem Unternehmer anstatt ihrer selbst ein anderes materielles Produkt zu liefern, das der Konsumtion dient. Ihr Hauptzweck ist: den in ihnen verborgenen Warenwert zu realisieren. Was ist das aber für ein Mehrwert, der den Kapitalisten um seiner selbst willen interessiert? Von dem Standpunkt, von dem aus wir die Frage betrachten, ist der erwähnte Mehrwert - der Überschuß der Produktion über die Konsumtion im Innern des Landes. Jeder Arbeiter produziert mehr, als er selbst konsumiert, und alle diese Überschüsse sammeln sich in wenigen Händen; die Besitzer dieser Überschüsse verzehren sie selbst, zu welchem Zwecke sie sie innerhalb des Landes sowie im Auslande gegen verschiedenste Lebensmittel und Gegenstände des Luxus austauschen; doch soviel sie auch essen, trinken und tanzen mögen - den ganzen Mehrwert zu verjubeln, bringen sie doch nicht fertig; es verbleibt noch ein bedeutender Rest, den sie nicht gegen ein anderes Produkt austauschen, sondern ganz einfach loswerden, zu Geld machen müssen, sonst wird er sowieso umkommen. Da niemand im Lande da ist, an den sie diesen Rest loswerden könnten, so muß er ins Ausland ausgeführt werden - und da haben wir die Ursache, weshalb Länder, die sich kapitalisieren, ohne auswärtige Absatzmärkte nicht auskommen können."140
Die Leser haben in dem obigen Zitat, das wir wörtlich mit allen Eigentümlichkeiten der Woronzowschen Ausdrucksweise übersetzt haben, eine Stichprobe, die ihnen eine Ahnung von dem geistvollen russischen Theoretiker gehen kann, bei dessen Lektüre man die köstlichsten Augenblicke verlebt.
Dieselben Ansichten hat Woronzow später in seinem Buche "Umrisse der theoretischen Nationalökonomie" 1895 zusammengefaßt, und hier wollen wir ihn hören. W. polemisiert gegen die Ansichten Say-Ricardos, namentlich auch gegen J. St. Mill, die die Möglichkeit einer allgemeinen Überproduktion bestritten. Dabei entdeckt er, was keiner vor ihm wußte: Er hat die Quelle aller Verirrungen der klassischen Schule in bezug auf die Krisen ausfindig gemacht. Diese Quelle liege in der irrtümlichen Theorie der Produktionskosten, der die bürgerliche Ökonomie fröne. Vom Standpunkte der Produktionskosten (die W. ohne Profit annimmt, was gleichfalls keiner vor ihm fertiggebracht hat) sei allerdings sowohl der Profit wie Krisen undenkbar und unerklärlich. Doch dieser originelle Denker will in seinen eigenen Worten genossen sein: "Nach der Lehre der bürgerlichen Nationalökonomie wird der Wert des Produkts durch die Arbeit bestimmt, die zu seiner Herstellung aufgewendet wurde. Nachdem sie aber diese Wertbestimmung gegeben hat, vergißt sie sie sofort, und bei den folgenden Erklärungen der Tauscherscheinungen stützt sie sich auf eine andere Theorie, in der die Arbeit durch Produktionskosten ersetzt ist. So werden zwei Produkte gegeneinander in solchen Quantitäten ausgetauscht, daß auf beiden Seiten gleiche Produktionskosten vorhanden sind. Bei einer solchen Auffassung des Austausches ist für einen Überschuß an Waren im Lande tatsächlich kein Platz. Irgendein Produkt der Jahresarbeit eines Arbeiters erscheint von diesem Standpunkt als Vertreter eines gewissen Quantums Stoff, aus dem es verfertigt ist, Werkzeuge, die dabei abgenutzt sind, und der Produkte, die zur Erhaltung des Arbeiters während der Produktionsperiode dienten. Bei seiner Erscheinung auf dem Markte hat es (wohl "das Produkt"! - R. L.) den Zweck, seine Gebrauchsform zu ändern, sich wieder in den Stoff zu verwandeln, in Produkte für den Arbeiter und in den Wert, der zur Erneuerung der Werkzeuge nötig ist, und nach diesem Prozeß seiner Zerstückelung in Bestandteile wird der Prozeß ihrer Wiedervereinigung, der Produktionsprozeß einsetzen, währenddessen alle aufgezählten Werte verzehrt werden, dafür aber ein neues Produkt entstehen wird, das ein Bindeglied zwischen der vergangenen Konsumtion und der künftigen darstellt." Aus diesem ganz eigenartigen Versuch, die gesellschaftliche Reproduktion als einen fortlaufenden Prozeß vom Standpunkte der Theorie der Produktionskosten darzustellen, folgt plötzlich, wie aus der Pistole geschossen, der folgende Schluß: "Wenn wir somit die Gesamtmasse der Produkte eines Landes betrachten, so werden wir gar keine überflüssige Ware vorfinden, die den Bedarf der Gesellschaft übersteigen würde; der unabsetzbare Überschuß ist daher vom Standpunkte der Werttheorie der bürgerlichen Nationalökonomie unmöglich." Nachdem Woronzow so durch eine höchst souveräne Mißhandlung der "bürgerlichen Werttheorie" aus den Produktionskosten den Kapitalprofit ausgeschaltet hat, macht er nun diese seine Unterlassung im nächsten Moment zu einer großartigen Entdeckung: "Aber die angeführte Analyse deckt noch einen anderen Zug in der bis vor kurzem herrschenden Werttheorie auf: Es stellt sich heraus, daß auf dem Boden dieser Theorie für den Kapitalprofit kein Platz da ist." Hier folgt eine in ihrer Kürze und Einfachheit verblüffende Beweisführung: "In der Tat, wenn mein Produkt, dessen Produktionskosten mit 5 Rubeln ausgedrückt sind, gegen ein anderes Produkt von gleichem Wert ausgetauscht wird, so wird das von mir Erhaltene nur ausreichen, um meine Auslagen zu decken, für meine Enthaltung aber (wörtlich so - R. L.) werde ich nichts kriegen." Und jetzt hat Woronzow das Problem an der Wurzel gepackt:


