Gesammelte Werke (Über 150 Titel in einem Band)

- -
- 100%
- +
"So stellt sich heraus, daß auf dem Boden einer streng logischen Entwicklung der Ideen der bürgerlichen Nationalökonomie das Schicksal des Überschusses von Waren auf dem Markte und das Schicksal des kapitalistischen Profits dasselbe ist. Dieser Umstand berechtigt uns zu dem Schluß, daß sich beide Phänomene in gegenseitiger Abhängigkeit befinden, daß die Möglichkeit des einen durch das Vorhandensein des anderen bedingt ist. Und in der Tat: Solange es keinen Profit gibt, gibt es auch keinen Warenüberschuß ... Anders, wenn sich im Lande Profit bildet. Dieser steht in keinem organischen Zusammenhang mit der Produktion, er ist ein Phänomen, das mit der letzteren nicht durch technisch-natürliche Bedingungen verbunden ist, sondern durch ihre äußere, soziale Form. Die Produktion braucht zu ihrer Fortsetzung ... nur Stoff, Werkzeuge, Lebensmittel für die Arbeiter und verzehrt deshalb selbst nur den entsprechenden Teil der Produkte; der Überschuß aber, der den Profit bildet und der für sich in dem ständigen Element des industriellen Lebens - in der Produktion - keinen Platz findet, muß für sich andere Konsumenten suchen, die mit der Produktion nicht organisch verknüpft sind, Konsumenten bis zu einem gewissen Grad zufälligen Charakters. Er (der Überschuß) kann solche Konsumenten finden, es ist aber auch möglich, daß er sie nicht findet in dem erforderlichen Maße, in diesem Fall werden wir einen Warenüberschuß auf dem Markte haben."141 Höchst zufrieden mit dieser "einfachen" Aufklärung, bei der er das Mehrprodukt zu einer Erfindung des Kapitals gemacht hat und den Kapitalisten zu einem "nicht organisch" mit der kapitalistischen Produktion verknüpften "zufälligen" Konsumenten, entwickelt Woronzow nunmehr auf Grund der Marxschen "konsequenten" Arbeitswerttheorie, die er nach seiner Erklärung im weiteren "benutzt" hat, die Krisen direkt aus dem Mehrwert in folgender Weise:
"Wenn das, was in Gestalt des Arbeitslohnes in die Produktionskosten eingeht, von dem arbeitenden Teil der Bevölkerung verzehrt wird, so muß der Mehrwert, ausgenommen den Teil, der für die vom Markt erforderte Erweiterung der Produktion bestimmt ist, durch die Kapitalisten selbst vernichtet werden (wörtlich so! - R. L.). Sind sie dazu imstande und tun sie's, dann findet kein Warenüberschuß statt, wenn nicht - dann stellt sich Überproduktion, Industriekrise ein, Verdrängung der Arbeiter von den Fabriken und sonstige Übelstände." Wer aber an diesen Übelständen in letzter Linie schuld ist, das ist nach Herrn Woronzow "die ungenügende Elastizität des menschlichen Organismus, der seine Konsumtionsfähigkeit nicht mit der Rapidität zu erweitern vermag, mit der der Mehrwert wächst". Wiederholt formuliert er diesen genialen Gedanken in den folgenden Worten: "Somit liegt die Achillesferse der kapitalistischen Industrieorganisation in der Unfähigkeit der Unternehmer, ihr ganzes Einkommen zu verzehren."
Hier gelangt also Woronzow, nachdem er die Ricardosche Werttheorie in der Marxschen "konsequenten" Fassung "benutzt" hat, zu der Sismondischen Krisentheorie, die er auch noch in einer möglichst rohen und simplistischen Form sich zu eigen macht. Während er aber die Auffassung Sismondis wiedergibt, glaubt er natürlich die von Rodbertus zu akzeptieren. "Die induktive Forschungsmethode hat zu derselben Theorie der Krisen und des Pauperismus geführt, die von Rodbertus objektiv aufgestellt worden war"142, erklärt er triumphierend. Was Woronzow unter der "induktiven Forschungsmethode" versteht, die er der "objektiven" entgegenstellt, ist freilich nicht ganz klar, doch kann darunter, da bei Herrn Woronzow alles möglich ist, auch die Marxsche Theorie zu verstehen sein. Aber auch Rodbertus sollte nicht "unverbessert" aus den Händen des originellen russischen Denkers hervorgehen. Zu der Rodbertusschen Theorie macht Woronzow nur die Korrektur, daß er aus ihr ausschaltet, was bei Rodbertus der Zentralpunkt des ganzen Systems war: die Fixierung der Lohnquote am Wert des Gesamtprodukts. Nach Herrn Woronzow wäre nämlich auch diese Maßregel gegen Krisen ein Palliativmittel, denn "die unmittelbare Ursache der erwähnten Erscheinungen (Überproduktion, Arbeitslosigkeit usw.) liegt nicht darin, daß der Anteil der arbeitenden Klassen am Nationaleinkommen zu klein ist, sondern darin, daß die Kapitalistenklasse nicht imstande ist, jedes Jahr die Masse Produkte zu verzehren, die ihr zufällt."143 Nachdem er aber soeben die Rodbertussche Reform der Einkommensverteilung abgelehnt hat, landet Woronzow mit der ihm eigenen "streng logischen Konsequenz" schließlich bei der folgenden Prognose für die künftigen Schicksale des Kapitalismus:
"Wenn nach alledem der industriellen Organisation, die in Westeuropa herrscht, noch weiter zu blühen und zu gedeihen beschieden sein sollte, so nur unter der Bedingung, daß Mittel gefunden werden, denjenigen Teil des Nationaleinkommens zu vernichten (wörtlich so! - R. L.), der die Konsumtionsfähigkeit der Kapitalistenklasse übersteigt und nichtsdestoweniger in ihre Hände gelangt. Die allereinfachste Lösung dieser Frage wäre eine entsprechende Änderung in der Verteilung des Nationaleinkommens unter den Teilnehmern der Produktion. Das kapitalistische Regime wäre für lange Zeit gesichert, wenn die Unternehmer von jedem Zuwachs des Nationaleinkommens für sich nur soviel behielten, wie sie zur Befriedigung aller ihrer Einfälle und Launen brauchen, den Rest aber der Arbeiterklasse, d.h. der Masse der Bevölkerung, überließen."144 So endet das Ragout aus Ricardo, Marx, Sismondi und Rodbertus mit der Entdeckung, daß die kapitalistische Produktion von der Überproduktion radikal kuriert wäre und in alle Ewigkeit "blühen und gedeihen" könnte, wenn die Kapitalisten auf die Kapitalisierung des Mehrwerts verzichteten und den entsprechenden Teil des Mehrwerts den Arbeitern zum Geschenk machen würden. Inzwischen, bis die Kapitalisten so vernünftig werden, den guten Rat des Herrn Woronzow anzunehmen, verfallen sie auf andere Mittel, alljährlich einen Teil ihres Mehrwerts zu "vernichten". Zu diesen probaten Mitteln gehört unter anderm der moderne Militarismus, und zwar, da Herr Woronzow mit tödlicher Sicherheit alles auf den Kopf zu stellen weiß, gerade in dem Maße, wie die Kosten des Militarismus nicht aus den Mitteln der arbeitenden Volksmasse, sondern aus dem Einkommen der Kapitalistenklasse bestritten werden. In erster Linie aber besteht das Rettungsmittel des Kapitalismus im auswärtigen Handel. Und das ist wiederum die "Achillesferse" des russischen Kapitalismus. Als letzter an der Tafel des Weltmarktes hat er bei der Konkurrenz älterer kapitalistischer Länder des Westens nur das Nachsehen, und so geht dem russischen Kapitalismus zusammen mit der Aussicht auf auswärtige Märkte auch die wichtigste Bedingung seiner Lebensfähigkeit ab, Rußland bleibt das "Reich der Bauern" und der "Volksproduktion".
"Wenn das alles richtig ist", schließt W. W. seinen Aufsatz vom "Überschuß bei der Versorgung des Marktes mit Waren", "dann ergeben sich daraus auch die Schranken für die Herrschaft des Kapitalismus in Rußland: Die Landwirtschaft muß seiner Leitung entzogen werden; aber auch auf dem Gebiete der Industrie darf seine Entwicklung nicht zu sehr vernichtend auf die Hausindustrie einwirken, die bei unseren klimatischen Verhältnissen (!) für den Wohlstand eines großen Teils der Bevölkerung unentbehrlich ist. Wenn der Leser darauf bemerken wird, daß der Kapitalismus sich auf solche Kompromisse nicht einlassen wird, dann antworten wir: um so schlimmer für ihn." So wäscht Herr Woronzow zum Schluß seine Hände und lehnt für seine Person jede Verantwortung für die weiteren Schicksale der wirtschaftlichen Entwicklung in Rußland ab.
Zwanzigstes Kapitel.
Nikolai-on
Inhaltsverzeichnis
Mit anderer ökonomischer Vorbildung und Sachkenntnis geht der zweite Theoretiker der "volkstümlerischen" Kritik, Nikolai-on, ans Werk. Einer der gründlichsten Kenner der russischen Wirtschaftsverhältnisse, hatte er schon 1880 durch seine Abhandlung über die Kapitalisierung der landwirtschaftlichen Einkommen (in der Revue "Slowo") Aufsehen erregt. Dreizehn Jahre später gab er, angeregt durch die große russische Hungersnot des Jahres 1891, ein Buch unter dem Titel "Abhandlungen über unsere Volkswirtschaft nach der Reform" heraus, in dem er jene erste Untersuchung weiterführt und auf Grund eines großangelegten und mit reichem Tatsachen- und Zahlenmaterial fundierten Bildes der Entwicklung des Kapitalismus in Rußland nachzuweisen sucht, daß diese Entwicklung für das russische Volk zur Quelle aller Übel und auch der Hungersnot geworden sei. Nikolai-on legt seinen Ansichten über die Schicksale des Kapitalismus in Rußland eine bestimmte Theorie der Entwicklungsbedingungen der kapitalistischen Produktion überhaupt zugrunde, und diese Theorie ist es eben, die für uns von Interesse ist.
Für die kapitalistische Wirtschaftsweise ist der Absatzmarkt von entscheidender Bedeutung. Jede kapitalistische Nation sucht sich deshalb einen möglichst großen Absatzmarkt zu sichern. Sie greift dabei naturgemäß vor allem zu ihrem eigenen inneren Markt. Auf einer gewissen Höhe der Entwicklung kann sich jedoch eine kapitalistische Nation mit dem inneren Markte nicht mehr begnügen, und zwar aus folgenden Gründen: Das ganze neue Jahresprodukt der gesellschaftlichen Arbeit kann man in zwei Teile sondern: in einen Teil, den die Arbeitet in Gestalt ihrer Löhne bekommen, und einen anderen Teil, den die Kapitalisten sich aneignen. Der erste Teil vermag aus der Zirkulation nur ein Quantum Lebensmittel zu entziehen, das seinem Werte nach der Summe der im Lande gezahlten Löhne entspricht. Die kapitalistische Wirtschaft hat aber die ausgesprochene Tendenz, diesen Teil immer mehr herabzudrücken. Die Methoden, deren sie sich dabei bedient, sind: Verlängerung der Arbeitszeit, Steigerung der Intensität der Arbeit, Steigerung ihrer Produktivität vermittelst technischer Vervollkommnungen, die es ermöglichen, an Stelle männlicher Arbeitskräfte weibliche und jugendliche zu setzen und erwachsene Arbeiter zum Teil ganz aus der Arbeit zu verdrängen. Mögen auch die Löhne der übrigen beschäftigten Arbeiter steigen, doch kann die Steigerung niemals den Ersparnissen des Kapitalisten gleichkommen, die durch jene Verschiebungen bedingt werden. Aus alledem ergibt sich, daß die Rolle der Arbeiterklasse als Käufer auf dem inneren Markte immer mehr verringert wird. Daneben vollzieht sich noch ein anderer Prozeß: Die kapitalistische Produktion bemächtigt sich Schritt für Schritt der Gewerbe, die bei der landwirtschaftlichen Bevölkerung eine Nebenbeschäftigung waren, sie entzieht dem Bauerntum auf diese Weise eine Erwerbsquelle nach der anderen, wodurch auch die Kaufkraft der ländlichen Bevölkerung gegenüber den Erzeugnissen der Industrie immer mehr zurückgeht, so daß der innere Markt auch von dieser Seite immer mehr zusammenschrumpft. Wenden wir uns aber an den Anteil der Kapitalistenklasse, so vermag auch dieser nicht das ganze neuerzeugte Produkt zu realisieren, dies freilich aus umgekehrten Gründen. Wie groß auch die Konsumtionsbedürfnisse dieser Klasse sein mögen, sie kann doch nicht das ganze jährliche Mehrprodukt persönlich verzehren, erstens, weil ein Teil davon zur Erweiterung der Produktion, für technische Verbesserung aufgewendet werden muß, die jedem Einzelunternehmer durch den Konkurrenzkampf als Existenzbedingung aufgezwungen wird; zweitens, weil mit dem Wachstum der kapitalistischen Produktion auch jener Zweig wächst, der die Produktion von Produktionsmitteln besorgt, wie Bergbau, Maschinenindustrie usw., und dessen Produkt durch seine Gebrauchsgestalt von vornherein die persönliche Konsumtion ausschließt und die Funktion als Kapital bedingt; drittens endlich, weil die größere Produktivität der Arbeit und Kapitalersparnis, die bei der Massenproduktion billiger Waren erreicht werden kann, immer mehr die gesellschaftliche Produktion gerade auf solche Massenprodukte richtet, die nicht durch die Handvoll Kapitalisten verbraucht werden können.
Obwohl nun der Mehrwert des einen Kapitalisten im Mehrprodukt anderer Kapitalisten realisiert werden kann und umgekehrt, so bezieht sich das doch nur auf Produkte eines bestimmten Zweiges, nämlich der Lebensmittelbranche. Aber das Hauptmotiv der kapitalistischen Produktion ist nicht Befriedigung der persönlichen Konsumtionsbedürfnisse. Das äußert sich auch darin, daß die Produktion von Lebensmitteln im ganzen immer mehr zurücktritt gegen die Produktion von Produktionsmitteln. "Auf diese Weise sehen wir, daß, wie das Produkt jeder Fabrik die Bedürfnisse der darin beschäftigten Arbeiter und des Unternehmers nach diesem Produkt weitaus übertrifft, ebenso das Gesamtprodukt einer kapitalistischen Nation weitaus die Bedürfnisse der gesamten beschäftigten Industriebevölkerung übertrifft, und zwar übertrifft sie sie gerade deshalb, weil die Nation eine kapitalistische ist, weil ihre gesellschaftliche Kräfteverteilung nicht auf die Befriedigung der wirklichen Bedürfnisse der Bevölkerung gerichtet ist, sondern bloß auf die Befriedigung zahlungsfähiger Bedürfnisse. Genauso wie ein Einzelfabrikant also auch nicht einen Tag existieren kann als Kapitalist, wenn sein Absatzmarkt nur durch die Bedürfnisse seiner Arbeiter und seine persönlichen Bedürfnisse beschränkt wäre, ebenso vermag sich auch eine entwickelte kapitalistische Nation nicht mit ihrem eigenen inneren Markt zu begnügen."
So hat die kapitalistische Entwicklung die Tendenz, auf einer gewissen Höhe sich selbst Hindernisse zu bereiten. Diese Hindernisse kommen in letzter Linie daher, daß die fortschreitende Produktivität der Arbeit angesichts der Trennung der unmittelbaren Produzenten von den Produktionsmitteln nicht der ganzen Gesellschaft, sondern bloß einzelnen Unternehmern zugute kommt, während eine Masse Arbeitskräfte und Arbeitszeit durch diesen Prozeß "befreit", überflüssig werden und nicht bloß für die Gesellschaft verlorengehen, sondern ihr sogar zur Last fallen. Wirkliche Bedürfnisse der Volksmasse können nur in dem Maße besser befriedigt werden, als die "volkstümliche", auf der Vereinigung des Produzenten mit den Produktionsmitteln basierende Produktionsweise das Übergewicht bekommt. Der Kapitalismus hat aber das Bestreben, sich just dieser Produktionssphären zu bemächtigen und so den Hauptfaktor seiner eigenen Blüte zu vernichten. Waren doch z.B. die periodischen Hungersnöte in Indien, die alle zehn oder elf Jahre auftraten, eine der Ursachen der Periodizität der industriellen Krisen in England. In diesen Widerspruch gerät früher oder später jede Nation, die die Bahn der kapitalistischen Entwicklung betreten hat, denn er steckt in dieser Produktionsweise selbst. Je später aber eine Nation die Bahn des Kapitalismus betritt, um so schärfer macht sich der Widerspruch geltend, denn sie kann nach der Sättigung des inneren Marktes keinen Ersatz auf dem auswärtigen finden, da dieser schon von älteren konkurrierenden Ländern mit Beschlag belegt ist.
Aus alledem folgt, daß die Schranken des Kapitalismus durch die steigende Armut gegeben sind, die seine eigene Entwicklung bedingt, durch die wachsende Zahl überzähliger Arbeiter, die gar keine Kaufkraft besitzen. Der zunehmenden Produktivität der Arbeit, die jedes zahlungsfähige Bedürfnis der Gesellschaft außerordentlich rasch befriedigt, entspricht eine zunehmende Unfähigkeit wachsender Volksmassen, ihre dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen, dem Überfluß unabsetzbarer Waren - der Mangel breiter Massen an dem Notwendigsten.
Das sind die allgemeinen Ansichten Nikolai-ons.145 Man sieht: Nikolai-on kennt seinen Marx und hat sich die beiden ersten Bände des "Kapitals" sehr wohl zunutze kommen lassen. Und doch ist seine ganze Argumentation echt sismondisch: Der Kapitalismus führt selbst zur Verkürzung des inneren Marktes durch die Verelendung der Massen, alles Unheil in der modernen Gesellschaft kommt von der Zerstörung der "volkstümlichen" Produktionsweise, d.h. des Kleinbetriebes - das sind seine Leitmotive. Das Lob des alleinseligmachenden Kleinbetriebes kommt sogar bei Nikolai-on als der Grundton seiner ganzen Kritik viel deutlicher und offener bei Sismondi zum Ausdruck.146 Im Schlußresultat ist die Realisirung des kapitalistischen Gesamtprodukts im Innern der Gesellschaft unmöglich, sie kann nur dank den auswärtigen Märkten gelingen. Hier mündet Nikolai-on, trotz ganz verschiedener theoretischer Ausgangspunkte, mit Woronzow in den gleichen Schluß, dessen Moral, auf Rußland angewendet, die ökonomische Begründung der Skepsis im Verhältnis zum Kapitalismus bildet. In Rußland hat die kapitalistische Entwicklung, der auswärtige Märkte von vornherein abgeschnitten sind, nur Schattenseiten, nur Verelendung der Volksmassen ergeben, und deshalb war die Förderung des Kapitalismus in Rußland ein verhängnisvoller "Fehler".
Hier angelangt, donnert Nikolai-on wie ein alttestamentarischer Prophet: "Anstatt uns an die jahrhundertealten Überlieferungen zu halten, anstatt das von uns ererbte Prinzip der festen Verbindung des unmittelbaren Produzenten mit den Produktionsmitteln zu entwickeln, anstatt die Errungenschaften der westeuropäischen Wissenschaft zu benutzen, um sie auf Produktionsformen anzuwenden, die auf dem Besitz der Produktionsmittel durch die Bauern beruhen, anstatt die Produktivität ihrer Arbeit durch die Konzentrierung der Produktionsmittel in ihren Händen zu erhöhen, anstatt uns nicht die westeuropäische Form der Produktion, wohl aber ihre Organisation zunutze kommen zu lassen, ihre starke Kooperation, ihre Arbeitsteilung, ihre Maschinen usw. usw., anstatt das Prinzip zu entwickeln, das dem bäuerlichen Grundbesitz zugrunde liegt, und es auf die bäuerliche Bodenbearbeitung anzuwenden, anstatt dem Bauerntum zu diesem Zwecke den Zutritt zur Wissenschaft und deren Anwendung weit zu öffnen: anstatt alles dessen haben wir den direkt entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Wir haben nicht bloß die Entwicklung kapitalistischer Produktionsformen nicht verhindert, trotzdem sie auf der Expropriation des Bauerntums basieren, sondern wir haben umgekehrt mit allen Kräften die Umkrempelung unseres ganzen wirtschaftlichen Lebens gefördert, die zu der Hungersnot des Jahres 1891 geführt hat." Das Übel sei bereits weit gediehen, doch sei es noch nicht zu spät zur Umkehr. Im Gegenteil, eine völlige Reform der ökonomischen Politik sei für Rußland eine ebenso dringende Notwendigkeit angesichts der drohenden Proletarisierung und des drohenden Untergangs wie seinerzeit die alexandrinischen Reformen nach dem Krimkriege. Die soziale Reform, die Nikolai-on empfiehlt, ist nun völlig utopisch und kehrt um soviel krasser als bei Sismondi die kleinbürgerliche und reaktionäre Seite der Auffassung heraus, als der russische "Volkstümler" um 70 Jahre später schreibt. Nach seiner Meinung ist nämlich die einzige Rettungsplanke Rußlands aus der kapitalistischen Überschwemmung die alte "Obschtschina", die auf Gemeinbesitz an Grund und Boden beruhende Landgemeinde. Auf diese sollen - durch Maßnahmen freilich, die das Geheimnis Nikolai-ons geblieben sind - die Resultate der modernen Großindustrie und der modernen wissenschaftlichen Technik aufgepfropft werden, damit sie als Grundlage einer "vergesellschafteten" höheren Produktionsform dienen könne. Rußland habe keine Wahl mehr als diese Alternative: entweder Umkehr von der kapitalistischen Entwicklung oder Untergang und Tod.147
Nikolai-on langt also nach einer vernichtenden Kritik des Kapitalismus bei demselben alten Allheilmittel der "Volkstümelei" an, das schon in den fünfziger Jahren, damals freilich mit viel mehr Recht, als ein "spezifisch russisches" Pfand der höheren sozialen Entwicklung glorifiziert worden ist, das aber schon 1875 von Engels im "Volksstaat" im Aufsatz "Flüchtlingsliteratur" als ein lebensunfähiges Überbleibsel uralter Einrichtungen in ihrem reaktionären Charakter aufgezeigt wurde. "Die Fortentwicklung Rußlands in bürgerlicher Richtung", schrieb Engels damals, "würde das Gemeinde-Eigentum auch hier nach und nach vernichten, ohne daß die russische Regierung mit 'Bajonetten und Knute' einzuschreiten braucht (wie sich die revolutionären Volkstümler einbildeten - R. L.) ... unter dem Druck von Steuern und Wucher ist das Gemeinde-Eigentum an Grund und Boden keine Wohltat mehr, es wird eine Fessel. Die Bauern entlaufen ihm häufig, mit oder ohne Familie, um sich als wandernde Arbeiter zu ernähren, und lassen ihr Land daheim.
Man sieht, das Gemeinde-Eigentum in Rußland hat seine Blütezeit längst passiert und geht allem Anscheine nach seiner Auflösung entgegen." Damit hatte Engels bereits 18 Jahre vor Nikolai-ons Hauptschrift in der Frage der Obschtschina den Nagel auf den Kopf getroffen. Wenn Nikolai-on darauf nochmals frischen Mutes dasselbe Gespenst der Obschtschina heraufbeschwor, so war das insofern ein arger historischer Anachronismus, als ungefähr ein Jahrzehnt später bereits das offizielle Begräbnis der Obschtschina von Staats wegen erfolgte. Die absolutistische Regierung, die ein halbes Jahrhundert lang mit aller Gewalt den Apparat der bäuerlichen Landgemeinde zu fiskalischen Zwecken künstlich zusammenzuhalten gesucht hatte, sah sich gezwungen, diese Sisyphusarbeit selbst aufzugeben. Bald zeigte es sich an der Agrarfrage als denn mächtigsten Faktor der russischen Revolution ganz offenkundig, wie sehr der alte Wahn der "Volkstümler" bei dem tatsächlichen ökonomischen Gang der Dinge ins Hintertreffen geraten war und wie kräftig umgekehrt die kapitalistische Entwicklung in Rußland, die sie als eine totgeborene betrauerten und verwünschten, ihre Lebensfähigkeit und ihre fruchtbare Arbeit unter Blitz und Donner zu offenbaren verstand. Diese Wendung der Dinge sollte wieder und zum letztenmal in ganz verändertem historischem Milieu feststellen, daß eine soziale Kritik des Kapitalismus, die theoretisch von dem Zweifel an seiner Entwicklungsmöglichkeit ausgeht, mit fataler Logik auf eine reaktionäre Utopie hinausläuft - so gut 1819 in Frankreich wie 1842 in Deutschland und 1893 in Rußland.148
Einundzwanzigstes Kapitel.
Die "dritten Personen" und die drei Weltreiche Struves
Inhaltsverzeichnis
Wir wenden uns nun zu der Kritik der obigen Ansichten, wie sie von den russischen Marxisten gegeben worden ist.
Peter v. Struve, der 1894 im "Sozialpolitischen Centralblatt" (3. Jahrgang, Nr. 1) unter dem Titel "Zur Beurtheilung der kapitalistischen Entwickelung Rußlands" eine eingehende Würdigung des Buches von Nikolai-on gegeben hatte, veröffentlichte 1894 in russischer Sprache ein Buch. "Kritische Bemerkungen zur Frage der ökonomischen Entwicklung Rußlands", worin er die "volkstümlerischen" Theorien einer vielseitigen Kritik unterzieht. In der uns hier beschäftigenden Frage jedoch beschränkt sich Struve sowohl in bezug auf Woronzow wie Nikolai-on hauptsächlich auf den Nachweis, daß der Kapitalismus seinen inneren Markt nicht verringere, sondern umgekehrt erweitere. Der Schnitzer Nikolai-ons, den er von Sismondi übernommen hat, liegt in der Tat auf der Hand. Beide schilderten nur die eine Seite des Prozesses der kapitalistischen Zerstörung althergebrachter Produktionsformen des Kleinbetriebes. Sie sahen nur die sich daraus ergebende Herabdrückung des Wohlstands, die Verelendung breiter Schichten der Bevölkerung. Sie bemerkten nicht, was die andere ökonomische Seite dieses Prozesses bedeutet: Beseitigung der Naturalwirtschaft und Einzug an ihre Stelle der Warenwirtschaft auf dem Lande. Das besagt aber, daß der Kapitalismus durch Einbeziehung immer neuer Kreise früher selbständiger und abgeschlossener Produzenten in sein Bereich mit jedem Schritt neue Schichten in Käufer seiner Waren verwandelt, die es früher nicht waren. Der Gang der kapitalistischen Entwicklung ist also ein gerade umgekehrter, als ihn die "Volkstümler" nach Sismondis Vorbild schildern: Der Kapitalismus vernichtet nicht seinen inneren Markt, sondern er schafft sich ihn gerade zunächst durch das Umsichgreifen der Geldwirtschaft
Was speziell die Theorie Woronzows über die Unrealisierbarkeit des Mehrwerts auf dem inneren Markte betrifft, so wird sie von Struve folgendermaßen widerlegt. Die Grundlage der Woronzowschen Theorie bestehe darin, daß eine entwickelte kapitalistische Gesellschaft sich lediglich aus Unternehmern und Arbeitern zusammensetze. Nikolai-on operiert gleichfalls die ganze Zeit mit dieser Vorstellung. Von diesem Standpunkt lasse sich die Realisierung des kapitalistischen Gesamtprodukts allerdings nicht begreifen. Die Theorie Woronzows sei auch insofern richtig, "als sie die Tatsache konstatiert, daß der Mehrwert weder durch die Konsumtion der Kapitalisten noch durch diejenige der Arbeiter realisiert werden könne, sondern die Konsumtion dritter Personen voraussetze"149 . Demgegenüber sei aber festzustellen, daß es solche "dritten Personen" in jeder kapitalistischen Gesellschaft wohl gebe. Die Vorstellung Woronzows und Nikolai-ons sei nichts als eine Fiktion, "die uns nicht um Haaresbreite vorwärtsbringen kann im Verständnis irgendeines historischen Prozesses"150 . Es gibt keine kapitalistische Gesellschaft, und mag sie noch so hochentwickelt sein, die lediglich aus Unternehmern und Arbeitern bestände. "Selbst in England mit Wales entfallen von 1.000 erwerbsfähigen Einwohnern 545 auf die Industrie, 172 auf den Handel, 140 auf die Landwirtschaft, 81 auf unbestimmte und wechselnde Lohnarbeit und 62 auf Staatsdienst, liberale Berufe usw." Also selbst in England gibt es massenhaft "dritte Personen", und diese sind es eben, die den Mehrwert, sofern er von den Unternehmern nicht konsumiert wird, durch ihre Konsumtion realisieren helfen. Ob die Konsumtion der "dritten Personen" zur Realisierung des ganzen Mehrwerts ausreicht, das läßt Struve offen, jedenfalls müßte "das Gegenteil erst noch bewiesen werden"151 . Für Rußland als ein großes Land mit enormer Bevölkerung sei dies sicher nicht zu beweisen. Rußland sei gerade in der glücklichen Lage, auswärtige Märkte entbehren zu können, darin - hier macht Struve eine Anleihe aus dem Ideenschatz der Professoren Wagner, Schäffle und Schmoller - vom gleichen Schicksal begünstigt wie die Vereinigten Staaten von Amerika. "Wenn das Beispiel der nordamerikanischen Union etwas beweise, dann nur eins, nämlich die Tatsache, daß unter Umständen die kapitalistische Industrie eine sehr hohe Entwicklung erreichen kann, fast ausschließlich auf den inneren Markt gestützt."152 Dieser Satz wird illustriert an der Hand der geringen industriellen Ausfuhr der Vereinigten Staaten im Jahre 1882. Als allgemeine These stellt Struve den Satz auf: "Je umfangreicher das Territorium und je zahlreicher die Bevölkerung eines Landes, um so weniger bedarf es auswärtiger Märkte für seine kapitalistische Entwicklung." Von diesem Standpunkt aus deduziert er für den Kapitalismus in Rußland - gerade umgekehrt wie die "Volkstümler" - eine glänzendere Zukunft als in anderen Ländern. "Die fortschrittliche Entwicklung der Landwirtschaft auf der Basis der Warenproduktion muß einen Absatzmarkt schaffen, auf den sich der russische Industriekapitalismus in seiner Entwicklung stützen wird. Dieser Absatzmarkt kann in dem Maße, wie die ökonomische und kulturelle Hebung des Landes und Hand in Hand damit die Verdrängung der Naturalwirtschaft fortschreiten wird, unbestimmt wachsen. In dieser Beziehung befindet sich der Kapitalismus in Rußland in günstigeren Bedingungen als in anderen Ländern."153 Und Struve schildert im einzelnen ein farbenprächtiges Bild der Erschließung neuer Absatzmärkte in Rußland, dank der Sibirischen Eisenbahn in Sibirien, in Zentralasien, in Vorderasien, in Persien, in den Balkanländern. Struve hat nicht bemerkt, daß er im Schwung seiner Prophezeiungen von dem "unbestimmt wachsenden" inneren Markt auf ganz bestimmte auswärtige Absatzmärkte übergegangen ist. Wenige Jahre später stand er auch politisch im Lager dieses hoffnungsfreudigen russischen Kapitalismus, dessen liberales Programm der imperialistischen Expansion er schon als "Marxist" theoretisch begründet hatte.



