Gesammelte Werke (Über 150 Titel in einem Band)

- -
- 100%
- +
Hier wird die Theorie Bulgakows und Tugan-Baranowskis direkt Marx in die Schuhe geschoben, so sehr schien sie den russischen Marxisten unmittelbar aus der Marxschen Lehre zu folgen und sich in sie organisch einzufügen. Noch deutlicher formuliert sie Bulgakow an einer anderen Stelle als direkte Deutung des Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion. Nachdem die kapitalistische Produktionsweise in einem Lande Einzug gehalten hat, fängt ihre innere Bewegung an, sich nach diesem Schema zu entwickeln: "Die Produktion des konstanten Kapitals bildet die Abteilung I der gesellschaftlichen Reproduktion, die schon eine selbständige Nachfrage nach Konsummitteln eröffnet im Umfange des eigenen variablen Kapitals dieser Abteilung I sowie des Konsumtionsfonds ihrer Kapitalisten. Abteilung II ihrerseits eröffnet die Nachfrage nach Produkten I. Auf diese Weise bildet sich schon bei Beginn der kapitalistischen Produktion ein geschlossener Kreis heraus, in dem die kapitalistische Produktion von gar keinem auswärtigen Markt abhängig ist, sondern sich selbst genügt und in dem sie sozusagen automatisch vermittelst der Akkumulation zu wachsen in der Lage ist."165 Und an einer anderen Stelle versteigt er sich gar zu der folgenden krassen Formulierung seiner Theorie: "Der einzige Markt für die Produkte der kapitalistischen Produktion ist diese Produktion selbst."166
Man kann die ganze Kühnheit dieser Theorie, die in den Händen der russischen Marxisten zur Hauptwaffe wurde, womit sie ihre Gegner, die "volkstümlerischen" Skeptiker, in der Frage der Absatzmärkte zur Strecke gebracht haben, nur dann richtig würdigen, wenn man sich vergegenwärtigt, in welchem erstaunlichen Widerspruch sich diese Theorie mit der täglichen Praxis, mit allen bekannten Tatsachen der kapitalistischen Wirklichkeit befindet. Aber noch mehr: Man muß diese Theorie, die mit solchem Triumph als reinste marxistische Wahrheit verkündet wurde, noch mehr bewundern, wenn man bedenkt, daß sie auf einem einfachen kapitalen Quiproquo basiert. Doch auf diese Frage werden wir weiter bei der Besprechung Tugan-Baranowskis eingehen.
Auf dem Mißverständnis über das Verhältnis der Konsumtion zur Produktion in der kapitalistischen Gesellschaft errichtet Bulgakow ferner eine ganz verkehrte Theorie des auswärtigen Handels. Vom Standpunkte der obigen Auffassung der Reproduktion gibt es in der Tat für den auswärtigen Handel keinen Raum. Wenn der Kapitalismus in jedem Lande gleich zu Beginn seiner Entwicklung jenen bewußten "geschlossenen Zirkel" herausbildet, in dem er sich wie eine Katze um den eigenen Schwanz dreht und "sich selbst genügt", für sich selbst schrankenlos einen Absatz schafft und sich selbst Stachel zur Erweiterung ist, dann ist jedes kapitalistische Land ökonomisch auch ein abgeschlossenes, "sich selbst genügendes" Ganzes. Nur in einem Fall wäre dann auswärtiger Handel begreiflich: als Mittel, das natürliche Manko eines Landes an gewissen Produkten des Bodens und des Klimas durch Einfuhr von auswärts zu decken, nur als notgedrungene Einfuhr von Rohstoffen oder Nahrungsmitteln. Und in der Tat errichtet Bulgakow, indem er die These der Volkstümler direkt auf den Kopf stellt, eine Theorie des internationalen Handels der kapitalistischen Staaten, in dem die Einfuhr von Produkten der Landwirtschaft das grundlegende aktive Element, die industrielle Ausfuhr nur die notgedrungene Deckung jener Einfuhr darstellt. Der internationale Warenverkehr erscheint hier nicht im Wesen der Produktionsweise begründet, sondern in den Naturbedingungen der Länder - jedenfalls eine Theorie, die nicht von Marx, sondern von deutschen Gelehrten der bürgerlichen Nationalökonomie geliehen ist. Wie Struve von Wagner und Schäffle sein Schema der drei Weltreiche, so übernimmt Bulgakow von dem seligen List die Einteilung der Staaten in Kategorien nach dem "Agrikulturstand" und dem "Agrikulturmanufakturstand", die er mit dem Fortschritt der Zeiten in "Manufakturstand" und "Agrikulturmanufakturstand" modifiziert. Die erstere Kategorie ist von Natur mit einem Mangel eigener Rohstoffe und Nahrungsmittel gestraft und deshalb auf den auswärtigen Handel angewiesen, die letztere Kategorie ist von der Natur mit allem versehen und kann auf den auswärtigen Handel pfeifen. Typus der ersteren ist England, der zweiten - die Vereinigten Staaten. Für England würde die Abschaffung des auswärtigen Handels ökonomische Agonie und Tod bedeuten, für die Vereinigten Staaten nur eine vorübergehende Krise, nach der völlige Genesung gesichert wäre: "Hier kann sich die Produktion auf der Basis des inneren Marktes schrankenlos erweitern."167 Diese Theorie, die ein ehrwürdiges Erbstück der deutschen Nationalökonomie bis auf den heutigen Tag bildet, hat offenbar von den Zusammenhängen der kapitalistischen Weltwirtschaft keinen Dunst und führt den heutigen Weltverkehr ungefähr auf die Grundlagen aus den Zeiten der Phönizier zurück. Doziert doch z.B. auch Professor Bücher: "Es ist ein Irrtum, wenn man aus der im liberalistischen Zeitalter erfolgten Erleichterung des internationalen Verkehrs schließen zu dürfen meint, die Periode der Volkswirtschaft gehe zur Neige und mache der Periode der Weltwirtschaft Platz ... Gewiß sehen wir heute in Europa eine Reihe von Staaten. welche der nationalen Selbständigkeit in ihrer Güterversorgung insofern entbehren, als sie erhebliche Mengen ihrer Nahrungs- und Genußmittel aus dem Auslande zu beziehen genötigt sind, während ihre industrielle Produktionstätigkeit weit über das nationale Bedürfnis hinausgewachsen ist und dauernd Überschüsse liefert, die auf fremden Konsumtionsgebieten ihre Verwertung finden müssen. Aber das Nebeneinanderbestehen solcher Industrie- und Rohproduktionsländer, die gegenseitig aufeinander angewiesen sind, diese 'Internationale Arbeitsteilung' ist nicht als ein Zeichen anzusehen, daß die Menschheit eine neue Stufe der Entwicklung zu erklimmen im Begriffe steht, die unter dem Namen der Weltwirtschaft den ... früheren Stufen gegenübergestellt werden müßte. Denn einerseits hat keine Wirtschaftsstufe volle Selbstherrlichkeit der Bedürfnisbefriedigung auf die Dauer garantiert; jede ließ ... gewisse Lücken bestehen, die so oder so ausgefüllt werden mußten. Andererseits hat jene sogenannte Weltwirtschaft bis jetzt wenigstens keine Erscheinungen hervortreten lassen, die von denen der Volkswirtschaft in wesentlichen Merkmalen abweichen, und es steht sehr zu bezweifeln, daß solche in absehbarer Zukunft auftreten werden."168 Bei Bulgakow ergibt sich aus dieser Auffassung jedenfalls ein unerwarteter Schluß: Seine Theorie von der schrankenlosen Entwicklungsfähigkeit des Kapitalismus wird nur auf gewisse Länder mit günstigen Naturbedingungen beschränkt. In England muß der Kapitalismus in absehbarer Zeit an der Erschöpfung des Weltmarktes zugrunde gehen, in den Vereinigten Staaten, in Indien und in - Rußland blüht ihm eine unumschränkte Entwicklung durch "Selbstgenügsamkeit".
Doch abgesehen von diesen augenscheinlichen Seltsamkeiten, birgt die Bulgakowsche Argumentation in bezug auf den auswärtigen Handel wiederum ein fundamentales Mißverständnis. Das Hauptargument Bulgakows gegen die Skeptiker von Sismondi bis Nikolai-on, die zur Realisierung des kapitalistischen Mehrwerts den auswärtigen Absatzmarkt zu Hilfe nehmen zu müssen glaubten, ist folgendes: Diese Theoretiker betrachteten offenbar alle den auswärtigen Handel als "einen bodenlosen Abgrund", in dem der im Innern unabsetzbare Überschuß der kapitalistischen Produktion auf Nimmerwiedersehen verschwinde. Demgegenüber hebt Bulgakow mit Triumph hervor, daß ja der auswärtige Handel durchaus kein "Abgrund" und erst recht kein "bodenloser" sei, daß er ein zweischneidiges Schwert darstelle und daß zur Ausfuhr stets auch Einfuhr gehöre, die sich beide so ziemlich die Waage zu halten pflegen. Was also durch die eine Grenze hinausgeschoben werde, das werde durch die andere Grenze bloß in veränderter Gebrauchsgestalt wieder hereingeschoben. "Für die eingeführten Waren, die das Äquivalent der ausgeführten darstellen, muß man in den Grenzen des gegebenen Absatzmarktes Platz finden, Platz ist aber nicht da, folglich zieht die Zuhilfenahme des auswärtigen Absatzes bloß neue Schwierigkeiten nach sich."169 An einer anderen Stelle sagt er, der Ausweg, den die russischen Volkstümler zur Realisierung des Mehrwerts gefunden hätten, die auswärtigen Märkte, sei "viel weniger glücklich als der Ausweg, den Malthus, v. Kirchmann und Woronzow selbst als Verfasser des Aufsatzes vom 'Militarismus und Kapitalismus' gefunden hatten"170 . Bulgakow verrät hier, daß er trotz all seiner begeisterten Wiedergabe der Marxschen Schemata der Reproduktion gar nicht begriffen hat, worin das eigentliche Problem liegt, um das die Skeptiker seit Sismondi bis Nikolai-on herumtasteten: Er lehnt den auswärtigen Handel als angeblichen Ausweg aus der Schwierigkeit ab, weil dieser den abgesetzten Mehrwert, "wenn auch in veränderter Gestalt", wieder ins Land einführe. Bulgakow glaubt also, im Einklang mit der rohen Vorstellung v. Kirchmanns und Woronzows, daß es sich darum handelt, ein gewisses Quantum Mehrwert zu vertilgen, vom Erdboden zu verwischen, er ahnt nicht, daß es sich um die Realisierung, um die Warenmetamorphose, also gerade um die "veränderte Gestalt" des Mehrwerts handelt.
So gelangt Bulgakow schließlich, wenn auch durch eine andere Straße, nach demselben Rom wie Struve. Er verkündet die Selbstgenügsamkeit der kapitalistischen Akkumulation, die selbst ihre Produkte verschlinge, wie Kronos seine Kinder, und sich aus sich selbst immer mächtiger gebäre. Von hier aus blieb nur noch ein Schritt zur Rückkehr vom Marxismus zur bürgerlichen Ökonomie. Diesen Schritt hat glücklich Tugan-Baranowski vollzogen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Die "Disproportionalität" des Herrn Tugan-Baranowski
Inhaltsverzeichnis
Wir behandeln diesen Theoretiker zum Schluß - obwohl er seine Auffassung in russischer Sprache schon 1894, vor Struve und Bulgakow, formuliert hatte -, teils weil er erst später in deutscher Sprache seine Theorie in den "Studien zur Theorie und Geschichte der Handelskrisen in England" 1901 und in den "Theoretischen Grundlagen des Marxismus" 1905 in reifer Form entwickelt hat, teils weil er derjenige ist, der aus den gemeinsamen Prämissen der genannten marxistischen Kritiker die weitgehendsten Konsequenzen gezogen hat.
Auch Tugan-Baranowski geht wie Bulgakow von der Marxschen Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion aus. Auch er hat erst in dieser Analyse den Schlüssel gefunden, um sich in dem ganzen verworrenen und verwirrenden Komplex von Problemen zurechtzufinden. Während aber Bulgakow als begeisterter Adept der Marxschen Lehre diese nur getreu zu entwickeln sich bemüht und seine Schlüsse einfach dem Meister imputiert, belehrt Tugan-Baranowski umgekehrt Marx, der es nicht verstanden habe, seine eigene glänzende Untersuchung des Reproduktionsprozesses zu verwerten. Der wichtigste allgemeine Schluß, zu dem Tugan auf Grund der Marxschen Sätze gelangt und den er zum Angelpunkt seiner ganzen Theorie macht, ist der, daß die kapitalistische Akkumulation - entgegen der Annahme der Skeptiker - nicht bloß bei den kapitalistischen Formen des Einkommens und der Konsumtion möglich, sondern daß sie von Einkommen und Konsumtion überhaupt unabhängig sei. Nicht die Konsumtion - die Produktion selbst sei ihr eigener bester Absatz. Deshalb sei Produktion mit Absatz identisch und, da die Produktionsausdehnung an sich unbeschränkt, habe auch die Aufnahmefähigkeit für ihre Produkte, der Absatz, keine Schranken. "Die angeführten Schemata", sagt er, "mußten zur Evidenz den an sich sehr einfachen Grundsatz beweisen, welcher aber bei ungenügendem Verständnis des Prozesses der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals leicht Einwände hervorruft, nämlich den Grundsatz, daß die kapitalistische Produktion für sich selbst einen Markt schafft. Ist es nur möglich, die gesellschaftliche Produktion zu erweitern, reichen die Produktivkräfte dazu aus, so muß bei der proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion auch die Nachfrage eine entsprechende Erweiterung erfahren, denn unter diesen Bedingungen repräsentiert jede neuproduzierte Ware eine neuerschienene Kaufkraft für die Erwerbung anderer Waren. Aus der Vergleichung der einfachen Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals mit dessen Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter kann man den höchst wichtigen Schluß ziehen, daß in der kapitalistischen Wirtschaft die Nachfrage nach Waren vom Gesamtumfang der gesellschaftlichen Konsumtion in einem gewissen Sinne unabhängig ist: Es kann der Gesamtumfang der gesellschaftlichen Konsumtion zurückgehen und zugleich die gesamte gesellschaftliche Nachfrage nach Waren wachsen, wie absurd das auch vom Standpunkte des 'gesunden' Menschenverstandes erscheinen mag."171 Und ebenso weiter: "Als Resultat unserer abstrakten Analyse des Prozesses der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals hat sich der Schluß ergeben, daß es bei einer proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion kein überschüssiges gesellschaftliches Produkt geben kann."172 Von hier aus revidiert Tugan die Marxsche Krisentheorie, die angeblich auf der Sismondischen "Unterkonsumtion" beruhe: "Die verbreitete Meinung, die bis zu einem gewissen Grade auch von Marx geteilt wurde, daß das Elend der Arbeiter, welche die große Mehrzahl der Bevölkerung bilden, eine Realisation der Produkte der sich immer erweiternden kapitalistischen Produktion wegen mangelnder Nachfrage unmöglich macht - ist als falsch zu bezeichnen. Wir haben gesehen, daß die kapitalistische Produktion für sich selbst einen Markt schafft - die Konsumtion ist nur eines der Momente der kapitalistischen Produktion. Wenn die gesellschaftliche Produktion planmäßig organisiert wäre, wenn die Leiter der Produktion eine vollkommene Kenntnis der Nachfrage und die Macht hätten, die Arbeit und das Kapital frei aus einem Produktionszweig in einen anderen überzuführen, so könnte, wie niedrig die gesellschaftliche Konsumtion auch sein möchte, das Angebot der Waren die Nachfrage nicht überschreiten."173 Der einzige Umstand, der periodisch eine Marktüberfüllung erzeugt, sei der Mangel an Proportionalität bei der Produktionserweiterung. Den Gang der kapitalistischen Akkumulation unter dieser Voraussetzung schildert Tugan folgendermaßen: "Was würden ... die Arbeiter ... bei einer proportionellen Einteilung der Produktion produzieren? Offenbar ihre eigenen Lebensmittel und Produktionsmittel. Wozu werden aber solche dienen? Zur Erweiterung der Produktion im zweiten Jahre. Der Produktion welcher Produkte? Wieder der Produktionsmittel und Lebensmittel der Arbeiter - und so ad infinitum."174 Dieses Frage- und Antwortspiel ist wohlgemerkt nicht als Selbstpersiflage, sondern völlig ernst gemeint. Und so ergeben sich für die Kapitalakkumulation unendliche Perspektiven: "Ist ... die Ausdehnung der Produktion praktisch grenzenlos, so müssen wir die Ausdehnung des Marktes als ebenso grenzenlos annehmen, denn es gibt bei der proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produktion für die Ausdehnung des Marktes keine andere Schranke außer den Produktivkräften, über welche die Gesellschaft verfügt."175
Da so die Produktion selbst ihren Absatz schafft, so bekommt auch der auswärtige Handel der kapitalistischen Staaten die eigentümliche mechanische Rolle zugewiesen, die wir schon bei Bulgakow kennengelernt haben. Der auswärtige Absatzmarkt ist z.B. für England unbedingt notwendig. "Beweist das nicht, daß die kapitalistische Produktion ein überschüssiges Produkt schafft, für welches auf dem inneren Markte kein Platz vorhanden ist? Warum bedarf England überhaupt eines auswärtigen Marktes? Die Antwort ist keine schwere. Darum, weil ein bedeutender Teil der Kaufkraft Englands für die Anschaffung ausländischer Waren verausgabt wird. Die Einfuhr ausländischer Waren für den inneren Markt Englands macht auch die Ausfuhr englischer Waren für den auswärtigen Markt absolut notwendig. Da England ohne einen ausländischen Import nicht auskommen kann, so ist auch ein Export für dieses Land eine Existenzbedingung, sonst hätte es nichts, womit es für seinen Import bezahlen könnte."176 Hier ist also wieder die landwirtschaftliche Einfuhr als der stimulierende, ausschlaggebende Faktor bezeichnet, und ebenso finden wir die zwei Kategorien Länder "eines landwirtschaftlichen und eines industriellen Typus", die von Natur auf den Austausch untereinander angewiesen sind ganz nach dem Schema deutscher Professoren.
Welches ist nun die Beweisführung für die kühne Lösung des Akkumulationsproblems bei Tugan-Baranowski, von der aus er auch das Problem der Krisen und eine ganze Reihe anderer beleuchtet? Es ist kaum zu glauben, aber um so wichtiger festzustellen: Die Beweisführung Tugans besteht einzig und allein im Marxschen Schema der erweiterten Reproduktion. Ni plus ni moins. Tugan-Baranowski spricht zwar an mehreren Stellen etwas großspurig von seiner "abstrakten Analyse des Prozesses der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals", von "zwingender Logik" seiner Analyse, die ganze "Analyse" reduziert sich jedoch auf die Abschrift des Marxschen Schemas der erweiterten Reproduktion, nur mir anders gewählten Zahlen. In der ganzen Studie Tugans wird man keine Spur eines anderen Beweises finden. In dem Marxschen Schema verläuft nun tatsächlich die Akkumulation, die Produktion, die Realisierung, der Austausch, die Reproduktion glatt wie am Schnürchen. Und ferner kann man diese "Akkumulation" auch tatsächlich "ad infinitum" fortsetzen. Nämlich solange Papier und Tinte reichen. Und diese seine harmlose Übung mit arithmetischen Gleichungen auf dem Papier gibt Tugan-Baranowski in vollem Ernst für den Beweis aus, daß die Dinge sich ebenso in Wirklichkeit abspielen. "Die angeführten Schemata mußten zur Evidenz beweisen ..." Und an einer anderen Stelle widerlegt er Hobson, der von der Unmöglichkeit der Akkumulation überzeugt ist, folgendermaßen: "Das Schema Nr. 2 der Reproduktion des gesellschaftlichen Kapitals auf erweiterter Stufenleiter entspricht dem von Hobson betrachteten Falle der Akkumulation des Kapitals. Sehen wir aber in diesem Schema ein überschüssiges Produkt entstehen? In keiner Weise!"177 Also weil "im Schema" kein überschüssiges Produkt entsteht, so ist Hobson auch schon widerlegt und die Sache erledigt.
Freilich, Tugan-Baranowski weiß sehr wohl, daß in der rauhen Wirklichkeit die Dinge nicht so glatt verlaufen. Es gibt beständige Schwankungen beim Austausch und periodische Krisen. Aber die Krisen treten eben nur deshalb ein, weil keine Proportionalität bei der Produktionserweiterung beobachtet wird, d.h. weil man sich im voraus nicht an die Proportionen des "Schemas Nr. 2" hält. Wäre [man] nach dem verfahren, dann hätten wir keine Krisen, und alles ginge in der kapitalistischen Produktion so hübsch vonstatten wie auf dem Papier. Nun wird Tugan zugeben müssen, daß man - wo wir den Reproduktionsprozeß im ganzen als einen fortlaufenden Prozeß behandeln - von den Krisen füglich absehen darf. Die "Proportionalität" mag alle Augenblicke aus den Fugen gehen, im Durchschnitt der Konjunkturen durch lauter Abweichungen, durch Preisschwankungen täglich und durch Krisen periodisch wird ja die "Proportionalität" immer wieder eingerenkt. Daß sie im ganzen schlecht oder recht tatsächlich eingehalten wird, beweist der Umstand, daß die kapitalistische Wirtschaft fortbesteht und sich entwickelt, sonst hätten wir längst ein Tohuwabohu und den Zusammenbruch erlebt. Im Durchschnitt, im Endresultat wird also die Tugansche Proportionalität eingehalten, woraus zu schließen, daß die Wirklichkeit sich nach "Schema Nr. 2" richtet. Und weil dieses Schema sich unendlich weiterführen läßt, so kann auch die Kapitalakkumulation ad infinitum fortschreiten.
Auffallend ist bei alledem nicht das Resultat, zu dem Tugan-Baranowski gelangt, nämlich die Annahme, daß das Schema tatsächlich dem Gang der Dinge entspricht - wir sahen, daß auch Bulgakow diesen Glauben teilte -, sondern der Umstand, daß Tugan nicht einmal für nötig hält, die Frage danach zu stellen, ob denn das "Schema" stimmt, daß er, statt das Schema zu beweisen, umgekehrt das Schema selbst, die arithmetische Übung auf dem Papier, für einen Beweis betrachtet, daß auch in Wirklichkeit die Dinge sich so verhalten. Bulgakow suchte das Marxsche Schema mit ehrlicher Mühe auf die wirklichen konkreten Verhältnisse der kapitalistischen Wirtschaft und des kapitalistischen Austausches zu projizieren, suchte sich durch die Schwierigkeiten, die sich daraus ergaben, durchzuringen, was er freilich nicht fertiggebracht hat und wobei er schließlich in der Analyse von Marx steckenblieb, die er selbst mit voller Klarheit als unfertig, abgebrochen ansah. Tugan-Baranowski braucht gar keine Beweise, er zerbricht sich nicht viel den Kopf: Da sich die arithmetischen Proportionen zur Zufriedenheit lösen und nach Belieben fortsetzen lassen, so ist ihm das just ein Beweis, daß sich die kapitalistische Akkumulation - vorbehaltlich der bewußten "Proportionalität", die aber, wie auch Tugan nicht bestreiten wird, vorn oder hinten doch hineinkommt - ebenso restlos und unendlich fortwinden könne.
Tugan-Baranowski hat freilich einen indirekten Beweis, daß das Schema mit seinen seltsamen Ergebnissen der Wirklichkeit entspricht, ihr treues Spiegelbild darstellt. Das ist die Tatsache, daß in der kapitalistischen Gesellschaft, ganz im Einklang mit dem Schema, die menschliche Konsumtion hinter die Produktion gesetzt, jene zum Mittel, diese zum Selbstzweck wie auch menschliche Arbeit der "Arbeit" der Maschine gleichgesetzt werde: "Der technische Fortschritt gelangt darin zum Ausdruck, daß die Bedeutung der Arbeitsmittel, der Maschine immer mehr, im Vergleich mit der lebendigen Arbeit, dem Arbeiter selbst, zunimmt. Die Produktionsmittel spielen eine immer größere Rolle im Produktionsprozeß und auf dem Warenmarkt. Der Arbeiter tritt gegenüber der Maschine in den Hintergrund, und zugleich tritt in den Hintergrund die aus der Konsumtion des Arbeiters entstehende Nachfrage im Vergleich mit der Nachfrage, welche aus der produktiven Konsumtion der Produktionsmittel entsteht. Das ganze Getriebe der kapitalistischen Wirtschaft nimmt den Charakter eines gleichsam für sich selbst existierenden Mechanismus an, in welchem die Konsumtion der Menschen als ein einfaches Moment des Prozesses der Reproduktion und der Zirkulation des Kapitals erscheint."178 Diese Entdeckung betrachtet Tugan als das Grundgesetz der kapitalistischen Wirtschaftsweise, und ihre Bestätigung kommt in einem ganz handgreiflichen Phänomen zum Ausdruck: Mit dem Fortgang der kapitalistischen Entwicklung wächst die Abteilung der Produktionsmittel im Verhältnis zur Abteilung der Konsumtionsmittel und auf ihre Kosten immer mehr. Gerade Marx hat bekanntlich dieses Gesetz selbst aufgestellt, und seine schematische Darstellung der Reproduktion beruht auf diesem Gesetz, obschon Marx die dadurch herbeigeführten Verschiebungen der Einfachheit halber nicht in der weiteren Entwicklung seines Schemas zahlenmäßig berücksichtigt hat. Hier also, in dem automatischen Wachstum der Abteilung der Produktionsmittel im Vergleich zu der Abteilung der Konsumtionsmittel hat Tugan den einzigen objektiven exakten Beweis für seine Theorie gefunden, daß in der kapitalistischen Gesellschaft die menschliche Konsumtion immer unwichtiger, die Produktion immer mehr Selbstzweck wird. Diesen Gedanken macht er zum Eckstein seines ganzen theoretischen Gebäudes. "In allen industriellen Staaten", verkündet er, "tritt uns dieselbe Erscheinung entgegen - überall folgt die Entwicklung der Volkswirtschaft demselben fundamentalen Gesetz. Die Montanindustrie, welche die Produktionsmittel für die moderne Industrie schafft, wird immer mehr in den Vordergrund gerückt. Somit kommt in der relativen Abnahme des Exports derjenigen britischen Fabrikate, die in den unmittelbaren Verbrauch eingehen, auch das Grundgesetz der kapitalistischen Entwicklung zum Ausdruck: Je mehr die Technik fortschreitet, desto mehr treten die Konsumtionsmittel zurück gegenüber den Produktionsmitteln. Die Menschenkonsumtion spielt eine immer geringere Rolle gegenüber der produktiven Konsumtion der Produktionsmittel ..."179
Wiewohl Tugan auch dieses "fundamentale Gesetz" leibhaftig und fertig direkt von Marx bezogen hat, wie seine sämtlichen " fundamentalen" Gedanken sonst, sofern sie etwas Greifbares und Exaktes darstellen, so ist er wieder damit nicht zufrieden und beeilt sich, Marx sofort mit der von Marx bezogenen Weisheit zu belehren. Marx habe da wieder wie ein blindes Huhn eine Perle gefunden, wisse aber nicht, was er damit anfangen soll. Erst Tugan-Baranowski hat die "fundamentale" Entdeckung für die Wissenschaft zu fruktifizieren verstanden, in seiner Hand beleuchtet plötzlich das gefundene Gesetz das gesamte Getriebe der kapitalistischen Wirtschaft: Hier in diesem Gesetz des Wachstums der Abteilung der Produktionsmittel auf Kosten der Abteilung der Konsumtionsmittel kommt klar, deutlich, exakt, meßbar zum Ausdruck, daß für die kapitalistische Gesellschaft die menschliche Konsumtion immer unwichtiger, daß der Mensch von ihr dem Produktionsmittel gleichgesetzt wird, daß also Marx gründlich irrte, einmal als er annahm, daß nur der Mensch den Mehrwert schaffe und nicht auch die Maschine, daß die menschliche Konsumtion eine Schranke für die kapitalistische Produktion darstelle, woraus sich heute periodische Krisen und morgen der Zusammenbruch und das Ende mit Schrecken der kapitalistischen Wirtschaft ergeben müßten.



