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Das Hormon Oxytocin hat eine vielfältige Rolle. Gebildet wird es von einer kleinen Ausstülpung an der Unterseite des Gehirns, der sogenannten Hirnanhangdrüse, und im Körper erfüllt es mehrere wichtige Aufgaben. Es ist verantwortlich für den Beginn der Wehen, für die Milchproduktion und die Bildung und Beweglichkeit der Spermien – alles wichtige Etappen bei der Reproduktion. Aber seine wahre Macht entfaltet Oxytocin im Gehirn. Denn Oxytocin ist das Schmiermittel bei der Entstehung neuer Bindungen: zwischen Liebenden, zwischen Eltern und Kind, zwischen engen Freunden. Es wirkt ein bisschen wie Alkohol, baut Hemmungen ab, neue Partnerschaften einzugehen, und sorgt dafür, dass Sie quer durch einen Raum marschieren, um mit dem Objekt Ihrer Begierde ein Gespräch zu beginnen. Wir alle haben einen Grundspiegel des Hormons, und dass der von Individuum zu Individuum variiert je nach genetischer Ausstattung und Umgebung, bedeutet, dass wir alle unterschiedlich darin sind, wie wir mit unserer Schüchternheit umgehen und wie wir uns in neue Beziehungen stürzen. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Vater und Kind. In späteren Kapiteln werden wir sehen, wie die jeweiligen Eigenschaften eines Mannes sich auf sein Verhalten als Vater auswirken und darauf, wie leicht er eine Bindung zu seinem Baby herstellt.
Oxytocin arbeitet außerdem eng mit einem weiteren wichtigen neurochemischen Botenstoff zusammen, dem Dopamin. Dopamin wird oft als Belohnungshormon bezeichnet und wirkt in einem Teil des Gehirns, das Belohnungszentrum heißt; die Freisetzung von Dopamin verursacht intensive Glücksgefühle und Euphorie. Der Genuss beim Essen von Schokolade oder dem liebsten Snack – das ist Dopamin. Dopamin und Oxytocin haben eine wunderbare Arbeitsbeziehung, besonders wenn sich eine neue Bindung bildet. Erstens machen sie in Kombination das Gehirn plastischer, das heißt, es wird leichter, seine neuronale Struktur zu verändern – entscheidend wichtig, wenn man neue Erinnerungen abspeichern oder neue Fakten über jemanden lernen will. Zweitens ergänzen sich Oxytocin und Dopamin richtig gut. Ich beschreibe ihre Beziehung gern als »guter Cop« und »begeisterter Cop«. Dopamin – der begeisterte Cop – verleiht uns den Elan und die Motivation, vom Sofa aufzustehen und eine neue Beziehung einzugehen. Aber Begeisterung kann manchmal bedeuten, dass die feineren Aspekte bei der Bildung einer Beziehung im Eifer des Gefechts untergehen. Das Oxytocin – das unsere Angstkreisläufe unterbricht und unsere Bindungskreisläufe verstärkt (die uns motivieren, Beziehungen zu knüpfen und zu erhalten) – dämpft die extremeren Auswirkungen von Dopamin auf unsere Konzentrationsfähigkeit und verschafft uns die nötige Ruhe im Kopf, damit die Beziehung funktioniert.
Viele Jahre lang galt Dopamin wegen seiner Verbindung mit Geburt und Stillen als das weibliche Liebeshormon, aber in letzter Zeit ist klar geworden, dass seine Rolle bei männlichen Beziehungen genauso wichtig ist wie bei weiblichen. Und es ist entscheidend für die Bildung des Elternpaars. Aktuelle Forschungen haben gezeigt, dass Väter und Mütter, die während der Schwangerschaft zusammenleben, ähnliche Oxytocinspiegel im Blut aufweisen. Leiterin des Teams, das das herausgefunden hat, ist Professor Ruth Feldman, Entwicklungspsychologin an der israelischen Bar-Ilan-Universität. Feldman und ihre Forschergruppe haben wohl die meisten und die wichtigsten Erkenntnisse zu unserem Wissen über die neurochemischen Seiten der Vaterschaft beigetragen. Sie sind eine herrlich vielfältige Gruppe, und ihre Studien zur Neurobiologie und Neurologie der Vaterschaft waren zusammen mit den Beiträgen der Psychologie und Verhaltenswissenschaft wegweisend für unser Verständnis, was Vatersein heißt. Aber für diese erstaunliche Synchronisierung der Oxytocinspiegel von werdenden Müttern und Vätern – ein schlichter Zufall war ausgeschlossen, weil die Übereinstimmung praktisch bei allen Paaren auftrat – hatten auch Ruth Feldman und ihr Team keine eindeutige Erklärung. Sie wussten nur, dass es etwas über die fundamentale Bedeutung des Elternpaars für das Kind aussagte. Ihre vielen Stunden Verhaltensbeobachtung brachten sie zu der Vermutung, dass dieses neurochemische Phänomen etwas mit den Parallelen im Verhalten zu tun haben könnte, die wir bei eng verbundenen Liebespaaren beobachten – die gleichen Sätze, Gesten und ihre spiegelbildliche Körpersprache. Sie stellten fest, wenn zwei Menschen in einer engen, unterstützenden Beziehung sind, schlägt sich das oft in einer gemeinsamen Sprache, spiegelbildlichen Bewegungen und einer Reihe von synchronisierten Messwerten nieder – den sogenannten physiologischen Markern – wie Herzfrequenz, Körpertemperatur und Blutdruck. Für dieses Phänomen prägten sie den Begriff verhaltensbiologische Synchronie. Das Team formulierte die Hypothese, die Übereinstimmung der Oxytocinspiegel bei werdenden Eltern lasse sich erklären, wenn man die Beobachtung der verhaltensmäßigen und physiologischen Synchronie noch einen Schritt weiter führe und annehme, dass diesem engen Zusammenhang ähnliche Muster der Gehirnaktivität und ähnliche Hormonniveaus zugrunde lägen einschließlich der Hormone, die für unsere langfristigen Beziehungen wichtig sind. Es scheint, als habe die Evolution dafür gesorgt, dass schon vor der Geburt Papa und Mama darauf vorbereitet werden, ihrem Baby mit der gleichen Einstellung gegenüberzutreten, indem sichergestellt wird, dass sie die gleiche neurochemische Belohnung erhalten. Diese Studie befindet sich wie viele andere Studien zum Vatersein noch in einem frühen Stadium, aber es sieht so aus, als könnte dieser Mechanismus den engen Zusammenhang der Oxytocinspiegel bei werdenden Eltern erklären. Und diese Tendenz zur Synchronie beschränkt sich nicht auf den neurobiologischen Bereich. Auch die psychische Verfassung angehender Eltern verändert sich grundlegend.
Bei der Persönlichkeit eines Menschen lassen sich fünf vorherrschende Merkmale unterscheiden, in der Psychologie bekannt als die »Big Five«. Das Konzept wurde in den 1970er-Jahren von zwei Forscherteams entwickelt, die unabhängig voneinander zu den gleichen Ergebnissen kamen. Es basiert auf der Analyse Hunderttausender Persönlichkeiten und postuliert, dass jede Persönlichkeit, unabhängig von Sprache und Kultur, auf fünf wesentliche Elemente reduziert werden kann: Extraversion (der Wunsch nach Beziehungen, Erlebnissen und Spaß – der klassische Partygänger), Offenheit (der Wunsch, neue Erfahrungen zu machen), Verträglichkeit (Einfühlungsvermögen in andere), Neurotizismus (Angst und ein gesteigertes Gefühl der Bedrohung) und Gewissenhaftigkeit (die Fähigkeit zu organisieren, zu planen und sich an Regeln zu halten). Alle Persönlichkeiten enthalten diese Elemente in unterschiedlichem Grad, und offensichtlich – allerdings wird darüber noch diskutiert – bleibt die Persönlichkeit das ganze Leben über weitgehend unverändert. Doch die praktischen und verhaltensmäßigen Veränderungen, die mit einer so umwälzenden Erfahrung wie dem Eintritt in die Elternrolle einhergehen, scheinen einen positiven Bruch zu bedeuten. Wie beim Oxytocinspiegel erfahren werdende Eltern, die während der Schwangerschaft zusammenleben, eine Veränderung ihrer Persönlichkeit, die sie auf eine gemeinsame Linie bringt.
Ich weiß aus meinen eigenen Untersuchungen, dass sich die Persönlichkeiten von Vätern verändern können – bisher geduldige Männer werden ziemlich ungeduldige Väter, und ein ehemals schüchterner Mann kann durch die Vaterrolle neues Selbstvertrauen gewinnen. Aber Sarah Galdiolo und Isabelle Roskam von der Katholischen Universität Leuven in Belgien haben klare Belege gefunden, dass diese Veränderungen bei Vätern ihre Widerspiegelung bei den Müttern haben. In einer Langzeitstudie mit 204 Elternpaaren, die sie von der Schwangerschaft bis ein Jahr nach der Geburt des Kindes begleiteten, stellten sie im Vergleich mit Nichteltern fest, dass sich Eltern bei den Persönlichkeitsmerkmalen Offenheit, Verträglichkeit und Neurotizismus einander anglichen. Diese drei Faktoren spielen eine Rolle dabei, dass ein Mensch auf das achtet, was bei einem anderen Menschen vorgeht, und bereit ist, sich auf den anderen einzustellen; sie sind von grundlegender Wichtigkeit für das Funktionieren einer Familie. Indem sich die Persönlichkeiten von Mama und Papa teilweise synchronisieren, werden sie darauf vorbereitet, wahrzunehmen, was im jeweils anderen vorgeht, offen für die Erfahrungen mit einem Baby zu sein und Gefahren für die Familie zu erkennen. Nehmen wir Nigels Bericht als Beispiel:
Es gab Zeiten, da sagten [meine Freunde]: »Wir gehen am Freitagabend aus, was trinken und so, du kannst gerne mitkommen, aber wahrscheinlich geht es nicht wegen Poppy.« Und ich habe mich dabei ertappt, wie ich gedacht habe, dass es gar nicht so sehr daran liegt. Ich will meine Freunde immer noch sehen, und es ist nicht so, dass das nicht mehr geht. Ich werde einfach älter, ich habe ein Kind und fühle mich verantwortlich für sie. Es ist nicht so, dass ich nicht gehen darf, ich möchte einfach nicht, dass Liz zu Hause ist und sich um Poppy kümmert, während ich mit meinen Freunden unterwegs bin, einfach nur in die Kneipe gehe, um was zu trinken. Es ist kein besonderer Anlass. Das kann ich jederzeit tun, und in der Zeit jetzt sollte ich zu Hause sein, weil Poppy sich jeden Tag verändert.
Nigel, Papa von Poppy (sechs Monate)
Galdiolo und Roskam haben noch mehr herausgefunden: Während Mama und Papa bei diesen auf die Familie ausgerichteten Persönlichkeitsmerkmalen auf einer Linie lagen, verhielt es sich bei dem Element, das sie dazu bringt, Spaß und Belohnung außerhalb der Paarbeziehung zu suchen – Extraversion –, anders. Bei Frauen veränderte sich mit der Mutterschaft dieser Persönlichkeitsaspekt nicht, aber bei Männern nahm die Bedeutung dieses Merkmals für die Persönlichkeit deutlich ab. Sobald Männer sich auf dem Weg zur Vaterrolle befinden, verändert sich ihre Persönlichkeit so, dass die nach außen gerichtete Dimension weniger wichtig wird und sie mehr nach innen schauen, auf das Vertraute und die Geborgenheit – die Familie. Das Zitat von Nigel illustriert diese Persönlichkeitsveränderung perfekt. Bei einem werdenden Vater sagen uns diese faszinierenden Beispiele der biologischen und psychischen Synchronie und Asynchronie nicht nur, dass die Evolution will, dass das Elternpaar gemeinsam das Kind aufzieht, sondern dass der Vater schon während der Schwangerschaft nicht nur ein interessierter Zuschauer ist, sondern biologisch und psychologisch darauf vorbereitet wird, ein vollwertiges Mitglied des Elternteams zu sein.
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Ich habe die Wiege gebaut und das Kinderzimmer vorbereitet, ein paar Regale aufgestellt […] alles meine Arbeit. Es hat Spaß gemacht, es war mein Beitrag. Sie trägt das Baby aus, das kann ich nicht, aber ich kann mich um die ganzen praktischen Sachen kümmern […]
Tim, werdender Papa
Väter bauen das Nest. Wenn ich die Väter in meiner Studie wie Tim frage, was sie in der Schwangerschaft tun, um sich auf die Ankunft ihres Babys vorzubereiten, erzählen sie häufig Anekdoten, wie sie das Kinderzimmer streichen, Möbel aufbauen und aufwendig recherchieren, welcher Kinderwagen und welcher Kindersitz für das Auto die besten sind. Man könnte sogar sagen, dass der Kinderwagenkauf Väter ganz besonders begeistert, vor allem wenn die Anschaffung einer dreirädrigen Offroad-Version zur Debatte steht. Viele lachen vielleicht über diesen plötzlichen Anflug von Heimwerkergeist, doch dem werdenden Papa, der versucht, sich auf die Schwangerschaft einzustellen, kann diese Art, einen Beitrag zu leisten, helfen, sich beteiligt zu fühlen. Darüber hinaus sprechen viele Väter auch von ihrer wachsenden Beziehung zu dem Baby. Oft erzählen sie, wie sie dem Baby im Mutterleib etwas vorsingen oder mit ihm sprechen oder vorlesen und wie sie sich freuen, wenn das Baby mit Bewegungen darauf reagiert. Viele malen sich aus, wie ihr Kind aussehen wird und was sie gemeinsam unternehmen werden.
Bindung, ein Begriff, den Psychologen für das enge Band zwischen zwei Menschen geprägt haben, ist entscheidend für die Beziehung zwischen Eltern und Kleinkind. Der Vater der Bindungstheorie ist der englische Kinderpsychiater John Bowlby, der seine Forschungen in den 1950er-Jahren begann. Bowlby wies frühere Theorien zurück, die postulierten, Grundlage für das Band zwischen Eltern und Kind seien der Hunger des Kindes oder seine Abhängigkeit, etwas, das das Kind mit dem Erwachsenwerden überwinden sollte. Er sagte demgegenüber, es gehe um eine tiefe emotionale Verbindung zwischen Eltern und Kind, die für die gesunde Entwicklung des Kindes ausschlaggebend sei. Die Jungen von Säugetieren einschließlich uns Menschen kämen mit einem angeborenen Instinkt zur Welt, nach einer Bezugsperson zu suchen. In den frühen Arbeiten konzentrierte sich Bowlby fast ausschließlich auf die Bindung zwischen Mutter und Kind und konzipierte sie als ein Verhalten, das vom Kind ausgeht und sich auf die Mutter richtet, und nicht als Beziehung in beide Richtungen. Heute wissen wir, dass Letzteres richtig ist – auch Mütter entwickeln eine Bindung zu ihrem Kind – und dass das Phänomen ebenso in der Beziehung zwischen Vater und Kind eine Rolle spielt. Die häufigsten Bindungen sind die zwischen Eltern und Kind und zwischen Liebenden, aber es gibt auch Bindungen zwischen engen Freunden und, wie manche sagen, zwischen Haustieren und ihren Besitzern. Bindung ist schwer zu definieren – eines der Phänomene, die man schwer beschreiben kann, aber Psychologen wissen, wann sie es damit zu tun haben. Wenn wir eine Bindung beobachten – sei es eine romantische, eine zwischen Eltern und Kindern oder die Bindung in einer tiefen Freundschaft –, sehen wir zwei Menschen, die sich nach körperlicher Nähe sehnen, die ständig die emotionale Reaktion des anderen beobachten, um selbst die Umwelt besser einzuschätzen, und für die Getrenntsein eine Qual ist. Beispiele sind ein Welpe, der von seiner Mutter getrennt ist, oder ein kleines Kind, das von seinem Elternteil getrennt ist. In Kapitel sieben werden wir darauf zurückkommen, wenn wir uns die Entwicklung der Beziehung zwischen Vater und Baby nach der Geburt anschauen. An dieser Stelle möchte ich auf den relativ neuen Gedanken eingehen, dass sich dieses Band schon vor der Geburt bildet.
Es steht außer Frage, dass eine Mutter eine Bindung zu ihrem ungeborenen Kind entwickelt – dieser Prozess wird sehr dadurch gefördert, dass sie die Bewegungen ihres Kindes spürt und dass sie zusammen mit ihrem Kind eine intensive körperliche und emotionale Reise absolviert. Das bezeichnet man auch als das Privileg der Mutterschaft. Aber ist es wirklich ein Privileg, das nur der Mutter zugutekommt? Mittlerweile gibt es umfangreiche Belege, die dafür sprechen, dass dieses Privileg geteilt werden kann. Väter können genauso intensive Liebe zu ihrem ungeborenen Kind spüren, nicht wenig haben dazu die Ultraschalluntersuchungen beigetragen. Dank der neuen Technik konnten Väter erstmals über ihre Fantasievorstellungen hinaus ihr Baby wirklich sehen und hören. Tims Erinnerung an die erste Ultraschalluntersuchung zeigt, wie stark dieses Erlebnis sein kann:
Ich meine, bei der Untersuchung habe ich es zum ersten Mal richtig geglaubt. Davor habe ich es auch geglaubt, aber der Ultraschall gab mir die Gewissheit, dass es real war. Es zum ersten Mal zu wissen, auf dem Monitor den Beweis zu sehen, war großartig. Unvorstellbar. Ich staunte, war begeistert, konnte es kaum fassen.
Tim, werdender Papa
Die Technik wurde bereits in den 1950er-Jahren in Glasgow entwickelt, aber erst Anfang der 1970er-Jahre wurden Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft in Großbritannien üblich und erst Ende der 1970er-Jahre in den Vereinigten Staaten. Heutige Väter gehören damit zu einer der ersten Generationen, die routinemäßig die Gelegenheit haben, ihr ungeborenes Kind zu sehen, und alles in allem ist das eine gute Sache. Für die meisten Väter in meinen Studien war es selbstverständlich, dass sie zur Ultraschalluntersuchung mitgingen. Zwar gab es Ängste, dass bei dem Baby eine Unregelmäßigkeit entdeckt werden könnte, aber in der Mehrheit der Fälle berichteten sie von überwältigenden Emotionen wie Erleichterung, Stolz und Freude, wenn sie das Baby zum ersten Mal betrachten konnten. Infolge der raschen technischen Fortschritte können Eltern heute ihr Kind nicht nur hören und sehen, sondern bekommen ein Surround-Sound-Erlebnis mit einem 4D-Ultraschall. Diese Bilder zeigen das Baby dreidimensional und in Echtzeit – das ist die vierte Dimension. Es ergeben sich zahllose Gelegenheiten für frühe Diskussionen, wie er oder sie wohl aussehen wird. Für Väter, die von den körperlichen Bewegungen ihres ungeborenen Kindes wenig mitbekommen, ist das die große Chance, die Erfahrungen der Mutter zu teilen. Die Tage der grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder sind vorbei, sie wurden abgelöst durch gestochen scharfe, bewegte Videos, die man auf DVD brennen, nach Hause mitnehmen und dort beliebig oft anschauen kann. Pier Righetti und seine Kollegen haben in den Abteilungen für Geburtshilfe und Gynäkologie zweier italienischer Krankenhäuser die Wirkung von 2D- und von 4D-Ultraschallbildern untersucht und dabei herausgefunden, dass die Väter, die Bilder in 4D-Technik sahen, einen viel größeren Sprung bei der Bindung zu ihren Kindern machten als Väter, die 2D-Bilder zu sehen bekamen, und dass sich die Intensität der Bindung auch zwei Wochen nach dem Untersuchungstermin noch unterschied. Möglicherweise versetzt die Chance, das eigene Kind dreidimensional zu sehen, verbunden mit der Möglichkeit, sich die Bilder immer wieder anzuschauen, Väter in die Lage, über die langen neun Monate der Schwangerschaft mit ihrem Kind verbunden zu bleiben.
Die Bindung zwischen Eltern und Kind ist die erste und vermutlich stärkste Bindung, die ein Mensch entwickelt, und ob es sich um eine gesunde oder eine ungesunde Bindung handelt, wird die Gesundheit und das Verhalten des Babys sein ganzes Leben lang bestimmen. Deshalb hat die Bindung zwischen Vater und Kind langfristige Implikationen für das Kind, die Familie und die Gesellschaft insgesamt. In den letzten Jahren sind wir zu der Ansicht gelangt, dass das Band zwischen Vater und Kind eine spezielle Verbindung ist, die eine einzigartige, wichtige Beziehung herstellt. Ben berichtet davon, wie sich dieses Band bei Vater und Kind schon lange vor der Geburt zu bilden beginnt:
Als meine Frau mit Rosie schwanger war, habe ich ihr immer »Der Mond ist aufgegangen« vorgesungen. Nach der Geburt, als sie auf dem Bauch ihrer Mutter lag, immer noch durch die Nabelschnur verbunden, habe ich wieder »Der Mond ist aufgegangen« gesungen, und sie erkannte es sofort. Das war einer der Momente, die ich nie vergessen werde.
Ben, Papa von Rosie (18 Monate)
Der australische Psychologe John Condon von der Flinders University hat die wichtigen Aspekte der Bindung vor und nach der Geburt untersucht und bahnbrechende Arbeiten dazu vorgelegt. Vor allem aber hat er die Unterschiede zwischen der Bindung von Vater und Kind und Mutter und Kind definiert. Bei einem werdenden Vater, dessen Beziehung zu seinem Kind hauptsächlich in seinem Kopf stattfindet, geben anscheinend drei Faktoren den Ausschlag, wie er eine Bindung zu seinem ungeborenen Kind entwickelt. Erstens kommt es darauf an, wie oft er sich in Tagträumen mit dem Kind beschäftigt und welche Gefühle das bei ihm auslöst. Ganz besonders wichtig ist, dass er sich das Baby als »kleine Person« vorstellt, und in welchem Ausmaß er positive im Gegensatz zu negativen Gefühlen ihm gegenüber empfindet. Denkt er in erster Linie darüber nach, wem er oder sie ähnlich sehen wird und wie er oder sie heißen soll, und wecken solche Gedanken Gefühle von Zärtlichkeit, Liebe und Glück? Oder denkt der werdende Vater selten an sein Kind, und wenn er es doch tut, ist seine Reaktion dann Ärger, Groll oder Frustration?
Der zweite Faktor ist, wie wohl sich jemand mit der gewählten Identität als Vater fühlt und, spezieller, inwieweit er sich vorstellen kann, ein »involvierter Vater« zu sein. Der Begriff »involvierter Vater« entstand in den 1980er-Jahren als Beschreibung für Väter, die ihre Elternrolle aktiv wahrnehmen und genauso viel zur Pflege des Kindes und seiner emotionalen und physischen Entwicklung beitragen wollen wie die Mutter – die »neuen Väter«, von denen in den Medien so viel die Rede ist. Die neuen Väter unterschieden sich sehr vom traditionellen Bild des Zuchtmeisters, der den Lebensunterhalt der Familie verdient, das in früheren Jahrzehnten vorgeherrscht hatte. Ein Vater in meiner Studie bezeichnete es als sein Ziel, ein Vater zu werden, der sich aktiv beteiligt:
Meine Rolle besteht darin, emotionale und finanzielle Unterstützung zu leisten. Ich denke, es ist ein bisschen von allem. Beim Elternsein geht alles gemeinsam – ich glaube nicht, dass ich allein das Geld verdienen und Julie allein die Erziehungsarbeit übernehmen sollte; ich denke, wir sollten das gleichmäßig aufteilen. Unsere Aufgabe ist es, unser Kind mit Geld, emotionaler Unterstützung, Schutz, Liebe und allem zu versorgen. Ich meine, es ist einfach großartig, Vater zu sein. Man hat so eine Verantwortung […] es gehört einfach alles dazu.
Colin, Papa von Freya (sechs Monate)
Die Entscheidung, welche Art Vater ein Mann sein will, hat entscheidende Auswirkung auf das Wesen der Bindung, die er zu seinem ungeborenen Kind ausbildet. Die australischen Psychologinnen Cherine Habib und Sandra Lancaster fanden in ihrer Untersuchung zu Bindung und Identität heraus, dass werdende Väter, die »Vater« als einen wichtigen Bestandteil – neben beispielsweise Ehemann und Geldverdiener – in ihre Identität integriert hatten und sich besonders stark mit der Rolle als Elternteil auf Augenhöhe identifizierten, eine intensivere Bindung an ihr ungeborenes Kind hatten als die Männer, die ihre Rolle primär darin sahen, das Geld zu verdienen. Viele Männer nehmen diese Identität bewusst an, so auch Mark:
Ich will nicht 60 Stunden in der Woche arbeiten und nicht da sein. Mein Vater war in meiner Kindheit ein Erfolgsmensch, er leitete ein Unternehmen. In meiner Erinnerung war er nur an Wochenenden da […] Ich gebe ihr zu essen, bade sie, bringe sie ins Bett […] jeden Abend, und das soll noch lange so gehen […] Ich will hier sein, [um] in Erinnerung [zu] bleiben.
Mark, Papa von Emily (sechs Monate)
Die Schwangerschaft gehört zu den wenigen Ereignissen im Leben, bei denen wir uns wirklich Zeit nehmen können, um uns auf eine größere Veränderung der Lebensumstände vorzubereiten. Die anderen wichtigen Übergänge – Pubertät, die erste Liebe, der erste Verlust – sind nicht so absehbar. Eltern haben die Chance, sich in den neun Monaten Schwangerschaft praktisch und emotional auf den Neuankömmling einzustellen. Wie aus den Berichten der Papas hervorgeht, die wir in diesem Kapitel gehört haben, ist es für viele Väter ein wichtiger Teil der Vorbereitung, sich zu überlegen, welche Art Vater sie sein wollen. Diese Gedanken über die Identität sind höchst wichtig für die Bindung, aber auch für das Selbstverständnis des Mannes und die Beziehung zu seiner Partnerin oder seinem Partner; alles wichtige Faktoren, wie gut ein Mann den Übergang zum Vatersein bewältigt. Hier spielt die Fantasiekraft eine ganz entscheidende Rolle:
Bevor ich ein Kind hatte, träumte ich davon, dass ich mit meiner Kleinen in ihrem Zimmer bin, weil sie ein bisschen unruhig ist, und ich wiege sie in einem Schaukelstuhl. Bevor also mein kleines Mädchen angekommen ist, habe ich den Schaukelstuhl meiner Mutter geholt und ins Kinderzimmer gestellt. Als er da stand, war es wie: »Endlich! Ich sitze in einem Schaukelstuhl! Und halte ein Baby in den Armen!« So wie Menschen von der Hochzeit ganz in Weiß träumen, war das mein Traum, wie es sein würde, wenn ich ein Baby habe.
Adrian, Papa von Judy (sieben)
Schließlich hat noch ein äußerer Faktor erheblichen Einfluss auf die Bindung zu dem ungeborenen Kind, und das ist die Beziehung zur Partnerin oder dem Partner. Wenn die Beziehung zwischen werdenden Eltern stark und gut ist, mit einem hohen Grad an Zufriedenheit und gegenseitiger Unterstützung für die Rolle des jeweils anderen, entwickeln Väter stärkere Bindungen an ihre ungeborenen Kinder als die Väter, die eher Distanz zur Partnerin spüren. Offensichtlich ist es für jedes Paar schwierig, ein Baby in eine bestehende Beziehung zu integrieren, aber je mehr Gemeinsamkeit man auf diesem Weg empfindet, desto besser für die Familie.
Bei der Mehrheit der Väter wird mit dem Fortschreiten der Schwangerschaft die Bindung an das ungeborene Kind intensiver. Doch bei manchen Vätern klappt es mit der Bindung nicht so reibungslos. Manchen Männern wie Jim fehlt ein geeignetes Rollenvorbild als Vater, andere haben mit seelischen Problemen zu kämpfen, wieder andere erleben eine Krise in der Beziehung zur Mutter des Kindes.




