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Bevor mein Sohn geboren wurde, habe ich viel darüber nachgedacht, was ich für ihn sein soll, was meine Rolle ist. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich noch ganz klein war, deswegen war es für mich sehr hart, denn ich hatte wirklich kein Rollenmodell im Kopf, wie ein guter Vater ist […] Mein Vater war der fremde, lustige Kerl, der an den Wochenenden auftauchte, aber ich möchte mich um meinen Sohn kümmern und Zeit mit ihm verbringen. Anders als mein Vater, der nicht die Gelegenheit dazu hatte.
Jim, Papa von Sean (sechs Monate)
In Fällen wie diesen kann die Stärke der Bindung des Vaters an das ungeborene Kind ein Indiz für künftige Probleme in dieser Beziehung sein, die wiederum Auswirkungen auf die Gesellschaft insgesamt haben. Wie wir in Kapitel zehn sehen werden, hat die Beziehung des Vaters zu seinem Kind das Potenzial, einen starken Einfluss auf seine verhaltensmäßige, emotionale und psychische Entwicklung auszuüben, der anders ist als jeder Einfluss, den die Mutter haben kann. Wenn die Bindung stark ist, fördern Väter die seelische Gesundheit, ermutigen zu Unabhängigkeit und unterstützen die Verhaltens- und Sprachentwicklung. Aber wenn diese Bindung unzulänglich ist, können die Folgen nicht nur für das Kind und seine Familie negativ sein, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt. Kinder mit unsicheren Bindungen an ihre Eltern haben ein erhöhtes Risiko, antisoziale Verhaltensweisen oder eine Sucht zu entwickeln oder an seelischen Problemen zu leiden. John Condon hat in seinen Untersuchungen über die Bindung vor der Geburt herausgefunden, dass neben der Qualität der Beziehung zwischen Mama und Papa die Bindung des Vaters an sein Kind der stärkste Prädikator dafür ist, ob er nach der Geburt eine gute Beziehung zu seinem Kind aufbauen wird. Das ist eine ungeheuer wichtige Erkenntnis, denn sie bedeutet, dass wir ein Instrument haben, das uns erlaubt, schon vor der Geburt Fälle zu identifizieren, die bei der Entwicklung der Beziehung Hilfe brauchen werden.
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Das vorgeburtliche Band zwischen Vater und Kind hängt wesentlich von der Vorstellungskraft des Vaters ab und ist harte Arbeit: sich das Kind und die künftige Beziehung ausmalen, Gelegenheiten suchen, um mit dem Kind im Mutterleib zu interagieren, und sich die Zeit nehmen, um zu überlegen, welche Art von Vater man sein will. Tim berichtet:
Ich hoffe, dass ich langsam beginne, eine Beziehung zu dem Baby aufzubauen […] Es ist schwer, es fühlt sich an, als ob du zu einem Ding sprichst, das keine Vorstellung hat, wer du bist und was du tust. Aber ich spreche ziemlich viel mit ihm, ich fasse es auch viel an. Es gefällt mir, einbezogen zu sein, wenn ich da bin. Vor ein paar Tagen haben wir High Five gemacht, ich habe es getätschelt, und es hat zurückgetätschelt […] Vielleicht hatte es auch bloß Schluckauf, aber es war toll, einfach großartig.
Tim, werdender Papa
Wir wissen, dass die neurochemischen Botenstoffe, die für Schwangerschaft und Geburt stehen – Oxytocin und Dopamin – auch der Vater hat, aber in viel geringerer Konzentration als die Mutter und nach viel mehr Zeit und Einsatz (ganz abgesehen von der Geburt!). Aber die Evolution speist die Väter nicht mit einer Schwangerschaft nur in der Fantasie ab – sie hat noch einen wunderbaren Trick im Ärmel, um Männern beim Übergang in die Vaterrolle zu helfen.
Viele sagen, Testosteron sei das Hormon, das einen Mann zum Mann macht. Wenn es zwischen der sechsten und zwölften Schwangerschaftswoche im Mutterleib freigesetzt wird, entwickeln sich bei einem männlichen Fötus Penis und Hoden, und überdies hat es Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns. Nach der Geburt, so heißt es, würden das Testosteron und sein Einfluss auf die Gehirnentwicklung und das Verhalten dafür sorgen, dass kleine Jungen sich männliche Spielzeuge aussuchen und jeder Stock für sie zu einem Schwert oder Gewehr wird. In der Pubertät ist Testosteron für die Verteilung von Fett und Muskelgewebe und die Entwicklung der Knochen zuständig; Kiefer, Schultern und Brustkorb werden breiter, auf der Brust, im Gesicht und im Genitalbereich wachsen Haare. Und Testosteron entscheidet, wie gut ein Mann als Liebhaber und Vater sein wird.
Lange galt, dass Männer mit einem höheren Testosteronspiegel als Partner erfolgreicher und attraktiver sind. Das könnte mit zwei Dingen zusammenhängen: einer durch Testosteron gesteuerten höheren Motivation, nach Frauen Ausschau zu halten, und einer Präferenz der Frauen für Partner mit breiten Kiefern und Brustkörben – die bessere Beschützer und Ernährer sind. Doch wenn ein Mann sich entscheidet, bei einer Frau zu bleiben und eine Familie zu gründen, wird der hohe Testosteronspiegel, der früher ein Vorteil war, hinderlich. Während er versucht, sich auf seine neue Rolle als hingebungsvoller Partner und Vater zu konzentrieren, drängen ihn seine Hormone, sich weiterhin nach anderen Partnerinnen umzusehen. Für Nachwuchs, der auf seine Fürsorge angewiesen ist, wäre das schädlich. Diese Konstellation ist als »Herausforderungshypothese« bekannt, und eine Herausforderung ist es in der Tat. Aufgestellt hat die Hypothese der britische Zoologe John Wingfield; dabei geht es um die schwierige Frage, wie ein Mann die Anforderung, ein erfolgreicher Liebhaber zu sein, bevor er Kinder hat, mit der Herausforderung, anschließend ein erfolgreicher Vater zu sein, ausbalancieren kann. Und wie lautet die Antwort? Das Testosteron muss weichen.
Und es weicht tatsächlich. In so unterschiedlichen kulturellen Umfeldern wie bei polygynen senegalesischen Ackerbauern, Israelis der Mittelschicht, sehr aktiven philippinischen Vätern, Kanadiern der Mittelschicht, jamaikanischen Vätern, die nicht mit den Müttern ihrer Kinder zusammenleben, und in meiner Gruppe englischer Papas haben Väter signifikant niedrigere Testosteronspiegel als Nichtväter, unabhängig davon, ob sie mit ihren Kindern zusammenleben oder nicht. Und wir wissen, dass Männer mit niedrigeren Testosteronspiegeln stärker auf das Weinen eines Kindes reagieren, eher aktiv an der Erziehung ihres Kindes mitwirken wollen und mehr Empathie und Zuneigung gegenüber ihren Kindern an den Tag legen als Männer mit höheren Testosteronspiegeln. Testosteron hat einen großen Anteil daran, dass Männer sich in ihrem Verhalten als Väter unterscheiden. In Kapitel sechs werden wir das genauer untersuchen. Aber die Frage taucht auf: Werden generell Männer mit niedrigerem Testosteronspiegel Väter, und haben deshalb weltweit Väter niedrigere Testosteronspiegel als Männer ohne Kinder, oder senkt die Vaterschaft irgendwie den Testosteronspiegel?
Lee Gettler von der Northwestern University in Illinois hat die Antwort auf diese Frage. In einer bahnbrechenden Studie über fünf Jahre hinweg beobachteten Gettler und sein Team eine Gruppe philippinischer Männer, wie sie Beziehungen eingingen und Väter wurden. Sie sahen die Männer zum ersten Mal, als sie noch alleinstehend waren, und maßen ihren Basistestosteronspiegel. Fünf Jahre später besuchten sie die Männer erneut. Von den 624 Männern, die sie ursprünglich getestet hatten, waren 162 in den fünf Jahren zum ersten Mal Vater geworden. Diese 162 Männer hatten zu Beginn der Untersuchung die höchsten Testosteronspiegel aufgewiesen, fünf Jahre später hatten sie nun die niedrigsten Werte. Die Männer, die allein geblieben waren, und die Männer, die eine Partnerin gefunden hatten, aber nicht Vater geworden waren, zeigten keine signifikante Veränderung des Testosteronspiegels. Gettler hatte seine Antwort. Männer mit höherem Testosteronspiegel sind tatsächlich erfolgreicher bei der Partnersuche, und sie erleben den stärksten Einbruch des Testosteronspiegels, wenn sie Vater werden. Durch die Vaterschaft sinkt der Testosteronspiegel, und wie es aussieht, steigt er zwar einige Wochen nach der Geburt des Kindes wieder an, erreicht aber nie mehr das Niveau wie in der Zeit, als der Mann noch nicht Vater war. Die Evolution hat einen Mechanismus selektiert, der Männer in die Lage versetzt, die widerstreitenden Anforderungen an alleinstehende Männer und hingebungsvolle Väter auszusöhnen.
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Hm, ich denke, ich habe mich verändert. Ich hoffe es. Ich habe gelernt, bei vielen Dingen ruhiger zu sein. Es gibt jetzt deutlicher ein Ziel in meinem Leben. Ich bin viel glücklicher. Ich meine, in der Theorie müssten wir eher die Einstellung haben: »Mein Gott, was haben wir nur gemacht?«, weil es mit drei von der Sorte schon ziemlich hart ist, aber wir hatten echt Glück.
Matt, Papa von Tom (sieben), Sam (drei) und James (sieben Monate)
Ich beginne meine Untersuchungen mit neuen Vätern immer in der Schwangerschaft, und eine meiner ersten Fragen lautet, wie es sich ihrer Meinung nach auf ihr Leben auswirken wird, ein Baby zu haben. Darüber haben sie sich im Allgemeinen schon einige Gedanken gemacht, und die Mehrheit schätzt durchaus ganz realistisch ein, dass die neue Situation größere Veränderungen mit sich bringen wird. Viele sehen die Folgen für ihr Leben zu Hause und ihre Kontakte; die Abläufe des Alltags werden sich ändern, weshalb sich auch die Beziehung zur Partnerin oder dem Partner ändert, und auf die Familie kommt eine zusätzliche finanzielle Belastung zu.
Aber für manche Männer wie Colin ist die Frage mit Angst verbunden, ob sie der Aufgabe gewachsen sein werden, ob sie überhaupt die notwendigen Voraussetzungen mitbringen.
Ich glaube, Vorbild zu sein ängstigt mich, weil ich immer erfolgreich sein wollte, und die Menschen um mich herum – Familie und Freunde – sollten mich als erfolgreich ansehen, und auch [meine Tochter] soll mich so sehen. Ich möchte nicht als Versager dastehen, und ich möchte kein Versager bei der Erziehung meiner Tochter sein. Ich möchte sicher sein können, dass ich meine Sache mit ihr gut mache, und die Menschen sollen sehen, dass ich es gut gemacht habe.
Colin, Papa von Freya (sechs Monate)
In einer der ersten Untersuchungen dieser Art begleitete die Soziologin Tina Miller von der Oxford Brookes University eine Gruppe junger Väter bei ihrem Übergang in die Vaterrolle. Eine ihrer Versuchspersonen machte sich Gedanken darüber, wie man feststellt, ob man als Papa geeignet ist: »Für einen Job wird man nach Fähigkeiten und Charakter ausgewählt […] Vater kann man ganz leicht werden, es macht Angst, wie leicht es ist […] Wie weiß ich, ob ich es kann? Werde ich der Aufgabe gewachsen sein? Ich habe keine Ahnung.« Aber nach meinen Erfahrungen mit frischgebackenen Vätern verschwinden solche Gedanken auch schnell wieder. Sie sind weniger ein Grund zu anhaltender Sorge, sondern eher eine Chance, sich neu zu definieren, eine neue Rolle, Identität oder Perspektive zu übernehmen. Viele Väter in meinen Untersuchungen sagten, die Vaterschaft motiviere sie, »sich ins Zeug zu legen«, sei ein Antrieb, besser zu werden, um ein gutes Vorbild für ihr Kind abzugeben, auch wenn sie mit ihrem Wunsch nach Perfektion manchmal hinter den hohen Standards zurückblieben, die sie sich selbst gesetzt hatten. Der selbst verordnete Druck hat zwar seine Schattenseiten, aber ihnen steht der Zuwachs an Selbstachtung und Selbstvertrauen gegenüber, den die Vaterschaft für einen Mann bedeuten kann. Ich kann mit Überzeugung sagen, dass es sich für die große Mehrheit der Väter so anfühlt, als hätten sie endlich ihre Berufung gefunden.
Selbst Männer, bei denen wir erwarten, dass der Eintritt in die Vaterrolle für sie schwierig sein könnte – zum Beispiel sehr junge Väter oder Väter ohne geeignetes Rollenvorbild –, stellen unter Umständen fest, dass die Vaterschaft ihnen ermöglicht, das Stereotyp des autoritären oder abwesenden Vaters zu überwinden, oder dem Beispiel, das ihr Vater für sie war oder nicht war, den Rücken zu kehren und sich stattdessen einem anderen Modell zuzuwenden, sich damit selbst neu zu erfinden und ihrer Vergangenheit zu entfliehen.
In den letzten Jahren haben Soziologen und Sozialanthropologen, die sich mit einzelnen Gesellschaften und Kulturen befassen, begonnen, die negativen Schlagzeilen zu hinterfragen, die behaupten, alle jungen Väter seien verantwortungslos und bequem. Die Forscher untersuchen, ob es auch positive Geschichten über junge Väter gibt, ein Vorhaben, das ich uneingeschränkt unterstütze. Dabei haben sie festgestellt, dass einige junge Väter tatsächlich das Narrativ des gleichgültigen oder abwesenden Teenager-Vaters auf den Kopf stellen und Rettung und Verwandlung in ihrer Vaterrolle finden. Väter, die früher geglaubt hatten, sie müssten dem Image des harten Kerls entsprechen, das in ihren Gesellschaften propagiert wurde, nutzen jetzt die Möglichkeiten des neuen Vaterbilds und wenden sich von dem alten ab. Zum Beispiel haben Bevölkerungswissenschaftler von der London School of Hygiene and Tropical Medicine und von der University Kwa-Zulu Natal beobachtet, dass in Südafrika, wo zum Bild des Mannes bei der schwarzen Bevölkerungsgruppe vor allem Dominanz, Unterdrückung und Abwesenheit gehören, junge schwarze Väter eine neue Idee von Vaterschaft vertreten, die Affären, Drogen und leichtsinnige Geldausgaben ablehnt und an ihre Stelle den Wunsch setzt, Geld für die Familie zu verdienen, sie zu beschützen und für sie zu sorgen. In Amerika hat die Geburtshelferin Dr. Jenny Foster von der University of Massachusetts herausgefunden, dass junge puertorikanische Väter sich gegen ein Leben in der Unterwelt der Gangs – mit dem Risiko, ins Gefängnis zu kommen oder früh zu sterben – aussprachen, weil sie sich vorstellten, was ihre Kinder dazu sagen würden. Sie wollten für ihre Kinder da sein, sich um sie kümmern und sie beschützen und das so wichtige Rollenmodell sein. Bei diesen jungen Vätern revolutionierte die Vaterschaft im wahrsten Sinn des Wortes ihr Leben und ihre Zukunft. Aus Bandenmitgliedern wurden involvierte Väter.
Aber vielleicht am stärksten ist die Veränderung der Identität bei schwulen Vätern wie Simon:
Für jemanden, der in der Zeit als Schwuler aufgewachsen ist, in der ich aufgewachsen bin, war [Vater werden] niemals eine Option, und es war wirklich hart, das zu realisieren. Ich würde nie Vater sein und nie Kinder haben. Und scheinbar fand ich mich damit ab. Bis in meine Zwanziger war das auch vollkommen in Ordnung. So war es nun einmal. Aber die Welt hat sich verändert […] Und dann lernten wir uns kennen und waren schnell ein Paar [und] alles fühlte sich richtig an. Wir haben in vielerlei Hinsicht Glück. Ein schönes Haus und Geld […] Deshalb passte es einfach, dass wir in der Lage sein würden, Väter zu sein.
Simon, Papa von Daisy (sechs) und Bill (fünf)
Bis vor sehr kurzer Zeit war es für die Mehrheit der schwulen Männer unerreichbar, Vater zu werden. Die Einstellung der Gesellschaft zur Adoption durch Schwule und der eingeschränkte Zugang zu künstlicher Befruchtung, dazu der Irrglaube, Kinder würden am besten in einer heterosexuellen Kleinfamilie aufwachsen, bedeuteten für viele Männer, dass sie sich damit abfinden mussten, niemals Vater zu werden, wenn sie ihre Sexualität lebten. Doch in manchen Ländern haben sich die Einstellungen inzwischen geändert, und Hürden wurden abgebaut, sodass Vatersein für schwule Männer mittlerweile eine echte Option ist. Nachdem sie sich von der väterlichen Identität bereits verabschiedet haben, müssen sie sie wieder hervorholen, abstauben und annehmen. Adrians Weg ist typisch:
Ich wollte immer Kinder. Ich erinnere mich, dass ich mit vierzehn oder fünfzehn meinem Freund erzählt habe, dass ich schwul bin [und dass] das größte Problem für mich dabei war: »Schwule Menschen bekommen keine Kinder.« Das hing immer wie eine große schwarze Wolke über mir. Und dann wurde ich älter und erkannte, dass es tatsächlich die Möglichkeit gibt. Ich hatte immer einen sehr starken Drang, Vater zu werden. Ich denke […] am Anfang war es ein bisschen der Gedanke: »Ich kann die Welt nicht verlassen, ohne dass ein Teil von mir bleibt! Ich kann nicht einfach aussterben!« Aber das spielt jetzt gar keine Rolle mehr.
Adrian, Papa von Judy (sieben)
Für die schwulen Väter, mit denen ich gearbeitet habe, war es manchmal schwierig, eine »Papa«-Identität anzunehmen, weil es so wenige Beispiele oder Rollenmodelle für schwule Väter gibt, denen sie hätten folgen können, und weil viele Probleme damit haben, ihre Identität mit der Figur des eindeutig heterosexuellen Vaters in Einklang zu bringen. Hinzu kommt noch, dass die Ankündigung eines schwulen Mannes, er werde Vater, nicht unbedingt Begeisterungsstürme auslöst, wie sie heterosexuelle Paare erwarten können.
Aber der schwule Vater hat im Vergleich zum heterosexuellen bei Identitätsfragen einen großen Vorteil: Seine Rolle wird weniger durch das Geschlecht bestimmt. In der heterosexuellen Beziehung ist gesellschaftlich festgelegt, dass es eine Mutter und einen Vater gibt und dass diese Rolle und alle damit verbundenen Aspekte durch das Geschlecht definiert werden. In einer schwulen Elternbeziehung sind die Grenzen zwischen den Rollen hingegen fließender, nicht das Geschlecht gibt den Ausschlag, sondern wer welche Rolle übernimmt, kann danach entschieden werden, wer was gut kann oder gern tut. In Großbritannien gibt es bislang nur sehr wenige schwule Väter, und diejenigen, mit denen ich Interviews geführt habe, nutzen diese Flexibilität, um ihre Rollen zu entwickeln. Für Simon und seinen Ehemann Calum hat das bedeutet, einem traditionellen heterosexuellen Modell zu folgen, bei dem Calum als Hauptverdiener in Vollzeit arbeitet und Simon mit Begeisterung die »Mutterrolle«, wie er sagt, übernommen hat:
Ich fühle mich – natürlich hat alles mit Kultur und Geschlechterrollen und so zu tun –, aber ich fühle mich wirklich als Mutter, weil ich zu Hause bin. Ich hole sie ab, und in der Nacht kommen sie zu mir. Ich bin normalerweise für Essen und Trösten und für all die kleinen Dinge zuständig. Ich fühle mich als Mama.
Simon, Papa von Daisy (sechs) und Bill (fünf)
Adrian und Noah hingegen schöpfen die Freiheit ihrer nicht durch Geschlechterrollen bestimmten Situation aus, um wirklich gleichberechtigte Elternteile zu sein, unabhängig von kulturellen Normen hinsichtlich der Arbeitsteilung oder der Propagierung der Mutter als wichtigste Bezugsperson.
Wie haben den ganzen Prozess gemeinsam durchlaufen. Wir haben sie zu uns geholt […] und wir haben uns als Familie eingerichtet. Wir haben gemeinsam das Baby kennengelernt. Es war nicht so: »Also, du hast schon neun Monate lang mit ihr im Bauch eine Verbindung zu ihr hergestellt, und ich fühle mich ein bisschen außen vor.«
Adrian, Papa von Judy (sieben)
Für den modernen schwulen Vater in der westlichen Kultur kann es die Flexibilität, die die neue schwule Elternrolle erfordert, sehr viel leichter machen, ein involvierter Papa zu sein. Ohne die Last von Jahrhunderten Kultur und Tradition können schwule Väter ihre Rolle ganz neu definieren.
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Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Vaterschaft einen Mann verändert. Aber diese Veränderungen beginnen, lange bevor er sein neugeborenes Kind im Arm hält. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass sich mit fortschreitender Schwangerschaft der Hormonspiegel des werdenden Vaters dem der werdenden Mutter angleicht und auch ihre Persönlichkeiten sich ähnlicher werden. Wenn der werdende Vater den Bauch seiner Partnerin streichelt, mit dem Ungeborenen spricht und ihm etwas vorsingt, wirken die mächtigen Bindungshormone Oxytocin und Dopamin und bringen ihn dazu, eine Form der Bindung an sein ungeborenes Kind zu entwickeln – erleichtert wird das noch durch die Kraft seiner Fantasie. Kurz vor der Geburt sinkt sein Testosteronspiegel, und die Persönlichkeit verändert sich. Der Drang, extravertiert zu sein, außerhalb der Familie nach Reizen zu suchen, nimmt ab, und die Offenheit für neue Erfahrungen und enge soziale Interaktionen nimmt zu. Der Mann wird auf die Vaterschaft vorbereitet und bildet dazu ein Team mit dem anderen Elternteil. Das Team entwickelt gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Vorstellung, wie sie als Familie sein wollen. Alles dient der Vorbereitung auf die Vaterrolle.
Für Sie als Leser bedeuten all diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Praxis: Statt die neun Monate Schwangerschaft abzusitzen, sollten Sie darin eine Chance sehen und sie ergreifen. Für die Arbeit, die Sie jetzt investieren, um eine Bindung zu Ihrem Baby aufzubauen, werden Sie tausendfach entschädigt, wenn das Baby auf der Welt ist. So merkwürdig es sich auch anfühlen mag, versuchen Sie, mit dem schwangeren Bauch zu sprechen, reden Sie, singen Sie, berühren Sie ihn. Lesen Sie ihm die gesammelten Werke von Chaucer vor, wenn Sie Chaucer lieben, einfach damit das Ungeborene Ihre Stimme hört. Versuchen Sie sich vorzustellen, wer da drinnen ist. Wie wird es sein, wem wird es ähnlich sehen? Was werden Sie gemeinsam unternehmen, und welche Art Vater werden Sie sein? Nehmen Sie sich die Zeit für ein Gespräch, das nicht von einem schreienden Neugeborenen unterbrochen wird, mit Ihrer Partnerin (oder Ihrem Partner), Ihrer Familie und Freunden, wie das Leben nach der Ankunft des Babys sein wird und wie Sie da hineinpassen. Es ist normal, dass Sie sich über die bevorstehenden Veränderungen Sorgen machen, aber wenn aus den Sorgen Angst wird, sollten Sie mit den Menschen in Ihrer engsten Umgebung darüber sprechen oder mit professionellen Experten, die dafür da sind, um Sie zu unterstützen, oder in einem Online-Forum anonym Hilfe suchen. Am Ende des Buchs finden Sie eine Liste mit hilfreichen Links. Denken Sie daran, dass Sie auf sich achten müssen, damit Sie sich, wenn das Baby da ist, ganz Ihrer neuen Rolle, Ihrer neuen Familie und Ihrem neuen Leben widmen können.
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