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Ich denke sehr oft darüber nach, wie mein Leben wohl aussehen würde, wenn ich einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Diese Frage stellt man sich zwangsläufig, und es ist durchaus interessant, sich damit zu beschäftigen. Welchen anderen Beruf hätte ich gewählt, wenn ich nicht Künstler geworden wäre? Psychologe? Zahnarzt? Oder Anwalt? Meine Großmutter hatte immer gehofft, dass ich Arzt werden würde. Doch leider konnte ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen. Von dem Augenblick an, in dem ich mich entschieden hatte, was ich aus meinem Leben machen wollte, arbeitete ich unermüdlich daran, mir diesen Traum zu erfüllen. Doch ich frage mich immer wieder, was aus mir geworden wäre, wenn ich den Rat meiner Großmutter befolgt oder irgendeine andere Laufbahn eingeschlagen hätte. Als ich achtzehn war, sprach ich bei der Tisch School der New York University vor, einer der renommiertesten Schauspielschulen des Landes. Doch nur wenige Monate vor Semesterbeginn ging ich, statt mich einzuschreiben, nach Mexiko, um ein paar Freunde zu treffen. Und dort landete ich im wahrsten Sinne des Wortes – denn es war der reinste Zufall – beim Theater.
Welche Richtung hätte mein Leben genommen, wenn ich tatsächlich auf die New York University gegangen und statt mit der Musik mit der Schauspielerei erfolgreich gewesen wäre? Mein Leben hätte zweifellos einen anderen Verlauf genommen. Aber ich weiß, dass ich, egal ob als Schauspieler, Musiker oder Tänzer, in jedem Fall einen Weg gewählt hätte, der mich beglückt und erfüllt. Was du tust, ist gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass du deine Sache liebst und sie so gut machst, wie du kannst.
Leidenschaft ist ein wesentlicher Aspekt meines Lebens. Ich betrachte mich als realistischen Träumer, und mein Leben ist voller starker Emotionen. Ich lebe und fühle sehr intensiv. Manche Menschen finden es vielleicht nicht richtig, das Leben mit solcher Leidenschaft zu leben. Doch von meiner frühesten Kindheit an trieb mich eben diese Leidenschaft dazu, den außergewöhnlichen Weg einzuschlagen, der mein Leben ist. Ich sehe also keinen Grund, die Leidenschaft aus meinem Leben zu verbannen. Wäre ich in jungen Jahren nicht meinem Instinkt gefolgt, wäre ich wahrscheinlich nie dorthin gekommen, wo ich heute bin. Für mich ist das Schöne an der Kindheit unter anderem, dass es eine Zeit der Extreme ist: Wenn wir glücklich sind, ist das Glück absolut, und wenn wir traurig sind, bringt uns der Schmerz fast um. Kinder leben sehr intensiv, aber zugleich auch völlig rein und authentisch. Später lernen wir, allzu heftige Emotionen unter Kontrolle zu halten. Und obschon auch ich wohl oder übel bis zu einem gewissen Grad erwachsen werden musste, habe ich mich doch stets bemüht, in Kontakt mit meinem inneren Kind zu bleiben – jenem leidenschaftlichen, lebhaften und glücklichen Kind, das sich vor nichts fürchtet.
Großmutter
Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwei Jahre alt war. Logischerweise kann ich mich an nichts von alldem, was sich zu dieser Zeit in meinem Leben ereignete, erinnern. Aber ich weiß, dass ich von da an viel Zeit mit meinen Großeltern – sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits – verbrachte. Meine Großeltern spielten eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich weiß nicht, ob es kulturell bedingt oder einfach nur eine spirituelle Sache ist, doch meine Beziehung zu ihnen bedeutete und bedeutet mir immer noch sehr viel. Niemals werde ich vergessen, was sie mir beigebracht haben. Und ich möchte all das auch an meine Söhne weitergeben.
Meine Großmutter väterlicherseits war eine intelligente, unabhängige und selbstbewusste Frau. Sie war ihrer Zeit weit voraus und befasste sich mit Metaphysik, lange bevor dies in Mode kam. Außerdem war sie Künstlerin: Sie malte und bildhauerte. Ich erinnere mich, dass sie immer beschäftigt war und sich für tausend Dinge interessierte. Die Vorstellung, einfach einmal nichts zu tun, war ihr völlig fremd. Immer hatte sie irgendein Projekt. Ihre Mutter – also meine Urgroßmutter – war Lehrerin, und so ist meine Großmutter praktisch im Klassenzimmer aufgewachsen, wo sie den Vorträgen ihrer Mutter lauschte. Mit vierzehn Jahren machte sie ihren High-School-Abschluss. Sie hat sogar zwei Bücher geschrieben und wurde Seniorprofessorin an der Universität von Puerto Rico. Man bedenke: Wir sprechen hier über eine Zeit, in der die Gesellschaft den meisten Frauen nichts anderes zugestand, als Hausfrau und Mutter zu werden. Meine Großmutter war eine bewundernswerte und mutige Frau. Eine Frau mit Visionen. Deshalb beschloss sie eines Tages, ihre Koffer zu packen und nach Boston zu ziehen, um Erziehungswissenschaft zu studieren. In dieser Zeit etwas sehr Ungewöhnliches! Doch sie zog nach Boston und blieb dort, bis sie ihren Abschluss in der Tasche hatte.
Vor Kurzem hatte ich Gelegenheit, mit Sonia Sotomayor, der ersten lateinamerikanischen Richterin am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, zu speisen. Als ich ihr von der Karriere meiner Großmutter erzählte, staunte sie nicht schlecht. »Eine Latina, die in den Vierzigerjahren in Boston studierte!«, rief sie aus. »Ihre Großmutter muss eine starke Frau gewesen sein.« Natürlich war ich unheimlich stolz. Schließlich hatte sie Recht: Meine Großmutter war zweifellos eine außergewöhnliche Frau.
Sie ist in Puerto Rico geboren, doch ihre Familie stammt ursprünglich aus Korsika. Wir Korsen sind berühmt für unsere Sturheit, und meine Großmutter bildete in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Sie war eine willensstarke und unerschrockene Frau. So merkte sie beispielsweise nach über fünfzig Ehejahren, dass in ihrem Leben etwas fehlte. Deshalb stand sie eines Tages auf und sagte zu meinem Großvater: »Weißt du was? Ich möchte, dass wir uns scheiden lassen.« Damals heiratete man normalerweise fürs Leben, »bis der Tod uns scheidet« – anders als heute, wo sich die Leute aus allen möglichen Gründen scheiden lassen. Meine Großmutter scherte sich jedoch nicht darum, was andere Leute sagten oder dachten. Sie war nicht glücklich und beschloss, etwas dagegen zu tun. Und so ließen sich meine Großeltern scheiden. Von da an besuchte mein Großvater sie jeden Tag. Die neuen häuslichen Vereinbarungen blieben davon jedoch unberührt: Sie lebte in ihrem Haus und er in seinem.
Meine Großmutter ist vor über zehn Jahren gestorben, nach einem langen, bis ins hohe Alter erfüllten Leben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie lange genug gelebt hat, um meinen Erfolg mitzubekommen und an ihm teilzuhaben. Einmal ist sie sogar extra nach New York geflogen, um mich am Broadway bei Les Misérables spielen zu sehen. Und dabei flog sie alles andere als gern! Sie erzählte mir einmal, dass sie furchtbare Angst vorm Fliegen habe, und zwar seit dem Tag, als sie nach Abschluss ihres Studiums in Boston nach Puerto Rico zurückflog. Während des Fluges gab es offenbar einen Gewittersturm, und das Flugzeug wurde heftig durchgeschüttelt. Sie hat geschworen, von diesem Tag an nie wieder in ein Flugzeug zu steigen! Und dabei blieb sie auch. Sie reiste nur noch per Schiff, und jener Flug nach New York war die einzige Ausnahme.
Es macht mich traurig, dass ich sie in ihren letzten Lebensjahren nicht öfters sehen konnte. Ich war immer beschäftigt, immer unterwegs und in Eile, und hatte nie Zeit für die wirklich wichtigen Dinge. Zwar habe ich zwischendurch immer mal wieder eine Stippvisite bei ihr gemacht, doch ich konnte nie für mehrere Tage oder Wochen bei ihr bleiben, so wie in meiner Kindheit. Ich erinnere mich, wie ich sie einmal in Begleitung einer Polizeieskorte besuchte. Als ich mit der Sicherheitseinheit an ihrem Haus ankam, rief ich: »Oma, ich komme dich besuchen!«
»O mein Junge!«, sagte sie. »Wie schön!«
Aber ich musste mich sogleich korrigieren: »Ich komme dich besuchen, Oma, aber ich kann nicht lange bleiben. Ich muss bald wieder gehen.« Wie stets gab sie mir in keiner Weise das Gefühl, wegen meines frühzeitigen Aufbruchs ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Sie bedankte sich für meinen Besuch und umarmte mich herzlich.
»Okay«, sagte sie, »es war wirklich schön, dich zu sehen. Musst mehr essen, Junge, du bist zu dünn.«
So war sie, meine Großmutter.
Ein anderes Mal, als ich geschäftlich in Puerto Rico unterwegs war, ließ ich einen Hubschrauber auf dem Baseballfeld ihres Wohnviertels landen, um sie zu sehen. Es war die einzige Möglichkeit für mich, denn ich hatte partout keine Zeit. Während wir quer über die Insel flogen, sagte ich plötzlich zum Piloten: »Ich muss meine Großmutter sehen. Landen Sie auf dem Baseballfeld da unten!«
Und so konnte ich wieder einmal ein paar Minuten mit ihr verbringen.
Großmütter sind etwas ganz Besonderes. Noch heute ist mir all das, was sie mir beigebracht hat, von großem Nutzen. Eine der schönsten Erinnerungen an meine Großmutter ist die, wie wir beide dasitzen und ich meine Hausaufgaben mache, während sie malt oder an einem ihrer Projekte arbeitet. Oft denke ich an ihre klugen Worte und Ratschläge, und es kommt mir vor, als würde ich meine Großmutter in gewisser Weise in mir tragen. Es ist solch ein Segen, sie so nahe zu spüren.
Es bereitet mir Kummer, dass meine Kinder ihre Urgroßmutter nicht mehr kennengelernt haben. Es gibt so vieles, was meine Kinder über sie wissen sollten. Doch so viel ich auch über sie erzählen mag, ich spüre, dass ich es ihnen nicht wirklich vermitteln kann. Zum Beispiel hat sie mir und meinen Cousins und Cousinen früher immer ein wunderschönes Schlaflied vorgesungen. Ich schließe oft die Augen und versuche, mich an das Lied zu erinnern. Doch es gelingt mir einfach nicht. Das frustriert mich sehr. Ich kann mich genau an den Klang ihrer Stimme und ihren Gesichtsausdruck beim Singen erinnern, aber der Text und die Melodie des Liedes fallen mir nicht mehr ein, so sehr ich mich auch bemühe. Deshalb bete ich, dass mir das Lied eines Tages im Traum wieder zufliegen möge: »Lieber Gott, liebe Oma, wo immer ihr auch seid, bitte macht, dass mir das Lied wieder einfällt. Ich möchte es meinen Kindern vorsingen.«
Bisher hat es noch nicht geklappt, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Und ich weiß, dass meine Großmutter mit einem Lächeln auf dem Gesicht auf mich herabblickt, weil sie sieht, dass ihr erster Enkelsohn mit derselben Zielstrebigkeit, die sie einst besaß, durchs Leben geht und jener starke und unabhängige Mann ist, zu dem sie mich erzogen hat.
Ein Vorgeschmack auf den Ruhm
Zu Beginn meiner Musikkarriere unterstützte mich meine Familie voll und ganz. Alle konnten schließlich erkennen, dass die Musik für mich mehr war als nur ein Hobby. Als sie sahen, mit welcher Leidenschaft ich die Sache betrieb, spornten sie mich an, weiterzumachen. Allein das gab mir unheimlich viel Kraft. Dass sie an mich glaubten, gab mir Sicherheit und stärkte mein Selbstvertrauen. Und so waren sie nicht überrascht, als ich im Alter von neun Jahren begann, in Puerto Rico in Fernsehwerbespots aufzutreten.
Eines Tages stand nämlich in der Zeitung die Anzeige: »Agentur sucht Talent für TV-Werbespots.« Mein Vater las die Annonce und fragte mich, was ich davon halte. Ich fand es eine großartige Idee und antwortete: »Lass es uns machen, Papi, lass uns hingehen!« Und so gingen wir an jenem Samstag zum Vorsprechen. Bei diesem ersten Termin ging es nur darum, ob ich für den Chef der Agentur überhaupt in Frage kam. Beim nächsten Vorsprechen erst ging es dann konkret um die Werbespots. Sie stellten mich vor eine Kamera, fragten mich nach meinem Namen und Alter sowie meiner Schule. Ehrlich gesagt, ich habe vergessen, was sie sonst noch wissen wollten. Wahrscheinlich ließen sie mich etwas vorsprechen oder vorlesen. Vielleicht eine kleine Szene, das Übliche eben, was man bei einem Casting so machen muss. Ich kann mich jedoch noch gut daran erinnern, dass ich mich unheimlich sicher fühlte. Ich war kein bisschen nervös. Nach dem Vorsprechen ging ich nach Hause. Und nur wenige Tage später erhielt ich einen Anruf und bekam die Zusage.
In meinem ersten Werbespot ging es um einen Softdrink. Der Dreh dauerte vier Tage. Vier intensive Tage, von sechs Uhr morgens bis zum späten Nachmittag. Leider bekam ich den Spot nie zu sehen, da er für das amerikanische Latino-Publikum sowie Mexiko bestimmt war. Aber ich weiß noch, dass sie mir am Schluss 1300 Dollar zahlten. Und das war nicht alles: Alle sechs Monate sollte ich einen weiteren Scheck über 900 Dollar (Tantiemen) erhalten. Es war ein fantastischer Job! Ich konnte etwas tun, das mir richtig Spaß machte, und wurde auch noch gut dafür bezahlt. Etwas Besseres hätte ich mir nicht vorstellen können. Eine ganz neue Welt hatte sich mir eröffnet.
Viele weitere Spots folgten, etwa für eine Zahnpasta oder ein Fast-Food-Restaurant. Aus einem Spot ergab sich der nächste und daraus der übernächste und so weiter. Als ich erst einmal den Einstig in dieses Business geschafft hatte, lief es wie am Schnürchen. Nach anderthalb Jahren hatte ich bereits elf Spots gedreht. Ich weiß es deshalb so genau, weil mein Vater alles exakt dokumentiert hat. Es ist so lange her, dass ich mich sonst bestimmt nicht mehr an alle erinnern könnte. Ich war sehr erfolgreich mit meinen Spots und verschaffte mir rasch Anerkennung in der Branche. Da ich mittlerweile einige Erfahrung hatte und es liebte, vor der Kamera zu stehen, engagierten mich die Produzenten gerne. Dadurch wuchs mein Selbstbewusstsein noch mehr, und zugleich konnte ich weitere Erfahrungen sammeln.
Die Werbespots gaben mir einen Vorgeschmack auf den Ruhm. Wenn ich die Straße entlangging, hörte ich manchmal, wie jemand sagte: »Da ist der Junge aus diesem oder jenem Werbespot!« Oder: »Schau mal! Da ist der Junge aus der Softdrink-Werbung.« Ich fand es damals unheimlich toll, erkannt zu werden. Zu dieser Zeit gab es noch keine Fernbedienungen, und die Leute mussten die Werbespots wohl oder übel über sich ergehen lassen – anders als heute, wo wir bequem vom Sofa aus auf ein anderes Programm umschalten können. So erkannten mich mit jedem Spot immer mehr Leute. Und ich muss zugeben, dass mir das gefiel. Heute kann ich mich manchmal nicht einmal für kurze Zeit in Ruhe in einen Park setzen oder mit meinen Kumpels Poolbillard spielen. Irgendjemand erkennt mich immer. Das bedeutet, ich muss einige Dinge aufgeben, die für andere Menschen normal sind: im Restaurant essen, spazieren gehen, am Strand entlangschlendern und so weiter. Es ist keineswegs so, dass ich diese Dinge nicht gerne tue. Doch ich finde dabei nicht die ersehnte Ruhe. Ich mache es trotzdem, aber ich werde überall erkannt. Anonymität ist etwas, das ich oft vermisse. Ich verdanke dem Ruhm jedoch so viel Schönes, dass ich mich nicht beklagen möchte. Bekannt zu sein gehört nun einmal zu meinem Beruf, und deshalb genieße ich es. Die meisten Menschen sind sehr freundlich und respektieren mein Recht auf Privatsphäre. Ich freue mich immer, wenn mir jemand sagt, dass ich ihm oder ihr etwas bedeute, sei es, weil einer meiner Songs ihnen geholfen hat, die Liebe zu finden, oder weil ihnen ein Konzert von mir besonders gut gefallen hat. Solche Sachen sind mir sehr wichtig. Denn der Grund, warum ich diesen Beruf ausübe, ist folgender: Ich liebe es, den Menschen ein wenig Freude zu bereiten. Und dabei habe ich noch jede Menge Spaß!
Der Ruhm ist ein eigenartiges Phänomen. Du kannst unheimlich viel daraus machen. Es geht ja nicht nur darum, auf der Straße erkannt zu werden oder sich von Fotografen ablichten zu lassen. Ruhm ist auch ein Instrument: Wenn du ihn klug einsetzt, kannst du Millionen von Menschen erreichen und ihnen eine Botschaft vermitteln. Das sage ich mir immer wieder. Natürlich musst du für den Ruhm viele Opfer bringen – im Privatleben wie in beruflicher Hinsicht. Doch das Entscheidende ist, den Ruhm für die wirklich wichtigen Dinge zu nutzen.
Menudo
Mein Vater sagte einmal zu mir: »Ich verfluche den Tag, an dem du bei Menudo eingestiegen bist. An diesem Tag habe ich meinen Sohn verloren.«
Er hatte absolut Recht. In gewisser Weise hat er damals seinen Sohn verloren – und ich meinen Vater.
Zu diesem Zeitpunkt konnten wir natürlich nicht ahnen, was die Zukunft für uns bereithielt. Ich sah lediglich die unzähligen Möglichkeiten, die großartigen, völlig neuen Perspektiven, die sich mir eröffneten. Keiner kann vorhersagen, was geschieht, wenn man einen neuen Weg einschlägt.
Ich hatte nicht die geringste Vorstellung davon, wie lange ich brauchen würde, um mein Ziel, Künstler zu werden, zu erreichen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte. Ich hatte hart gearbeitet und war voller Ehrgeiz und Entschlossenheit. Auf der Bühne zu stehen, war mein Traum, und ich war bereit, alles zu tun, um ihn zu verwirklichen. Deshalb war ich geradezu besessen von Menudo und konnte an nichts anderes mehr denken. Im Alter von zehn bis zwölf Jahren konnte ich nachts vor Sehnsucht und Erregung kaum schlafen.
Mit meinem Einstieg bei Menudo wurde mein Traum Realität. Dieser Moment bestimmte den weiteren Verlauf meines Lebens.
Ich habe Menudo unglaublich viel zu verdanken: Erfahrungen und Emotionen, die mich zutiefst geprägt und einen besseren Menschen aus mir gemacht haben. Was ich dafür opfern musste, war meine Kindheit. Aber nicht nur durch die positiven Erlebnisse, sondern auch angesichts dessen, was ich verlor, gewann ich Erkenntnisse von unschätzbarem Wert. Ebenso wenig, wie ich auch nur eine einzige der schönen Erinnerungen an diese Jahre missen will, möchte ich die schwierigen Zeiten, die ich durchgemacht habe, vergessen. Denn diese haben mich abgehärtet. Und erst durch sie erlangte ich die Fähigkeit, die guten Zeiten bewusst zu genießen. So ist es doch im Leben: Ohne das Schlechte wüssten wir das Gute gar nicht zu schätzen.
Als ich klein war, sagte meine Mutter immer zu mir: »Mein Sohn, in diesem Leben ist alles möglich. Du musst nur wissen, wie du es anstellst.« Meine Mutter kennt mich sehr gut und wusste, dass ich schon damals das Maximum wollte. Und das Größte – das war zu dieser Zeit Menudo.
Ich trieb meinen Vater schier in den Wahnsinn, als ich ihn ständig bat, mich zum Vorsingen zu fahren. Ich flehte ihn an: »Fahr mich hin! Fahr mich hin! Bitte fahr mich hin!« Ich versuchte mit allen Mitteln, ihn dazu zu bringen, und nervte ihn so sehr, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn er mich schließlich die Klippen hinabgestürzt hätte. Irgendwann sagte er dann: »Na gut, gehen wir.«
Ich war überglücklich.
Das war im Jahr 1983. Heute ist es schwer zu verstehen, welche Rolle Menudo damals spielte. Fest steht jedoch, dass die Band völlig anders war als alles, was es in der Musikszene sonst so gab. Ich würde sogar behaupten, dass Menudo bis zum heutigen Tag ein einzigartiges Kapitel in der Musikgeschichte darstellt. Bevor Bands wie New Edition, The Backstreet Boys, New Kids on the Block, ’N Sync oder Boyz II Men auftauchten, gab es Menudo – die erste lateinamerikanische Boygroup, die internationalen Ruhm erlangte. Die Band war so erfolgreich, dass man von »Menudomania« und »Menuditis« sprach. Es gab sogar Vergleiche mit den Beatles und der Beatlemania.
Menudo erblickte das Licht der Welt, als der Produzent Edgardo Díaz eine Gruppe aus fünf Jungs, alle Puerto Ricaner, zusammenstellte. Das Besondere an Menudo, das die Band unverwechselbar machte und meiner Meinung nach deren lang anhaltenden Ruhm begründete, war der Umstand, dass die Bandbesetzung ständig wechselte. Die Idee bestand darin, dass jedes Mitglied nur bis zum sechzehnten Lebensjahr in der Band bleiben und seinen Platz dann einem Newcomer überlassen sollte. Auf diese Weise blieb die Band stets jung und bewahrte sich die Frische und Unschuld der Jugend. Ursprünglich bestand Menudo aus den drei Meléndez-Brüdern (Carlos, Ricky und Oscar) und den zwei Sallaberry-Brüdern (Fernando und Nefty). Im Jahr 1977 veröffentlichte die Band ihr Debütalbum, und von da an ging es mit ihrer Karriere steil bergauf. Innerhalb weniger Jahren füllten die Jungs Stadien in ganz Lateinamerika, und ihre Fotos zierten die Zeitungen in aller Welt, selbst in Asien. Menudo wurde zu einem internationalen Phänomen. Als die Plattenfirma RCA Wind davon bekam, bot sie ihnen einen Vertrag über mehrere Millionen Dollar an. Dadurch wurden sie noch berühmter und gewannen Millionen junger Fans überall in den USA sowie dem Rest der Welt. Einer der wichtigsten englischsprachigen US-Fernsehsender nutzte die Musik der Band sogar dazu, den Zuschauern Spanisch beizubringen.
Als kleiner Junge (Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre) war ich ein riesiger Fan von Menudo. Menudo war ein weltweites Phänomen. Eine absolute Sensation! War es daher verwunderlich, dass ich ein Mitglied der Band werden wollte – vor allem auch, da diese in meiner Heimat Puerto Rico ihre Wurzeln hatte? Ich kannte sämtliche Menudo-Songs auswendig, schließlich hatte ich sie schon gesungen, solange ich denken kann. Ich liebte das Singen so sehr, dass ich voller Zuversicht war und spürte, dass es gar nicht so unrealistisch war, Mitglied von Menudo zu werden. Also tat ich alles, um meinen Traum zu verwirklichen.
Aber wie alles im Leben, so war auch mein Einstieg bei Menudo von mancherlei Widersprüchen geprägt. Die Jungs von Menudo waren meine Idole, und ich wünschte mir sehnlichst, Mitglied der Band zu werden. Doch für die meisten Kids in meinem Alter war Menudo reine Mädchensache. Wir waren kulturell und gesellschaftlich darauf gepolt, dass es als unmännlich galt, gerne zu singen und zu tanzen. Folglich machte sich ein Junge wie ich, der es mit Leidenschaft tat, lächerlich. Wenn mich meine Schulkameraden fragten, warum ich bei Menudo einsteigen wolle, lautete meine Antwort deshalb stets: »Wegen den Mädchen, dem Geld und den Reisen.« Ich hätte ihnen die Wahrheit sagen sollen, nämlich dass ich es liebte, auf der Bühne zu singen und zu tanzen. Doch zweifellos hätten sie sich dann über mich lustig gemacht. Für Jungs schickte es sich nicht, Menudo zu »mögen«. Deshalb sagte ich auch weiterhin das, was man von mir erwartete, und wählte somit den Weg des geringsten Widerstandes. Diese Erfahrung hat mich ganz gewiss nicht traumatisiert, doch ich bedaure es heute sehr, dass ich damals nicht den Mut hatte, zu der Sache zu stehen.
Nachdem ich meinem Vater monatelang in den Ohren gelegen hatte, bekam ich also endlich meine Chance. Er fuhr mich zum Casting. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich auf der Fahrt dorthin völlig ruhig und gelassen war. Eine leichte Nervosität wäre sicherlich normal gewesen. Doch ich war total entspannt, weil ich wusste, dass ich überzeugen würde und die Jury keine andere Wahl hätte, als mich zu nehmen.
Und so geschah es dann auch – das heißt fast. Ich kam bei der Jury sehr gut an. Es gefiel ihnen, wie ich sang und tanzte. Allerdings gab es ein Problem: Ich war zu klein. Die anderen Jungs waren anderthalb Köpfe größer als ich, und die Produzenten wollten, dass alle Bandmitglieder ungefähr gleich groß waren. Doch statt mich von dieser Niederlage entmutigen zu lassen, war ich nun noch entschlossener als zuvor. Neun Monate später erschien ich erneut zum Casting. Wieder ohne Erfolg – ich war immer noch zu klein. Einmal schlugen sie vor, ich solle Basketball spielen, vielleicht würde ich dadurch größer! Irgendwie zynisch, oder?
Aber natürlich gab ich nicht auf. Ich probierte es weiter, und beim dritten Anlauf klappte es dann schließlich. Zwar war ich zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich viel größer als bei den ersten beiden Versuchen, doch aus welchem Grund auch immer, diesmal schienen sie sich an meiner Statur nicht zu stören. Vermutlich deshalb, weil sie merkten, wie wahnsinnig wichtig es mir war, in die Band zu kommen. »Sieht so aus, als würdest du nicht mehr weiter wachsen!«, meinten sie.
Noch am selben Tag erhielt ich einen Anruf und wurde zu einer weiteren Audition bei einer Assistentin des Bandmanagers bestellt. Ich ging also zu ihr nach Hause und sang ein paar Songs. Dann sagte sie zu mir: »Also, gehen wir ins Büro.« Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte, doch ich folgte ihr.
Im Büro der Band erlebte ich dann die erste große Überraschung, denn meine Eltern waren dort. Zuerst wunderte ich mich, warum sie gekommen waren, bis schließlich jemand die freudige Nachricht verkündete: »Du hast es geschafft! Du bist ein Mitglied von Menudo!« Ich war sprachlos. Natürlich freute ich mich riesig, doch zugleich konnte ich es gar nicht fassen. Sie gratulierten mir, und wir feierten meinen Erfolg. Aber was absolut unglaublich war: Sie teilten mir die frohe Botschaft um sieben Uhr abends mit, und um acht Uhr am nächsten Morgen saß ich bereits im Flugzeug nach Orlando, wo die Band ihren Sitz hatte. Gleich nach meiner Ankunft dort gab ich Interviews, traf mich mit Stylisten und wurde neu eingekleidet. In weniger als vierundzwanzig Stunden hatte sich mein Leben komplett geändert.




