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Einen Tag nachdem Benjamins erstes Zähnchen mit fünfeinhalb Monaten zu sehen war, drehte er sich alleine vom Rücken auf den Bauch. Wenige Tage später konnte er bereits durch die Wohnung robben. Es gab fast täglich neue Fähigkeiten an unserem Baby zu bewundern und inzwischen lachte und quietschte es zuweilen auch vergnügt. Später wurde ich oft gefragt, ob mir in dieser Zeit nichts in Bezug auf mangelnden Blickkontakt aufgefallen ist. Dazu kann ich nur sagen, dass mein Tagebuch hierüber vermerkt, dass Benjamin nicht so ausdauernd wie seinerzeit Conrad in unsere Gesichter versunken war, aber es hat nie an Blickkontakt gemangelt – zumindest nicht zu uns Eltern. Fremde mochte er nicht anschauen, aber viele Babys schauen weg, wenn sie fremde Personen in ihrer unmittelbaren Nähe erblicken. Wie soll man hier sagen, wann es Grund zur Sorge gibt und wann nicht?
Es war an der Zeit, eine Stillmahlzeit durch Babybreie zu ersetzen, denn mittlerweile war Benjamin ein halbes Jahr alt. Zu diesem Jubiläum bekam er eine Badeente und einen Möhrenbrei. Die Badeente gefiel, der Brei nicht so sehr. Am ersten Tag war er bereit, ein paar Löffel voll zu essen, dann aß er von Tag zu Tag schlechter. An einen Löffel hatten wir ihn schon vorher gewöhnt – mit der Gabe von Tee und Eisensirup. Im Laufe des nächsten Monats probierte ich die verschiedensten Sorten Babybrei aus, aber es war kein Brei darunter, der unserem Baby besser schmeckte. Eines Tages drückte Conrad, dem das Kämpfen ums Essen vermutlich auf die Nerven ging, kräftig auf Benjamins Squieky, einem Teddy mit einer Quietsche und anderen Spielfunktionen, gerade in dem Moment, als der Löffel voll Brei sich vor Benjamins Mund befand. Benjamin öffnete den Mund und schluckte den Brei. Zuerst dachte ich, dass er nur vor Schreck gegessen hatte, aber seltsamerweise ließ sich diese Prozedur bis zum Ende des Gläschens fortsetzen. Ich war zwar froh, endlich eine effektive Füttermethode gefunden zu haben, aber ich fand es schon seltsam, dass unser Sohn offenbar ein akustisches Signal brauchte, um den Mund zu öffnen.
Ein mir schon lange bekannter Termin rückte nun immer näher: Meine Promotionsarbeit musste noch verteidigt werden. Da Benjamin tagsüber nicht schlief und meine volle Aufmerksamkeit beanspruchte und auch abends lange zum Einschlafen benötigte, wusste ich eigentlich nicht so recht, wann ich Zeit zum Arbeiten finden sollte. Es war auch nicht möglich, unseren Jungen von jemand anderem betreuen zu lassen, da er sich nicht einmal von fremden Personen anfassen ließ, ohne in panisches Weinen zu verfallen. Also ging ich zweimal täglich mit den Kindern auf den Spielplatz. Um die Mittagszeit schlief Benjamin, wenn ich Glück hatte, eine halbe oder manchmal eine ganze Stunde. Conrad buddelte mit seinem besten Freund, den seine Mutter und zugleich meine Freundin oft bei mir auf dem Spielplatz ließ, während sie sich um ihr zweites Kind zu Hause kümmerte. Da der Spielplatz um diese Zeit ansonsten verwaist war, konnte ich hier wenigstens ein bis zwei Stunden intensiv arbeiten. Wachte Benjamin im Kinderwagen auf, blieb er meistens ruhig und war zufrieden, solange niemand in den Wagen schaute oder versuchte, ihn herauszunehmen. Ich hatte mir daher angewöhnt, immer das Verdeck hochzuziehen und den Wagen so hinzustellen, dass möglichst nur ich hineinsehen konnte. Zu unserer zweiten Buddelzeit am Nachmittag war der Spielplatz dann zu Conrads Freude für gewöhnlich gut gefüllt. Oft musste ich mir Kommentare von anderen Müttern anhören, wie zum Beispiel: Ich solle doch einmal Luft und Licht an mein Baby lassen oder es herausnehmen, um ihm die Welt zu zeigen. Aber wenn mein Baby bei all diesen Aktivitäten bitterlich weint, dann kann es doch keine Freude daran haben! Oder braucht es nur etwas mehr Zeit, bis es Luft und Licht und die Welt um sich herum besser erträgt? Da ich auch nachts nicht stundenlang arbeiten konnte, blieb uns nichts anderes übrig, als mehrere Urlaubstage meines Mannes zu opfern. Leon hütete dann die Kinder, während ich in der Bibliothek arbeitete. Eine Woche vor dem Termin der Verteidigung ging dann auch noch die Waschmaschine kaputt und Conrad wurde krank. An dieser Stelle fragte ich mich das erste Mal, ob ich mir da nicht zu viel zugemutet hatte. Ursprünglich hatte ich mir alles ganz anders vorgestellt: Conrad würde in den Kindergarten gehen und das Baby würde ja sowieso viel schlafen, also eigentlich alles kein Problem. Aber Conrad wollte nach der Geburt seines Bruders nicht mehr in den Kindergarten gehen, also durfte er zu Hause bleiben. Und was Benjamin betraf, nun das habe ich ja schon ausführlich berichtet.
Am Tag der Verteidigung brachte ich beide Kinder zu meinen Eltern. Natürlich war mir dabei nicht wohl zumute, aber es war die einzige Möglichkeit. Mein Vater ging die Sache optimistisch an. Er nahm Benjamin nicht auf den Arm, sondern ließ ihn von mir ins Laufgitter legen und meinte, er würde sich schon beruhigen. Aber er weinte bereits, als ich mich entfernte. Von Conrad wusste ich, dass kleine Kinder oft beim Abschied weinen und sich dann relativ schnell beruhigen. Ich versuchte mir zwar einzureden, dass es bei Benjamin genauso sein wird, aber ein Gefühl tief in mir sagte mir, dass ich mich damit selbst täuschte. Was sollte ich tun – gehen, und mich als schlechte Mutter fühlen, oder bleiben, und dreieinhalb Jahre harte Arbeit waren umsonst gewesen? Ich entschied mich für die vernünftige Lösung, fuhr in die Universität und verteidigte erfolgreich meine Promotionsarbeit. Gleich nachdem ich für die Prüfer und Gäste das obligatorische Buffet eröffnet hatte, rief ich meine Eltern an, in der Hoffnung, auch dort würde alles gut gelaufen sein. Aber weit gefehlt, Benjamin weinte so laut, dass ich kaum verstand, was meine Eltern sagten. Ich verabschiedete mich hastig von meinen Kollegen und fuhr zu meinen Kindern. Benjamin hatte die ganze Zeit nur geweint, nichts gegessen und er sah total panisch und aufgelöst aus. Hektische rote Flecken machten sich in seinem kleinen Gesicht breit. Was war nur mit diesem Kind los oder was hatte ich falsch gemacht? Ich stillte ihn noch bei meinen Eltern und ging dann nach Hause. Es gab keine Gelegenheit für Gespräche oder Glückwünsche, denn Benjamin beruhigte sich erst zu Hause allmählich. Viel später kam mein Mann mit den Unmengen von Blumen, die ich bekommen hatte, nach Hause, denn er hatte sich an meiner Stelle um meine Gäste gekümmert. Auch jetzt war keine Gelegenheit, um ein bisschen zu feiern, denn Benjamin fand einfach keinen Schlaf. Das erwartete Glücksgefühl stellte sich bei mir nicht ein, ich spürte einfach nur tiefe Erschöpfung und damit verbunden den Wunsch, tagelang zu schlafen. Erst als ich ein paar Tage später einen Brief von meinem beruflich in Amerika weilenden Chef erhielt, wurde mir bewusst, welche Leistung ich da vollbracht hatte. Er schrieb Folgendes: „Liebe Frau Maus, mein ganz herzlicher Glückwunsch zu Ihrer gestrigen erfolgreichen Promotionsverteidigung! Ich kann Ihnen nachempfinden, daß Sie mit dieser Leistung ein ganz glücklicher Mensch sind! Im Zentrum von drei Männern (zumindest angehenden) zu stehen und dabei noch die Promotion geschafft zu haben – das haben nur wenige, ganz starke Frauen geschafft! Ich bin sicher, Sie werden auch die bevorstehenden Aufgaben mit gleicher Übersicht und rationaler Planung meistern und wünsche Ihnen hierfür bestes Gelingen! Ihr […]“
Mit fast sieben Monaten fing Benjamin munter an zu plappern. Seine Lieblingssilben waren dabei la, wa und ma. Wie alle Eltern warteten wir sehnsüchtig auf das erste Wort unseres Babys, und mit nicht einmal acht Monaten bekamen wir es zu hören: „Leiterplatte“. Leiterplatte? Wie kommt ein fast acht Monate altes Baby zu einem solchen Wort? Benjamin wiederholte dieses Wort immer wieder voll Verzückung. Wir wussten nicht, was wir davon halten sollten. War unser Sohn ein Sprachgenie oder sollten wir uns Sorgen machen? Er hatte das Wort nicht einfach nur nachgeplappert, denn niemand hatte sich in letzter Zeit über Leiterplatten unterhalten, auch Fernseher und Radio liefen nicht in Benjamins Gegenwart. Wo kam dieses ungewöhnliche Wort also plötzlich her?
Da unser Sohn nun immer mobiler wurde und aus dem Robben mit acht Monaten ein eifriges und flinkes Krabbeln wurde, kam ein neues Problem auf uns zu. Durch den Kontakt zu den synthetischen Fasern in Teppich und Polstermöbeln bekam er schnell an allen unbedeckten Körperstellen Hautekzeme, sogar auf den Handrücken. Was sollten wir tun? Lange Kleidung war für den beginnenden Sommer nicht gerade geeignet und schützte weder die Hände noch das empfindliche Gesicht. Uns blieb nur eine Lösung: Wir mussten die Möbel und Teppiche austauschen. Baumwollbezogene Polstermöbel und ein großer Teppich aus reiner Schurwolle brachten unserem Sohn unbeschwerten Krabbelspaß zurück. Die Kinderärztin bezeichnete Benjamin als „frühreif“, das bezog sich auf seine motorische Entwicklung, da er jetzt außer krabbeln auch sitzen und sich an Gitterstäben hochziehen konnte. Wenige Tage später konnte er bereits überall stehen – an Schränken, Wänden, Türen … – und seitwärts laufen. Den ganzen Tag war er in der Wohnung unterwegs und schien nicht zu ermüden und ich war stolz darauf, dass er schon so viel konnte. Der einzige Wermutstropfen dabei war, dass er, sowie wir Besuch bekamen, all sein Können nur für Fluchtbewegungen einsetzte. Ich hegte die heimliche Hoffnung, dass Benjamin jetzt, wo er selbst bestimmen konnte, auf wen er zugehen, das heißt, zu wem er hinkrabbeln möchte, Kontakt zu anderen Personen aufnehmen würde. Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Benjamin war entweder in der Wohnung unterwegs oder flüchtete zu uns Eltern, sowie sich jemand ihm näherte. Meine Mutter war mit diesem Verhalten unseres Sohnes besonders unzufrieden, sie wollte ihren Enkel hochnehmen und knuddeln. Und sie gab wie auch einige meiner Freundinnen mir die Schuld am Verhalten meines Sohnes, denn ihrer Meinung nach müsste ich mich einfach einmal durchsetzen und das „Geschrei“ meines Sohnes aushalten. Aber dieses „Geschrei“ war nicht einfach nur Geschrei eines wütenden oder frustrierten Babys, es war vielmehr voller Angst und Panik, so ein Weinen, wie ich es von Conrad nie vernommen hatte. In meinem Tagebuch prägte ich damals dafür den Begriff „Weltuntergangsweinen“, heute bin ich verwundert darüber, wie nah ich damit dem wahren Ursprung seines Weinens kam. Und obwohl ich die Ursache für dieses verzweifelte, abwehrende Weinen damals nicht kannte, stand für mich fest, dass es zu bedrohlich klang, um einfach von mir ignoriert zu werden. Ich sagte mir immer wieder, dass ich unseren Sohn am besten kenne und dass ich ihm eben mehr Zeit zum Erlernen bestimmter Dinge gewähre, wenn er sie braucht. Spätestens wenn er Laufen und Reden kann, wird er auf andere Menschen zugehen. Auf einen Teil meiner Umwelt habe ich wohl einfach nur stur und uneinsichtig, vielleicht auch egoistisch gewirkt. Aber mein Mann teilte meine Ansichten und fand meine Entscheidungen richtig. Auch heute bin ich der Meinung, dass wir damals richtig gehandelt haben, denn möglicherweise hätten wir unserem Sohn Entwicklungsmöglichkeiten verschlossen, wenn wir nicht so sehr auf seine Bedürfnisse eingegangen wären.
Das Wetter wurde immer wärmer und Benjamin steuerte auf seinen ersten Sommer zu. Für mich war es jetzt an der Zeit, den Kinderwagen zum Sportwagen umzurüsten, da Benjamin inzwischen den Kopf in Rückenlage hochhob und ja auch prima sitzen konnte. Aber da hatte ich die Rechnung wieder einmal ohne den Wirt gemacht, denn Benjamin wehrte sich mit Weinen und heftigem Strampeln gegen den Sportwagen. Da ich nicht auf das Spazierengehen und Conrads Buddeln verzichten wollte, baute ich den Kinderwagen wieder um und legte Benjamin in seine heiß geliebte Tragetasche zurück, und die Welt war wieder in Ordnung für ihn. Ich dagegen verstand es nicht: Wieso wollte dieses Baby, dass oben und unten an die Ränder der Tragetasche schon anstieß, diese nicht verlassen und sitzend mit völlig neuem Aussichtshorizont die Ausfahrt genießen? Heute habe ich eine plausible Erklärung für dieses Verhalten: Veränderungsängste und daraus resultierend der Widerstand gegen Veränderungen. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass sich sein Widerstand wirklich gegen den umgebauten Kinderwagen richtete. Im Laufe des nächsten Monats versuchte ich vorsichtig, sozusagen zentimeterweise, das Verdeck der Tragetasche zurückzuschieben, immer gerade soweit, wie es Benjamin zuließ. Manchmal musste ich auch tagelang warten, bis er wieder bereit war, einen Zentimeter mehr Licht in seine Tragetasche zu lassen. Zu Hause dagegen verhielt er sich in dieser Zeit ganz anders. Er liebte das Licht, versuchte Sonnenstrahlen einzufangen, spielte mit seinem Schatten und schaute lange aus dem Fenster, wenn ich ihn dazu hochhob. Nach mehr als einem Monat stellte sich ein erster Erfolg ein, denn Benjamin ließ zu, dass ich das Verdeck der Tragetasche abnahm. Natürlich war immer noch das Verdeck des Kinderwagens schützend über ihm. Als Nächstes machte ich mich daran, diese Methode beim Reißverschluss der Tragetasche zu wiederholen. Es dauerte mehr als zwei Monate, bis Benjamin bereit war, die Tragetasche endgültig aufzugeben. Danach lag er beim Spazierengehen im Kinderwagen, denn obwohl er zu Hause sitzen und inzwischen auch freihändig stehen konnte, wollte er im Kinderwagen nicht sitzen. Ich konnte ihn nicht dazu bewegen, den Wagen zu verlassen und im Sandkasten zu krabbeln oder zu stehen. Auch wurden die Attacken wohlmeinender Sandkastenmütter immer heftiger: Ich solle doch dieses beklagenswerte Kind endlich aus dem Kinderwagen nehmen. Ich wusste nicht, wie ich das ungewöhnliche Verhalten meines Sohnes erklären sollte, ich selbst handelte ja auch nur aus dem Gefühl heraus, unserem oftmals geplagten Söhnchen das Leben etwas angenehmer zu gestalten. Eigentlich verspürte ich keine Lust mehr, mich unter all die Mütter zu begeben, deren Kinder auf dem Spielplatz genau das taten, was von ihnen erwartet wurde. Zum Glück war da noch Conrad, der die sozialen Kontakte zu seinen Freunden dringend brauchte, da er ja, wie bereits erwähnt, nicht mehr den Kindergarten besuchte.
Für Benjamin war es aber wichtig, all die Sinneserfahrungen, die mit Sand, Wasser und Matsch verbunden sind, zu machen. Wenn er sich also weigerte, zum Buddelkasten zu gehen, dann musste ich den Buddelkasten eben zu ihm bringen. Wir bauten auf unserem Balkon einen Buddelkasten und ein Planschbecken auf und beides wurde intensiv von Benjamin, aber auch von Conrad genutzt. So hatte ich wenigstens nicht mehr das Gefühl, dass Benjamin in seiner Entwicklung etwas verpasste, wenn er am „richtigen“ Buddelkasten seinen Kinderwagen nicht verließ. Wenn Benjamin das Planschbecken verlassen sollte, schien er nicht auf unsere Ansprache zu reagieren, sondern erst das Aufziehen einer Spieluhr als Signal, dass die Badezeit nun vorbei ist, brachte ihn dazu, sich aus dem Planschbecken heben zu lassen. Das erinnerte mich stark an das Quietschen des Teddys, welches er zum Mundöffnen benötigte. Dieses Quietschen brauchte er zwar jetzt nur noch zu Beginn einer Mahlzeit, und es ließ sich mittlerweile durch ein menschliches Brummen ersetzen, aber mir stellte sich die Frage, ob er mit bestimmten Geräuschen besser zurechtkam als mit gesprochenen Wörtern. Waren Geräusche für ihn leichter heraushörbar aus all dem Lärm von Sprache, Vogelgezwitscher, Haushaltsgeräten, Spielzeugsirenen … um ihn herum? All diese Beobachtungen gaben uns noch keinen handfesten Grund zur Sorge und sie waren auch nicht pathologisch genug, um mit der Kinderärztin darüber zu diskutieren. Bei seiner sechsten Vorsorgeuntersuchung gab ihm die Ärztin in allen Punkten „Note 1“, dabei wurde vor allem seine körperliche und motorische Entwicklung begutachtet. Aber er konnte auch sechs verschiedene Laute von sich geben und „ei machen“. Dabei legte er seine Hand auf mein Gesicht, als ich ihn auf dem Arm hielt, und ich bin mir heute fast sicher, dass dies rein zufällig passierte. Sein geringes Schlafbedürfnis, seine extremen Einschlafprobleme und das Ablehnen von Kontakt zu familienfremden Personen fand die Ärztin nicht bedenklich und sie erklärte es damit, dass sich halt jedes Kind in seinem eigenen Tempo entwickelte. An dieser Stelle sollte ich noch erwähnen, dass Benjamin auch jedes Mal bei der Kinderärztin weinte, sobald die Ärztin ihn berührte. Er hörte dann frühestens nach Verlassen der Praxis auf zu weinen, oft weinte er allerdings auf dem gesamten Heimweg. Er blieb aber immer beim Betreten der Praxis ruhig, auch wenn ich ihn auszog oder auf die Waage legte. Solange ich ihn hielt oder versorgte, war alles in Ordnung.
Was das Essen betraf, gab es bei Benjamin nur zwei Möglichkeiten: Entweder es schmeckte ihm oder es wurde rigoros abgelehnt. Es war schwierig, ihn überhaupt dazu zu bewegen, ein ihm unbekanntes Nahrungsmittel zu kosten. Bestimmte Gerichte schien er schon alleine vom Geruch her abzulehnen. Andererseits störte es ihn nicht, wenn er tagelang sein Lieblingsessen bekam, er schien keinen Wert auf Abwechslung zu legen. Am liebsten aß er Spaghetti pur mit den Fingern. Ansonsten wurde er gefüttert, weil er nicht bereit war, den Löffel selbst in die Hand zu nehmen. Das Füttern empfand ich als äußerst anstrengend, da er nach jedem Happen aufschrie, als ob es ihm nicht schnell genug gehen würde. War der Teller leer, brach er in herzzerreißendes Weinen aus. Benjamin war immer noch ein knuddeliges Baby, welches kräftig zunahm, also schloss ich Hunger als Ursache für seinen Kummer aus und griff weiterhin zu der bewährten Methode der Teeflasche nach dem Essen. Auch hier standen wir wieder auf einsamem Posten, denn unsere Umgebung redete uns ein, dass unser Sohn Hunger habe, wenn er nach dem Essen jedes Mal weinte. Heute bin ich froh, dass wir uns nicht beschwatzen ließen, ihm mehr Essen zu geben, denn sonst hätte er vermutlich auch noch Gewichtsprobleme.
Kurz vor seinem ersten Geburtstag konnten wir weitere Fortschritte bei Benjamin beobachten. Er benutzte ein neues Wort, welches wie Hunger klang und auch in diesem Sinne von ihm verwendet wurde. Ansonsten hörten wir nur für uns unverständliches Silbengebrabbel. Einmal glaubte ich ein einziges Mal „Papa“ gehört zu haben, aber auf so typische Äußerungen wie „Mama“, „Gag-Gag“ oder „Auto“ warteten wir vergeblich. Wenn ich zu ihm „Nein“ sagte, schüttelte er den Kopf, ließ aber dann keine Taten folgen. Da er das unbezwingbare Bedürfnis hatte, alle Schränke komplett auszuräumen, sicherten wir die Schränke mit Kindersicherungen und ließen ihm aber in jedem Zimmer ein Schrankfach mit Sachen, die er ausräumen durfte. Beim Verlassen des Hauses machte er „winke, winke“, aber nur, wenn mein Mann oder ich die Person war, die er verlassen würde. Seiner Großmutter oder anderen ihm vertrauten Personen verweigerte er weiterhin solche Aufmerksamkeitsbeweise. Seine neue Lieblingsbeschäftigung zu Hause bestand darin, in niedrige, leer geräumte Regalfächer der Wohnwand zu klettern und sich dort mit seinem Lieblingskissen, welches er Tag und Nacht zu Hause bei sich haben musste, hinzulegen. Der harte Bretterboden schien ihn dabei nicht zu stören und er schaute von dieser Position aus besonders gern dem Regen zu, von dem es in der zweiten Hälfte dieses Sommers genug zu sehen gab. Wasser spielte jetzt überhaupt eine wichtige Rolle in seinem Leben. Da er wegen des kalten und nassen Wetters vorläufig nicht in seinem Planschbecken spielen konnte, fand er heraus, dass sich ja auch in der Toilette Wasser befand und dass er da seine Hände hineinhalten konnte. Das habe ich natürlich sofort unterbunden, aber als ich ihm nach dem ersten Versuch die Hände gründlich wusch, fiel mir auf, dass es ihm nur um das Wasser ging. Er liebte es, Wasser über seine Hände laufen zu lassen und dabei zuzusehen. Jedes Mal, wenn jemand von uns aus dem Bad kam, war er schon zur Stelle und bestand darauf, dass wir ihm den Wasserhahn aufdrehten. Es war schwer und zeitaufwändig, ihn wieder davon wegzubekommen. An dieser Stelle fällt mir auf, dass schon damals nahezu alle seine Fortschritte mit einem „Aber“ von uns betrachtet wurden. Bloß woher soll man bei einem Kind mit ein paar kleinen Auffälligkeiten wissen, ob mehr dahinter steckt oder ob sich alles mit der Zeit „auswächst“, wie eine etwas ältere und damit in meinen Augen erfahrenere Freundin immer zu mir sagte.
Auch mit meinem Projekt Kinderwagen erzielte ich langsam weitere Fortschritte. Nachdem ich Benjamin wie beschrieben von der Tragetasche, die er immerhin neun statt der geplanten drei Monate benutzte, entwöhnt hatte, begann ich, die Rückenlehne des Kinderwagens an guten Tagen etwas höher zu stellen. Die Rückenlehne unseres Kinderwagens verfügte glücklicherweise über mehrere Stufen zwischen Liege- und Sitzposition. Mit guten Tagen meine ich Tage, an denen Benjamin rundum zufrieden war und somit eher die Bereitschaft zeigte, kleine Veränderungen zuzulassen. So konnte ich innerhalb von drei Monaten erreichen, dass unser Sohn bereit war, seinem Alter entsprechend, im Kinderwagen zu sitzen, anstatt zu liegen. Aber warum mussten so einfache Dinge, wie ein Kind, das prima sitzen kann, in den Kinderwagen zu setzen, so kompliziert und langwierig sein? Mir kam das alles wie eine nicht enden wollende Geduldsprobe vor.
Mit meinem im Kinderwagen sitzenden Baby wurde das Einkaufen nahezu unmöglich, denn es fing schon beim Betreten eines Ladens an, schrecklich zu weinen. Anfangs glaubte ich, das läge nur an den nun für Benjamin gut sichtbaren, vielen leckeren Lebensmitteln, aber dieses Weinen beschränkte sich nicht auf Lebensmittelläden. Ein besonders stressiges Erlebnis hatte ich an dem Tag, als ich mit beiden Kindern im Kaufhaus Benjamins erste Schühchen kaufen wollte. Da er ja bereits freihändig stehen, an den Händen laufen und freihändig stehend auch essen konnte, zum Beispiel Kekse oder Brötchen, wollte ich den Versuch wagen, ihn auch draußen laufen zu lassen. Ich versuchte, so gut es ging, Benjamins Weinen beim Betreten des Kaufhauses zu ignorieren, schließlich hatte ich ja eine Mission zu erfüllen. Ich wusste auch, dass er seinen Wagen nicht verlassen würde, um vielleicht den Kinderspielplatz der Schuhabteilung zu erkunden. Also suchte ich flink Schuhe aus und wollte sie ihm im Wagen anprobieren. In diesem Moment kam eine sehr freundliche Verkäuferin auf ihn zu und wollte ihm einen kleinen, bunten Ball schenken, vermutlich in der Hoffnung, dass er sich dann beruhigt. Da war es wieder, dieses Weltuntergangsweinen. Hatte er beim Betreten des Kaufhauses nur verhältnismäßig leise geweint, so steigerte er sich jetzt bis ins Unerträgliche und schlug mit Armen und Beinen um sich. Die Verkäuferin war verunsichert und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte, und ich stand irritiert da und wusste nicht, wie ich das Verhalten meines Sohnes erklären konnte. Nur Conrad schien eine Erklärung zu haben, denn er sagte zu seinem Bruder: „Keine Angst, Benjamin, die Frau will dich doch nicht auffressen!“ Wie nah er damit an der tatsächlichen Erklärung für Benjamins Verhalten war, ist mir erst viel später bewusst geworden. Mein kleiner Sohn war einfach von der gesamten Situation komplett überfordert – es war zu laut, zu unbekannt, alles lief zu schnell für ihn ab … Ich nahm ohne Anprobe zwei Paar Schuhe, die mir zu passen schienen, und verließ ohne Umschweife das Kaufhaus. Zu Hause, nachdem wir uns alle wieder beruhigt hatten, denn auch für Conrad war das ja nicht der erhoffte Einkaufsbummel, fragte ich mich immer wieder, was ich anders machen konnte, und tief in meinem Inneren beneidete ich die Mütter, die ihre genauso alten Kinder so lässig aus dem Kinderwagen nahmen und in die Spielecke setzten, während sie am Rand stehend Kindererlebnisse austauschten.
Weitere kleine Eigenheiten fielen uns an unserem Sohn auf. So hatte er, als ich durch Conrad abgelenkt war und er eine Tüte mit Brötchen ergattern konnte, alle acht Brötchen an der gleichen Stelle angeknabbert. Dieses Phänomen ließ sich wiederholen, sobald wir ihm mehr als ein Brötchen gaben. Sollten wir das nun lustig finden, so wie alle anderen, denen wir dieses Erlebnis erzählten oder steckte da mehr dahinter, und wenn ja, was? Offensichtlich strebte Benjamin danach, dass alle Brötchen auch nach dem Anbeißen wieder gleich aussahen, so wie sie vorher ja auch alle gleich ausgesehen hatten. Aber solche Bestrebungen schienen mir für ein fast einjähriges Kleinkind einfach zu komplex.
Benjamins ersten Geburtstag verbrachte ich mit meinen Kindern im Tierpark. Da Besuche ihn ja immer sehr aufgeregten, war meine Überlegung dabei, dass er so wenigstens seinen Geburtstag genießen konnte. Und damit sollte ich Recht behalten. Es war ein warmer Bilderbuchtag im Herbst und Conrad hatte nicht nur Freude an den Tieren, sondern sammelte auch noch einen großen Beutel voller Kastanien. Für Benjamin war das sein erster Tierparkbesuch. Er schaute sich alles interessiert an und schien den Tag zu genießen, denn besonders lange musste ich bei den Enten, Meerschweinchen und Ziegen verweilen. Am späten Nachmittag hatten wir noch ein Kaffeetrinken mit der Familie eingeplant. Der Höhepunkt des Tages bestand allerdings darin, dass Benjamins Großvater ihm die Schuhe ausziehen durfte. Ich wertete das als riesigen Fortschritt und glücklicherweise war mein Vater weitsichtig genug, ihn danach nicht sofort in den Arm nehmen zu wollen. Unsere heimliche Hoffnung, dass Benjamin nach diesem gelungenen Tag ruhig einschlafen würde, denn hundemüde musste er ja auf jeden Fall sein, wurde wieder nicht erfüllt. Im Gegenteil, Benjamins Einschlafprobleme schienen proportional zur Aufregung des Tages zu sein, und mit Aufregung meine ich keineswegs nur Ärger, sondern alles, was auch nur minimal von seiner sonstigen Tagesroutine abwich.




