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Auch der Rest der Familie litt unter der ganzen Situation. Da Conrad nicht den Kindergarten besuchte, musste mein Mann ihn mit zur Arbeit nehmen. Wie sehr Conrad belastet war, merkten wir daran, dass er nach sehr langer Zeit wieder ins Bett machte. Benjamin benutzte in der Klinik wegen seiner äußerst sensiblen Haut nur seine eigenen Sachen, einschließlich Handtücher, Bettwäsche und Windeln. Da er sich häufig übergab, nahm mein Mann bei jedem Besuch Berge von übel riechender Wäsche mit. Bis heute frage ich mich, wie Leon das damals alles geschafft hat. Einige Tage ging es noch so weiter: sondieren, erbrechen … und ich überlegte ernsthaft, ob die Ärzte auch wissen, was sie da tun. Auf alle meine Anfragen wurde mir gesagt, dass sie den Stuhlbefund erst abwarten wollten. Benjamin stand überhaupt nicht mehr auf, er lag den ganzen Tag auf meinem Bett und starrte aus dem Fenster. Am dritten Tag konnte ich das Klinikpersonal davon überzeugen, dass ich Benjamin im Kinderwagen auf dem Klinikgelände spazieren fahren durfte. Benjamin schien das zwar nicht mitzubekommen, er zeigte auch keinerlei Interesse mehr an Spielsachen, egal ob vertraute oder neue, aber für mein angeschlagenes Durchhaltevermögen war das extrem wichtig. Während Leon den Kinderwagen schob, konnte ich ein Stündchen ungestört mit Conrad spielen und die Sorgen für kurze Zeit etwas verdrängen. Nach fünf langen Tagen war der mikrobiologische Befund da: Eine durch Bakterien verursachte Überrepräsentation von natürlich vorkommenden Sprosspilzen im Darm hatte diese schwere Gastroenteritis bei unserem Sohn verursacht. Daraufhin wurde begonnen, ihm ein Antimykotikum zu verabreichen. In diesen Tagen fiel es mir schwer, mir meinen Sohn so agil wie vor der Erkrankung vorzustellen. Trotz der Medikamentengabe nahm Benjamin weiter ab und ich versuchte mich damit zu beruhigen, dass das Medikament eine gewisse Zeit braucht, bevor die Wirkung einsetzt. Am Tiefpunkt hatte unser Söhnchen mehr als ein Kilogramm abgenommen, was für ein fünfzehn Monate altes Kleinkind ganz erheblich ist.
Nach drei Tagen Medikation ging es langsam bergauf, Benjamin begann löffelweise zu essen und grammweise zuzunehmen. Zögerlich kehrte die Kraft in seine Beinchen zurück und damit auch sein Willen zum Widerstand. Jedes Mal, wenn jetzt ein Arzt oder eine Schwester unser Zimmer betrat, flüchtete er in die hinterste Ecke meines Bettes und schrie, wenn jemand ihm zu nahe kam, was sich natürlich nicht vermeiden ließ. Jetzt, da Benjamin wieder stehen und laufen konnte, tat er mir unmissverständlich seinen Wunsch kund, wieder nach Hause zu wollen. Er holte seine Schühchen aus dem Schrank, packte sein Spielzeug in den Kinderwagen, zog die große Reisetasche bis zur Tür und rief immer wieder aufgeregt: „Da, da!“, während er auf die Tür zeigte. Da ich die Tür immer wieder freiräumen musste, brach Benjamin jedes Mal in herzzerreißendes Weinen aus. Er wollte an diesem Ort nicht bleiben und auch nicht spielen. Die Spaziergänge beruhigten ihn zwar beim Losgehen, aber wenn er nur die Giebelseite des Hauses aus einiger Entfernung zu Gesicht bekam, weinte er schon wieder los. Eigentlich dachte ich, wir könnten doch nun wieder entlassen werden, aber der Oberarzt erklärte mir, dass Benjamin erst entlassen würde, wenn er sein Gewicht vom Aufnahmetag wieder erreicht habe. Also mussten wir noch fast eine Woche durchhalten. Unser Sohn spaltete die Schwestern in zwei Lager. Einige hielten ihn einfach für ein verzogenes, verwöhntes Kind, die anderen glaubten, er habe großen Kummer, weil er so viel weinte, obwohl es ihm doch langsam besser ging.
Kurz vor unserer Entlassung kam ein Arzt zur Abschlussuntersuchung, dessen Art und Weise mich zutiefst faszinierte. Instinktiv wusste dieser Mediziner, wie er an Benjamin herankommen konnte. Die Schwestern hatten ihn vor diesem überängstlichen Kind gewarnt. Er betrat langsam das Zimmer und wie immer flüchtete Benjamin in die hintere Ecke des Bettes. Dann ging er auf mich zu, redete mit mir leise, setzte sich später auf die zu Benjamin entfernteste Ecke des Bettes und begann auf unserem kleinen Keyboard ein beruhigendes Lied zu spielen. Die ganze Zeit hatte er nicht einmal versucht, Benjamin anzusprechen oder sich ihm weiter zu nähern. Ich war schon erstaunt, dass mein Sohn nicht weinte, aber jetzt traute ich meinen Augen nicht: Unter Wahrung des größtmöglichen Abstandes kroch Benjamin zum Keyboard und klimperte mit. Während die beiden spielten, untersuchte der Arzt meinen Sohn ganz nebenbei und Benjamin ließ ihn gewähren, wenn auch etwas widerwillig. Für mich war das ein großartiges Erlebnis: Es war der Beweis, dass eine solche Untersuchung auch ohne Tränchen und fast angstfrei ablaufen kann, wenn der Arzt genug Zeit und Einfühlungsvermögen mitbringt.
Endlich wieder zu Hause fühlte ich mich wie eine Mutter, die gerade ihr erstes Kind bekommen hat. Vollgestopft mit Informationen und Instruktionen steht man plötzlich da und muss all dieses Wissen in die Tat umsetzen. In der Klinik war alles noch so einfach gewesen, aber plötzlich ist man auf sich alleine gestellt. Benjamin musste noch lange Zeit diätisch ernährt werden und ich hatte die Aufgabe, akribisch genaue Ernährungs- und Stuhlprotokolle zu erstellen. Meine morgendliche Unbeschwertheit hatte ich für viele Monate verloren, denn jeder Tag begann mit einem ängstlichen Blick in die Windel. Außerdem litt Benjamin wochenlang unter seinem entzündeten Windelbereich, denn der lange Durchfall und mehrere Urinbeutel hatten ihre Spuren hinterlassen. Im Gesicht blieben von den Pflasterstreifen, mit denen die Sonde angeklebt worden war, dicke, gerötete und mit Pickelchen übersäte Striemen zurück – ein Anblick, der mich als Mutter schmerzte, wenn ich mir die damit verbundenen Strapazen für unseren Sohn ausmalte. Über einen Monat lang waren Benjamins Einschlafprobleme extrem verschlimmert und zusätzlich wachte er jede Nacht mehrmals wie von Albträumen gequält auf. Eigentlich verwunderte mich das nicht sonderlich, hatten wir doch jede Woche zwei bis drei Arzttermine zur Kontrolle. Mehrere Monate lang mussten wir zur Überwachung die gastroenterologische Sprechstunde des Krankenhauses aufsuchen und jedes Mal fing Benjamin schon beim Betreten des Krankenhausgeländes an, panisch zu weinen. Es dauerte noch ein dreiviertel Jahr, bis seine Urin- und Blutwerte wieder in Ordnung waren, und Durchfallerkrankungen, wenn auch weniger heftig, plagten ihn in Abständen bis zur Schulzeit. Benjamins Angst vor Ärzten schien sich für immer manifestiert zu haben, was man ihm ja nicht verübeln konnte, nach allem, was er durchmachen musste. Ich sehnte mich in dieser Zeit zutiefst nach einem einfachen, normalen Tagesablauf ohne Arztbesuche und Diätkämpfe, denn natürlich wollte Benjamin, je besser es ihm ging, wieder alles Mögliche verspeisen.
Abgesehen von seinen gesundheitlichen Problemen erfreute uns Benjamin mit weiteren Fortschritten. Noch bevor er achtzehn Monate alt war, benutzte er nicht nur gelegentlich seinen Löffel, sondern trank auch ab und zu selbständig aus seiner Tasse, obwohl er weiterhin zu diesen Handlungen genötigt werden musste. Im Gegensatz dazu war er eifriger Zähneputzer, wir mussten sogar das abendliche Zähneputzen mit Nachdruck beenden, sonst hätte er endlos weitergeputzt. Vermutlich begeisterte er sich aufgrund seiner ausgeprägten Liebe zu Wasser und Regen so sehr für das Zähneputzen. In dieser Zeit bemerkte ich auch eine ausgesprochen aufmerksame und eifrige Phase bei Benjamin. Einige Beispiele sollen das verdeutlichen. Wenn ich eine Kerze auf den Tisch stellte, so zeigte Benjamin sofort auf das Schrankfach, in dem die Streichhölzer sicher verwahrt waren, immer kommentiert mit seinem bereits mehrfach erwähnten „Da, da!“ Wenn ich mit dem Essen die Küche verließ, räumte er ohne Aufforderung seine Spielsachen aus dem Weg und brachte immer sein Rutscherauto auf seinen Parkplatz. Hatte ich das Essen auf den Tisch gestellt, so holte er sofort das Kissen, auf dem er gewöhnlich beim Essen saß. Wollte ich Wäsche aufhängen, begann er, mir die Wäscheklammern zu reichen, und zwar jedes Mal. Er schloss die Tür, nachdem er ein Zimmer betreten hatte. Abends, nachdem ich ihn ausgezogen hatte, räumte er seine Kleidung in den Wäscheeimer. Vor dem Schlafengehen achtete er darauf, dass er seine Zahntablette bekam und dass sein Nuckel für die Nacht frisch abgekocht war, er weigerte sich, einen schon vorher von ihm benutzten Nuckel anzunehmen. Von so viel ausdauernder Aufmerksamkeit war ich total fasziniert. Außerdem leitete ich daraus ab, dass Benjamin Zusammenhänge erkennen konnte und verschiedene Handlungen in zeitlich aufeinanderfolgenden Stufen sah. Was ich damals nicht sah oder nicht sehen wollte, war die Tatsache, dass immer Benjamin bestimmte, welche Aktionen er ausführte. Er war aber so gut wie nie bereit, etwas zu tun, worum er gebeten wurde. So zum Beispiel ignorierte er Aufforderungen wie die Bitte, uns etwas zu geben, das Zimmer zu verlassen oder den Keks zu teilen. Einem „Nein“ ließ er noch immer keine Taten folgen, sondern schüttelte nur den Kopf. Da Benjamins ungewöhnliche Taten auch von meinen Freundinnen bestaunt wurden, gab es für mich nur eine mögliche Erklärung für sein Verhalten, nämlich dass bestimmte soziale Entwicklungsstufen wie das Ausführen einer Bitte, beispielsweise „Bringe mir bitte den Ball“, bei ihm etwas später eintreten werden. Solange er auf gewissen Gebieten gleichaltrigen Kindern voraus war, bestand doch kein Grund zur Sorge. Oder doch? Nebulöse Zweifel machten sich schon damals breit, aber sie waren nicht zu greifen, nicht zu definieren und sie wurden regelmäßig von Benjamins zum Teil ungewöhnlichen Entwicklungsfortschritten wieder zerstreut.
Benjamin besaß inzwischen neben den Gummibüchern aus seiner Babyzeit eine ansehnliche Anzahl Pappbilderbücher, aber er war immer noch nicht dazu zu bewegen, sie gemeinsam mit mir anzusehen. Wenn ich mir mit der fast gleichaltrigen Tochter meiner Freundin die Bücher anschaute, dann schien dies Benjamin überhaupt nicht zu stören. Er ging einer seiner Lieblingsbeschäftigungen nach und beachtete uns vermutlich nicht. Lisa zeigte mir bereitwillig Dinge, wenn ich ihr einfache Fragen, wie beispielsweise: „Wo ist das Auto?“, stellte. Conrad setzte sich meistens zu uns und versuchte ebenfalls Fragen zu stellen. Um auf diesem Gebiet Fortschritte zu erzielen, versuchte ich zuerst, Benjamin mit einigen seiner Bücher alleine zu lassen. Das traurige Ergebnis bestand darin, dass er die Bücher zerfetzte. Also stellte ich die unversehrten Bücher auf ein für ihn gut sichtbares, aber nicht erreichbares Regal. Wollte er ein Buch anschauen, so stellte er sich davor, zeigte nach oben und rief: „Da, da!“ Ich gab ihm die gewünschten Bücher und ließ ihn damit nicht mehr alleine. Er blätterte die Bücher im rasanten Tempo durch, jedes Buch genau ein einziges Mal, und bevor er sie beschädigen konnte, stellte ich sie auf das Regal zurück. Wenn ich versuchte, ihn in ein Gespräch über den Buchinhalt zu verwickeln, wurde er jedes Mal sehr aufgebracht und wehrte mich mit Weinen ab. Es dauerte noch ungefähr ein Jahr, bis er nicht mehr den Drang verspürte, Bücher zu zerreißen. Und es sollte noch viel länger dauern, bis wir zum ersten Mal gemeinsam ein Buch lasen. Damals glaubte ich, Benjamin würde vom Inhalt der Bücher überhaupt nichts mitbekommen, wenn er sie „nur“ einmal schnell durchblätterte. Conrad jedenfalls hatte seine Bücher oft, ausgiebig und intensiv betrachtet. Interessierte sich Benjamin nicht für den Inhalt? Bestand sein ganzer Spaß im Umblättern, so wie man ein Spielzeugauto über den Boden schiebt? Mein Ziel war es, ihn auf jeden Fall zum Anschauen der Seiten zu bewegen, und das konnte ich doch nur erreichen, wenn er länger auf den Seiten verweilte. Das gelang mir vorerst nicht. Später musste ich einsehen, dass ich hier einem gravierenden Irrtum erlegen war. Kurz nach seiner Einschulung, als im Sachkundeunterricht über Elefanten geredet wurde, beschrieb Benjamin mir eine Seite aus einem seiner Kleinkindbücher, welches schon jahrelang in einer Kiste auf dem Hängeboden lag. Ich war davon so überrascht, dass ich dieses Buch heraussuchte und seine Angaben mit der entsprechenden Buchseite verglich. Alles stimmte vollständig überein. Und auch den Inhalt der weiteren Seiten dieses Buches und aller anderen Bücher dieser Serie konnte er bis ins Detail wiedergeben. Die späte Einsicht war also, dass er damals beim rasanten Durchblättern der Bücher den Inhalt erfasste und sich das auch noch über so viele Jahre gemerkt hatte! Aber warum zeigte er kein Interesse am gemeinsamen Bücherlesen?
Obwohl seine Motorik gut entwickelt war und obwohl wir am Fußende des Bettes schon vor Monaten zwei Stäbe entfernt hatten, verließ Benjamin frühmorgens nicht sein Gitterbett. Gewöhnlich saß er wach da und wartete darauf, dass ihn einer von uns aus dem Bett hob. Kam er nicht auf die Idee, das Bett durch die Lücke zu verlassen, ängstigte ihn vielleicht das, was ihn hinter der Tür erwarten würde oder war es ein geliebtes Ritual, von uns aus dem Bett gehoben zu werden? Mit achtzehn Monaten schaute Benjamin mich das erste Mal an, als er „winke, winke“ machte. Er liebte es weiterhin, draußen herumgefahren zu werden, und wenn wir ohne Kinderwagen losgingen, dann bestand er nach wenigen Schritten darauf, getragen zu werden. Heute würde ich dieses Verhalten so interpretieren, dass ihn die quirlige, bunte oder auch laute Welt außerhalb seines Zuhauses irritierte und ängstigte und er deshalb im Kinderwagen oder in unseren Armen Schutz suchte.
Auch sein häusliches Spielverhalten war ungewöhnlich, aber ich habe sehr lange darüber nachgedacht, bis mir aufgegangen ist, was eigentlich daran so ungewöhnlich war. Einerseits liebte es Benjamin immer noch, Schnipselsuppe zu kochen, uns damit zu füttern und auch manchmal fiktive Getränke dazu einzugießen. Aber er verlor völlig die Fassung, wenn wir die Rollen tauschen oder seinen Spielablauf ändern wollten. Er bestimmte die Regeln und die Welt war nur in Ordnung, wenn wir darin seine Marionetten waren. War er vielleicht ein besonders willensstarkes Kind oder würde sich diese Phase mit der Zeit von alleine geben? Warum hatte ich ein solches Verhalten nicht bei Conrad beobachtet, er ließ sich immer bereitwillig und voller Kreativität auf Rollentausche ein und überraschte uns dabei mit witzigen Ideen und Wendungen. Waren die Geschwister wirklich so verschieden oder übersahen wir irgendetwas? Bei anderen Spielen ließ Benjamin absolut keine Einmischung zu. Baute er zum Beispiel seinen DUPLO-Zoo auf, dann wollte er nicht gestört werden und spielte versunken und konzentriert mit den Tieren, Bäumen und Gebäuden. Abends achtete er darauf, dass im Regal neben jeder Tiermutter auch das richtige Tierbaby stand. Bei wieder anderen Spielen ließ er problemlos zu, dass Conrad oder einer von uns quasi parallel zu ihm mitspielte. So konnte Conrad mit seinen Matchbox-Autos auf dem Straßenteppich spielen, während Benjamin seine Plastikautos darüber schob, und auch an den Kreuzungen kam es meistens zu einer Einigung. Oder wir konnten mit einem eigenen Zug auf den Schienen der Holzeisenbahn mitspielen, aber keiner durfte es wagen, Waggons an Benjamins Zug anzukoppeln oder seine Wagen zu beladen oder den Zug mit ihm zu tauschen. Heute bin ich der Meinung, dass Benjamin spielerisches Miteinander nur ertragen konnte, wenn er die Fäden in der Hand hielt und den Ablauf bestimmen konnte oder wenn er in seinem eigenen Spielkonzept nicht gestört wurde. Als er zufällig einen LEGO-Baustein seines Bruders am Boden erspähte, fand er alleine heraus, dass man diesen Baustein auf einen DUPLO-Baustein setzen kann. Wie immer lobten wir ihn dafür, später fiel mir auf, was fehlte: Er war nicht zu uns gekommen, um uns seine Leistung zu präsentieren, er schien mit sich selbst und seiner Leistung zufrieden zu sein.
Meine Karriereplanung sah vor, dass Benjamin jetzt, mit eineinhalb Jahren, eine Kindertagesstätte besuchen sollte. Wir hatten ihn schon kurz nach der Geburt angemeldet und es stand ein Platz für ihn bereit. Die Kinderärztin machte uns allerdings einen Strich durch die Rechnung, denn sie erklärte, dass Benjamin aus gesundheitlichen Gründen auf gar keinen Fall kindergartentauglich sei. Gerade hatte er eine schmerzhafte Rachenentzündung durchlitten, seine Durchfallerkrankung war nicht richtig ausgeheilt, seine Urinprobe zeigte immer noch Auffälligkeiten und sein Bauch erblühte schon wieder einmal mit einem Ausschlag unklarer Herkunft. Außerdem hatte er häufig zum Teil auch sehr hohes Fieber, ohne dass eine wirkliche Ursache erkennbar gewesen wäre. Innerlich war ich ausgesprochen froh, dass die Ärztin diese Entscheidung für uns traf, denn ich hatte mich auch schon besorgt gefragt, ob wir es überhaupt verantworten konnten, ein derart empfindliches Kind in eine Kindertagesstätte zu geben. Mein Mann Leon dagegen hatte bereits nach dem Krankenhausaufenthalt mit dem Gedanken gespielt, Benjamin drei Jahre lang zu Hause zu behalten, in der Hoffnung, dass sich seine Gesundheit bis dahin stabilisiert haben würde. Mein Arbeitgeber, ein großes Forschungsinstitut, sah darin kein Problem und gewährte mir bereitwillig ein weiteres halbes Jahr Erziehungsurlaub. Natürlich hatte ich nie wirklich aufgehört zu arbeiten, denn auch nach der Verteidigung meiner Promotion las ich alle neuen Publikationen zu meinem Fachgebiet und schrieb mit einigen Kollegen Veröffentlichungen. Conrad war überglücklich, dass er weiterhin zu Hause bleiben durfte.
Im Laufe des nächsten halben Jahres arbeitete ich intensiv daran, Benjamin mit der Welt draußen vertraut zu machen. Heute muss ich sagen, dass mir das nur mit mäßigem Erfolg gelungen ist. Für längere Strecken wollte ich den Kinderwagen, jetzt wo die Tage immer wärmer und sonniger wurden, durch einen praktischen Buggy ersetzen. Durch meine früheren Erfahrungen mit der Tragetasche und dem Hinsetzen im Kinderwagen ahnte ich schon, dass Benjamin das nicht einfach so akzeptieren würde. In weiser Voraussicht gewöhnte ich meinen Sohn erst einmal in der Wohnung an den Buggy. Zuerst klappte ich ihn nur auf, stellte ihn hin und wartete, dass Benjamin Interesse daran zeigt. Als er nach ein paar Tagen bereit war, sich hineinzusetzen, kutschierte ich ihn durch die Wohnung, wann immer er das wollte. Nach zwei Wochen versuchte ich, ihn aus der Wohnung zu schieben, aber das schlug jämmerlich fehl. Im Endeffekt dauerte es fast vier Monate, bis er bereit war, sich im Buggy aus der Wohnung schieben zu lassen. Danach gab es keine Probleme mehr, wenn es darum ging, den Buggy zu benutzen. Ich war mächtig stolz auf meinen Erfolg, konnte aber dieses Gefühl nur mit meinem Mann teilen. Leon war der Meinung, dass ich das Richtige tat. Benjamins Großmütter und auch einige meiner Freundinnen vertraten die Auffassung, dass ich viel zu viel Zirkus mit diesem Kind machte, dass man manchmal seinen Willen mit Nachdruck durchsetzen musste und dass ich auf diese Art und Weise mein Kind nur ver- und nicht erziehen würde. Hatten sie vielleicht recht? Musste ich „nur“ lernen, Benjamins panisches Weltuntergangsweinen zu ertragen und alles würde sich rapide bessern? Mein Gefühl sagte mir allerdings, dass dieses kleine Kind ganz erhebliche Probleme mit der Welt um sich herum hat, dass ich behutsame Wege finden musste, um ihm einen Weg in diese Welt zu zeigen, und dass es auf diesem Weg Begleitung und Unterstützung benötigte. Aber wie sollte ich dieses Gefühl jemandem erklären? Ich konnte es nicht. Und so beschritt ich weiter meinen Weg und riskierte dabei, als übereifrige Glucke, inkonsequente Mutter oder als Person, die nicht die richtigen Prioritäten setzte, zu gelten. Ich bin fest davon überzeugt, dass mein damaliges instinktives Handeln richtig war, denn mit meinem heutigen Wissen über Autismus und den damit verbundenen Wahrnehmungsstörungen sowie Veränderungsängsten bin ich der Meinung, dass ich, wenn ich weniger einfühlsam gehandelt hätte, die Tür in die Welt für Benjamin vielleicht für immer verschlossen hätte.
Benjamin ließ sich nun stundenlang im Buggy herumfahren, vorausgesetzt, wir versuchten nicht Kaufhäuser zu betreten, überfüllte Nahverkehrsmittel zu benutzen sowie Märkte oder Menschenansammlungen zu passieren. Er liebte Parks und Grünanlagen, verspürte aber auch hier nicht den Drang, den Buggy zu verlassen. Für mich ergab das überhaupt keinen Sinn. Zu Hause war er jetzt ein äußerst agiles Kerlchen, er kletterte auf Regale und Stühle, sogar auf Tische und auf die Fensterbretter. Er drehte Eimer um, um darauf zu steigen und zeigte große Kreativität, wenn es darum ging, Kisten oder Ähnliches aufeinanderzustapeln, um dann darauf zu klettern und aus dem Fenster zu schauen. Wo war dieser Bewegungstrieb nach dem Verlassen der Wohnung? Hatten wir vergessen, ihn mitzunehmen? Der Drang, dem Regen zuzuschauen, steigerte seine Kreativität und perfektionierte seine Stapel- und Kletterkünste. Waren wir aber draußen, wenn es regnete, schien ihm das Unbehagen zu bereiten und ich musste peinlich genau darauf achten, dass er nicht nass wurde. Er spürte nicht das Bedürfnis, seine kleine Hand einmal auszustrecken, um zu erfahren, wie es sich anfühlt, wenn Regentropfen darauf zerplatzen. Er spürte auch nicht den Drang, durch eine Pfütze zu laufen und sich daran zu erfreuen, wie das Wasser spritzt. Er war ein Kind, das immer um die Pfützen herumlief, wenn es uns gelungen war, ihn im oder nach dem Regen dazu zu bewegen, ein paar Schritte zu laufen. Wind löste ängstliches Unbehagen bei ihm aus. Da ich Benjamin zu Hause inzwischen wegen seiner Kletterkünste keinen Augenblick aus den Augen lassen konnte, hätte ich eigentlich froh sein können, dass er draußen so wenig anstrengend war. Aber das Gegenteil war der Fall, ich strebte draußen mehr und drinnen weniger Aktivität an.
Eine meiner Überlegungen bestand darin, dass, wenn ich ohne Buggy zum Spielplatz gehen würde, mein Sohn keine andere Wahl hätte, als zu buddeln. Obwohl der kurze Weg zum Spielplatz mit Benjamin fast eine Stunde dauerte und obwohl ich Benjamin immer sanft ziehen und festhalten musste, da er sonst weglief, war es jedes Mal ein triumphaler Erfolg, diesen Weg geschafft zu haben. War der Spielplatz leer, dann ließ sich mein Sohn auch auf ein kurzes Spielen im Sand ein, wobei er immer eine Anleitung für das, was er denn mit dem Sand tun konnte, benötigte. Kamen andere Kinder dazu, lief Benjamin weg. Zu meinem großen Erstaunen lief er nicht irgendwo hin, sondern schnurstracks nach Hause. Er hatte sich also den Weg gemerkt und er war auch in der Lage, draußen schnell zu laufen. Wäre Benjamin damals mein einziges Kind gewesen, dann hätte ich kein Problem damit gehabt, immer in der Mittagszeit mit ihm auf den verwaisten Spielplatz zu gehen. Aber Conrad war auch noch da und er fand es langweilig, alleine auf dem Spielplatz zu sein, er wollte seine Freunde treffen. Also gingen wir fast täglich ein zweites Mal auf den Spielplatz und dieses Mal saß Benjamin in seinem Buggy. Fand ich eine ruhige Ecke und kam ich nicht auf den Gedanken, Benjamin nötigen zu wollen, den Buggy zu verlassen, dann ging alles eine Weile lang ganz gut. Zwei Probleme traten aber regelmäßig auf. Das eine waren kleine Mädchen im Kindergarten- oder Grundschulalter, die sich lieber mit kleinen Kindern als mit Puppen beschäftigten und die immer wieder diesen süßen, kleinen, blond gelockten Jungen zum Spielen abholen wollten. Das andere waren Mütter, die nicht glauben wollten oder konnten, dass Benjamin freiwillig im Kinderwagen saß, mir gute Ratschläge gaben und mich in nicht enden wollende Diskussionen verwickelten. Aber wie sollte ich in Worte fassen, was für mich selber nur ein schwer beschreibbares Gefühl war? Wie gerne hätte ich im Sand gesessen und mit Benjamin Sandkuchen gebacken! Langsam fühlte ich mich um diese unbeschwerte Buddelzeit, die den meisten anderen Müttern mit ihren Kindern vergönnt war, betrogen. Dass Benjamin auf unserem Balkon ausgiebig buddelte, war hier nur ein schwacher Trost.
Eine sonderbare Maus
Der größte Reichtum unseres Lebens sind die kleinen Sonnenstrahlen, die täglich auf unseren Weg fallen. Indische Weisheit
Mit eisernem Willen habe ich immer wieder versucht, unser Leben trotz aller nicht erklärbaren Probleme mit Benjamin so normal wie möglich zu gestalten. Ich erinnere mich an einen Besuch bei der Familie von Conrads neuestem Spielplatzfreund, die uns eingeladen hatte. Da wir schon zum Mittagessen erwartet wurden, bereitete ich mich akribisch auf dieses Treffen vor. Benjamin sollte es gut gehen, denn dann ging es uns allen auch gut. Ich packte Lieblingslöffel, Lieblingstasse, Lieblingsteller und sein Lätzchen ein. Des Weiteren wanderte ein Gläschen mit püriertem Hühnchen, welches er zu den vereinbarten Nudeln essen konnte, und eine Flasche Tee, gefüllt mit der einzigen Teesorte, die er trank, in meinen Rucksack. Sein Lieblingskissen und etwas vertrautes Spielzeug durften natürlich nicht fehlen. Meine größten Sorgen bestanden darin, wie er auf die neue Umgebung reagiert und ob er die „fremden“ Nudeln isst. Der Mutter von Daniel, so hieß Conrads neuer Freund, erklärte ich, dass Benjamin sehr empfindlich auf alles Mögliche reagiert und für sein Alter noch sehr ängstlich ist. Besser wusste ich es zum damaligen Zeitpunkt ja selber nicht. Benjamin klammerte zwar die ganze Zeit an mir und ließ keinen an sich heran, aber er weinte nicht und aß auch die unbekannten Nudeln zum Mittagessen. Für mich war das ein Riesenerfolg, auch wenn Daniels Eltern dafür kein Verständnis hatten. Zu meinem großen Entsetzen teilte mir aber nun Daniels Mutter mit, dass sie es als Beleidigung empfände, dass ich all die Sachen für Benjamin mitgebracht hatte. Sei mir etwa ihr Essen nicht gut genug, ihre Wohnung nicht sauber genug oder das Spielzeug der Kinder nicht ausreichend anspruchsvoll? Ich war völlig sprachlos und konnte weder mein Verhalten besser erklären noch das ihre wirklich verstehen. Fortan beschränkten sich die Treffen von Conrad und Daniel auf den Spielplatz.




