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Benjamin war immer noch ein leidenschaftlicher Schnipselsuppenkoch, aber er entwickelte dieses Spiel selbständig weiter. Inzwischen benutzte er auch Topflappen, denn ein kleiner Ofen war zu seiner Küchenausstattung dazugekommen. Eines Tages vergaß er, die Topflappen zu benutzen, rief „Au!“ und pustete seine Fingerchen. So sehr, wie ich von diesem vielschichtigen Spiel beeindruckt war, so sehr verunsicherte es mich auch. Warum wartete er, nachdem er „Au!“ gerufen hatte, nicht auf irgendeine Reaktion aus seiner Umgebung? Ich versuchte wieder einmal, mich in sein Spiel einzuklinken, indem ich das Arztköfferchen mit dem Arztspielzeug holte und ihm medizinische Hilfe anbot, aber er wehrte mich energisch ab. Ich hatte sein Spiel gestört, und jetzt hatte er wieder die Fassung verloren, und er würde lange brauchen, bis er sich wieder beruhigt und noch länger, bis er wieder zu seinem unbeschwerten Spiel zurückfindet. Trotzdem versteckte ich wenige Tage später zwei leicht in der Farbe abweichende Karteikartenschnipsel in seiner Schnipselsuppe, um zu sehen, was passiert. Ich war mir sicher, dass Benjamin dies nicht bemerken würde. Weit gefehlt! Beim ersten Umrühren fischte er die beiden Schnipsel mit einem empörten und erregten „Da, da!“ aus der Suppe und wollte sie in den Mülleimer werfen. Ich ließ mir die Schnipsel geben und versuchte, sie ihm als Gewürze oder Salz aufzuschwatzen. Er aber wurde immer erregter, solange ich die Schnipsel in der Hand hielt. Erst als sie im Mülleimer gelandet waren, gewann er seine Fassung zurück. Wie war es möglich, dass er in seinem Alter in einem Berg von Schnipseln so schnell zwei fremde, gleich große und farblich nur wenig abweichende Schnipsel fand? Und tat ich das Richtige, wenn ich versuchte, mich immer wieder in seine Spiele einzuklinken oder war er einfach noch nicht reif genug für gemeinschaftliche Spiele? Wieso hatte er kein Mitteilungsbedürfnis, wieso wollte er nicht bewundert werden wie andere Kinder in seinem Alter? Wieso suchte er nur unsere Aufmerksamkeit, wenn es um grundlegende Bedürfnisse wie Essen oder Trinken ging? Wieder Fragen über Fragen und wir hatten keine Antworten. Bis jetzt beruhigte uns aber die Tatsache, dass halt jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo hat.
Zwei Monate vor seinem zweiten Geburtstag waren Benjamin und Conrad mit ihrer Großmutter im Wohnzimmer alleine, während ich mit Leon in der Küche das Essen zubereitete. Inzwischen ließ es unser Sohn kurzzeitig zu, dass wir uns entfernten, solange die vertraute Aufsichtsperson ihm nicht zu nahe kam oder gar etwas von ihm verlangte. Plötzlich vernahmen wir einen markerschütternden Schrei. Wir stürmten herbei und sahen, dass Benjamin offensichtlich vom Fensterbrett gefallen war. Obwohl ich meine Mutter vor den Kletterkünsten meines kleinen Sohnes gewarnt hatte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass er so schnell so hoch klettern würde. Sie hatte mit Conrad gespielt und war dadurch abgelenkt gewesen. Benjamin schrie, ohne sich irgendwie beruhigen zu lassen, und konnte sich nicht hinstellen. Sein linkes Füßchen schwoll bedrohlich an. Da es Sonntagabend war, fuhren wir sofort in die Kinderrettungsstelle des Krankenhauses. Benjamin hörte einfach nicht auf zu weinen, sein Weinen wurde nicht einmal wenigstens etwas leiser. Das Krankenhaus oder die Erinnerung an dieses Krankenhaus regten ihn so sehr auf, dass es keine andere Möglichkeit gab, als ihn während der Untersuchung und auch während des Röntgens durch meinen Mann festhalten zu lassen. In mir krampfte sich alles zusammen, weil ich nicht wusste, ob er vor Schmerz oder vor Angst schrie. Leon meinte, dass Benjamin panische Angst vor dem dunklen Röntgenraum und dem Klacken der Geräte hatte. Der Arzt stellte eine metatarsale Distorsion, also eine Verdrehung des Mittelfußes, fest und verordnete, dass der Fuß samt Unterschenkel für ein bis zwei Wochen ruhig gestellt werden müsse. Da unser Sohn aber immer noch heftig weinte und sich mit jeder Faser seines Körpers gegen diese ganze Situation wehrte, bat mich der Arzt in ein Nebenzimmer und forderte, ich solle Benjamin die Schiene und den Verband zu Hause anlegen, wenn er sich wieder beruhigt hätte. Er würde unserem Sohn nur Schmerzen zufügen, wenn er jetzt versuche, dieses aufgebrachte Kind zu verbinden und deshalb erläutere er mir jetzt, worauf ich dabei zu achten hätte. Weiter meinte er, er könne sich nicht erklären, warum unser Sohn nicht aufhöre zu schreien, denn eine solche Verletzung würde nicht mehr schmerzen, sobald keine Belastung des Fußes mehr stattfände, und das sei ja wohl der Fall, da mein Mann ihn schon seit mehr als zwei Stunden auf dem Arm trüge. War es nicht allzu verständlich, dass Benjamin sich nach seinen Krankenhauserfahrungen und den Aufregungen des heutigen Tages nicht beruhigen konnte? Auf der Rückfahrt und zu Hause beim Anlegen der Schiene ging ihm die Kraft langsam aus und er wimmerte nur noch ganz kläglich. Die kommende Nacht war wieder zerrissen von Weinen, Wimmern und schreiendem Aufwachen durch Albträume, zumindest hielt ich dieses schreiend aus dem Schlaf Aufwachen für schlimme Träume. Und wieder einmal hatte ich nach dem Aufstehen das Gefühl, nicht geschlafen zu haben und jetzt dringend ins Bett zu müssen. Am anderen Morgen war das Drama aber keineswegs überstanden. Benjamin weinte schon im Bett, sobald er die Schiene an seinem Bein erblickte. Den ganzen Tag über zeigte er immer wieder auf die Schiene und rief verzweifelt: „Da, da!“ Ich musste ihn den kompletten Tag herumtragen, damit er sich wenigstens etwas beruhigte. Er weigerte sich zu spielen und ich war völlig hilflos, weil ich seinen Kummer nicht lindern konnte. Nach und nach wurde mir klar, dass er offenbar glaubte, seine Fähigkeit zum Laufen für immer eingebüßt zu haben. Aber wie sollte ich ihm erklären, dass er bald wieder laufen können würde? Meine Worte schienen ihn nicht zu beruhigen, genauso wenig wie seine heiß geliebten Spieluhren. Diese angespannte Situation hielt fast eine Woche lang an, dann wurde die Schiene durch einen Verband ersetzt. Benjamin beruhigte sich sichtlich und humpelte übereifrig durch die Wohnung. Obwohl er dabei Schmerzen zu haben schien, sagte er keinen Mucks.
An dieser Stelle möchte ich meinen Lesern erklären, warum ich überwiegend davon berichte, dass Benjamin „weinte“ und ich nur selten das Wort „schreien“ dafür benutze. Für die meisten Menschen in unserer Umgebung bestand der Unterschied zwischen „Weinen“ und „Schreien“ lediglich in der Lautstärke, und würde ich danach gehen, dann müsste ich eigentlich fast immer vom „Schreien“ unseres Sohnes berichten. Für uns bestand der Unterschied zwischen „Weinen“ und „Schreien“ jedoch darin, dass die Ursachen für Weinen tiefer Kummer, Sorgen, Schmerzen, Hilflosigkeit oder Angst sind. Schreien dagegen deutet eher auf Wut, Frust, plötzliches Erschrecken oder schlechte Laune. Natürlich ist das keine generelle Einteilung, es soll nur erklären, warum ich mich innerlich weigere, Benjamins Reaktionen auf seine Umwelt mit Schreien zu umschreiben. Bereits im Säuglingsalter war zuerst Leon und später auch mir aufgefallen, dass Benjamins Weinen sich deutlich von dem anderer Babys unterschied. Später haben wir uns eingestanden, dass wir beide unabhängig voneinander all die seltsamen Erkrankungen, die uns während unserer Studienzeit über den Weg liefen, in Gedanken durchgegangen waren, weil das Weinen unseres Babys so seltsam und fremd klang. Das sogenannte Trotzalter, wo meine Freundinnen darüber klagten, dass ihr Nachwuchs bei jeder Kleinigkeit wütend herumschreien würde, blieb bei Benjamin aus. Da Kinder um den zweiten Geburtstag herum zunehmend selbständiger werden, aber sich dabei auch oft überschätzen und ihnen somit nicht alles gelingt, führt das zu den von meinen Freundinnen beschriebenen Wutanfällen oder zu trotzigem Verhalten. Benjamin dagegen hatte überhaupt nicht das Verlangen, irgendetwas aus eigenem Antrieb zu verändern. Aus meinem heutigen Verständnis heraus ist die Angst vor etwas Neuem, und dazu gehört auch, sich selber an- oder auszuziehen, einen Stift zu halten …, der Grund dafür, warum Benjamin keine Veränderungen anstrebte. Keine Veränderungen brachten auch keine Misserfolge und damit kein Trotzalter. Andererseits reagierte unser Sohn auf alle von uns erzwungenen Neuerungen mit heftigem Widerstand, was sich vom Nervenaufwand mit dem Trotzalter eines Kleinkindes vergleichen ließe, nur dass dieses „Pseudo-Trotzalter“ viel länger andauerte.
Pflanzen, egal ob draußen oder drinnen, weckten in dieser Zeit immer die Aufmerksamkeit unseres Sohnes. Mindestens einmal am Tag goss er mit seiner Spielzeuggießkanne fiktiv unseren Grünbestand, wobei er nie eine Pflanze übersah, das Spiel nicht langweilig wurde und er jede Neuerwerbung sofort bemerkte, selbst wenn es sich dabei nur um einen winzig kleinen Kaktus handelte. In den Gebrauch der Spielzeuggießkanne hatte ich Benjamin eingewiesen und ich glaube, dass er zu dieser Zeit nie beobachtet hatte, dass lebende Pflanzen mit Wasser gegossen werden, weil das Gießen meiner Gewächse durch unseren anstrengenden Alltag tagsüber nicht möglich war. Nachdem ich eine Mimose gekauft hatte, um Conrad die ungewöhnliche Reaktion dieser bezaubernden Pflanze auf Berührungen zu demonstrieren, versuchte Benjamin die Reaktion der Pflanze zu reproduzieren, indem er beharrlich an das Zwischenfenster klopfte, hinter dem die filigrane Mimose gedieh. Wieder einmal hatte ich geglaubt, dass mein Sohn unsere Aktivitäten überhaupt nicht mitbekam, da er sich weder zu uns gesellte noch uns aus der Ferne zuzusehen schien. Nachdem auch Benjamin die Mimose, wie Conrad sagte, „erschrecken“ durfte, versuchte er trotzdem weiterhin, die Mimose durch Klopfen an die Scheibe zu einer Reaktion zu bringen.
Diese Pflanzenliebe machte ich mir zunutze und so verbrachten wir viele Tage im Botanischen Garten. Als ich das erste Mal mit Benjamin in die prachtvollen Gewächshäuser gehen wollte, musste ich feststellen, dass Kinderwagen und auch Buggys dort drinnen nicht erlaubt waren. Also nahm ich Benjamin auf den Arm. Zu meinem allergrößten Erstaunen signalisierte mein sonst so laufscheuer Sohn, dass er meinen Arm verlassen wollte. Er marschierte fleißig durch die Gewächshäuser, ließ verschiedenste Blättchen über seine zarten Händchen streifen und bestaunte große Blüten in mannigfaltigen Farben. Ein kleiner See mit Trittplatten machte ihm Angst, hier ließ er sich vorsichtshalber darüber tragen. Im Sukkulenten-Gewächshaus angekommen, strebte Benjamin auf einen gewaltigen Kaktus zu, der mindestens doppelt so groß war wie er selbst. Für seine Größe riesige Dornen ragten in alle Richtungen. Schon wollte ich meinen Sohn ergreifen und in Sicherheit bringen. Da fiel mir auf, wie vorsichtig, ja fast ehrfurchtsvoll, er sich dem wehrhaften Wüstenbewohner näherte. Ich hielt mich zurück und wartete gespannt ab. Inzwischen stand Benjamin vor dem Kaktus und berührte mit dem rechten Zeigefinger vorsichtig die Spitze eines Dornes in Augenhöhe. Er gab ein „Au!“ von sich, pustete seinen Finger und wiederholte die Prozedur einige Male. Dann benutzte er den linken Zeigefinger als Prüfwerkzeug. Nach mehreren Versuchen ging er zum nächsten Dorn über: Anfassen, „Au!“, Pusten, Anfassen, „Au!“, Pusten … Ich liebte die Besuche im Botanischen Garten unter anderem deshalb, weil er an Wochentagen nur wenig frequentiert wurde. Aber jetzt betrat eine ganze Gruppe älterer Damen das Gewächshaus. Aus meiner Erfahrung wusste ich, dass gerade Frauen im fortgeschrittenen Alter häufig Kontakt zu kleineren Kindern suchen und Benjamin schien als süßer, kleiner Junge mit weichen, blonden Löckchen dafür äußerst geeignet. Instinktiv suchte ich mit den Augen die nächste Tür, denn ich glaubte zu wissen, was jetzt passieren würde. Aber nichts geschah! Obwohl die Damen inzwischen hinter Benjamin standen und sich an seinen Experimenten ergötzten, schien Benjamin völlig in seine Tätigkeit versunken zu sein. Zwei Dinge lernte ich an diesem Tag: In der richtigen Umgebung hatte auch mein Sohn Spaß daran, draußen, oder zumindest außerhalb der Wohnung, herumzulaufen. Und zweitens war Benjamin sogar in der Lage, fremde Menschen in unmittelbarer Nähe zu ertragen, wenn ihm seine momentane Beschäftigung äußerst wichtig war.
Die siebente Vorsorgeuntersuchung brachte zum ersten Mal zu Tage, dass in der Entwicklung unseres Sohnes etwas nicht stimmte. Sobald die Schwester bei der Gewichtskontrolle mit ihm in Kontakt getreten war, begann Benjamin zu weinen und war dann nicht mehr zu beruhigen. Im Behandlungszimmer der Ärztin flüchtete er vom Behandlungstisch, indem er das seitliche Treppchen sicher herunterstieg und beim Rutscherauto in der äußersten Ecke des Zimmers Zuflucht suchte. Die Ärztin forderte mich ein wenig gereizt auf, ich solle mein Kind zurückholen und dafür sorgen, dass es während des Tests auf dem Tisch verweile. Sie erwähnte weiterhin, dass sie von seinen motorischen Fähigkeiten bereits überzeugt sei. Es gelang mir nicht, meinen Sohn auf den Tisch zu setzen. Er sprang sofort wieder auf, krallte sich ängstlich an mir fest und verweigerte jegliche Zusammenarbeit. Nach einem kurzen Gespräch mit mir schrieb die Ärztin in sein Untersuchungsheft: „Denver Test: ignoriert Aufforderung; nur nach Befragen der Mutter altersentspr. Entw.“ Ich kann meine Gefühle in diesem Moment nur schwer wiedergeben. Ich fühlte Tränen in mir aufsteigen, war wütend auf mich und verzweifelt. Was machte ich nur falsch bei Benjamin und wieso war Conrad ein so unkompliziertes Baby und Kleinkind gewesen? Da Benjamin keine organischen Schäden aufwies, musste es doch mein Versagen sein, welches seine Entwicklung in die falschen Bahnen lenkte. Ich fand damals jedenfalls keine plausible Erklärung für seine Verweigerung. Die Dinge, die die Ärztin im Test von ihm verlangte, erledigte er zu Hause mit Leichtigkeit, zumindest traf das für die grob- und feinmotorischen Aufgaben zu. Ich erwähnte im Gespräch mit der Ärztin zum wiederholten Male seine unveränderten Schlafstörungen und tat meine Sorge über die ungewöhnliche Sprachentwicklung unseres Sohnes kund. Die Schlafstörungen verharmloste die Ärztin damit, dass viele Zweijährige protestieren täten, wenn sie ins Bett gebracht würden. Wie sollte ich auch erklären, dass etwas so schlecht Messbares wie der Gesamtschlaf einer Nacht bei einem Kind, das häufig weinend aufwacht und dann ewig braucht, bis es wieder einschläft, uns nicht ausreichend erschien. Wann hat ein Kind eigentlich Schlafstörungen? Dafür gibt es doch keine Mess- und Richtwerte wie für Blut- und Urintests. Die verzögerte Sprachentwicklung erklärte mir die Ärztin damit, dass Jungen häufig später sprechen lernen würden als Mädchen und dass Zweitgeborene meistens langsamer die Sprache erwerben täten, weil sie öfter mit dem Erstgeborenen und dafür weniger mit den Eltern kommunizieren würden. Damals erschien mir das durchaus plausibel und in meinem tiefsten Innern war ich wohl froh, dass die Ärztin unsere Sorgen zerstreute und zum Abwarten riet. Der Denver-Test sollte nach spätestens zwei Monaten wiederholt werden, wozu es aber nicht kam, weil Benjamin auch zum späteren Zeitpunkt nicht kooperationsbereit war. Das gelbe Untersuchungsheft gaukelte uns damals vor, dass die Probleme unseres Sohnes nicht besorgniserregend waren. Heute bin ich der Meinung, dass in der Spalte „Erfragte Befunde“1 folgende Punkte hätten unbedingt angekreuzt werden müssen:
„altersgem. Sprache fehlt (z. B. keine Zweiwortsätze, kein Sprechen in der 3. Person wie ‚Peter essen‘)“
„altersgem. Sprachverständnis fehlt (z. B. kein Zeigen auf Körperteile nach Befragen, kein Befolgen einfacher Aufforderung)“
„Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Schlafstörungen)“
Daraus ergibt sich natürlich die zwingende Frage, wie Benjamins Entwicklung zu diesem Zeitpunkt schon hätte professionell gefördert werden können. Darüber zu spekulieren, wäre allerdings reine Energieverschwendung.
Die ungewöhnliche Sprachentwicklung unseres Sohnes äußerte sich in vielen Besonderheiten. Außer der Beobachtung, dass Benjamin eher mit sich selbst sprach und nur bei dringenden Bedürfnissen mit uns kommunizierte, fiel uns auf, dass er keine Zweiwortsätze bildete. Einige Wörter sprach er sehr deutlich aus, andere dagegen nur rudimentär. Schon damals beobachteten wir, dass er viele Wörter lediglich ein einziges Mal benutzte. Danach schienen sie aus seinem Sprachgebrauch verschwunden zu sein. Es sollte noch über drei Jahre dauern, bis wir die Gewissheit hatten, dass davon nur Benjamins aktiver Wortschatz betroffen war, keineswegs jedoch sein passiver Wortschatz. Viele kleine, zufällige Erlebnisse zeigten uns immer wieder, dass sein Sprachverständnis sich nahezu altersgerecht entwickelte. So erwiderte er auf die Feststellung, dass sein Teller „Alle, alle!“ sei, immer: „Leer!“. Im Übrigen war er laufend damit beschäftigt, seine Spiele mit ausdauernden Monologen zu kommentieren, aber uns gelang es kaum, ein für uns verständliches Wort herauszuhören. Die folgende Aufzählung soll seine Sprachentwicklung in dieser Zeit verdeutlichen:
10 Monate: „pap-pap“
11 Monate: „Ball-la“
12 Monate: „brumm, brumm“ (Auto)
13 Monate: „danke“
14 Monate: „mam-mam“ (für Essen und Zähneputzen), „Nani“ (Banane), „alle“
15 Monate: „Hammer“
16 Monate: „Teddy“ (zu allen Plüschtieren)
17 Monate: „Leiter“, „Eimer“, „Gag-gag“ (alle Badetiere), „Nane“ (Banane), „Mama“ und „Papa“ (nicht als Anredeform)
18 Monate: „Decke“, „Auto“ (Autos und Boote)
19 Monate: „eins, zwei, drei“, „geht nicht“, „halt“
20 Monate: „Nein, nein“, „Kröte“, „mehr“, „baden“, „Didi“ (Dinosaurier und Krokodile), „Mille“ (Milch)
21 Monate: „na klar“, „Wasser“
22 Monate: „Hallo“ (ins Spielzeugtelefon), „Ei“, „Wau“, „leer“, „Saft“
23 Monate: „Arielle“, „Ines“
Mehr verständliche Worte bekamen wir in den ersten zwei Lebensjahren von unserem Sohn nicht zu hören. Ein zweijähriges Kind sollte einen Wortschatz „von vielleicht 30 Wörtern“2 bis zu 2503 Wörtern besitzen, aber kann man Wörter, die nur ein einziges Mal oder sehr selten benutzt werden, als Wortschatz bezeichnen? Wörter wie „eins, zwei, drei“ oder „Kröte“ zählten für mich damals jedenfalls nicht zum Wortschatz meines Kindes, weil ich sie für Zufälle hielt. Auch heute vermag ich auf diese Frage keine Antwort zu geben. Auffällig war weiterhin, dass Benjamin keine Fragewörter benutzte, keine Fragen beantwortete und uns nicht mit Mama oder Papa ansprach. „Mama“ und „Papa“ glaubten wir wenige Male in seinen Monologen zu hören, wenn er mit seinem DUPLO-Zoo spielte. Er benutzte seine karge Sprache nur, um etwas zu bekommen, jedoch nicht, um mit anderen Kontakt aufzunehmen. Warum konnte er aber seine Spiele mit einem derart lebhaften Geplapper untermalen und warum blieb die Qualität seiner Sprache dabei unverändert? Bücher zum Thema Spracherwerb wurden nun zu meiner bevorzugten Lektüre, aber keines kannte unsere Probleme und konnte mir irgendwie weiterhelfen. Wie sollte ich zum Beispiel einem Kind Bilderbücher vorlesen, wenn ich es nicht dazu bewegen konnte, neben mir zu sitzen und zuzuhören? Warum war mein Kind nicht an meinen Vorlesekünsten interessiert? Auch für Fingerspiele, Singen oder Musizieren zeigte Benjamin kein Interesse. Wenigstens ertrug er es einigermaßen gelassen, wenn ich mit Conrad sang und musizierte, immer in der Hoffnung, er würde sich doch einmal zu uns gesellen. Die Tochter meiner Freundin, die fast zweijährige Lisa, ließ sich inzwischen von mir mit großer Freude Bücher vorlesen, beantwortete bereitwillig einfache Fragen und hörte auch gespannt zu, wenn Conrad für Lisa den Inhalt von Benjamins Büchern erzählte. Benjamin schien das überhaupt nicht zu stören, er war kein bisschen eifersüchtig auf Lisa. Im Gegenteil: Offenbar war er froh, wenn sich niemand in sein Spiel einmischte. Er genoss es, nicht beachtet zu werden. Zu Beginn hielt ich das Fehlen von Eifersucht für eine charakterliche Stärke meines Sohnes, aber ziemlich bald fragte ich mich, ob es nicht eher ein Defizit in seiner sozialen Entwicklung darstellte.
Von den Büchern zum Thema Sprache und Spracherwerb wurden wir genauso enttäuscht wie von anderen Ratgebern. Werke mit verheißungsvollen Titeln wie „Jedes Kind kann Regeln lernen“, „Jedes Kind kann richtig essen“ oder „Jedes Kind kann schlafen lernen“, die sich „Kompetente Ratgeber für den Alltag“ nennen, wurden von einigen unserer Bekannten hoch gelobt und uns empfohlen, weil wir dort Hilfe finden würden. Wir als verzweifelte Eltern mussten allerdings feststellen, dass all diese vielversprechenden Ratschläge bei unserem Kind nicht funktionierten und uns keinen Schritt weiterbrachten. Gehörte unser Sohn also nicht zu der Kategorie „jedes Kind“? Und wenn er nicht ein „jedes Kind“ ist, was ist er dann für ein Kind?
Eines Abends, kurz vor Benjamins zweitem Geburtstag, bemerkten wir einen bedrohlichen Riss im Putz der Decke des Kinderzimmers. Ich nahm die Kinder und kreuzte kurzerhand bei meinen Eltern auf, während mein Mann die Feuerwehr rief. Die Kinder hatten schon gegessen und gebadet und sollten gerade ins Bett gebracht werden. Um ihnen unnötige Aufregung zu ersparen, hielten wir es für besser, dass ich mit ihnen wegging, bis die Situation geklärt war. Doch Benjamin fing schon an zu weinen, als wir bei seinen Großeltern vor der Tür standen. Drinnen versuchte ich, mich mit den Kindern auf eine Couch zu legen, um wenigstens ein bisschen zu schlafen, aber Benjamin stand auf der Couch, versuchte trotz Schlafsack zu fliehen und weinte immer lauter. Seine Großmutter kam herein, um mir gute Ratschläge zu geben, und Benjamin weinte noch heftiger. Sie hielt mich offenbar für völlig unfähig im Umgang mit diesem Kind, wobei ich das langsam selber glaubte, denn jeder Versuch, ihn zu beruhigen, scheiterte. Jedes Mal, wenn meine Mutter eine neue Idee zum Beruhigen zu haben glaubte, kam sie erneut herein und jedes Mal schien Benjamin noch verzweifelter zu weinen. Sicherlich hatte meine Mutter das nur gut gemeint, aber sie konnte mir nicht glauben, dass dieses kleine Kind voller Panik war und keinen Ausweg für sich aus dieser Situation sah. Vielleicht glaubte Benjamin, er müsse jetzt für immer hier bleiben oder ich würde ihn verlassen oder … Ich konnte nur mit Sicherheit sagen, dass es pure, nackte Angst war, die dieses kleine Bündel in meinen Armen verspürte, gepaart mit Hilflosigkeit, Müdigkeit und dem Gefühl einer Ohnmacht der ganzen Situation gegenüber. Auch ich fühlte mich hilflos, denn nichts, was ein anderes Kind beruhigt hätte, funktionierte bei Benjamin: kein Streicheln, kein Zureden, kein Singen, kein Schmusetier, kein Lieblingskissen, kein Trinken, kein Keks … Meine Arme schmerzten, denn es war Schwerstarbeit, Benjamin, der heftig um sich schlug, festzuhalten, damit er nicht sich oder andere verletzte. Gerade als ich nach mehreren Stunden kaum noch die Kraft hatte, mit dieser Situation weiterhin fertig zu werden, kam mein Mann und erklärte uns, der Gutachter der Feuerwehr hielte den Riss für ungefährlich, und deshalb würde er uns jetzt wieder nach Hause bringen. Kaum hatte er das gesagt und Benjamin auf den Arm genommen, hörte unser Sohn auf zu weinen, schluchzte nur noch kläglich und sank erschöpft auf die Schulter meines Mannes. Hatte er die Worte meines Mannes wirklich richtig verstanden? Da er sonst auf Fragen oder Bitten nie reagierte, zweifelte ich oft daran, ob er verstand, was wir sagten. Jetzt wurden diese Zweifel gerade wieder einmal zerstreut. Endlich zu Hause angekommen, kroch Benjamin sofort in sein Bett, obwohl er noch seine Jacke über seinem Schlafsack trug. Das wunderte uns sehr, denn so ein „Fehler“ unterlief ihm sonst nie. Noch mehr waren wir aber erstaunt, als wir sahen, dass Benjamin sofort einschlief. Eigentlich hatte ich mich innerlich schon auf massive Einschlafprobleme eingestellt. War er vom vielen Weinen körperlich zu ausgelaugt? Sicherlich, denn nach ein paar Stunden Schlaf wachte er wieder weinend auf und es folgten wie immer unzählige Beruhigungsversuche. Zu dieser Zeit war ich aber wenigstens durch die kleine Portion Schlaf etwas ausgeruht. In mir regte sich die bange Frage, wie lange ich noch diesen physischen Belastungen standhalten konnte, wenn Benjamin jede Fremdbetreuung verweigerte.
Meine zwei Erziehungsjahre waren fast um und erneut sah unsere theoretische Planung vor, dass ich meine Berufstätigkeit nun wieder aufnehmen würde. Allerdings wusste ich nicht, wie sich Benjamin in den Kindergarten eingewöhnen sollte, da er noch immer keine Person außer mir und meinem Mann an sich heranließ. Die Kinderärztin äußerte sich bedenklich zu einem Kindergartenbesuch, da er weiterhin häufig krank war. Gerade hatte er wieder einmal eine Rachenentzündung überstanden, schon fieberte er erneut. Ich beschloss, meinen Sohn wenigstens in der Kindertagesstätte einmal vorzustellen, denn vielleicht würde mir dies erleichtern, eine Entscheidung zu fällen. Benjamin verhielt sich in der fremden Umgebung nicht so ängstlich wie erwartet. Er weinte nicht, verließ auch kurzzeitig meinen Arm und lief ein paar Schritte herum – was für ein Fortschritt! Das spielte sich aber alles nur im Büro der Leiterin ab und er bekam kein fremdes Kind zu Gesicht. Trotzdem schöpfte ich neue Hoffnung, vielleicht war das Eis ja nun gebrochen. Diese Hoffnung wurde jäh zerstört, als mir die Leiterin erklärte, dass sie keine Kinder aufnähme, die mit zwei Jahren noch nicht sauber seien. Es stünden genug Kinder auf der Warteliste und die Erzieherinnen hätten eh schon genug zu tun. Ich würde aber meinen Platz auf der Warteliste nicht verlieren und könne mich wieder melden, wenn Benjamin sauber wäre. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet und so verschlug es mir die Sprache. Was konnten wir jetzt noch tun? Meine Vernunft riet mir, in meinen geliebten Beruf zurückzukehren, mein Bauchgefühl sagte mir, dass mich mein kleines, kompliziertes Söhnchen dringender brauchte. Mein Bauchgefühl siegte und dabei spürte ich eine wohltuende Erleichterung. Diese Entscheidung habe ich nie bereut. Wir beschlossen, Benjamin vorerst für ein weiteres Jahr zu Hause zu behalten.




