Anton Reiser. Ein psychologischer Roman

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Doch aber fand Anton auch zuweilen im einsamen Gebete noch eine Art von heimlichem Vergnügen, wenn er in [70]irgendeinem Winkel der Werkstatt kniete, und Gott bat, dass er doch eine einzige von den großen Veränderungen in seiner Seele hervorbringen möchte, wovon er seit seiner Kindheit schon so viel gelesen und gehört hatte. Und so weit ging die Täuschung seiner Einbildungskraft, dass es ihm zuweilen wirklich war, als ginge etwas ganz Besonders im Innersten seiner Seele vor; und sogleich war auch der Gedanke da, wie er nun diesen seinen Seelenzustand etwa in einem Briefe an seinen Vater oder den Herrn von F[leischbein] einkleiden, oder ihn Herrn L[obenstein] erzählen wollte. Es waren also dergleichen eingebildete innere Gefühle immer eine süße Nahrung seiner Eitelkeit, und das innige Vergnügen, was er darüber empfand, wurde vorzüglich durch den Gedanken erweckt, dass er doch nun sagen könnte, er habe ein solches göttliches, himmlisches Vergnügen in seiner Seele empfunden – es schmeichelte ihm immer sehr, wenn erwachsene und bejahrte Leute seinen Seelenzustand für so wichtig hielten, dass sie sich darum bekümmerten. Das war der Grund, dass er sich so oft einen abwechselnden Seelenzustand zu haben einbildete, um dann etwa dem Herrn L[obenstein] klagen zu können, dass er sich in einem Zustande der Leere, der Trockenheit befinde, dass er keine rechte Sehnsucht nach Gott bei sich verspüre, usw., und sich alsdann den Rat des Herrn L[obenstein] über diesen seinen Seelenzustand ausbitten zu können, der ihm denn auch immer mit vieler für ihn schmeichelhaften Wichtigkeit erteilt ward.
Ja es kam gar einmal so weit, dass über seinen Seelenzustand mit dem Herrn von F[leischbein] korrespondiert, und ihm eine Stelle in dem Briefe des Herrn von F[leischbein], die sich auf ihn bezog, gezeigt wurde. Was Wunder, [71]dass er auf die Weise veranlasst wurde, sich durch allerlei eingebildete Veränderungen seines Seelenzustandes, in seinen eignen Augen sowohl, als in den Augen andrer, bei dieser Wichtigkeit zu erhalten, da er als ein Wesen betrachtet wurde, bei dem sich eine ganz eigne besondre Führung Gottes offenbarte.
Er bekam nun auch eine schwarze Schürze, wie der andre Lehrbursche, und anstatt, dass ihn dieser Umstand hätte niederschlagen sollen, trug er vielmehr vieles zu seiner Zufriedenheit bei. Er betrachtete sich nun als einen Menschen, der schon anfing, einen gewissen Stand zu bekleiden. Die Schürze brachte ihn gleichsam in Reihe und Glied mit andern seinesgleichen, da er vorher einzeln und verlassen dastand – er vergaß über die Schürze eine Zeitlang seinen Hang zum Studieren; und fing an, auch an den übrigen Handwerksgebräuchen eine Art von Gefallen zu finden, der ihn nichts eifriger wünschen ließ, als dieselben einmal mitmachen zu können. – Er freute sich innerlich, sooft er den Gruß eines einwandernden Gesellen hörte, der das gewöhnliche Geschenk zu fordern kam; und keine größere Glückseligkeit konnte er sich denken, als wenn er auch einmal als Geselle so einwandern, und dann, nach Handwerksgebrauch, den Gruß mit den vorgeschriebnen Worten hersagen würde. –
So hängt das jugendliche Gemüt immer mehr an den Zeichen, als an der Sache, und es lässt sich von den frühen Äußerungen bei Kindern, in Ansehung der Wahl ihres künftigen Berufes, wenig oder gar nichts schließen. – Sobald Anton lesen gelernt hatte, fand er ein unbeschreibliches Vergnügen darin, in die Kirche zu gehen; seine Mutter und seine Base konnten sich nicht gnug darüber freuen. [72]Was ihn aber in die Kirche trieb, war der Triumph, den er allemal genoss, wenn er nach dem schwarzen Brette, wo die Nummern der Gesänge angeschrieben waren, hinsehen, und etwa einem erwachsenen Menschen, der neben ihm stand, sagen konnte, was es für eine Nummer sei: und wenn er denn ebenso, und oft noch geschwinder, als die erwachsenen Leute, diese Nummer in seinem Gesangbuche aufschlagen, und nun mitsingen konnte. –
Die Zuneigung des Herrn L[obenstein] gegen Anton schien itzt immer größer zu werden, je mehr dieser nach seiner geistlichen Führung ein Verlangen bezeigte. – Er ließ ihn oft bis um Mitternacht an den Gesprächen mit seinen vertrautesten Freunden teilnehmen, mit denen er sich gemeiniglich über seine und anderer Erscheinungen zu unterhalten pflegte, welche zuweilen so schaudervoll waren, dass Anton mit bergan stehendem Haare zuhorchte. Gemeiniglich wurde erst spät zu Bett gegangen. Und wenn der Abend mit solchen Gesprächen zugebracht war, so pflegte L[obenstein] am folgenden Morgen beim Aufstehen wohl zu fragen, ob Anton die Nacht nichts vernommen, nichts in der Kammer gehen gehört habe?
Manchmal unterhielt sich auch L[obenstein] des Abends mit Anton allein, und sie lasen dann zusammen etwa in den Schriften des Taulerus, Johannes vom Kreuz, und ähnlichen Büchern. – Es schien, als ob zwischen ihnen eine dauerhafte Freundschaft entstehen würde. Anton fasste auch wirklich eine Art von Liebe gegen L[obenstein], aber diese Empfindung war immer mit etwas Herbem untermischt, mit einem gewissen Gefühl von Ertötung und Vernichtung, welches durch L[obenstein]s bittersüßes Lächeln erzeugt wurde.
[73]Indes blieb Anton jetzt von harten und niedrigen Arbeiten, mehr wie sonst, verschont. L[obenstein] ging zuweilen mit ihm spazieren; ja er nahm ihm sogar einen Klaviermeister an. – Anton war entzückt über seinen Zustand, und schrieb einen Brief an seinen Vater, worin er demselben auf das lebhafteste seine Zufriedenheit bezeigte.
Nun hatte aber auch Antons Glück im L[obenstein]schen Hause den höchsten Gipfel erreicht, und sein Fall war nahe. Alles sahe ihn mit neidischen Augen an, seitdem ihm der Klaviermeister gehalten wurde. Es wurden hier Kabalen, wie an einem kleinen Hofe gespielt; man verleumdete ihn, man suchte ihn zu stürzen.
Solange L[obenstein] gegen Anton hart und unbillig verfahren war, genoss er des Mitleids und der Freundschaft aller übrigen Hausgenossen; sobald es aber schien, als ob dieser ihm seine Freundschaft und Vertrauen zuwenden würde, nahm in ebendem Maße ihre Feindschaft und Misstrauen gegen ihn zu. Und sobald es ihnen nur gelungen war, ihn wieder zu sich herunterzubringen, und man es so weit gebracht hatte, dass der Klaviermeister wieder abgedankt war, hatte man auch weiter nichts mehr gegen Anton: man war sein Freund, wie zuvor.
Nun hielt es aber nicht schwer, ihn der Gewogenheit eines so argwöhnischen und misstrauischen Mannes, wie L[obenstein] war, zu berauben; man durfte nur einige lebhafte Äußerungen von ihm erzählen; man durfte Herrn L[obenstein] nur auf verschiedne wirkliche Fehler der Nachlässigkeit und Unordnung, die Anton an sich hatte, bei jeder Gelegenheit aufmerksam machen, um seinen Gesinnungen bald eine andre Richtung zu geben. Dies wurde denn von der Haushälterin, und den übrigen [74]Untergebenen sehr gewissenhaft getan. – Indes dauerte es doch noch einige Monate, ehe man völlig seinen Zweck erreichte. Während welcher Zeit L[obenstein] sogar Antons Klaviermeister zu bekehren sich Mühe gab, welcher ein sehr rechtschaffner und frommer Mann war, aber Herrn L[obenstein]s Meinung nach, sich Gott noch nicht ganz hingegeben hatte, und sich nicht leidend gnug gegen ihn verhielt.
Dieser Mann musste denn auch oft bei Herrn L[obenstein] speisen, verdarb es aber am Ende dadurch, dass er sich zu viel Butter auf das Brot schmierte; auf diesen Umstand machte die Haushälterin Herrn L[obenstein] aufmerksam, um dadurch ihren Zweck zu erreichen, dem Klavierspielen Antons ein Ende zu machen, damit er nicht mehr über die andern Hausgenossen erhoben wäre.
Anton hatte überdem nicht viel Genie zur Musik, und lernte folglich nicht viel in seinen Stunden. Ein paar Arien und Choräle waren alles, was er mit vieler Mühe fassen konnte. Und die Klavierstunde war ihm immer eine sehr unangenehme Stunde. Auch wurde ihm die Applikatur sehr schwer, und L[obenstein] fand immer an der Figur seiner weitausgespreiteten Finger etwas auszusetzen.
Indes gelang es ihm doch einmal, wie dem David beim Saul, den bösen Geist des Herrn L[obenstein] durch die Kraft der Musik zu vertreiben. Er hatte ein kleines Versehen begangen, und weil die Neigung des Herrn L[obenstein] gegen ihn schon anfing, sich in Hass zu verwandeln, so hatte dieser ihm des Abends vor dem Schlafengehen eine harte Züchtigung dafür zugedacht. Anton merkte dies an allem wohl. Und als die Stunde heranzunahen schien, fasste er den Mut, einen Choral, den ersten den er gelernt hatte, auf dem Klavier zu spielen, und dazu zu singen. Dies [75]überraschte Herrn L[obenstein], er gestand ihm, dass grade diese Stunde zu einer nachdrücklichen Bestrafung bestimmt gewesen wäre, die er ihm nun schenkte.
Anton erdreistete sich nun sogar, ihm einige Vorstellungen wegen der anscheinenden Abnahme seiner Freundschaft und Liebe gegen ihn zu tun, worauf L[obenstein] ihm gestand, dass seine Zuneigung gegen ihn freilich so stark nicht mehr sei, und dass dieses notwendig an Antons verschlimmertem Seelenzustande liegen müsse, wodurch gleichsam eine Scheidewand zwischen ihm und seiner ehemaligen Liebe gezogen wäre. Er habe die Sache Gott im Gebet vorgetragen, und diesen Aufschluss darüber erhalten.
Dies war nun sehr traurig für Anton, und er fragte, wie er es denn anzufangen habe, um seinen verschlimmerten Seelenzustand wieder zu verbessern? – Seinen Weg in Einfalt zu wandeln, und sich ganz Gott zu überlassen, war die Antwort, sei das einzige Mittel, seine Seele zu retten. – Weiter wurden keine nähern Anweisungen erteilt. Herr L[obenstein] hielt es nicht für gut, Gott gleichsam vorzugreifen, der sich selber von Anton abgezogen zu haben schien. – Die nachdrücklich ausgesprochnen Worte aber, seinen Weg in Einfalt zu wandeln, hatten darauf Bezug, dass ihm Anton seit einiger Zeit zu klug zu werden anfing, zu viel sprach und vernünftelte, und überhaupt, wegen der Zufriedenheit mit seinem Zustande, zu lebhaft wurde. – Diese Lebhaftigkeit war ihm der gerade Weg zu Antons Verderben, der nach dieser Heiterkeit in seinem Gesichte notwendig ein ruchloser, weltlich gesinnter Mensch werden musste, von dem nichts anders zu vermuten stand, als dass ihn Gott selbst in seinen Sünden dahingehen würde. –
[76]Hätte Anton seinen Vorteil besser verstanden, so hätte er itzt durch ein niedergeschlagenes, misanthropisches Wesen, vorgegebene Beängstigungen und Beklemmungen seiner Seele noch alles wiedergutmachen können. Denn nun würde L[obenstein] geglaubt haben, Gott sei im Begriff, die verirrte Seele wieder zu sich zu ziehen. –
Aber weil L[obenstein] den Grundsatz hatte, dass derjenige, welchen Gott bekehren wolle, auch ohne sein Zutun bekehrt werde; und dass Gott erwählet, welchen er will, und verwirft und verstocket, welchen er will, um seine Herrlichkeit zu offenbaren – so schien es ihm gleichsam gefährlich, sich in die Sache Gottes zu mischen, wenn es etwa den Anschein hatte, als ob einer wirklich von Gott verworfen wäre.
Mit Anton hatte es nun, seinen lebhaften und weltlich gesinnten Mienen nach, bei dem Herrn L[obenstein] würklich beinahe diesen Anschein. – Die Sache war ihm so wichtig gewesen, dass er darüber mit dem Herrn von F[leischbein] korrespondiert hatte. – Und nun zeigte er Anton wiederum in dem Briefe des Herrn von F[leischbein] eine Stelle, die ihn betraf; und worin der Herr von F[leischbein] versicherte, allen Kennzeichen nach habe der Satan seinen Tempel in Antons Herzen schon so weit aufgebauet, dass er schwerlich wieder zerstört werden könne. –
Das war wirklich ein Donnerschlag für Anton – aber er prüfte sich, und verglich seinen jetzigen Zustand mit dem vorhergehenden, und es war ihm unmöglich, irgendeinen Unterschied dazwischen zu entdecken; er hatte noch ebenso oft, eingebildete göttliche Rührungen und Empfindungen, wie sonst; er konnte sich nicht überzeugen, dass er ganz aus der Gnade gefallen, und von Gott verworfen sein [77]sollte. Er fing an der Wahrheit des Orakelspruchs von dem Herrn von F[leischbein] an zu zweifeln.
Dadurch verlor sich seine Niedergeschlagenheit wieder, die ihm sonst vielleicht aufs Neue den Weg zu der Gunst des Herrn L[obenstein] würde gebahnt haben, dessen Freundschaft er nun durch seine fortgesetzten vergnügten Mienen vollends verscherzte.
Die erste Folge davon war, dass ihn L[obenstein] aus seiner Kammer entfernte, und er wieder bei dem andern Lehrburschen schlafen musste, der nun anfing wieder sein Freund zu werden, weil er ihn nicht mehr beneidete; die andre, dass er wieder anfangen musste, mehr wie jemals die schwersten und niedrigsten Arbeiten zu verrichten, wobei er immer in der Werkstatt bleiben musste, und nur selten zu Herrn L[obenstein] in die Stube kommen durfte. Der Klaviermeister wurde nur noch deswegen beibehalten, weil L[obenstein] das angefangne Werk der Bekehrung in ihm vollenden, und also statt einer verlornen Seele Gott wieder eine andre zuführen wollte.
Der Winter kam heran, und jetzt fing Antons Zustand wirklich an, hart zu werden: er musste Arbeiten verrichten, die seine Jahre und Kräfte weit überstiegen. L[obenstein] schien zu glauben, da nun mit Antons Seele doch weiter nichts anzufangen sei, so müsse man wenigstens von seinem Körper allen möglichen Gebrauch machen. Er schien ihn jetzt wie ein Werkzeug zu betrachten, das man wegwirft, wenn man es gebraucht hat.
Bald wurden Antons Hände durch den Frost und die Arbeit zum Klavierspielen gänzlich untauglich gemacht. – Er musste fast alle Woche ein paarmal des Nachts mit dem andern Lehrburschen aufbleiben, um die geschwärzten Hüte [78]aus dem siedenden Färbekessel herauszuholen, und sie dann unmittelbar darauf in der vorbeifließenden Oker zu waschen, wo zu dem Ende erst eine Öffnung in das Eis musste gehauen werden. Dieser oft wiederholte Übergang von der Hitze zum Frost, machte, dass Anton beide Hände aufsprangen, und das Blut ihm heraussprützte.
Allein statt dass dieses ihn hätte niederschlagen sollen, erhob es vielmehr seinen Mut. Er blickte mit einer Art von Stolz auf seine Hände, und betrachtete die blutigen Merkmale daran, als so viel Ehrenzeichen von seiner Arbeit; und solange diese harten Arbeiten noch für ihn den Reiz der Neuheit hatten, machten sie ihm ein gewisses Vergnügen, das vorzüglich im Gefühl seiner körperlichen Kräfte bestand; zugleich gewährten sie ihm eine Art von süßem Freiheitsgefühl, das er bisher noch nicht gekannt hatte.
Es war ihm, als wenn er nun auch sich selbst etwas mehr nachsehen könne, nachdem er ebenso wie die andern gearbeitet, und des Tages Last und Hitze wie sie getragen hatte. Unter den beschwerlichsten Arbeiten empfand er eine Art von innerer Wertschätzung, die ihm die Anstrengung seiner Kräfte verschaffte; und oft würde er diesen Zustand kaum gegen die peinliche Lage wieder vertauscht haben, worin er sich beim Genuss der strengen und alle Freiheit vernichtenden Freundschaft L[obenstein]s befand.
Dieser aber fing jetzt an, ihn immer härter zu drücken: oft musste er in der bittersten Kälte, den ganzen Tag über, in einer ungeheizten Stube Wolle kratzen. Dies war ein klüglich ausgesonnenes Mittel des Herrn L[obenstein], um Antons Arbeitsamkeit zu vermehren: denn wenn er nicht vor Kälte umkommen wollte, so musste er sich rühren, [79]so viel nur in seinen Kräften stand, dass ihm abends oft beide Arme wie gelähmt, und doch Hände und Füße erfroren waren.
Diese Arbeit machte ihm wegen ihrer ewigen Einförmigkeit sein Los am bittersten. Besonders, wenn manchmal seine Phantasie dabei nicht in Gang kommen wollte; war diese hingegen durch den schnellern Umlauf des Bluts einmal in Bewegung geraten, so flossen ihm oft die Stunden des Tages unvermerkt vorüber. Er verlor sich oft in entzückenden Aussichten. Zuweilen sang er seine Empfindungen, in Rezitativen, von seiner eignen Melodie. Und wenn er sich besonders von der Arbeit ermüdet, seine Kräfte erschöpft, und von seiner Lage gedrückt fühlte, mochte er sich am liebsten in religiösen Schwärmereien, von Aufopferung, gänzlicher Hingebung, usw. verlieren, und der Ausdruck Opfersaltar war ihm vorzüglich rührend, so dass er diesen in alle die kleinen Lieder und Rezitative von seiner Erfindung mit einwebte.
Die Unterhaltungen mit seinem Mitlehrburschen (dieser hieß August) fingen nun wieder an, einen neuen Reiz für ihn zu bekommen, und ihre Gespräche wurden vertraulich, da sie nun einander wieder gleich waren. Die Nächte, welche sie oft zusammen durchwachen mussten, machten ihre Freundschaft noch inniger. Am allervertraulichsten wurden sie aber, wenn sie zusammen in der sogenannten Trockenstube saßen. Dieses war ein in die Erde gemauertes, oben mit Backsteinen zugewölbtes Loch, worin gerade ein Mensch aufrecht stehen, und ohngefähr zwei Menschen sitzen konnten. In dieses Loch wurde ein großes Kohlenbecken gesetzt, und an den Wänden umher, die mit Scheidewasser bestrichnen Hasenfelle aufgehangen, deren Haar [80]hier weichgebeizt wurde, um nachher zu den feinern Hüten als Zutat gebraucht zu werden.
Vor diesem Kohlenbecken und in diesem Dunstkreise saßen Anton und August in dem halbunterirdischen Loche, in welches man mehr hineinkriechen als hineingehen musste, und fühlten sich durch die Enge des Orts, der nur durch die Glut der Kohlen schwach erleuchtet wurde, und durch das Abgesonderte, Stille und Schauerliche dieses dunklen Gewölbes, so fest zusammengeschlossen, dass ihre Herzen oft in wechselseitigen Ergießungen der Freundschaft überströmten. Hier entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele; hier brachten sie die seligsten Stunden zu.
L[obenstein] war, wie der Herr von F[leischbein] und alle seine Anhänger, ein Separatist, der sich nicht zu Kirche und Abendmahl hielt. Solange also die Freundschaft zwischen ihm und Anton gedauert hatte, war dieser fast gar in keine Kirche in B[raunschweig] gekommen. Jetzt nahm ihn August des Sonntags mit in die Kirche, und sie gingen immer in andre, weil Anton ein Vergnügen daran fand, die verschiedenen Prediger nacheinander zu hören. –
Nun saßen Anton und August einmal um Mitternacht zusammen in der Trockenstube, und sprachen über verschiedene Prediger, die sie gehört hatten, als der Letztre dem Anton versprach, ihn künftigen Sonntag mit in die B[rüdern]kirche zu nehmen, wo er einen Prediger hören würde, der alles überträfe, was er sich denken und vorstellen könnte. Dieser Prediger hieß P[aulmann], und August konnte nicht aufhören, zu erzählen, wie er oft durch die Predigten dieses Mannes erschüttert und bewegt sei. Nichts war [81]für Anton reizender, als der Anblick eines öffentlichen Redners, der das Herz von Tausenden in seiner Hand hat. Er hörte aufmerksam auf das, was August ihm erzählte. Er sahe schon im Geist den Pastor P[aulmann] auf der Kanzel, er hörte ihn schon predigen. Sein einziger Wunsch war, dass es nur erst möchte Sonntag sein!
Der Sonntag kam heran. Anton stand früher, wie gewöhnlich, auf, verrichtete seine Geschäfte, und kleidete sich an. Als geläutet wurde, hatte er schon eine Art von angenehmem Vorgefühl dessen, was er nun bald hören werde. Man ging zur Kirche. Die Straßen, welche nach der B[rüdern]kirche führten, waren voller Menschen, die stromweise hinzueilten. – Der Pastor P[aulmann] war eine Zeitlang krank gewesen, und predigte nun zum ersten Male wieder: das war auch die Ursach, warum August nicht gleich zuerst mit Anton in diese Kirche gegangen war.
Als sie hereinkamen, konnten sie kaum noch ein Plätzchen der Kanzel gegenüber finden. Alle Bänke, die Gänge und Chöre waren voller Menschen, welche alle einer über den andern wegzusehen strebten. Die Kirche war ein altes gotisches Gebäude mit dicken Pfeilern, die das hohe Gewölbe unterstützten, und ungeheuren langen bogigten Fenstern, deren Scheiben so bemalt waren, dass sie nur ein schwaches Licht durchschimmern ließen.
So war die Kirche schon von Menschen erfüllt, ehe der Gottesdienst noch begann. Es herrschte eine feierliche Stille. Auf einmal ertönte die vollstimmige Orgel, und der ausbrechende Lobgesang einer solchen Menge von Menschen schien das Gewölbe zu erschüttern. Als der letzte Gesang zu Ende ging, waren aller Augen auf die Kanzel geheftet, [82]und man bezeigte nicht minder Begierde, diesen fast angebeteten Prediger zu sehen, als zu hören.
Endlich trat er hervor, und kniete auf den untersten Stufen der Kanzel, ehe er hinaufstieg. Dann erhob er sich wieder, und nun stand er da vor dem versammleten Volke. Ein Mann noch in der vollen Kraft seiner Jahre – sein Antlitz war bleich, sein Mund schien sich in ein sanftes Lächeln zu verziehen, seine Augen glänzten himmlische Andacht – er predigte schon, wie er da stand, mit seinen Mienen, mit seinen still gefaltenen Händen.
Und nun, als er anhub, welche Stimme, welch ein! – Erst langsam und feierlich, und dann immer schneller und fortströmender: so wie er inniger in seine Materie eindrang, so fing das Feuer der Beredsamkeit in seinen Augen an zu blitzen, aus seiner Brust an zu atmen, und bis in seine äußersten Fingerspitzen Funken zu sprühen. Alles war an ihm in Bewegung; sein Ausdruck durch Mienen, Stellung und Gebärden überschritt alle Regeln der Kunst, und war doch natürlich, schön, und unwiderstehlich mit sich fortreißend.
Da war kein Aufenthalt in dem mächtigen Erguss seiner Empfindungen und Gedanken; das künftige Wort war immer schon im Begriff hervorzubrechen, ehe das vorhergehende noch völlig ausgesprochen war; wie eine Welle die andere in der strömenden Flut verschlingt, so verlor sich jede neue Empfindung sogleich in der folgenden, und doch war diese immer nur eine lebhaftre Vergegenwärtigung der vorhergegangnen.
Seine Stimme war ein heller Tenor, der bei seiner Höhe eine ungewöhnliche Fülle hatte; es war der Klang eines reinen Metalls, welcher durch alle Nerven vibriert. Er sprach [83]nach Anleitung des Evangeliums gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, gegen Üppigkeit und Verschwendung; und im höchsten Feuer der Begeisterung redete er zuletzt die üppige und schwelgerische Stadt, deren Einwohner größtenteils in dieser Kirche versammlet waren, mit Namen an; deckte ihre Sünden und Verbrechen auf; erinnerte sie an die Zeiten des Krieges, an die Belagerung der Stadt, an die allgemeine Gefahr zurück, wo die Not alle gleichmachte, und brüderliche Eintracht herrschte; wo den üppigen Einwohnern, statt ihrer jetzo unter der Last der Schüsseln seufzenden Tische, Hunger und Teurung, statt ihrer Armbänder und Geschmeide, Fesseln drohten. – Anton glaubte einen der Propheten zu hören, der im heiligen Eifer das Volk Israel strafte, und die Stadt Jerusalem wegen ihrer Verbrechen schalt. –
Anton ging aus der Kirche nach Hause, und sagte zu August kein Wort; aber er dachte von nun an, wo er ging und stund, nichts als den Pastor P[aulmann]. Von diesem träumete er des Nachts, und sprach von ihm bei Tage; sein Bild, seine Miene, und jede seiner Bewegungen hatten sich tief in Antons Seele eingeprägt. – Beim Wollekratzen in der Werkstatt, und beim Hütewaschen beschäftigte er sich die ganze Woche über mit den entzückenden Gedanken an die Predigt des Pastor P[aulmann], und wiederholte sich jeden Ausdruck, der ihn erschüttert, oder zu Tränen gerührt hatte, zu unzähligen Malen. Seine Einbildungskraft schuf sich dann die alte majestätische Kirche, und die lauschende Menge, und die Stimme des Predigers hinzu, welche itzt in seiner Phantasie noch weit himmlischer klang. – Er zählte Stunden und Minuten bis zum nächsten Sonntage.
Dieser kam; und ist je ein unauslöschlicher Eindruck auf [84]Antons Seele gemacht worden, so war es die Predigt, die er an dem Tage hörte. – Die Anzahl von Menschen war womöglich noch größer, als am vorigen Sonntage. – Vor der Predigt wurde ein kurzes Lied gesungen, worin die Worte des Psalms vorkommen:
»Herr, wer wird wohnen in deiner Hütte? wer wird bleiben auf deinem heiligen Berge?
Wer ohne Wandel einhergehet und recht tut, und redet die Wahrheit von Herzen.
Wer mit seiner Zungen nicht verleumdet, und seinem Nächsten kein Arges tut, und seinen Nächsten nicht schmähet.
Wer die Gottlosen nichts achtet, und ehret die Gottesfürchtigen: Wer seinem Nächsten schwöret, und hält’s.
Wer sein Geld nicht auf Wucher gibt, und nimmt nicht Geschenk über den Unschuldigen. Wer das tut, der wird wohl bleiben.«
Durch dies kurze und erschütternde Lied wurde man gleichsam voll Erwartung dessen, was da kommen sollte. Das Herz war zu großen und erhabnen Eindrücken vorbereitet, als der Pastor P[aulmann] mit feierlichem Ernst in seiner Miene, wie ganz in sich versenkt, auftrat, und ohne Gebet und Eingang, mit ausgestrecktem Arm, zu reden anhub und sprach:
»Wer nicht Witwen und Waisen drückt; wer nicht heimlicher Verbrechen sich bewusst ist; wer seinen Nächsten nicht mit Wucher übervorteilet; wem kein Meineid die Seele belastet; der hebe voll Zutrauen seine Hände mit mir zu Gott empor, und bete: Vater unser! usw.«








