Anton Reiser. Ein psychologischer Roman

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[85]Und nun las er das Sonntagsevangelium von Johannes dem Täufer, wo dieser gefragt wird, ob er Christus sei? »und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte; ich bin nicht Christus! –« Von diesen Worten nahm er Gelegenheit vom Meineide zu predigen, und nachdem er die Worte des Evangeliums mit einer etwas gedämpften, feierlichern Stimme gelesen hatte, hub er nach einer Pause an:
Weh dir, der du gewissenlos
Gott, deinen Herrn verleugnet!
Was trägst du deine Stirne bloß,
Die schwarzer Meineid zeichnet? –
Mit dieser Stirne logst du Gott,
Sein heil’ger Name war dir Spott,
Wie tief bist du gefallen!
Weh dir, vor Gottes Angesicht
Trittst du – er kennet deiner nicht –
Unglücklichster von allen,
Die einer Mutter Brust gesäugt –
Verzweifle nicht – vielleicht, vielleicht,
Dass einst nach deiner Tränen Menge,
Die Flamm’ in deinem Busen löscht,
Und Reue, mit der Jahre Länge,
Die Schuld von deiner Seele wäscht.
Der du die Freveltat begannst,
O gib, wenn du noch weinen kannst,
Die Hoffnung nicht verloren –
Gott wendet noch sein Angesicht,
Er will den Tod des Sünders nicht,
Sein Mund hat es geschworen. –
[86]Diese Worte, mit öftern Pausen, und dem erhabensten Pathos gesprochen, taten eine unglaubliche Wirkung. – Man atmete, da sie geendigt waren, tiefer herauf; man wischte sich den Schweiß von der Stirn. – Und nun wurde die Natur des Meineides untersucht, seine Folgen in ein schreckliches und immer schrecklicher Licht gestellt. Der Donner rollte auf das Haupt des Meineidigen herab, das Verderben nahte sich ihm, wie ein gewappneter Mann, der Sünder erbebte in den innersten Tiefen seiner Seele – er rief, »ihr Berge fallet über mich, und ihr Hügel bedecket mich!« – Der Meineidige erhielt keine Gnade, er wurde vor dem Zorn des Ewigen vernichtet. –
Hier schwieg er, wie erschöpft – ein panisches Schrecken bemächtigte sich aller Zuhörer. – Anton rechnete in der Eile die Jahre seines Lebens hindurch, ob er sich nicht etwa eines Meineids schuldig gemacht habe.
Aber nun begann der Zuspruch – dem Verzweifelnden wurde Gnade und Verzeihung angekündigt – wenn er zehnfach büßte, was er Witwen und Waisen entrissen; wenn er sein ganzes Leben hindurch seine Schuld mit Tränen der Reue und guten Werken wieder abzuwaschen suchte.
Die Gnade wurde dem Verbrecher nicht so leicht gemacht; sie musste durch Gebet und Tränen errungen werden. Und jetzt war es, als wolle er sie durch sein eignes Gebet und Tränen vor allem Volke vor Gott erringen, indem er sich selbst an die Stelle des seelenzerknirschten Sünders setzte. –
Dem Verzweifelnden wurde zugerufen: »knie nieder in Staub und Asche, bis deine Knie wund sind, und sprich: ich habe gesündiget im Himmel und vor dir« – und so fing sich [87]ein jeder Periode an mit: »ich habe gesündigt im Himmel und vor dir!« und dann folgte nach der Reihe das Bekenntnis: »Witwen und Waisen hab ich unterdrückt; dem Schwachen hab ich seine einzige Stütze, dem Hungrigen sein Brot genommen« – so ging es durch das ganze Register der Freveltaten. – Und jeder Periode schloss sich dann – »Herr, ist es möglich, dass ich noch Gnade finde!« –
Alles zerschmolz nun in Wehmut und Tränen. – Der Refrain bei jedem Perioden tat eine unglaubliche Wirkung – es war, als wenn jedes Mal die Empfindung einen neuen elektrischen Schlag erhielt, wodurch sie bis zum höchsten Grade verstärkt wurde. – Selbst die zuletzt erfolgende Erschöpfung, die Heiserkeit des Redners (es war, als schrie er zu Gott für die Sünden des Volks) trug zu der allgemeinen um sich greifenden Rührung bei, die diese Predigt verursachte; da war kein Kind, das nicht sympathetisch mitgeseufzt und mitgeweint hätte.
Drittehalb Stunden waren schon, wie Minuten verflossen – plötzlich hielt er inne, und schloss nach einer Pause mit denselben Versen, womit er begann. – Mit erschöpfter gedämpfter Stimme las er nun die öffentliche Beichte, das Sündenbekenntnis, und die darauf erfolgende angekündigte Vergebung ab; darauf betete er für diejenigen, welche zum Abendmahl gehen wollten, worin er sich mit einschloss, und dann sprach er mit aufgehabenen Händen den Segen. – Der Abfall der Stimme bei diesem allen gegen den Ton, welcher in der Predigt herrschte, hatte viel Feierliches und Rührendes.
Anton ging nun nicht aus der Kirche, er musste erst den Pastor P[aulmann] zum Abendmahl gehen sehen. – Alle Schritte desselben waren ihm nun heilig. Mit einer Art von [88]Ehrfurcht trat er auf den Fleck, wo er wusste, dass der Pastor P[aulmann] gegangen war. – Was hätte er itzt darum gegeben, dass er schon zum Abendmahl hätte mitgehen dürfen! Er sahe nun den Pastor P[aulmann] zu Hause gehen, dessen Sohn, ein Knabe von neun Jahren, nebenherging. – Seine ganze Existenz hätte Anton darum gegeben, um dieser glückliche Sohn zu sein. – Wenn er nun den Pastor P[aulmann] sahe, wie er mit der Gemeine, die ihn von allen Seiten umwallte, über die Straße ging, und immer von beiden Seiten, denen, die ihn grüßten, freundlich dankte, so war es, als ob er um sein Haupt einen gewissen Schimmer erblickte, und unter den übrigen Sterblichen ein übermenschliches Wesen dahinwandeln sahe, – sein höchster Wunsch war, durch sein Hutabnehmen, nur einen seiner Blicke auf sich zu ziehen – und als ihm das gelungen war, eilte er schnell nach Hause, um diesen Blick gleichsam in seinem Herzen zu bewahren.
Den folgenden Sonntag predigte der Pastor P[aulmann] des Mittages von der Liebe gegen die Brüder, und so seelenerschütternd seine Predigt wider den Meineid gewesen war, so sanftrührend war diese; die Worte flossen nun wie Honig von seinen Lippen, jede seiner Bewegungen war anders, sein ganzes Wesen schien sich nach dem Stoff, wovon er predigte, verändert zu haben. Und doch war hiebei nicht die mindeste Affektation. Es war ihm natürlich, sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen, die der Stoff seiner Rede veranlasste, zu verweben.
Diesen Vormittag hatte Anton mit erstaunlich langer Weile dem andern Prediger dieser Kirche zugehört – er geriet ein paarmal in eine Art von Wut gegen ihn, da sich alles anließ, als ob er jetzt Amen sagen würde, und er dann von [89]neuem in dem alten Tone wieder anfing. Jetzt war es mehr wie jemals Antons größte Qual, einer solchen langweiligen Predigt zuzuhören, da er sich nicht enthalten konnte, beständig Vergleichungen anzustellen, nachdem er sich einmal die Predigt des Pastor P[aulmann] als das höchste Ideal, gedacht hatte, welches ihm von jedem andern unerreichbar schien.
Als die Vormittagspredigt vorbei war, so war die Reihe an dem Pastor P[aulmann] die Einsegnung beim Abendmahl zu verrichten, welche Anton nun zum ersten Mal von ihm hörte. – Und nun, in welcher ehrwürdigen Gestalt erschien er ihm itzt! er stand im Hintergrunde der Kirche vor dem hohen Altare, und sang die Worte: »Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich« – mit einer so himmelerhebenden Stimme, und einem so mächtigen Ausdruck, dass Anton sich in dem Augenblick in höhere Regionen verzückt glaubte – auch war ihm dies alles wie etwas, das hinter einem Vorhange, im Allerheiligsten, geschahe, wozu sich sein Fuß nicht nahen durfte – wie beneidete er einen jeden, der zum Altar hinzutreten und aus den Händen des Pastor P[aulmann] das Abendmahl empfangen durfte! – Ein sehr junges Frauenzimmer, die schwarz gekleidet, mit blassen Wangen, und einer Miene voll himmlischer Andacht zum Altar hinzutrat, machte zuerst auf Antons Herz einen Eindruck, den er bisher noch nicht gekannt hatte. Er hat dies junge Frauenzimmer nie wieder gesehen, aber ihr Bild ist nie in seiner Seele verloschen.
Nun hatte seine Phantasie ein neues Spiel. – Die Idee vom Abendmahl war jetzt diejenige, womit er zu Bette ging und aufstund, und womit er sich den ganzen Tag über, wenn er bei seiner Arbeit allein war, beschäftigte; dabei [90]schwebte ihm immer der Pastor P[aulmann] im Sinne, mit seiner sanften, schwellenden Stimme, und seinem gen Himmel gehobnen Auge, das von mehr als irdischer Andacht erleuchtet schien. Zuweilen drängte sich denn auch in seiner Phantasie das Bild des schwarzgekleideten jungen Frauenzimmers, mit der blassen Farbe und andachtsvollen Miene, wieder vor.
Durch dies alles wurde seine Einbildungskraft so begeistert, dass er sich itzt für den glücklichsten Menschen unter der Sonne würde gehalten haben, wenn er den künftigen Sonntag hätte zum Abendmahl gehen dürfen. Er versprach sich eine so überirdische himmlische Tröstung beim Genuss des Abendmahls, dass er schon im Voraus Freudentränen darüber vergoss; wobei er zugleich ein gewisses sanftes beruhigendes Mitleid mit sich selber empfand, das ihm nun alles Bittre und Unangenehme seiner Lage versüßte, wenn er bedachte, dass ihn doch als Hutmacherbursche einmal niemand dieses Trostes würde berauben können. Alle vierzehn Tage wenigstens nahm er sich dann vor zum Abendmahl zu gehen, wenn er erst so weit wäre – und dann schlich sich ganz geheim in diesen Wunsch die Hoffnung mit ein, dass durch dies öftere Zum-Abendmahl-Gehen der Pastor P[aulmann] ihn vielleicht am Ende bemerken würde: und dieser Gedanke war es wohl vorzüglich, welcher bei ihm die unaussprechliche Süßigkeit in diese Vorstellungen brachte. So lag auch hier die Eitelkeit im Hinterhalt verborgen, wo sie mancher vielleicht am wenigsten vermutet hätte.
Das war ihm unmöglich zu glauben, dass er immer so, wie jetzt, würde verkannt, und vernachlässiget werden. Gewissen romanhaften Ideen nach, die er sich in den Kopf [91]gesetzt hatte, musste es sich etwa einmal fügen, dass ein edler Mann, der auf der Straße ihm begegnete, etwas Auffallendes an ihm bemerkte, und sich dann seiner annehme. – Eine gewisse schwermütige melancholische Miene, die er zu dem Ende annahm, glaubte er, würde am ersten diese Aufmerksamkeit erregen. – Darum affektierte er sie nun oft noch in höherm Grade, als sie ihm natürlich war. – Ja oft war er schon beinahe im Begriff, wenn ihm die Physiognomie irgendeines vornehmen Mannes Zutrauen einflößte, ihn geradezu anzureden, und ihm seine Umstände zu entdecken. – Der Gedanke schreckte ihn aber immer wieder zurück, dass ihn dieser vornehme Mann vielleicht für närrisch halten möchte.
Zuweilen sang er auch, wenn er auf der Straße ging, mit einer gewissen klagenden Stimme, einige von den Liedern der Mad. Guion, die er auswendig gelernt hatte, und worin er Anspielungen auf sein Schicksal zu finden glaubte; und dann dachte er, weil zuweilen in den Romanen, durch ein solches klagendes Lied, das einer singt, Wunderdinge gewürkt werden, würde es auch ihm vielleicht gelingen, dadurch, dass er die Aufmerksamkeit irgendeines Menschenfreundes auf sich zöge, seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben.
Für den Pastor P[aulmann] ging seine Ehrfurcht viel zu weit, als dass er es je hätte wagen sollen, ihn anzureden. – Wenn er nahe bei ihm stand, so überfiel ihn ein Schauder, als ob er sich in der Nähe eines Engels befände. –
Er konnte es sich entweder gar nicht denken, oder suchte den Gedanken mit Fleiß zu vermeiden, dass dieser Pastor P[aulmann] wie andre Menschen aufstände, und zu Bette ginge, und alle natürliche Handlungen, wie sie, verrichtete. [92]Sich ihn im Schlafrock und der Nachtmütze vorzustellen, war ihm ganz unmöglich – oder er flohe vielmehr vor diesem Gedanken, als wenn dadurch eine Lücke in seiner Seele wäre hervorgebracht worden. Besonders war ihm das Bild von der Nachtmütze ganz etwas Unausstehliches, sooft es ihm bei dem Pastor P[aulmann] einfiel; es war, als ob dadurch eine Disharmonie in alle seine übrigen Vorstellungen käme.
Nun fügte es sich aber einmal, dass Anton gerade in der Kirchtüre stand, als der Pastor P[aulmann] hereintrat, und in plattdeutscher Sprache zu dem Küster sagte, dass sie nachher noch ein Kind zu taufen hätten.
Würkte je ein Kontrast lebhaft auf Antons Seele, so war es dieser – den Mann, welchen er sich nie anders, als mit jenem feierlichen herzerschütternden Tone, zu dem versammelten Volke redend, gedacht hatte, zuerst plattdeutsch, wie der simpelste Handwerksmann mit dem Küster, über eine so feierliche Sache, als die Taufe war, sprechen zu hören; und das in einem Tone, der nichts weniger als feierlich war, und womit man einem sagen würde, er solle ja nicht vergessen, das Waschbecken zu bringen.
Durch diesen einzigen Vorfall wurde Antons Abgötterei gegen den Pastor P[aulmann] einigermaßen herabgestimmt. Er betete ihn etwas weniger an, und liebte ihn desto mehr.
Indes hatte er sich sein Ideal von Glückseligkeit völlig von dem Pastor P[aulmann] abstrahiert. – Er konnte sich nichts Erhabeners und Reizenderes denken, als, wie der Pastor P[aulmann], öffentlich vor dem Volke reden zu dürfen, und alsdann, so wie er, manchmal gar die Stadt mit Namen anzureden. – Dies Letzte hatte insbesondre für ihn etwas Großes und Pathetisches – so dass er sich oft ganze [93]Tage über in seinen Gedanken beständig mit dieser Anrede beschäftigte – und sogar, wann er etwa, um Bier zu holen, über die Straßen ging, und ein paar Jungen sich balgen sahe, nicht unterlassen konnte, im Geiste die Worte des Pastor P[aulmann] zu wiederholen, und die ruchlose Stadt vor ihrem Verderben zu warnen, wobei er zugleich den Arm drohend in die Höhe hob. – Wo er ging und stand, haranguierte er in Gedanken für sich selber, und wenn er dann in recht heftigen Affekt geriet, so hielt er die Predigt gegen den Meineid.
So schwebte er eine Zeitlang in diesen angenehmen Phantasien hin, die ihn das Wollekratzen in der kalten Stube, das Hütewaschen im Eise, und den Mangel des Schlafs, wenn er oft mehrere Nächte hindurch wachen musste, fast ganz vergessen ließen. – Die Stunden entflohen ihm zuweilen während der Arbeit wie Minuten, wenn es ihm gelang, sich in den Charakter eines öffentlichen Redners hineinzuphantasieren.
Allein, sei es nun, dass diese unnatürliche Überspannung seiner Seelenkräfte, oder die für seine Jahre zu große Anstrengung seines Körpers zur Arbeit, ihn zuletzt niederwerfen musste – er ward gefährlich krank. Seine Pflege war nicht die beste. Er phantasierte im Fieber, und lag oft ganze Tage lang allein, ohne dass sich jemand um ihn bekümmerte.
Endlich arbeitete doch seine gute Natur sich durch: er ward wiederhergestellt. – Eine gewisse Trägheit und Niedergeschlagenheit blieb aber demohngeachtet von dieser Krankheit zurück – und der menschenfreundliche Herr L[obenstein] hätte ihm beinahe durch eine seiner sanften Ermahnungen ein tödliches Rezidiv verursacht.
[94]Es war eines Abends in der Dämmerung, da L[obenstein] in einem dunklen abgelegenen Gemache sich eines warmen Kräuterbades bediente, wobei ihm Anton zur Hand sein musste. Da er nun in diesem Bade schwitzte, und große Angst ausstund, so sagte er zu Anton mit einer Stimme, die ihm durch Mark und Beine drang: »Anton! Anton! hüte dich vor der Hölle!« – und dabei sah er starr in eine Ecke hin. –
Anton zitterte bei diesen Worten, ein plötzlicher Schauder lief ihm durch den ganzen Körper. Alle Schrecken des Todes überfielen ihn, – denn er zweifelte nicht im Geringsten, dass L[obenstein] in diesem Augenblick eine Erscheinung gehabt habe, wodurch ihm Antons Tod angedeutet sei; und das habe ihn zu dem fürchterlichen Ausruf: »Hüte, ach! hüte dich vor der Hölle!« bewogen.
L[obenstein] stieg nach diesem Ausruf plötzlich aus dem Bade, und Anton musste ihm zu seiner Kammer leuchten. Mit bebenden Knien ging er vor ihm her: und L[obenstein] schien ihm blasser als der Tod auszusehen, da er von ihm wegging.
Ist nun je mit wahrer Andacht und Heftigkeit zu Gott gebetet worden, so geschahe es itzt von Anton, sobald er allein war; er warf sich in einem Verschlag bei der Werkstätte, nicht auf die Knie, sondern aufs Angesicht nieder, und flehte zu Gott, und bat ihn, wie ein Missetäter über den schon der Stab gebrochen ist, um sein Leben – nur um eine Frist zur Bekehrung, wenn er ja sterben solle – denn ihm fiel ein, dass er mehr als zwanzigmal auf der Straße gelaufen, gesprungen, und mutwillig gelacht hatte – und nun lagen alle die Qualen der Hölle auf ihm, welche er dafür ewig würde erdulden müssen. – »Hüte, ach, hüte dich vor der [95]Hölle!«, gellte noch immer in seinen Ohren, als ob ein Geist aus dem Grabe ihm diese Worte zugerufen hätte – und er fuhr fort eine volle Stunde nacheinander zu beten, und würde die ganze Nacht nicht aufgehört haben, wenn er keine Linderung seiner Angst verspürt hätte; – aber sowie seine Brust einen ängstlichen Seufzer nach dem andern ausstieß, und endlich seine Tränen flossen, schien es ihm, als sei ihm von Gott Erhörung seiner Bitte gewährt – der nun lieber, wie dort bei den Niniviten, einen Propheten wolle zuschanden werden lassen, als dass er eine Seele verderben ließe. – Anton hatte sein Fieber weggebetet, worin er wahrscheinlich wieder zurückgefallen sein würde, wenn seine empörten Geister nicht diesen Ausweg gefunden hätten. – So heilt oft eine Schwärmerei, eine Tollheit die andere – die Teufel werden ausgetrieben durch Beelzebub.
Anton wurde nach dieser Ermattung durch einen ruhigen Schlaf erquickt, und stand am andern Morgen wieder gesund auf – aber der Gedanke an den Tod erwachte wieder mit ihm – höchstens glaubte er, sei ihm eine kleine Frist zur Bekehrung gegeben, und nun müsse er sehr eilen, wenn er noch seine Seele retten wolle.
Das tat er denn auch, sosehr er konnte; er betete des Tages unzählige Mal in einem Winkel auf seinen Knien, und erträumete sich zuletzt dadurch eine feste Überzeugung von der göttlichen Gnade, und eine solche Heiterkeit der Seele, dass er sich oft schon im Himmel glaubte, und sich nun manchmal den Tod wünschte, ehe er wieder von diesem guten Wege abkommen möchte.
Aber es konnte nicht fehlen, dass bei allen diesen Ausschweifungen seiner Phantasie, die Natur ihren Zeitpunkt wahrnahm, wo sie wieder zurückkehrte – und dann die [96]natürliche Liebe zum Leben, um des Lebens willen, in Antons Seele wieder erwachte. – Dann war ihm freilich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod sehr etwas Trauriges und Unangenehmes, und er betrachtete diese Augenblicke, als solche, wo er wieder aus der göttlichen Gnade gefallen sei, und geriet darüber in neue Angst, weil es ihm nicht möglich war, die Stimme der Natur in sich zu unterdrücken.
Jetzt empfand er doppelt alle die traurigen Folgen des Aberglaubens, der ihm von seiner frühesten Kindheit an, eingeflößet war – seine Leiden konnte man, im eigentlichen Verstande, die Leiden der Einbildungskraft nennen – sie waren für ihn doch würkliche Leiden, sie raubten ihm die Freuden seiner Jugend. –
Von seiner Mutter wusste er, es sei ein sicheres Zeichen des nahen Todes, wenn einem beim Waschen die Hände nicht mehr rauchen – nun sahe er sich sterben, sooft er sich die Hände wusch. – Er hatte gehört, wenn ein Hund im Hause mit der Schnauze zur Erde gekehrt, heule, so wittre er den Tod eines Menschen; – nun prophezeite ihm jedes Hundegeheul seinen Tod. – Wenn sogar ein Huhn wie ein Hahn krähete, so war das ein untrügliches Zeichen, dass bald jemand im Hause sterben würde – und nun ging hier gerade ein solches unglückweissagendes Huhn auf dem Hofe herum, welches beständig auf eine unnatürliche Weise wie ein Hahn krähte. – Für Anton klang keine Totenglocke so fürchterlich, als dieses Krähen; und dieses Huhn hat ihm mehr trübe Stunden in seinem Leben gemacht, als irgendeine Widerwärtigkeit, die er sonst erlitten hat.
Oft schöpfte er wieder Trost und Hoffnung zum Leben, wenn das Huhn einige Tage schwieg – sobald es sich dann [97]wieder hören ließ, waren alle seine schönen Hoffnungen und Entwürfe plötzlich gescheitert.
Da er nun so schon mit lauter Todesgedanken umging, fügte es sich, dass er das erste Mal nach seiner Krankheit wieder zu dem Pastor P[aulmann] in die Kirche kam. Dieser stand schon auf der Kanzel, und predigte über – den Tod.
Das war für Anton ein Donnerschlag; denn da er nun einmal gelernet hatte, nach dem, was ihm von einer besondern göttlichen Führung in den Kopf gesetzt war, alles auf sich zu beziehen – wem anders, als ihm sollte nun wohl die Predigt vom Tode gehalten werden? – Mit nicht mehr Herzensangst kann ein Missetäter sein Todesurteil anhören, als Anton diese Predigt – der Pastor P[aulmann] fügte zwar Trostgründe gnug gegen die Schrecken des Todes hinzu, aber was verschlug das alles gegen die natürliche Liebe zum Leben, die, trotz aller Schwärmereien, wovon Anton den Kopf vollgepfropft hatte, dennoch bei ihm die Oberhand behielt.
Niedergeschlagnes und betrübtes Herzens ging er zu Hause, und vierzehn Tage lang machte ihn diese Predigt melancholisch, die der Pastor P[aulmann], wenn er gewusst hätte, dass sie noch auf zwei Menschen solche Würkung, wie auf Anton tun würde, wahrscheinlich nicht würde gehalten haben.
So war Anton nun in seinem dreizehnten Jahre, durch die besondre Führung, die ihm die göttliche Gnade, durch ihre auserwählten Werkzeuge hatte angedeihen lassen, ein völliger Hypochondrist geworden, von dem man im eigentlichen Verstande sagen konnte, dass er in jedem Augenblick lebend starb. – Der um den Genuss seiner Jugend [98]schändlich betrogen wurde – dem die zuvorkommende Gnade den Kopf verrückte. –
Aber der Frühling kam wieder heran, und die Natur, die alles heilet, fing auch hier allmählich an, wiedergutzumachen, was die Gnade verdorben hatte.
Anton fühlte neue Lebenskraft in sich; er wusch sich, und seine Hände rauchten wieder – es heulten keine Hunde mehr – das Huhn hörte auf zu krähen – und der Pastor P[aulmann] hielt keine Todespredigten mehr. –
Anton fing wieder an, des Sonntags für sich allein spazieren zu gehen, und einmal fügte es sich, dass er, ohne es erst selbst zu wissen, gerade an das Tor kam, wo er vor ohngefähr anderthalb Jahren mit seinem Vater zuerst von H[annover] eingewandert war. Er konnte sich nicht enthalten, hinauszugehn, und die mit Weiden bepflanzte breite Heerstraße zu verfolgen, die er damals gekommen war. Sonderbare Empfindungen entwickelten sich dabei in seiner Seele. – Sein ganzes Leben von jener Zeit an – da er zuerst die Schildwache auf dem hohen Walle hin- und hergehend erblickte, und sich allerlei Vorstellungen machte, wie nun wohl die Stadt inwendig aussehen, und wie das L[obenstein]sche Haus beschaffen sein würde? – stand jetzt auf einmal in seiner Erinnerung da. – Es war ihm, als ob er aus einem Traume erwachte – und nun wieder auf dem Flecke wäre, wo der Traum anhub; – alle die abwechselnden Szenen seines Lebens, die er diese anderthalb Jahre hindurch in B[raunschweig] gehabt hatte, drängten sich dicht ineinander, und die einzelnen Bilder schienen sich nach einem größern Maßstabe, den seine Seele auf einmal erhielt, zu verkleinern. –
So mächtig wirkt die Vorstellung des Orts, woran wir alle [99]unsre übrige Vorstellungen knüpfen. – Die einzelnen Straßen und Häuser, die Anton täglich wiedersahe, waren das Bleibende in seinen Vorstellungen, woran sich das immer Abwechselnde in seinem Leben anschloss, wodurch es Zusammenhang und Wahrheit erhielt, wodurch er das Wachen vom Träumen unterschied. – –
In der Kindheit ist es insbesondre nötig, dass alle übrigen Ideen sich an die Ideen des Orts anschließen, weil sie gleichsam in sich noch zu wenig Konsistenz haben, und sich an sich selber noch nicht festhalten können.
Es fällt daher auch würklich in der Kindheit oft schwer, das Wachen vom Traume zu unterscheiden; und ich erinnere mich, dass einer unserer größten jetzt lebenden Philosophen, mir in dieser Rücksicht eine sehr merkwürdige Beobachtung aus den Jahren seiner Kindheit erzählet hat.
Er war wegen einer gewissen bösen Angewohnheit, die bei Kindern sehr gewöhnlich ist, oft mit der Rute gezüchtigt worden. Es hatte ihm aber, wie es auch gewöhnlich ist, immer sehr lebhaft geträumet, er habe sich an die Wand gestellt, und … Wenn er sich nun manchmal bei Tage zu dem Ende wirklich an die Wand gestellt hatte; so fiel ihm die harte Züchtigung ein, die er so oft erlitten hatte, – und er stand oft lange an, ehe er es wagte, einem dringenden Bedürfnis der Natur ein Gnüge zu tun, weil er befürchtete, es möchte wieder ein Traum sein, für den er wieder eine scharfe Züchtigung erwarten müsste – bis er sich erst allenthalben umgesehen, und dann auch in Ansehung der Zeit zurückgerechnet hatte, ehe er sich völlig überzeugen konnte, dass er nicht träume.
Auch pflegt man des Morgens beim Erwachen, oft noch halb zu träumen, und der Übergang zum Wachen wird [100]allmählich dadurch gemacht, dass man erst anfängt, sich zu orientieren, und wenn man denn nur erst einmal den hellen Schein des Fensters gefasst hat, so ordnet sich nach und nach alles Übrige von selber.








