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»Sie ist noch zweimal wegen unerlaubten Waffenbesitzes und der Schmuggelei von Sprengstoff und schwarzem Afghan aus Holland aufgegriffen worden, aber eine wirkliche Nähe zum terroristischen Kern konnten die Behörden ihr nicht nachweisen. Ende der 70er hatte sie dann die Schnauze voll von den permanenten Übergriffen der Behörden und schloss sich noch mehr den Geächteten, wie sie diese nannte, an. Aber gut, sie war gerade mal 22. Da macht man eine Menge dummes Zeug.«
»Dummes Zeug?« Allein schon die Vorstellung, was Papa mir jetzt noch alles auftischen würde, sorgt für einen kalten Schauer in meinem Nacken.
»Nachdem sie sich 1978 auch noch in einem palästinensischen Lager im Jemen, warum auch immer – ich nehme mal an, es gab auch einen passenden Palästinenser dazu –, militärisch ausbilden ließ, ergriff sie 1980 die Chance auf ein halbwegs normales Leben, wie sie dachte. Sie verließ mit einigen anderen RAF-Aussteigern die BRD und floh in die DDR, wo sie vom Ministerium für Staatssicherheit mit offenen Armen empfangen wurde. Sie bekam den Decknamen Julia Decker, einen fiktiven Lebenslauf und eine Einzimmerwohnung in Gotha.«
Mit einem tiefen Seufzer entlädt sich plötzlich Papas komplette Anspannung. Ich schaue ihm ins Gesicht. Sehe diese Mischung aus Traurigkeit, Wut und unendlicher Liebe, der selbst diese ganze furchtbare Geschichte, all die Lügen davor und die vielen einsamen Jahre danach nichts anhaben konnten.
»Und was wollte sie in Bad Homburg? Ausgerechnet als die RAF Herrhausens Auto in die Luft gejagt hat?«
»Sie hat mir geschworen, dass sie damit nichts, aber auch überhaupt nichts zu tun hatte!«
»Und wer war dieser, wie nochmal, Grahms?«
»Ein verdammtes Arschloch? Der hat alles kaputtgemacht. Weil er in der Gauck-Behörde ihre Akte aufgetrieben hatte. Ihre und viele andere. Und damit versuchten er und seinesgleichen Kohle zu machen. Grahms war nichts anderes als ein schmieriger Erpresser aus Erfurt, der den famosen Einfall hatte, die Ossis abzukassieren, die ihre Stasi-Akten lieber geheim halten wollten.«
»Aber was hätte Mama denn passieren können?«
»Na ja. Zehn Jahre in der DDR. Unter den Fittichen der Stasi. Selbst wenn sie niemanden in dieser Zeit wirklich verraten hat, weil sie ja doch nur ängstlich in ihrem eigenen Kokon zu überleben versuchte, das hätte schon für eine Menge Wirbel gesorgt. Abgesehen davon, dass das Herrhausen-Attentat niemals aufgeklärt wurde.«
»Du meinst, die Bundesanwaltschaft hätte sich auf Mama als Verdächtige gestürzt und es ihr angehängt?«
»Klar. Alle Angeklagten wurden entweder freigesprochen oder die Verfahren eingestellt. Sie hatten bereits erklärt, dass nur noch gegen Unbekannt ermittelt wird. Und dann kommt heraus, dass eine vorbestrafte ehemalige RAF-Sympathisantin mit militärischer Ausbildung und jahrelangem Unterschlupf in der DDR zufällig keine 300 Meter entfernt vom Tatort war. Wie wäre das wohl ausgegangen?«
»Scheiße! Nicht gut, nehme ich an.«
Mit weit aufgerissenen Augen sitze ich vor Papa, der mir plötzlich sehr klein, sehr verletzlich vorkommt. Weil sie ihn unendlich viel Kraft gekostet hat, aber er noch immer wie ein Löwe um sie kämpft. Oder für sie? Seine Augen glänzen plötzlich.
»Ja. Und weil sie sicher war, dass ich und vor allem du darunter unendlich zu leiden gehabt hätten, hat sie sich entschieden zu gehen.«
»Und du? Warum hast du sie nicht zurückgehalten?«
»Als ob irgendwer oder irgendetwas deine Mutter hätte zurückhalten können. Nein. Nein, wenn sie eine Entscheidung getroffen hatte, gab es kein Zurück.«
Ich zögere. Ist es okay, wenn ich jetzt weiter bohre? Noch mehr – die ganze Geschichte – erfahren will. Statt ihm eine Pause zu gönnen? Mein Kopf entscheidet schnell. Ja! Nach so vielen Jahren Ungewissheit und falschen Schlussfolgerungen ist es richtig. Alles muss auf den Tisch. Jetzt.
»Und wo ist sie hin? Zurück in den Osten?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich glaube eher, sie hat ihre alten Kontakte in den Jemen aufgefrischt.«
»In irgendein militantes Wüstenlager? Und dort hüpft sie jetzt mit Kopftuch und komplett verschleiert von Sanddüne zu Sanddüne und ist Teil einer Miliz?«
»Nun schnapp mal nicht gleich über, Kind. Deine Mutter und Kopftuch, das ist wie Grabowski mit der Nummer 1 auf dem Rücken. Geht gar nicht! Und als Terror-Oma ist sie auch nur schwer vorstellbar.«
Immerhin: Seinen Humor hat er wieder, schießt es mir durch den Kopf, und gleichzeitig verwirrt mich all das maßlos. Kein Wunder: Mein halbes Leben habe ich nicht verstanden, warum meine Mutter mich verlassen hat. Und ich hatte ja nur zwei Möglichkeiten: Den Grund bei mir zu suchen oder bei ihr. Also habe ich nach einigen furchtbaren Jahren mit fettigen Haaren, Pickeln, abgekauten Fingernägeln und einer Menge Schwachsinn im Kopf mich selbst geschützt und ihr die Verantwortung zugeschoben. Während mein Vater einfach nur geschwiegen hat. Und all das soll plötzlich völlig anders sein.
»Die ganze Geschichte ist doch inzwischen längst verjährt. Warum ist sie nicht zurückgekommen? 30 Jahre sind eine Ewigkeit, wenn du niemanden umgebracht hast …« Pause. »Hat sie, Papa?« Allein der Gedanke daran sorgt für reichlich Unbehagen in meiner Magengegend, und ich zähle im Kopf die Sekunden, bis Papa endlich antwortet.
»Nein. Hat sie sicher nicht. Sie hat ein paar äußerst dämliche Jugendsünden auf dem Kerbholz und ein paar üble Freunde um sich geschart. Es ist so ein bisschen wie bei Susanne Albrecht. Da ist ebenso bis heute nicht eindeutig klar geworden, ob die RAF-Leute sie nicht ganz bewusst eingefangen haben, weil sie Zugang zu Ponto hatte.«
»War Mama am Ende da auch dabei?«
»Ach Quatsch! Der Mord ist doch längst aufgeklärt. Sie war ja nicht mal in der Nähe von Oberursel, und ob sie einen der Beteiligten überhaupt gekannt hat, weiß niemand.«
»Okay, Papa. Aber was weiß sie, wovor sie mich warnen kann? Wieso soll ich denn jetzt in Gefahr sein?«
»Gute Frage. Keine Ahnung. Aber so viel ist sicher: Wenn sie einen Tag vor Heiligabend aus Afghanistan anruft, um dich zu warnen, hat sie einen guten Grund dafür.«
Damit dreht er sich von mir ab und rollt zu einem Schränkchen im Flur. Er zieht eine Schublade heraus und kramt eine alte Blechschachtel hervor. Papa öffnet den Deckel und streckt mir ein Uralthandy entgegen. »Prepaid«, schnauft er. »Brauchst nur auf Wiederwahl zu drücken. Dann bekommst du Antworten auf deine Fragen.«
»Und das Passwort?«
»Kind, dieses Teil ist fast 20 Jahre alt. Passwort ist heute. Damals war es einfach ich bin drin.«
Ich öffne den Deckel, schalte das Museumsstück an und drücke auf den Wiederwahl-Knopf. Es tutet und eine Stimme meldet sich: »Yes!«
»Mama?«
»Ah. Gut. Du hast mit deinem Vater gesprochen.«
»Habe ich. Und er hat mir die Geschichte erzählt. Nach so langer Zeit. Darüber will ich aber mit dir jetzt nicht sprechen. Wenn du das willst … musst du nach Deutschland kommen. Hierherkommen.« Ich habe all meinen Mut für diesen Satz zusammengenommen und komme mir jetzt vor wie der Held aus irgendeinem meiner Schmachtfilme, die ich mir so gerne reinziehe. Jedoch nicht lange.
»Ach, Mäuschen! Wenn das alles so einfach wäre«, nimmt sie mir die Luft aus den Segeln. Aber so lasse ich sie diesmal nicht davonkommen. Ich schalte das Handy auf Lautsprecher.
»Niemand hat behauptet, dass es einfach wäre. Ich schon gar nicht. Ich dachte drei Jahre meines Lebens, ich sei daran schuld, dass meine Mama mich nicht mehr lieb hat. Drei lange Jahre. Also erzähl mir nicht, was einfach ist.«
Schweigen.
»Sag mir bitte einfach nur, wovor du mich warnen willst, und dann lass Papa und mich in Ruhe Weihnachten feiern und genieß dein Leben in der Wüste.«
Eigentlich würde ich gerne auflegen und nie wieder dieses versiffte Handy anfassen. Es ist zu viel Zeit vergangen, um verzeihen zu können. Viel zu viel.
»Ich habe hier ein paar alte Freunde. Die haben etwas aufgeschnappt. Es geht um Frankfurt. Um ein Attentat. Bei euch.«
»Wie – bei uns?«
»Irgendwo am Stadion. Sie haben Pläne gesehen.«
»Pläne? Pläne von der Arena gibt es haufenweise im Internet. Was soll daran gefährlich sein? Mama!«
»Ich kann dir nicht mehr sagen, ohne meine Leute in Gefahr zu bringen. Eigentlich dürfte ich nicht mal mit dir telefonieren. Halt dich einfach heute fern vom Stadion. Dann ist alles gut.«
Diese Frau schafft es in einem unglaublichen Tempo, mich völlig aus der Fassung zu bringen. Erst der Anruf. Dann die Warnung. Jetzt das Stadion und ein angebliches Attentat. Dazu die ganze alte Geschichte von Papa. Gedankenfetzen schwirren in meinem Kopf umher und es gelingt mir nicht, auch nur einen einzigen davon einzufangen. Fragend schaue ich Papa an, aber der sitzt mir auch nur mit weit aufgerissenem Mund gegenüber und scheint zwischen Verzückung, weil er ihre Stimme hören kann, und Entsetzen hin- und herzupendeln.
»Bleib weg vom Stadion heute, versteh doch. Mehr will ich nicht.«
»Ja. Ist gut. Hatte ich eh nicht vor. Also: Den Anruf hätten wir uns ersparen können. Machs’ gut, Mama. Frohe Weihnachten!«
Ich klappe den Deckel des Handys zu und reiche es Papa.
»Kannst du wegpacken. Ich bin hier. Also kann nix passieren, hat sie gesagt.«
Ich schaue ihn an und spüre plötzlich meine zittrigen Beine. Ich habe in den vergangenen Jahren eine Menge abgefahrene und nicht alltägliche Sachen erlebt. Privat mit Sev und natürlich auch mit der Eintracht. So schnell haut mich nichts mehr vom Hocker, aber die letzten zwei Stunden waren dann doch harter Tobak. ›Too much information‹, würde Tim jetzt sagen.
Papa nimmt mir das Teil ab. Rollt zurück zum Schränkchen und zögert plötzlich. Dann dreht er den Rolli herum und hält mir das Handy hin. »Ich glaube, es ist besser, wenn du das Teil jetzt erst mal bei dir behältst. Für alle Fälle.«
Ich blicke ihn an und streiche ihm über die Wange. »Okay. Wenn du meinst.«
»Hmmm«, brummt er und wendet sich ab. Und ich bin nicht sicher, was er meint. Will er, dass ich sie jederzeit erreichen kann, oder doch vielmehr, dass er es in dieser Nacht besser nicht kann?
Kapitel 4
23. Dezember 2020, 19.00 Uhr
Severin
Wer fährt denn um diese Uhrzeit ins Stadion?«, lacht Hel. »Haben die hohen Herrschaften etwa ihren eigenen Chauffeur-Service? Na dann kann der Schampus ja in Strömen fließen.« Sie tut so, als hielte sie mit spitzen Fingern ein Sektglas und prostet uns zu. Dann rümpft sie die Nase und duckt sich hinter einem Strauch weg. Oder stolpert eher, als plötzlich drei schwarze Vans nur knapp an uns vorbei die Rampe zur Geschäftsstelle hochfahren. Gustav, Kev und ich stellen uns ebenfalls zu ihr. Sehen muss uns hier jetzt niemand. Es ist zwar nicht sicher, ob das Betreten des Stadiongeländes um diese Zeit überhaupt unter den §123 Hausfriedensbruch fällt, aber in Corona-Zeiten weiß man ja nie.
Trotzdem sehen diese komplett schwarzen Vans ohne Schriftzüge oder wenigstens einem Eintracht-Adler nicht gerade nach Eintracht-Fahrzeugen aus.
Ich hebe meine Brauen, als ich die verdunkelten Scheiben sehe. »Vielleicht bekommen sie auch hohen Besuch«, lache ich und überlege, ob Tim irgendetwas erwähnt hat. Mobby Dick redet einfach zu viel, als dass ich mir alles merken könnte. Vor allem bei seinen Erzählungen von dieser dämlichen Weihnachtsfeier habe ich abgeschaltet.
»Und die dürfen mich dann fast über den Haufen fahren?«
Ich runzle die Stirn. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. »Lass uns nachschauen, wer diese Rüpel sind.« Ich zwinkere ihr zu.
»Was?«, empört sich Hel und schüttelt den Matsch von ihren Schuhen ab. Ohne Erfolg. »Die Idee, sich hinter dem Busch in Sicherheit zu bringen, war wohl nicht so schlau, was?«
»Mir ist nicht nach Scherzen, Severin«, schnaubt Hel zurück.
In dem Moment halten die Autos mit quietschenden Reifen direkt vor der Eingangstür der Geschäftsstelle. Zu sehen ist nichts. Es brennt nur die Notbeleuchtung. Die tollen Eintrachtler wollen wohl keine Aufmerksamkeit auf ihre illegale Party ziehen. Türen werden geschlagen. Ich höre Stimmen. Tiefe brummende Stimmen, aber wir sind zu weit weg, um sie zu verstehen.
»Vielleicht wird die Party aufgelöst. Ist schließlich verboten sowas«, gibt Kevin zum Besten. Sein Ernst? Ich bin mir sicher, dass er sich an keine der Regeln hält.
»Ich gehe jetzt nach Tim sehen. Geht einfach schon mal vor.«
»Nein, wir werden mitkommen«, sagt Gustav bestimmt und hängt sich an meine Fersen.
Wir schleichen die Rampe hinauf und halten uns dabei dicht an der Böschung. Zu sehen sind wir im Dunkeln so sicher nicht. Ich gehe Schritt für Schritt auf die Fahrzeuge zu und erwarte jede Sekunde, dass mich irgendwer vom Sicherheitsdienst erkennt.
»Bist du jetzt Geheimagent geworden oder was tust du da?«, zischt Hel mit zusammengekniffenen Augen.
»Sie müssen uns ja nicht gleich mit festnehmen«, gebe ich schulterzuckend zurück.
»Dein Auto steht da, Severin. Und leider hast du vergessen, es mit Blättern zu tarnen.« Hel lacht, bis ihr Blick wieder auf ihre vor Kurzem noch weißen Sneaker fällt und sie den Mund verzieht. Ich schüttle belustigt den Kopf und suche nach den Fahrern. Aber da ist niemand. Die Fahrzeuge stehen mit offenen Türen und laufenden Motoren da, anscheinend sind die Fahrer in der Geschäftsstelle. Ich lasse kurz mein Handy aufleuchten und richte das Licht auf eines der Kennzeichen der Vans. Es ist abgeklebt. Hier stimmt etwas so ganz und gar nicht. Aber bevor ich das wirklich zu Ende denken kann, ertönt ein lauter Knall von drinnen. Schreie sind zu hören. Dann wird die Tür aufgerissen. Rauch dringt heraus und vier vermummte Gestalten stürzen zu den Fahrzeugen. Der Größe und Körperbauten nach scheinen es Männer zu sein. Gustav und Kev laufen einem davon direkt in die Arme. Einen Moment lang scheint der Kerl davon überrascht zu sein und Kev nutzt diesen, um sich mit einem Satz in die Böschung in Sicherheit zu bringen. Gustav hingegen zögert zu lange und bekommt im gleichen Moment den Kolben einer Maschinenpistole ins Gesicht. Sein weißer Bart färbt sich rot und er geht mit einem lauten Stöhnen zu Boden. Ich erstarre. Buchstäblich. Ich sollte ihnen helfen, aber kann mich nicht bewegen. Was zum Teufel passiert hier?
Wie in Trance sehe ich dabei zu, wie weitere vermummte Männer Menschen mit Müllsäcken über den Köpfen zu den Autos bringen. Gewimmer dringt durch die Nacht. Dann folgt ein Schrei.
»Lasst mich los, ihr Arschlöcher!«, brüllt einer. Unverkennbar Eric Presfeth, der Präsi. Er erntet einen heftigen Schlag in die Magengrube für sein Geschrei und geht ebenfalls zu Boden. Ein Tritt ins Gesicht bringt ihn endgültig zum Schweigen. Die Brutalität dieser Typen dringt mir bis ins Mark. Und da endlich löse ich mich aus meiner Starre.
Ich packe Hel und ziehe sie hinter einen Wandvorsprung. Einer der Männer schießt eine Gewehrsalve Kugeln in die Richtung, in die Kev verschwunden ist.
Ich starre fassungslos auf die Waffen der Männer. Sie packen Gustav, stülpen ihm einen Sack über den Kopf und zerren ihn ins Auto. Er stöhnt. Der Schlag mit dem Gewehr war übel, es muss ihm heftig zugesetzt haben.
»Was soll das?«, wimmert Hel neben mir. Ich will mich aus der Nische hervorwagen, doch sie hält mich fest. »Spinnst du, Snobbi? Die haben Waffen!«
»Ich lasse ganz sicher nicht zu …«, knurre ich, doch Stimmen unterbrechen mich. Weitere Geiseln werden zu den Fahrzeugen gebracht. Ich zähle mindestens sechs. Macht mit den ersten Opfern und Gustav ein knappes Dutzend, die die Täter in ihre Gewalt gebracht haben. Und dann sehe ich unter dem blauen Müllsack eine schäbige Cordhose in Giftgrün, die ist unverkennbar. Tim …
Ich will zu ihm rennen, aber Hel krallt ihre Finger in meinen Unterarm. Ich stoße sie von mir weg. Viel zu grob. Sie stöhnt auf. Laut. Zu laut. Einer der Männer kommt direkt auf uns zu.
Mein Puls beschleunigt sich, während ich am Boden nach irgendetwas suche, was sich als Waffe nutzen ließe. Aber warum sollte hier ein Ast oder sowas herumliegen? Ich entscheide mich, das Arschloch zu überrumpeln, renne gebückt nach vorne, springe mit beiden Beinen zuerst und erwische ihn mit meinem Kick knapp unter der Kniescheibe. Es knackt und er geht mit einem merkwürdigen Gurgelton zu Boden.
Da höre ich Hel wieder schreien. Wut kocht in mir hoch und als ich mich zu ihr umdrehe, steht einer der Vermummten hinter ihr und hält ihr ein Messer an die Kehle.
Nein. Nein. Nein. Das kann nicht sein. Was zum Henker passiert hier? In dem Moment greift mich der Kerl, dem ich wahrscheinlich doch nicht die Kniescheibe gebrochen habe, am Knöchel und reißt mich herum. Unbedacht mache ich einen Schritt nach hinten und dann trifft mich ein dumpfer Schlag am Kopf.
Schritte. Schreie. Türen, die zugeschlagen werden. Das Geräusch, das Autos von sich geben, wenn sie mit durchdrehenden Reifen lospreschen. Motorengeheul. Dann komme ich endlich wieder zu Bewusstsein. Ich drehe mich voller Schmerz um und sehe noch, wie sie Tim in den letzten Van stoßen und losfahren.
Nein!
Mein Hals ist trocken. Meine Kehle brennt, mein Kopf pocht, alles um mich herum dreht sich. Aber ich muss aufstehen. Ich muss ihnen hinterherfahren. Ich muss Tim da rausholen.
Mit all meiner verbliebenen Kraft stütze ich mich am Boden ab und hieve meinen Körper nach oben. Ganz vorsichtig berühre ich meinen feuchten Hinterkopf. Blut.
Aber ich muss weiter. Übelkeit überkommt mich, bis ich endlich an meinem Auto angekommen bin und wieder klarer sehe. Das Adrenalin dringt an die Oberfläche und lässt mich den Schmerz vergessen.
Ich steige ein, starte den Motor und fahre los. Mein Herz rast, während ich meinen Mustang an seine Grenzen bringe. Die Schranke vor mir ist unten. Wie sind sie da rausgekommen? Scheiß drauf. Ich gebe Vollgas und halte darauf zu. Die Stange knallt gegen mein Auto, fliegt durch die Luft und landet krachend auf meinem Dach. Aber mir ist alles egal. Diese Bastarde haben meine Freunde in ihre Gewalt genommen und sich definitiv mit dem Falschen angelegt.
Als ich vorne am Eingang an der Otto-Fleck-Schneise ankomme, sehe ich die drei schwarzen Vans nur 20 Meter von mir entfernt auf der gegenüberliegenden Fahrspur Richtung Oberforsthaus. Die Schweine wollen in die Stadt. Was ist das für ein scheiß Plan? Mit Geiseln mitten in die Stadt?
Ich fahre in die Schneise. So viel Vorsprung wie diese Schwachmaten eben noch hatten, sind sie garantiert über den Autobahnkreisel zurück nach Frankfurt gefahren. Aber das kommt für mich nicht mehr in Frage. Ich würde sie verlieren, also ziehe ich in Höhe des Tiefgarageneingangs bei voller Geschwindigkeit die Handbremse und reiße das Lenkrad nach links. Die Reifen geben einen erbärmlichen Ton von sich. Mit einem lauten Knall schlägt das Heck in den Zaun auf der anderen Straßenseite ein, aber ich habe es geschafft, also trete ich das Gaspedal wieder durch und fahre weiter über die Mörfelder Landstraße in Richtung Kennedyallee. Wo sollten sie sonst hin?
Als ich die Kolonne endlich vor mir erkenne, atme ich auf. Ich drücke das Gas durch, aber auch sie sind jetzt verdammt schnell unterwegs. Meine Hand fingert nach meinem Handy in der Hosentasche. Als ich es endlich zu greifen bekomme, wähle ich Lydias Nummer. Warum auch immer. Vielleicht, weil die Entführten da vor mir in den Vans ihre Leute sind. Oder weil es um Tim geht. Oder weil sie der einzige Mensch ist, den ich gerade hören will.
»Was hast du angestellt?«, ertönt ihre Stimme in der Freisprechanlage. Sie klingt angriffslustig. Aber das wundert mich nicht wirklich. Meine letzte Aktion war ziemlich daneben.
»Lyd, hör mir zu! Da waren Vans und bewaffnete Männer vorm Stadion und haben alle mitgenommen.«
»Wen haben sie mitgenommen«?, fragt sie irritiert.
»Ich denke alle, die bei eurer Weihnachtsfeier waren. Und Gustav, Hel und … Tim … Gustav hat ziemlich was abbekommen. Ich fahre hinter ihnen her. Du musst meinen Standort verfolgen.«
»Und wie soll ich das machen?«, fragt sie verblüffend ruhig. Inzwischen bringt sie wirklich nichts mehr so leicht aus der Ruhe, fast schon so, als hätte sie etwas geahnt.
Ich versuche blind, ihr meinen Live-Standort auf WhatsApp zu schicken, während ich die Fahrzeuge im sicheren Abstand verfolge. Wir sind zwar wieder im Lockdown, aber trotzdem ist in Richtung Hauptbahnhof eine Menge Verkehr, Pandemie hin oder her.
Die Täter haben offenbar ein klares Ziel und einen klaren Zeitplan. Sie rasen nicht, aber sie fahren weiterhin sehr zielstrebig mit Tempo 70. Mehr als die meisten anderen, die sich an die vorgeschriebenen 50 km/h halten, aber nicht genug, um wirklich aufzufallen. Dazu wechseln sie ständig die Spur. Oder haben sie mich entdeckt?
Ich bleibe kurz vor der Stresemannallee deutlich zurück, weil diese verdammte Ampel dort immer rot ist. Und ich habe sicher keine Lust, direkt hinter ihnen stehenzubleiben. Ich tippe mal, dass die Schranke auf meinem Dach eine auffällige Beule hinterlassen hat.
»Ich hasse dich!«, schnauze ich die Ampel an und bete, dass endlich Grün wird.
Die Ampel springt um. Einen Moment lang habe ich Zeit durchzuatmen und mir zu überlegen, was ich tun kann. Einfach weiter hinterherfahren, ist wohl das Beste. Lydia kann meinem Live-Standort folgen und schon haben wir die kleinen Bastarde.
Ich versuche, die sechs, sieben Autolängen zwischen den Tätern und mir zu halten. Über die Friedensbrücke, die Wilhelm-Leuschner-Straße lang – alles kein Problem. Aber wo verdammt wollen die hin?
Vielleicht 150 Meter vor mir biegt der Corso in die Mainluststraße. Richtung Theatertunnel. Die fahren wirklich Richtung Innenstadt. Was soll das Ganze?
Vor mir leuchten die Bremslichter eines alten Corsa auf. Die Fahrerin fuchtelt wild mit den Armen und zeigt mir an, dass sie zurücksetzen will. Nicht ausgerechnet jetzt, oder?
Ich reiße das Steuer herum und versuche links an ihr vorbeizukommen, doch die Wagen haben schon an Abstand gewonnen.
Plötzlich trompetet es zwischen meinen Beinen. Mein Handy. Lydia.
»Lydia, du musst der Polizei Bescheid sagen. Du musst …« Ich sehe die Vans gerade noch so im Theatertunnel verschwinden und schlage gegen mein Lenkrad. »Hast du mich verstanden?«
»Ja«, wispert sie. Ich presse kurz meine schmerzenden Augen zusammen. »Ich habe eine Kopfverletzung, ich weiß nicht, wie lange ich ihnen noch folgen kann.«
Blinzelnd starre ich auf die Straßensperrung vor mir. Eine Barke, lauter Hütchen. »Fuck!« Wie sind diese Bastarde in den Tunnel gekommen? Fuck! Fuck! Fuck!
»Severin, was passiert da?«
»Nichts«, brülle ich sie an. Und fahre an den Hütchen vorbei in den Tunnel. In diesem Moment explodiert etwas am Ende der langen Kurve. Ich bremse. Das Heck bricht aus. Aber bevor ich gegen die Tunnelwände knalle, wird das Auto langsamer und bleibt stehen. Panik kriecht meine Kehle hinauf, als ich nach und nach den ausgebrannten Van vor mir erkenne.
Nein. Mein Herz bleibt stehen. Setzt aus. Mein Verstand begreift nicht, was ich da sehe.
»Nein!«
»Was ist los?«, schreit Lydia. Aber ich bin nicht in der Verfassung zu reden. Mit weit aufgerissenen Augen und bebenden Lippen sitze ich da, das Handy entgleitet mir und ich starre auf den Van, in dem Tim saß. Ich erkenne ihn sofort, weil ihm eine Radkappe hinten rechts fehlt, was mir schon vorhin aufgefallen ist.
»Tim«, hauche ich und steige aus. Ich stolpere vorwärts.
»Tim!«, brülle ich und nähere mich den heißen Flammen. »Tim!« Ich komme beim Van an und halte mir meinen Jackenärmel vor Nase und Mund, aber es hat keinen Sinn. Der Van brennt lichterloh. Die Menschen, die darin waren, hatten keine Chance. Nein. Mein Verstand ist nicht in der Lage, zu verarbeiten, was meine Augen sehen. Ich renne verzweifelt um diesen glühenden Feuerball herum. Renne hin und her, weil ich mir sicher bin, dass Tim vorher rausgesprungen ist. Er muss rausgesprungen sein. Er kann nicht …
»Tim!«, schreie ich wieder. Warum verflucht antwortet er nicht?
»Tim, verdammt!« Meine Kehle schnürt sich zu. Heiße Tränen steigen in meine Augen. Nein! Ich schüttle den Kopf, hindere meinen Körper daran, zusammenzubrechen und renne wieder zu dem Van. Renne weiter zur anderen Seite des Tunnels. So weit, dass ich den Ausgang in Richtung Berliner Straße schemenhaft erkennen kann. Ich schreie, höre den Hall meiner eigenen Stimme und bilde mir ein, es wäre Tim. Er darf nicht tot sein. Er kann nicht. Mein Herz bricht und bricht und zerreißt mir dabei die Brust. Schießt ätzende, bittere Säure durch meinen gesamten Körper und drückt mir die Kehle zu.




