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»Tim«, hauche ich nur noch heiser und lasse mich auf meine Knie sinken. Sehe wie in Trance dabei zu, wie der Van weiter brennt. Wie mein Leben brennt. Tim ist mein bester Freund. Er ist meine bessere Hälfte. Er ist so viel für mich. So vieles, was ich ihm nie gesagt habe. Er darf nicht tot sein.
Schritte ertönen hinter mir. Ich drehe mich um. Ich flehe, dass dort Tim steht. Stattdessen ist es einer seiner Mörder. Ich sehe seine dunklen Augen förmlich aus den Löchern der Sturmhaube herausquellen. Sehe seinen schief gelegten Kopf, als würde er mich belächeln. Ich rapple mich auf, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und gehe auf ihn los. Er ist überrascht, weshalb ich einen Schlag in sein Gesicht landen kann. Er hebt sein Knie und rammt es mir in den Unterleib. Lähmt mich, aber ich fange mich und schlage ihm mit der Faust gegen sein Kinn. Er stöhnt auf. Flucht in einer fremden Sprache und bevor er mir erneut einen Tritt verpassen kann, donnere ich ihm meine Faust ein zweites Mal ins Gesicht. Dunkelheit umhüllt mich. Meine eigene Dunkelheit, die ich so lange tief in mir versteckt habe, bricht aus mir heraus und ich schlage wieder und wieder zu. Ich höre seine Nase brechen. Ich spüre das Blut durch die schwarze Haube, die sein Gesicht verdeckt. Ich schlage auch dann noch zu, als er am Boden liegt. Verpasse ihm einen Tritt und schreie bestialisch auf. Tims Gesicht taucht dabei immer wieder vor meinen Augen auf. Diese Bastarde haben ihn umgebracht. Haben meinen besten Freund genommen. Ihn dieser Welt und mir genommen.
Ich schlage wieder zu. Höre noch seinen Kiefer knacken, bevor ich von hinten gepackt werde. Ich wehre mich. Winde mich wie ein Tier, aber es sind zwei Männer, die mich festhalten. Zwei dieser Monster. Ich trete um mich. Will sie verletzen. So sehr verletzen, wie sie Tim verletzt haben. Wie sie mich verletzt haben. Wie sie meine Seele unwiderruflich zerstört haben. Aber ich habe keine Chance. Das Letzte, was ich sehe, ist, wie sich der Kerl vom Boden erhebt, dann wird mir etwas über den Kopf gestülpt. Darauf folgt ein gezielter Schlag auf meine Schulter und ich verliere mich in der unendlichen Tiefe der Bewusstlosigkeit.
Kapitel 5
23. Dezember 2020, 19.43 Uhr
Lydia
Papa! Rufst du bitte die Polizei an und sagst ihnen, irgendwo im Bereich des Theatertunnels wird gerade – keine Ahnung wer – entführt. Wahrscheinlich alle, die bei der Weihnachtsfeier der Eintracht in der Geschäftsstelle waren. Nein. Das sag bitte nicht. Sonst müssen alle in Quarantäne und bekommen eine ordentliche Geldstrafe aufgebrummt.«
Manchmal könnte ich mich wirklich ohrfeigen für meine Art zu denken. Eintracht immer zuerst. Genau das, was ich meinem Vater stets vorgeworfen habe. Aber ich bin genauso geworden wie er. Keinen Deut besser. Und deshalb hat Severin wahrscheinlich die Flucht ergriffen. Hat keinen Bock mehr auf mich gehabt. Der alte Hooligan, der gelernt hat, dass es auch ein Leben ohne die Eintracht gibt. Und jetzt ist er in Lebensgefahr. Nur weil ich meiner Mutter nicht vertraut und ihn nicht gewarnt habe. Dabei wusste ich doch genau, dass er im Stadion ist. Wegen Mic. Und sie hat gesagt: Wenn du nicht im Stadion bist, kann dir nichts passieren. Was bin ich denn nur für ein Mensch. Habe nur an mich gedacht und keine Sekunde lang an Severin oder die anderen. Eric. Tim. Das Team. Scheiße. Verdammt. Scheiße.
Tränen rinnen über mein Gesicht. Sagen mir, wie viel mir an diesem blöden arroganten Arsch liegt. Wie sehr ich Severin liebe. Schon immer geliebt habe.
Papa nimmt mich in den Arm.
»Soll ich das der Polizei wirklich genau so sagen. Oder möchtest du den Text noch überarbeiten?«
Dieser Mann hat es schon immer verstanden, mich mit diesen kleinen Spitzen, die er wie ein erfahrener Fechtmeister zu setzen versteht, zur Weißglut zu bringen. Selbst jetzt.
»Nein, Papa. Keine Überarbeitung. Nur anrufen und das, was ich gesagt habe, durchgeben. Sie sollen den Theatertunnel abfahren und mir sagen, dass Sev nur einen seiner berühmten Suff-Scherze gemacht hat.«
»Okay.« Ich starre den alten Mann an und bin verblüfft. Zum ersten Mal, jedenfalls soweit ich denken kann, macht er wirklich, was ich sage. Aber das ist dann auch nicht das Richtige.
»Hallo! Hier spricht Heller. Klaus Heller. Ich soll Ihnen von meiner Tochter sagen, dass gerade irgendwo im Bereich des Theatertunnels … ja, in Frankfurt. Wo denn auch sonst … jemand entführt wird. Sie hat auch keine Ahnung, wer«, flötet er.
»Papa!«, ich reiße ihm das Telefon aus der Hand.
»Guten Abend. Mein Name ist Lydia Heller. Ich habe gerade von Severin Klemm einen Anruf erhalten. Darin schildert er mir, dass im oder in der Nähe des Theatertunnels ein Verbrechen verübt wird. Könnten Sie das bitte überprüfen?«
»Wie stellen Sie sich das vor, junge Frau?«
»Was heißt, wie stellen Sie sich das vor? Der Zeuge Severin Klemm sagt, dass hier Menschen entführt wurden und in Gefahr sind. Das muss ja wohl ausreichend sein, um den Tunnel zu kontrollieren?«
»Frau Heller. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Menschen hier täglich anrufen und von Entführungen berichten. Nur weil einer mal Zigaretten holen gegangen ist. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Seit Corona hat sich die Zahl mehr als verdoppelt.«
»Herr … wie auch immer Sie heißen. Da fällt mir ein: Wie heißen Sie eigentlich?«
»Raubein. Obermeister Raubein.«
Ich versuche, meinen Puls mit aller Gewalt herunterzudrücken, atme dreimal tief durch und greife dann zu einem Mittel, das ich eigentlich nicht mag, das aber meist funktioniert.
»Okay. Herr Obermeister Raubein. Sehen Sie: Dieser Severin Klemm ist zufälligerweise der Sohn von Oberstaatsanwalt Klemm. Es mag sein, dass er zu den ausgemachten Witzbolden dieser Welt gehört, aber wenn es um seinen Freund Tim geht, hört auch für ihn der Spaß auf. Also: Er hat mich vor wenigen Minuten angerufen und gesagt, am Stadion bei der Eintracht-Geschäftsstelle seien Menschen entführt worden. Von irgendwelchen vermummten Gestalten. Und die seien jetzt im Theatertunnel. Mehr konnte er mir nicht sagen, dann ist die Verbindung abgerissen. Wahrscheinlich, weil er in den Tunnel gefahren ist.«
Ich stocke und mir wird klar, dass ich das eigentlich nicht weiß, sondern nur hoffe. Weil ich mir nicht vorstellen will, dass ihm etwas Schlimmes passiert ist.
»Also, Herr Raubein. Mehr weiß ich auch nicht, aber Sie müssen dort doch irgendwelche Überwachungskameras haben, um nach dem Rechten sehen zu können.«
Ich finde es schon pervers, dass ich ihm sagen muss, was zu tun ist, und bete trotzdem inständig, dass er es einfach tut. Am anderen Ende der Leitung herrscht erst einmal Stille. Immerhin. Sollte er wirklich …?
»Frau Heller?«
»Ja. Ich bin noch hier. Was ist?«
»Sind Sie die von der Eintracht?«
»Ja, ich bin die von der Eintracht. Aber das spielt jetzt wirklich keine Rolle.«
»Ich wollte es ja nur wissen, weil … Tommy, mein Enkel, ist so ein großer Fan der Eintracht. Und wenn ich ihm morgen bei der Bescherung erzähle, dass ich mit Ihnen gesprochen habe, flippt der aus.«
»Herr Raubein! Das tue ich jetzt auch gleich!« Schweigen.
Dann ein förmliches »Können Sie dranbleiben?«
»Ja. Natürlich. Ich kann dranbleiben.«
Papa schaut mich fragend an. Normalerweise würde er triumphierend mindestens drei Pirouetten mit seinem Rolli drehen. Weil ich bislang auch nicht mehr erreicht habe als er. Die Polizei ist so kurz vor Weihnachten offenbar dünn besetzt. Na klar. Wer will schon bis zum frühen Morgen an Heiligabend Dienst schieben. Das machen wirklich nur die ›Special Forces‹, geht es mir durch den Kopf.
Dann knackt es zweimal in der Leitung.
»Homburg. KHK Ulf Homburg. Was kann ich für Sie tun?«, meldet sich eine angenehme Stimme. Noch dazu eine, die Kompetenz ausstrahlt. Ich atme auf.
»Herr Hauptkommissar. Homburg. Mein …«, ich zögere einen Moment, »mein … Freund Severin Klemm hat mich eben angerufen und gesagt, am Stadion bei der Eintracht-Geschäftsstelle seien Menschen entführt worden. Er ist den Entführern gefolgt, bis sie im Theatertunnel verschwunden sind. Er hat mir seine Position zugemailt, aber der Kontakt ist abgerissen.«
»Aha!«, sagt der Mann. »Und wann soll das gewesen sein?« Schon die Formulierung bringt mich auf die Palme. Wann soll das denn gewesen sein? Das fragt so doch nur einer, der dir nicht glaubt.
»Vielleicht vor einer Viertelstunde. Schließlich ist mein Anruf dank Ihres Kollegen schon 10 Minuten her.«
»Na ja, das müssen Sie dem Obermeister Raubein schon verzeihen. Der macht normalerweise keinen Telefondienst. Nur wegen den anstehenden Feiertagen. Und indem er Sie zu mir durchgestellt hat, hat er ja eigentlich alles richtig gemacht, nicht wahr?!«
Dieser Mann versucht mich offenkundig zu beruhigen. Was ihm allerdings nicht wirklich gelingt. Heißt das, die Polizei hat längst eine Meldung von den Vorgängen im Theatertunnel bekommen und er will mir die Wahrheit nicht sagen? Weil … schon wieder mag ich den Gedanken nicht zu Ende bringen. Zu schlimm ist die Vorstellung, Severin könnte etwas zugestoßen sein. Oder war bei der Weihnachtsfeier gerade der Nikolaus unterwegs, hat leckere Geschenke verteilt und sie schlafen jetzt alle den Schlaf der Gerechten.
»Jaja, alles gut. Ich bin ihm auch nicht böse, aber bitte sagen Sie mir doch endlich, was in dem Tunnel los ist. Sie müssen doch Überwachungskameras da unten drin haben. Falls ein Unfall passiert oder ein Unglück.«
»Ich lasse das gerade überprüfen, Frau Heller. Dauert aber einen Moment. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele dieser Kameras in der Stadt verteilt sind?«
»Nein, habe ich nicht. Warum auch? Ich bitte Sie ja auch nur eine, vielleicht zwei dieser Kameras zu überprüfen und mir dann zu sagen, was mit Severin ist! Können Sie das bitte für mich tun?!«
Kapitel 6
23. Dezember 2020, 20.17 Uhr
Severin
Ich öffne meine Augen und starre auf eine kahle Wand. Was? Benommen versuche ich mich zu erinnern, was passiert ist. Und dann wird es mir klar. Mein Herz brennt wie Feuer, als ich das lodernde Auto vor mir sehe. Langsam verstehe, was geschehen ist. Begreife, dass Tim …
Ich will mich aufrappeln und die Männer finden, die dafür verantwortlich sind, aber meine Hände und Beine sind gefesselt. Ich starre fassungslos auf die Kabelbinder und realisiere endlich vollends, was passiert ist. Ich bin ihnen hinterhergefahren und schließlich haben sie mich bewusstlos geschlagen und mitgenommen.
Ein Stöhnen reißt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe mich um, doch alles liegt in einem trüben Dunkel. Es dauert einen Moment, bis ich hinter ein paar Transportkisten einen Mann sitzen sehe.
»Geht es dir gut?«, frage ich und versuche in seine Richtung zu robben.
Wieder stöhnt er auf und sieht dann verwundert auf seine eigenen Fesseln.
»Was ist passiert?«, fragt er mit einem Akzent und blinzelt.
»Irgendwelche Bastarde haben uns entführt«, knurre ich und dann sieht er auf. Mich direkt an. Seine dunklen Augen wecken ein vertrautes Gefühl in mir. Ich kenne ihn. Aber woher?
»Habe ich dich schon mal gesehen?«, frage ich, als ich bei der Kiste angekommen bin und kurz die Augen schließe. Mein Kopf dröhnt. Der Typ legt den Kopf schief und mustert mich. »Severin, oder?«
Ich schärfe meinen Blick, um mir das Gesicht noch einmal genau anzusehen. Er ist Ausländer. Araber … Syrer vielleicht. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. »Arbeitest du für die Eintracht?«, will ich wissen und sehe mich im Raum um. Statt hier ein Pläuschchen zu halten, sollten wir vielleicht besser einen Ausweg finden.
»Ich habe für die Eintracht gespielt. Sie wollten wohl einen Ausländer bei ihrer kleinen Feier dabeihaben.«
Ich hebe meine Brauen. Wann soll der bei der Eintracht gekickt haben? Mein Gedächtnis lässt mich offensichtlich im Stich.
»Hast du eine Idee, wie wir hier rauskommen?«, fragt er und reckt seinen Nacken.
»Ich wüsste zunächst erst mal ganz gerne, wo wir hier eigentlich sind«, brumme ich und wieder taucht Tims Gesicht vor mir auf. Ich verscheuche es, so schnell es geht, und sehe dann zur Tür.
»Kannst du aufstehen?«, frage ich mit einem Blick hinter die Kisten. Er verzieht sein Gesicht und schüttelt den Kopf. »Ich glaube, sie haben mir das Bein gebrochen.«
Na super. Also versuche ich mich hochzuhieven und zur Tür zu hüpfen. Mein Kopf explodiert beinahe. Und wie erwartet, ist die Tür verschlossen. Was jetzt? Und wo sind die anderen? Da stand doch nur einer der Vans, oder nicht?
Ich lasse mich wieder auf den Boden sinken und lehne meinen Kopf gegen die Tür.
»Du hast dir echt den falschen Zeitpunkt ausgesucht, um bei der Weihnachtsfeier den Quoten-Kicker zu geben und in alten Geschichten zu schwelgen«, sage ich resigniert und sehe auf. Sein Blick trifft mich. Etwas wie Trauer schwappt zu mir herüber.
»Alte Geschichten?«, murmelt er in gebrochenem Deutsch. »Einen wie mich vergisst man schnell. Keiner will alte Geschichten hören.«
»Na, immerhin haben sie dich eingeladen«, sage ich, vor allem, um mich abzulenken.
»Und das macht alles andere wieder gut?«, kontert er traurig und zuckt mit den Schultern. »Ich hätte nicht hingehen sollen. Das sind Menschen, die sich für Einzelne nicht interessieren.«
Ich verziehe den Mund. So gerne ich hier eine kleine Lästerrunde über die obere Etage der Eintracht und ihre Arroganz und Ignoranz abhalten würde, kann ich einfach nicht tatenlos herumsitzen.
»Es sollte dir egal sein. Was hast du mit diesen Leuten zu tun? Nichts.«
Ich blicke mich weiter um. Hier ist nichts außer diesen Blechkisten auf Rädern. Aber irgendwann wird jemand kommen. Sie werden uns ja nicht einfach verrotten lassen. Und für genau diesen Moment wäre es gut, vorbereitet zu sein.
»Wir sind hier offenbar eingesperrt, weil diese Eintracht-Männer noch mehr Menschen verärgert haben. Also ist es mir nicht egal«, raunt er.
»Vielleicht wollen sie Geld«, sage ich und krieche wieder zu den Kisten, um darin nach einer Waffe oder etwas Brauchbarem zu suchen.
»Geld …«, wiederholt er mit einem fiesen Lachen. »Und was machen wir beide, was machen du und ich dann hier? Denkst du wirklich, dass einer dieser Bosse Geld für uns zahlt?«
Ich kneife die Augen zusammen und denke nach, während ich den Deckel der Kiste öffne. Ja, was mache ich hier? Warum hat der Anführer nicht zugelassen, dass sie mich einfach erschießen? Hat er mich erkannt? Gewusst, dass ich der Sohn des Oberstaatsanwalts bin? Das ist das Einzige, was mein Leben wertvoll macht. Aber das wäre ein Riesenzufall.
»Mir ist scheißegal, was sie von mir wollen«, bricht sich der Zorn in mir plötzlich seine Bahn. »Diese Bastarde haben meinen besten Freund getötet.«
Wieder legt er den Kopf schief. Schweigt aber.
»Wie heißt du eigentlich?«, frage ich, um mich selbst ein bisschen runterzubringen. Dabei starre ich in die Kiste vor mir, zerre einen Beutel heraus und schrecke perplex zurück. Drogen.
»Ich heiße Assad.« Ich nehme die Stimme meines Mitgefangenen nur nebenbei wahr.
»Warum haben die hier Drogen?«, frage ich und spüre Hitze in meinem Nacken. Sie kriecht an meiner Wirbelsäule entlang und lässt mich schaudern. Der Beutel in meiner Hand ist voller Tabletten und einem weißen Pulver. Wahrscheinlich Koks. Mein Kreislauf lässt mich im Stich und plötzlich fühlt es sich so an, als wäre ich ein echter Junkie.
Nachdem ich endlich von dem Ritalin runtergekommen bin, das sie mir schon als Kind eingeflößt haben, habe ich es tunlichst vermieden, mit anderen Drogen in Kontakt zu kommen. Auch wenn ich solche eigentlich nie hätte nehmen wollen, man weiß ja nie. Nicht das Koks und auch die meisten Tabletten nicht. Würde ich da nicht unter ihnen die Schachtel Ritalin erkennen. Es könnte mir helfen, klarer zu werden. Mich zu konzentrieren. Gerade jetzt, da ich …
»Was ist los?«, fragt Assad und reckt den Kopf ein wenig.
»Nichts«, lüge ich, werfe den Beutel zurück und knalle den Deckel zu.
Mein Herz pumpt schnell und unregelmäßig. Kalter Schweiß läuft mir über den Rücken. Ich schaue zu ihm. Er beobachtet jede meiner Bewegungen mit Argusaugen.
Ich lehne mich erschöpft gegen eine der Wände und wir schweigen eine ganze Weile, bis Assad erneut das Wort ergreift.
»Als ich neu in Deutschland war, das war am Anfang eurer Flüchtlingskrise, da haben mich ein paar Typen in Niederrad auf dem Nachhauseweg abgefangen«, sagt er mit ruhiger, tiefer Stimme. Fast so, als würde er damit keine Emotionen verbinden.
»Sie wollten mich verprügeln. Weil ich anders aussah als sie. Das hat ihnen als Grund gereicht.«
Ich fahre mit meiner Zunge die Zähne entlang. Mich interessiert diese Geschichte nicht. Mich interessiert gar nichts mehr, außer der Möglichkeit, all das hier zu vergessen und nach dem zu greifen, was genau vor mir in der Kiste in einem Plastikbeutel liegt. Ich will mich und den Schmerz in meiner Brust betäuben. Will …
»Aber da war ein junger Mann, der mir geholfen hat. An der Straßenbahnhaltestelle vor der alten Rennbahn. Von dort wollte ich zum Stadion.«
Ich öffne meine Augen und sehe ihn an. Ich erinnere mich. Er war dieser Typ, den sie erst beschimpft und dann bespuckt haben. Und ich war es, der ihm geholfen hat.
Eigentlich wollte ich zum Greifvogel und mit Gustav, Hel und Kat reden, aber ich war zu früh. Der Greifvogel war noch zu und bei Claudia zu klingeln, habe ich mich nicht getraut.
Ich bin zur Straßenbahnhaltestelle und da sind mir plötzlich diese Arschlöcher aufgefallen, die einen Ausländer in die Ecke drängten.
»Das warst du?«
Seine Lider zucken kurz. »Ich sage ja, man erinnert sich nicht an mich.«
Ich atme schwer. »Das war ein anderes Leben. Es ist sicher fünf Jahre her. Diese Zeit habe ich hinter mir gelassen.«
Er lacht freudlos auf. »Wenn es nur immer so leicht wäre, ein Leben zu verlassen und ein neues zu betreten.«
Hinter mir ertönt ein Geräusch an der Tür.
»Achtung!«, sage ich und Assad nickt, während ich mir den Eisendeckel der Kiste schnappe und aufstehe, um mich neben die Tür zu stellen. Wenn ich schon keine Waffe habe, kann ich mich mit dem Ding wenigstens verteidigen.
Die Tür wird geöffnet und vor mir taucht einer der Vermummten auf, doch als ich gerade zuschlagen will, spüre ich etwas Hartes, Kaltes an meinem schmerzenden Hinterkopf. Ich drehe mich langsam um und erstarre. Hinter mir steht Assad. Nicht mehr gefesselt. Kein gebrochenes Bein. Stattdessen hält er mir eine Waffe an den Kopf. Mein Verstand braucht eine ganze Weile, um das hier zu sortieren und zu verstehen.
»Du hättest mich nicht auch vergessen sollen, Severin Klemm«, sagt er mit einem merkwürdig traurigen Blick. Als wäre das hier eine Prüfung gewesen, die ich nicht bestanden habe. Als wäre er darüber wirklich betrübt.
»Ich …«, will ich etwas erwidern. Aber was soll ich sagen? Was würde das hier ändern?
»Es ist nicht immer so leicht, ein neues Leben zu beginnen. Ich wünschte, es hätte auch nur eine Menschenseele interessiert, was aus mir geworden ist.«
Ich schlucke schwer. »Was ist passiert?«
Er hebt seinen Mundwinkel. »Das werde ich dir zu gegebener Zeit erzählen, Severin. Und jetzt los!«
Er deutet mit seiner Waffe Richtung Tür, bevor er sich hinabbeugt und meine Fußfessel durchschneidet.
Als ich hinaustrete und das Glas vor mir erkenne, klettert bittere Säure meine Kehle hinauf. Entsetzt öffne ich den Mund und starre auf Frankfurt. Frankfurt von oben. Und ich weiß sofort, wo wir sind.
Meine über alles geliebte Frau,
ich schäme mich so sehr, denn ich habe versagt. Ich konnte meinen kleinen Bruder und deine Schwester nicht beschützen. Vor diesen Gottlosen, die nichts als sinnlose Gewalt und Tod über die Unseren gebracht haben. Die diese schändliche Bluttat auf unschuldige Kinder auf dem Weg zur Schule ausgeführt haben und sich noch mit Gewehrsalven in den Himmel dafür brüsten, Elend und Tod in unser Leben zu tragen. Seit so langer Zeit.
Ich hätte auf dich hören und rechtzeitig meiner Heimat, unserer Heimat, den Rücken kehren sollen. Irgendwo ins gelobte Land gehen. Nach Deutschland zu meiner Schwägerin. Zu meinem Zwillingsbruder, denn ich bin sicher: ich hätte all diese bösen Gedanken, die ihm falsche Menschen in den Kopf gepflanzt haben, mit meiner Hilfe vertrieben, und wir hätten ein gutes Leben führen können.
Ja. Weit weg von der geliebten Heimat. Weit weg von den Verwandten, von den Freunden. Aber in Frieden.
Meine über alles geliebte Frau: Verzeih mir. Das, was unverzeihlich ist. Was niemand verzeihen kann. Was ich mir selbst niemals werde verzeihen können.
Mit welcher Überheblichkeit habe ich die Welt betrachtet? Mit welchem Gleichmut hingenommen, dass die Fratze des Feindes immer längere Schatten auf uns geworfen hat. Wie oft habe ich nachts auf dem Dach unseres Hauses gehockt und am dunklen Horizont die Blitze der Raketen und die Feuer gesehen. Mit angstvoll zusammengekniffenen Augen. Wie oft bin ich dann hinunter gegangen, habe meiner Tochter und meinem Sohn mit dem Zeigefinger sanft über die Nase gestrichen und geflüstert: Keine Angst. Ich beschütze euch!
Wie oft? Zu oft.
Und dann bin ich zu dir ins Bett geschlichen, meine über alles geliebte Frau, und habe sehr wohl gespürt, wie sehr dein Körper gezittert hat. Vor Angst. Habe dich dann wortlos umschlungen und schweißgebadet die weiße Decke unseres Zimmers angestarrt. So lange, bis ich überall rote Flecken gesehen habe. Blutflecken. Und mir vornahm, dieses Leben zu ändern.
Aber ich habe nicht gehandelt, wie ein Mann handeln muss. Habe mich doch wieder ängstlich verkrochen und dafür einen unsagbar hohen Preis bezahlt. Wie viel würde ich dafür geben, wenn ich noch einmal die Chance bekäme, alles richtig zu machen. Nicht den Worten der Ältesten blind zu vertrauen und für den Frieden zu beten, statt aufzustehen und den Kriegern auf beiden Seiten Einhalt zu gebieten.
Mein Leben würde ich dafür geben. Glaub mir. Ohne eine Sekunde zu zögern. Aber ich fürchte, dies ist jetzt wieder nur eine Träumerei. Wer könnte den blutrünstigen Kriegern Einhalt gebieten, wenn die ganze Welt genüsslich zuschaut, wie unser Volk sich abschlachtet? Ich? Wohl kaum.
Ja. Hätte mein Talent gereicht, um meine alte graue Welt gegen eine neue schillernde einzutauschen, dann würde mein Wort jetzt vielleicht in der Welt gehört werden. Vielleicht.
Vielleicht auch nicht. Aber ihr wäret in Sicherheit. Müsstet nicht tagein, tagaus um euer Leben bangen. Könntet mit euren Freunden zusammenkommen und sagen, was euch bewegt. Ohne Angst, verraten zu werden. Könntet wählen, ohne ein Gewehr im Rücken zu spüren. Könntet lernen, was immer ihr erlernen wollt. Könntet euren Glauben leben, ohne befürchten zu müssen, es ist nicht genug, was ihr tut. Könntet Fremde freundlich willkommen heißen. Ohne Angst, dass sie unter eurem Dach nach eurem Leben trachten. Könntet wann immer ihr wollt den Himmel betrachten, ohne Angst, dass eine Rakete vor euren Augen explodiert und die Metallsplitter eure Körper in tausend Fetzen reißen. Könntet in Frieden leben, ohne Angst vor jedem neuen Tag.
Mein Gott, was habe ich getan! Was habe ich euch genommen? Was gibt mir das Recht, von meiner Liebe zu euch zu sprechen. Nichts mehr!
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