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„Ich finde es blöd, wenn wir nachher in unseren Autos einander hinterher fahren und unseren Auspuff anschauen. Ich will mich jetzt von dir verabschieden.“
Wir umarmten uns, ich sog ihren Geruch ein, ich zeigte ihr nicht, dass ich am liebsten geweint hätte. Ich brachte sie nicht zu ihrem Auto. Ich kehrte weiter.
DER EINBRUCH DER WIRKLICHKEIT
Die Autofahrt nach Hause ist mir nicht mehr in Erinnerung. Das nächste Bild, das ich abrufen kann, zeigt mich mit meiner Frau am Küchentisch. Sie sagt, ich sei verändert, ob ich mich verliebt hätte.
Am nächsten Morgen bat ich Friede, unsere Sekretärin im Büro, Briefe von Patrizia direkt an mich zu geben. Ich hatte Patrizia gebeten, nicht an meine Hausadresse zu schreiben. Friede schaute mich verständnisvoll an. Ich hatte ihr vor einiger Zeit schon erzählt, dass meine Ehe sich auflöste. Sie fand es schade, weil sie meine Frau und meine Kinder kannte und mochte, aber sie verstand mich.
Ich hatte an diesem Morgen in Wetzlar zu tun, parkte mein Auto am Arbeitsamt und lief die paar Schritte zur Hauptpost. Ich ging in eine der Telefonzellen und rief sie an. Sie schien auf meinen Anruf gewartet zu haben, sie war sofort am Telefon. Ihre Stimme verlor über die Leitung nichts von ihrer Faszination. Sie fragte mich sofort, ob ich meiner Frau von uns erzählt hätte.
Als ich bejahte, sagte sie: „Das ist gut.“
Die folgende Pause irritierte mich. Ich fragte zögernd: „… und du?“
Pause.
Dann: „Es hat sich keine Gelegenheit ergeben.“
Ich sagte ihr noch, wie schön es mit ihr war und dass ich mich noch heute um das Hotelzimmer für das Wochenende kümmern würde.
„Ja, mach’ das.“ Sie schien seltsam desinteressiert.
Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, fühlte ich eine verzweifelte Leere in mir. Ich lief einfach los und fand mich irgendwo in der Innenstadt wieder. Mir fehlten einige Minuten, ich fand mich nicht zurecht. Wo hatte ich mein Auto abgestellt? Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die Unordnung in meinem Kopf gelegt hatte. Ich kaufte mir in dem Stehcafé am Anfang der Langgasse einen Kaffee und versuchte mich zu sortieren.
Eigentlich hatte sich nichts verändert. Da war das geplante Treffen am nächsten Wochenende; die Aussicht, sie eine ganze Nacht in den Armen zu halten, neben ihr einzuschlafen und aufzuwachen; die Hoffnung, mit ihr einen neuen Anfang zu machen.
Ihre und meine Kinder beschäftigten mich überhaupt nicht. Ich hatte sie völlig ausgeblendet und damit ein mögliches Problem übersehen.
Nach der zweiten Zigarette und einem zweiten Kaffee war ich so weit wieder hergerichtet, dass ich zu meinem Auto gehen konnte. Ich schwebte wieder auf der Wolke, die in der Woche zuvor aufgetaucht war, fing an mich zu freuen, Glück zu empfinden.
Im Büro hängte ich mich sofort ans Telefon und hatte innerhalb einer Viertelstunde mit Hilfe der Gelben Seiten ein Zimmer in einer Pension an einem Stausee in Westfalen gefunden und gebucht. Ich rief Patrizia gleich an und berichtete. Sie sagte, dass sie möglicherweise Argumentationsschwierigkeiten ihrem Mann gegenüber habe, aber sie werde sich schon etwas ausdenken. Sie beruhigte mich damit.
Der restliche Tag erschien mir kurz. Auch die sich allabendlich wiederholenden Auseinandersetzungen mit meiner Frau über die üblichen vermeintlichen Missstände – mein geringer Beitrag zur häuslichen Reinlichkeit, meine langen abendlichen Fernsehorgien, meine mangelnde Beschäftigung mit den Kindern – perlten an mir ab. Ich setzte mich ins Wohnzimmer, nachdem ich die Kinder ins Bett gebracht hatte, öffnete eine Flasche Rotwein und hing meinen Gedanken nach. Ich war dabei, mich zu verabschieden. Schon seit einigen Wochen schlief ich nicht mehr im gemeinsamen Schlafzimmer. Wir hatten extra für mich eine Schlafcouch für das Wohnzimmer gekauft. Dadurch waren wir der Peinlichkeit entkommen, uns beim Masturbieren zu ertappen. Wir schliefen nicht mehr miteinander, weil unsere letzten Kopulationsversuche regelrechte Schlachten gewesen waren. Sie hatte mir einmal gesagt, dass mein Penis für sie zu groß sei und dass es ihr keinen Spaß mache. Es war dann nur noch ein Abladen von Samen. Irgendwann hatten wir damit aufgehört.
Sie begann nach langem Anlauf eine Affäre mit einem Sozialarbeiter, der offenbar auf unausgelastete Frauen spezialisiert war. Pikanterweise hatte ich ihn während eines Bildungsurlaubs kennen gelernt und sie beide miteinander bekannt gemacht. Ich hatte kein Problem damit. Allerdings war er in mancher Hinsicht peinlich – ein Schwadroneur von Gottes Gnaden, und er trug ein Goldkettchen ohne Anhänger um den Hals. Seine Frau ahnte von allem nichts. Sie wurde später von einer wichtigtuerischen Freundin aufgeklärt. Verbissen wie sie war, veranstaltete sie eine Art Tribunal in unserem Haus – ich war nicht da – wobei der gute Knut ziemlich viel einstecken musste. Er soll danach nie wieder fremdgegangen sein. Glaube ich aber nicht.
Der nächste Tag war beschwingt, ich verließ früh das Haus, verbrachte einen schönen Vormittag mit Besuchen bei den Sprachkursen, die ich betreute. Der übernächste Tag brachte den Schlag in die Eingeweide.
Als ich ins Büro kam, lag auf meinem Schreibtisch ein Brief von Patrizia, den mir Friede hingelegt hatte. Mein Magen zog sich zusammen, ich erwartete keine gute Nachricht. Der Inhalt war schlimmer als ich befürchtet hatte.
Wir werden uns am Wochenende nicht treffen können, mir bricht hier alles zusammen schrieb sie.
Ich weiß nicht mehr, was sie noch alles schrieb. Am schlimmsten war, dass ich sie nicht mehr anrufen sollte.
Ich rief sie sofort an und fragte, was das sollte. Sie schien zerknirscht, sagte mir, es täte ihr leid. Sie habe eine Aussprache mit ihrem Mann gehabt, und sie hätten beschlossen, noch einmal neu anzufangen.
Ich sagte das Hotelzimmer ab. Die Dame in der Pension war sehr biestig, wollte einen Teil der entgangenen Zimmermiete haben, aber es gelang mir, sie mit einer schnell erfundenen rührseligen Geschichte milde zu stimmen.
Ich war zerstört. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Meine Ahnungen waren wahr geworden. Am liebsten hätte ich an meinem Schreibtisch geweint, aber da kam nichts. Da wo mein Magen sein sollte, zog sich ein Knoten zusammen. Alles hatte mit einem Mal an Bedeutung verloren. Ich habe erst viel später bei Harry Potter eine passende Beschreibung meines damaligen Zustandes gefunden. Es war, als hätte ein Dementor seinen Kuss aufgesetzt. Ich fürchtete, ich würde nie wieder froh werden.
Meine Frau merkte mir die Veränderung an. Doch wir waren einander nicht mehr so nahe, dass ich mit ihr hätte darüber sprechen wollen. Ich trug es mit mir herum, und es nagte an mir.
Am Freitag dieser furchtbaren Woche gab sie mir zu verstehen, dass sie sich mit ihrem Goldkettchenträger abends in unserem Haus treffen wollte. Mir war es gleichgültig. Ich fuhr mit dem Auto nach Gießen, streifte erst ziellos durch die Stadt und ging dann, weil ich nichts mit mir anzufangen wusste, ins Kino. Es war „Stargate“. Ich habe den Film seither drei oder vier Mal gesehen. Es war jedes Mal eine Tortur. Die Gefühle von damals sind noch geankert, auch wenn sie nicht mehr unmittelbar mit Patrizia zu tun haben, sie sind grausam. Die entsetzliche Leere lauert immer noch.
Nach dem Film fuhr ich nach Hause, sah vor dem Haus noch Knuts Auto stehen. Etwas trieb mich dahin, wo ich glaubte, Patrizia am nächsten zu sein. Es war für andere sicher eine wunderschöne Vollmondnacht. Für mich war es eine Nacht auf der Straße. Ich fuhr durch den Westerwald mit dieser Leere in mir. Etwa gegen zwei Uhr war ich in Neunkirchen, ihrem Geburtsort. Mein Irrtum hätte größer nicht sein können. Da, wo ich ihre Nähe zu spüren hoffte, wurde mir der Verlust am schmerzlichsten bewusst. Ich konnte jetzt auch weinen. Ich fuhr aus dem Ort heraus, hielt am Straßenrand und weinte einfach. Irgendwann schlief ich ein, schlief wohl lange, erwachte gegen halb vier und wusste zunächst nicht, wo ich war. Nach und nach kam die Orientierung wieder. Ich hatte keine Lust, nach Hause zu fahren. Ein Kaffee wäre gut gewesen, aber keine Chance um diese Zeit. Ich fuhr wieder los, ziellos, der nagende Schmerz verschlimmerte sich. Es gab keinen Augenblick der Erleichterung. Ich wollte, dass es aufhörte.
Nach schier endlosen Umwegen kam ich wieder bei unserem Haus an. Knuts Auto war weg. Es war still im Haus. Meine Schlafcouch, auf der sie sich geliebt hatten, war schon für mich hergerichtet. Das Ehebett schien noch tabu zu sein. Plötzlich spürte ich, wie müde ich war. Ich zog mich nicht einmal aus, schlief in meinen Klamotten ein.
Meine Kinder weckten mich, als sie ins Wohnzimmer kamen um fernzusehen. Sie störten mich nicht. Ich war traurig, weil ich das bald nicht mehr so haben würde. Ich nahm mir vor, die Wohnungssuche anzugehen.
Die nächsten Wochen waren nicht einfach. Ich hatte noch nie einen solchen Zustand der Perspektivlosigkeit erfahren. Ich ließ mich treiben oder – besser – wurde getrieben. Damals entdeckte ich, dass es eine Kraft in mir gibt, die mich leitet und schützt, wenn mein bewusstes Ich dazu nicht fähig ist.
Als ich wieder einigermaßen geordnet war, fuhr ich zu Johannes und erzählte ihm die Geschichte. Johannes konnte wie immer brillant analysieren, was passiert war, sowohl bei mir als auch bei Patrizia. Ich konnte gut annehmen, was er sagte, aber es half mir nicht sehr. Von den Sternzeichen her würden wir wohl auch nicht zusammenpassen. Ihrem Schütze-Aszendenten würde diese Affäre wohl gefallen, aber ihr Sonnenzeichen Stier würde sich klar für ihre Familie entscheiden. Das klang plausibel, aber ich hasste es. Johannes, der mich wahrscheinlich kennt wie sonst niemand, sagte dann etwas sehr Schönes, was ich mir aufbewahrt habe:
„Du bist von etwas berührt worden, von dem du wahrscheinlich nicht einmal gewusst hast, dass es das für dich gibt. Nimm es als Geschenk. Manche Dinge entgleiten dir, wenn du versuchst sie festzuhalten. Manches kommt doppelt und dreifach zurück, wenn du es loslässt.“
So oder so ähnlich sagte er es, und dann aßen wir Frankfurter Grüne Soße und tranken eine Menge Pinot Grigio von Aldi Süd.
Ich besuchte ihn öfter in der nächsten Zeit, weil er mir gut tat. Die Suche nach einer Wohnung vernachlässigte ich wieder. Ich kam nicht in Bewegung.
An Patrizias Geburtstag schrieb ich ihr eine Karte mit einem Zitat aus einem Beatles-Song:
There’s nothing you can make that can’t be made.
Nothing you can save that can’t be saved.
Nothing you can do but you can learn
how to be you in time
it’s easy.
(All you need is love, täterättätä)
Der Text triefte nur so von Ich werde immer für dich da sein und natürlich baute ich auch unseren Satz aus Salz auf unserer Haut ein: Dakar ist überall, oder so ähnlich.
Ich hatte es gehofft, aber nicht erwartet. Sie antwortete mir. Ich ließ mich gleich wieder einfangen. Sie schrieb, sie fände es schön und sie sei dankbar, dass ich trotz allem so schöne Worte für sie gefunden hätte. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wusste, von wem der Text eigentlich war.
Auf diesen Brief hin schrieb ich wieder einen Brief, und noch einen, und noch einen. Es fiel mir nicht auf, dass sie nicht mehr antwortete. Ein winziger Funken Hoffnung hatte mein klares Denken wieder abgeschaltet. Es war unglaublich, wie sehr sich Hoffnung – auch wenn sie noch so vage war – auf mein Befinden auswirkte.
Johannes würde sagen: „Auch das ist ein Geschenk, wenn so wenig notwendig ist, um dich positiv zu stimmen.“
Ich entwickelte Bilder, von dem was kommen würde. Ich hatte das alles schon einmal in Kitschromanen gelesen, was ich mir da zusammenmodellierte. Das richtige Leben ist viel überraschender.
Ich saß kurz nach der Mittagspause am Schreibtisch im Büro, als meine Frau anrief. Ich merkte an ihrer amüsierten Stimme, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein musste.
„Da war gerade ein interessanter junger Mann bei mir, ein Herr Belmonte, der dich sprechen wollte.“
Mir blieb fast das Herz stehen. „Das ist der Mann von Patrizia“, sagte ich. „Was wollte er denn?“
„Er sagte, er kennt dich von einem Seminar. Er sei gerade hier in der Nähe gewesen, und da wollte er dich mal besuchen.“
„Der will etwas ganz anderes, aber ich weiß nicht was. Sonst hat er nichts gesagt? Hat er gesagt, ob er nochmal kommt?“
„Nein, hat er nicht. Er hat mir aber gut gefallen.“
Ich konnte mir ihr Grinsen vorstellen. Ich beendete das Gespräch, weil ich wütend auf sie wurde, und rief Patrizia an. Sie nahm nach dem ersten Klingeln ab. Ihre Stimme traf mich wieder direkt im Bauch.
„Hallo Peter“, säuselte sie.
Ich erzählte, was ich gerade gehört hatte, ob sie sich das erklären könne.
„Ja, er hat meinen Schreibtisch aufgebrochen und deine Briefe gefunden.“
„Und was will er von mir“, fragte ich.
„Wahrscheinlich will er dir sagen, du sollst mich in Ruhe lassen.“
„Das kann er schriftlich haben“, rutschte mir heraus.
Ich wollte das gar nicht sagen, aber ich war so voller Zorn auf sie und auch auf diesen eifersüchtigen Italiener.
Ich sagte noch: „Ich habe Angst!“ und verabschiedete mich dann von ihr mit „Tschüs.“
Das war unser letzter Kontakt.
Ich hatte mich schon vor lange zuvor zu einem Seminar angemeldet, das ich fast vergessen hatte. Ich kann mich nicht einmal mehr an das Thema erinnern. Es muss etwas mit Arbeit und Perspektive und soziale Beziehungen am Arbeitsplatz zu tun gehabt haben.
Ich fuhr hin, gleiches Seminargebäude, gleicher Seminarraum, andere Leute, aber ich war nicht wirklich interessiert. Die ersten beiden Tage sagte ich fast gar nichts. Es gab wohl Partner- und Kleingruppenarbeit, aber alles ging an mir vorbei.
Es muss am dritten Tag gewesen sein, als meine Aufmerksamkeit geweckt wurde. Wir sollten uns von etwas verabschieden, von irgendeiner schlechten Erinnerung in irgendeinem wichtigen Arbeitszusammenhang. Das war zwar nichts für mich, aber es war eine Aufgabe, die ich in meinem Sinne verändern konnte.
Ich schrieb Patrizias Namen auf einen Zettel und ging damit aus dem Haus, ein Stück in den Wald. Nach etwa zweihundert Metern gab es auf der linken Seite einen Durchgang auf eine rechteckige Wiese, die steil abfiel und auf allen Seiten von mannshohen dichten Büschen eingerahmt wurde. Ich war früher schon hier gewesen, und ich erlebte es jedes Mal wie das Betreten einer abgeschlossenen kleinen Welt. Ich schritt die Wiese am Rande ab, völlig unschlüssig, was ich tun sollte. Ich hatte diesen Zettel mit dem Namen, trug ihn mit beiden Händen vor mir her wie ein Messbuch. Was sollte ich damit anfangen?
Ich ließ mich von meinen Beinen auf dieser Wiese fortbewegen, zunächst im Rechteck an den Büschen entlang. Dann begann ich neue Wege zu entdecken. Das Gras war längere Zeit nicht mehr gemäht worden, so dass meine Spuren da blieben, wo ich es umtrat. Ich versuchte, meinen Schritt nicht zu lenken. Es trieb mich im Kreis und kreuz und quer. Das Muster im Gras wurde immer dichter. In einer Ecke ganz unten am Hang kam ich zum Stillstand.
Plötzlich wusste ich, was ich tun musste. Ich ging in die Hocke und grub mit meinen Händen ein etwa zwanzig Zentimeter tiefes Loch in den weichen Boden. Dann legte ich den Zettel hinein und füllte das Loch mit der Erde, die ich daneben aufgehäuft hatte, wieder auf. Ganz oben pflanzte ich die ausgerissenen Grasbüschel wieder ein.
Dann erhob ich mich, wischte meine Hände am Taschentuch einigermaßen sauber und betrachtete mein Werk. Es hatte etwas von einer Beerdigung. Spätestens jetzt hatte auch mein Körper verstanden, dass es keine Hoffnung gab. Ich fühlte gleichzeitig unendliche Trauer und Erleichterung. Da war aber auch eine Ahnung, dass Platz geschaffen wurde für etwas Neues, für das es noch keine Anzeichen gab. Zuerst hatte ich mir vorgenommen, sie für immer zu vergessen. Ich merkte sehr schnell, dass dieser Ansatz falsch war. Ich musste nur Abschied von der Vorstellung nehmen, dass es ein Miteinander gäbe.
Über diesen Sommer weiß ich nur noch sehr wenig. Ich weiß auch nicht mehr, wie sich die Verhältnisse in meiner damaligen Familie genau entwickelten. Es ist alles wie von einem gnädigen Schleier zugedeckt. Die wirklich deutlichen Erinnerungen beginnen etwa ein Jahr später wieder, als ich mich darauf vorbereitete, mit einer Gruppe unter Johannes’ Führung zum Wandern in die österreichischen Alpen zu gehen.
Ich hatte mittlerweile eine eigene Wohnung. Es war nicht leicht gewesen, mich von meinen Kindern räumlich zu trennen. Mein Sohn war schon so verständig, dass ich mit ihm über meinen Auszug sprechen konnte. Ich fragte ihn eines Tages, was er denn davon hielte.
Er drückte es sehr einfach aus: „Ich finde es schade, aber es ist gut, wenn dann nicht mehr so viel Streit im Haus ist.“
Das machte es mir leichter. Ich fand, nachdem die innere Trennung vollzogen war, sofort eine Wohnung im selben Dorf, dreihundert Meter Luftlinie entfernt. Damals empfand ich es als Glücksfall, heute denke ich anders darüber. Die räumliche Nähe brachte eine Menge Schwierigkeiten, die ich mir hätte ersparen können.
Ab und zu tauchen Erinnerungsfetzen auf. Manches Mal lag ich in der Nacht lange wach und trauerte. Erstaunlicherweise spielte der Alkohol keine Rolle. Ich trank meist wenig, ganz im Gegensatz zu der Zeit, als ich noch bei meiner Familie wohnte. Ich rauchte viel, meist Zigaretten, stieg aber dann nach und nach auf Zigarillos und Zigarren um. Zigaretten griffen mich körperlich zu sehr an. Ich saß oft einfach in meinem Sessel im Wohnzimmer und schaute den Rauchwölkchen nach. Zu der Zeit habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben einsam gefühlt. Es war niemand für mich da, wenn ich nach Hause kam. Ich hatte gelegentlich Anfälle von Angst, wenn ich mir vorstellte, dass ich krank oder pflegebedürftig werden könnte. Ich musste sehr oft an meine Großmutter denken, besonders an die Zeit, als meine Mutter berufstätig war und ich bei meinen Großeltern aufwuchs. Es hat nie wieder eine Zeit gegeben, zu der ich mich so geborgen fühlte.
Ich versuchte für mich herauszufinden, was dieses Erlebnis mit Patrizia mit mir gemacht hatte. Ich sperrte mich gegen das, was ich mir eingestehen musste. Ich hatte eine Art von Schwäche an mir kennen gelernt, die mich völlig aus der Bahn warf. Es war diese vollkommene Hingabe an eine Frau, mit der ich nicht einmal fünf ganze Tage zusammen gewesen war. Einerseits erfüllte es mich mit einer mir unverständlichen Freude, dass mir so etwas passieren konnte. Andererseits kam ich mir lächerlich vor, weil mein Innenleben so aus den Fugen geraten war, und weil ich es zugelassen hatte, dass Patrizia mich so berührt hatte - wie wenn ich in eine Fallgrube hineingetappt wäre. Nun lag ich in dem Loch und wusste nicht, wie ich wieder hinaus kommen sollte.
Es kam dann aber auch eine Zeit, wo ich wieder unter Menschen ging. Ich spielte wieder Tennis, ging wieder in Kneipen.
Am schlimmsten war immer die Rückkehr in die leere Wohnung. Ich schaltete meist den Fernseher an, wählte irgendein Programm und schlief in dem unbequemen Sessel ein. In der Nacht schleppte ich mich dann ins Schlafzimmer, schlief oft in den Kleidern weiter. Am nächsten Morgen fühlte ich mich nicht einmal unausgeschlafen. Nur die Seele war meist wund. Ich habe keine Zeitempfindung dafür, wie lange dieser zutiefst lästige Zustand dauerte.
Mich wundert heute, dass ich in dieser Zeit des Trauerns keinerlei Sexkontakte hatte. Nicht, dass ich kein Bedürfnis danach gehabt hätte. Ich konnte mich nicht aufraffen. Ich wollte mich auch nicht auf einen anderen Menschen in irgendeiner Weise einlassen, nicht einmal für einen One-Night-Stand. Ich sah den Frauen durchaus mit Interesse nach, konnte mir aber in keiner Weise vorstellen, mit einer etwas anzufangen. Ich war fertig mit ihnen.
Patrizia hielt ich inzwischen tatsächlich für ein Miststück, das nur auf eine Woche Abwechslung aus gewesen war, vielleicht auf einen guten Fick. Der Zorn auf sie half mir. Ich hatte einen Kanal, durch den ich mich erleichtern konnte. Ich begann Sympathie für ihren Mann zu empfinden, der sie sicher ebenso sehr wie ich liebte und den sie nach Strich und Faden betrog. Vielleicht war es so etwas wie männliche Solidarität, die ich empfand. Vielleicht werden Männer solidarisch, wenn sie von Frauen verletzt werden. Mag sein, dass ich mir diese Solidarität einbildete, weil ich feststellte, dass ich nicht der einzige war, der wegen Patrizia litt. Ich dachte kurzzeitig daran, einen Brief an ihren Mann zu schreiben, ließ es aber dann doch.
Auch dieser Zustand dauerte eine Weile an. Ich stellte mir ausgiebig vor, wie ich sie mit Worten niedermachen würde, wenn ich nur noch einmal die Gelegenheit haben würde, sie zu sehen. In meinen Fantasien schrie ich ihr meine ganze Verletztheit entgegen, konnte mir aber nicht vorstellen, wie sie reagieren würde.
Mit der Zeit wurde ich milder. Meine Fantasien gingen in andere Richtungen - nicht sofort, sondern nach und nach. Ich malte mir aus, wie ich sie zufällig treffen würde, auf einem Rastplatz an der Autobahn, vielleicht wieder auf einem Seminar. Ich würde mich sanft und abgeklärt verhalten, würde Verständnis für ihre Situation ausdrücken, würde mich bei ihr noch einmal für die schönen fünf Tage bedanken. Ich würde ein richtiges Arschloch sein. Auch das ging vorüber.
Lange Zeit war mein Gemütszustand wechselhaft, voller Brüche und sprunghafter Änderungen. Es kam dann auch wieder die Zeit, zu der mich Frauen erregten. Eine Nachbarin hatte die Gewohnheit, nachmittags zu baden. Ein paar Mal musste ich nach der Arbeit bei ihr klingeln, weil sie Post für mich entgegengenommen hatte. Ich musste immer etwas warten nach dem Klingeln, und jedes Mal öffnete sie in ihrem geblümten abgewetzten Bademantel. Dazu gehörten entweder Lockenwickler oder eine Duschhaube, wie sie auch immer meine Mutter trug. Mir fielen besonders ihre dunkelblond behaarten Beine auf. Ich wusste zu der Zeit noch nicht, dass ihr Mann fast ständig auf Montage war. Wie man sich im Dorf erzählte, ließ er auf seinen Reisen nichts anbrennen. Sie wäre sicher nicht abgeneigt gewesen, aber ich konnte mich nicht überwinden, den Anfang zu machen. Und so wurde nichts daraus.
Ich entschloss mich, mit Johannes die diesjährige Wanderung in die österreichischen Alpen mitzumachen. Als ich kurz vor der Abfahrt am Telefon mit ihm die letzten Einzelheiten besprach, bat er mich, zwei Frauen im Auto mitzunehmen. Die eine, Emma, würde ich kennen, sie sei schon vor Jahren einmal mitgewandert. Ich erinnerte mich dunkel an eine kleine, nervige, ständig quasselnde Frau. Ich sollte sie an einer Raststätte bei Frankfurt aufgabeln. Ihre Freundin Reinhilde würde am Abreisetag von ihrem Mann bei mir abgeliefert werden. Natürlich nahm ich diese harte Prüfung auf mich.
Morgens hielt dann ein uralter Hanomag-Bus vor meiner Haustür, ein freundlich grinsender Teddybär mit Vollbart stieg aus, öffnete die Schiebetür und ein nöliges kleines Mädchen quoll hervor. Ihr folgte eine etwa fünfunddreißigjährige, riesige rothaarige Frau mit Pferdeschwanz und nackten Beinen und einem riesigen Hintern. Ihre Stimme nervte mich schon, als sie das erste Mal nach ihrem Kind rief. Es dauerte ewig, bis dann ihr Rucksack in meinem Auto verstaut war und sie sich von Mann und Kind verabschiedet hatte. Dann wurden wir jedoch sehr schnell miteinander warm. Offensichtlich war sie ganz anders, wenn sie nicht in ihren Familienclan eingebunden war. Bis wir Emma an der Autobahnraststätte trafen, war ich schon weitgehend über ihre und Emmas persönliche Verhältnisse der letzten zehn Jahre informiert.




