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Ich hätte Emma nicht mehr erkannt. Reinhilde zeigte sie mir, als wir auf den Parkplatz fuhren. Sie war ein schlankes Wesen geworden, das mit einem dunkelblauen, ärmellosen Oberteil und mit einem kurzen weißen Rock herumstand. Sie hatte kurzes, gelocktes, brünettes Haar, das ihr keck ins Gesicht hing.
Ihr Vater, der mit dem breitesten amerikanischen Akzent sprach, den ich je gehört habe, hatte sie gebracht. Wir luden ihren Rucksack um und fuhren dann endlich los.
Nach langer Zeit konnte ich wieder richtig albern sein. Ich merkte sehr bald, dass sich zwischen Emma und mir etwas aufbaute. Von der Tour, auf der wir uns kennen gelernt hatten, wussten wir beide nicht mehr allzu viel. Sie erzählte es, und ich erinnerte mich auch, dass sie damals – es musste zehn Jahre her sein – gerade frisch in ihren jetzigen Mann verliebt gewesen war, von dem sie sich aber jetzt gerade räumlich getrennt hatte.
Nach drei Tagen war ich in sie verliebt. Es traf mich, als sie nach einer Rast auf allen vieren vor mir kniete. Sie hatte wieder ein ärmelloses Top an, zeigte dichte Achselhaare und lächelte mich an. Aber ich hatte gelernt, nicht zu schnell zu viel zu investieren.
Der Rest der Wanderung bestand für mich im Überprüfen meiner Gefühle. Ich war mir so unsicher, ob ich mich auf sie einlassen sollte. Sie lebte in Scheidung, war – so vermutete ich - deshalb oft gereizt. Das war typisch männliches Denken, denke ich mir jetzt.
Den letzten Nachmittag in den Bergen verbrachten wir zusammen im Bett, ohne miteinander zu schlafen. Wir trugen beide nur Unterwäsche. Wir küssten uns gelegentlich, rieben uns aneinander, aber machten keinen Versuch, uns ganz zu entkleiden. Sie erzählte mir später, dass sie ihre Tage gehabt hatte. Wir gingen sehr entspannt miteinander um. Es machte mir nichts aus, dass sie mein steifes Glied bemerkte und gelegentlich mit der Hand darüber strich. Die Brustwarzen ihrer kleinen Brüste zeichneten sich die meiste Zeit deutlich unter ihrem Bustier ab. Irgendwann gegen Abend tranken wir in einem Café im nächsten Dorf, wo wir die anderen trafen, einen Espresso.
Das gemeinsame Abendessen zum Abschluss war richtig schön. Ich war witzig, schlagfertig, sogar charmant. Ich fühlte mich glücklich, wie lange nicht mehr. Patrizia war vergessen, so schien es.
Auf der Fahrt nach Deutschland erzählte Emma von ihrer Großmutter, die an Alzheimer erkrankt war. Ich machte mir keine Vorstellung, wie sehr dies ihr Leben und unsere entstehende Beziehung beeinträchtigen sollte. Wir hatten zunächst eine wunderschöne Zeit miteinander. Wir verbrachten ein Wochenende in Dresden, wo wir auch zum ersten Mal miteinander schliefen, wobei ich schon zu vergleichen begann. Mit Patrizia war es geflossen, mit Emma erforderte es Anstrengung. Es war nicht dieses tiefe, unendliche Versinken. Es war anders.
Wir trafen uns über ein Jahr, meist am Wochenende, meist bei ihr. Gegen Ende wurden unsere Treffen immer weniger, wir hatten uns nur noch wenig zu sagen. Ich fühlte mich immer mehr nur als der Kerl, der in der Nacht seinen Samen ablieferte, weil sie es wollte. Ansonsten hatte sie nur Interesse an ihrer Großmutter.
Als sie mich zum zweiten oder dritten Mal versetzte, als sie auf ein Wochenende zu mir kommen sollte, war es Zeit das Verhältnis zu beenden. Ich schrieb ihr einen Brief, der sehr bitter war. Die Antwort klang eher beleidigt, sie hätte auch daran gedacht, sie hätte sich das alles sehr viel lustiger, leichter vorgestellt. Der Brief war so oberflächlich, wie ich sie selbst erlebt hatte. Es tat nicht sehr weh. Ich spürte Erleichterung, weil ich etwas entronnen war, das mich ängstigte, weil ich es nicht verstand.
Der Rückschlag war brutal. Die Leere tat sich wieder auf. Ich konnte tagelang das Haus nicht verlassen. Da ich sowieso eine Erkältung hatte, ließ ich mich krankschreiben und vergrub mich in meiner Wohnung. Ich verließ die Wohnung nur um Essen und Getränke einzukaufen. Eigentlich trank ich mehr als ich aß. Trotzdem gelang es mir nicht, mich so zu betrinken, dass ich hätte vergessen können. Ich vermied es in den Spiegel zu schauen, weil ich mich vor meinem Aussehen fürchtete. Ich rasierte mich nicht, zog mich nur an, wenn ich zum Einkaufen ging. Meine Erkältung besserte sich nicht. Viele schwarze Zigaretten trugen zur ständigen Verschlechterung meines Gesundheitszustandes bei.
Ich kann nicht mehr sagen, wann ich die Tür zum Ausstieg aus diesem Trip fand. Ich glaube, ich wachte eines Morgens auf, ging ins Bad, duschte und rasierte mich, ging in die Küche, machte mir einen Espresso und beschloss, zur Arbeit zu gehen. Meine Auszeit hatte fast drei Wochen gedauert. Sie war offensichtlich notwendig gewesen, um etwas in mir in Gang zu bringen. Etwas hatte sich verändert. Ich bemerkte es, als mir auf der Autofahrt ins Büro zehn Minuten Erinnerung fehlten. Ich hatte – so schien es mir – meinen Körper verlassen, um einen Plan zu entwickeln.
Als ich das Geschäftszimmer betrat, begrüßten mich Anita und Friede freundlich wie immer. Doch Friede sagte auch gleich in der ihr eigenen offenen Art:
„Du hast dich im Aussehen verändert, ehrlich gesagt, nicht zu deinem Vorteil.“
„Ich weiß, ich arbeite aber daran. Wollte jemand was von mir in den letzten drei Wochen?“
„Die Herren vom Arbeitsamt haben dich vermisst. Frau Müller ruft ständig an, wann du wieder gesund seist, aber sonst war nix.“
Ich arbeitete damals bei einer Filiale einer bundesweit tätigen Bildungsfabrik, die viel zu groß und zu unbeweglich in der Durchführung ihrer Aktivitäten war. Dazu kam, dass die führenden Köpfe in dieser Organisation anscheinend nach dem Grad ihrer Inkompetenz ausgesucht wurden. Meine Position war zu diesem Zeitpunkt noch komfortabel, weil ich mich in meinem Arbeitsbereich relativ selbstständig bewegen konnte. Ich hatte zum örtlichen Arbeitsamt, das heißt zu den zuständigen Mitarbeitern für den Bereich Sprachkurse, enge und stabile Beziehungen aufgebaut, die uns über lange Zeit im Geschäft hielten.
Ich fühlte mich plötzlich sehr müde. Mit Paula Müller, einer schwarzhaarigen, dicklichen mit einem Studienrat als Ehemann und zwei zickigen Töchtern gesegneten Person, hatte ich einige Monate zuvor eine etwa sechs Wochen andauernde Affäre gehabt. In den Pausen ihres Sprachkurses gingen wir ein, zwei Mal die Woche in ihre Wohnung, wo sie sofort meinen Hosenschlitz öffnete und meinen Penis in den Mund nahm. Ich kam meist sehr schnell, weil sie eine Meisterin des Blowjobs war. Interessanterweise verbot sie mir, ihr den gleichen Dienst zu erweisen. Sie war vollkommen auf Schwänze fixiert. Als ich einmal bei ihr übernachtete, lutschte sie etwa zweieinhalb Stunden an mir herum. Es hatte abrupt geendet, als sie mich fragte, ob ich sie liebte. Ich sagte ihr, dass ich gerne mit ihr Sex hätte, aber auch nicht mehr. Sie vergoss ein paar Tränen, ich verließ ihre Wohnung, und nach ein paar Tagen war alles wieder so, als wäre nichts zwischen uns gewesen.
Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch und schaute mir die Anrufliste an. Die üblichen Verdächtigen vom Arbeitsamt hatten angerufen. Ich hatte groteske Fantasien, was wieder passiert sein konnte. Ich hatte schon so viele schräge Geschichten mit meinen Lehrkräften erlebt, dass ich glaubte, es gäbe nichts Neues mehr. Die Wirklichkeit überraschte mich jedoch immer wieder. Meine Aufgabe war es dann, zu vertuschen, zu glätten, Krisen- und Beschwichtigungsgspräche zu führen.
Einmal hatte die Leitung eine Szenefrau eingestellt, die wenig Talent zum Unterrichten hatte. Ihre Spezialität war, mit löchrigen Jeans zum Unterricht zu erscheinen, was einerseits auf ihre Teilnehmer - Aussiedler und Kontingentflüchtlinge vorwiegend - einen recht merkwürdigen Eindruck machte – wie sie mir im Vertrauen sagten. Andererseits erschien sie beim zuständigen Arbeitsberater im selben Outfit, was diesen unmittelbar nach dem Besuch zum Telefon greifen ließ, um unserem Filialleiter klar zu machen, dass er das nicht noch einmal sehen wollte. Der Filialleiter war wie immer sprachlos, wenn er mit vermeintlichen Autoritätspersonen zu tun hatte. Wie immer delegierte er die Bereinigung der Angelegenheit an mich, der ich angeblich dafür am nächsten an der Person dran wäre. Die Besitzerin der löchrigen Jeans war in keiner Weise problembewusst, wie ich am Telefon schnell herausfand. Ich zog mich daher auf die Anweisung zurück, dass wir es künftig nicht tolerieren würden, wenn sie in dieser Aufmachung das Arbeitsamt aufsuchen würde. Die Folge war, dass sie den Arbeitsberater anrief, sich zwar entschuldigte, aber gleichzeitig behauptete, dass sie sich nichts Besseres kaufen könne, solange ihr Arbeitgeber so schlecht zahle. Ein Anruf des Arbeitsberaters bei mir folgte sofort, ob wir denn tatsächlich unsere Leute so schlecht bezahlten und warum das so sei. Ich glaube, ich war ziemlich klar am Telefon, nahm unsere Mitarbeiterin zwar nicht in Schutz, wies aber noch einmal darauf hin, wie unverschämt die Preispolitik des Arbeitsamtes sei, was wiederum auf der anderen Seite des Telefons Unmut hervorrief. Wir kamen dann doch wieder irgendwie auf eine Ebene der Verständigung. Es war eher ein Ritual als ein Streit, es wiederholte sich in Abständen immer wieder.
Manches bekam der Arbeitsberater auch nicht mit. Dadurch blieb mir eine Menge Ärger erspart. Kurzzeitig beschäftigten wir eine schlanke, blonde Lehrerin, eine richtige Schönheit, die allerdings von entwaffnender Naivität war. Sie bestätigte alle Vorurteile, die ich gegen diesen Typ Frau mit mir herumtrug. Zuletzt leitete sie einen reinen Frauensprachkurs. Gelegentlich schaute ich einfach nur so vorbei, um etwas von der Stimmung mitzubekommen, oder brachte Materialien. Bei einem dieser Besuche – ich hatte eine Information des Arbeitsamtes weiterzugeben – grinsten und giggelten die Damen ständig, während ich redete. Ich beachtete es zunächst nicht, sprach meinen Text zu Ende, und fragte dann:
„Gibt es etwas, was Sie mir erzählen wollen?“
Sie drucksten zunächst herum. Eine Teilnehmerin sagte dann zaghaft „Schauen Sie doch einmal Frau Loschka an!“
Frau Loschka hatte die ganze Zeit auf dem Stuhl hinter dem Lehrerpult gesessen. Mir war nichts aufgefallen. Jetzt erst sah ich, dass sie außer einem langen Strickpullover nichts anzuhaben schien. Ich sah ewig lange, braungebrannte Beine, die im Pullover verschwanden. Sonst war da nichts. Meine Verblüffung bildete sich heftig auf meinem Gesicht ab, denn alle brachen in lautes Gelächter aus. Frau Loschka erklärte mit ihrer mädchenhaften Stimme, sie habe sich Kaffee über die Hose geschüttet und habe dieselbe zum Trocknen über die Heizung gehängt. Sie sagte es so, als sei es das Normalste von der Welt, schnell mal im Unterricht die Hose auszuziehen. Ich bat sie vor die Tür und erklärte ihr so ruhig, wie ich dazu in der Lage war, was denn wohl passiert wäre, wenn jemand vom Arbeitsamt vorbeigekommen wäre.
„Ach ja“, sagte sie, „daran habe ich gar nicht gedacht.“
Diese kleinen alltäglichen Kämpfe belasteten mich am meisten. Sie ließen mich diesen Job nach und nach hassen. Irgendwann würde ich so weit sein, alles hinzuwerfen und etwas ganz anderes anzufangen.
DIE VERÄNDERUNG
Ich war auf der Autobahn, als es passierte. In Gedanken war ich bei einer Wanderung in den Dolomiten. Ich fuhr an der Abfahrt Butzbach vorbei, ohne es zu merken. Ich hing dem Gefühl nach, auf dem höchsten Punkt des Chicolate-Passes zu stehen, den schmalen Weg, den ich heraufgekommen war, hinter mir zu haben, jetzt auf die andere Seite zu sehen. Ich konnte die Sonne spüren, wie sie auf meine Kopfhaut brannte, sah den stahlblauen Himmel, schmeckte die klare Luft, empfand auch diese Leichtigkeit, die sich in den Bergen einstellt. Offenbar steuert in solchen Augenblicken beim Autofahren ein lebenserhaltendes System des Unterbewusstseins die Vorgänge, so dass während dieser Zeit der mentalen Abwesenheit kein Unglück geschieht. Als dieser Wachtraumzustand zu Ende ging, wusste ich nicht, wo ich war.
Die äußere Wirklichkeit umhüllte mich. Ich musste an Gelatine denken. Es war, wie wenn ich in einer zähen, durchsichtigen Flüssigkeit steckte, die mich am Denken hinderte. Es ängstigte mich, dass ich diesen Zustand in letzter Zeit ein paar Mal erlebt hatte, in immer kürzeren Abständen. Dieses Mal musste ich bis zur Abfahrt Bad Homburg fahren. Ich verließ die Autobahn, fuhr aber nicht zurück. Ich wollte jetzt nicht ins Büro. Ich konnte sie jetzt nicht ertragen, diese Menschen, die mich so anödeten. Mir war fast schlecht bei dem Gedanken, jetzt mit jemandem sprechen zu müssen. Es war dasselbe Gefühl, das sich früher an der Uni vor manchen Seminaren eingestellt hatte.
Ich wollte mit mir allein sein, keine Ansprüche erfüllen müssen. Ich ließ Bad Homburg hinter mir und folgte der Straße in den Taunus. Es herrschte strahlender Sonnenschein. Als ich mich Usingen näherte, fiel mir Jennifer ein. Während meines Studiums entdeckte ich eines Tages plötzlich in einer Übung zum Thema essay writing, dass sich eine Frau für mich interessierte. Sie saß einfach neben mir. Wenn sie mit mir sprach, berührte sie meinen Arm, merkte sich sehr schnell meinen Vornamen. Sie war nicht sehr groß, sehr schlank, kleine Brüste. Manchmal schaute sie mich verträumt an. Etwas in ihrem Blick signalisierte eine unendliche Traurigkeit. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Dieser Blick ließ mich Distanz halten. Da war etwas Fremdes, Unheimliches.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich feststellte, dass auch ihre Schwester an der Übung teilnahm. Sie richtete mir eines Morgens aus, dass Jennifer heute nicht kommen könne. Ich war überrascht, weil mir klar wurde, dass sich beide mit mir beschäftigten. Wir kannten uns ja nur vom Sehen und von den paar Gesprächen, die wir während der Übung geführt hatten. Von da an beschäftigte auch sie mich. Ich war verwirrt. Eine schöne Frau, eine von denen, an die ich mich normalerweise nicht herantraute, zeigte unverhohlen Interesse an mir, das war ich nicht gewohnt. Ich wurde befangen. Vor der nächsten Sitzung fürchtete ich mich fast. Wie sollte ich das angehen? Ich war völlig ratlos. Gleichzeitig faszinierte mich die Situation. Ich hatte Fluchtgedanken. Letztlich entschied ich mich hinzugehen.
Es war anders. Wir begrüßten uns zaghaft. Ich hatte den starken Wunsch, sie zu küssen. Erst redeten wir nichts, folgten dem, was in der Übung abgehandelt wurde. Dann fragte sie plötzlich, ob ich Freitagnachmittag schon etwas vorhätte. Als ich verneinte, fragte sie, ob ich Lust hätte, mit ihr zu einer Literaturlesung in die evangelische Studentengemeinde zu gehen. Panik verleitete mich dazu, nun doch einen Termin vorzuschieben, den ich vergessen hätte. Sie sah sehr enttäuscht aus. Ich fühlte mich erleichtert. Ich war wieder einer Falle entkommen. Wir verabschiedeten uns recht kühl nach der Übung. Die Erleichterung wich einem Gefühl von verpasster Gelegenheit. Ein seltsamer Zwiespalt tat sich auf.
Zu Hause kam ich ins Grübeln. Ich sprach mit der Frau darüber, mit der ich zusammen wohnte, der späteren Mutter meiner Kinder. Sie schien desinteressiert. Je näher der Freitag kam, umso unruhiger wurde ich. Ich ging dann doch zu dieser Veranstaltung. Schon am Eingang sah ich sie mit einem anderen Mann. Sie sah mich, wir blickten uns kurz an, dann ging ich. Ich konnte ihr keinen Vorwurf machen, ich hatte meine Chance gehabt.
Wir verloren uns aus den Augen, das heißt sie war plötzlich nicht mehr da. Von einem Freund, der sie und ihre Schwester kannte, erfuhr ich, dass sie für ein Auslandssemester nach Schottland gegangen war. Es war schön mir einzureden, dass sie wegen mir gegangen war, weil sie mich nicht mehr treffen wollte.
Ein halbes Jahr später traf ich sie wieder. Es war in einer Vorlesung über Kleist. Ich setzte mich in eine dieser endlos langen, aufsteigenden Reihen in einem dieser schrecklichen Hörsäle. Als ich saß, entdeckte ich sie neben mir. Es war, als hätten wir uns immer schon gekannt, als hätte es dieses halbe Jahr Unterbrechung nicht gegeben. Wir trafen uns fast ein Semester lang, zweimal die Woche bei Kleist, sprachen über Literatur, Politik und alles Mögliche, nie über uns. Wir verließen meist noch zusammen das Philosophikum, sprachen gelegentlich noch auf dem Parkplatz miteinander, trennten uns dann. Es gab weder von mir noch von ihr einen Versuch, außerhalb der Uni etwas gemeinsam zu unternehmen. Die letzten paar Male fiel mir auf, dass sie beim Sprechen durch mich hindurch schaute. Es war, als sähe sie etwas irgendwo hinter mir, was sie anzog, was sie aber gleichzeitig bedrohte. Kurz vor Ende des Semesters erschien sie nicht mehr zu der Vorlesung. Da ich ihre Schwester auch nicht mehr traf, konnte ich nichts über sie herausfinden. Sehr viel später erzählte mir ein Freund, dass sie mit einem Mann, einem Rechtsanwalt, nach Fulda gezogen war und sich kurz darauf aus dem Leben verabschiedet hatte.
Ich fuhr durch Usingen, dann in Richtung Erdefunkstelle. Auf dem großen Parkplatz stieg ich aus, zündete mir eine Zigarette an und lief einfach los. Ich fühlte mich verlassen. Es nagte wieder in mir. Mir war klar, dass ich eine Entscheidung treffen musste, um aus diesem Zustand, der mich allmählich zugrunde richtete, herauszukommen. Mir war allerdings noch keineswegs klar, was und wie ich zu entscheiden hatte.
Ich versuchte eine Bestandsaufnahme: Ich hatte eine Frau, die mich nicht liebte; zwei Kinder, die anstrengend waren; so anstrengend, dass es manchmal über meine Kraft ging; einen Job, der mich anödete; einen Chef, der inkompetent, ignorant und launisch war; gelegentlich eine Affäre, die einen schalen Geschmack hinterließ. Insgesamt nicht viel, was das Leben lebenswert machte. Familie verlassen, Job hinschmeißen, das fühlte sich verlockend an. Ein Hauch von Freiheit streifte mich bei dem Gedanken.
Ich hatte mich am Waldrand auf eine Bank gesetzt. Eine ganze Weile saß ich dort mit übergeschlagenen Beinen und schwelgte in der Vorstellung, wie es wäre, wieder frei zu sein. Es blieb nicht aus, dass ich an Patrizia dachte. Und es tat nicht mehr weh.
Die Erfahrung mit Patrizia war ein Symptom gewesen. Sie hatte mir gezeigt, dass ich immer noch in der Lage war, mich bedingungslos an einen anderen Menschen zu binden. Sie hatte mir aber auch gezeigt, wie gefährlich es für mich war, weil ich leicht den Boden unter den Füßen verlor, wenn es nicht so lief, wie ich es mir ausgemalt hatte.
Immerhin musste ich ihr für diese Erfahrung dankbar sein. Ich hätte es ihr gerne persönlich gesagt. Einmal hatte ich einen Versuch per eMail gemacht. Ich war durch einen eigenartigen Zufall an ihre eMail-Adresse geraten. Sie hatte auf einer Auktionsseite ein Musikinstrument zum Verkauf angeboten. Ich schrieb unter einer Fake-Adresse, die ich für meinen Job benutzte, dass wir uns kennen würden, dass wir uns vor einiger Zeit sehr nahe gekommen seien, dass ich aber, weil ich nicht wüsste, wer ihre eMails läse, nicht unter meinem richtigen Namen schreiben wolle. Sie möge mir bitte antworten, weil ich ihr etwas Wichtiges zu sagen hätte. Sie hat mir nicht geantwortet. Ich legte es mir so zurecht, dass sie wohl die eMail-Adresse gewechselt hatte. Mein Wunschdenken war gar nicht so unwahrscheinlich, weil sie wenig später ihre Adresse wechselte, wie ich dem Telefonbuch entnahm. Ich machte danach keinen Versuch mehr, beobachtete aber weiter per Telefonbuch ihre Ortsveränderungen. Mittlerweile schien sie sich von ihrem Mann getrennt zu haben. Seine Telefonnummer tauchte irgendwann an einem anderen Ort auf. Ihre eigene war irgendwann nicht mehr zu finden.
Ich zündete mir noch eine Zigarette an. Mir wurde beim ersten Zug schwindelig. Ich machte die Zigarette aus und legte mich lang auf die Bank und schlief ein. Ich träumte wirr. Ein Mann mit einem langen Messer rannte in einer Einkaufsstraße hinter mir her. Ich versuchte ihm zu entkommen, sah mich aber ständig über die Schulter um. Sein Messer hatte sich in ein Samurai-Schwert verwandelt. Damit fuchtelte er in der Luft herum. Als er ganz dicht hinter mir war, wachte ich auf. Es war kühler geworden. Ich fröstelte und hatte Hunger. Ich ging zurück zu meinem Auto und fuhr nach Butzbach, wo ich im Zentrum ein Restaurant kannte. Es gab dort ein echtes Wiener Schnitzel vom Kalb. Weil ich in den Feierabendverkehr geraten war, dauerte es eine Ewigkeit, bis ich aus dem Taunus heraus war.
Als ich mein Auto in Butzbach parkte, war es fast dunkel geworden. Ich betrat das Lokal und fand es wie immer sehr heimelig. Ich war vor Jahren mal mit meinem schwierigen Freund Ralf hier gewesen. Der Schauspieler Alexander Kerst, den ich sehr mochte, hatte am Nebentisch gesessen. Es waren nicht viele Gäste da, ich fand einen kleinen freien Tisch an einem der Fenster, die, wie meine Mutter es immer nannte, Butzenscheiben hatten. Passt doch zu Butzbach dachte ich. Ich bestellte bei der Kellnerin das Wiener Schnitzel und einen halben Liter Bordeaux. Als sie den Wein brachte, schaute ich sie mir genauer an. Sie war blond, sah atemberaubend aus. Sie trug eine enge, weiße Bluse, die verriet, dass sie sehr große Brüste hatte. Sonst war sie schlank und bewegte ihre braungebrannten Beine in diesen birkenstockartigen Schuhen, wie viele Kellnerinnen sie tragen, elegant wie eine Gazelle. Ihr Lächeln war freundlich, nicht aufgesetzt.
Während ich auf das Schnitzel wartete, schaute ich mir die paar Menschen im Lokal an: Ein Paar in den Fünfzigern, sich anschweigend. Ein jüngeres Pärchen, sie mit einem gewagten Ausschnitt in einem krätzegrünen Pullover, er im dunklen Zwirn, entsetzliche Hornbrille, stocksteif. An einem großen Tisch in einer Ecke saßen, dem Dialekt nach, fünf Einheimische, Männer in mittleren Jahren, die schon einiges getrunken hatten. Ihre Gesichter waren gerötet, und meistens redeten mehrere gleichzeitig.
Ich hielt nach einer Zeitung Ausschau, konnte aber keine sehen, also richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Kellnerin. Sie hatte verschiedene Tische zu bedienen, warf aber immer einmal wieder einen Blick zu mir herüber. Zuerst dachte ich, es sei der berufsmäßige Blick, mit dem Kellnerinnen überprüfen, ob ein Gast etwas nachbestellen will. Doch sie lächelte zu auffällig, wenn sich unsere Augen trafen. Ich bekam schon wieder dieses mulmige Gefühl im Magen, das sich immer einstellte, wenn ich die Kontrolle in der Begegnung mit einer Frau zu verlieren drohte.
Das Wiener Schnitzel kam, sie stellte den Teller und den Salat mit einem animierenden Lassen Sie es sich schmecken! vor mich hin. Es war genau so, wie ich es gerne hatte, goldbraun, Bratkartoffeln dabei und Gurkensalat mit einfachem Weinessig angemacht.
Die nächste halbe Stunde vertiefte ich mich ganz in die Verarbeitung des Schnitzels. Ich hatte den halben Liter Bordeaux schnell getrunken und bestellte eine neue Karaffe. Ich verspürte schon Wirkung und machte mir Gedanken, wie ich nach Hause kommen sollte. Mit dem Auto konnte ich nicht mehr fahren. Als die Kellnerin das Geschirr abräumte, fragte ich sie, ob das Haus auch Zimmer vermietete. Ich meinte an der Hauswand „Hotel-Restaurant“ gelesen zu haben.
„Ich werde mal nachfragen, ob wir noch etwas frei haben“, sagte sie und kam kurze Zeit später mit einer positiven Antwort zurück. „Ja, wir hätten noch ein Zimmer allerdings nur mit fließendem Wasser und zur Straße hin. Wollen Sie das nehmen?“
Ich nickte, weil ich wirklich nicht mehr fahrtüchtig war, und bestellte mir eine Zigarre, Dominikanische Republik, und einen Grappa. Eine wohlige Wärme breitete sich in mir aus. Ich spürte die Hitze in meine Wangen steigen, meine Ohren waren wohl auch schon gerötet. Der Grappa tat noch ein Übriges. Ich trank ihn in ganz kleinen Schlucken. Er erwärmte meine Speiseröhre wie heißer Tee. Der Rauch der Zigarre stand über meinem Tisch, meine Sinne waren ein wenig benebelt. Ich rief die Kellnerin noch einmal an meinen Tisch, fragte sie nach den Frühstückszeiten und ob sie das Essen auf die Zimmerrechnung schreiben könne. Ich rauchte die Zigarre nur halb fertig. Es war schade darum, denn sie hatte ein ausgezeichnetes Aroma. Aber ich fürchtete, dass mir übel würde.
Am Tresen bekam ich den Schlüssel von ihr.




