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„Zimmer 23, zweite Etage“, sagte sie, wieder mit einem netten Lächeln. „Gute Nacht, schlafen Sie gut!“
„Danke, bis morgen.“
Ich sagte nur so wenig, weil ich fürchtete, dass ich meine Sprache wegen des vielen Alkohols nicht mehr unter Kontrolle hatte. Ich stieg die Treppe hinauf, musste mich am Geländer festhalten. Oben wollte ich den Lichtschalter suchen. Das Licht ging jedoch von selbst an. Aha, Bewegungsmelder dachte ich. Die Zimmer mit den ungeraden Nummern waren auf der linken Flurseite. Allerdings war das erste Zimmer die Nummer 29. Der Flur war sehr niedrig, das Haus war ein altes Fachwerkhaus, der Boden an einigen Stellen uneben. Ich schwankte, und auf der Höhe von Zimmer 27 stolperte ich über den Läufer, der über einer Bodenerhöhung lag und schlug der Länge nach hin. Es rummste gewaltig. Ich blieb erst einmal liegen um abzuwarten, ob jemand kommen würde. Als es still blieb und als keine zu Tode erschrockene, schreiende alte Dame aus einem der Zimmer gestürzt kam, richtete ich mich vorsichtig auf. Alles schien in Ordnung zu sein, die Knie vielleicht ein wenig aufgeschürft, es brannte leicht. Natürlich hatte ich den Schlüssel bei dem Sturz verloren. Also wieder auf die Knie und mit den Händen den Teppich absuchen, denn das Licht war nicht allzu stark und beleuchtete nicht jede Ecke des Flurs. Er lag da, wo ich ihn vermutet hatte, zwischen Teppich und Fußleiste.
Mein Magen revoltierte inzwischen heftig. Ich raffte mich auf, schloss das Zimmer auf, gleich links war ein Waschbecken. Ich übergab mich ausgiebig. Wenigstens hatte ich genug gegessen. Es gibt nichts Schlimmeres als Kotzen, wenn man nichts gegessen hat dachte ich. Als es vorbei war, wusch ich mir das Gesicht mit kaltem Wasser. Ich tastete nach einem Handtuch neben dem Waschbecken, trocknete mir Gesicht und Hände und suchte dann nach einem Lichtschalter im Zimmer. Über dem Waschbecken ertastete ich einen Allibert und fand auch den Schalter. Zuerst tat mir das Licht in den Augen weh. Mein Spiegelbild gefiel mir überhaupt nicht. Die Haare hingen mir wirr ins Gesicht, die Wangen waren stark gerötet, die Augen schauten mich entsetzlich müde an. Ich wendete mich ab und schaute mir das Zimmer an: ein großes französisches Bett, ein kleiner Schreibtisch, zwei Sessel, ein Fernseher, ein Kleiderschrank. Alles nicht mehr ganz neu, aber nicht schäbig. Ich suchte die Minibar. Es gab keine. Dafür stand auf dem kleinen Nachttisch ein Kühler mit einer Flasche echtem Champagner. Es war zwar nicht das, was ich jetzt brauchte, aber besser als nichts. Ich öffnete die Flasche vorsichtig, so dass der Korken nicht knallte, weil es mittlerweile nach Mitternacht sein musste. Um den üblen Geschmack aus meinem Mund wegzubekommen, nahm ich einen großen Schluck aus der Flasche.
Er schmeckte besser als erwartet. Ich setzte mich auf das Bett und goss mir eines der beiden auf dem Nachttisch stehenden Gläser voll. Ich stellte das volle Glas ab, zog meine Schuhe aus und legte mich in den Kleidern auf den Rücken. Die Lampe über dem Waschbecken gab ein angenehm gedämpftes Licht. Ich starrte zur Decke, von der mich eine Art siebenarmiger Lüster anstarrte. Fünfziger Jahre schätzte ich.
Ich erinnerte mich an ein Schlafzimmer, in dem ich mit meiner Großmutter bei ihrer Taufpatin im tiefsten Bayern immer übernachtete, wenn wir dort zu Besuch waren. Wir waren jeden Sommer da, eine oder zwei Wochen. Das erste Mal 1952, nachdem ich meine Scharlacherkrankung überstanden hatte. Das letzte Mal muss 1962 gewesen sein. Die Patin war schon gestorben, ihre androgyne Tochter, die mein Großvater Eiserner Gustav nannte, weil sie ein Pferdefuhrgeschäft betrieb und rauchte und trank wie ein Mann, verlor langsam den Boden unter den Füßen.
Meine Großmutter hatte immer dafür gesorgt, dass unter dem Bett ein Nachttopf aus Porzellan stand. Der Weg zum Klo, das eigentlich nur ein Brett mit einem Deckel über einer Röhre war, war weit und dunkel. Dieses Schlafzimmer hatte allerdings außer der Tür, die vom Flur Zugang verschaffte, eine weitere Tür, die direkt in das Schlafzimmer einer Nachbarfamilie führte, in das der Familie Neser, die zur Miete im Haus wohnte. Manche Namen vergesse ich nicht, besonders wenn sie zu interessanten Menschen gehören. Frau Neser hatte eine spitze Nase und erinnerte mich an die Windliese aus Peterchens Mondfahrt. Diese Tür war natürlich immer verschlossen und mit allerlei Kisten und Kartons verstellt. Meine Großmutter hatte die menschenfreundliche Idee, den Nachttopf dick mit Papier auszulegen, um den Schlaf von Herrn und Frau Neser nicht durch unser geräuschvolles nächtliches Wasserlassen zu stören. In Wirklichkeit genierte sie sich bei dem Gedanken, dass jemand sie dabei hören könnte.
Ich konnte es mir nicht verkneifen, unter meinem Bett nachzuschauen, ob sich nicht vielleicht ein Nachttopf darunter befände. Es war natürlich keiner da. Da ich nun schon mal aufgestanden war - oder eher - neben dem Bett kniete, beschloss ich nun doch, mich meiner Kleider zu entledigen. Ich hängte meine Lederjacke in den Schrank. Sie hatte nichts abbekommen am Waschbecken. Die Hose hängte ich über den Sessel. Und dann klopfte es.
Ich hasse es, genau in diesem Aufzug auf Klingeln oder Türklopfen reagieren zu müssen. Ein Mann in Hemd mit Krawatte, Unterhosen und schwarzen Socken bietet einen bemitleidenswerten Anblick. Darüber hinaus war ich in einer Stimmung, die nicht auf Besuch eingestellt war. Also sagte ich laut „Einen Moment bitte!“ und sprang schnell wieder in meine Hose. Dann ging ich an die Tür und machte sie einen Spalt weit auf.
Die Kellnerin stand draußen.
„Ich wollte Ihnen noch einen Bademantel und einen Schlafanzug vom Haus bringen. Sie haben ja kein Gepäck dabei. Darf ich hineinkommen?“
Ich war völlig überrumpelt.
„Ja, ja … natürlich“, stammelte ich. Ich ließ sie herein.
„Sie haben’s aber dunkel.“
Sie hängte den Bademantel auf einen Kleiderbügel im Schrank. Den Schlafanzug legte sie aufs Bett.
„Der Champagner geht übrigens auch aufs Haus. Unsere Chefin hatte gestern Geburtstag.“
„Ähm, so was hab’ ich mir gedacht. Arbeiten Sie eigentlich immer so lange?“
„Nein, nur heute, weil noch ein paar neue Gäste gekommen sind.“
Sie hatte sich auf das Bett gesetzt. Dabei hatte ihr schwarzer Wickelrock ihre Knie und einen Teil ihrer Oberschenkel freigegeben. Sie bemerkte meinen Blick, machte aber keine Anstalten, ihren Rock zu ordnen. Sie strich sich mit der Zunge über die Oberlippe und betrachtete mich. Ich wurde verlegen und fragte sie, ob sie auch ein Glas Champagner wolle.
„Gerne“, sagte sie und schenkte mir ein weiteres Lächeln. Sie strich sich ihre mittellangen blonden, etwas wuscheligen Haare mit der linken Hand zurecht und lehnte sich zurück, um mich beim Einschenken zu beobachten. Meine Hand zitterte, als ich die Gläser füllte.
„Sie sehen müde aus“, sagte sie.
„Ich hatte einen ziemlichen langen und anstrengenden Tag“, antwortete ich.
„Haben Sie Ärger bei der Arbeit gehabt?“
„Ich habe immer Ärger bei der Arbeit, aber das ist es nicht. Ich muss über vieles nachdenken.“
„Beziehungsprobleme?“
„Ja, auch das, und Probleme mit mir selber.“
„So etwas habe ich mir gedacht, als ich Sie heute Abend so allein am Tisch gesehen habe. Sie haben auch viel und sehr schnell getrunken. Und Sie haben auch niemanden angerufen, als Sie sich entschlossen hatten, hier zu übernachten.“
„Sie beobachten Ihre Gäste sehr genau“, sagte ich ein wenig irritiert.
„Nicht alle, nur wenn sie mich interessieren. Die meisten sind mir völlig gleichgültig.“
„Und ich interessiere Sie? Wollen Sie mit mir schlafen?“
„Das wäre nicht die schlechteste Variante“, grinste sie, „aber so weit sind wir noch nicht.“
Sie nahm eines der Gläser und prostete mir zu. „Ich heiße übrigens Gesine.“
„Peter“, sagte ich und nahm einen tiefen Schluck. „Wir lassen das Brüderschaft-Trinken weg, mir ist heute nicht danach“, setzte ich hinzu und leerte mein Glas. „Sie haben mich in einem denkbar schlechten Augenblick erwischt, ich habe gegenwärtig wenig mit Frauen am Hut.“
„So etwas habe ich mir auch gedacht, aber ich glaube nicht, dass Sie schwul sind.“
Wir mussten beide lachen. Ich schenkte den Rest der Flasche aus, und wir stießen an.
Ich spürte schon wieder den Alkohol, jetzt aber eher angenehm. Ich bot ihr eine Zigarette an. Als ich ihr Feuer gab, hielt sie einen Moment meine Hand. Wir rauchten eine Weile schweigend. Ich fühlte mich erschöpft und wollte sie loswerden. Allerdings hatte ich keine Idee, wie ich das schaffen sollte, ohne sie vor den Kopf zu stoßen. Und das wollte ich auf keinen Fall. Sie war mir sehr sympathisch. Ich fand sie auch sexuell attraktiv.
Ich rauchte schneller als sie, warf meine Kippe in die leere Champagnerflasche und trat an das kleine Fenster. Es war sehr dunkel in Butzbach, soweit ich das sehen konnte. Es hatte angefangen zu regnen. Der Straßenbelag glitzerte nass, wo sich der Laternenschein spiegelte.
„Ich werde jetzt auch ins Bett gehen“, hörte ich sie hinter mir sagen. Und: „Sie sollten auch schlafen. Wenn Sie Zeit und Lust haben, können wir morgen noch einmal sprechen. Ich habe morgen frei.“
Ich drehte mich um und sagte abwesend: „Wie? Ja, bitte gern, und vielen Dank noch für den Schlafanzug.“
„Tschüs“, lächelte sie und ging.
Ich legte mich wie ich war aufs Bett, konnte noch die Krawatte öffnen und schlief sofort wie ein Stein.
ich bin im zug nach istanbul das schlafwagenabteil sieht aus wie die unterkunft in einer kaserne mir gegenüber liegt eine schwarzhaarige frau im unteren bett stehe noch einmal auf stoße ihr glas mit gelblicher flüssigkeit um sie sagt das ist schlimm ist das arznei nein ich gehe zum klo um lappen zu holen als ich das klo verlasse gehe ich in die falsche richtung sehe ende des zuges will wieder in andere richtung da sind nur noch ein oder zwei wagen steige aus sehe auf dem gegenüberliegenden gleis einen zug abfahren von hinter mir kommt plötzlich mein schulfreund eppstein gerannt will noch auf den zug aufspringen versuche es auch schaffen es beide nicht sind im hauptbahnhof münchen verlassen das bahnhofsgebäude kommen auf eine wiese an deren ende ein prächtiges gelbes schloss suchen die auskunft müssen zurück ins gebäude im warteraum finden wir einen würstchenverkäufer der gleichzeitig die fragen der reisenden beantwortet gibt keinen zug mehr nach salzburg erst morgen wieder sagt er stelle fest dass ich meinen geldbeutel dabei habe kaufe uns zwei große riegel streuselkuchen im aussehen ähnlich einer zwei-mann-blattsäge laufen los sprechen darüber ob wir in münchen jemand kennen mir fällt heide maroni ein traue mich nicht sie anzurufen eppstein verwandelt sich in schulfreund güstrow der hat sagt er eine amerikanische freundin die nell heißt versuchen in der nächsten telefonzelle ihre nummer über die auskunft zu bekommen hörer links oben am kabel ist zerbrochen müssen 25 pfennige einwerfen ich nehme ab gespräch ist da kann nichts hören weil der hörer kaputt ist nächster aufenthalt bei einem kleinen unbewohnten haus sieht aus wie gastwirtschaft wollen etwas kaufen aber niemand da auch kein telefon sind plötzlich zu dritt klaus aus einem fortbildungskurs zeigt mir bilder von leuten die ich aus verschiedenen kursen kenne macht mich auf eine frau mit einem doppelnamen aufmerksam die ich nicht ausstehen kann die er sehr mag wir trampen nach salzburg packen uns einige lebensmittel und getränke ein einer schaut in einem wandregal nach zigaretten für mich nichts dabei gibt nur r8 und r16 sind whiskey-zigaretten verlassen das haus begegnen einer alten frau weiß schon von ihren problemen kann aber nichts für sie tun wir müssen die chefin fragen sie führt uns zu einem haus wir sehen durch ein fenster in eine küche sehen wie eine nackte dicke frau in riesigen ölbehältern pfannkuchen schnitzel und fische brät ich sage das ist doch gefährlich wenn da jemand hineinfällt wir wollten nicht stehlen es war niemand da sage ich übernachten in einem zelt am isarufer wohngebiet in der nähe dunkelheit und scheinwerfer am himmel luftangriff von einmotorigen maschinen drehen loopings am himmel werfen kleine schwarze kugeln ab explodieren sobald sie den boden berühren habe das gefühl treffen absichtlich keine menschen um das zelt läuft ein mann mit einer grünen gärtnerschürze sammelt kugeln ein wir schauen durch einen schlitz in der zeltwand er tut so als werfe er eine der kugeln durch den schlitz ins zelt dann lacht er freundlich und sagt er dürfe das nicht über uns tiefblauer himmel
Ich fand mich nach dem Aufwachen nur langsam zurecht, erinnerte mich an die Lampe an der Decke, schmeckte den schlechten Geschmack in meinem Mund und hatte ein schlechtes Gewissen. Ich hatte mich bei niemandem gemeldet, hatte mein Büro nicht benachrichtigt. Und dann fühlte ich eine diebische Freude. Ich hatte mich verpisst. Einfach abgetaucht war ich. Mir fiel Gesine ein, wunderte mich nun doch, dass sie so spät noch auf mein Zimmer gekommen war. Was hatte sie noch gesagt, bevor sie ging? Sie habe heute frei, und wenn ich wollte, könnten wir sprechen. Klang mir jetzt alles erst einmal zu kompliziert. Ich hatte Durst und Lust auf einen doppelten Espresso und Rühreier mit Schinken.
Aber zuallererst brauchte ich eine Dusche. Ich erhob mich so dynamisch es mir möglich war und sah das Waschbecken. Gab ja keine Dusche. Ich hängte meinen Kopf unter den Wasserhahn und ließ mir kaltes Wasser darüber laufen. Das machte mich vollends wach. Zahnbürste hatte ich natürlich auch keine. Warum hatte sie mir wohl gestern Nacht noch den Bademantel gebracht. War das der Vorwand? Was wollte sie überhaupt von mir? Das alles verwirrte mich.
Ich untersuchte meine Kleider. Ich hatte es in der Nacht nicht mehr geschafft, den Schlafanzug anzuziehen, hatte dummerweise in Hemd und Hose geschlafen, die nun beide recht zerknittert waren. Wenigstens hatte ich mich beim Kotzen nicht besudelt. Die Lederjacke hing im Schrank und sah ganz passabel aus. Meine Schuhe musste ich etwas länger suchen. Sie waren in der Nacht irgendwie unter das Bett geraten. Sonst hatte ich nichts mitgebracht.
Ich fuhr mir vor dem Spiegel mit den Händen über die nassen Haare, bis die Frisur einigermaßen saß. Ich hatte bisher noch nicht nach der Zeit gesehen. Meine Uhr zeigte kurz nach acht. Also bestand die Hoffnung, dass ich schon ein Frühstück bekommen würde. Ich schaute mich noch einmal in dem Zimmer um, das mir bei Tageslicht nun doch einigermaßen schäbig vorkam. Ich trat auf den Flur und hörte den Staubsauger im Nachbarzimmer. Offensichtlich waren die Fleißigen des Tages bereits am Werk. Ich sah auch die Bodenwelle, über die ich in der Nacht gestolpert war, machte einen großen Schritt darüber und ging die enge Treppe hinunter. Im Erdgeschoss trat ich ins Gastzimmer, hinter dem Tresen stand ein mir unbekanntes junges Mädchen und spülte Gläser.
„Möchten Sie frühstücken?“ fragte sie mich mit einem Lächeln.
„Ja, gerne, kann ich mir den Tisch aussuchen?“
„Wir haben im Nebenzimmer für Sie gedeckt.“
Ich betrat das Nebenzimmer durch die breite geöffnete Schiebetür. Ein kleiner Tisch in einer gemütlichen Fensternische war offensichtlich für mich vorbereitet. Ich schien doch der einzige Übernachtungsgast gewesen zu sein. Hatte Gesine geschwindelt, als sie sagte, späte Gäste seien noch gekommen?
Ich setzte mich, ein Exemplar der Wetterauer Zeitung lag neben dem Gedeck. Das junge Mädchen war gekommen und fragte, ob ich Tee, Kaffee oder Kakao wolle. Ich bestellte einen doppelten Espresso und ein Mineralwasser. Frische Brötchen standen bereit. Als sie mir den Kaffee brachte, bestellte ich Rühreier mit Schinken. Meine Lebensgeister kamen langsam zurück.
Als ich meine Eier fertig gegessen hatte, fragte ich, ob denn die Bedienung, die Gesine hieße, heute Morgen auch Dienst habe. Das junge Mädchen schaute mich erstaunt an.
„Soweit ich weiß, gibt es bei uns keine Mitarbeiterin, die Gesine heißt. Ich will die Chefin noch mal fragen, ob wir vielleicht eine Aushilfe haben.“
Sie verschwand in der Tür hinter dem Tresen, die wohl in die Küche führte. Ich fragte mich, während ich meinen Kaffee austrank, ob ich das alles geträumt hatte. Statt der jungen Bedienung kam eine Frau, etwa Ende vierzig, an meinen Tisch. Die Ähnlichkeit mit Gesine war verblüffend.
„Tut mir leid, unsere Auszubildende kennt meine Tochter noch nicht. Gesine hat mich gebeten, Ihnen diesen Brief zu übergeben.“
Sie legte einen hellblauen Umschlag neben meinen Teller.
„Haben Sie alles zu Ihrer Zufriedenheit vorgefunden?“
„Oh ja, danke, könnte ich dann bitte die Rechnung haben?“
„Das ist schon erledigt“, sagte sie. „Nehmen Sie es als Geschenk für einen netten Menschen.“
Ich war so überrascht, dass ich zunächst kein Wort herausbrachte. „Danke“, stammelte ich, „das ist sehr großzügig von Ihnen. Aber wie komme ich dazu?“
„Meine Tochter findet Sie sehr sympathisch, und sie möchte, dass Sie sie in guter Erinnerung behalten.“
„Werde ich sie heute noch sehen können?“ fragte ich.
„Es steht alles in dem Brief, nehme ich an. Möchten Sie noch einen Espresso?“ fügte sie nahtlos hinzu.
Ich nahm noch einen Kaffee. Dann, als die Mutter sich entfernt hatte, schaute ich mir den Brief an. Auf dem Umschlag war nichts geschrieben, auch nicht auf der Rückseite. Er war nicht zugeklebt und enthielt ein dreifach gefaltetes Blatt im selben Hellblau. Die Worte waren mit grüner Tinte geschrieben.
Hallo Nachtgefährte,
leider kann ich unsere Verabredung heute nicht einhalten. Ich habe gespürt, dass du nicht bereit für mich bist. Dein Herz ist schwer, und es gibt vieles, was du bereinigen musst. Ich wäre dir jetzt nur im Wege. Ordne, was du ordnen musst. Pass’ auf, dass du dabei nicht Schaden nimmst. Du bist gefährdet. Wenn du nicht auf dich achtest, wirst du leicht ein Opfer.
Deine tiefe Traurigkeit hat mich gerührt. Es hat mir gefallen, dass du nicht auf ein schnelles Abenteuer aus warst. Ich wünsche mir, dass du wiederkommst, wenn du bereit für mich bist.
Gesine
Ich war erschrocken. Wie konnte eine Frau, die mich gerade mal ein paar Stunden kannte, mir einen solchen Brief schreiben? Ich war wütend über die Intimität ihrer Worte und erstaunt zugleich, wie sie mich in ihrer Einschätzung so genau treffen konnte.
Ich war auch enttäuscht, weil ich sie an diesem Tag nicht wieder sehen würde. Doch sie hatte Recht. Es gab so viele Dinge, die ich regeln musste.
Als ich meinen Kaffee beendet hatte, verabschiedete ich mich von ihrer Mutter, die die ganze Zeit hinter dem Tresen gestanden und mich beobachtet hatte. Ich bedankte mich noch einmal und bat sie, ihre Tochter zu grüßen.
Sie sagte noch: „Wir freuen uns, wenn Sie wiederkommen!“
Die Auszubildende öffnete mir die Tür. Ich trat auf den nassen Butzbacher Bürgersteig hinaus.
*
Es war ein ungemütlicher Mittwochmorgen. Ich entschloss mich noch ein paar Sachen aus meinem ehemaligen Haus zu holen. Es war noch nicht einmal zehn Uhr, also konnte ich sicher sein, dass weder meine Frau noch meine Kinder im Haus waren.
Als ich mein Auto abstellte, war niemand von den Nachbarn zu sehen. Ich war froh darüber. Ich schloss die Haustür auf und ging gleich ins Obergeschoss, um auf dem Dachboden meinen alten braunschwarzen Reisekoffer zu holen, den ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Es war ein Modell aus den fünfziger Jahren, mit einem kaputten Schloss aber mit zwei Lederriemen zum Verschließen. Ich musste zuerst die Bücher ausräumen, die noch vom letzten Umzug darin verblieben waren. Dabei entdeckte ich ein altes Exemplar des Zauberbergs, das ich lange gesucht hatte. Ich ließ es im Koffer, stieg die steile Stiege hinunter und packte im Schlafzimmer wahllos einige Kleidungsstücke zusammen.
Unten an der Haustür klapperte etwas. Ich befürchtete schon, dass meine Frau früher aus der Schule zurückkommen würde. Aber es schien nur der Briefträger zu sein, der den Deckel des Briefkastens fallen ließ. Ich wollte jetzt nichts erklären. Hastig raffte ich noch einiges zusammen und verschloss den Koffer. Ich schaute mich noch einmal im Schlafzimmer um. Dann trug ich den Koffer ins Erdgeschoss, stellte ihn im Flur ab und überlegte einen Augenblick, ob ich eine Nachricht hinterlassen sollte. Ich entschied mich dagegen.
Ich verstaute den Koffer im Auto. Gegenüber stand Brunhilde, eine ältere Nachbarin, im Garten und hängte Wäsche auf.
„Na, verreist du?“ fragte sie.
„Ja, ich muss dienstlich weg“, log ich. „Tschüs“, sagte ich noch.
Ich setzte mich ins Auto und fuhr weg. Ich spürte eine grenzenlose Erleichterung. Endlich hatte ich die Schwelle überschritten, die ich so lange vor mir gesehen hatte. Ich schaltete das Autoradio ein, um den Verkehrsfunk zu hören. Es lief gerade Free Electric Band von Albert Hammond. Es passte - irgendwie.
In Herborn fuhr ich auf die A 45 Richtung Norden. Der Tag klarte auf, die Sonne zeigte sich, die Fahrbahn trocknete langsam ab. Genau wusste ich nicht, wie ich nach Gumpingen, Patrizias Wohnort, kommen würde. Ich wollte erst einmal Richtung Münster fahren. Das Weitere würde sich finden.
Mir fiel ein, dass ich vergessen hatte, mich krank zu melden. An der nächsten Raststätte, rief ich im Büro an. Friede war am Telefon. Ich log irgendetwas von Erkältung. Friede wünschte mir noch gute Besserung. Im Lokal bestellte ich mir eine Gulaschsuppe mit Pommes und eine Cola, kaufte mir die BILD und verzog mich in eine Ecke. Es war ein Ritual, das ich viele Jahre praktiziert hatte. Ich schüttete einen Teil der Pommes in die Suppe, wartete, bis sie durchtränkt waren, und aß sie dann mit dem Löffel. Dazu die Sportseite der Zeitung – und nur die Sportseite. Das war eine coole Sache.
Nach dem Essen fiel mir ein, dass ich nur die Schuhe dabei hatte, die ich an den Füßen trug. Ich würde mir welche kaufen müssen. Ich schlenderte zurück zum Auto. Bevor ich einstieg, zündete ich mir eine Zigarette an, lehnte mich gegen die Kühlerhaube und betrachtete das Treiben auf dem Parkplatz. Irgendwo musste am Abend ein Fußballspiel sein, es waren eine ganze Menge Autos mit Schals und Fahnen von Fußballclubs unterwegs. Sie hatten hier Rast gemacht und die meisten kamen mit Bierdosen zu ihren Fahrzeugen zurück. Sie grölten bereits ihre Schlachtgesänge und einige würden wohl am Abend nicht mehr viel von dem Spiel mitbekommen. Ich drückte meine Kippe aus und warf sie in einen Müllbehälter.
Die Sonne war hinter dunklen Regenwolken verschwunden. Regen hatte eingesetzt. Ich musste mir langsam Gedanken machen, wo ich an diesem Abend übernachten würde, mittlerweile war es später Nachmittag geworden. Ich nahm mir vor, die Autobahn bei der nächsten Abfahrt zu verlassen, tat es dann doch nicht. Das ging eine ganze Zeit so. Dann beschloss ich, so lange zu fahren, wie ich konnte, und irgendwo am Straßenrand zu schlafen.
Es war dunkel geworden, ich wusste nicht mehr genau, wo ich war. Also nahm ich die nächste Abfahrt, fuhr einfach drauflos und kam in ein kleines Straßendorf, wo eine Kneipe war. Ich fuhr erst daran vorbei, bremste dann aber, fuhr rückwärts und parkte genau vor der Tür. Ich überlegte noch, ob ich das Standlicht anlassen sollte, weil die Durchgangsstraße nicht sehr gut beleuchtet war, ließ es dann aber. Ich betrat den Gastraum, das übliche Gelsenkirchener Barock, ein kleiner hufeisenförmiger Tresen, ein paar Tische und wenige Gäste, die sich gedämpft unterhielten. Oder es kam mir so vor, weil ich das Brummen von Motoren im Ohr hatte. Hinter dem Tresen stand eine dralle Blondine, Ende fünfzig, und wünschte mir einen guten Abend.




