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Barth veröffentlichte später seine Leutwiler Ansprache unter dem Titel „Die neue Welt in der Bibel.“5 In einer Zeit und Kultur, in der die Bibel von Generationen von Totengräber-Theologen einbalsamiert und begraben worden war, bestand er leidenschaftlich und unnachgiebig darauf: „Das Mädchen ist nicht tot, es schläft nur“; nahm sie bei der Hand und sagte „Steh auf“. Über die nächsten fünfzig Jahre offenbarte Barth die unglaubliche Lebenskraft und Energie, die aus den Sätzen und Geschichten der Bibel strömt und er zeigte uns, wie man sie liest.

Barth besteht darauf, dass wir dieses Buch und die von ihm geprägten nachfolgenden Schriften nicht lesen, um herauszufinden, wie wir Gott in unser Leben bekommen und um ihn dazu zu bringen, Teil unseres Lebens zu sein. Nein. Wir schlagen dieses Buch auf und stellen fest, dass es uns auf jeder Seite überrumpelt und überrascht und uns in seine Realität hineinnimmt, uns hinzieht zur Gemeinschaft mit Gott, zu seinen Bedingungen.
Er hat dies mit einem berühmten Bild verdeutlicht. Ich benutze den Kern seiner Anekdote und gestalte ihn mit meinen eigenen Details und mit der Hilfe von Walker Percy6 aus. Stellen Sie sich eine Gruppe von Männern und Frauen in einem großen Lagerhaus vor. Alle wurden in diesem Lagerhaus geboren, sind darin aufgewachsen und alles, was sie zum Leben benötigen, finden sie dort. Dieses Gebäude hat zwar keine Ausgänge, dafür aber Fenster. Doch die Fenster sind dick mit Staub überzogen, sie werden nie gereinigt und darum macht sich niemand die Mühe hinauszusehen. Wieso auch? Sie kennen nur das Lagerhaus, und dort gibt es alles, was sie brauchen. Doch eines Tages zieht ein Kind eine Trittleiter zu einem der Fenster, kratzt den Dreck weg und schaut hinaus. Es sieht Menschen auf der Straße gehen. Es ruft seine Freunde herbei. Sie drängeln sich um das Fenster – sie hatten ja keine Ahnung, dass es außerhalb dieses Lagerhauses eine ganze Welt gibt. Und dann sehen sie auf der Straße jemanden, der nach oben schaut und hinaufzeigt. Bald hat sich eine kleine Gruppe gebildet, die hinaufschaut und aufgeregt durcheinanderredet. Die Kinder schauen nach oben, doch alles, was sie sehen, ist das Dach ihres Lagerhauses. Schließlich wird es ihnen langweilig, diesen verrückten Leuten auf der Straße zuzusehen, die ständig nach oben ins Leere zeigen und darüber ganz aufgeregt werden. Weshalb sollte man ohne Grund stehen bleiben, ins Leere deuten und sich wegen nichts verrückt machen?
Die Leute auf der Straße hatten allerdings ein Flugzeug (oder Wildgänse oder einen riesigen Berg Kumuluswolken) gesehen. Die Leute auf der Straße sehen nach oben und sehen den Himmel und alles, was dort unterwegs ist. Die Lagerhaus-Menschen haben keinen Himmel über sich, nur ein Dach.
Was würde allerdings passieren, wenn plötzlich eines der Kinder eine Tür in die Wand des Lagerhauses bricht, seine Freunde dazu überredet mitzukommen und die Gruppe draußen den riesigen Himmel über ihren Köpfen entdeckt, den großartigen Horizont in der Ferne? Genau das passiert, wenn wir die Bibel öffnen, meint Barth. Wir betreten die völlig unbekannte Welt Gottes, eine Welt voller Schöpfungskraft und Erlösung, die sich über und neben uns endlos ausbreitet. Das Leben im Lagerhaus hat uns darauf nicht vorbereitet.
Die Erwachsenen im Lagerhaus spotten über die Geschichten, die die Kinder von draußen mitbringen. Schließlich haben sie die Kontrolle über das Leben im Lagerhaus, nicht über die Welt da draußen. Und sie wollen, dass es so bleibt.

Paulus war für Barth dieses kleine Kind, das als erstes den Schmutz von der Scheibe kratzte, eine Tür aufbrach und ihn dazu überredete, mit nach draußen zu kommen, in die große „fremdartige“ Welt, von der uns die biblischen Schreiber Zeugnis geben. Unter Anleitung dieser Schreiber, zuerst war es nur Paulus, doch bald schon die ganze Fakultät des Heiligen Geistes, wurde Barth zu einem christlichen Leser. Er las Worte, um sich vom Wort formen zu lassen. Erst dann wurde er ein christlicher Schriftsteller. Barth veröffentlichte seine Darstellung der Ereignisse später in „Das Wort Gottes und die Theologie“. Der Romanautor John Updike sagte über dieses Buch, es habe ihm „so etwas wie eine Philosophie, auf deren Grundlage ich leben und arbeiten konnte“ gegeben, „und insofern [hat es] mein Leben verändert“. Bei der Überreichung der Campion Medaille im Jahr 1997 gab Updike den christlichen Glauben, wie ihn Barth in seiner Wiederentdeckung der Bibel offenbarte, als Grund dafür an, dass er als Schriftsteller erkannt hatte: „… dass die Wahrheit heilig ist und das Verkünden der Wahrheit eine edle und nützliche Tätigkeit, dass die Wirklichkeit um uns herum geschaffen und würdig ist, gefeiert zu werden, dass Männer und Frauen radikal unvollkommen und radikal wertvoll sind.“7

Die ersten Metaphern über das Schreiben und Lesen, die wirklich mein Interesse weckten, kamen von Kafka: „Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? … Ein Buch muss wie die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“8 Zu dieser Zeit war ich Pastor und setzte mich deshalb beruflich damit auseinander, Menschen zum Bibellesen zu motivieren. Es erschreckte mich, dass sie die Bibel nicht anders lasen als den Sportteil oder einen Comic oder die Kleinanzeigen. Ich wollte die Menschen aufwecken und sie verändern. Ich wollte, dass sie die Bibel als einen Faustschlag sahen, einen Eispickel. Im Rückblick muss ich eingestehen, dass meine Strategie in erster Linie darin bestand, manchmal etwas lauter zu werden. Ich erkannte nicht, wie gewalttätig diese Metaphern waren. Ich wollte einfach etwas anstoßen. Doch dann brachte mich eine Frage von Wendell Berry zum Stutzen: „Bist du endlich fertig damit, alle umzubringen, die keinen Frieden wollten?“9 Mir wurde klar, dass die Gewalt, die diese Metaphern unterstellten, nicht wirklich meinem Vorhaben dienlich waren, nämlich Christen anzuleiten, die Heilige Schrift als Nahrung für ihre Seelen wahrzunehmen. Zwangsernährung ist vermutlich nicht der beste Weg, um die Einzigartigkeit des Bibellesens, des geistlichen Lesens, zu vermitteln.
Schließlich stellte ich fest, dass das eindringlichste biblische Bild für das Lesen das von Johannes ist, der ein Buch isst:
Dann ging zu dem Engel und bat ihn um das kleine Buch. Er antwortete mir: „Nimm das Büchlein, und iss es auf! Es schmeckt süß wie Honig, aber du wirst Magenschmerzen davon bekommen.“ So nahm ich das kleine Buch aus seiner Hand und aß es. Es schmeckte wirklich süß wie Honig; aber dann lag es mir schwer im Magen (Offb 10,9–10).
Vor ihm hatten schon Jeremia und Hesekiel Bücher gegessen – scheinbar gute Nahrung für all jene, denen es wichtig ist, einen Text richtig zu verstehen.
Damit erregt man allemal so viel Aufsehen wie mit Kafka, doch als Bild ist es weitaus besser. Johannes, dieser endlos faszinierende frühkirchliche Apostel, Pastor und Schriftsteller, geht zu dem Engel und sagt: „Gib mir das Buch.“ Der Engel gibt es ihm: „Da hast du es. Iss es auf, iss das Buch auf.“ Johannes tut es. Er isst das Buch – er liest es nicht nur – es gelangte in seine Nervenzellen, seine Reflexe, seine Einbildungskraft. Er hatte die Heilige Schrift gegessen. Das Buch wurde Teil seiner Anbetung und seiner Gebete, seiner Vorstellungen und seines Schreibens. Das Buch, das er gegessen hatte, wurde zu dem Buch, das er verfasste, das erste große Gedicht in der christlichen Tradition und das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung.

Austin Farrer, Dozent an der Universität Oxford, sprach in einer seiner Bampton-Vorlesungen von der „unerhörten Gewohnheit des geistlichen Lesens“,10 mit der gewöhnliche Menschen schon immer an diesen Seelen-verändernden Text herangegangen waren. Unerhört deshalb, weil wir unser ganzes Leben in den Leseprozess einbringen und nicht nur die Synapsen unseres Gehirns. Unerhört deshalb, weil wir so erfindungsreich sind, wenn es darum geht, das Risiko des Glaubens an Gott zu umgehen. Unerhört deshalb, weil wir unser „spirituelles“ Halbwissen unermüdlich dazu einsetzen, uns selbst zu Gott zu machen. Unerhört deshalb, weil wir zwar gelernt haben, die Wörter auf den Seiten zu lesen und zu verstehen, doch erkennen müssen, dass wir trotzdem noch ganz am Anfang stehen. Unerhört deshalb, weil wir als ganzer Mensch gefordert sind, mit unseren Muskeln und Bändern, unseren Augen und Ohren, unserem Gehorsam und unserer Anbetung, unserer Einbildungskraft und unserem Gebet. Unsere Vorfahren stellten diese „unerhörte Gewohnheit“ (sie nannten es Lectio Divina)11 in das Zentrum des Lehrplans der Schule des Heiligen Geistes, der anspruchsvollsten aller Schulen. Jesus gründete sie, als er zu seinen Jüngern sagte: „Wenn aber der Geist der Wahrheit kommt, hilft er euch dabei, die Wahrheit vollständig zu erfassen … alles, was er euch zeigt, kommt von mir“ (Joh 16,13–15; auch 14,16; 15,26; 16,7–8). Alles, was gemäß dieses Lehrplans verfasst wurde und wird, setzt folgende Art zu lesen voraus: teilhabendes Lesen, bei dem wir die Worte aufnehmen, sodass sie Teil unseres Lebens werden, bei dem die Rhythmen und Bilder zu unseren Gebeten werden, zu gehorsamem Handeln, gelebter Liebe.
Worte, die mit dem Bild des Essens zu uns gesprochen oder geschrieben werden, Worte, die wir unbelastet zu uns nehmen, schmecken, kauen, genießen, schlucken und verdauen, haben eine andere Wirkung auf uns als Worte, die von außen auf uns einwirken, sei es in Form von Propaganda oder Information. Propaganda zwingt uns die Meinung anderer auf, manipuliert uns zu einer Handlung oder einem Glauben. Insoweit wir das zulassen, werden wir kleiner, werden wir zur Puppe eines sprechenden und schreibenden Puppenspielers. Eine Puppe hat weder eine Würde noch eine Seele. Information macht Worte zu Waren, die wir ganz nach Wunsch verwenden können. Die Worte werden ihrem moralischen Ursprung und dem Bereich der persönlichen Beziehungen entzogen und werden zu Werkzeugen oder Waffen. Eine derartige Nutzbarmachung der Sprache macht sowohl Sprecher als auch Zuhörer zu Waren.
Lesen zu können ist ein großes Geschenk, wenn die Worte einen Platz in unserer Seele finden – wenn sie gegessen werden, an ihnen genagt wird, sie geruhsam und freudig aufgenommen werden. Die Worte von lang verstorbenen oder durch Entfernung und/oder Jahre von uns getrennten Männern und Frauen erheben sich von den Seiten und kommen frisch und geradewegs in unser Leben und vermitteln Wahrheit, Schönheit und Güte; Worte, die Gottes Geist dazu verwendet, um unseren Seelen frisches Leben einzuhauchen. Unser Zugang zur Wirklichkeit vertieft sich über Jahrhunderte und Kontinente hinweg. Allerdings birgt solches Lesen auch subtile Gefahren. Leidenschaftliche Worte, die Männer oder Frauen mit großer Begeisterung gesprochen haben, sterben, sobald sie zu Papier gebracht werden, einen langsamen Tod und werden von lieblosen Augen zerlegt. Ungebändigte Worte, entstanden aus entsetzlichem Leiden, können als Museumsstück enden, gehäutet und ausgestopft, aufgehängt und beschriftet. Jedes Lesen birgt die Gefahr, dass Worte zu Propaganda verdreht oder auf Information reduziert werden und nur mehr Werkzeuge und Daten sind. Wir bringen die lebendige Stimme zum Schweigen und reduzieren Worte auf das, was angenehm und gewinnbringend ist. Ein Psalmist spottet über seine Zeitgenossen, die den lebendigen, sprechenden und hörenden Gott auf einen goldenen oder silbernen Waren-Gott reduzierten, der ihnen zu Nutzen war:
Die solche Götzen machen, sind ihnen gleich, alle, die auf sie hoffen! (Ps 115,8)
Diese Warnung gilt auch für uns heute, wenn wir täglich mit der unglaublichen Explosion der Informationstechnologien und Werbetechniken konfrontiert werden. Wir müssen diese Worte retten.
1A. Negoită, „

2Baron Friedrich von Hügel, Selected Letters, E. P. Dutton, New York 1927, S. 229.
3Rilke, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Reclam, Stuttgart 1997 (Erstauflage 1910).
4„Die letzten Tage…“: So das gleichnamige Werk von Karl Kraus. Zitat: Steiner, George: Grammatik der Schöpfung, Hanser, München/Wien 2001, S. 276 (Originalausgabe: Steiner, George: Grammars of Creation, Yale University Press, New Haven 2001, S. 222).
5In: Barth, Karl: Das Wort Gottes und die Theologie. Gesammelte Vorträge, Chr. Kaiser Verlag, München 1925.
6Siehe: Walker Percy, The Message in the Bottle, Farrar, Straus and Giroux, New York 1975, S. 119–149.
7In: Updike, John: Updike und ich. Essays, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2002, S. 536 u. 553 (Originalausgabe: John Updike, More Matter, Alfred A. Knopf, New York 1999, S. 843, 851).
8Franz Kafka an Oskar Pollak, 27. Januar 1904, in: Kafka, Franz: Briefe 1902 – 1924, S. Fischer, 1998, S. 27f.
9Berry, Wendell: Collected Poems 1957 – 1982, North Point, San Francisco 1985, S. 121.
10Austin Farrer, The Glass of Vision, Dacre, Westminster 1948, S. 36.
11Worum es bei diesem „Unerhörten“ tatsächlich geht, wird in Teil II, Lectio Divina genauer erläutert.
I
Iss dieses Buch
„Ich selbst bin das Brot, das euch dieses Leben gibt! Eure Vorfahren haben in der Wüste das Manna, das Brot vom Himmel, gegessen und sind doch alle gestorben. Aber hier ist das wahre Brot, das vom Himmel kommt. Wer davon isst, wird nicht sterben.“
JOHANNES 6,48–50
„Viel zu wissen und nichts zu schmecken – wozu soll das gut sein?“
BONAVENTURA
KAPITEL 2
Die Heilige Gemeinschaft am Tisch mit der Heiligen Schrift
Der biblische Text ist die Grundlage für das geistliche Leben eines Christen. Dieses geistliche Leben ist vollkommen im biblischen Text verwurzelt und durch ihn geprägt. Wir schaffen uns nicht unser persönliches geistliches Leben aus einer zufälligen Ansammlung von Lieblingstexten, kombiniert mit unseren persönlichen Lebensumständen. Wir werden vom Heiligen Geist in Übereinstimmung mit dem Text der Heiligen Schrift geformt. Gott beauftragt uns nicht damit, unsere eigene persönliche Spiritualität zu schaffen. Wir wachsen in Übereinstimmung mit dem offenbarten Wort, das uns durch den Geist eingepflanzt wird.
Die einzigartige Position der Heiligen Schrift als der prägende Text für Christen wurde immer wieder in Frage gestellt. Durch alle Jahrhunderte hindurch haben Menschen sich für andere Wege entschieden, auf denen sie sich Richtung und Führung für ihr Leben als Christ erhofften. Doch die Kirchengemeinschaft hat diese Wege immer wieder abgelehnt und hält an der Bibel fest, der Bibel als verbindliche Grundlage.
Beispielsweise lehnen wir es ab, wenn Menschen sich in schwärmerische Ekstasen hineinsteigern, um dadurch Verbindung zu Gott aufzunehmen. Extreme Gefühlszustände sind sehr anziehend, besonders für Heranwachsende. Sie bieten eine aufregende Unmittelbarkeit. Es fühlt sich so, na ja, so authentisch, so lebendig an. Dieser Seelenzustand läuft mittlerweile unter den Sammelbegriff „Enthusiasmus“ und hat schon viele erfasst, sie auf Irrwege der Selbsterfüllung und in ausweglose Abhängigkeit geführt. Unsere klügsten Gelehrten warnen uns nach wie vor vor ihnen.12 Wir sagen „Nein“ zu moralischen Herkulestaten, mit denen wir unser göttliches Potenzial abrufen und zur Schau stellen. Heldenhafte Herausforderungen, besonders der moralischen Art, pumpen Adrenalin in unseren Blutkreislauf und befreien uns vom alltäglichen Klein-Klein, das uns im Sumpf des Gewöhnlichen gefangen hält. Wir sagen „Nein“ dazu, sich in eine Berghöhle zurückzuziehen und sich von allen Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu befreien, bis nichts mehr übrig ist, was uns den direkten Zugang zur Wirklichkeit verstellt. Das hat so etwas Reines, Einfaches, Ordentliches. Der Zen Koan ersetzt den biblischen Text.
Allerdings ist der beliebteste „Text“ in Amerika im Augenblick der des unabhängigen Ich. Vor Kurzem erzählte mir ein Freund von einem Bekannten, der sein Leben lang die Bibel gelesen hatte und eines Tages feststellte, dass sein Leben sich nicht so entwickelte, wie es ihm die Bibel seiner Ansicht nach vorausgesagt hatte. Er entschloss sich dann sofort dazu, „seinem Leben die Autorität zu übergeben und nicht der Bibel.“ Der Großteil unserer Kultur, sowohl der säkulare als auch der religiöse Teil, unterstützt die Entscheidung dieses Mannes. Es ist charakteristisch für die aufkeimende, vielfältige Spiritualität von heute, das souveräne Ich als Lebenstext zu etablieren. Die Ergebnisse machen allerdings wenig Mut: Das plötzlich so große Interesse an spirituellen Dingen zu Beginn dieses Jahrtausends scheint kein größeres Engagement für Gerechtigkeit und treue Liebe zu produzieren, was ja zwei der sichtbareren Begleiterscheinungen eines guten, geheiligten Christenlebens sind. Tatsächlich sind wir an einem Punkt angekommen, wo „Spiritualität“ eher das Bild eines Möchtegern-Gurus für Transzendenz heraufbeschwört als das von einem Leben in Strenge, großer Freude, Güte und Gerechtigkeit – was genau die Art von Leben ist, mit dem der Begriff ursprünglich verknüpft war.
Christen kommen nicht darum herum, sich der Beliebtheit dieser selbstherrlichen Spiritualitäten bewusst zu werden, manchmal sogar von dem einen oder anderen spirituellen Feuerwerk beeindruckt zu sein, hin und wieder sogar ein erstauntes „Oh“ und „Ah“ nicht unterdrücken zu können. Doch bei genauerer Betrachtung ist es nicht empfehlenswert, ihnen nachzurennen. Ganz im Gegensatz zu diesen eigennützigen und glamourösen Spiritualitäten, ist die unsere ein Fußmarsch. Wir sind wortwörtlich Fußgänger: Wir setzen einen Fuß vor den anderen, während wir Jesus folgen. Und um zu erfahren, wer er ist, wohin er geht und wie wir seinen Schritten folgen können, greifen wir zu einem Buch, dem Buch und lesen es.

Ich will der weit verbreiteten Praxis entgegenwirken, eigene Erfahrungen als Maßstab für unser Leben zu nehmen und nicht die Heilige Schrift. Ich möchte die Bibel, die in unseren zeitgenössischen Vorstellungen durch ihre glamourösen Konkurrenten so rüde an den Rand gedrängt wurde, wieder ins Zentrum zurückholen, als den Lebenstext für ein tiefes und gutes Leben als Christ. Ich möchte aufdecken, wie die Autorität der Bibel durch die Autorität des Ich ersetzt wurde, und dem entgegentreten. Ich will persönliche Erfahrungen unter die Autorität der Bibel stellen und nicht über sie. Ich möchte uns die Bibel als den Text vor Augen führen, nach dessen Anleitung wir leben, diesen Text, der in so scharfem Kontrast steht zur bunten Mischung aus religiöser Psychologie, Selbstentfaltung, mystischen Experimenten und frommem Dilettantismus, die mittlerweile vieles charakterisieren, was sich unter dem Schirm der „Spiritualität“ sammelt.
Es besteht heutzutage großes Interesse an der Seele. In der Kirche zeigt sich dieses Interesse in einer Wiederbelebung von Dingen wie geistlicher Theologie, geistlicher Leiterschaft, geistlicher Führung und geistlicher Entwicklung. Allerdings geht dies nicht Hand in Hand mit einem wiederbelebten Interesse an der Heiligen Schrift. Für geistliche Theologie, geistliche Leiterschaft, geistliche Führung und geistliche Entwicklung müssen wir dem Werk des Heiligen Geistes Raum geben in unseren persönlichen und geschäftlichen, öffentlichen und politischen Lebensbereichen. Doch jene, die sich für dieses Werk interessieren, sind häufig, man kann fast sagen normalerweise, nicht an der Heiligen Schrift interessiert, dem Buch, das uns vom Heiligen Geist gegeben wurde. Es ist dringend nötig, dass das Interesse an unserer Seele Hand in Hand geht mit einem Interesse an der Bibel – und genauso gilt: beide, Bibel und Seele, sind das Haupteinsatzgebiet des Heiligen Geistes. Ein Interesse an der Seele ohne Interesse an der Bibel entzieht uns den Grundtext, der diese Seele formt. Genauso ist es umgekehrt: ein Interesse an der Bibel ohne Interesse an der Seele entzieht uns das Material, mit dem wir am Text arbeiten können.
Im Großen und Ganzen akzeptieren Christen die Position, dass die Bibel der maßgebende Text ist, durch den Gott sich uns offenbart. Ich will das hier auch nicht in Frage stellen. Unsere Theologen und Bibelgelehrten haben dies umfassend erforscht und dargelegt. Meine Aufgabe ist es, die andere Seite der Medaille ins Bewusstsein und ins Zentrum zu rücken: dass uns dieser Bibeltext, indem er uns Gott offenbart, mit in die Offenbarung hineinnimmt und uns als Teilnehmer willkommen heißt. Ich will deutlich machen, dass die Bibel, die ganze Bibel, lebbar ist; sie ist der Text, mit dem wir unser Leben leben. Sie offenbart eine von Gott geschaffene, von Gott angeordnete, von Gott gesegnete Welt, in der wir uns zu Hause und unversehrt fühlen können.
Ich möchte mit dem Bild beginnen: Iss dieses Buch. Ich will dieses Bild zurückholen, zusammen mit allen seinen Auswirkungen auf die Gemeinschaft der Christen, in der ich lebe. Ich will diesem Gebot zu einem Platz in der Vorstellungskraft der christlichen Generation verhelfen, von der ich ein Teil bin. Inmitten der großen biblischen Gebote, die sich in der christlichen Wahrnehmung im Vordergrund tummeln, soll es einen Ehrenplatz erhalten. Die meisten von uns tragen eine Handvoll von Geboten mit sich herum, die uns auf Kurs halten: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen … Liebe deinen Nächsten … Ehre Vater und Mutter … Tut Buße und glaubt … Ehrt den Sabbat … Fürchte dich nicht … Seid reichlich dankbar … Betet ohne Unterlass … Folgt mir nach … Gehet hin in alle Welt … Nehmt euer Kreuz auf euch …“ Fügen Sie noch das folgende Ihrem Repertoire hinzu: Iss dieses Buch. Nicht bloß „Lies deine Bibel“, sondern Iss dieses Buch.

Christen zehren von der Bibel. Die Heilige Schrift ernährt die heilige Gemeinschaft genauso, wie Nahrung unseren Körper ernährt. Christen erlernen, studieren oder verwenden die Bibel nicht nur. Wir verleiben sie uns ein, wir nehmen sie mit in unser Leben hinein. Sie wird verarbeitet zu Liebestaten, Bechern voll kühlen Wassers, Aussendungen in die Welt, Heilung, Evangelisation und Gerechtigkeit im Namen Jesu. Sie wird zu Händen, die sich in Anbetung des Vaters erheben, Füßen, die gemeinsam mit dem Sohn gewaschen werden.
Diese bildhafte Aufforderung kommt zu uns mit Rückendeckung durch Johannes, den Theologen (in der King James Bibel „der Gottbegnadete“).
Da ging ich zu dem Engel und bat ihn um das kleine Buch. Er antwortete mir: „Nimm das Büchlein, und iss es auf! Es schmeckt süß wie Honig, aber du wirst Magenschmerzen davon bekommen.“ So nahm ich das kleine Buch aus seiner Hand und aß es. Es schmeckte wirklich süß wie Honig; aber dann lag es mir schwer im Magen“ (Offb 10:9–10).
Rüttelt uns das wach? Johannes ist eine beeindruckende Figur. Er war Pastor einer Gruppe an den Rand gedrängter, politisch und wirtschaftlich machtloser Christen. Sie lebten in einer Gesellschaft, in der ihr Entschluss, Christus nachzufolgen, sie zu Staatsverbrechern machte. Es war seine Aufgabe, sie auf ihrem Weg zu bestärken, ihnen zu helfen, ein geisterfülltes Leben zu leben und begeisterte Jünger zu bleiben, ihre Hoffnung aufrecht zu erhalten im Angesicht riesiger Widerstände – mit dem lebenden, sprechenden und handelnden Jesus als Zentrum ihres äußeren und inneren Lebens. Er gab sich nicht mit bloßem Überleben zufrieden, indem er ihnen eine Schiffsplanke zuwarf, an die sie sich während des Sturms klammern konnten. Er wollte, dass sie leben, wirklich leben – alle überleben. Das ist es, was Propheten, Pastoren und Schriftsteller tun und es ist nie einfach. Es ist heute nicht leichter, als es damals für Johannes war.




