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Es passierte im Verlauf der fantastischen Dichtung der Apokalypse, für die Johannes so bekannt ist – diese ungestüm wilde und feierliche Vision, die er auf der Gefängnisinsel Patmos während seiner Anbetung an einem Sonntagmorgen hatte. Er näherte sich gerade dem Mittelteil einer Reihe von visionären Botschaften, als er einen riesigen Engel sah, der mit einem Fuß im Ozean stand und mit dem anderen auf dem Festland und ein Buch in seiner Hand hielt. Von dieser riesigen, Land und Meer überspannenden Kanzel aus, predigte der Engel aus dem Buch. Die Predigt war explosiv, donnernd. Diese Predigt konnte niemand verschlafen! Johannes begann aufzuschreiben, was er hörte – er hatte noch nie eine solche Predigt gehört – doch dann wurde ihm gesagt, er solle aufhören. Eine Stimme befahl ihm, das Buch von diesem riesigen Engel entgegenzunehmen, diesem Gottesboten, der aus seiner weltumspannenden Kanzel predigte. Und das tat er. Er ging auf den Engel zu und sagte: „Gib mir das Buch“. Der Engel gab es ihm, sagte aber dann: „Da hast du es; iss es. Iss dieses Buch auf. Mach dir nicht nur Notizen von meiner Predigt. Iss das Buch auf.“ Und John tat genau das. Er steckte Stift und Block weg und nahm Messer und Gabel zur Hand. Er aß das Buch.
Die Bildhaftigkeit ist, wie alle Bilder in der Offenbarung des Johannes, komplex, eine Verschmelzung von Bildern ausgehend von Mose und den Propheten bis hin zu Jesus. Diese Vision vom predigenden Engel ist angefüllt mit dem Widerhall des Vertrauten. Doch was unmittelbar und offensichtlich auffällt, ist, dass der mächtige Engel aus der Bibel predigt, der Heiligen Schrift. Das Buch, das Johannes aß, war die Bibel oder der Teil, der damals bereits aufgeschrieben war. Das Wort „Buch“ (griechisch biblion, was bei uns zu „Bibel“ wurde), macht deutlich, dass die Botschaft Gottes an uns Bedeutung hat, Handlung und Absicht. Ein Buch schreiben bedeutet Wörter auf sinnvolle Weise anzuordnen. Diese Worte haben einen Sinn. Unser Weg zu Gott basiert nicht auf Vermutungen: Gott offenbart sich. Diese Worte der Bibel offenbaren das Wort, das Himmel und Erde geschaffen hat; sie offenbaren das Wort, das Mensch wurde, Jesus, zu unserer Erlösung. Gottes Wort wurde für uns aufgeschrieben, weitergegeben und übersetzt, sodass wir Teil der Handlung werden. Wir halten diese Bibel in Händen und lesen sie, damit wir die erschaffenden und rettenden Worte hören können, auf sie reagieren können und direkt teilhaben am Prozess der Erschaffung und Erlösung.
Das Buch zu essen bedeutet, dass hier das Lesen nicht nur eine objektive Handlung ist, nicht nur ein Erkennen von Wörtern und deren Bedeutung. Ein Buch zu essen steht im Widerspruch zu dem, wie die meisten von uns Lesen gelernt haben – eine distanzierte Objektivität entwickeln und dadurch wissenschaftliche oder theologische Wahrheiten erhalten und zu diesem Zweck so weit als möglich jede persönliche Anteilnahme vermeiden, die die Aussage des Textes verdrehen könnte. Doch niemand von uns liest zu Beginn wirklich so. Ich habe eine Enkelin, die im Moment Bücher isst. Wenn ich ihrem Bruder ein Buch vorlese, dann nimmt sie sich ein anderes vom Stapel und kaut darauf herum. Sie versucht, das Buch in sich hineinzubekommen und zwar auf dem schnellsten ihr bekannten Weg, nicht durch die Ohren, sondern durch den Mund. Sie macht nicht wirklich einen Unterschied zwischen Ohr und Mund – jede Körperöffnung ist ihr willkommen, um das Buch hineinzukriegen. Bald wird sie aber zur Schule gehen und sie wird lernen, dass dies nicht der richtige Weg ist. Man wird ihr beibringen, mithilfe des Buches Fragen zu beantworten. Sie wird lernen Bücher zu lesen, um dann Prüfungen zu bestehen, und sobald sie bestanden hat, das Buch ins Regal zu stellen und ein neues zu kaufen.
So, wie Johannes zum Lesen angeleitet wird, bestehen wir nicht bloß Prüfungen. Ein Buch essen bedeutet alles aufnehmen, es zum Teil des Gewebes unseres Lebens zu machen. Leser werden zu dem, was sie lesen. Sofern die Heilige Schrift etwas anderes beinhaltet als triviales Gerede über Gott, dann müssen wir sie verinnerlichen. Die meisten von uns haben eine Meinung über Gott, mit der wir für gewöhnlich nicht hinter dem Berg halten. Doch nur weil eine Unterhaltung (oder Predigt oder Vorlesung) das Wort „Gott“ beinhaltet, heißt das noch lange nicht, dass sie auch wahr ist. Der Engel weist Johannes nicht an, Informationen über Gott weiterzugeben. Er befiehlt ihm, das Wort Gottes aufzunehmen, sodass es sich ganz natürlich in seiner Syntax entfaltet, ganz so wie Nahrung, die wir essen, unbewusst in unsere Nerven und Muskeln eingeht und so zu Sprache und Bewegung wird.
Worte – gesprochen und gehört, geschrieben und gelesen – sollen in uns etwas bewirken, Gesundheit und Vollkommenheit, Lebensfreude und Heiligkeit, Weisheit und Hoffnung. Ja, iss dieses Buch.
Ich sagte bereits an früherer Stelle, dass Johannes nicht der erste biblische Prophet war, der ein Buch aß, als wäre es ein Marmeladenbrot. Sechshundert Jahre zuvor überreichte man Hesekiel ein Buch und befahl ihm, es zu essen (Hes 2,8–3,3). Hesekiels Zeitgenosse Jeremia aß ebenfalls Gottes Offenbarung, seine Version der Heiligen Schrift (Jer 15,16). Hesekiel und Jeremia lebten, genauso wie Johannes, zu einer Zeit, in der der Druck groß war, einem ganz anderen Text zu folgen als dem von Gott in seiner Heiligen Schrift offenbarten. Diese spezielle Bibel-Diät fand bei allen Dreien ihren Niederschlag in Sätzen von maximaler Kraft, Bildern voll flammender Klarheit und einem prophetischen Leben voll mutigem Leiden. Wenn wir in Gefahr sind (was wir selbstverständlich sind), dem allgemeinen Trend nachzugeben und die Heilige Schrift beiseitezulegen und sie durch den Text unserer eigenen Erfahrung zu ersetzen – unsere Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle – dann sollten uns diese drei raubeinigen Propheten – Johannes, Hesekiel, Jeremia –, die verantwortlich waren für die geistliche Erneuerung von Gottes Volk während seiner schlimmsten Zeit (Babylonisches Exil und Verfolgung durch die Römer) verbindliche Wegweisung durch unser alltägliches Leben sein und uns von dem überzeugen, was ihnen ein ureigenes Bedürfnis war: Ja, iss dieses Buch.
Christen haben eine beträchtliche Menge an Energie, Intelligenz und Gebet investiert, um zu lernen, wie man dieses Buch isst, und zwar genau so wie Johannes auf Patmos, Jeremia in Jerusalem und Hesekiel in Babylon.13 Wir müssen all das nicht in- und auswendig kennen, um am Tisch Platz zu nehmen. Allerdings hilft es, wenigstens ein wenig davon zu kennen, besonders weil dieses Buch für so viele unserer Zeitgenossen nur eine Vorspeise ist. Der Befehl des starken Engels ist auch eine Einladung. Komm zu Tisch und iss dieses Buch, denn jedes Wort in diesem Buch soll in unseren Seelen und Körpern etwas bewirken, Gesundheit und Vollkommenheit, Lebensfreude und Heiligkeit, Weisheit und Hoffnung.
12Siehe: Knox, Ronald A., Christliches Schwärmertum. Ein Beitrag zur Religionsgeschichte, Jakob Hegner, Köln/Olten 1957 (Originalausgabe: Ronald Knox, Enthusiasm, Collins Liturgical Publishing, London 1950).
13James Houston schreibt über diese „Energie, Intelligenz und Gebet“ in Elmer Dyck (Hrsg.): The Act of Bible Reading, InterVarsity, Downers Grove, Ill. 1996, S. 148–73.
KAPITEL 3
Die Heilige Schrift als Text: Gottes Offenbarung kennenlernen
Unser Leben, also alles, was wir erfahren – was wir brauchen, wollen und fühlen – ist wichtig für die Entfaltung des Lebens Christi in uns. Schließlich ist es unser Leben, das geformt werden soll. Doch es setzt seine Entwicklung nicht selbst in Gang. Neben vielen anderen Dingen bedeutet geistlich leben auch, uns selbst ernst zu nehmen. Es bedeutet, sich gegen den gesellschaftlichen Trend zu stellen, der uns unablässig auf unseren Status als Erzeuger und Leistende reduziert, so dass wir hinter den Siegeln unserer Abschlüsse und Gehälter nicht mehr als Mensch wahrgenommen werden. Wir sind doch so viel mehr als die Summe unserer Nützlichkeit und unseres guten Rufes, aller Orte, die wir besucht haben und der Menschen, die wir kennen. Es gibt ein einzigartiges, nicht kopierbares ewiges Ich, geschaffen im Ebenbild Gottes. Ein energisches Beharren auf der persönlichen Würde ist die Grundlage für geistliches Leben.
In gewisser Weise können wir uns gar nicht zu ernst nehmen. Wir sind „wunderbar und einzigartig gemacht“ (Ps. 139,14). Doch schnell können wir ein zu enges Maß an uns anlegen, denn wir sind viel mehr als unsere Gene und Hormone, unsere Gefühle und Ziele, unsere Arbeit und unsere Ideale. Da ist Gott. Das meiste, wenn nicht sogar alles, was uns ausmacht, hat mit Gott zu tun. Sobald wir versuchen, uns aus uns selbst heraus zu verstehen und zu entwickeln, lassen wir einen Großteil unseres Wesens außer Acht.
Deshalb besteht die Gemeinschaft der Christen seit jeher darauf, dass die Heilige Schrift, die offenbart, wie Gott sich uns nähert, notwendig und grundlegend für unsere Formung als Menschen ist. Während wir dieses Buch lesen, wird uns deutlich: Was wir brauchen ist nicht so sehr Information über Gott und uns selbst, sondern die Formung unseres Charakters hin zu unserem wahren Wesen.
Die tiefste Eigenschaft der Sprache ist es zu formen, weniger zu informieren. Wenn Sprache persönlich wird, und in ihrer Bestform ist sie das, dann offenbart sie; und Offenbarung ist immer auch Weiterentwicklung, Gestaltung – wir wissen nicht mehr, wir werden mehr. Die wahren Sprachkünstler, Dichter und Liebende, Kinder und Heilige, benutzen Worte, um etwas zu schaffen – Nähe, Charakter, Schönheit, Güte, Wahrheit.
Der offenbarende und offenbarte Gott
Beginnen wir am Anfang. Wir nennen dieses Buch „Offenbarung“. Gott offenbart sich und sein Verhalten uns gegenüber. Er erzählt uns nicht etwas, er zeigt sich selbst. Bücher haben Autoren. Wie auch immer wir uns die Inspiration vorstellen, die christliche Kirche geht davon aus, dass Gott auf die eine oder andere Weise für dieses Buch zuständig ist und zwar offenbarend, nicht nur informativ. Die Autorität der Bibel ergibt sich direkt aus der Autorschaft Gottes. Anders ausgedrückt handelt es sich hier nicht um eine unpersönliche Autorität, eine Ansammlung von Fakten oder Wahrheiten. Es ist keine papierene Autorität, wie wir sie in Gesetzestexten in unseren Rechtsbibliotheken finden oder die faktische Autorität eines Mathematikbuches. Dies ist eine Offenbarung, von einer Person offenbart – wir erhalten Einblick, wir erfahren von Angesicht zu Angesicht, was es heißt, unser Leben als Mann oder Frau zu leben, die wir im Ebenbild Gottes geschaffen sind.
Die frühen Christen bekamen eine gebrauchsfertige Bibel, das, was wir heute das Alte Testament nennen, die Thora und die Propheten und weitere Schriften, die für die Hebräer maßgebend waren. Für die erste Generation waren diese hebräischen Schriftrollen die christliche Bibel. Doch dann zirkulierten die Schriften von Paulus und anderen Leitern der frühen christlichen Kirche. Außerdem wurden die Geschichten über Jesus niedergeschrieben, die Inhalt für die gute Nachricht, das Evangelium lieferten, das mit viel Freude und Nachdruck gepredigt und gelehrt wurde. Man erkannte, dass diese Schriften eine Fortsetzung der Heiligen Schrift waren, die jene Christen ja in Ehren hielten, an die sie glaubten, aus der sie predigten und lehrten. Nach und nach wurde ihnen klar, dass beides zusammenpasste, dass es eine gemeinsame Autorschaft gab zwischen den hebräischen Schriften, die schon so lange Teil ihrer Tradition waren, und diesem neuen Evangelium sowie den Briefen der Gott lobenden und bezeugenden Christen. Es dauerte eine Weile, bis diese Erkenntnis sich etabliert hatte. Es passierte nicht von heute auf morgen. Schließlich musste man sich erst an die Vorstellung gewöhnen, dass ein dünnes Buch, geschrieben von Markus, zusammengefasst wurde mit dem gewaltigen, fünf Bände umfassenden Wort Gottes, das Mose zugeschrieben wurde. Es war ziemlich viel verlangt, die Briefe von Paulus an neu gegründete und unerfahrene Gruppen neu bekehrter Christen in eine Reihe mit den seit Jahrhunderten bewährten Psalmen und dem Ehrfurcht gebietenden Jesaja zu stellen. Auch wenn Paulus‘ Briefe brillant geschrieben waren, schien es nicht sehr wahrscheinlich, dass dies eintreten würde. Und doch passierte es. Die heilige Gemeinschaft fasste diese beiden Teile schließlich zusammen. Es entstanden die zwei „Testamente“, aus denen ein Buch wurde, unsere Heilige Schrift. Innerhalb von ungefähr einhundert Jahren besaßen die frühen Christen im Grunde die gleiche Heilige Schrift, wie wir sie heute haben.
Nicht alle waren damit einverstanden, was da gemacht wurde: Das Ergebnis blieb nicht unangefochten. Es gab Gruppen, die mit den alten hebräischen Schriftrollen nichts zu tun haben wollten. Sie wandten ein, dass der Gott, der sich in diesen alten Büchern zeigte, nicht im Entferntesten etwas mit dem Gott zu tun hatte, den Jesus offenbart hatte und von dem er gepredigt hatte. Dann gab es Splittergruppen (unterschiedlich gnostisch geprägt), die sich ins andere Extrem verstiegen – sie wollten alles einschließen, was innerhalb der großen Gruppe erbaulicher Texte gut schien, was offenbar exklusive Einsichten vermittelte. „Exklusive“ und „erbauliche“ geistliche Impulse waren damals so beliebt wie heute. Doch Schritt für Schritt entlarvte die Gemeinschaft der Christen alles Törichte und Sensationelle und wagte es, ihren Konsens als Gottes Wort zu bezeichnen.
Die Dreieinigkeit: Es bleibt persönlich
Um ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie man diesen Text liest, ist es ist für uns heute ausgesprochen wichtig zu erkennen, wie diese beiden Texte zusammengesetzt wurden. Man fing mit den Schriften an, die für Gottes Volk Israel die normative Basis darstellten. Bald erhielt man diese neuen Evangelien und Briefe, die innerhalb der neu entstehenden christlichen Gemeinschaften geschrieben wurden. Man musste die Kontinuität erklären, die man in diesen sehr unterschiedlichen Büchern festgestellt hatte.
Während man sich darüber austauschte, wurde deutlich, dass innerhalb der Unterschiede und Vielfältigkeit eine einzige Stimme zu hören war, und dass diese Stimme zu einer Person gehörte: die Stimme Gottes, der sich selbst offenbart. Diese personale, offenbarende Eigenschaft wurde in dem zusammengefasst, was wir heute die Dreieinigkeit nennen. Dreieinigkeit ist ein gedankliches Konzept, das es uns ermöglicht, die Einheit hinter der Verschiedenheit der Offenbarung zu erkennen. Hier ist nicht der Raum, um ausführlich auf die Dreieinigkeit einzugehen. Was ich sagen will ist, dass unsere Vorfahren dieses Konzept „Dreieinigkeit“ entwarfen, während sie die gleiche Bibel lasen, die wir heute lesen und sie damit inmitten all der Stimmen eine einzige, persönliche Stimme hörbar machten.
Im vierten und fünften Jahrhundert konzentrierten sich die besten Denker der Kirche schließlich darauf, diese Bibel zu lesen und dadurch zu verstehen, auf welche Weise Gott seine Souveränität persönlich und einzigartig unter uns ausübt. Ihre Formulierung der Dreieinigkeit ist ein geniales Werk, das groß und detailliert genug ist, um alles einzuschließen, was Gott ist, was er getan hat, tut und tun wird. Gleichzeitig zeigt es, dass wir alle, egal wer wir sind, was wir tun oder wo wir herkommen, eingeschlossen sind. Sie arbeiteten mit viel Einsatz und lange daran. Es gab Konzile, Bücher wurden geschrieben, man diskutierte, predigte, man beeinflusste und ja, man stritt auch. Es war wichtig, hier keinen Fehler zu machen und das wussten sie. Sie wussten, dass sie diese Arbeit nicht gelehrten Theologen in ihren Bibliotheken überlassen durften – hier ging es um Dinge, die den Alltag der Menschen betrafen. Es ging darum, richtig zu leben, nicht nur richtig zu denken, und darum in dieser Bibel alles persönlich und lebbar zu erhalten.
Ihr Ergebnis lässt sich wie folgt zusammenfassen: Beim Lesen der Bibel stellen wir fest, dass Gott eine dauerhafte und schlüssige Identität besitzt: Gott ist eins. Gott offenbart sich auf verschiedene Art und Weise und auf den ersten Blick scheint das nicht zusammenzupassen. Es sind drei Arten ersichtlich, auf die Gott am Werk ist und sich offenbart: der Vater (die gesamte Schöpfung steht hier im Vordergrund), der Sohn (hier geht es um das Chaos der Welt, in das Jesus Christus einbricht und um sein Erlösungswerk) und der Geist (wir erleben, wie unser Leben in Gottes Leben hineingezogen wird). Es ist immer der gleiche Gott, doch die „Person“ oder das „Gesicht“ oder die „Stimme“ ändern sich, je nachdem, auf welchem Weg wir die Offenbarung erhalten.14
Erstaunlich ist aber: Jeder Aspekt der Offenbarung, jede ihrer Ausprägungen ist personal – der Kern des Wesens Gottes ist Beziehung – und deshalb ist alles, was gesagt wird, alles, was offenbart wird, alles, was empfangen wird auch personal und steht in Beziehung. Es gibt nichts unpersönliches, nichts, was einfach nur funktional wäre. Alles, vom Anfang bis zum Ende und alles dazwischen, ist personal. Gott ist von Natur aus und umfassend personal.
Die logische Konsequenz ist, dass ich als Person auch persönlich an der Offenbarung beteiligt bin. Jedes Wort, das ich höre, alles, was ich mir im Verlauf dieser Geschichte vorstelle, nimmt mich in eine Beziehung hinein, zieht mich mit in die Teilnahme, hat Bedeutung für meine innerste Identität, hat Auswirkungen darauf, wer ich bin und was ich tue.
Was ich damit betonen will ist, dass das trinitarische Denken sich über einen Zeitraum von zwei- oder dreihundert Jahren entwickelte, während der unsere Mütter und Väter diese beiden Testamente geduldig, betend, überlegt lasen und dabei nach und nach erkannten, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind. Während sie die Sätze von Jesaja und Paulus, Moses und Markus, David und Johannes lasen und hörten, bemerkten sie, dass sie genau jene Stimme hörten, die sie das Wort Gottes nannten. Und während sie hörten und zuhörten, hörten sie auch, dass sie selbst angesprochen wurden – angesprochen als Personen mit Würde, Sinn und Freiheit, Personen, die fähig sind zu glauben, zu lieben und zu gehorchen.
Das Verständnis, dass die Bibel einen Autor hat, definiert es als personal – in den Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist. Weil es personal ist, ist es auch beziehungsrelevant, was bedeutete, dass für jedes Lesen/Hören der Heiligen Schrift auch personales, in Beziehung stehendes, teilhabendes Lesen/Hören nötig ist. Zugleich kam man zu der Erkenntnis, dass diese Heilige Schrift, in der Gott alles offenbarte, was Gott ist, auch alles einschloss, was uns ausmacht: Auf beiden Seiten, bei Autor und Leser, geht es um die ganze Person und um persönliche Teilnahme.
Möglicherweise ist dies der wichtigste Aspekt, den es zu erfassen gilt, wenn wir die Heilige Schrift lesen, studieren, ihr glauben: diesen mächtigen, lebendigen, sich selbst offenbarenden Gott, wie wir ihn in Vater, Sohn und Heiligem Geist erleben, der uns persönlich anspricht, egal in welcher Situation wir uns befinden, wie alt wir sind, wie es uns geht – ich, du, wir. Christliches Lesen ist teilnehmendes Lesen. Wir nehmen die Worte auf, sodass sie in unser Leben eingehen, dass Rhythmus und Bilder Teil unseres Gebets werden, zu Taten des Gehorsams, zu einem Lebensstil der Liebe.
Wir dürfen nicht für einen Moment annehmen, dass die Dreieinigkeit etwas ist, dass sich Theologen ausgedacht haben, um eine Erklärung für abgehobene Mysterien zu finden, die nichts mit dem täglichen Leben von Menschen wie uns zu tun haben, die Kinder großziehen und ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Nein, es ist das Ergebnis der Arbeit von Christen wie uns (vielleicht waren ein paar von ihnen etwas schlauer als wir!), die lernten und sich gegenseitig lehrten, wie man die Bibel so umfassend und aufmerksam und personal und erwidernd liest, wie es ihnen möglich war. Sie wollten so lesen, dass ihr Leben mit dem Text übereinstimmte. Sie waren davon überzeugt, dass dieser Text die beste Quelle für ein gutes Leben heute und in Ewigkeit ist. Sie wollten alles und sie wollten keinen Fehler machen.
Dem Text die Persönlichkeit nehmen
Allerdings liest nicht jeder die Bibel auf diese Weise und viele wollen es auch gar nicht. Viele finden Sie aus anderen Gründen interessant oder haben andere Verwendung für sie. Die Bibel hat sich über die Jahrhunderte als Autorität etabliert und man betrachtet sie auf vielerlei Weise als nützlich oder interessant oder hilfreich und sieht sie nicht notwendigerweise als Text, der uns in die Offenbarung Gottes hineinnimmt.
Es gibt beispielsweise schon immer eine große Zahl von Menschen, die von den intellektuellen Herausforderungen der Bibel fasziniert ist. Wer über einen neugierigen Geist verfügt und die Herausforderung sucht, der kann fast nichts Besseres tun, als Bibelgelehrter zu werden. Gehen Sie in eine theologische Bibliothek und wandern Sie durch die Gänge mit säuberlich katalogisierten Büchern, die über die Bibel und ihre verschiedenen Teile geschrieben wurden, und Sie werden erstaunt sein. Nehmen Sie irgendeines der Bücher heraus und sie werden mit großer Sicherheit das Ergebnis eines großartigen Geistes in Händen halten, der diese Sätze auf der Suche nach Wahrheit durchstöbert hat und mit höchst beeindruckenden und interessanten Ergebnissen aufwarten kann. Sprache, Geschichte, Kultur, Ideen, Geografie, Dichtung – suchen Sie sich ein Gebiet aus, die Bibel liefert es Ihnen. Ein Mensch kann sein ganzes Leben mit der Bibel verbringen – sie lesen, studieren, lehren und darüber schreiben – und nie zum Ende kommen.
Dann gibt es wiederum andere, die mit eher praktischen Absichten zur Bibel kommen. Sie wollen ein gutes Leben führen und wünschen sich das auch für ihre Kinder und Nachbarn. Sie wissen, dass die Bibel vernünftige Ratschläge bereithält und eine zuverlässige Richtung vorgibt, um in der Welt voranzukommen, was im Allgemeinen ja bedeutet, gesund, reich und weise zu werden. Die Bibel steht in dem Ruf, einen guten Kurs für persönliches und soziales Verhalten vorzugeben, und genau davon wollen diese Menschen profitieren. Generell ist man der Ansicht: Menschen sind ein störrischer Haufen, der dazu tendiert, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Diese Bibel bewahrt uns vor Fallstricken und leitet uns auf einem geraden, schmalen Weg.
Und dann gibt es natürlich noch die große Zahl von Menschen, die die Bibel zu ihrer sogenannten Inspiration lesen. Es gibt so viele schöne und tröstliche Passagen in der Bibel. Wenn wir einsam sind oder trauern oder auf der Suche nach Worten sind, die uns dem alltäglichen Stumpfsinn entreißen, was gibt es Besseres als die Bibel? Die bewegenden Geschichten von Elia, der großartige Rhythmus der Psalmen, der kunstvolle Donner in Jesajas Predigten, die charmanten Parabeln von Jesus, die geladene Energie in der Lehre von Paulus. Wenn es dir um andächtige, behagliche Bibellektüre geht, dann musst du dir nur den passenden Abschnitt heraussuchen – es gibt in der Bibel große Passagen, die dich entweder einschläfern oder die ganze Nacht wachhalten. Allerdings gibt es in den meisten christlichen Buchläden kleine Spickzettel, die dir genau vorgeben, welche Abschnitte der Bibel du lesen musst, wenn du Trost suchst oder Beistand – oder was auch immer du im Augenblick gerade brauchst.
Ich will über keine dieser Gruppen von Bibellesern ein zu hartes Urteil fällen, insbesondere weil ich selbst viel Zeit in jeder dieser Gruppen zugebracht habe, aber ich will auf die augenfällige Tatsache hinweisen, dass, egal in welcher Gruppe du dich befindest, du die Bibel für deine eigenen Zwecke verwendest und dazu musst du unter Umständen keine Beziehung eingehen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man offen und ehrlich an die Bibel herangeht, sich auf ihre intellektuellen Herausforderungen oder ihre moralische Führung einlässt oder die geistliche Ermutigung, die man erhält, und sich nicht einen Moment mit dem sich selbst offenbarenden Gott auseinandersetzt, der einen Plan für mich hat.
Oder um es in den Worten zu sagen, mit denen wir begonnen haben: Man kann die Bibel aus vielen verschiedenen Blickwinkeln lesen und aus mancherlei Gründen, ohne sich mit Gott, wie er sich selbst offenbart hat, auseinanderzusetzen, ohne sich unter die Autorität des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zu stellen, der in allem, was wir sind und tun, lebendig und gegenwärtig ist.




