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Inzwischen hatte Lisa sich an die Hitze gewöhnt. Sie genoss es, dass ein paar Wolken die Sonne durchkreuzten. Doch, wie meist am Strand störten ihre langen Haare und sie drehte sie gekonnt zu einem Zopf nach oben. Dann drehte sie sich entspannt zu den Dünen um, lauschte dem Wind und hörte den Wellen zu, wie sie miteinander stritten.
Der Wechsel von Sonne, Wind und Wolken lösten in ihr ein wohlig schauriges Gefühl aus. Sie dachte an früher und überlegte, ob sie etwa mit dem Studium ihrem Vater beweisen wollte, dass mehr in ihr steckt. Früher, als sie noch zu Hause wohnte, debattierte er ständig vehement gegen ihren Berufswunsch. Er sagte zwar, Polizistin sei ein gefährlicher Job. Meinte aber, dass er für seine Tochter ganz andere Pläne hätte. Irgendwann sollte sie seinen Platz im Gericht einnehmen. Das schien für ihn so gut wie sicher. Ein juristischer Beruf war das erklärte Muss für seine einzige Tochter. Denselben Weg wie er sollte sie wenigstens einschlagen. Bis vor einem Jahr leitete er die Staatsanwaltschaft am Rostocker Gericht. Man kannte ihn. Aber hatte er auch Gelegenheit sich bei Entscheidungen ihres Studienplatzes einzumischen? Ob er seine Beziehung genutzt hatte? Lisa würde das wohl kaum erfahren. Kindheitserinnerungen tanzten vor ihren Augen. Sie sah das ernste Gesicht des Vaters. Wie streng er war, ständig verunsicherte er sie mit seinen überdurchschnittlichen Erwartungen. Damit erreichte er nur das Gegenteil. Sie fühlte sich oft klein und unsicher. Es gab eine Zeit, in der sie sich überhaupt nichts zutraute. Die Mutter dagegen hielt immer zu ihr. Sie unterstützte sie jedes Mal, wenn es mal brenzlig mit ihm wurde. Doch ihre Mutter war es auch, die davon sprach, wie sehr sie ihrem Vater ähnelte.
Nur weil er ständig an ihr nörgelte, machte sie auch nicht gleich das Abitur, obwohl die Lehrer sie drängten. Damit wollte sie seiner Bevormundung entkommen. Später holte sie das Abitur an der Abendschule nach. Und nun? Jede andere hätte diesen Bescheid mit tausend Luftsprüngen begrüßt. Sie dagegen jammerte auf hohem Niveau. Hatte er sich etwa doch eingemischt? Lisa setzte sich auf und starrte den langsam ziehenden Wolken hinterher. Als ob dort eine Antwort auf ihre Zweifel zu finden wäre. Etwas wollte sich in ihr aufbäumen. Oder eine innere Stimme rief ihr zu: „Von meinem Vater brauche ich keine Unterstützung. Ich schaffe das allein! Das werde ich ihm jetzt erst recht beweisen!“
Inzwischen war wieder Ruhe am Strand eingekehrt. Der Möwenfütterer hatte sich verflüchtigt, ohne dass sie es bemerkt hatte. Ihre Gelassenheit schien tatsächlich zurückgekommen zu sein. Dieser Strandtag war dafür genau richtig. Sie stand auf und schaute sich zufrieden in der Gegend um. Dabei fiel ihr auf, dass für Mitte August relativ wenig Leute am Strand lagen. War die Mittagszeit schuld oder die heiße Sonne? Ein kleiner Appetit machte sich inzwischen auch bei ihr bemerkbar. Sicher hatten sich auch die meisten hier in den Schatten verkrochen oder waren zum Essen unterwegs.
Im selben Moment ertönte ein schrilles Geräusch über der Ostsee. Ein Heli kreiste relativ flach, als wollte der Pilot die Haare der Leute am Strand zählen. Das laute Brummen schmerzte geradezu in ihren Ohren. Ihr entging die Suchkamera nicht. War etwa jemand verunglückt? Bestimmt was anderes, überlegte sie. Bei dem seichten Wellengang verunglückte niemand. Obwohl die Strömung an den Buhnen immer wieder unterschätzt wurde. Außerdem suchte der am Strand und nicht auf dem Wasser.
Sie beobachtete den Heli noch eine Weile, fand aber keinen plausiblen Grund. Vielleicht war das Ganze belanglos und ein Fotograf schoss schöne Sommerbilder vom Strand, beruhigte sie sich. Doch auch ihre Phantasie brachte sie nicht weiter. Wer weiß, wie lange das hier weiterging. Ruhe würde sie bei dem Krach auch keine mehr finden. Sie beschloss, den Vormittag besser im Café Inkognito mit einem Latte Macchiato zu beenden. Das wäre perfekt zum Abschluss dieses Strandtages.
Zwar wollte Lisa den ganzen Tag am Strand bleiben, aber zu ihren großen Stärken gehörte es flexibel zu sein. Schnell verstaute sie ihre Sachen in der riesigen Strandtasche und zog sich nebenbei an. Beim Packen fiel ihr nebenan eine Decke auf. Dort lagen jede Menge Frauensachen. Seit Stunden kümmerte sich niemand darum. Zurück blieb selbst eine Handtasche. Lisa schaute auf den Strand. Alle Strandläufer, die sie erkennen konnte, waren angezogen. Sie fragte sich, ob wieder nur ihre blühende Phantasie schuld an den Gedanken war oder die Sachen hatten wirklich mit der Suche des Hubschraubers zu tun. Sofort verwarf sie die Idee und hielt sie für absurd. Warum sollte ausgerechnet in ihrer Nähe ein Unglück passieren, das wäre zu viel des Zufalls.
Bepackt mit Decke und Strandtasche lief Lisa zu Fuß zum etwas weiter entfernten Mittelweg. Dort gab es weit und breit den einzigen offiziellen Parkplatz. Kaum war sie dort angekommen, wurde sie von einer dicken Staubwolke eingenebelt. Ein Auto raste heran, nur schwach schimmerte die blaue Farbe eines Polizeifahrzeuges durch die Staubwolke. Sie staunte nicht schlecht, als sie feststellte, dass ihre Kollegen im Anmarsch waren. Der Fahrer hatte ein derart rasantes Tempo drauf, dass der aufgewirbelte Staub ihr fast den Atem nahm. Genau vor ihren Füßen blieb der Fahrer stehen. Dabei gaben die Reifen einen letzten quietschenden Ton von sich.
Zwei Mann saßen im Wagen. Lisa erkannte sofort den Fahrer, sie wusste, dass seine Dienststelle in Sanitz war. Ein paar Mal waren sie sich während Weiterbildungen in Güstrow begegnet. Der Blonde schien sich genauso an sie zu erinnern. Er ließ die Scheibe des Wagens herunter und grüßte betont freundlich: „Hallo Lisa, so ganz allein am Sonntag unterwegs?“
Lisa ignorierte die Frage. „Was ist denn bei euch los? Erst der Heli da oben und jetzt ihr im Eiltempo.“
„Eine Frau aus der Nähe von Rostock wird vermisst. Unser Revier ist bei der Suche eingeteilt. Fast alle von uns sind dabei, Anweisung vom großen Chef. Aber wenn du mich fragst, ich glaube nicht an eine Entführung. Obwohl in diese Richtung ermittelt wird.“
„Wahrscheinlich ein übereifriger Fehlalarm, bei dem viel Wind gemacht wird, weil Druck von Oben kommt“, meinte der andere im Wagen sarkastisch.
„Garantiert nur eine harmlose Beziehungskiste und wir müssen mit voller Besetzung dranbleiben. So ein Einsatz ist zwar mal was anderes, doch an einem Sommertag wäre mir weniger Hektik etwas lieber“, meinte der Blonde etwas pikiert.
„Was hast du? Kommt selten genug vor, dass wir in dieser Ecke mal im Einsatz sind“, griente der andere im Wagen gelassen. „Wir wissen bisher nur, dass von der Frau seit über 24 Stunden jede Spur fehlt. Jeder Versuch, sie zu erreichen, schlug wohl fehl. Sie hatte eine Verabredung nicht eingehalten, telefonisch ist sie auch nicht mehr zu erreichen. Als in der Nacht nur der AB ansprang, gab der Ex der Vermissten die Vermisstenanzeige auf. Er gab weiter an, dass er bereits überall nach ihr gesucht hätte und sie eigentlich zuverlässig sei.“
„Indirekt meinte er sogar, dass man ein Verbrechen nicht ausschließen sollte.“
„Wir sind jetzt seit 8 Uhr auf den Beinen. Die Frau ist wie vom Erdboden verschluckt. Meine Schicht ist seit einer halben Stunde vorbei. Anstatt bei meinen Kids zu sein, heißt es Doppelschicht schieben und nur, weil der Alte von ganz Oben so ein ‚Gefühl‘ hat.“
Der andere verdrehte nur die Augen: „Wir werden erst mal alle Strände bis Dierhagen abklappern. Vielleicht finden wir was Auffälliges. Eine Frau löst sich schließlich nicht in Luft auf oder wird vom Erdboden verschluckt.“
„Hunderte Partner werden täglich verlassen, weil einer von ihnen die Nase voll hat. Wenn keine Kinder darunter leiden müssen? Ist doch okay, wenn man rechtzeitig einen Schlussstrich zieht.“
„Du sprichst wohl aus Erfahrung“, antwortete lächelnd der Dunkelhaarige.
„Wo denkst du hin. Bei den unregelmäßigen Zeiten im Job kann ich mir keinen festen Partner leisten. Aber Frau weiß halt wie Frau tickt. Wahrscheinlich kann ich mich besser in eine hineinversetzen als du.“
„Wer weiß, was tatsächlich mit der Frau los ist? Vorgestern hatte sie angeblich eine Verabredung mit einer Freundin in Poppendorf, das meinte zumindest der Ex. Die Freundin sagte allerdings, dass es gar keine Verabredung gab. Das ist seltsam, oder?“
„Ja schon, aber der beste Beweis für meine These. Die Frau hatte Besseres vor, und plante ihren Schritt aus langer Hand.“
„Wenn du meinst. Hoffentlich ist die Lösung tatsächlich so simpel! Wir müssen uns beeilen, am Nachmittag sind weitere Befragungen dran. Die Freundin wird die Erste sein.“
„Gut wäre es, wenn du recht behältst und sich alles als harmloser Irrtum entpuppt. Vielleicht sitzt sie tatsächlich gemütlich zu Hause und lässt es sich gut gehen.“
„Das glaube ich nicht. Davon hätten wir längst erfahren.“
„Kennt ihr den Namen? Oder wisst ihr, wo sie herkommt?“
„Das ist Chefsache! Bestimmt erfährst du in deiner Dienstelle mehr. Die Kripo Rostock arbeitet eng mit allen Polizeidienststellen zusammen, bestimmt auch mit deiner am Hafen. Es soll eine Soko eingerichtet werden, wenn es bis morgen kein Ergebnis gibt. Hattest du am Strand was entdeckt?“
Lisa überlegte, ob sie die Frauensachen angeben sollte. Schob den Gedanken schnell weg, ihr Gefühl sagte, dass sie sich nur lächerlich machen würde. „Nö, hier ist nichts los. Auffälliges hätte der da oben mit seiner Kamera längst entdeckt. Mein freier Tag hätte nur entspannter ablaufen können.“
Sie verabschiedeten sich und der VW Motor heulte wieder laut auf. Die Zwei rauschten in derselben Geschwindigkeit an ihr vorbei, wie sie gekommen waren. Inzwischen parkte eine riesige Autokarawane auf dem Parkplatz. Sind ja deutlich mehr Leute am Strand, als ich dachte. Die meisten Sonnenhungrigen blieben allerdings gleich hier am Mittelweg. Am Aufgang 10 war dagegen deutlich weniger los. Das war auch gut so. Schließlich soll er auch künftig mein Lieblingsstrand bleiben. Ihre Kollegen waren nicht mehr zu sehen. Sie warfen nicht mal einen Blick auf einige wilde Falschparker.
Lisa schaffte es nur mit allergrößter Mühe, ihr Auto aus der engen Lücke zu befreien. Sie startete zwar ihr Auto, legte aber keinen Gang rein. Ihre Gedanken kreisten immer noch um die Worte ihrer Kollegen. Sie schaltete den Motor wieder ab und ging noch einmal den Weg am Strand zurück. Genau an die Stelle, von der sie gerade herkam. Während sie den weiten Weg zurücklief, ärgerte sie sich mehrmals über sich selbst, weil ihre ungewöhnlich starke Phantasie sie wieder mal nicht in Ruhe ließ. Endlich angekommen, fand sie die Tasche immer noch unberührt am Strand. Sie hob einen zufällig neben der Tasche liegenden Stock auf und stocherte in der Tasche herum. Dabei kamen nicht nur ein Handy und ein Portemonnaie zum Vorschein, sondern mehrere typische Frauenutensilien, wie Bürste, Lippenstifte und Schminkzeug. Vorsichtig hob sie mit einem Taschentuch das Portemonnaie auf und schaute nach einem Ausweis. Tatsächlich, sie fand eine Karte mit einem Namen darauf. Zufrieden steckte sie alles in die Tasche zurück und beeilte sich zu ihrem Auto zurück zu kommen. Während sie den langen Weg zurücklief, überlegte sie, ob sie den Namen schon einmal gehört hatte.
In den letzten Jahren musste ich oft daran denken, was du mir angetan hast, als ich noch ein Kind war. Gerade fünf Jahre alt war ich damals. Mit diesen seltsamen Spielen begann alles. Zuerst musste ich mich auf deinen Schoß setzen. Die ersten Male fühlte sich das ganz harmlos an. Schnell wolltest du mehr und deine Berührungen wurden intensiver. Mit deiner starken Stimme hast du mich gemahnt, ruhig zu bleiben. Diese Berührungen fühlten sich für mich immer falsch an. Mutter bekam nichts mit. Ob sie etwas wusste, werde ich wohl nie erfahren. Vielleicht aber hatte sie auch ganz bewusst die Augen verschlossen. Ich habe sie nie danach fragen können. Später wurde dein abartiges Spiel fast zur Normalität.
Heute steht nur noch der Sessel, auf dem du mich quältest, verlassen auf seinem Platz, neben dem Fenster. So wie immer. Er erinnert mich an meine schlimmsten Tage und Nächte. Doch gibt es von diesem Sessel aus auch die beste Sicht in den Wald, weit hinein, bis zu unserem Versteck.
Als ich damals plötzlich ohne Ankündigung allein zurückblieb, fühlte ich mich schlecht. Ich war ein Kind und blieb mit zu vielen Fragen allein zurück. Lange Zeit wollte mir nichts mehr gelingen. Wie gelähmt war ich, meine bis dahin vertraute Welt brach wie ein morscher Baum einfach in sich zusammen. Nichts, was mit mir passierte, hatte ich wirklich verstanden. Ein unerträglicher Zustand, der mich mehr und mehr mürbe und einsam werden ließ.
Ich erinnere mich, dass ich erst viele Wochen nachdem ich allein zurückblieb, mich wieder auf den Weg in die Höhle machen konnte. Mit dem was ich sah, konnte ich allein nichts anfangen. In diesem Loch spürte ich zum ersten Mal eine wahnsinnige Einsamkeit. Ein Zustand, den ich bis dahin nicht benennen konnte. Seitdem bin ich praktisch stumm und mache alles nur noch mit mir allein ab. Mit wem hätte ich denn damals sprechen sollen?
Später, viel später, es war an einem düsteren Wintertag, da wurde mir plötzlich klar, dass ich das begonnene Werk allein zu Ende bringen musste, auch wenn es deine Idee war. Ob ich will oder nicht, damit werde ich auch dein begonnenes Werk vollenden. Vielleicht wirst du das Ergebnis irgendwann ja sehen? Wie du staunen wirst. Alles ist so, wie du es mir einst beigebracht hast. Du wirst erkennen, dass ich deine Regeln befolgt habe. Inzwischen bin ich viel geschickter und traue mir mehr zu.
Wenn ich dir früher zusah, fühlte ich, wie tief du mit dieser Arbeit verbunden warst. Und nur hier war es, wo ich dein zweites Gesicht erlebte. Du warst ganz anders als zu Hause. Du hast mich, glaube ich, sogar als gleichberechtigten Partner gesehen, nicht als deinen Sohn. Und ich war stolz, weil du mich in deinen geheimen Plan eingeweiht hattest. Ich wollte von dir lernen und beobachtete ganz genau jeden deiner Handgriffe. Selbst deine dunkle Seite konnte ich in diesen Stunden mal vergessen.
Viel später entdeckte ich, dass ich einige deiner Gewohnheiten übernommen hatte. Weißt du noch am Wochenende dein morgendlicher Trott durch den Wald? So wie du früher, mache ich mich jetzt auch an jedem Freitag im Haus zu schaffen. Ich lebe im Einklang mit gewohnten Beschäftigungen, das bekommt meinem Seelenleben gut. Ekel überkommt mich nur, wenn ich in den Spiegel sehe. Ich sehe DICH in meinem Spiegelbild. Mir ist als schaute ich in deine Augen. Lange ertrage ich diesen Anblick nicht mehr. Stattdessen würde ich manchmal lieber das Haus verlassen, genau wie du und Mutter damals. Dann kam mir eine Idee, die sich breit und breiter machte. Ein Gedanke, der mich wieder an das Haus kettete. Bist du meinetwegen fort? Vielleicht erfahre ich die Wahrheit nie.
Du sagtest einmal, dass du mich auf die Probe stellst und mir deshalb die Schmerzen zufügst. Du meintest, weil ich dir so viel bedeute, musste das sein. Muss ich noch mehr dafür tun? Bestimmt bist du in der Nähe und beobachtest mich. Du wirst doch wissen wollen, ob dein Sohn dir nacheifert und dein Werk vollendet?
Was ich bisher da unten geschafft habe, könnte auch für dich eine Genugtuung sein. So dicht bin ich an dein Konzept herangekommen. Etwas fehlt noch. Das werde ich auch noch schaffen. Ich bin mir sicher!
Rostock, Polizeirevier am Hafen
Lisa fuhr im Tempo ihrer Kollegen und steuerte die Richtung ihres Lieblingskaffees an. Voller Vorfreude spürte sie bereits den feinen Duft eines Latte Macchiato in ihrer Nase. Sie stieg gerade aus, als ihr Handy zum ersten Mal an diesem Tag einen Ton von sich gab.
Etwas schrill der Ton, dachte sie noch, bevor eine feste Stimme sie fast anschrie, noch bevor sie „Liebich“ sagen konnte. Geschickt hielt sie das Handy unterm Kinn und schloss nebenbei ihr Auto ab.
„Gut, dass ich Sie erwische, Frau Liebich. Können wir uns heute noch in der Dienststelle sehen? Sie haben zwar frei, aber ließe sich das einrichten?“
„Sie haben es aber sehr eilig. Hat das etwa mit der vermissten Frau zu tun?“
„Wie, das wissen Sie …?“ Aufmerksam hörte sie den knappen Worten ihres Chefs zu.
„Klar, ich komme. Bin schon unterwegs. Etwa in einer halben Stunde könnte ich am Hafen sein.“ Ihr fiel auf, dass ihr Chef in Rätseln sprach. So kannte sie ihn gar nicht und fand, dass er sich genauso bedeckt hielt, wie die beiden Kollegen am Mittelweg. Was hatte das zu bedeuten? Mit den wenigen Details ließ sich nicht wirklich viel anfangen. Allerdings dachte sie, dass der Chef sie noch nie in die Dienststelle zitiert hatte, wenn es keinen wirklichen Grund dafür gab. Bevor sie antworten konnte, sagte ihr Chef: „Kommen Sie erst mal her, dann sehen wir weiter.“ Seine letzten Worte hallten noch in ihren Ohren nach. Das emotionale Durcheinander noch eben vom Strand schien wie weggeblasen. Sie musste über sich selbst lächeln. Wie meist, Probleme können sich einfach in Luft auflösen. Sie gab kräftig Gas und bei dem Tempo hätte sie bei einer Kontrolle größte Chancen ein paar Punkte einzusammeln.
Auf Höhe von Karls Erlebnis-Dorf begegneten sich Lisas gelber Flitzer und der BMW von Hauptkommissar Peter Heilmeyer. Beide waren auf halber Strecke nur in entgegengesetzter Richtung zwischen Rostock und Graal-Müritz unterwegs. Keiner nahm vom anderen Notiz, sie wussten noch nicht, dass sie bald gemeinsam in einem Team arbeiten würden. Zuvor waren sie sich nie begegnet!
Vor einigen Monaten hatte sich Lisa für ein Praktikum im Kriminalkommissariat Rostock beworben. Ihr Antrag wurde erst vor wenigen Tagen bewilligt. Gleich nach dem Urlaub plante sie ins Kriminalkommissariat zu wechseln. So wenigstens war ihr Plan vor dem Studium. Wenige Tage blieben ihr nur noch im alten Revier und sie musste an die letzten Jahre denken: Eigentlich schade, dass ich gehe. Der Chef war in Ordnung und mit den anderen lief es auch gut. Veränderungen sind mal wichtig und wie es aussieht, könnte mein Praktikum mit einem speziellen Fall beginnen. Alles Mögliche kreiste in ihrem Kopf und sie drückte gleich noch einmal aufs Gaspedal.
Lisa konnte jetzt die letzten Traditionssegler erkennen und musste an ihre eigene Ausfahrt während der Hanse Sail denken. Eine unvergleichliche Pracht, diese maritime Kulisse am Rostocker Stadthafen. Einige Segler waren noch immer zur Besichtigung freigegeben und boten regelmäßig Rundfahrten an. Von der Warnow aus gab es einen spektakulären Anblick auf die Stadt. Ein Luxus, dass sie jeden Tag diesen traumhaften Anblick genießen konnte. Gab es einen besseren Arbeitsplatz?
Viele Jahre fuhr sie immer wieder diesen Weg und alles rundherum war ihr vertraut. Jemand, der die maritime Kulisse liebt, wird jedes Jahr aufs Neue beeindruckt sein. Hanse Sail bedeutete, dass jeder Platz am Kai bis in die dritte Reihe mit Schiffen besetzt war. Um die 200 Segler trafen sich regelmäßig zu diesem maritimem Großereignis, dass jedes Jahr am zweiten Wochenende im August stattfindet. Lisa hasste jede Art von Sentimentalitäten und dachte weise, dass dieses tolle Spektakel in Rostock ihr auch ohne die Dienststelle jedes Jahr erhalten bleiben würde. Nur um die Leute tat es ihr leid, die vielen Jahre kam sie ohne irgendwelche Streitereien oder Missverständnissen sehr gut klar. Wenn es die Zeit zuließ, würde sie hin und wieder mal bei ihnen vorbeischauen.
Lisa erreichte das Polizeirevier. Abgehetzt klopfte sie an die Tür des Chefs und betrat ohne Aufforderung sein Büro. Sie veranstalteten nie eine großartige Begrüßungszeremonie. Doch heute preschte Lisa schneller als sonst los: „Kaum bin ich paar Tage weg, schon gibt es eine Vermisste.“
Ihr Chef schaute von seinen Papieren auf und meinte ruhig: „Da sind Sie ja. Prima, dass Sie so schnell kommen konnten. Tut mir leid, dass Sie Ihren Urlaub unterbrechen mussten. Kann auch sein, dass sich alles schnell klärt. Aber Sie wissen ja wie es in der Urlaubszeit bei uns aussieht. Seit Tagen sind zwei krank, na ja und Urlaubszeit ist auch noch.“
Lisa setzte sich und hörte ihrem Chef voller Erwartung zu. „Erst einmal ein paar Eckdaten. Gesucht wird Sarah Niemann.“
Kaum hatte ihr Chef den Namen ausgesprochen, zuckte sie zusammen.
„Sind Sie sich sicher, Sarah Niemann?“, fragte Lisa ungläubig.
Sie kannte eine Sarah Niemann. Ziemlich gut sogar. Aber, nein, das war bestimmt nicht ihre Sarah. Der Name von der Person am Strand fiel ihr wieder ein. „Das muss ein Irrtum sein. Ich hatte heute am Strand eine Tasche gefunden, deren Besitzerin Sofie Timm heißt. Ihre Tasche lag den ganzen Vormittag unbeaufsichtigt rum, sodass ich den Namen in Erfahrung bringen wollte, um für den Fall, dass sie vermisst wäre, einen Anhaltspunkt zu haben.“
„Ich kann Sie beruhigen, eine Frau mit diesem Namen wurde bei uns nicht registriert, aber gut, dass Sie so umsichtig waren.“
Lisa begann fast zu stottern, als es endlich aus ihr rausbrach: „Aber eine Sarah Niemann kenne ich auch, seit frühester Kindheit sogar. Wir sind in Lütten Klein zur Schule gegangen und …“ Sie konnte auf einmal nichts weiter über ihre Freundin sagen, weil sich ihre Gedanken überschlugen. Nach einer kurzen Pause konnte sie erst wieder weitersprechen: „Aber das liegt viele Jahre zurück.“
„Was wissen Sie von Frau Niemann?“ Ihr Chef schien erfreut darüber zu sein, dass er womöglich ein paar konkrete Details von seiner Kollegin erfahren würde.
„Vor längerer Zeit holten wir gemeinsam an der Abendschule das Abitur nach. Während dieser Zeit pflegten wir auch engeren Kontakt, ich würde sogar Freundschaft dazu sagen. Die vermisste Frau, das wird nicht meine Freundin sein. Gibt es von der Vermissten ein Foto?“
„Das kann jede Minute hier eintreffen, genauso die genaue Beschreibung. Um ehrlich zu sein, was wir bisher wissen, ist ziemlich mau.“ Der Chef verheimlichte seiner Kollegin, dass er längst wusste, dass es nur eine Sarah Niemann in Rostock und Umgebung gab. Mit dieser Nachricht wollte er warten, bis er hundert Prozent sicher war. Und erst recht, seit er wusste, dass die beiden Frauen sich kannten. Indessen ratterte im Hintergrund das Geräusch eines Faxgerätes. Lisa blieb mit einer vagen Vorahnung am Schreibtisch sitzen. Unzählige Bilder liefen vor ihren Augen ab. Sie spürte sofort, dass die gesuchte Frau „ihre Sarah“ sein musste. Der Chef wusste mehr. Sie kannte ihn lange genug und wusste, dass seine Zurückhaltung der Beweis für ihre These war.
Unsicher begann sie erst langsam, dann immer intensiver und wie aufgezogen von Sarah zu sprechen: „Ich weiß nicht genau, wann ich sie das letzte Mal gesehen habe. Jedenfalls heiratete sie vor zehn Jahren aus heiterem Himmel einen arroganten Fatzke. So einen Schlaumeier von der Zeitung. Den Mann konnte ich nicht ausstehen. Aber das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Ich erinnere mich, wie dieser Mann Sarah stets hinterher spionierte. Wenn wir mal verabredet waren, dauerte es nicht lange und er war ebenfalls in der Nähe. Dabei sahen wir uns seit sie geheiratet hatte selten genug. Ständig setzte dieser Mann meine Freundin unter Druck. Der Höhepunkt aber war, dass er verlangte, sie solle unsere Freundschaft aufgeben. Er meinte tatsächlich, dass ich sie negativ beeinflusste. Dabei wollte er lediglich, dass sie keine weiteren Kontakte, außer zu ihm haben sollte. Er war besitzergreifend und wollte praktisch Macht über sie ausüben. Für mich wäre das kein Leben gewesen. Natürlich versuchte ich ihr die Augen zu öffnen. Aber versuchen Sie mal einer Gehörlosen einen Donnerschlag zu erklären. Sie hielt trotz gröbster Gemeinheiten immer an ihm fest. Am Anfang beschwerte sich Sarah zwar über die Gängelei ihres Mannes. Bald aber verdrängte sie mehr und mehr, hielt einfach still. Wir trafen uns immer seltener. Irgendwann blieb unsere Freundschaft auf der Strecke. Mein Job hielt mich auch in Schach und unsere Treffen wurden weniger, bis sie ganz ausblieben.“ Lisa machte eine Pause, als müsste sie nachdenken, dann sprach sie weiter: „Es ist noch nicht allzu lange her, als wir uns zufällig in Karls Erlebnis-Dorf in Rövershagen trafen. Sie wirkte unzufrieden und sah sehr schlecht aus. Zudem wirkte sie um Jahre gealtert. Dabei hatte ich das Gefühl, dass die Beziehung nicht nur seelische Narben hinterlassen hatte. Ich merkte zwar, dass sie sich öffnen wollte, doch wir waren uns inzwischen fremd geworden.“
„Kam es zwischen Ihnen noch zu einem weiteren Treffen?“
„Nein, die gab es nicht mehr und jetzt ist es womöglich dafür zu spät?“




