- -
- 100%
- +
Lisa merkte beim Erzählen, dass sie von der alten Freundin eigentlich nicht sehr viel wusste. „Vor einem knappen Jahr sah ich Sarah zufällig in Rostock, ich hätte sie fast nicht wiedererkannt, so drastisch hatte sie sich auch äußerlich verändert. Sie war nicht mehr die gepflegte Frau, die ich kannte. Zu einem Gespräch zwischen uns kam es auch nicht.“ Lisa sackte in sich zusammen und schwieg. Sie schaute ihren Chef an und sprach mit kehliger Stimme: „Wenn das wirklich meine Sarah sein sollte, wird sie gefunden. Bestimmt! Das muss ein Irrtum sein.“
Inzwischen habe ich den letzten Teil der Arbeit begonnen, ich weiß, das wird schwierig. Lange hatte ich mir den Kopf zerbrochen, damit das Ende gut wird. Es soll ein würdiger Höhepunkt werden.
Früher warst du oft wütend auf mich, ich konnte dir nie was recht machen. Wenn du mich jetzt sehen würdest. Du könntest nicht glauben, wer vor dir steht.
Jeden Tag arbeite ich bis ich todmüde bin, erst dann kann ich einschlafen ohne zu grübeln. So wie du früher. Das habe ich wohl auch von dir. Nie aufzugeben, du hast mich oft genug ermahnt. Ich frage mich, warum du unser Ziel verraten und unsere gemeinsame Arbeit einfach aufgegeben hast? Hast du dabei mal an mich gedacht? Oder soll das etwa eine Prüfung sein? Testest du mich etwa, ob ich ohne dich standhaft bleibe?
In der vergangenen Woche wäre fast alles vorbei gewesen, denn beinah hätte man unser Verlies entdeckt. Doch ich bin geschickt und davongekommen. Wie gut, dass die Nachbarn nicht ahnen, was in ihrer Nähe geschieht. Sie haben nicht die geringste Vorstellung. Sie kümmern sich nicht um mich und ich mich nicht um sie. Du zeigtest mir früh schon, wie ich mich vor neugierigen Blicken der Leute unsichtbar machen kann. Das beherrsche ich perfekt. Heute liefen viele fremde Personen in der Gegend herum. Das hat mich nervös gemacht. Fast wäre es verhängnisvoll verlaufen. Meine Brille hatte ich im Dickicht vor dem Verlies verloren. Die hätte mich verraten. So eine Nachlässigkeit darf mir nie mehr passieren. Ich muss mehr aufpassen. Bei dem Großeinsatz der Bullen in der gesamten Gegend konnte ich mich nicht mehr konzentrieren. Unvorstellbar, wenn die mich überrascht hätten? Alles wäre verloren.
Rostock, Kriminalkommissariat
Hauptkommissar Heilmeyer leitete seit den 90er Jahren das Rostocker Kriminalkommissariat. Er war für die speziellen, nicht alltäglichen Straftaten in Rostock und Umgebung zuständig. In den zurückliegenden Jahren hatte er sich einen guten Ruf erarbeitet und war weit über Mecklenburgs Ländergrenzen hinaus bekannt. Die kniffligsten Fälle konnten er und seine Leute lösen und ihre Aufklärungsquoten gehörten zu den höchsten in der gesamten Region.
An diesem Morgen stand Peter Heilmeyer unter Volldampf. Seine lässige braune Lederjacke, die als sein typisches Markenzeichen überall bekannt war, hing heute schlapp an ihm herunter. Und der dunkle Vollbart könnte mal wieder eine Rasur vertragen. Daran war für den Chef der Kripo im Moment gar nicht zu denken. Vor zwei Tagen gab ein Journalist eine Vermisstenanzeige auf, seitdem hält der Mann alle Polizeidienststellen mit seinen ständigen Anrufen in Schach. Gestern erst landete die Vermisstenanzeige bei ihm auf dem Tisch und damit auch seine nervigen Anrufe.
Am Telefon versuchte der Journalist seine Leute erpresserisch unter Druck zu setzen: „Ich habe als leitender Redakteur so meine Möglichkeiten. Mit ein paar Infos über ihre Arbeit könnte ich für Unruhe sorgen.“ Oder aber: „… wenn ich merke, dass sich nichts dreht, lasse ich meine Beziehungen spielen.“ Mit solchen Sätzen nervte der Mann zwar, doch ließ sich die Kripo nicht in die Karten gucken. Heilmeyers Leute waren einiges gewöhnt und von diesen Schreihälsen ließen sie sich gar nicht erst beeindrucken. Doch Freunde verschaffte sich der Mann mit seinen Drohungen auch nicht. Im Gegenteil, am Telefon wimmelten die Kollegen den Mann schnell ab. Einige wichtige Angaben hatte er der Polizei gegeben, das reichte. Der Mann ließ sich nicht einfach abwimmeln. Er rief weiter mehrmals täglich an. Dabei wurden die zeitlichen Abstände sogar noch kürzer. Heilmeyers Leute kannten solche Zeitgenossen zur Genüge. Sie blieben gelassen. Er forderte, den Chef sprechen zu wollen, doch stets vertröstete man ihn: „Der Chef gibt keine persönlichen Statements, erst recht nicht über laufende Ermittlungen.“
Heilmeyer erfuhr kaum etwas von der Nerverei des Mannes. Sein Interesse nahm erst zu, als er hörte, dass die Exfrau auch Opfer einer Entführung sein könnte.
„Zuletzt war Sarah mit einem chaotischen Typ liiert“, so der Journalist. „Sie wollte sich von dem Kerl längst trennen. Für mich verständlich, denn der schlug sie regelmäßig. Ein harter Bursche. Ich bin sicher, der hat sie verschleppt.“
Im Kommissariat ließ sich zwar niemand vom Gerede des Mannes beeindrucken, aber die Kripo musste den Anschuldigungen des Mannes trotzdem nachgehen. Deshalb machte Heilmeyer klare Ansagen, um sofort mit den Befragungen zu beginnen. Der aktuelle Freund der Vermissten konnte allerdings nirgendwo ausfindig gemacht werden.
Seit den frühen Morgenstunden stand in Heilmeyers Räumen kein Telefon mehr still. Jede Menge Hinweise trudelten fast im Minutentrakt ein, alle wollten die Frau irgendwo gesehen haben. Sogar ein Anruf aus Dänemark landete bei ihnen. Einige Hinweise erschienen mehr als abenteuerlich und gehörten eher in die Liga der Trittbrettfahrer. Einige ließen sich gleich während des Telefongesprächs enttarnen, andere wurden so weit in die Enge gedrängt, dass sie nur noch zugaben, sich wohl getäuscht zu haben. Es war jedes Mal dasselbe, die meisten wollten sich nur wichtigmachen und stahlen der Kripo wertvolle Zeit. Offenbar nahm die Aktivität von Schaumschlägern noch weiter zu.
Heilmeyers Erfahrungen ließen keinem Wichtigtuer eine Chance. Schnell erkannte er sie und erteilte ihnen eine ordentliche Abfuhr. „So ein Gelaber können wir uns bei der schlechten Besetzung gar nicht bis zum Ende anhören.“ Sein Ton war manchmal etwas zu robust, das wusste er. Doch seine Ergebnisse gaben ihm recht. „Die paar Beschwerden können wir verkraften. Klappt die Zusammenarbeit mit den anderen Polizeirevieren?“, fragte er in die Runde. „Wer koordiniert die Ergebnisse der anderen Reviere?“ Seine Leute kannten ihn und wussten, dass er nie die Zügel lockerließ. Erst wenn sichergestellt war, dass alles in Bewegung gebracht wurde, schien er zufrieden zu sein.
Zur heutigen Besprechung waren seine Leute alle pünktlich versammelt. „Fassen wir zusammen“, begann Heilmeyer seine Ausführungen. „Von der Frau fehlt seit fast zwei Tagen jede Spur. Telefonisch ist sie nicht zu erreichen und der AB springt nicht mehr an. Niemand aus ihrem Umfeld konnte uns einen brauchbaren Hinweis liefern. Nur der Ex bedrängt uns penetrant.“
„Seit er merkt, dass eine Menge Leute an der Suchaktion beteiligt waren, hat er sich aber beruhigt“, mischte sich Olli ein. Olli war so was wie seine rechte Hand und arbeitete dem Chef direkt zu. „Eine so groß angelegte Suchaktion beginnt ansonsten ja auch viel später. Denn die Frau gilt weder als hilflos, noch ist sie suizidgefährdet. Aber in diesem Fall gab es wohl die Anweisung von ganz Oben?“
„Genau Olli, der Ex hat sein Ziel erreicht, weil er glaubhaft darstellen konnte, dass eine Entführung wahrscheinlich ist. Der Schreiberling muss tatsächlich …“
Heilmeyer kam nicht mehr dazu seinen Satz zu beenden, weil sein Telefon läutete: „Was gibt es?“ Und dachte bei sich, hoffentlich mal etwas, das wir ernst nehmen können.
Die erregte Frauenstimme am anderen Ende der Leitung antwortete: „Garantiert landen wir mit diesem Anrufer einen Volltreffer. Ein Ehepaar wartet in Wiethagen und scheint total durch den Wind zu sein. Die Frau berichtete nervös von einem grausamen Fund. Die hörte sich selbst durchs Telefon noch geschockt an. Wenn da nichts dran ist, lasse ich mich versetzen“, meinte ungewohnt flapsig die Kollegin aus der zentralen Telefonstelle.
„Ist ja gut, stell durch und hoffentlich hast du recht.“ Kaum hatte er seinen brummigen Kommentar abgelassen, war ein leises Stammeln zu hören: „Bin ich richtig bei Ihnen?“
„Das werden wir gleich feststellen. Erzählen Sie mir kurz, warum Sie anrufen.“
„Wir haben, äh, unser Hund hat im Wald …“ Dann war nur noch ein lautes Atmen zu hören.
„Bleiben Sie ganz ruhig und erzählen der Reihe nach! Was hat Ihr Hund gefunden?“ Heilmeyer spürte die Nervosität der Anruferin und ging besonders behutsam auf sie ein, auch wenn er innerlich bebte. Zwar verlor er selten die Beherrschung, aber jetzt schien er kurz davor zu stehen. Seine Intuition sagte ihm aber, dass es sich um etwas Ernstzunehmendes handeln könnte. Er spürte, wie die Frau am anderen Ende der Leitung um ihre Fassung rang und sie war nur stotternd zu verstehen: „Eine junge Frau liegt im … Wald …“ Dann machte sie erneut eine Pause.
„Lassen Sie sich nicht jedes Wort aus der Nase ziehen! Lebt sie, was ist mit der Frau?“
„Wir glauben, äh, ja, nein. Wir sind eigentlich sicher. Nein, die Frau lebt nicht mehr. Obwohl, na ja, eigentlich sieht sie aus, als ob sie nur schläft.“
„Wie schlafen? Was soll das denn? Wo genau sind Sie?“
„In Wiethagen am Waldrand, wo die ersten Häuser beginnen. Wir konnten nicht früher anrufen, weil das Handy …“
„Okay, okay, ist ja gut. Bleiben Sie an Ort und Stelle. In wenigen Minuten sind wir bei Ihnen.“ Er rief noch ein „Danke“ hinterher, aber die Frau hatte längst aufgelegt.
„Tatsächlich ein Volltreffer! Jens ruf die anderen von der Spusi zusammen! Die sollen sich schon mal auf den Weg nach Wiethagen machen. Die Frau im Wald könnte tatsächlich unsere gesuchte Frau sein.“
Wenige Minuten später saßen sie bereits im Auto. Jens, der Techniker in Heilmeyers Team, saß am Steuer und gab kräftig Gas. Heilmeyer missfiel sein Fahrstil.
Vorsichtig mahnte er ihn: „Jens denk daran, auf der Straße sind ortsunkundige Touristen unterwegs, denen sollten wir ihren wohlverdienten Urlaub nicht verderben.“
Jetzt erst erkannte auch Jens, dass er kaum aufs Tacho geschaut hatte. Und wirklich, so schnell waren sie selten unterwegs. Für die Strecke Rostock Mitte bis an ihr Ziel brauchten sie knapp dreißig Minuten. Einige Meter vom Ortsschild Wiethagen entfernt erkannten sie zwei Leute, die unruhig auf- und abgingen.
„Die beiden sehen total mitgenommen aus. Ehrlich, so sieht man nur aus, wenn etwas Furchtbares passiert ist.“
Heilmeyer stieg als erster aus und ging direkt dem Ehepaar entgegen. Auf der Hälfte des Weges trafen sie sich. Thea wiederholte das, was sie bereits am Telefon gesagt hatte. Geduldig hörte sich der Hauptkommissar den gesamten Bericht noch einmal an.
„Das hört sich wirklich schlimm an, da müssen Sie ja geschockt sein“, versuchte der Kommissar beruhigend auf das Ehepaar einzureden. „Aber jetzt sind wir ja da und kümmern uns um den Fall. Versuchen Sie abzuschalten und das Ganze zu vergessen, wenn das irgendwie möglich ist. Aber gut, dass Sie sich gleich bei uns gemeldet haben. Vielen Dank dafür. Wenn Sie sich erholt haben, kommen Sie morgen ins Kommissariat, wir nehmen dann ein Protokoll auf. Sind Sie in der Lage uns eine Wegbeschreibung zu machen?“
„Bestimmt, Michael kann das!“ Theas Mann beschrieb sofort der Polizei den kürzesten Weg, der direkt zum Fundort führte. „Mit dem Auto geht das auf alle Fälle schneller“, fügte er ergänzend hinzu.
Nachdem die Eheleute sich verabschiedet hatten, versprachen sie wegen des Protokolls vorbeizukommen.
„Na dann bis morgen oder übermorgen. Rufen Sie vorher an und wir machen einen Termin, damit sie nicht so lange warten müssen“, meinte Heilmeyer freundlich zum Abschied.
Thea und Michael verließen sofort den Schreckensort und waren froh wieder in ihrem Auto zu sitzen, um in Richtung Rostock zu fahren. Michael fand als erster seine Sprache wieder: „Für heute habe ich genug vom Wald und die Lust am Baden ist mir ohnehin vergangen. Wenn du morgen beim Sport Claudia triffst, wird die garantiert den Mund nicht mehr zu kriegen. Wo die an jeder Ecke kriminelle Idioten wittert. Wer weiß, ob sie danach immer noch so wild auf den Ruhewald ist. Schließlich haben sie und ihr toller Freund uns das Ganze eingebrockt.“
„Hör bloß auf! Wenn ein kranker Typ sich brutal im Wald zu schaffen macht, kann niemand was dafür. Wenn Gras über diese Geschichte gewachsen und der Täter gefasst ist, kommen auch wir wieder her.“
„Garantiert nicht so schnell, wie du dir das vorstellst. Damit du gleich Bescheid weißt; Deinen RuheForst zu beehren, das ist mir erst einmal gehörig vergangen.“
„Wer weiß? Bis dahin bleibt ja noch Zeit. Lass uns später darüber reden. Jetzt sollten wir erst einmal nach Hause fahren und dieses schlimme Erlebnis verdauen.“
Thea ging gedanklich noch einmal zurück zum gestrigen Abend. Als sie sich spontan für diesen Ausflug entschieden hatte, da fühlte sich alles noch so gut an. Ihr lang gehegter Wunsch sollte endlich in die Tat umgesetzt werden. Sie wollte den RuheForst kennenlernen. Der Wetterbericht versprach erneut gutes Wetter, da wollte sie nicht länger warten. Ihr Mann kam abends mit ausgesprochen guter Laune von der Arbeit nach Hause und sie spürte den günstigen Moment für ihren Plan. Ihr Instinkt täuschte sie selten. Die gute Stimmung ihres Mannes ließ sich mit einem Glas seines Lieblings-Chiantis toppen. Zu ihrem Erstaunen willigte Michael leicht beschwipst wirklich gleich ein, ohne seine langatmigen Ausreden. Und dann kam alles ganz anders.
Rostocker Heide
Heilmeyer und seine Leute waren auf demselben Weg wie kurz zuvor das Ehepaar, allerdings ging es mit dem Auto deutlich flotter. „Erstaunlich, dass der Mann trotz seines wirren Eindrucks den Weg so gut beschreiben konnte. Ab Holzschild geradeaus fahren, sagte er oder? Nicht nach rechts.“ Olli redete nervös auf Jens ein.
Der auf beiden Seiten des Weges hochwachsende Farn ließ kaum eine Sicht in den Wald zu. „Hast du den beiden nicht richtig zugehört? Bis zur Schneise, dann an der nächsten Gabelung nach rechts“, korrigierte Jens bereits zum zweiten Mal seinen Kollegen.
Heilmeyer war längst in das allseits bekannte Schweigen gefallen. Das schien seine spezielle Art zu sein, mit schwierigen Situationen umzugehen. Packte ihn eine Vorahnung, musste er mit seinen Gedanken allein bleiben. Er zog sich tief ins Innerste zurück, bis er endlich das aussprach, was ihm logisch erschien. Auch dieses Mal schien er sicher zu sein. Nach einigen Minuten meldete er sich endlich zu Wort: „Dieser Mord wird einen verdammt langen Atem von uns brauchen. Die Beschreibung hörte sich jedenfalls mysteriös an. Erstaunlich, dass die Eheleute sich durch den dichten Farn gewühlt haben. Durch den hohen Farn fühlte sich der Täter garantiert sicher, nicht entdeckt zu werden. Ein ausgeklügeltes Versteck, in dem niemand die Frau schnell finden sollte. Normalerweise bleiben Spaziergänger meist auf ausgewiesenen Wegen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Eheleute nicht zu viel Spuren hinterlassen haben.“
Peter Heilmeyer dachte an die Sisyphusarbeit, die ihnen bevorstand. Er wusste, dass er sich auf seine Mitarbeiter verlassen konnte. Alle im Team arbeiteten genauso präzise und pingelig wie er selbst. Eigenschaften, die Heilmeyer voraussetzte. Die meisten ihrer Fälle aus den letzten Jahren waren unberechenbarer geworden und erforderten von allen die höchste Disziplin. Die Maschen junger, krimineller Banden nahmen ständig zu. Sie kamen vor allem aus dem osteuropäischem Raum. Kaum hatten sie eine Straftat durchschaut, gab es neue Tricks. Dabei schnappten sie meist nur kleine Lichter aus der Fraktion Mitläufer. Die festgenommenen Täter wurden sofort nach der Festnahme von anderen ersetzt. Die Drahtzieher selbst blieben im Hintergrund und waren in kürzester Zeit wieder aktiv. Selten genug, meist nur durch Zufall, wurden sie entlarvt. Für Heilmeyer und sein Team wurden die Aufklärungen komplizierter, weil die Verbrecher abgebrühter wurden und kein Unrechtsbewusstsein mehr kannten. Den Sitz der Banden vermutete man meist in der Karibik, Libyen, Rumänien oder in anderen osteuropäischen Ländern. Selbst in ländlichen Gebieten nahm die Cyberkriminalität extrem zu. Der sogenannte Enkeltrick klappte im Norden immer noch, obwohl in den Medien regelmäßig davor gewarnt wurde. Anrufer gaben sich als nahe Verwandte von älteren Personen aus. Nach dem Anruf kam prompt die Bitte um Geld. Sie schickten allerdings einen Vertreter, der die alten Leutchen um größere Geldsummen erleichterten. Hinzu kamen Ausschreitungen und Überfälle im Zusammenhang mit Asylbewerbern. Das waren zwar Arbeiten, die nicht zu seinem Ressort gehörten, aber wenn Not am Mann war, halfen sie da auch schon mal mit.
Der Hauptkommissar wusste aus seiner langen Erfahrung, dass diese Geschichte im Wald etwas anderes, nichts Alltägliches bedeutete. Das hatte auch nichts mit dem zu tun, womit sie sich in letzter Zeit rumzuschlagen hatten. Der Tod eines Menschen gehörte in eine ganz andere Liga. Seine Anspannung merkten ihm seine Mitarbeiter nun auch deutlich an. Wie immer, wenn es um die Suche nach Vermissten ging. Die Fahndung warf mehr Fragen als Antworten auf. Nach außen wirkte der Chef dennoch cool. Meist, so auch jetzt, blieb er in der Lage, seine Gefühle bestmöglich zu verbergen. Sein Vollbart kam ihm dabei zur Hilfe und nur seine blassblauen Augen verrieten ihn. Seit er vor zwei Jahren geschieden wurde, hatte nur noch sein Job oberste Priorität. Die vielen Überstunden waren der Grund für die Trennung von seiner Frau, trotzdem machte er genauso weiter. Der Job war das Einzige, das ihm geblieben ist.
Jens stoppte plötzlich den Wagen. Sie waren da. Der vom Ehepaar beschriebene Fundort passte genau zu dem, was sie sahen. Eine kleine Schneise wies den Weg zwischen etwa zwei Meter hohem Farn. Von hier aus war es schwierig mit dem Auto weiterzufahren.
Sie ließen mich damals schon nicht los, die Dämonen von früher. Ich versuchte sie zu verdrängen, aber in all den Jahren ist mir das nie geglückt. Im Gegenteil, die fiesen Gesichter sind inzwischen selbst ein Teil von mir geworden. Auch wenn sie sich ständig verändern. Beim ersten Mal bekam ich einen heftigen Druck im Kopf und starke Schmerzen setzten ein. Anschließend erschienen diese fratzenhaften Gesichter, ohne Ankündigung machten sie sich vor meinen Augen breit. Es sind so viele. Dazwischen immer Bilder aus meiner Kindheit. Meine Vergangenheit werde ich nie mehr loswerden. Vergessen, wie sollte ich? Das ist der Teil von dir, das Böse.
Seit einiger Zeit sind sie wieder da, die grausamen Bilder von damals, ganz nah schleichen sie sich an mich heran. Wie ein Geschwür, das wächst und sich vermehrt. Ich habe Angst, dass ich daran ersticke. Meine Erinnerungen lassen sich nicht einfach verdrängen. Einfach vergessen? Nein, die Erinnerung an diese Zeit wird bleiben, nicht einmal verblassen wird sie. Das ist deine dunkle Seite Vater, die in mir fortlebt.
Ich weiß, dass du mein Leben zerstört hast. Damals war ich naiv, hatte gar nichts verstanden. Je öfter ich daran zurückdenke, desto deutlicher begreife ich, was du mir angetan hast, ich fühle mich so elend dabei. Deine widerlichen Intimitäten, dein Streicheln. Gern würde ich die Erinnerung an deine Berührungen und deine Worte aus dem Gedächtnis reißen. Aber der Film läuft wieder und wieder vor meinen Augen ab. Bilder mit monsterartigen Wesen. Sogar mein Gesicht schwillt an und verschwimmt zu einer dieser Masken. Eine Maske, vor der ich mich selbst fürchte. Schreckliche Gestalten erscheinen, wenn ich die Augen geschlossen halte. Unter den furchteinlösenden Gestalten bist immer auch du. Du zerrst mich aus meinem Bett. Du tust mir weh. Ich weiß nicht mehr, bist du es oder ein anderer. Eine dürre Gestalt mit verzerrter Visage greift nach mir.
Immer derselbe Alptraum! Immer wieder dieser Alptraum. Danach wälze ich mich von einer auf die andere Seite und finde keinen Schlaf.
Salzige Tränen laufen über mein Gesicht, ich kann nicht mehr aufhören zu weinen. Ein Traum? Ich kann Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Zu oft sind sie da, selbst am Tag kommen sie. Was wollen sie mir sagen?
Rostock, Polizeirevier – Am Hafen
Lisa wartete voller Spannung darauf, endlich eine Antwort auf ihre Fragen zu erhalten. Ihr Chef im Polizeirevier am Hafen hielt sich noch immer bedeckt. Bis jetzt wusste sie noch nicht, ob die vermisste Frau tatsächlich ihre ehemalige Freundin ist. Offenbar verheimlichte der Chef ihr etwas, das konnte sie genau an seinen unruhigen Bewegungen erkennen. Immerhin kannten sie sich viele Jahre. In diesem Moment surrte erneut im Nebenraum ein Faxgerät. Wenig später reichte die Sekretärin ein Schreiben an den Chef rein. Der las sofort und Lisa entging nicht, dass sein Gesicht ernster wurde. Er wollte seine Kollegin nicht länger zappeln lassen und fasste die neuen Informationen kurz zusammen: „Hier steht es schwarz auf weiß, eben wurde eine Frau in der Rostocker Heide tot gefunden. Alles deutet darauf hin, dass Sarah Niemann die Tote ist. Damit stellen wir in unserer Dienststelle die Suche nach der Frau ein.“
Lisa sackte mit jedem Wort ihres Vorgesetzten in sich zusammen. Sie kämpfte gegen ihre Tränen an. Nur mit Mühe konnte sie den Worten ihres Chefs noch folgen.
„Eins noch, es ist erwiesen, dass die Frau tatsächlich die Sarah ist, die Sie kennen. Jeder Irrtum ist ausgeschlossen.“ Der Chef schaute auf seine Mitarbeiterin, ehe er weitere Details preisgab: „Ein Ehepaar fand die Vermisste heute Morgen in einem Waldstück. Hauptkommissar Heilmeyer und sein Trupp sind am Fundort, um den Fall zu untersuchen. Damit ist unsere Beteiligung erledigt und Sie können Ihre restlichen freien Tage nutzen, um sich von dem Schrecken erst einmal zu erholen.“
„Wie? Freie Tage?“ In ihrem Gesicht war jeglicher Ausdruck erloschen. Ratlos schaute sie auf ihren Chef.
Der senkte verlegen den Blick und sprach mehr zu sich selbst: „Ich kann mir vorstellen, wie es in Ihnen aussieht. Oft merken wir erst, wenn es zu spät ist, wie wichtig eine Person für uns war.“ Der Chef hatte Lisas wunden Punkt getroffen.
„Was kann ich tun?“, fragte sie hilflos.
„Am besten sprechen. Wenn es Ihnen hilft, vertrauen Sie mir Ihre Gedanken an.“
Lisa konnte ihrem Vorgesetzten gar nicht mehr richtig zuhören, sondern fing automatisch an zu erzählen. Während ihre Tränen sich nicht mehr aufhalten ließen. Flüsternd kamen nur leise Worte aus ihr heraus: „Sarah kenne ich ja bereits seit der frühen Schulzeit. Damals waren wir fast jeden Tag nach der Schule zusammen. Wir waren uns nah. Na ja, so nah wie Kinder sich eben sein konnten, wenn sie sich bereits in der Buddelkiste kennengelernt hatten. In den letzten Jahren hatten wir uns aus den Augen verloren. Eine Freundschaft, die so lange bestand, vergisst man aber nicht einfach. Die Erinnerung wird wohl ewig bleiben. Jetzt aber muss ich unbedingt wissen, was wirklich im Wald passierte.“ Intensiv überlegte sie in diesem Moment, wie sie ihren Chef dazu bewegen konnte, ihr zuzustimmen, um am Sucheinsatz bei der Kripo dabei sein zu können. Trotz ihrer Nähe zu Sarah musste er verstehen, dass sie gerade deshalb bei der Suche nach ihrer ehemaligen Freundin dabei sein musste.
„Die Suche nach dem Täter ist jetzt das Letzte, was ich für Sarah tun kann. Verstehen Sie das?“
Der Mann schaute auf Lisa und meinte verlegen: „Hm, ja, doch. Klar, versteh ich Sie.“ So aufgewühlt hatte er seine Kollegin noch nie erlebt. Und er wiederholte: „Natürlich kann ich das verstehen. Ihre Reaktion ist völlig natürlich! Aber nicht zu schnell! Wir können nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen. Sie wissen wie bei uns die Uhren ticken. Wir haben hier unsere speziellen Aufgaben und die Kripo eben ganz andere. Denken Sie beispielsweise an die ungeklärten Wohnungseinbrüche, die hier auf dem Tisch liegen! 1413 Wohnungseinbrüche allein in unserem Bundesland und das in einem Jahr. Das bedeutet allein in Rostock, eine Zunahme von 10 %. Unsere Aufklärungsquote liegt gerade mal bei 50 %. Wir sollten dort anpacken, wo unsere Kompetenzen liegen.“
Lisa, die sich einigermaßen beruhigt hatte, hörte ihrem Chef aufgewühlt zu, hüllte sich aber weiter in Schweigen. Auf einmal sprach sie ganz sachlich: „Ihren Äußerungen gibt es rational nichts entgegenzusetzen. Schließlich arbeite ich seit vielen Jahren hier und kenne die Problematik. Wenig Leute, keine modernen Arbeitsmittel und ein hoher Krankenstand.“




