ROCK IM WALD - Ein Norbert-Roman

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„Catrin Stechler – hab noch nie von der gehört.“
„Dreh mal die Karte um.“
„Candrine Cook? Moment mal! Schreibt die nicht diese Liebesschnulzen?“
Wolf sah ihn an und sein Grinsen wurde breiter. „Wenn ich mich recht erinnere, dann liest Laura die doch, oder?“
Ben räusperte sich. Allerdings. Nacht für Nacht lag seine Holde neben ihm und schmachtete die muskulösen halbnackten Wilden auf den Covern dieser Schmonzetten an. Und gab ihm damit immer wieder wortlos zu verstehen, dass er ruhig mal ins Fitness-Studio gehen durfte.
„Lade die bloß nicht zu uns ein“, sagte Ben und ließ die Visitenkarte zurückgleiten ins Wolfs Jacke.
„Wie ich bereits sagte, glücklich verheiratet. Also beruhige dich.“ Wolf riss das Lenkrad herum und kam mit quietschenden Reifen in der Einfahrt zum Stehen, direkt neben seinem Landrover, den er hier geparkt hatte, ehe er nach Hamburg fuhr.
Kapitel 5
„Diva?“ Catrin zog den Schlüssel aus dem Schloss, schob ihren Koffer in den Flur und drückte die schwere Haustür zu. „Diva?“
Eigenartig. Wenn sie heimkam, reichte normalerweise das leiseste Geräusch und ihre Hündin kam angeschossen, wo auch immer sie gelegen hatte. Vielleicht war Felix gerade mit ihr raus?
Die Luft im Haus roch abgestanden, nach kaltem Rauch und schal gewordenem Bier. Sie hatte es befürchtet.
Divas Leine hing nicht an der Garderobe, ebenso wenig wie Felix’ Jacke. Keine Musik aus der Küche, kein Laut. Nichts.
Eine Gänsehaut überfiel sie, als sie die Treppe in die erste Etage hinaufstieg und dann auf ihr Schlafzimmer zuging.
Wenn sie jetzt ein Stöhnen hörte, dann würde sie ausrasten!
Vorsichtig öffnete sie die Tür und sah hinein. Ein zerwühltes Bett. Beide Seiten.
Übelkeit stieg in ihr auf. Mein Gott, dieses Arschloch.
Für einen Moment musste sie die Augen schließen und sich zusammenreißen, dann ging sie zum Bett und zerrte zwei große Koffer darunter hervor. Sie öffnete den Kleiderschrank und begann, wahllos Kleidungsstücke herauszuholen und in die Koffer zu werfen. Schließlich ging sie in das kleine Arbeitszimmer nebenan. In der Ecke standen Klappkisten. Sie war oft genug schon für ein paar Tage zu ihrer Mutter in eine Schreibklausur verschwunden, sie wusste genau, was sie einpacken musste, um mit ihrem derzeitigen Manuskript voranzukommen. Wenn Felix heimkam und seinen Rausch ausgeschlafen hatte, würde er sie dort vermuten und sich melden. Ob er bemerken würde, dass sie so gut wie alles mitgenommen hatte, woran ihr Herz hing? Ob er die richtigen Schlüsse ziehen würde? Nämlich, dass sie ihn verlassen hatte?
Verbissen schleppte sie eine Kiste und einen Koffer nach dem anderen nach unten, dann ging sie ein letztes Mal nach oben, um ihre persönlichen Sachen aus dem Bad zu holen.
Sie schlug die Hand vor den Mund, um das Würgen zu unterdrücken, kaum dass sie den Raum betreten hatte. Der Geruch von schwüler Lüsternheit, der noch in der Luft hing, sagte ihr, dass Felix und seine Schlampe noch nicht lange fort sein konnten. Der Stapel nasser Badetücher vor ihren Füßen gab ihr schließlich den Rest. Falsch. Es war der gelbe Spitzentanga oben auf dem Stapel, der das erledigte.
Als sich Catrin endgültig ausgekotzt hatte, fing sie über dem Waschbecken mit ihren Händen kaltes Wasser auf und trank gierig. Sie versuchte, durch den Mund zu atmen, als sie sich umdrehte und zufrieden feststellte, dass von dem zarten Slip nicht mehr viel zu sehen war. Ihr Erbrochenes hatte sich wirklich hübsch darüber verteilt.
Mit einem Ruck zog sie die Tür zum Bad hinter sich zu und atmete tief durch. Jetzt noch schnell Divas Sachen zusammenraffen, dann würde sie Felix einen Besuch abstatten.
So, wie sie ihn kannte, hatte der Idiot die trächtige Hündin mit in die Schützenhalle geschleppt, um seinen besoffenen Freunden vorzuführen, was für ein Naturbursche er war. Immerhin hatte er irgendwann mal einen Jagdschein gemacht und bildete sich weiß Gott was darauf ein, wehrloses Wild zu erschießen. Als er mit seiner ersten Beute nach Hause gekommen war und einen Platz im Flur mit Hammer und Nagel bearbeitete, um seine schändliche Trophäe aufzuhängen, war es zum Eklat gekommen. Bis heute prangte der nackte Nagel in der Wand, mahnende Erinnerung an den Riss, der seitdem durch ihre Ehe führte. Wie tief dieser Riss tatsächlich war, wusste sie ja nun.
Catrin kramte aus einer Schublade in der Küche zwei geräumige Plastiktüten hervor und begann, das Hundespielzeug einzusammeln, das überall in der Wohnung verstreut lag. Dabei begegneten ihr ständig Spuren, die davon zeugten, wie fest Felix davon ausgegangen war, dass sie erst in zwei Tagen zurückkommen würde. Tja, Pech gehabt.
Sie zückte ihr Handy, um noch schnell ein paar Beweisfotos zu schießen: Rotweingläser mit Lippenstift, ungespülte Teller mit Spaghettiresten, Damenschuhe unterm Küchentisch, eine Decke und ein Kissen mitten auf dem Wohnzimmerteppich.
Sollte sie noch mal nach oben gehen?
Lieber nicht, beschloss sie. Die Fotos, die sie gemacht hatte, würden reichen, wenn Felix Zirkus machte. Denn das würde er, spätestens, wenn die Scheidungspapiere bei ihm eintrafen. Ein Felix Stechler wurde nicht verlassen.
Catrin öffnete die Tür zum Vorratsraum.
„Nanu?“ Verdutzt starrte sie auf das leere Regal. Wo war denn der Sack mit dem Trockenfutter? Sie drehte sich um, suchte mit ihrem Blick die Küche ab. Und wo waren die Futternäpfe? Erst jetzt fiel Catrin auf, was alles fehlte.
Sie spürte, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich, als sie Divas Hundekorb vergeblich suchte. Das konnte nur eines bedeuten: Felix hatte die Hündin nicht mitgenommen, sondern abgeschoben. Weiß Gott wohin.
So schnell, wie sie nur konnte, räumte Catrin alles, was sie zusammengetragen hatte, in ihren Wagen. Sie hätte auch zum Schützenfest laufen können, aber es war besser, wenn sie fuhr. Sie würde allerdings so parken müssen, dass niemand das bis unter die Decke vollgepackte Auto sah.
Es war gerade mal halb elf, als sie die Heckklappe zuschlug, ins Auto sprang und den Motor startete.
Sie ließ den Wagen gesittet auf die kleine Seitenstraße rollen, in der ihr Haus lag, und warf nicht einen Blick zurück, als sie den Gang einlegte und aufs Gaspedal trat.
Kapitel 6
Das Pfeifen und Trommeln des Piepenchors war nicht zu überhören, als Catrin schließlich in einer unscheinbaren Seitenstraße aus dem Wagen sprang. Es dauerte nur wenige Minuten, da wurde sie mit großem „Hallo!“ an der Schützenhalle begrüßt.
„Na, junge Frau? Stolz auf Felix? Ach, was frage ich? Natürlich bist du das!“
Karl befestigte ein buntes Plastikband an ihrem Handgelenk und winkte sie weiter. Das Schützenvolk klatschte begeistert zur Musik, während sich Catrin durch die Menge schlängelte. Überall nickte man ihr zu, klopfte ihr wohlwollend auf den Rücken und hob prostend das Glas. Sie konnte sich kaum ein Lächeln abringen, während sie sich der Bühne näherte, auf der Felix und Sabrina saßen, strahlend umringt von ihrem Hofstaat.
Es dauerte einen Augenblick, bis Felix mitbekam, dass sie dort unten stand und ihn anstarrte, dann einen weiteren, bis er zu begreifen schien, dass er aus dieser Nummer nicht mehr verheiratet herauskommen würde.
Schwerfällig erhob er sich und in diesem Moment wurde sie auch von Sabrina wahrgenommen, die unter ihrer dicken Schminke sichtlich erbleichte.
Catrin riss die rechte Hand hoch und hielt ihr kurz einen aussagekräftigen Mittelfinger hin, dann wandte sie sich zur Treppe und ging ihrem Noch-Ehemann entgegen, der sich abstützen musste, um nicht zu stolpern.
Voll wie eine Haubitze, schoss es Catrin durch den Kopf, aber sie riss sich zusammen. Wenn sie herausfinden wollte, wohin Felix ihre Hündin geschafft hatte, musste sie sich im Griff haben. Ein falsches Wort von ihr und er würde es ihr vermutlich nicht sagen. Aus Trotz.
Als er auf sie zutorkelte und schließlich vor ihr stehen blieb, beugte sie sich vor und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Gott, wie er stank! Aber wenn sie ihren Hund zurückhaben wollte, dann durfte sie nun keinen Fehler machen. Sie wusste schließlich sehr genau, wie jähzornig er sein konnte, wenn er genug Promille intus hatte.
„Herzlichen Glückwunsch, Felix! Ich habe deinen Triumph online mitverfolgt und bin direkt heimgekommen, um dir zu sagen, wie stolz ich auf dich bin!“
Sie musste regelrecht gegen den Lärm der Feiernden anbrüllen, aber es gelang ihr, trotzdem zu lächeln.
Felix, der endlich eines seiner armseligen Lebensziele erreicht hatte, konnte seine Überraschung kaum verbergen, aber er schaltete überraschend schnell.
„Warst du schon zu Hause?“, fragte er laut, aber lauernd, und legte ihr dabei einen Arm um die Schultern, damit es für alle anderen so aussähe, als sei er völlig entspannt. Er war so ein schlechter Schauspieler. Und wie er roch! Sabrina musste ein echtes Problem mit ihrem Geruchssinn haben, wenn sie diese Mischung aus Schweiß und Alkoholfahne attraktiv fand.
„Nein, ich habe mir am Bahnhof ein Taxi besorgt und bin direkt zu dir geeilt! Quasi non-stop von der Nordsee an deine Seite!“, brüllte sie gegen den Lärm an. „Und jetzt fahre ich heim und geh mit Diva raus! Die lange Fahrt, du weißt schon! Gibst du mir mal den Haustürschlüssel?! Ich glaube, ich habe meinen zu Hause vergessen, als ich gefahren bin!“
Sie sah förmlich, wie es hinter der Stirn ihres Mannes arbeitete. Hoffentlich kam er nicht auf die Idee, sie zu begleiten.
„Komm, lass uns mal eben vor die Tür gehen, hier drin ist es zu laut!“, rief Felix und zog sie bereits fort von der Bühne, auf der Sabrina noch immer stand und ihnen nun nachstarrte.
Auf dem langen Weg hinaus aus der Halle musste Catrin ungezählte bierselige Glückwünsche über sich ergehen lassen und mehr als einmal lehnte sie ein angereichtes Glas Bier mit den Worten ab: „Danke, später vielleicht!“
Endlich hatten sie es geschafft und standen draußen in der prallen Sonne. Catrins Blick glitt zum angrenzenden Parkgelände und zu dem Rosenbusch, der wirklich prachtvoll blühte. Der ruhige See dahinter glitzerte in der Sonne.
Ihr habt es ja nicht weit geschafft, ehe ihr übereinander hergefallen seid, dachte sie wütend und bemühte sich, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.
„Der Schlüssel?“, fragte sie scheinheilig.
„Ja, natürlich“, stammelte ihr Mann und wühlte in seiner Hosentasche.
Als der körperwarme Schlüsselbund in ihre Hand glitt, ballten sich Catrins Finger um ihn zur Faust.
„Danke! Ich laufe nur eben heim, versorge Diva, dann ziehe ich mich um und komme zurück“, säuselte sie und wandte sich zum Gehen.
„Du kannst doch auch gleich hierbleiben“, sagte Felix schnell und hielt sie zurück.
„Aber was ist mit dem Hund?“
„Weißt du, ich habe Diva für ein paar Tage zu jemandem gegeben, der sich gut um sie kümmert“, beichtete Felix. „Sabrinas Bruder hat sie abgeholt und wollte sie eigentlich morgen zurückbringen.“
Catrin spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Felix hatte das sensible Tier einfach einem Wildfremden überlassen, der sie weiß Gott wohin verschleppt hatte? Eine Wut stieg in ihr auf, die sie in dieser Heftigkeit noch nie gespürt hatte.
Laut sagte sie: „Das war aber gut mitgedacht!“ Das falsche Lächeln, das sie Felix schenkte, brannte, als sie es auf ihre Lippen zwang.
Wieder konnte ihr Mann seine Überraschung kaum verbergen. „Mensch, Catrin, und ich dachte schon, du machst Theater deswegen.“ Er wischte sich mit einem Taschentuch über das verschwitzte Gesicht. „Wie war die Tagung?“, heuchelte er Interesse, während sein Blick bereits wieder erhaben über die Menge glitt, die ihn und seine Regentschaft feierte.
„Bestens“, sagte sie und wusste, dass ihn die Antwort überhaupt nicht interessierte. Alles, was sich um ihren Beruf als Autorin drehte, war ihm vollkommen egal. Er hielt es trotz des Geldes, das sie verdiente, eher für das Hobby einer gelangweilten Ehefrau, und er gönnte es ihr mit der ihm eigenen schleimigen Überheblichkeit.
„Du, Felix“, sie sah ihm mit einem gespielt traurigen Augenaufschlag in die alkoholgeröteten Augen. „Ruf Sabrinas Bruder an und sag ihm, er soll Diva vorbeibringen.“
„Jetzt?“
„Jetzt!“
„Hat das nicht Zeit bis morgen?“
„Ach, Felix“, sie tätschelte sein feuchtes Gesicht, „wie oft muss ich dir noch sagen, dass man mit Frauen nicht diskutiert?“
„Das kann aber dauern, er wohnt irgendwo im Hochsauerland, wenn ich das richtig verstanden habe.“
„Du weißt gar nicht, wo Diva ist?“, fragte sie eine Spur zu schnell.
„Natürlich weiß ich, wo sie ist.“ Felix sah sie misstrauisch an und runzelte die Stirn.
Schnell lächelte Catrin und sah, wie er sich gleich wieder entspannte. Arschloch!, dachte sie.
„Die ist bei Sabrinas Bruder“, lallte Felix. „Der ist Jäger, kennt sich super mit Hunden aus. Sabrina hat das organisiert.“
Sabrina. Natürlich. „Ruf ihn an.“
„Und dann?“, fragte Felix lauernd. „Willst du zu Hause auf ihn warten?“ Wieder diese kaum unterdrückte Nervosität in seiner Stimme.
„Wenn du ihn jetzt anrufst, jetzt sofort, und er auch gleich losfährt, dann soll er hierherkommen. Ich warte dann hier. Bei dir.“
Er warf ihr einen letzten skeptischen Blick zu, dann tippte er bereits auf dem Display seines Handys herum.
„Simon? Hier ist Felix! … Ja, danke! … Ja, deiner Schwester gehts auch gut, bestens sogar. Ja …“ Felix wandte ihr den Rücken zu, sie hörte, wie er tief und schallend lachte.
Wie lange ging das eigentlich schon mit ihrem Mann und seiner Kollegin? Die Vertraulichkeit, mit der Felix mit diesem Typ sprach, erinnerte sie an die Herzlichkeit unter Schwägern.
„… kannst du Diva zurückbringen? Meine Frau steht vor mir … ja, genau, sie ist etwas früher zurückgekommen von ihrer Schreiberling-Tagung“, er warf ihr über die Schulter ein leicht ertappt wirkendes Lächeln zu, „… und sie möchte den Hund sehen ... Ja. Pack sie in den Wagen und fahr los. … Was? … Nein, lieber sofort. … Nein, wirklich. Es muss sofort sein. … Noch nicht. Du, lass uns darüber später reden, ja? ... Komm einfach mit dem Hund zur Halle, du weißt ja, wo wir sind. Danke!“ Mit diesen Worten beendete Felix sein Telefonat und atmete tief durch. „Zwei Stunden, dann ist er hier.“
„Ach, Felix, du bist ein Schatz“, säuselte Catrin und spürte, wie sie sich beruhigte. Sobald sie Diva zurückhatte, würde sie sich in den Wagen setzen und verschwinden. Mit Felix’ Schlüsselbund. Sollte er doch zusehen, wie er ins Haus kam, das ja immerhin zur Hälfte auch ihr gehörte.
„Komm“, sagte sie und straffte die Schultern. „Lass uns wieder reingehen und feiern.“
Dankbar griff sie nach dem ersten Glas Bier, das man ihr anbot, und reichte es sofort an ihren Mann weiter. „Ex und hopp! Das hast du dir verdient!“
Es war wichtig, dass er in zwei Stunden so abgefüllt war, wie nie zuvor in seinem Leben.
Kapitel 7
„Bist du sicher, dass du nicht einfach hier übernachten willst?“ Laura machte eine ausladende Handbewegung, als wolle sie Wolf das Haus zu Füßen legen. „Dies ist immerhin seit heute dein offizieller Erstwohnsitz. Es ist doch noch früh. Bring in die Hütte, was du unbedingt dort haben willst, dann komm zurück.“
„Ich weiß, du meinst das lieb, Laura! Aber danke, nein.“ Wolf beugte sich vor und gab seiner Schwägerin einen Kuss auf die Wange. „Es zieht mich heim.“
„Was du so als Heim bezeichnest.“ Laura schüttelte den Kopf, ihre blonden Locken hüpften. Dann winkte sie, ging zurück ins Haus und schloss die Tür.
Ein Klopfen an einem der Fenster ließ Wolf aufschauen. Ben stand im hell erleuchteten und leergeräumten Büro ihres Vaters und winkte einladend.
Kopfschüttelnd und lachend ging Wolf zu seinem Landrover und stieg ein. Ben würde nicht aufgeben, das wusste er. Es war allerdings schön zu spüren, wie gerne sein Bruder ihn um sich hatte. Es gab nicht viele Menschen, von denen er Ähnliches behaupten konnte, die meisten gingen ihm geflissentlich aus dem Weg. Wer wollte schon mit einem Eigenbrötler wie ihm befreundet sein?
Na gut, so ziemlich jede Frau, die ihm über den Weg lief, aber das war inzwischen nicht nur langweilig, sondern nervtötend geworden. Vielleicht war das auch der Grund, warum er die Stunden mit dieser Catrin so genossen hatte. Wenn sie eins nicht in ihm gesehen hatte, dann einen potentiellen Versorger. Was für eine Wohltat.
Er durfte gar nicht daran denken, was los sein würde, wenn sich herumsprach, dass Dr. Wolf Ränger wieder zu haben war. Dann würde es aus Hamburg, wo er kein unbeschriebenes Blatt war, Einladungen hageln zu Partys, Ausstellungen, Benefizveranstaltungen und zahllosen banalen sozialen Events, die ihn schon immer abgestoßen hatten.
Die Fahrt zur Hütte dauerte nur wenige Minuten. Ihr Großvater hatte das Blockhaus gebaut und als Jagdhütte für sein systematisch durch Ankauf von Wald wachsendes Revier genutzt. Und Wolfs Vater war schon als sehr junger Mann klug genug gewesen, das kleine Gebäude in seiner Nutzung als Wochenenddomizil amtlich genehmigen zu lassen. Undenkbar, dass so etwas heute noch gelingen konnte.
Von außen nicht zu erkennen, war das Innere des etwa dreißig Quadratmeter großen Kleinods ein wahres Wunder an Raumnutzung. Und das Grundstück war riesig. Er würde seinen Großeltern und Eltern ewig dankbar sein, dass sie stets nur Wald dazugekauft und nie etwas von diesem wunderbaren Gebiet wieder verkauft hatten.
Wann immer er Zeit hatte – und davon würde er nun mehr als genug haben –, dann wanderte er die Grenzen seines Reiches ab und kontrollierte die von ihm an allen Zugangswegen angebrachten Hinweise auf Privatbesitz und darauf, dass die Jagd auf seinem Grund und Boden nicht gestattet war. Ob das den Grünberockten gefiel oder nicht.
Na gut, er konnte nicht verhindern, dass er als Besitzer von so viel Wald automatisch Mitglied einer Jagdgenossenschaft geworden war, aber Dank EU konnte er nun durchaus seine ethischen Überzeugungen durchsetzen. Mussten seine Genossen halt warten, bis ein Tier, das sie erlegen wollten, diesen Teil des Waldes freiwillig wieder verließ. In besonders schwerwiegenden Fällen konnten sie ihn ja jetzt anrufen. Er wusste schließlich, wie man einen Gnadenschuss setzte. Er kannte aber auch den Weg zur nahegelegenen Tierklinik, wo sein Freund Moritz alles für die verletzten Wildtiere tat, die er ihm brachte.
Die Zufahrt zur Hütte war kaum zu erkennen, und wer nicht genau wusste, wo er in den Wald einbiegen musste, der würde sie nie finden.
Nach wenigen Metern war die helle, sonnenbeschienene Weide hinter ihm bereits nicht mehr zu sehen und das gedämpfte grüne Licht des Mischwaldes ließ ihn tief ausatmen. Mein Gott, war das hier schön!
Er zog die Handbremse an und den Schlüssel aus dem Zündschloss. Augenblicklich umgab ihn absolute Stille. Sie würde so lange anhalten, bis die unsichtbaren Beobachter, die in Baumkronen, hinter Büschen und Stämmen nun den Atem anhielten, sich an seine Anwesenheit gewöhnt hatten.
Das leise Plätschern der Quelle, die sich in einen kleinen aber erstaunlich tiefen Teich hinter der Hütte ergoss, ließ das Wasser in Wolfs Mund zusammenlaufen. Es ging nichts über quellengekühltes Bier.
Wolf schloss die Tür zum Blockhaus auf und entriegelte sofort die beiden Fenster, die zur Vorderseite hinausgingen. Mückennetzgefiltertes Waldlicht flutete die winzige Küchenecke und den Wohnraum.
Nachdem er die Leiter zur Empore hochgeklettert war, wo sich sein Bett befand, und dort ebenfalls das Fenster geöffnet hatte, das den Blick nach hinten freigab, stieg er wieder hinunter und ging erst einmal in das kleine fensterlose Bad.
Strom konnte er mit einem Generator erzeugen, aber den warf Wolf nur an, wenn es gar nicht anders ging. Gekocht und geheizt wurde mit Holz und die Wasserversorgung über grüne Plastiktonnen, die den Regen auffingen, war ausgesprochen ausgetüftelt. Ein Rohrsystem leitete die Abwässer in eine Sickergrube, die bereits sein Vater vergrößert hatte. Jedes Mal, wenn Wolf die Klospülung betätigte, war er ihm dafür dankbar.
Essen würde er heute wohl nichts mehr, Laura hatte ihn mit ihrem üppigen Mittagsmahl tatsächlich sattbekommen. Vielleicht noch ein Butterbrot heute Abend, das wars dann auch. Es sprach aber nichts dagegen, sich mit einem kalten Bier nach draußen in den Schatten zu setzen und ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Er konnte weiß Gott Ruhe gebrauchen.
Auch wenn er eigentlich wusste, dass es eine blöde Idee war, online zu gehen, so juckte es ihn dennoch in den Fingern, mal eben nachzusehen, welche Neuigkeiten es in seinem anderen, virtuellen Revier gab. Nur ganz kurz.
Noch während er mit zwei tropfnassen kalten Flaschen in der einen Hand zur Hütte zurücklief, wählte sich Wolf mit der anderen über sein iPhone in Facebook ein. Er hatte sich in den letzten Tagen dort bewusst rargemacht und längst nicht mehr auf jeden Post reagiert. Die Abwicklung der Scheidung und der Ausstieg aus der Kanzlei hatten ihm alles abverlangt.
Wie immer in solchen Augenblicken, wenn er mental erschöpft war, fiel die tiefe Trauer um seinen Hund wieder über ihn her. Nach so vielen Jahren musste das doch eigentlich irgendwann aufhören, oder? Altersschwäche hin oder her – eine Seele zu verlieren, mit der man über so viele Jahre intensiv verbunden gewesen war, konnte Schmerzen bereiten, die er seinen ärgsten Feinden nicht gönnte – und davon hatte er mehr als genug. Er hätte nie geglaubt, wie lange die Trauer um Blue ihn im Griff haben würde.
Die erste Flasche Bier leerte Wolf nahezu in einem Zug, dann öffnete er die Zweite.
Die Verbindung übers Handy ins Internet war langsam und instabil. Sie funktionierte überhaupt nur, weil der kleine Ort, der östlich von seinem Wald lag, über einen eigenen Handymast verfügte – schön weit weg von den letzten Behausungen und ziemlich nah an seiner Grenze – ein Segen für ihn.
Oder doch nicht?
Wolf spürte, wie sich etwas in ihm verkrampfte, während er darauf wartete, bis das Netzwerk alle Nachrichten in seinem Account aktualisierte. Über fünfhundert. Verflucht, hörte das denn nie auf? Er hatte gerade die Flasche an den Mund geführt, da sprang auch schon ein Chat-Fenster auf.
Endlich, Rock! Ich dachte, du würdest überhaupt nicht mehr online gehen, Mensch! Wir brauchen deine Hilfe bei einer Petition!
Wolf kannte die Absenderin nicht, aber wie hätte er auch mehr als 5.000 Abonnenten seiner Seite und weiß Gott wie viele aus all den Gruppen, in denen er war, auseinanderhalten sollen? Vermutlich wollte sie ihn bitten, mal eben dafür zu sorgen, dass der Walfang weltweit unterbunden wurde. Oder, dass die Menschheit aufhörte, Fleisch zu essen. Oder, dass er das Verspeisen von Hunden in irgendeinem asiatischen Land unterbinden half. Oder, oder, oder …
Wolf klickte die Nachricht weg und ging sofort wieder offline. Schweiß hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Verdammt! Was war nur mit ihm los?
Kapitel 8
Inzwischen waren bereits drei Stunden vergangen. Es war schon nach zwei und Sabrinas ominöser Bruder war noch immer nicht mit Diva am Schützenplatz aufgetaucht. Zwischenzeitlich hatte sich die Festhalle mal geleert, nun strömten wieder Gäste hinein.
Catrin warf einen unruhigen Blick auf ihre Uhr. Wo blieb der Typ bloß? Wenn sie noch lange hier sitzen musste, zwischen Felix und einem seiner Obersten, dann würde sie durchdrehen.
„Ruf ihn noch mal an“, bat sie Felix zum wiederholten Mal, aber sie hatte ihn so abgefüllt, dass er nun beinahe schon schielte, als er sie verständnislos ansah. Wie er noch den Schützenball am Abend schaffen wollte, war ihr ein Rätsel.
Sabrina allerdings schien dagegen geradezu nüchtern. Sie schwankte zwar ein wenig, als sie einen großen Becher tiefschwarzen Kaffee vor Felix abstellte, aber außer Catrin bemerkte das vermutlich niemand.
„Trink den!“, befahl Sabrina grinsend und Felix gehorchte, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Wenn dein Bruder nicht bald hier auftaucht, dann gehe ich nach Hause und ziehe mich um!“ Catrin musste gegen die wieder einsetzende Musik anschreien.



