ROCK IM WALD - Ein Norbert-Roman

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Kaum hatte sie ihre Drohung ausgesprochen, kramte Sabrina bereits in ihrem Handtäschchen. Sie wählte die Nummer ihres Bruders und wartete. Dann runzelte sie die Stirn.
„Wer ist da?!“, rief sie.
Catrin, die aufgestanden war, um sich ein wenig die Beine zu vertreten, blieb stehen und sah Sabrina an. Irgendwie klang sie alarmiert.
„Ist was passiert?“, fragte sie und spürte plötzlich einen Kloß im Hals.
„Was?!“, schrie Sabrina ins Telefon, ohne Catrin zu beachten. „Wo?!“
Catrins Hand schoss vor, ihre Finger krallten sich in Sabrinas Arm. „Gib mal her!“, rief sie.
Sabrina reichte ihr, willenlos wie jemand, der die Kontrolle über seine Körperfunktionen verloren hatte, das Handy.
„Hier spricht Catrin Stechler, die …“, sie kam gar nicht dazu, weiterzureden, die Stimme am anderen Ende der Leitung hatte ihren Redefluss gar nicht unterbrochen. Sie war wirklich kaum zu verstehen in dem Lärm, der nun wieder in der Halle herrschte.
„… in der Nähe der Sorpe, dort wo sie in die Lenne fließt. Der Fahrer war sofort tot. Wenn Sie eine Angehörige sind, müssen wir Sie bitten, herzukommen.“
„Was ist mit dem Hund?“, fragte Catrin laut und setzte sich. Sie hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand die Beine weggezogen.
„Welcher Hund?“
„Der … Simon hatte einen Hund im Wagen, eine trächtige Hündin namens Diva. Was ist mit ihr?“
Offensichtlich hielt der Mann am anderen Ende der Leitung den Hörer zur Seite, sie hörte, wie er jemandem etwas zurief: „Hat einer von euch was von einem Hund gesehen?“
Eine Stimme, die sehr dünn und weit entfernt klang, antwortete. „Da war ein Hund an Bord? Ah, das erklärt den Hundekorb. Nee, kein Hund weit und breit. Ist offensichtlich abgehauen.“
Catrin versuchte, sich zusammenzureißen. Nicht nur konnte sie den Mann kaum verstehen. Sie hatte auch keine Ahnung, was sie tun sollte. Hilfesuchend sah sie auf. Sabrina stand immer noch völlig apathisch neben ihr und starrte ins Leere. Felix hatte bisher von alledem nichts mitbekommen. Catrin sah, wie er mit jemandem sprach und dann laut lachte, so, als wäre die Welt noch völlig in Ordnung. Dabei war gerade ein weiteres Teil davon in tausend Stücke zersprungen. Diva hatte einen Unfall miterlebt und war unauffindbar. O mein Gott!
„Können Sie mir die GPS-Daten senden?!“, rief Catrin in das Handy. „Aber nicht an diese Nummer, der Akku ist leer und wir haben keine Möglichkeit, ihn aufzuladen. Schicken Sie die Daten bitte an eine andere Nummer. Haben Sie was zu schreiben?“ Catrin sprach so laut sie konnte und wunderte sich, dass sie überhaupt noch in der Lage war, klar zu denken.
„Schießen Sie los!“
Sie nannte ihre eigene Handynummer. Dann hatte sie eine Idee. „Ist Blut im Wagen?“
Ihr Gesprächspartner schwieg für einen Moment, dann sagte er langsam, als wäre sie begriffsstutzig: „Junge Frau, haben Sie nicht hingehört? Der Fahrer ist tot. Er hat den Wagen um einen Baum gewickelt, es gibt kaum eine Stelle im Auto ohne Blut.“ Der Fremde stutzte. „Wer genau waren Sie noch mal?“
„Die Schwägerin“, log Catrin. Dann nahm sie allen Mut zusammen. Ob Diva verletzt war, ließ sich ja offenbar nicht klären, aber es gab eine Menge Dinge, die jetzt getan werden konnten, um die Hündin so schnell wie möglich zu finden. Simon war ja eh nicht mehr zu helfen.
„Sobald Sie mir die GPS-Daten des Unfallortes zugeschickt haben, sende ich Ihnen ein Foto der Hündin!“, brüllte sie. Sie zögerte. „Wir haben Simon bei diesem tragischen Unfall verloren, ich bin sicher, dass seine Schwester den Verlust des Hundes nicht auch noch verkraften kann. Bitte senden Sie das Foto an Ihre Kollegen und bitten Sie sie, nach dem Tier Ausschau zu halten. Wir fahren jetzt los!“
„In Ordnung. Die SMS an Sie ist raus. Bis gleich. Wir sind sicher noch eine Weile hier. Wie lange brauchen Sie?“
„Keine Ahnung. Ich hoffe, mein Navi findet das.“ Catrin brachte kaum noch genug Kraft auf, um gegen die widerlich gute Laune im Saal anzubrüllen und dem Mann zu antworten. In diesem Moment spürte sie das Vibrieren ihres eigenen Handys in ihrer Hosentasche. Gut, nun hatte sie alles, was sie brauchte. Mit einem raschen „Bis gleich!“ legte sie auf, dann reichte sie Sabrina das Telefon zurück.
„Komm, wir fahren sofort los“, sagte sie.
„Wohin?“, fragte Sabrina und sah sie an, als wäre sie nicht ganz bei Trost.
„Zu dem Ort, an dem gerade dein Bruder gestorben ist. Und wo mein Hund abgehauen ist.“
„Was geht mich dein Hund an?“ Sabrinas Blick war irgendwie seltsam, aber vielleicht war sie auch einfach nur zu betrunken, um schnell genug zu denken.
„Sabrina, nun mach hin! Simon hatte einen Unfall, wir müssen los!“
„Ich kann hier nicht weg“, sagte Sabrina und sah auf die im Takt zur Musik hin und her wogende Menge im Saal. „Ich kann doch Felix nicht im Stich lassen!“
Catrin folgte ihrem Blick und sah, wie Felix ihnen beiden jovial zuwinkte.
„Wirklich, Catrin, ich kann jetzt nicht.“
„Dann fahr zur Hölle“, sagte Catrin, drehte sich um und rannte los.
Noch auf dem Weg aus der Festhalle rief sie auf ihrem iPhone Facebook auf. Das langsame ländliche Netz ließ sie frustriert aufstöhnen. Erst, als sie ihren Wagen erreicht hatte, konnte sie auf ihren Account zugreifen.
Als Autorin Candrine Cook hatte sie ein sehr großes Netzwerk, darin auch jede Menge Tierschützer. Die würden genau wissen, wie sie mit dem, was sie jetzt posten würde, umzugehen hatten. Bessere und effektivere Hilfe würde sie nirgends finden als in ihrem sozialen Netzwerk.
Schnell lud sie ein Foto von Diva hoch.
„Achtung Sauerland! Meine Hündin Diva ist nach einem schweren Unfall entlaufen, an der Suppe. Achtung, Diva ist trächtig und könnte verletzt sein, bitte bei Sichtung sofort PN an mich. Sie ist gechippt und registriert. Die Tierfreunde in meiner Liste wissen, was zu tun ist – Teilt, Leute, teilt!!! Danke! Eure Candrine“
Sie las die Nachricht noch einmal.
Scheiß Autokorrektur, ehrlich, dachte sie. Sie korrigierte Suppe in Sorpe und stellte den Hilferuf ins Netz.
Es gab in ihrem Netzwerk ungezählte Tierschützer, seit sie mal eine Kurzgeschichte über die Rettung eines Schweins geschrieben hatte, das aus einem Schlachthof entlief und sein Leben fortan in einer Bauernhof-Idylle bei guten Menschen weiterführen durfte.
In diesem Moment war es ihr egal, ob sich nicht nur die gemäßigten, sondern auch die militanten Tierschützer in die Suche einklinkten. Davon gab es dort draußen mehr als genug, jedenfalls machte es den Eindruck. Und jede Gruppe hatte ihren eigenen Halbgott, den sie verehrte. Meist ein Kerl, der kein Blatt vor den Mund nahm. Wie hieß dieser eine Typ, den Tausende wie einen Star verehrten? Irgendwas mit Rock. Rock Hudson? Naja, so ähnlich jedenfalls.
Dass ich einmal Leute wie den um Hilfe bitte, dachte Catrin resigniert. Aber ihretwegen durften sich nun auch Batman und Robin in die Suche einschalten, wenn es Diva half. Sie betete, dass es einen dieser nebulösen Tierschutzhelden wirklich gab, von denen sie so viel hörte, denn ganz sicher war sie sich nicht. Im Internet konnte sich schließlich jeder Hans-Wurst mit einer künstlichen Identität so aufblähen, dass man ihm die Rettung der Welt zutraute. Na gut, sie als Autorin bediente sich auch gerne eines starken Protagonisten, der die Frauenherzen höher schlagen ließ, aber genau deshalb war sie ja so skeptisch, denn eines hatte sie das Leben gelehrt: Helden gab es nur auf dem Papier.
Catrin war inzwischen so verzweifelt, dass sie sich fast wünschte, dieser Rock Hudson und seine Groupies würden Diva so schnell wie möglich zu ihrer eigenen Sache machen. Es ging schließlich um das Leben ihrer Hündin und deren Babys, da musste sie ihre eigenen Befindlichkeiten einfach mal zurückstecken. Selbst wenn sie eine Gänsehaut bekam, sobald sie nur an das Großmaul dachte, dessen Postings irgendeiner ihrer Fans immer wieder teilte und damit auch über ihre eigene Timeline trieb.
„Arrrgghh!“ Sie schüttelte sich. Dann tippte sie schnell eine zweite SMS und drückte auf Senden.
Kapitel 9
Es war ein Tag wie jeder andere, fand Norbert. Ein wenig stickiger vielleicht, weil es so schwül war, aber ansonsten wie immer. Die Welt war in Ordnung, alle Menschen, an denen sein Herz hing, saßen draußen auf seiner Terrasse und ließen die Seele baumeln. Alle, außer seiner Nachbarin Ulrike, die noch mit ihren Hunden und Nobbi unterwegs war. Seiner Ansicht nach war es wirklich nicht nötig gewesen, dass sie eine volle Runde drehte, die Hunde waren nämlich genauso träge wie er und die anderen, und wenn einer hätte pinkeln wollen, dann war der Garten dafür ja wohl groß genug. Aber was regte er sich auf? Wenn sich Ulrike mit ihrer unerschöpflichen Energie entschied, eine Runde durch die Felder zu gehen, dann war das eben so. Ihre neue Hündin brauchte auch noch etwas Training. Karla gehorchte zwar inzwischen ganz gut, aber es kam doch immer wieder vor, dass sie plötzlich am Zaun stand und nach ihrem besten Kumpel bellte, während Ulrike noch mit dem kurzbeinigen Dackel Friedrich unterwegs war.
Norbert schloss die Augen. Was ging es ihm gut! Claudia hatte sich bestens erholt, wenngleich sie noch immer nicht zu ihrer alten Form zurückgefunden hatte. Nun, das würde sich vielleicht auch nicht mehr ändern. Die Verletzungen, die sie sich in Thailand zugezogen hatte, waren ja auch nicht gerade harmlos gewesen. Und sie war ja keine zwanzig mehr. Im Gegenteil. Er und Claudia gingen, wie Jürgen nicht müde wurde hervorzuheben, auf die Sechzig zu. Und Jürgen auf die Siebzig, wie Gaby ihrem Mann gerne unter die Nase rieb, wenn er mit dem Thema anfing.
Wenn Jürgen wenigstens ein anständiges Hobby hätte, dachte Norbert. Dann würde ihm der Ruhestand nicht so zu schaffen machen. Wie Papa ante Portas ging er ihnen allen auf die Nerven, es sei denn, er konnte sich mit seinen Kumpels treffen und auf unschuldige Tiere schießen. Nach wie vor gab es nichts in Jürgens Leben, was ihn in bessere Stimmung versetzte als ein schönes Jagdwochenende. Norbert hatte längst aufgehört, mit seinem besten Freund darüber zu streiten, wie pervers das war.
Das Quietschen des Gartentörchens, das Jürgens großes Grundstück von Norberts trennte, ließ Norbert seufzen. Jetzt war es mit der Ruhe vorbei.
Er öffnete die Augen und schirmte sie mit der Hand gegen die Mittagssonne ab, die gerade mal wieder zwischen zwei Wolken hervorlugte und ihn blendete, während er Jürgen entgegensah.
Oh oh, sein Freund war gar nicht gut gelaunt. Der energische Schritt, mit dem er die Rasenfläche überquerte, versprach nichts Gutes. Und dass Jürgen sich nicht einmal umgezogen hatte, sondern immer noch dieselben Sachen trug, in denen er heute Nacht auf Jagd gewesen war, auch nicht.
„Mein Gott, jetzt mach doch nicht so ein Gesicht!“ Gaby, Jürgens hübsche Frau, schüttelte den Kopf und sah ihren Mann strafend an, als dieser sich mit einem unterdrückten Fluch auf den freien Gartenstuhl fallen ließ.
„Was denn?“, schoss Jürgen frustriert zurück. „Wir mussten abbrechen. Der angefahrene Eber ist in dem Wald dieses Spinners untergetaucht.“
„Gott sei Dank“, sagte Claudia leise, aber Norbert warf ihr einen warnenden Blick zu. Wenn Jürgen eins nicht vertragen konnte, dann Diskussionen über den Sinn und Unsinn seiner einzigen Leidenschaft.
„Komm, beruhige dich“, sagte er und drückte Jürgen ein kaltes Bier in die Hand. „Prost!“
„Prost!“, knurrte Jürgen, dann leerte er die Flasche in einem Zug.
„Norbert? War das dein Handy?“, fragte Ulrike, die gerade mit den Hunden reinkam. „Im Flur hat irgendwas gepiepst.“
„Wirklich?“ Norbert stand auf. Er machte sofort einen Schritt zur Seite, als der Dackel und Karla bellend an ihm vorbei und in den weitläufigen Garten stürmten. Wo war denn sein Hund?
Was für eine Frage, dachte er und ging in den Flur. Er schnappte sich das Handy von der Kommode. Es leuchtete von dem Empfang der SMS noch einmal kurz auf, dann verabschiedete es sich in den Ruhezustand.
Kopfschüttelnd betrat Norbert die Küche.
Wenn Nobbi eines nicht leiden konnte, dann Ritualbrüche, dachte er, als er seinen und Claudias Pointer-Mix vor dem Küchenschrank liegen sah. Die schweigsame Beharrlichkeit, mit der der kluge Hund kommunizierte, konnte ihm das Herz brechen. Die anderen Hunde tobten längst durch den Garten, Nobbi jedoch lag vor dem Schrank und wartete. Nein, Norbert würde nicht riskieren, den stummen Appell seines Vierbeiners zu ignorieren. Nobbi wusste schließlich genau, was er wollte, und er teilte ihm dies gerade auf sehr hohem Niveau mit. Norbert war inzwischen fest davon überzeugt, dass er der Blöde war und nicht sein Hund. Wenn es irgendwelche Verständigungsprobleme zwischen ihm und Nobbi gab, dann ganz sicher nicht, weil der Hund sich unklar ausdrückte. Nein, er, Norbert, war derjenige, der hier Defizite aufwies. Wie die meisten Zweibeiner.
„Okay, okay, ich habs ja kapiert!“, sagte er und öffnete die Schranktür, während Nobbi zufrieden wedelte.
„Widerlich!“, sagte Norbert und atmete durch die Nase, als er mit spitzen Fingern ein paar Ochsenziemer aus einer Tüte fummelte und einen an seinen Hund weiterreichte. Daran würde er sich nie gewöhnen. Wirklich nie.
„Zufrieden?“, fragte er angewidert.
Kommentarlos aber mit einem Blick, der Bände sprach, zog sich Nobbi mit seiner Beute in einen stillen Winkel des Hauses zurück.
Norbert lauschte. Nein, das Klackern von Pfoten ging nicht die Treppe hinauf, sondern ins Wohnzimmer. Gut so. Dass Ochsenziemer und dergleichen Obszönitäten nicht unter Kopfkissen vergraben wurden, hatte Nobbi also scheinbar nun endgültig begriffen.
Norbert drückte Ulrike, die ihm in die Küche gefolgt war, die übrigen Ochsenziemer in die Hand, und während sie damit nach draußen verschwand, widmete er sich der Nachricht, die er erhalten hatte.
Nanu? Catrin? Das war ungewöhnlich. Hatte sie Fragen zum nächsten Vertrag? Nein, das konnte eigentlich nicht sein. Sie hatten erst letzte Woche telefoniert und da war alles in Ordnung gewesen. Von all den Autorinnen und Autoren, die Norbert als Literaturagent vertrat, war Catrin nicht nur eine der Erfolgreichsten, sondern sicher auch eine der Genügsamsten. Und Sympathischsten. Sonst würde sie ja inzwischen nicht quasi zur Familie gehören.
Aufmerksam las er ihre kurze Mitteilung, dann tippte er eilig seine Antwort. Nachdem er sie abgeschickt hatte, atmete er tief durch und ging ins Wohnzimmer.
„Friss schneller, Nobbi, wir müssen noch mal raus“, sagte er und wunderte sich nicht, als sein Hund für einen Moment mit dem Kauen innehielt und ihn aufmerksam ansah. Die Art, wie eine seiner Augenbrauen dabei in die Höhe wanderte, ließ Norbert grinsen. „Richtig“, sagte er. „Ernstfall. Und wie.“
„Jürgen?“ Norbert betrat nur kurz die Terrasse.
„Was ist?“, knurrte dieser.
„Stell das Bier weg, ich brauche deine Hilfe!“ Eilig ging er zurück in den Flur und schnappte sich den Autoschlüssel.
„Was ist denn los?“, rief Claudia erschrocken von draußen.
„Catrins Hund wurde in einen Unfall verwickelt und ist abgehauen. Irgendwo an der Sorpe“, rief er zurück.
„O mein Gott!“ Claudia stand plötzlich hinter ihm und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Ist sie verletzt?“
„Der Fahrer ist tot, Diva ist verschwunden.“
„Scheiße!“, knurrte Jürgen draußen und hievte sich schwerfällig aus dem Gartenstuhl. „Ich geh nur eben rüber und hol mein Gewehr“, sagte er und wollte sich auf den Weg zu seinem Haus machen, da sprang Gaby auf.
„Das kommt nicht infrage, Jürgen!“, herrschte sie ihn an. „Du hast schon getrunken, du rührst das Ding heute nicht mehr an.“
„Was?“, fragte er verblüfft.
„Du hast mich genau verstanden“, beharrte Gaby. „Das Gewehr bleibt hier.“
„Willst du Diva erschießen, wenn ihr sie findet?“, mischte sich Ulrike ein.
„Nein, aber …“
„Kein Aber, Herr Schulte!“ Gaby funkelte ihren Mann wütend an. „Berührst du in deinem Zustand heute noch eine Waffe, dann lernst du mich kennen!“
„Ruuuuhe!“, knurrte Ulrikes Mann Herbert gedehnt, der in aller Seelenruhe am Grill stand und wartete, dass die Holzkohle ihre Temperatur erreichte.
Norbert war Claudia wieder nach draußen gefolgt. Er musste trotz des Schrecks über Divas Entlaufen grinsen. Herbert mischte sich immer nur dann ein, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen drohte. Kaum jemand aus ihrer kleinen Gruppe konnte allerdings Jürgen so gut ausbremsen wie er.
„Ehrlich, Weiber!“, brummte Jürgen und gab sich geschlagen.
„Seht lieber zu, dass ihr Diva findet, ehe der Sturm losgeht“, sagte Gaby und setzte sich wieder.
„Was denn für ein Sturm?“ Norbert sah irritiert zum Himmel. Na gut, es war drückend schwül und es braute sich offensichtlich ein Gewitter zusammen, aber das musste ja nicht gleich Sturm bedeuten.
„Eine meckernde Alte und ein Großstädter, der immer noch nicht weiß, wann es kracht und wann nicht“, moserte Jürgen und stopfte sich das durchgeschwitzte Hemd in die Hose. „Mir bleibt auch nichts erspart!“
„Vorsicht, mein Lieber!“ Gaby hob warnend einen Finger.
Norbert bückte sich und gab Claudia, die sich wieder hingesetzt hatte, einen Kuss. „Tut mir leid“, sagte er leise.
„Quatsch! Geh und hilf Catrin. Aber halte mich auf dem Laufenden.“ Sie warf einen besorgten Blick zum Himmel. „Und pass auf Nobbi auf. Du weißt, dass er sich bei Gewitter am liebsten irgendwo verkriecht. Lass ihn nicht von der Leine, sonst sucht ihr nachher zwei Hunde.“
„Keine Sorge“, sagte Norbert und warf einen Blick zur Terrassentür, in der nun auch sein Hund erschienen war. Wedelnd und den Ochsenziemer fest zwischen den Zähnen, schien er geradezu darauf zu warten, dass es losging.
Wenn hier jemand auf den anderen aufpasst, dann wohl eher du auf mich als umgekehrt, dachte Norbert trocken.
Kapitel 10
Laura saß auf dem Liegestuhl neben ihm und las. Mal wieder.
Ein beinahe seliges Lächeln lag auf ihren Zügen. Sie war in eine Geschichte eingetaucht, in der Heckeschneiden und Rasenmähen kein Thema waren. Und er sowieso nicht.
Ben sah auf die Uhr. Gleich halb vier. Die Mittagsruhe war vorbei, wer jetzt noch im Bett lag und versuchte, zu schlafen, der hatte es nicht anders verdient. Laura und er hatten sich diese Woche freigenommen, aber trotzdem war das heute für die meisten Menschen ein ganz normaler Montag. Sah man mal von ein paar der kleineren Dörfer ringsum ab, die gerade in den letzten Zuckungen ihrer Schützenfeste lagen.
Hier bei ihnen hatten sie es seit zwei Wochen hinter sich. Gott sei Dank. Ihr unmittelbarer Nachbar war Schützenkönig geworden, was für ein Spektakel! Beinahe zwei Tage hatte Ben gebraucht, um sich von dem Kater zu erholen. Und er war ans Haus gefesselt gewesen. Im Gegensatz zu anderen setzte er sich nämlich nicht mit Restalkohol hinters Steuer.
Laura nannte das seine spießigen Buchhaltergene, obwohl er doch Architekt war. Aber sie konnte es nennen, wie sie wollte, er würde in dieser Hinsicht ganz bestimmt nicht von seinen Prinzipien abrücken. Nachher fuhr er noch gegen einen Baum, wie dieser arme Teufel, den sie ein paar Kilometer weiter gerade aus seinem völlig zerstörten Wagen kratzten. Stückchenweise, wie ihm sein Nachbar eben noch betroffen erzählt hatte. Nein, so wollte er nicht enden. Dann lieber spießig bleiben, den Wagen auch mal stehen lassen und gesund alt werden.
Laura räkelte sich wohlig auf ihrem Stuhl und blätterte eine Seite um.
Wie sie das hinbekam, ihn völlig auszublenden, sobald sie in einem ihrer Bücher versank, würde ihm ein Rätsel bleiben. Es war ja nicht so, als läse er nicht. Natürlich las er, im Urlaub sogar manchmal einen Krimi oder so, aber er war dabei allzeit ansprechbar und das war auch gut so. Laura hätte ihm den Kopf gewaschen, wenn er erst – wie sie – auf die dritte oder vierte Ansprache reagiert hätte.
Er griff nach seinem Kaffee. Auf dem Tischchen zwischen Lauras Liegestuhl und seinem lagen zwei Bücher, die seine Frau bereits ausgelesen hatte. Auch so Nackenbeißer.
Einmal, da hatte er sich abends etwas mutiger gefühlt als sonst und auch ziemlich gut gelaunt, weil er einen neuen Kunden gewonnen hatte. Laura stand im Bad, ein Tuch um die Hüften geschlungen. Sie sah so begehrenswert aus! Er zog sich das Hemd über den Kopf und näherte sich ihr mit nacktem Oberkörper von hinten. Als sie ihn im Spiegel erblickte, lächelte er und stülpte sich dann so über ihre Schulter, wie die muskelbepackten Wilden auf den Umschlägen ihrer Lektüre.
„Was ist denn mit dir los?“, lachte sie, als er begann, ihren Hals abzuknutschen.
„Das ist die heiße Leidenschaft, die mich gerade von der Klippe stürzen lässt!“
Sie lachte, als sie sich zu ihm umdrehte und ihn küsste.
Es war dann wirklich auch eine tolle Nacht geworden. Sie liebten sich zweimal. Wunderbar, aber auch ein wenig beängstigend. Laura war im Vergleich zu sonst nämlich richtig zügellos gewesen und er wurde den Verdacht nicht los, dass sie in die Rolle einer ihrer Romanheldinnen geschlüpft war. Die Frage war nur: War er so toll gewesen wie der Held? Fragen konnte er sie schlecht, aber er lag die halbe Nacht grübelnd wach.
Im Grunde konnte es ihm doch wurscht sein. Hauptsache, es lief zwischen ihnen noch. Sie waren beide Ende dreißig, da hörte man schließlich die schlimmsten Sachen.
„Und? Worum gehts in dem Buch?“, fragte er unvermittelt und wusste selbst nicht so genau, welcher Teufel ihn ritt. Wenn Laura eins hasste, dann beim Lesen unterbrochen zu werden.
Erwartungsgemäß reagierte sie nicht. Als wäre sie taub. Sie koppelte beim Lesen alle Sinne von der Außenwelt ab, vor allem ihren Hörsinn.
„Ich werde dich heute Abend noch verlassen und nach Indien auswandern.“
Nichts.
„Als ich das letzte Mal beim Finanzamt war, hat mich die Sachbearbeiterin am Hintern berührt.“
Nichts.
„Wolf ist mit Candrine Cook von Hamburg aus im Zug zurückgefahren und findet sie süß.“
„Was?!“
„Ach, das hast du mitbekommen?“
„Wirklich? Mit Candrine Cook?“ Laura zeigte aufgeregt auf ihr Buch.
Er stand auf, als habe er ihre Frage nicht gehört, und reckte sich nonchalant, dann ging er langsam und gelassen vor sich hin pfeifend Richtung Geräteschuppen.
Hinter ihm raschelte es, als seine Frau hastig aufstand und ihre Lektüre achtlos ablegte.
„Moment! Warte doch mal!“
Du bist nicht die Einzige mit einem Schalter im Kopf, dachte er und ignorierte sie. In aller Ruhe öffnete er die Tür des kleinen Schuppens und holte die schwere Heckenschere hervor. Dann ging er an ihr vorbei, zurück Richtung Haus, und steckte den Stecker in die Außensteckdose. Probeweise ließ er die Maschine anlaufen.
„Hey! Ich rede mit dir!“ Laura riss das Kabel mit einem Ruck aus der Wand.
Jetzt konnte er sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. In aller Ruhe legte er die Schere auf den Boden und stemmte die Hände mit gespielter Empörung in die Hüfte. „Was fällt dir ein, Weib?“
„Du lernst dein Weib gleich kennen!“, maulte sie und zog ihn zurück zu den Stühlen, dann setzte sie sich gemütlich hin und forderte ihn mit einer eindeutigen Geste auf, ebenfalls Platz zu nehmen.
„Er findet sie süß?“
Ben nickte, während er sich setzte. „Ja, da bin ich ziemlich sicher. Er hat die ganze Zeit gelächelt, als wir über sie sprachen.“
„O Gott, wie ist sie denn so?“
„Glücklich verheiratet.“
„Nein!“
„Doch.“
„Mist.“
„Ich schätze, das denkt Wolf auch.“
„Sag ihm, er soll sie mal einladen.“
„Hm“, Ben tat so, als müsse er erst darüber nachdenken, ob das wirklich eine so gute Idee war.
„Wo wohnt sie denn?“
„Keine Ahnung.“ Er versuchte, sich an die Adresse auf der Visitenkarte zu erinnern. „Doch, Moment, irgendwo hier in der Nähe, glaube ich.“
„Was? Candrine Cook wohnt im Sauerland und ich weiß das nicht?!“ Laura war fassungslos. „Ist das eigentlich ihr richtiger Name?“, fragte sie neugierig,



