Der deutsche Wortschatz

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Auch hinsichtlich der Bedeutungsbeschreibung von Wörtern ist die historische Komponente von Interesse, die hier aus oben genannten Gründen weitgehend ausgeklammert werden muss. Grundsätzlich ist aber auch hier den Verfassern der Thesen des Prager Linguistenkreises zuzustimmen (Scharnhorst und Ising, 1976, S. 48):
Zwischen der synchronischen und der diachronischen Methode dürfen keine unüberwindlichen Schranken aufgerichtet werden. […] die synchrone Beschreibung [kann] den Begriff der Entwicklung nicht mehr völlig ausschließen, weil selbst in einem synchronisch betrachteten Ausschnitt immer das Bewußtsein von einem im Schwinden begriffenen Stadium, von einem gegenwärtigen Stadium und einem sich herausbildenden Stadium vorhanden ist. LexikologieTeildisziplinen
1.5 Angelagerte Disziplinen zur Lexikologie Lexikologie;angelagerte Disziplinen
Komplexe Wörter und feste Wendungen gehören zwar zum Wortschatz und sind auch im mentalen Lexikon gespeichert. Ihre wissenschaftliche Beschreibung hat sich in den letzten Jahren jedoch mehr und mehr aus der Lexikologie heraus gelöst und erfolgt in eigenständigen sprachwissenschaftlichen Disziplinen.
Die Phraseologie beschäftigt sich mit den festen Wortgruppen, also mit Wortgruppen, die wie Einzelwörter im Langzeitgedächtnis (im mentalen Lexikon) gespeichert sind, sich jedoch in verschiedener Hinsicht von den Wörtern und den freien Wortgruppen unterscheiden. Während früher die Phraseologismen als Ausnahmen, als etwas, was keinen Regeln folgt, betrachtet wurden, hat sich das in jüngerer Zeit geändert. Zum anderen wurde auch der Gegenstandsbereich der Phraseologie auf die Kollokationen (usuelle Wortverknüpfungen) ausgedehnt.
Die Wortbildung befasst sich mit der Bildung und Strukturierung der komplexen Wörter. Sie untersucht die Wortbausteine und die Regeln ihrer Zusammenfügung. Sie kann auch als Wortsyntax bezeichnet werden und hat eine enge Verbindung zur Satzsyntax. So treten wie bei den Phrasen, den Grundbausteinen des Satzes, auch in komplexen Wörtern Kopfkonstituenten auf, die den kategorialen Charakter bestimmen. Wenn wir aus dem Satz (1.6) die Präpositionalphrase beim Drittligisten Unterhaching diesbezüglich betrachten, so ist beim der Kopf der Phrase, Phrasenkopfder den Kasus der folgenden Nominalphrase festlegt. Haching ist der Kopf des komplexen Wortes Unterhaching, der den substantivischen Status festlegt. Andererseits gibt es aber auch deutliche Unterschiede zwischen Wort- und Satzgrammatik. In unserem gewählten Beispiel betrifft das die Stellung der Kopfkonstituente. Der Kopf im komplexen deutschen Wort steht in der Regel rechts, für die deutschen Satzphrasen kann eine solche generelle Aussage nicht getroffen werden.
(1.6) Der in der Bundesliga bislang so enttäuschende Vizemeister setzte sich im Pokal-Viertelfinale beim Drittligisten Unterhaching durch. (Spiegel.Online, 06.01.2003)Die Lexikografie ist eine Disziplin, die mit der Lexikologie eng verbunden ist, weil sie ihre Ergebnisse zum Teil aufnimmt und zum anderen auch an der Wiege ihrer Entwicklung gestanden hat. Im engeren Sinne bezeichnet Lexikografie das Erstellen von Wörterbüchern und im weiteren Sinne die Theorie und Praxis der Wörterbuchforschung; Letzteres wird als Metalexikografie Metalexikografiebezeichnet. (Vgl. Herbst und Klotz, 2003)
Die Morphologie wird in der Linguistik unterschiedlich eingeordnet. Der Terminus Morphologie wird auch mehrdeutig verwendet, zum einen als Synonym zu Wortbildung und zum anderen als Teilgebiet der Grammatik im engeren Sinne, welches die grammatischen Wortformen Morphologiebeschreibt. Bei Eisenberg (2013)Eisenberg, P. ist die Morphologie neben der Phonologie und Orthografie Teil der „Wortgrammatik“. Es ist sinnvoll, zwischen Flexionsmorphologie und Wortbildungsmorphologie zu unterscheiden. Eisenberg schließt neben der Flexions- auch die Wortbildungsmorphologie in seine Wortgrammatik ein.
Die Namenkunde (Onomastik) ist ein Forschungsgebiet, das sich aus diachroner und synchroner Sicht besonders mit den Eigennamen (Personen- und Ortsnamen) „unter theoretischen sowie sprach-, siedlungs-, kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Aspekten“ befasst. (Kunze, 1999) Kunze, K.Historisch betrachtet, besteht der „größte Teil des Wortschatzes Namenkunde[…] aus Namen.“
Die Sprachkontaktforschung hat in unserer globalisierten Welt an Bedeutung gewonnen. Auch wenn sich die Wissenschaftler nicht einig sind bei der Beantwortung der Frage, wie viele Sprachen es auf der Welt gibt, wird von den meisten die Annahme gemacht, dass alle Sprachen SprachkontaktforschungWörter besitzen, die auf der Basis der angeborenen Sprachfähigkeit der Menschen im Umfeld einer konkreten Sprache erlernt werden müssen.
Durch Sprachkontakte kam und kommt es zur Beeinflussung zwischen den Wortschätzen verschiedener Sprachen. Dies schlägt sich u.a. in Entlehnungen und der Entstehung von Internationalismen nieder (genauer in Kapitel 6.4).
Sprachvergleiche Sprachvergleichehaben zu Tage gebracht, dass sich in unterschiedlichen Sprachgemeinschaften die Konzeptualisierung der Wirklichkeit und das sprachgebundene Verhalten unterscheiden können. Wenn in einer Sprachgemeinschaft das Rechtssystem eine Unterscheidung zwischen Verwandten mütterlicher- und väterlicherseits vornimmt, werden auch die entsprechenden Bezeichnungen von der Sprache bereitgestellt. Wenn diese Unterscheidung im Rechtssystem verschwindet, wie dies im römischen Recht war, sterben diese Bezeichnungen, wie im Lateinischen wieder aus.
Nicht für jedes Wort in der Muttersprache gibt es in anderen Sprachen ein gleichbedeutendes. Auch sind die „falschen Freunde“ diesbezüglich interessant. (Siehe weiter bei Riehl, 2009). Wanzeck, C.
Die Korpuslinguistik (Bubenhofer, 2018) hat im letzten Jahrzehnt auch für die moderne Lexikologie wie für die gesamte Linguistik immer mehr an Bedeutung gewonnen. KorpuslinguistikDeren Methode, spezifische Fragestellungen mit aufbereiteten (digitalen) Textsammlungen zu bearbeiten, wird ebenfalls in der Lexikologie für die Überprüfung von Hypothesen, von empirischen Fragen oder die Ermittlung von Regeln eingesetzt. In der Ausbildung spielen außerdem korpuslinguistische Methoden eine Rolle:
Korpuslinguistische Methoden gehören inzwischen zum Standardrepertoire vieler Forscherinnen und Forscher in der Sprachwissenschaft. So verwundert es nicht, dass die Korpuslinguistik auch Eingang in die linguistische Lehre findet. (Bubenhofer, 2011)
So machen es die existierenden Korpusportale leicht, beispielhafte Recherchen, „Faktenchecks“, vorzunehmen. (Beispiele sind bei Bubenhofer (2018) zu finden.) Daneben können die Online-Enzyklopädie Wikipedia und Suchmaschinen wie Google für wissenschaftliche Voruntersuchungen als Korpora benutzt werden, da beispielsweise nach Wortverwendungen, Wortformen und -teilen gesucht werden kann. Konkordanzprogramme bieten dafür systematische Suchoptionen an, die es erlauben, Klassen von Zeichenketten und Kollokationen zu bestimmen. Die gefundenen Trefferlisten können dann manuell durchgesehen werden. Ein mächtiges Instrument sind die Korpora vom Institut für deutsche Sprache (IDS), „mit 42 Milliarden Wörtern (Stand 13.11.2018) [bilden sie] die weltweit größte linguistisch motivierte Sammlung elektronischer Korpora mit geschriebenen deutschsprachigen Texten aus der Gegenwart und der neueren Vergangenheit. [Sie] sind über COSMAS II kostenlos abfragbar.“ (www1.ids-mannheim.de/kl/projekte/korpora/; Zugriff 17.04.2019)
Die politische Sprachkritik hat im Rahmen der Diskussionen zu Political Correctness im öffentlichen Sprachgebrauch nicht nur für die Lexikografie sondern auch für die Lexikologie an Relevanz gewonnen. In der jüngeren deutschen Geschichte war es der Romanist V. Klemperer, der 1947 sein LTI – Notizbuch eines Philologen über die Sprache der Nazi-Diktatur veröffentlichte, und mit authentischen Beispielen auf die destruktive Kraft der Sprache aufmerksam machte. JudeSo wurde das Wort Jude systematisch mit negativen Konnotationen belegt und in Wortbildungen und Wendungen wie Judenstern, Judenhaus, Judengeschäft, Dieses Haus ist judenrein. weiter vertieft (LTI, Kap. 25). Die alte Wendung Hier geht es zu wie in der Judenschule., die sich ursprünglich auf das Stimmengewirr in jüdischen Schulen des Mittelalters bezog, erhielt für die Gegenwart eine antisemantische Konnotation1.
Aktuell beklagen Politiker und Publizisten eine „Sprachverrohung“ im politischen Kontext. Darauf reagierend, setzt sich der Linguist Stefanowitsch (2018) für eine politisch korrekte Sprache ein, weil er den diskriminierenden Wörtern eine kognitive Wirkungskraft zuspricht. Busch (2018) dagegen „wirft die Frage auf, ob wir eine politisch korrekte Sprache überhaupt brauchen. Er beantwortet sie gleich dreimal mit Nein“ und verweist u.a. darauf: „Ein belastetes Wort durch ein anderes zu ersetzen, sei nicht sinnvoll, solange die Veränderung von Stereotypen nicht zuerst im Kopf stattgefunden habe.“ (Zur Thematik siehe weiter im Kapitel 5.3.5 in diesem Studienbuch). Lexikologieangelagerte Disziplinen
1.6 Fazit
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die aktuelle germanistische Wortschatzforschung durch den Anschluss an neue Ansätze aus den Nachbarwissenschaften der Linguistik, beispielsweise der Integration von psycho- und kognitionswissenschaftlichen Erkenntnissen (kognitive Lexikologie) sowie computer- und korpuslinguistischen Methoden gekennzeichnet ist. Dies hat dazu geführt, dass die „germanistische Wortschatzforschung […] zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Linguistik und in der Didaktik eine wieder erstarkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit“ erfährt. (Kilian und Eckhoff, 2015, S. 1)
1.7

Christiane Wanzeck, Hrsg. (2010). Lexikologie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, Kap. 1.1–1.3, 2.1–2.2 Wanzeck, C.
Ulrike Haß (2015). „Das Wort in der Lexikografie“. In: Handbuch Wort und Wortschatz. Hrsg. von Ulrike Haß und Petra Storjohann. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, S. 492–515 Haß, U.
Lothar Lemnitzer und Heike Zinsmeister (2006). Korpuslinguistik. Eine Einführung. narr studienbücher. Tübingen: Gunter Narr Verlag Lemmnitzer, L.Zinsmeister, H.
Lothar Lemnitzer und Kay-Michael Würzner (2015). „Das Wort in der Sprachtechnologie“. In: Handbuch Wort und Wortschatz. Hrsg. von Ulrike Haß und Petra Storjohann. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, S. 297–319 Lemnitzer, L.Würzner, K.-M.
2 Wörter
2.1 Analyseprobleme und -ebenen
Zwar wissen alle Sprachbenutzer, was ein Wort ist, dennoch fällt es schwer, es wissenschaftlich exakt zu bestimmen. Wissenschaftliche Wortbeschreibungen Wortbeschreibungwissenschaftlichmöchten definieren, wie sich das Wort von anderen sprachlichen Einheiten unterscheidet. Sie suchen Charakteristika, die ausschließlich auf das Wort zutreffen.
Ausgehend von de Saussure haben die Strukturalisten zwei Ebenen der Sprache unterschieden, die Laut- und die Bedeutungsseite. Martinet (1968, S. 23) Martinet, A.hat dies im Jahre 1960 folgendermaßen ausgedrückt:
Eine Äußerung wie ich habe Kopfweh oder ein Teil einer Äußerung, der einen Sinn ergibt, wie Kopfweh oder ich, heißt ein sprachliches Z e i c h e n. Jedes sprachliche Zeichen hat ein S i g n i f i k a t (signifié): seine Bedeutung (sens) – oder seinen Wert (valeur) […] und einen S i g n i f i k a n t e n (signifiant), durch den das Zeichen manifestiert wird.
In der Folgezeit wurde diese Vorstellung modifiziert, indem zusätzliche Sprachebenen angenommen wurden. Heute gehen eigentlich alle Grammatikmodelle von Vermittlungsebenen zwischen der Laut- und Bedeutungsseite sprachlicher Gebilde aus. Die Grundzüge einer deutschen Grammatik (Heidolph, Fläming und Motsch, 1981, S. 35) Heidolph, K. E.Flämig, W.Motsch, W.sehen in der Grammatik die „Gesamtheit von Regeln, die die Einheit von Wirklichkeitsabbildung und lautlicher Form in der Äußerung der Sprache begründen, [die das] widersprüchliche und auf komplizierte Weise vermittelte Verhältnis der beiden Seiten [ausdrückt].“ In dieser Beschreibung wird auch der Tatsache Rechnung getragen, dass es keine eindeutige Verbindung (Isomorphie) Isomorphiezwischen Form und Inhalt in der Sprache gibt. Als Beispiel soll auf die Mehrdeutigkeit Mehrdeutigkeitverwiesen werden. So steht das Wort Dame für verschiedene gedankliche Einheiten Dame(Konzepte):
für eine weibliche erwachsene Person (Eine Dame trägt einen Hut.),
für eine Spielkarte (Er legt eine Dame aus.),
für einen Spielstein und ein Spiel (Damespiel)(Wollen wir heute Dame oder Mühle spielen?),
für eine Spielfigur (im Schachspiel) (Die Dame schlägt den Springer.).
Anderseits gibt es für den Begriff weibliche erwachsene Person verschiedene Lautkörper in der deutschen Sprache:
Frau, Weib, Dame, Fräulein …
In den Mehrebenenmodellgrammatischen Mehrebenenmodellen werden in der Regel fünf Ebenen angenommen, die als relativ selbstständige Grammatikkomponenten GrammatikRegeln und Komponentenmit eigenständigen Regeln zu sehen sind. Schematisch zeigt das die Abbildung 2.1.

Abbildung 2.1: Mehrebenenmodell
Diese Abbildung soll andeuten, dass die Zuordnung der Form einer Äußerung (Formativ) zur Inhaltsseite (Bedeutung) über die dazwischenliegende morphologische und syntaktische Ebene erfolgt und außerdem bestimmt wird durch die Verwendungseigenschaften, bei denen die syntaktischen von den pragmatischen zu trennen sind. Die pragmatische Ebene nimmt Einfluss auf alle Ebenen. Die syntaktische Komponente regelt die Verknüpfung zu komplexen Zeichen und die pragmatische Komponente die Situationsangemessenheit. Diese Ebenen bestätigen die von der Norm abweichenden Sätze in (2.0).
(2.0) a. * Das Auto ging auf der Autobahn spazieren. Verstoß auf semantischer Ebene. b. * Unter einer andere Führung könne er …. (Süddeutsche Zeitung, 04.10.2006, S. 31) Verstoß auf morphologischer Ebene. c. Weltmeister Andreas Breme: „* Steckt niemals den Sand in den Kopf“. (Der Spiegel, 43/2005 (Hohlspiegel): Aus dem Badischen Tageblatt) Verstoß auf syntaktischer Ebene. d. * Chier gann man gut leijben. Verstoß auf grafischer Ebene. e. * Im Saal saßen 700 Nasen, die eine mitreißende, unkonventionelle teils unbequeme und unterhaltsame Rede hörten. (Der Spiegel, 46/2006 (Hohlspiegel): Aus dem Heuberger Boten) Verstoß auf pragmatischer Ebene.Beispiel (2a.) ist semantisch falsch, weil spazieren gehen nicht mit unbelebten Objekten verbunden werden kann. In (2b.) ist andere die falsche Flexionsform. In (2c.) wurde gegen syntaktische Reihenfolgeregeln verstoßen. Beispiel (2d.) weicht in der Lautung bzw. Schreibung von der Norm ab. Und (2e.) wäre in der privaten Kommunikation im Familienkreis angebracht, ist aber in einer offiziellen Situation unangemessen.
Wir gehen ähnlich wie Eisenberg (2013)Eisenberg, P. und Gallmann (1999)Gallmann, P. auch beim Wort von mehreren Ebenen aus und möchten aus linguistischer Sicht sechs Wörter unterscheiden – das semantische, das morphologische, das syntaktische, das phonetische, das grafische und das pragmatische Wort. Da es keine Isomorphie IsomorphieWortebenenzwischen allen Wortebenen geben muss, kommt es vor, dass eine lexikalische Einheit nicht allen sechs Wortdefinitionen genügt, kein prototypisches Wort ist.
Beispielsweise ist der Artikel die in der Wendung die kalte Küche ein orthografisches, aber kein semantisches Wort, weil er, wie nachfolgend noch erklärt wird, nur grammatische Bedeutung hat. Andererseits ist kalte Küche mehrdeutig und stellt in der idiomatisierten (morphologisch-semantisch undurchsichtigen) Wendung ein semantisches Wort, jedoch zwei orthografische und zwei syntaktische Wörter dar. Sprachzeichen
2.2 Das phonetisch-phonologische Wort
Ein ausgesprochenes Wort ist im Deutschen dadurch bestimmt, dass es aus einer zusammenhängenden Kette von Sprachlauten besteht. Wortphonetisch-phonologischesDie gebrauchsbasierte Betrachtung des sprachlichen Wissens nimmt an, dass das „lautliche Wissen […] nicht nur aus abstrakten Segmenten oder Merkmalen, sondern aus konkreten und detaillierten Einheiten“ besteht. Bergmann (2018, S. 10) Bergmann, P.Dies wird durch das leistungsstarke menschliche Gedächtnis möglich. Pinker (2000) Pinker, S.verdeutlicht dies an den unregelmäßigen, starken Verben (wie singen, sang, gesungen), die gelernt und somit eingeprägt werden müssen. Diese Verbindung wird nicht nur in der Morphologie sondern auch in der Aussprache von Wörtern deutlich, beispielsweise bei Ortsnamen. Wir sprechen deshalb auch vom phonetisch-phonologischen Wort, da eine Verbindung von phonetischer, realisierter Substanz und phonologischer, abstrakter Funktion existiert.
Die gesprochenen Wörter können segmentiert werden, die Laute, Silben und Akzente sind die wesentlichen Teile. Dabei sind einige Laute (Phoneme) Phonemeaufgrund ihrer distinktiven (unterscheidenden) Merkmale für die Bedeutungsdifferenzierung von Relevanz. Sie führen dazu, dass sich verschiedene Wörter in ihrem Klang unterscheiden. Beispielsweise ist dies bei den Wörtern in (2.1) der Fall. /H/, /G/, /M/ sind hier bedeutungsdifferenzierend (im Deutschen gibt es etwa 20 Konsonanten- und 16 Vokalphoneme).
(2.1) a. Hut /hu:t/ b. Gut /gu:t/ c. Mut /mu:t/Es ist aber nicht so, dass unterschiedliche Bedeutungen immer mit unterschiedlichen Klangbildern verknüpft sind, wie das auch in (2.2) der Fall ist. Bank
(2.2) Bank /baŋk/ (‘Sitzgelegenheit’ vs. ‘Geldinstitut’ vs. …)Die Sprachbenutzenden erkennen die Wörter aufgrund der gespeicherten LautbilderLautbilder. Dies zeigt sich darin, dass Wörter durch prosodische Mittel, beispielsweise mit einer Akzentsetzung, hervorhebbar sind. In der Regel wird das mündliche Wort als eine prosodische Einheit charakterisiert, wie bei Meibauer (2002, S. 17)Meibauer, J., der Folgendes ausführt: „man benötigt […] einen Wortbegriff, der sich auch in Bezug auf die gesprochene Sprache bewährt. Dies könnte man dadurch erreichen, dass man Grenzsignale wie Wortakzent oder Sprechpausen zwischen zwei Wörtern in die Definition einbezieht. Man kann dann vom phonologischen Wort sprechen.“ Das eigentliche Problem besteht aber darin, dass es diese Grenzsignale objektiv nicht gibt und Pausen eher die Ausnahmen sind.
2.3 Das grafische Wort
Da neben dem Sprechen das Lesen und Schreiben konstitutiv für die Sprachfähigkeit einer entwickelten Sprache ist, gilt es die grafischen Wörter einzubeziehen, auch wenn es Sprachen und Existenzformen (Dialekte) gibt, die nicht verschriftlicht sind.
Beim Definieren Wortgrafischesdes schriftlichen Wortes (auch graphematischen Wortes) spielt die Pause eine wichtige Rolle. Die grafischen Wörter sind daran erkennbar, dass nach jedem Wort im Text eine Lücke folgt, ein Zwischenraum gelassen wird. Wann aber eine Lücke gelassen werden muss, ist häufig unklar. Es sei nur darauf verwiesen, dass eine Hauptquelle für Orthografieverstöße Orthografieverstößein der deutschen Sprache der Bereich Getrennt- und Zusammenschreibung ist. Das hat neben den historischen Entwicklungsprozessen seine Ursache im Einwirken mehrerer Prinzipien auf die normgerechte Schreibung (vgl. Fuhrhop, 2006; Wurzel, 2000)Fuhrhop, N.Wurzel, W. U.:
1 Das WorteinheitsprinzipOrthografieWorteinheitsprinzip: Ein Wort bildet eine grafische Einheit und wird deshalb zusammengeschrieben.
2 Das WortbildungsprinzipOrthografieWortbildungsprinzip: Durch eine Wortbildung zusammengefügte Morpheme und Stämme werden zusammengeschrieben (Tisch + -ler = Tischler; Tischler + Werkstatt = Tischlerwerkstatt; …).
3 Das RelationsprinzipOrthografieRelationsprinzip: Einheiten, die nicht als syntaktische Relation analysierbar sind, werden zusammengeschrieben (vgl. (2.3)). Gartenzaun
(2.3) a. Er streicht den Gartenzaun. b. * Er streicht den Garten Zaun. c. Er streicht den Zaun um den Garten. d. * Er streicht den Zaunumgarten.2.4 Das morphologische Wort und seine Komponenten
Wir sehen die Morpheme als kleinste bedeutungstragende sprachliche Einheiten an. Sie sind u.E. zwar auch Lexikonbestandteile; sie treten jedoch nur als „Wortbausteine“ auf. Wir klassifizieren sie, wie in Abbildung 2.2 skizziert.
Im Falle der Basismorpheme können sie auch einzeln ein Wort bilden (wie dort). Verben müssen aber beispielsweise im Deutschen immer ein grammatisches Morphem hinzunehmen (lieg-t, lieg-en)Morphemarten.

Morpheme
Das morphologische Wort Wortmorphologischesist dadurch charakterisiert, dass es mindestens aus einem lexikalischen Morphem besteht. Wörter werden durch die Verbindung von Morphemen gebildet bzw. sie können in Morpheme zerlegt werden. Dies trifft auch auf das Wortungetüm das Jugendfreiwilligendienstegesetz (JFDG) zu, das 2008 kreiert wurde. Dabei wird beim Wort, wie auch beim Satz, davon ausgegangen, dass der linearen phonetisch-orthografischen Struktur eine hierarchische Wortstruktur entspricht. Das ist in Abbildung 2.3 dargestellt.

Binäre Wortstruktur
Aus morphologischer Sicht gibt es in der deutschen Sprache zwei Gruppen Wortklassemorphologischevon Wörtern:
Die 1. Gruppe unterteilt hinsichtlich des Gesichtspunktes, ob die Wörter nur aus einem Morphem bestehen oder Morphemkombinationen sind, in Wurzelwörter und Wortbildungen.
Die 2. Gruppe gliedert sich in flektierende bzw. nicht flektierende Wörter, also danach, ob die Wörter ihre Form im Satz verändern können oder nicht.
Aus der Wortbildungssicht gibt es also Wörter, die nur aus einem TischBasismorphem (Tisch) bestehen, und solche, die morphologisch komplex sind (Tischler, Tischlerwerkstatt). Nach dem zweiten Gesichtspunkt unterscheiden sich die deutschen Wörter nach ihrer Flexionsfähigkeit in flektierbare und nicht flektierbare WörterWörter;flektier-& unflektierbare. Die flektierbaren bilden in der Verwendung Wortformen, die nicht flektierbaren können keine Wortformen bilden. Die flektierenden Wörter schaffen FormenparadigmenFormenparadigmen, die lexikalisch-paradigmatische Einheiten darstellen. So können die meisten Adjektive in unflektierter Form als Prädikative heiß(Manche mögen’s heiß.) auftreten oder in flektierter Form als Attribute (ein heißer Tag, ein heißes Eisen, heiße Höschen, …), außerdem bilden sie Steigerungsformen (heißer, heißesten). Die Paradigmen bestehen aus der Zitierform und den LexemvariantenLexemvarianten. Zu der Zitierform heiß gehören also mehrere morphologische Wortformen.








