Der deutsche Wortschatz

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Innerhalb der Flexionsparadigmen sind in der deutschen Sprache nicht alle Wortformen Wortformmit spezifischen Flexionsmerkmalen Flexionsmerkmalversehen. Beispielsweise ist innerhalb des Komparationsparadigmas die erste Stufe, der Positiv, nicht formal markiert.
Hinsichtlich der spezifischen Flexionseigenschaften können im Deutschen fünf Wortklassen (Morphologische Wortarten) mittels der morphologischen Merkmale [α dekliniert], [α konjugiert], [α kompariert] und [α genusfest]1 unterschieden werden: Wortarten
Verben, die konjugiert werden,
infinite Verben, die nicht konjugiert werden,
Substantive,
Adjektive und
Pronomen.
Erst in dem jeweiligen Kontext, in dem das Wort (das Textwort) verwendet wird, werden die anderen grammatischen Merkmale (wie Kasus-, Tempus- und Kongruenzmerkmale) ergänzt. Es ist deshalb sehr sinnvoll, zwischen dem Lexikonwort (Lexem) und den Lexikonwortsyntaktischen Wortformen zu unterscheiden. So nimmt man beispielsweise bei der syntaktischen Nominalisierung, die kein Wortbildungsphänomen ist, eine diesbezügliche Unterscheidung vor. Im Beispiel (2.4) sind Sie und Er syntaktische Substantive, da sie aber als solche keine festen Lexikoneinheiten sind, werden sie als Pronomen im Lexikon, als Lexikonwörter, abgespeichert. Maus
(2.4) Diese Maus ist keine Sie, sondern ein Er.In der folgenden Übersicht 2.4 sehen wir die morphologischen deutschen Wortarten mit ihren hierarchisch angeordneten morphologischen Lexikonmerkmalen (genauer, mit den speziellen Merkmalsbelegungen der Wortklassen nachzulesen in Römer, 2006, Kap. 4.1.2). Römer, C.

Morphologische Wortklassen
2.5 Das syntaktische Wort
Die Syntax beschäftigt sich Wortsyntaktischesmit der Struktur von Sätzen. Für die Erhellung dieser Satzstrukturen gibt es zwei Hauptzugangswege. Zum einen wird nach der logisch-strukturellen Abhängigkeit der Satzbausteine gefragt (Dependenzgrammatiken) und zum anderen wird von den Teil-Ganzes-Relationen ausgegangen (Konstituentengrammatiken). Dem Beispielsatz Das Haus am See verfällt. können demnach die zwei vereinfachten Strukturen in der Abbildung 2.5 zugeordnet werden:

Satzstruktur
Die Teile, die die Satzstruktur bilden, sind im Normalfall nicht Wörter, sondern Wortgruppen (Phrasen). Nur ein Teil der phonetisch-orthografischen Wörter kann Kern (Kopf) einer lexikalischen Phrase sein. Phrasen sind endozentrisch; das heißt, sie sind Projektionen der jeweiligen Kopfelemente. Diejenigen Wörter, die Kopfelemente sein können, sind syntaktische Wörter. Genaueres zum Begriff des syntaktischen Wortes findet man bei Gallmann (1999, S. 272)Gallmann, P..
Außerdem gibt es Wörter, die nicht Kopf einer lexikalischen Phrase sein können, dies Phrasenkopfsind die Artikel (morphologisch eine Teilklasse der Pronomen), die Hilfsverben und die Konjunktionen. Sie sind immer Teil einer lexikalischen Phrase. Die Artikel sind Bestandteile von Substantivphrasen, die Hilfsverben von Verbphrasen und die Konjunktionen von Sätzen oder Phrasen.
Wenn man, wie in der Generativen Grammatik üblich, die funktionalen Köpfe einbezieht, kommt man zu einer weiteren Gruppe von syntaktischen Wörtern. Funktionale Kategorien funktionale Kategorien(z.B. INFL(flection): Flexionsmorphem(e)) liefern die grammatischen Informationen, wie Tempus oder Kongruenz.1 Nach Abney (1987) Abney, S. P.stellen funktionale Klassen geschlossene Klassen dar, die zum größten Teil aus morphologisch abhängigen Elementen (wie Affixe) bestehen. Es fehlt ihnen jeglicher deskriptiver Gehalt. Das Einbeziehen der funktionalen Kategorien führt zu Phrasenprojektionen. In diesen funktionalen Projektionen treten die oben genannten Wörter, die keine Köpfe von lexikalischen Phrasen sein können, als Köpfe von funktionalen Phrasen auf und sind deshalb auch als syntaktische Wörter anzusehen. So tritt beispielsweise der Artikel (gehört zu den Determinierern) als Kopf der Determiniererphrase auf, die der Sitz der grammatischen Merkmale der Nominalphrase ist. Die Determiniererphrase ist somit eine funktionale Erweiterung der Nominalphrase. Die funktionalen Kategorien enthalten nur grammatische Merkmale; der Artikel ist deshalb ein syntaktisches Wort, aber kein eigenständiges semantisches, weil es keinen deskriptiven Gehalt, keine Intension, hat.
2.6 Das semantische Wort
Das semantische Wort Wortsemantischesist der kleinste selbstständige Bedeutungsträger, d.h. die Sprachbenutzer können mit ihm einen Inhalt verbinden. So bezeichnet Tischdas Lexem Tisch ‘einen konkreten Gegenstand’, Liebe ‘ein Gefühl’, grün ‘eine Farbeigenschaft’, oder ‘eine logische Beziehung’ und tauchen ‘eine Tätigkeit’.
Wörter können zu komplexen Wörtern zusammengeschlossen werden und nehmen dann oftmals eine Bedeutung an, die nicht einfach eine Summe aus den Teilbedeutungen darstellt, weil ein Idiomatisierungsprozess (Verlust der semantisch-morphologischen Durchsichtigkeit des Wortes) Idiomatisierungeintritt, wie in Bleistift oder Weichei.
Eine in der Sprachwissenschaft umstrittene Frage ist die, ob es eine Wortartenbedeutung gibt. WortartenbedeutungEs ist jenen zuzustimmen, die es als nicht sinnvoll ansehen, diese anzunehmen, weil es keine direkte Zuordnung von grammatischen und semantischen Wortklassen gibt. So sind nicht alle Substantive „Dingwörter“ (beispielsweise Essen in (2.5)).
(2.5) Das Essen dauert lange.Das Essen verbalisiert hier einen Vorgang. Oder: Nicht alle Wörter, die Eigenschaften bezeichnen, sind Adjektive (wie 2.6).
(2.6) Schönheit erfreut.Als sinnvoll sehen wir es jedoch Wortklassesemantischean, fünf semantische Hauptklassen von Wörtern zu unterscheiden:
Wörter, die auch ohne Satzkontext eine relativ abgeschlossene Bedeutung haben.
(2.7) Eva (Eigenname1), Apfel (Gattungsbezeichnung)Wörter mit Gattungsbezeichnungrelationaler Bedeutung, die eine Rektion haben und Partner für die Entfaltung ihrer Bedeutung benötigen.
(2.8) sparsam ist jemand jemand spart etwas Misstrauen hat man gegenüber jemandem oder etwasWörter mit „zeigender“ Bedeutung (Deixis).
(2.9) dort steht sieWörter, die keine lexikalische Bedeutung haben. Dies sind phonetisch-orthografische Wörter, die keine selbstständigen Bedeutungsträger sind, die anstelle von morphologischen Affixen die Formenbildung übernehmen und grammatische Bedeutungselemente einbringen. Innerhalb des Verbparadigmas sind das die Hilfsverben und innerhalb des Substantivparadigmas die Artikel. Hilfsverben und Artikelwörter sind zwar phonetisch-orthografische Wörter, in dem oben erläuterten Sinn auch syntaktische, aber keine semantischen Wörter. Diese Wörter werden oft auch als Synsemantika („Leerwörter“) bezeichnet und die bedeutungstragenden als Autosemantika. SynsemantikonNicht Autosemantikongeteilt wird die vorkommende Auffassung, dass Präpositionen und Konjunktionen Synsemantika seien, weil sie in der Regel wichtige Bedeutungselemente einbringen. Beispielsweise macht es einen wichtigen Unterschied, ob man Katze und Sofa mit auf oder unter verbindet oder ob man beim Fleischer Bratwürste und Rostbrätchen mit und oder oder verbindet. Auf die Einzelfälle von weitgehend bedeutungsleeren Präpositionen und Konjunktionen kann hier nicht eingegangen werden (vgl. Er versprach, dass er anruft. Sie wartete vergebens auf den Anruf.).
Wörter, die Teil einer lexikalischen Phrase sind und keine isolierbare Bedeutung innerhalb der Phrase haben. Es handelt sich bei dieser Gruppe um Phraseologismenbestandteile, die stabile, im Langzeitgedächtnis fest verankerte, idiomatische Wortgruppen sind.
(2.10) mit dem Klammersack gepudert sein = ‘dumm sein’2.7 Das pragmatische Wort
Die Pragmalinguistik thematisiert den Handlungsaspekt von sprachlichen Zeichen bzw. Äußerungen; sie interessiert sich vor allem für deren sprachliche Funktionen und kommunikativen Möglichkeiten.
Aus der Sicht Wortpragmatischesder Zeichenbenutzer können semantische Wörter Unterschiedliches in eine kommunikative Handlung einbringen. Sie können etwas bezeichnen (einen Gegenstand oder einen Vorgang) und/oder Emotionen bzw. Wertungen ausdrücken (z.B. eine Abneigung) und/oder eine Absicht artikulieren. Dies hatte schon der berühmte Sprachpsychologe K. Bühler 1934 mit seiner Unterscheidung der Darstellungs-, Ausdrucks- und Appellfunktion der sprachlichen Zeichen Zeichenfunktionhervorgehoben und in seinem Zeichenmodell Zeichenmodell; Bühlerveranschaulicht (vgl. Abbildung 2.6).

Bühler’sches Zeichenmodell (Bühler (1934, 28)) Bühler, K.
Mit der Darstellungsfunktion von sprachlichen Zeichen ist gemeint, dass mit sprachlichen Zeichen Informationen über Gegenstände, Vorgänge, Personen und Sachverhalte vermittelt werden können. Man kann mit ihnen auf Anwesendes und Nichtanwesendes Bezug nehmen.So benennen in dem geflügelten Wort Alles besiegt die Liebe die Wörter Unterschiedliches. Sie stellen Unterschiedliches dar:Alles ‘die Gesamtheit des Möglichen’,besiegen ‘ein Ereignis, bei dem jemand über etwas den Sieg davon trägt’,die Liebe ‘ein starkes Gefühl der Zuneigung zu einer Person’.
Die Ausdrucksfunktion (auch expressive Funktion) beinhaltet, dass Wörter emotive Befindlichkeiten der Sprechenden anzeigen können. Die emotive Funktion der Sprache ist von der Linguistik lange vernachlässigt worden.
Nach Schwarz-Friesel (2007, S. 57) Schwarz-Friesel, M.sind Emotionen psychische Zustände der Menschen, die auf drei Ebenen, die meist interagieren, wahrnehmbar sind: im nonverbalen Ausdruck als Mimik und Gestik (z.B. Lachen oder Weinen), in körperlichen Zuständen (Rotwerden etc.) und als sprachliche Äußerungen.

Circumplexmodell (nach Leary, 1957)
Das sogenannte Circumplexmodell der Emotionen EmotionenCircumplexmodell(in Abbildung 2.7 wiedergegeben) siedelt die Emotionen Emotionzwischen den Polen Erregung vs. Ruhe und Unlust vs. Lust an.
In der Psychologie wird beim Auslösen von Emotionen die nachfolgende Geschehensfolge angenommen:
Ereignis → Informationsverarbeitung → Bewertung → Emotion.
Beispielsweise könnten wir in einem kleinen Ferienort neben dem Hotel unerwartet einen Kirchturm vorfinden (so wie in Abbildung 2.8).

Abbildung 2.8: Emotionsauslösung
Dieses unerwartete Ereignis (Informationsverarbeitung) veranlasst zu einer negativen oder positiven Bewertung, zum Auslösen von Emotionen, Erregung oder Lust bzw. Ruhe oder Unlust, die physisch (Tränen, erblassen, weglaufen oder lächeln, erröten, näherkommen) und/oder verbal ausgedrückt werden können, so mit Juchhe! (Freude), Nanu! (Verwunderung) oder Mist! (Verärgertsein).
Aus linguistischer Sicht können drei Gruppen von Wörtern Wortemotionalesmit emotiven Funktionen unterschieden werden: Gefühlswörter, Affektwörter und Bewertungswörter (Herrmann, 1995):
GefühlswörterGefühlswörter: Wörter zur Benennung und Deskription von Emotionen und Affekten (Stimmungen und Erregungen), ohne selbst expressiv zu sein. Da sie die Funktion der Diagnose bzw. der Distanzschaffung haben können, sind sie auch psychologische Vokabeln, wie Liebe, Haß, Trauer, Eifersucht, …
Affektwörter: Wörter und Wendungen zum Ausdrücken von Gefühlen und Affekten. Dies können sein:
Psychologische Vokabelnpsychologische Vokabeln, die Gefühle und Gemütszustände benennen, wie
Ich hasse dich!, Das freut mich aber!, Das tut mir aber leid! …
Empfindungswörter, Kosenamen, Schimpfwörter, wie Oh, Mausi, …
Affektive Adjektive, Substantive und Verben, wie (Ist das aber) gemein!,
(Dieser) Lügner!, (Er) säuft! …
BewertungswörterBewertungswörter: Wörter, die das Benannte zugleich bewerten, wie Köter, verrecken, Klassefrau.
Wörter, die Emotionen und Affekte anzeigen, sind oft mehrdeutig. Der Kontext hebt dies dann allerdings auf (vgl. (2.11)).
(2.11) Ach! (?) Ach, du Armer! (Bedauern, Mitleid) Ach, wenn es doch wieder so wäre! (Sehnsucht)Fries (2000, S. 14) Fries, N.betont die pragmatische Komponente von emotiven Wörtern, wenn er u.a. hervorhebt, dass der Ausdruck und das Verstehen von Gefühlen maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg kommunikativer Bemühungen habe. Außerdem kann nach ihm (Fries 2000, S. 33) Fries, N.ein Wort wie Trauer auf drei unterschiedliche Phänomenbereiche verweisen:
Auf einen internen, introspektiv wahrnehmbaren Zustand = subjektiv-psychologischer Aspekt: Ein Beispiel für diese Verwendung von Trauer: Lasst uns einfach unsre Trauer leben, denn damit verarbeiten wir das ganze. (Katrin Zilch, www.lichterkette.net.ms; Zugriff 25.3.2004)
Auf einen chemisch und physikalisch nachweisbaren Prozess (z.B. Tränen und Schlaflosigkeit) = physiologischer Aspekt: Trauerarbeit […] Trauernde können bei ihrer Arbeit auch scheitern, krank werden, daran zerbrechen, weil sie ihr Leben nicht mehr leben können. (www.lichterkette.net.ms; Zugriff 25.3.2004)
auf Gegenstände und/oder Sachverhalte, die als gefühlsauslösend betrachtet werden = sozialer Aspekt: Wenn die Gondeln Trauer tragen (deutscher Titel eines Films).
Zur Ausdrucksfunktion kann auch das Anzeigen der Beziehungsrelation Beziehungsrelationim „Nachrichtenquadrat“ Nachrichtenquadrat(von Thun, 2010) Thun, F. vongerechnet werden. Als Psychologe hat von Thun, der sich speziell mit Kommunikationsstörungen befasst, das dreiseitige Zeichenmodell um eine vierte Komponente erweitert. Eine Nachricht überbringt danach mehrere Botschaften gleichzeitig (vgl. Abbildung 2.9, die es aus der Sendersicht formalisiert).

Abbildung 2.9: „Nachrichten“-Funktionen nach von Thun (2010) (www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat)
Mit einer Äußerung könnten danach in spezifischen Kontexten mehrere Funktionen realisiert werden. Beispielsweise sagt Jemand (= Sender) zu Jemandem (= Empfänger) nachdrücklich: Es zieht! Damit wird erstmal eine Sachinformation gegeben. Gleichzeitig wird deutlich, dass die deutschsprachige Person friert (= Selbstoffenbarung) und deshalb den Angesprochenen veranlassen möchte, die offene Tür zu schließen (= Appell). Dass er dies als möglich ansieht, resultiert aus seiner Einschätzung des Angesprochenen (= Beziehung). Möglicherweise ist der Angesprochene ihm sozial unterstellt. Dieser wird den barschen Befehlston sicher seinerseits als einen Vorwurf verstehen (vgl. Abbildung 2.10).

Abbildung 2.10: „Nachrichten“-Funktionen für Es zieht!
Auch an der Wortwahl kann der Stand der Beziehung zwischen Kommunikationspartnern abgelesen werden. Wenn ein Mann seine Freundin Prinzessin nennt, kann dies heißen, dass er sie verehrt, sie anhimmelt, und ausdrücken will, dass er ihr untertan ist. Es kann aber auch gemeint sein, dass sie verwöhnt ist.
Mit der explizit markierten Appellfunktion werden Absichten, wie zum Handeln, Durchdenken oder Mitmachen, an den Hörenden mitgeteilt. Im Wort sind diese häufig mit einer Bewertungskomponente Bewertungskomponenteverbunden. Dies ist der Fall, wenn jemand als Jammerlappen (Heinz ist ein richtiger Jammerlappen!) bezeichnet wird. Es wird dann eine negative Bewertung einer männlichen, ängstlichen Person vorgenommen, die auch beinhaltet, dass die/der Hörende diesen Heinz ablehnen soll. Wenn ein Tier als ausgehungert charakterisiert wird, kann dies implizieren, dass es gefüttert werden soll.
2.8 Die Definition des prototypischen Wortes
Ein prototypisches Wort Wortprototypischesträgt auf allen Sprachsystemebenen Wortcharakter. Es ist, zusammenfassend dargestellt, gekennzeichnet durch
1 seine Isolierbarkeit in Rede und Schrift,
2 seinen selbstständigen Bedeutungscharakter,
3 seine Morphemstruktur,
4 seine Fähigkeit, Phrasenkern sein zu können, und
5 seinen kommunikativen Charakter, etwas darzustellen und/oder Gefühle auszudrücken und/oder eine Intention zu Wortdefinitiontransportieren.
2.9 Das lexikalische Wort
Da Wörter in der Sprachverwendung, entsprechend den oben skizzierten Charakteristika, in Wortformen auftreten, ist es sinnvoll noch ein lexikalisches Wort Wortlexikalischesanzunehmen, das die abstrakte Repräsentation für Formenparadigmen ist. (Schaefer, 2016, S. 171 f.) Schäfer, R.Nach Kürschner (1997, S. 101) Kürschner, W.ist das lexikalische Wort als Einheit des Lexikons bzw. Grundeinheit der Wörterbücher der Repräsentant aller Realisierungsformen, Wortformen, in denen es erscheinen kann. Bei flektierbaren Wörtern spricht man auch von Nennformen bzw. Zitierformen. Beim Substantiv ist beispielsweise die endungslose Form des Nominativ Singular die Nennform (der Tisch).
2.10 Lexeme
Alltagssprachlich wird Lexem häufig synonym zu lexikalisches Wort verwendet. Manche Linguisten definieren es (wie beispielsweise Conrad 1985, S. 140) als „Wort oder Wortstamm als Einheit des Wörterbuchs, d.h. als abstrakte Einheit, die Träger einer lexikalischen Bedeutung ist.“ Danach sind sowohl die Wortformen, die bei der Flexion abgeleitet werden, als auch die Hilfswörter, WortHilfswortdie keine lexikalische Bedeutung haben, keine Lexeme. Innerhalb des Syntagmas Das Haus hat gebrannt. ist demnach nur Haus ein Wort mit Lexemstatus; das und hat haben diesen Status nicht, weil sie grammatische Hilfswörter sind und gebrannt ist keines, weil es eine Wortform zu dem Lexem brennen ist. Oft werden auch Phraseologismen als Lexeme aufgefasst, weil sie eine konzeptuelle Einheit vertreten (dumm wie Bohnenstroh = ‘sehr dumm’). Man spricht dann von MehrwortlexemenLexemMehrwort-.
2.11 Listeme
Das Fachwort Listem wurde in der Psycholinguistik von Di Sciullo und Williams (1988) Di Sciullo, A.Williams, E.als Oberbegriff für alle idiosynkratischen Lexikoneinheiten eingeführt, die im Gedächtnis gespeichert, „gelistet“ sind. Damit umfasst dieser Oberbegriff nicht nur mentale Wörter und Wendungen, sondern auch Wortbildungsmorpheme, Flexive und die Wortformen. Der Begriff Listem soll die Tatsache hervorheben, dass diese Lexikoneinheiten mit ihren spezifischen phonologischen, morphologischen, syntaktischen und semantischen Charakteristika (idiosynkratische Eigenschaften) aufgelistet sind und auswendig gelernt werden müssen, da sie nicht wie die syntaktischen Phrasen durch allgemeine Regeln herleitbar und analysierbar seien. Dieser psychologische Terminus ist in der germanistischen Linguistik eher ungebräuchlich.
3 Komplexe Wörter
3.1 Charakterisierung der komplexen Wörter Wörter;komplexe
Komplexe Wörter werden von Simplizia unterschieden. Simplizische Wörter (wie blau und Tisch) werden auch als einfach charakterisiert, da sie nur aus einer sinnhaltigen Komponente bestehen und deshalb nicht weiter zerlegbar sind. Komplexe Wörter (wie Tische und Tischbein) haben dagegen prototypisch mindestens zwei sinnhaltige Bestandteile. Die Sinnhaltigkeit der Wörter im Deutschen zeigt sich darin, dass sie minimale freie Formen sind,1 d.h. sie können allein an einer andere Stelle im Text auftreten.
Nach dieser Definition ist das Wort Tische morphologisch komplex, da es aus zwei minimalen Einheiten besteht: Tischder lexikalischen Basis Tisch und dem grammatischen Pluralmarker e. Letzterer kann auch an anderen Wörtern als Pluralmarker auftreten (Stühle). Tischbein ist auch morphologisch komplex: Es ist eine Wortzusammensetzung (Wortbildung) aus zwei minimalen Einheiten, den Wörtern Tisch und Bein (‘Bein vom Tisch’). Wohnzimmerschrank ist eine Verbindung des komplexen Wortes Wohnzimmer (‘Zimmer zum Wohnen’) mit dem einfachen Wort Schrank. Und Wohnzimmerschrankwand ist eine feste Verknüpfung von zwei komplexen Wörtern: ‘eine Schrankwand fürs Wohnzimmer’.
Wörter können also zum einen komplex werden, wenn sie mit einer minimalen Einheit mit grammatischer oder wortbildender Funktion2 (wie bei Tischler) kombiniert werden. Zum anderen werden sie komplex, wenn sie sich mit anderen Wörtern verbinden. Lyons (1983, S. 141) bezeichnet erstere als „komplexe Lexeme“ (Derivationen) und letztere als „zusammengesetzte Lexeme“ (Kompositionen). LexemkomplexLexemzusammengesetzt
Mittels der Methode der Segmentierung werden die komplexen Wörter identifiziert. Die kompetenten Sprecher und Hörer werden aufgrund ihres lexikalischen Wissens unbewusst, ohne große kognitive Anstrengung, das Wort Tische in die zwei Komponenten Tisch und e und nicht in Tis und che zerlegen. Diese Fähigkeit setzt jedoch bei den lexikalisierten komplexen Wörtern morphologische und semantische Transparenz voraus. Ein produktives Bildungsmuster, die Morphemstruktur und die Bedeutung der Wortkonstituenten muss also erkennbar sein. Wenn die Transparenz im Verlaufe der Wortentwicklung verloren gegangen ist, spricht man von Demotivierung bzw. Idiomatisierung oder Bedeutungsisolierung. Bei dem Wort blaumachen (‘schwänzen’) blaumachenist die morphologische Transparenz vorhanden, jedoch die Bedeutung kann nicht mehr aus den Komponenten ermittelt werden3, sie muss als Ganzes erlernt werden. Im wörtlichen Sinn bedeutet es ‘blau färben’, das der empfohlenen Rechtschreibung nach getrennt geschrieben wird.
Die Übergänge zwischen morphosemantisch transparent und nicht transparent sind fließend. Dies wird in der Wissenschaft u.a. mit dem „Vorschlag einer Skala morphosemantischer Transparenz“ beschrieben (Galèas, 2003, S. 287). Usuelle komplexe Wörter sind mehr oder weniger lexikalisiert; die Motivierung eines Wortes lässt nach und verschwindet. Bei völliger Lexikalisierung geht die Möglichkeit der KompositionalitätStufenKompositionalität und damit die Transparenz verloren, da eine kompositionale Dekodierung nicht möglich ist. Galèas (2003) unterscheidet sieben Stufen der morphologischen Transparenz: Sie reichen von völliger Kompositionalität, bei der die Bedeutungen der Teile im komplexen Wort nicht verändert wurden, wie bei Haustür, bis zur totalen Suppletion, wenn keine Ableitung nach den allgemeinen phonologischen oder morphologischen Regeln möglich ist, wie bei engl. go – went oder dt. sein – bin – war. (Nübling, 1999, S. 78)








