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Das Mädchen zieht die Augenbrauen hoch, glaubt er zumindest, er blickt ja gegen das Licht, sieht ihr Gesicht nur als dunkle Fläche, mit den schwarzen Haaren zusammen, ein sich bewegender Schatten.
Bist du krank, sagt sie.
Glaub schon, sagt Ario.
Ich hab keine Zeit für son Scheiß, sagt sie. Wollte nur sagen: Das mit der Flasche, das ist echt assi.
Tauben nennt man auch Ratten der Lüfte, sagt Ario.
Ist mir egal, sagt das Mädchen und geht.
He, ruft er. Was ist mit der Aspirin?
Über ihm rattert die U-Bahn, und Ario versteht nicht, wieso manche das häufiger machen, unter S- oder U-Bahn-Brücken schlafen. Kann einem doch nur auf den Keks gehen dieses Geratter. Ungerührt gurren die Tauben. Heute Abend pennt er bei Wolfgang. Der schuldet ihm was.
* * *
Onkel Mutlu ist schon zu Hause. Sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer, die Wände viel zu eng für ihn. Aber der ist das gewohnt, sitzt immer still, seit Jahren schon. Sitzt dort, und der Fernseher plappert vor sich hin, und Onkel Mutlu spuckt Sonnenblumenkernschalen in eine Schüssel. Er nickt ihr zu, als sie hereinkommt.
Du siehst müde aus, amca, sagt Aylin.
Setz dich kurz zu mir, sagt Mutlu.
Das Essen wird kalt, sagt Aylin.
Onkel Mutlu schiebt die Schale von sich, steht auf, breitbeinig, natürlich, die Hände auf den Hüften. Im Laden, zwischen all dem Gemüse, fällt gar nicht auf, wie groß er ist.
Ich mach’s schnell fertig, sagt Aylin.
Onkel Mutlu nickt wieder.
In der Küche kann sie selbst mit geschlossenen Augen alles aus den Schränken holen. Barış, brüllt sie, und es rumpelt im Nebenzimmer. Die leise Musik verstummt. Bemerkt man erst, dieses ständige Gedudel aus seinem Zimmer, wenn das aufhört. Und dabei sind die Wände hier ja schon aus Stahlbeton. Das Beste, was so ein Haus zu bieten hat, wie Onkel Mutlu ihr mal erklärt hat, ewig her ist das. Da waren ihre Eltern noch hier, ihr Vater noch dick, ihre Mutter noch nicht so verbiestert, und Barış war noch der kleine Pups, den er jetzt mit diesem Flusenbart zu leugnen versucht.
Aylin holt die Styroporpackungen aus der Tüte, zieht sie auseinander und schaufelt alles in Schüsseln, stopft das Plastikzeug ganz weit nach unten in den Mülleimer.
Wo ist Burak?, fragt Mutlu aus dem Esszimmer, seine Stimme ist immer so laut, die dringt durch die Wände, als wären sie nicht da, als wäre das doch kein Stahlbeton.
Barış, wo ist dein Bruder, antworte mir!
Weiß ich doch nicht, sagt Barış, lässt sich auf den Stuhl fallen, nimmt den Teller, den Aylin ihm hinstellt. Wieder asiatisch. Keiner sagt was.
Barış fängt schon an zu schlingen. Etwas rote Soße spritzt auf sein weißes Muskelshirt.
Du stinkst, sagt Aylin. Benutz wenigstens nicht dieses Prolldeo.
Mhm, sagt Barış, also eigentlich sagt er es nicht, ist eher so ein Röhren, das aus ihm rauskommt, zusammen mit kleinen Stückchen Frühlingsrolle.
Barış, wir warten mit dem Essen, bis dein Bruder –, sagt Mutlu.
Burak kommt, gerade als sie auch ihm Frühlingsrollen auf den Teller gelegt hat. Lässt sich auf den Stuhl fallen, genau wie Barış vorhin, dieselbe Bewegung. Da sieht man eben doch, dass sie Brüder sind.
Und jetzt legt los, ich hab nicht viel Zeit, sagt Aylin.
Sie schaut den Jungs zu, während sie essen. Im Essen sind sie gleich. Wie sie Gabel für Gabel hineinschlingen in die großen Münder. Sie muss dringend Dilek anrufen, ob sie morgen Poğaça abholen kann. Sie hat keine Zeit, welche zu machen. Und auch keine Lust.
Ich hab jetzt Schicht, sagt sie. Onkel Mutlu nickt, die Cousins schauen wie hypnotisiert auf ihre Handys. Burak spielt Candy Crush, Barış tippt nur irgendwie herum.
Der Onkel sagt nichts dazu. Nur alle paar Tage murmelt er: Was bin ich gestraft mit diesen Kindern.
Das ist die Jugend, amca. Total verblödet.
Burak schaut auf und verdreht die Augen, und Barış hat schon wieder ein YouTube-Video laufen.
Wenn ihre Mutter das sehen würde, sagt Mutlu.
Es gibt noch mehr Frühlingsrollen, sagt Aylin. Sind im Kühlschrank, für später. Bin dann kurz oben.
Beim Hinausgehen schaut sie auf die Uhr. Zehn Minuten, bis die Schicht anfängt. Das reicht, um das Kopftuch loszuwerden, und vielleicht die Schminke.
Hast du auch die Einladung bekommen, fragt Mutlu, sie hört die Stimme, als stünde er neben ihr. Und da steht er plötzlich tatsächlich. Sie tritt einen Schritt vom Spiegel weg. Aus den Augenwinkeln sieht sie, dass ihr Kopftuch verrutscht ist.
Sie hat jetzt keine Zeit, mit ihm zu streiten. Er streitet ja eh nicht gerne. Meistens wird er gleich wütend und rennt dann aus dem Zimmer.
Du kommst doch, sagt Mutlu.
Aylin zuckt irgendwie die Schultern und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Bis später.
Das Klacken der Tür hallt im Treppenhaus.
Bis zu ihrer Wohnung ist es nur ein Stockwerk, und sie schaltet das Licht nicht an. Durch die Fenster blinkt der Kotti in all seinen Farben, bunte Lichter auch auf dem Gangboden.
Unten fällt die Haustür ins Schloss, und sie hört Günthers schweren Schritt, Schnaufen auf den Treppenabsätzen.
Ein Glück ist sie schon an ihrer Tür, dreht schnell den Schlüssel, nicht dass der gleich hier oben ankommt und sie wieder so blöd anglotzt.
Sie wirft den Schlüssel auf die Kommode, direkt neben die Ankündigung, die Marianne ihr heute in den Briefkasten gesteckt hat. Schon die zweite dieses Jahr. Einladung zur Bürgerversammlung. Mit schnellen Schritten geht sie ins Bad, das Licht der nackten Glühbirne flimmert. Aber für einen Lampenschirm hat sie weder Zeit noch Geld. Aylin nimmt das Kopftuch ab, schüttelt die Haare.
Selbst hier oben glaubt sie Barış’ dämliche YouTube-Musik zu hören.
Auch ich hatte Eltern. Auch ich wurde geboren in diese Welt, die einen Abdruck auf einem hinterlässt, in der Sekunde, in der man die Augen öffnet. Und auch, wenn man sie nicht öffnet.
Man muss ordentlich schneiden, sonst reißt das Zeitungspapier. Das ist ja nicht gut, immer schlechter geworden in all den Jahren, selbst die Kreuzberger Kiezzeitungen damals waren besser als die Zeitungen jetzt. Das ist zumindest ihr Eindruck, wenn sie das Blatt zwischen die Hände nimmt. Früher war das dicker, das hätte man als Klopapier benutzen können. Hat man ja auch.
Vielleicht haben sich auch einfach ihre Finger verändert. Das Gefühl für das Dicke, für das Dünne. Sie muss mal Günther fragen, was er dazu denkt. Liest doch Zeitung, seit sie ihn kennt. Oder tut zumindest so. Schon länger hat sie ihn im Verdacht, dass er nur die Werbung anschaut. Drauf reinfallen tut er ja auch. Wie er sich neulich diese goldfarbene Uhr gekauft hat. Dabei haben sie ja nun wirklich kein Geld zum Rauswerfen. Schön, wenn es ihn glücklich macht. Wenn er denkt, dass er so irgendwen beeindrucken kann, seinen Minigolfverein oder am Ende noch Birgit, diese Dampfschratel. Aber ihr kann man nicht so leicht etwas vormachen. Gab’s im Sonderangebot bei Karstadt, ja ja. Die Werbung hatte sie auch gesehen, war eine ganzseitige Anzeige.
Wenn die Zeitung so ausfranst, an den Rändern so einreißt wie jetzt, dann kann man sie nicht gut archivieren. Aber was soll man machen. Und es gibt ja jetzt auch Internet. Ein Laminiergerät, laminieren für die Nachwelt, das wäre mal eine Investition, die das Stadtteilmuseum voranbringen würde. Aber sie haben kein Geld übrig für so was, und überhaupt, wenn, dann müsste sie sich drum kümmern, sonst macht es keiner.
Wo kam denn dieser bittere Gedanke jetzt schon wieder her? Nein, Marianne schneidet weiter, sie nimmt das ja niemandem übel, sie macht es gerne, aber Pause, das sollte sie eben auch mal wieder machen. Ohne ein Innehalten kommt man auch nicht wirklich weiter, aber es hilft schließlich nichts. Im Stadtteilmuseum ist man auf sie angewiesen, und das: nichts Neues eigentlich. Meistens ist es sie, die mehr gibt, das muss man einfach mal so sagen. Was sie ihr ganzes Leben schon gibt, damals für die Bewegung, dann im Ehrenamt im Obdachlosencafé, immer mit Günther, für Günther. Aber jammern, nein, das ist auch nicht ihre Sache. Mit dem Kotti ist es ja dasselbe: Sie erträgt das nicht nur, den Lärm, den Schmutz, ohne Murren, sie kümmert sich auch drum, von Anfang an schon, sie sorgt sich, vielleicht zu viel, aber so ist das eben, wenn man an etwas wirklich hängt.
Marianne schiebt die Brille höher auf die Nase und beugt sich über die Zeitung, schnipselt an der Kante entlang, die Werbung unten, die halbnackte Frau mit geöffnetem Mund, die hat sie weggeschnitten. Den Artikel streicht sie glatt, tut ihn zu den anderen. Lesen will sie ihn lieber nicht noch mal. Sie würde ja gerne sagen: alles Gerede. Und ganz sicher ist auch viel Gerede dabei. Aber dass da so viel kommt, immer wieder. Sie merkt das ja selbst. Merkt, wie die Angst sich einschleicht. Dabei ist sie ja wirklich, nein, ängstlich war sie nie.
Man darf natürlich auch nicht so viel nachdenken über diese Schauermärchen. Und wenn dann das Haus in den Dreck gezogen wird, da wird ihr ganz anders. Wie das schon wieder aussieht auf dem Foto. Ganz schlechter Winkel, das machen die doch extra. Das Kottbusser Tor wirkt irgendwie blutleer darauf. Sie weiß natürlich: Beton hat kein Blut. Aber eine Seele doch schon. Hat sie schließlich gehegt und gepflegt.
Marianne seufzt.
Nicht nachdenken, sonst kommt es zurück, das Unbehagen, leise schon lange nicht mehr. Lieber die nächste Zeitung. Berliner Zeitung, reißerische Überschrift, die Zeitungen werden sich auch immer ähnlicher. Aber vielleicht liegt das auch am Alter, also an ihrem, da wird ja alles ähnlicher über die Jahre, gleicht sich an. Neues muss auch erst mal geschaffen werden. Selbst wenn Günther ein halbes Kilo mehr, oder die Haare auf dem Kopf weniger, nur die auf der Brust nicht, die bleiben und bleiben, die auf dem Rücken werden sogar mehr.
Der Artikel über den Thüringer Wald, der dahinten hervorguckt, den will sie später noch lesen. Eine richtige Erholung ist das, immer wenn sie im Frühjahr die Fahrräder auspacken, raus aus der Stadt, wenigstens kurz. Dass Günther mittlerweile nur halb so viel schafft wie früher – geschenkt. Wenn er bloß nicht, wie letztes Jahr. Dieses Jahr nicht, Marianne, der Rücken, das Geld.
Aber den Berliner Mief wegatmen. Das ist doch auch wichtig. Den liebt sie ja, natürlich, da ist sie zu Hause, aber einmal im Jahr was Grünes, so richtig grün eben, nicht nur Schrebergarten von Freunden, und wenn die Sonne dann durch die Äste. Sie vermisst ja sonst nichts in der Stadt.
Der Küchenwecker klingelt. Herrje, gleich schon sechs?
Marianne faltet die Zeitung zusammen. Den Artikel über den Thüringer Wald legt sie nach links. Da muss Günther ihn gleich sehen, wenn er nach Hause kommt.
Jetzt aber schnell, heute ist sie dran mit Abendessen machen, Günther und sie wechseln sich ab, Gleichberechtigung, das war ihnen immer wichtig, und sie will heute Moussaka machen, das dauert so lange. Rasch noch die Kaffeekanne zurück in die Küche gebracht, ausgewaschen, ins Abtropfgitter gestellt. Die Schere ordentlich an den Haken und dann zurück ins Wohnzimmer, den Tisch abräumen.
Und noch einmal bleibt ihr Blick an dem Zeitungsstapel hängen, der Artikel liegt obenauf, der mit der Schreck-Überschrift.
Sie überlegt, dann lässt sie den Stapel liegen. Sie wird Günther später vorlesen, was sie schon wieder über den Kotti schreiben, dann hat sie das wenigstens nicht alleine im Kopf. Man muss nämlich aufpassen, dass der Kopf nicht zu voll ist mit so was: Sonst fehlt einem am Ende der Blick für die Wirklichkeit.
»Das Ergebnis ist ein städtebaulich reizvolles ›Mischprojekt‹, das bis 1974 verwirklicht sein soll. ›Wir wollen keinen Gewerbeklotz hinstellen, sondern planten nach dem Motto wohnen und arbeiten‹, erklärten gestern die für das Objekt verantwortlichen Geschäftsleiter. Angrenzend an die Skalitzer/Gitschiner Straße sollen – zum Teil in Hochhäusern – 300 familiengerechte Wohnungen, ferner 15000 Quadratmeter Gewerbefläche als ›Beletage‹ der Kreuzberger Industrie geschaffen werden.«
Der Abend, 3.12.1970
Mutlu steht im Flur, und die Jungs sind in der Schule. Wenn die Wohnung leer ist, flüstert sie. Der Wasserkocher geht manchmal von alleine an, ein Rauschen. Gaukelt eine Stimme dazwischen.
Mutlu steht im Flur, und am liebsten würde er das Licht gar nicht erst anmachen, aber dann findet er die Schuhe nicht. Als Ladenbetreiber muss er ordentlich aussehen. Aber dieser Spiegel, den sie damals im Flur hängen haben wollte. Ein riesiger Spiegel. Jetzt ist da der Spiegel, immer noch, und schaut zu, manchmal sieht man Aylin darin oder die Jungs. Früher standen sie nebeneinander vor dem Spiegel, und sie richtete seine Sachen. Sie wusste immer ganz genau, wie das aussehen sollte. Sie: Hier muss das Hemd rein, da raus, hier hochgeschlagen, da runter. Er: Wie du willst. Alles, wie du willst.
Was sieht der Spiegel jetzt? Einen Mann, einen Schatten, der sich selbst im Spiegel nicht mehr findet.
Am besten wäre, er würde den Spiegel zuhängen. Er tut es nicht, der Jungs wegen. Zwei Jungs sind es, keine Mädchen. Zum Glück keine Mädchen. Mädchen ohne Mutter sind wie Jungs ohne Mutter, nur noch komplizierter.
Mutlu weiß: So geht es nicht weiter. Es ist schon wieder ein Anruf aus der Schule gekommen. Burak geht nicht hin. Barış geht hin, aber, sagt die Lehrerin, er schläft. Der Junge schläft. Sie als Vater, Sie müssen.
Er muss zur Arbeit. Er muss die Planen, den Schlüssel. Die Bestellung. Seine Schuhe sind dreckig, aber außer Yussuf fällt das nie jemandem auf. Frühjahrsdreck, Schlamm, der wenige, der am Kottbusser Tor durch die Steine dringt. Anders kann er sich nicht erklären, wo jetzt schon wieder Dreck herkommt. Wenn es regnet, schwimmt der Platz.
Mutlu macht doch kurz das Licht an, zum Schuhebinden. Der Spiegel glotzt. Spiegel: Wo willst du hin, Mutlu? Mit solch einem verknitterten Gesicht? Zu vielen Nasenhaaren? So genau willst du nicht hinschauen, was?
Mutlu, den Schlüssel schon in der Hand:
Deine Augen, Hilal, sind wunderschön in diesem Licht.
Meine Geschichte hat zwei Väter.
Meine Väter: zwei weiße Männer. Saßen nachts in einem Zimmer, saßen tags in einem Zimmer, zwei Freunde vielleicht, es spielt keine Rolle. Wer gemeinsam so ein Kind zeugt, ist bald schon nicht mehr befreundet.
Ich war ein Wunschkind. Die Zeitungen schreiben heute etwas anderes, schreiben, ich sei schon hässlich zur Welt gekommen, oder tot, meine Väter: zwei Männer, die mit Bauklötzen spielten wie stumpfsinnige Kinder, die ihre Allmachtsfantasien in Papier gossen und dann in Beton, die sich dachten, sie wüssten, wie man Häuser schafft. Wie Menschen leben.
Aber zu Beginn: Man wollte mich, man lobte mich, man liebte mich. Man applaudierte, als sie mich präsentierten. Es waren viele Zuschauer gekommen, im Dezember 1970 in die Kneipe »Die kleine Weltlaterne«. Es wurde noch geraucht damals, die Luft war trübe, dazwischen glimmende Augen und Zigarettenenden. Man schrieb Artikel, in denen meine Geburt verkündet wurde. Man wartete auf mich, freudig. So war das.
So war das wirklich.
Aber das Happy End blieb aus. Die Vorfreude hat sich selbst gegessen und ist am Beton erstickt.
Ich wurde zu spät geboren.
Einfach beschissen ist das. Da hat er die ganze Einstellung fertig, und dann ist da an der Seite dieser Streifen Rosa. Dreimal hat er die Kamera jetzt schon ausgerichtet, mindestens. Das kann doch nicht so schwer sein, dass man nur ihn sieht und den weißen Teppich, genau bis zum Rand, nicht weiter, ohne rosa Wand. Wenn er das hochgeladen hätte – das Internet vergisst ja nie und so.
Wenn er Burak wäre, hätte er schon längst was wegen der Wand gemacht. Ist doch egal, wenn baba sagt, dafür ist kein Geld da und schon gar keine Zeit. Wofür hat der kleine Pisser denn seine tollen Kumpels? Wofür zieht der denn sonst kleine Mädchen ab?
Und jetzt hat natürlich er die Scheiße, weil er mit der rosa Wand arbeiten muss. Da bringt es auch nichts, dass Burak über das Rosa was drübergehängt hat und seine Fußballbettwäsche auf dem Bett darunter und der restliche Mist. Sieht man ja doch als Erstes das Rosa. Dabei ist das ein ganz simples Video, Bizepstraining, die Follower warten darauf, wenn er da erst die ganze Playlist vollständig hat, das ist nicht so ein Fit-in-den-Frühling-Scheiß, wie ihn dieser Justin macht, auf den alle so abfahren. Bei ihm sieht man wirklich, wie das geht. Und er labert auch nicht so dumm rum. Hundert Prozent Erfolgsgarantie, mindestens. Das sagt er in jedem Video. Ist ja auch wichtig, immer zu motivieren. Das hat er von Kaan gelernt. Da bleiben die Leute dabei. So gewinnt man Follower und Abos.
Jetzt hat er die Kamera endlich richtig ausgerichtet. Nervt natürlich, dass er so nah ranzoomen muss, damit man Buraks Wand nicht sieht. Da kommen die Armübungen nicht wirklich zur Geltung. Breite Schultern, dafür braucht er breites Format. Wieder etwas rausgezoomt, wieder rosa Ecke.
Barış weiß gar nicht, wie seinen Eltern das passieren konnte. Dass Burak ein kleiner Pisser wird und kein Mädchen, das hätte man doch schon im Bauch merken müssen. Bei ihm ist ja schließlich auch keiner auf die Idee gekommen, seine Seite rosa zu streichen. Aber Burak war ja eh so ein kleines Püppchen, als er zur Welt kam. Oh, ist der süß. Was für lange Wimpern. Scheiß lange Wimpern hatte das kleine verschlagene Ding.
Also noch mal, etwas zoomen, alles startklar, das rote Lämpchen ist an. Jetzt ist zwar was von seinem Bett auf der anderen Seite der Wand zu sehen, aber besser als Rosa.
Barış kämmt sich wieder durch die Haare, rückt die Kette zurecht. Ist die Beleuchtung korrekt? Ja, passt alles.
Was er jetzt macht, hat er noch nicht hundert Prozent drauf, aber er wird immer besser: gucken wie Kaan.
Aufgepasst, Leute, heute zeige ich euch –
Nein, das klang scheiße. Ist nicht einfach, den richtigen Ton zu treffen. Aber wenn man’s einmal raushat. Einfach lässig, einfach lässig gucken, Haare richten, Schultern nach hinten.
Hey Leute, heute zeige ich –
Hey Leute, ich bin Barış und voll die Schwuchtel, und ich zeige euch heute, wie ich meinen –
Verpiss dich, sagt Barış, aber Burak denkt gar nicht daran. Spastet auf seinem Bett rum und glotzt immerzu rüber. Hat sogar die Tür offen gelassen. Man hört, wie irgendwer im Hausflur einen Trolley über den Boden zieht.
Mach ruhig weiter, ich stör auch gar nicht.
Ich versuch, hier zu drehen, also verpiss dich.
Gib Kohle, dann geh ich.
Barış greift zur Hantel, der leichtesten, und wirft sie, na klar bringt das Armmuskeltraining was, ein schöner Bogen ist das, sie kracht auf das Bett, direkt neben Buraks Fuß.
Bist du behindert?
Burak hechtet rüber und versucht, ihm die Faust in den Bauch zu rammen, aber Barış kann niemand so leicht was. Er kennt Buraks Tricks. Hat er ihm doch selbst beigebracht. Damals, als er noch nicht so coole Freunde hatte, als er noch heulend auf seiner Mädchenseite saß. Und dann liegt die kleine Ratte schon mit dem Gesicht in den Teppichflusen.
Jetzt verpiss dich endlich.
Ich erzähl’s baba, sabbert Burak in den Teppich und strampelt ein bisschen, und Barış lässt los, und da rennt sie, die Ratte.
Baba, baba, jammert Barış in die Kamera.
Das rote Lämpchen blinkt noch immer. Barış muss seine Haare neu machen. Und wohl ziemlich viel rausschneiden. Toll, wenn er das heute fertigkriegen will, hat er jetzt echt Stress. Aber seine Follower warten zu lassen, das geht gar nicht, da verliert man sofort alle Abos. Weiß er auch von Kaan.
* * *
Stanca steht im Flur und weiß nicht, wie viel Uhr es ist. Die Uhr, die Küchenuhr, ist kaputt, stehengeblieben um drei Uhr fünfzehn in der Nacht, aber jetzt ist es hell, gleißendes Hell von draußen, und im Bad rauscht es.
Jonas hat die Badezimmertür nicht geschlossen. Wohl vergessen, das kleine, sorglose Jüngelchen. Bestimmt aufgewachsen irgendwo, wo man die Badtür offen lässt. Wo man den Vater und die Mutter nackt den Flur entlangwieseln sieht, die nackten Körper voller Stolz. Studierte Eltern bestimmt, so sieht das Jüngelchen aus. Aber selbst ganz große Augen, ganz große Ohren. Schleicht in der Wohnung rum, schleicht um alles herum und glotzt.
Vielleicht sind alle Männer so, bevor sie zu Männern werden. Erst alles glotzend in sich aufsaugen, und dann.
Entschuldigen Sie, wo ist denn das Klopapier?, fragt Jüngelchen.
Ob er auch ein großer Mann sein wird? Ein Mann, der ein Mädchen. Der ein Mädchen hierherbringt?
Alexandru hieß ihre erste Liebe. Auch noch ein Junge damals, auch so schlank, auch so glatte Haut, dunkle Augen, Zottelkopf, Segelohren zwischen den Haaren. Weil er Rumäne war, konnte das nichts werden. Und dann kam der Deutsche. Und dann kam Deutschland, Berlin. Das Kottbusser Tor, erst der Altbau, keine Toilette in der Wohnung, Putz, der bröckelte, Wände, die aussahen, als hätte da jemand. Und dann kam die Wohnung im NKZ, die richtige, die, in der sie sterben wird, wenn es so weit ist. Sie denkt: Wenn ihre Eltern sie früher besucht hätten, nicht erst nach der Wende, als sie schon hier wohnten, im Neubau, dem riesigen mit der frisch gekachelten Toilette, ein echter Luxus, mehrere Zimmer. Die Eltern hätten nicht so geguckt. Die Eltern hätten sich nicht so fremd gefühlt. Die Eltern wären vielleicht auch umgezogen, nach Deutschland Deutschland Deutschland, wären nicht wieder zurückgegangen ins Dorf in der Nähe von Hermannstadt, in dem sonst keiner mehr lebte, alle waren sie ja nach Deutschland gegangen und dort gestorben. Ein Schlaraffenland, hatte der Vater gesagt, das runzelige Gesicht noch verzogen, runzeliger geworden im Angesicht von diesem wunderschönen Beton, diesem Lebensbaum in der Mitte vom Kotti. Schlaraffenland. Mädchen, hier gehörst du hin, hier hast du es gut. Heinrich hatten sie umarmt. Und er hatte sie herumgeführt. Hatte ihnen ein Gästezimmer organisiert. Natürlich, bei ihnen in der Wohnung zu wohnen, das wäre nicht standesgemäß, das machen die Deutschen nicht. Sobald die Eltern weg waren, holte er ihn wieder heraus, den roten Pimmel, so viel Arbeit, leg dich hin, Sabinchen.
Stanca, du kannst mich duzen, sagt Stanca zum Jüngelchen. Dass der so höflich nach einer Rolle Toilettenpapier fragt. Herzallerliebst ist das, der Knabe, blond wie sie früher. Na ja, nicht richtig blond. Die werden ja auch immer brauner, färben sich passend zu Berlin. Genau wie sie, farblos ist sie geworden wie der Beton, den sie so liebte, damals. Neben, auf, unter dem sie sich von Heinrich lieben ließ, sie weiß gar nicht mehr, was sie sich gedacht hat, immer wieder, hach, hatte Heinrich da gelacht, mein kleines Sabinchen, da hab ich mir ja einen jungen Grashüpfer, so ein Mann wie ich.
Stanca, sagt Stanca, ich heiße Stanca.
Jüngelchen guckt ganz herzallerliebst, Grashüpfer, riesige Augen.
Bitte bitte, sagt Stanca, und: Da drüben sind sie. Da irgendwo.
Jüngelchen macht die Tür zu, diesmal richtig, sie hätte ja auch nicht gucken wollen, nicht bei so einem Jungen, wer ist sie denn. Ihre Zeit, längst vorbei. Älter als das Haus ist sie. Damit verwachsen. Wie ein Zehennagel eingewachsen, umschlossen von Haut, poröser Haut. Entzündete Zehennägel, an jedem Fuß hat sie einen. Zum Arzt ist sie ja nie gegangen.
Stanca steht im Flur und weiß nicht mehr, welcher Tag heute ist. Ach doch, ein Klopfen geht durchs Haus, langsam wie der Herzschlag. Heute ist Versammlung.
* * *
Heute ist sie ganz merkwürdiger Stimmung. Irgendwie grau, aber nicht mal das richtig, eher unentschlossen, als wäre selbst diese trübe Farbschicht nur oberflächlich aufgetragen, ist doch eh alles egal, so fühlt sich das an, scheiß auf jede Farbe, obwohl doch sonst alles Sonne ist und blau, Schwäne glücklich im Kanal, nicht am Rand. Am Rand dafür viele Touris, halbnackte Typen, irgendwo ein Ghettoblaster. Sogar die Omas, die mittags im Rewe einkaufen, waren besser gelaunt als sonst, minimal zumindest.
Ist vermutlich so, weil sie heute nicht in Onkel Mutlus Laden gearbeitet hat, sondern nur im Rewe. Da piept es ja ganz anders, und andauernd kriegt sie Telefonnummern von irgendwelchen Hipstern zugesteckt, auf Kassenbons geschrieben und einmal sogar auf eine Packung Deutsches Rind. Sonst käme sie ja auch nicht dazu, ab und an mal woanders zu übernachten. Weg von Onkel Mutlu und den vielen Augen, die im Haus aus den Wänden starren. Aber nach den ersten Dates wird es immer schnell langweilig, darum macht sie so was nicht oft.




