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Aber so: An den Tagen, an denen sie nur im Rewe arbeitet, fehlt einfach was. Und da kriegt sie dann gleich so eine Wut, wenn am Kanal jemand denkt, er müsste mit seinem Ghettoblaster alle im Umkreis von tausend Metern mitbeschallen. Und dann fängt auch noch irgendein Volldepp an, Saxofon zu spielen. Aber selbst ihre Wut ist ja trübe. Irgendwo reinschlagen wäre jetzt gut, aber den Arm dafür heben: keinen Bock.
Wenigstens ist Burak nicht am Kanal, zumindest hört sie nirgendwo seine Stimme, oder sie überhört sie wegen des Saxofons. Dafür kommt ihr schon wieder so ein Milchknabe entgegen, gemächlicher Schritt in seinem Hipster-Parka, bleibt viel zu lange an ihr kleben mit seinem Blick. Dann erst sieht sie den Kinderwagen. Ach nee. Kind haben und dann trotzdem so gucken. Schaut zu ihr hin und dann wieder weg, während die eine Hand den Kinderwagen schiebt, als wäre der nur ganz zufällig da. Aus dem Kinderwagen ragt steil ein Bein heraus, auf dieselbe Art einfarbig und glatt, wie nur Kinderbeine es sein können, oder Schaufensterpuppen.
Der Typ ist fast bei den Stufen, der Fußweg dort ist eng. Aylin geht etwas schneller, will vor ihm da sein, ein paar Äste knacken. Sie kann jetzt als fleischiges, rosa Etwas ein Gesicht hinter dem Netzstoff des Kinderwagens erkennen.
Der Typ bleibt stehen, genau da, wo der Weg am engsten ist. Vorbei kommt sie jetzt nicht mehr.
Bleibt sie eben auch stehen, patt. Die Reifen des Wagens kratzen auf dem Boden herum, kratzen sich bedrohlich ihrem Fuß entgegen.
Hallo, sagt der Typ. Guckt immer noch so komisch. Er lässt sich Zeit beim Gucken, erst ihren langen, offenen Mantel runter, dann hoch. Dann zu seinem Kinderwagen zurück, als fiele ihm der erst jetzt wieder ein. Das Kind schweigt und glubscht daraus hervor wie eine Porzellanfigur.
Süßes Kind, sagt Aylin. Total schnuckelig.
Ja, äh, sagte der Typ, blonde Fussel von Bart sorgsam über das Gesicht verstreut. Das Kind, eigentlich eher Baby, hinter dem Sichtschutz bläst die Backen auf.
Tja, sagt Blondie.
Tja, sagt Aylin. Bisschen eng hier.
Also wenn ich dann –
Der Junge deutet an ihr vorbei.
Aha, na klar. Als ob sie jetzt zur Seite treten würde. Nee. Aylin rammt die Beine in den Boden.
Weißt du, sagt sie. Ich bin ja selbst, nun ja. Sie fasst sich an den Bauch, streicht einmal darüber, wie man das so macht. Der Typ checkt das natürlich nicht, muss mit seinem Blick erst ein paarmal ihrer streichelnden Hand folgen, hoch und runter, jedes Mal glotzen seine Augen etwas mehr heraus.
Ah, sagt er dann. Oh.
Ich überlege, ob ich – na ja. Ist ja schon schwer, eine Entscheidung. Man könnte es bereuen, wenn man das jetzt. Ist ja schon süß, also so ein – haaach, ich weiß doch auch nicht, was ich –
Ich wusste gar nicht, dass –, sagt der Junge und schaut zu ihrem Bauch unter dem Mantel, dann hoch bis zum Hals, wo der Mantel eine Naht zu ihrem Gesicht bildet, dann wieder zurück auf ihren Bauch.
Also, dass man das bei euch. Dass das erlaubt –
Ja, sagt Aylin. Ihr Bauchstreicheln hat wohl etwas Hypnotisches. Selbst das Baby stiert ohne Wimpernschlag durch den Netzstoff.
Dürfte ich vielleicht mal, fragt Aylin und deutet auf das Netz.
Oh, sagt der Junge. Äh.
Nur um zu schauen, wie –
Ja, sagt er. Ja klar.
Das königliche Baby trägt einen Baumwollstrampler und ein kleines Mützchen, das ihm wie eine Bratpfanne auf dem Kopf sitzt, und sabbert ganz unköniglich. Der Junge hält es ihr hin mit ausgestreckten Armen. Das Baby baumelt daran und sagt nichts. Lässt nur die Beine hängen. Dann sperrt es doch den Mund auf, gähnt.
Aylin stopft sich das Baby in die Armbeuge, wiegt es hin und her. Wow, sagt sie. Was da alles dran ist!
Stimmt aber auch wirklich. Und schwer ist das Ding. Dabei aber irgendwie leblos, wie ein Fleischsack, warm zwar und mit beweglichen Knochen, aber ohne Sinn.
Ja, haha, sagt der Typ und streicht sich über den Bart. Nicht mal ein Knistern macht das wie bei einem richtigen Bart. Er kratzt sich hinter den Ohren. Noch blitzen seine Augen.
So mit allem Drum und Dran, sagt sie. Fantastisch!
Der Typ hat sich an ihr festgesaugt mit den Augen, oder an dem Baby, wer weiß das schon.
Aber braucht man das alles?, fragt Aylin.
Wie, äh?, sagt der Typ.
Na ja, gehen kann es ja ohnehin nicht oder, da sind doch die Beine im Großen und Ganzen. Kann man die abschrauben, ich meine, bis sie gebraucht werden?
Ah, haha, sehr witzig, sagt Blondie und lacht hysterisch. Ja, also ausprobiert hab ich’s nicht, aber meine Freundin, also vielleicht, haha, abschrauben, witzig.
Sehr süß, sagt Aylin.
Die Augen vom Baby sind groß und viel zu farblos.
Und jetzt mach mal Ah, sagt sie zu dem Baby. Ah! Aylin bleckt die Zähne.
Das Baby spielt mit und sperrt den Schlund auf.
Äh, sagt der Typ.
Jetzt ist er also da, der Punkt, auf den Aylin gewartet hat. An dem die Stimmung kippt.
Die Augen fallen dem Typ fast heraus aus dem weißen Gesicht. Also ich muss dann, sagt er, tritt unbehaglich einen Schritt nach vorne.
Ja, du hast aber einen Riiiesenmund, sagt Aylin zum Baby. Was da alles reeeinpassen würde.
Das Baby lacht keckernd. Im Babyschlund sind keine Zähne. Fleischig ragt nur ein Vorsprung hinein, wo die mal rauswachsen sollen, eine fleischige Düne vor schwarzem Abgrund. Baby strampelt im Arm, will näher ran an sie mit seinem Schlund. Aylin lässt das Baby in ihren Armen wackeln. Das Baby kreischt vor Vergnügen.
Der Blonde guckt wie ein Fisch.
Aylin lässt ihn noch kurz zappeln. Dann sagt sie:
Hier hast du’s wieder, und drückt dem Typen das Baby in den Arm. Muss los.
Sie lässt sich Zeit, sie spürt genau, wie sein erschrockener Blick ihr folgt. Der Dramatik wegen lässt sie ihre Haare ein wenig im Wind flattern. Sonne auf offenen Haaren, mit diesem Blick dran.
Mehmet sagt ja immer: Wenn du so was machst, Aylin, kriegst du das früher oder später zurück. Aber wenn sie Mehmet das von grad eben erzählt, der lacht sich tot.
Sie muss sich nicht umdrehen, sie weiß auch so, dass Bübchen glotzt, bis sie hinter dem nächsten Busch verschwunden ist. Gleich schon viel besser so ein Tag.
Aylin atmet Straßenluft und lacht.
* * *
Barış zoomt. Ist gar nicht so einfach durch das Fenster. Über die Balustrade hinweg. Vielleicht sollte er rausgehen, sich direkt dort hinstellen. Andererseits, am Ende kommt noch irgendein Spacko auf die Idee, ihm die Kamera abzuziehen. Für die hat er lange genug gespart. Okay, war nicht alles gespart. Er weiß ja, wo Aylin ihr Geld versteckt. Wird er natürlich zurückzahlen, Ehrensache. Wenn das YouTube-Geld kommt, das erste. Wenn er Anzeigen schalten kann, Product Placement. Wenn er 100 000 Klicks hat, oder so, so wie Kaan. Wenn er ein Eightpack hat. Ein bisschen was sehen kann man ja schon.
Barış zoomt ran, erst auf den Alki, der schon wieder auf dem Dach der Bushaltestelle steht und rumgrölt, sein Bier auf Touris runterschüttet, die zurückweichen und dabei so tun, als mache ihnen das nichts aus. Nein, wir machen hier nen Bogen, weil wir sowieso lieber woanders langlaufen wollten.
Haha, Story.
Aber den Alki hat er schon mal hochgeladen, kam nicht so gut an, ist ja im Grunde genommen auch langweilig, wie der da oben rumspastet. Einmal hat er auf die Bushaltestelle gekotzt, die Kotze lief am Glas runter, bröckelige Bahnen, das hatte schon was. Geile Optik, hatte jemand in die Kommentare geschrieben, gerade mit den Stücken an der Parship-Werbung.
Barış zoomt direkt auf Buraks Hinterkopf vor den Hinterköpfen seiner Loserfreunde. Wie die da rumlungern, direkt in der Nähe von irgendwelchen Touris. Manchmal geht einer aus dem Pulk von Buraks Freunden hinüber, redet mit den Hipstern. Aber es passiert nichts.
Wenn nicht bald was passiert, wird das schon wieder kein guter Content. Genau wie das Video vorhin. Hat er immer noch nicht hochgeladen. Rosa Wand und so. Eh egal.
Barış filmt näher an Burak ran und wartet.
* * *
Ario mag das Gefühl, wie die Junkies zurückweichen, wenn er kommt. Tun die eigentlich bei keinem, außer bei der Polizei, ansonsten: stehen da und sabbeln ganz selbstvergessen ihre Geschichten in ihre Gesichter hinein. Dass man daran die Junkies erkennt, das wusste er schon als kleiner Junge. Auf die Wangenknochen muss man achten. Wusste er, bevor er überhaupt wusste, dass das so heißt: Wangenknochen.
Warum bei ihm, weiß er nicht. Merken wohl, dass ihm keiner dumm kommen kann. Dass er schon alles gesehen hat. Hat er natürlich nicht, aber ist egal, kommt drauf an, wie man wirkt. Weitere Lektion seines Lebens: Kommt immer drauf an, wie man wirkt.
Ario steht auf dem Platz, und die Sonne scheint, nur irgendwie hier nicht, Wolke überm Kotti. Ist grell trotzdem, graues Grell, spiegelt sich tausendfach im Beton. Beton ist sein Element. Grau und Beton, das ergibt eine Wörterreihe: grau, Beton, Ario. Ach Quatsch, Alphabet: Ario, Beton und so weiter. Alphabet, da denkt er immer an seine Grundschullehrerin, die einzige, die er noch vor Augen hat, Knoten am Kopf hinten, Brille ohne Rand, weiche Hände auf seinen Schultern. Wörterreihen schreiben, Schönschrift. Ario, Ario, Ario, Beton, Beton, Beton, Cent, Cent, Cent, Dach, Dach, Dach, Elektrozaun, Elektrozaun, Elektrozaun, Flur, Flur, Flur, grau, grau, grau.
Die U-Bahn reihert massenweise Touristen auf den Platz, und trotzdem war er heute noch nicht erfolgreich. Er hat kaum Geld übrig. Die letzten Tage, ein Jammertal. Da hat auch die Aspirin aus dem Café nicht geholfen. Die Ehrenamtliche hat ganz erschüttert geguckt. Wie siehst du denn aus? Soll ich den Arzt?
Bloß nicht, nein, nein, nicht so schlimm, hat er gesagt. Bin das ja gewohnt. Die schluckt echt alles. Nie ist er krank gewesen. Mal abgesehen von dem einen Besuch in der Psychiatrie. Emmendingen. Der ganze Ort ist eine Psychiatrie. Erinnert sich an die weißen Gänge. An das Geschrei nachts am anderen Ende des Korridors. Irgendein Schizophrener. Jesusfantasien in der Mittagspause. Das ist der Herr Jesus, hat seine Mutter mal zu ihm gesagt, Kindheit, Kirche, Kruzifix, ein Holzjesus an der Wand. Das ist der Herr Jesus, genau in diesem Ton, eins der wenigen Dinge, die die Mutter mal gesagt hat und die er noch weiß. Und beim Mittagessen kamen zu ihm dann die Schizophrenen, auserwählt von Jesus, von Maria. Lange weiße Gänge, durch die die Erwählten schlurften, eine Reihe von Heiligen, braune Pantoffeln. Spitze Schuhe durfte man nicht tragen.
Gab eine hübsche Doktorandin in Emmendingen, immerhin. Blond, Grübchen in den Wangen. Einmal hat er sie in den Arsch. Hat sie aufgequiekt. Hat ihm fast eine gescheuert. Aber hat sie dann doch nicht gemacht, sah nur die kleine Hand zucken und der Mund, ein O. Ihm hat noch keine was. Dafür kann er zu gut zwinkern. Ups, ein Versehen. Hübsche Augen hast du.
Setz dich, Ario, hatte die Ehrenamtliche gesagt, ihn an der Schulter auf den Stuhl gedrückt. Setz dich, ich hol dir ein Glas Wasser.
Hatte die Aspirin für ihn drin aufgelöst, ihm Tee gebracht. Da war er natürlich schon weg. Hat nur von der Tür aus gesehen, wie sie dastand, den Pony vorm Gesicht, gebeugt über eine Schüssel, in die sie die Zitrone ausdrückte. Ein paar Kerne flutschten rein, und sie schaute, ob jemand hinguckte, dann pulte sie die Kerne aus der Schüssel heraus mit ihrer bloßen Hand. Dummes Ding. Aber niedlich.
Vor ihm unterhalten sich drei Engländer. Ario glaubt zumindest, dass es Engländer sind. Klingen so und sehen außerdem nicht dumm genug aus für Amerikaner. Andererseits, diese Frisuren. Fuchteln mit ihren Smartphones rum. Plötzlich hat er keine Lust mehr. Geht er sich eben bei Wolfgang durchschnorren. Den hat er auch schon eine Weile nicht gesehen. War ja ewig ausgeschaltet von der Krankheit. Oder was das war. Verschimmelte Paprika, pah, das hat ihn noch nie.
Ario will sich umdrehen, da sieht er ihn plötzlich, den Engel. Oder zumindest glaubt er das. Er hatte ja Fieber. Hat gedacht, er träumt. Kann sich an das Gesicht jetzt erst erinnern, wo er es sieht. Sonst: schwarze Fläche. Kennt nur noch die Stimme. Aber sie sagt ja gerade nichts, ihr Schritt ist schnell. Wird von allen angeglotzt.
Ario beschleunigt seinen Schritt. Ignoriert sogar das Smartphone, das dem einen Engländer keck aus der Arschtasche linst.
Wo will sie denn so schnell hin? Würde ein Engel nicht fliegen? Genau, flieg, Engel, flieg über das Kottbusser Tor, diesen Riesenklotz, dieses herrlich schwarze Loch von Berlin.
Dass Engel immer da sind, wo man sie nicht erwartet. Gab’s doch in Freiburg auch manchmal. Ein Lichtschimmer hier, und die dummen Studenten da, die ihr Mensafutter immer nicht schafften. Dabei ist das doch, diese kleinen Studentenmägen, von ihren Mamis zu Walnussgröße zusammengeschrumpft. Da passt nur Müsli rein. Hat Alnaturagröße.
Da hat er sich immer hingesetzt an die gedeckten Tische, wo noch die halbvollen Teller standen, und ordentlich zugelangt.
Der Engel geht tatsächlich zum Museum. Was er da will? Das Haar glänzt so schön. Links und rechts vom Eingang Müll. Im Museum war er auch schon. Klar war er da, gleich als Erstes, als er angekommen ist. Heimat ist immer da, wo man informiert ist. Über die Gegend. Und wo man weiß, wo man Wasser, Essen herkriegt, wo man ficken und schlafen kann.
Ario wartet vor der Tür. Will sie ja nicht verschrecken. Aber sie kommt nicht wieder hinunter. Kommt nicht rausgeflattert. Da oben ist irgendwas. Andauernd läuft wer an ihm vorbei, durch die Fenster des Glasturms sieht man sie die Treppe hinaufschnaufen. Das könnte sich lohnen. Drei fette Männer verschwinden in der Tür. Wo Menschen sind, da ist Geld, da ist Dummheit. Matheunterricht, weiß er auch noch: Menschen wachsen linear, Geld und Dummheit exponentiell.
Ario spuckt auf eine Taube und hält mit einem Zwinkern einer alten Trulla die Tür auf.
* * *
Mutlu macht sich auf den Weg.
Flur: oben kaputte Rundglaslampe, staubig, von unten sieht man mit verzweifelten Flügelschlägen Fliegen oder Motten oder Mücken gegen das Gehäuse klatschen. Surrende Geräusche, kaum wahrnehmbar, dazu sein eigener fester Schritt. Mutlu bleibt stehen. Seine Schritte verstummen. Das Sirren bleibt. Er hat vergessen, die Wohnungstür abzuschließen.
Tür: noch immer der Fußabtreter, das Willkommen, voller Flecken schon. Vages Licht darauf. Am Gangende die Fenster: schmierig, ölig, Blick auf das Kottbusser Tor. Kottbusser Tor, Kotti.
Gut sichtbar auf dem Platz die Jungsgruppe, Burak irgendwo darunter. Die Dämmerung hat noch nicht einmal begonnen, und trotzdem blinken schon die Werbetafeln, die Anzeigen. Sonne, Sterne, Mond überm Kotti. Das Licht auf den Köpfen der Jungs.
Mutlu steht da und hat einen Moment vergessen, wohin.
Warum will ein Mensch sich selber quälen?
Mutlu hat damals gleich das Bad herausgerissen, die Kacheln, jetzt hängt dort Elektromüll aus den Wänden. Den Rest hat Mutlu so gelassen. Die ganze Wohnung ist ein Museum. Nur Barış und Burak, die altern, die werden immer älter, die verweigern sich dem Museum. Sind keine Exponate. Lassen sich nicht abstauben.
Neulich ist Mutlu nachts aufgewacht, weil sein Penis unter der Bettdecke hart geworden war, nach oben stakte. Er hatte dagelegen und sich nicht bewegt. Am nächsten Morgen ist er wieder zur Arbeit gegangen. Cemal hatte die Warenbestellung in den Sand gesetzt, und es gab schon wieder zu viele Aprikosen.
Die Versammlung fängt in zehn Minuten an, und Mutlu dreht den Schlüssel im Schloss. Er hat sich einen Zettel geschrieben, damit er nicht vergisst, was er sagen will. Den Stift hattest du immer im Schlafzimmer aufbewahrt. Weil Mutlu vergesslich ist. Lesen macht ihm Freude, aber zum Schreiben fehlt ihm meistens die Lust.
Bei meiner Grundsteinlegung war alles schon vorbei. Dabei war das Wetter so schön. Wo ich hinsollte, war ein Loch.
Schon wieder kamen Journalisten, aber diesmal hatten sie keine freudige Aufregung zu verbreiten, keine Utopie, sie sperrten ihre kleinen rosa Münder auf stattdessen, und die Sätze hatten sie schon vorgeschrieben, zu Hause in der Redaktion.
Man würde die Einwohner verdrängen! Luxus hieß es erst, dann Sozialwohnung. Ein Investor war dick, einer dünn. Man konnte Geld anlegen in mich. Die schöne Altbausubstanz, heulten die ersten. Dabei hatte Willy Brandt zehn Jahre zuvor noch unter Jubel verkündet, man dürfe kein Geld mehr investieren in überalterte Gebäude. Neu, macht neu, Genossen!
Das alles – das hatte nichts mit mir zu tun!
Man stopft Geld in etwas, immer mehr, und dann ärgert man sich, wenn unten Kacke herauskommt. Ich war ein Baby. Man hätte es wissen müssen: Mein Stillstuhl war aus Beton.
Die Stühle stehen richtig, Marianne ist zufrieden. Sind die Mikrofone eingeschaltet? Ja, die Mikrofone sind eingeschaltet. Wunderbar, wie das heute funktioniert, die Zusammenarbeit im Stadtteilmuseum. Das ist natürlich nicht immer so. Aber wenn es mit dem Kotti so schwierig ist, muss man zusammenhalten, irgendwas muss man schließlich tun dagegen, gegen die eigene Angst auch. Die wird ja gefüttert von Einsamkeit und Nichtstun. Hat sie neulich zu Günther gesagt: dass wir da jetzt eben alle zusammenhalten müssen.
Ob Günther zugehört hat? Das fragt sie sich in letzter Zeit häufiger. Manchmal schaut er einfach so vor sich hin. So wie jetzt. Er kommt ja immer, zu jeder Veranstaltung, zu jedem Bürgergespräch. Aber dann sitzt er da und hat so glasige Augen. Früher hätte er das nicht auf sich sitzen lassen, dass die ganzen Türken das Wort an sich reißen, die Versammlung dominieren. Wollen immer allen ihre Geschichte erzählen, wie schlecht es ihnen geht. Dem Handel. Die Verdrängung.
Da regt sich Günther ja schon drüber auf, abends dann aber erst. Was sollen wir denn da sagen? Werden wir etwa nicht verdrängt? Gab’s hier nicht früher auch ein paar Läden, weißt du noch, die Metzgerei, andere, bevor die Gemüseläden kamen? Riecht unser Fahrstuhl nicht auch nach Pisse? Und was sollen wir überhaupt mit dieser ganzen komischen Spitzpaprika? Wo ist die gute alte Paprika, die runde, hin? Wohl zu fein für die alte, immer neu, immer schick, und dann aber im Fahrstuhl in die Ecke spucken. Und dieser Uringeruch überall. Und vor allem im Fahrstuhl. Was man selber halt nicht braucht, bei sich hui, bei anderen pfui.
Ach Günther, sagt sie dann. Jetzt reg dich nicht so auf. Wir haben doch hier ganz andere Probleme. Und überhaupt: benutzen doch alle denselben Fahrstuhl.
Aber recht hat er ja, zumindest teilweise, auch wenn sie das jetzt nicht so negativ sehen würde. In Kreuzberg, da hat sich eben einiges verändert. Manchmal weiß sie schon gar nicht mehr, wie es früher war, so anders ist es jetzt. Aber da hilft ihr die Arbeit im Stadtteilmuseum, da sieht sie Bilder, ein ganzes Archiv voller Bilder, als schon blass gewordene Erinnerungsstützen für ein fast vergessenes Damals. Neulich erst hat sie darüber nachgedacht und eine Liste erstellt. Nicht in echt, also drüber nachgedacht hat sie schon. Einfach mal mehr aufschreiben. Die Liste gibt es bisher nur in ihrem Kopf, vorerst sozusagen. Aber ordentlich angewachsen ist sie bereits, ewig könnte sie Sachen aufzählen. Zum Beispiel.
Was es früher mehr gab als heute: Wurststände waren anders, weniger Engländer, aber auch generell weniger Menschen, vor allem weniger Kinder und ganz vor allem weniger Jungen, Fässer zum Drauflehnen vorm Imbiss, nicht so schicki Alutische, Holzrollläden vor den Läden, nicht elektrisch. Straßen schmutziger und leerer, alles hatte mehr Platz: der Ort und die Menschen, und dann kam der Beton. Und die Türken hatten damals auch noch vollgestopfte VW-Busse, vollgestopft bis oben hin, und auf dem Dach die Koffer festgeschnallt für den Urlaub, das sah immer lustig aus und irgendwie heimelig, nicht wie jetzt glänzender Mercedes, hup hup, und dann ab mit Easyjet in den Urlaub.
Das Mikrofon knackt, die Bezirksbürgermeisterin hustet hinein, Günther schweigt.
Ach, da ist ja Mutlu, der Gute. Sitzt wie immer hinten, starrt auf einen Zettel. Sie darf nicht vergessen, wieder etwas zu essen vorbeizubringen. Einen Kuchen vielleicht. Himbeerschmand, den mochte er gern. Nicht dass er das gesagt hätte. Aber er und die Jungs, alles verputzt haben die, bis auf den letzten Krümel.
Die Meyer-Bonscheidt macht die Anmoderation, in der Hand Mariannes Artikel. Schon jetzt, du lieber Himmel, dermaßen ausgefranst. So ein Laminiergerät, das wäre wirklich eine sinnvolle Anschaffung. Gerade wo nun ständig solche schrecklichen Artikel, eine regelrechte Welle ist das ja. Das wird in ein paar Jahren wieder keiner glauben, was da los war. Hoffentlich zumindest, also wenn es dann wieder besser ist, denkt Marianne. Ob es das wird, kann man natürlich nie genau wissen, nur vertrauen, darauf vertrauen, dass es immer wieder besser geworden ist, in all den Jahren.
Jetzt liest Meyer-Bonscheidt die schlimmsten Zeilen vor, hat Marianne extra angemarkert. Das war kein Spaß, das alles noch mal zu lesen. Da wird selbst Günther unruhig, das lässt keinen kalt. Vorne lacht jemand. Sie beugt sich vor, um zu sehen, wer da so blöd. Aber ist natürlich doch nur irgendein Punk. Dass die zum Bürgergespräch immer aus ihren Löchern gekrochen kommen. Für solche aus der Zeit Gefallenen, nein, extra in die Zeit Hineinstochernden, hat sie ja kein Verständnis. Damals, klar, wer da kein Punk war. Da hatte sie ja durchaus auch, ach, und Punkrock, was haben sie und Günther getanzt.
Jetzt hustet der Punk extra laut, damit man nicht hört, wie Meyer-Bonscheidt die Diskussionsfragen verliest.
Aus den Augenwinkeln sieht sie Aylin, die an der Wand lehnt. Dabei sind doch noch Stühle frei. Das macht so eine unangenehme Atmosphäre, wenn so viele Leute an der Wand herumlungern. Aylin ist nicht die Einzige, die sich nicht hinsetzt. Sind immer junge Leute, die lungern.
Aylin trägt heute kein Kopftuch. Versteht sie auch nicht, nach welchem Muster Aylin das an- und auszieht. Mit zwölf ungefähr, da hat sie das das erste Mal bei ihr gesehen. War bestimmt der Einfluss der Mutter. Sind ja immer die Mütter, die religiösen. Das war bei ihr damals nicht anders, da will sie ja auch gar nichts gegen sagen.
Setz dich zu mir, winkt Marianne. Aylin schüttelt den Kopf, verschränkt die Arme. Dem Mädchen ist auch nicht zu helfen. Marianne möchte seufzen, lässt es sein. Die Diskussion beginnt.
* * *
So viele Menschen, die hier zusammenhocken, so viele Geldtaschen. Unruhe, die sitzt mit den Körpern auf den Stühlen fest, lässt die Beine wippen. Versteht er ja. Wenn einer Unruhe versteht: dann Ario.
Vorne sprechen Leute ins Mikro, es knackt und rauscht und knackt. Klingt wie Knochenbrechen, so ein Mikro. Manche Knochen brechen leichter, seine sind aus Stahl. Harten Untergrund ist er gewohnt. Die Beleuchtung ist komisch. Alles ist gelb. Durchdringend gelb, die Gesichter sehen gleich aus, die Mäntel gleich, im Frühling noch Mäntel, da stecken die besonders Dummen ihre Geldbeutel vorne in die Taschen.
Seinen Engel sieht er nicht, sosehr er sich auch anstrengt. Also erst mal setzen. Ist ja auch nicht ganz uninteressant, was hier passiert.
Worum geht’s denn eigentlich, fragt er die blonde Dicke neben ihm, pscht, sagt die blonde Dicke, und vorne redet tatsächlich eine andere blonde Dicke in das Mikro. Knack knack, ihre Stimme ist viel zu laut, in den vorderen Reihen gibt es schon wieder Unruhe, geht durch die Menge wie Wind durch ein Feld. Dass ihm noch immer so ländliche Vergleiche einfallen. Da merkt man den Landknaben, irgendwo tief innen drin. Das ist sein Liebstes, wenn in Berlin was aussieht wie Wind, der durch Felder kämmt. Gibt ja auch überall Wind. Wie schnell er als kleiner Junge war. So schnell kann er jetzt nicht mehr rennen, durchs Feld, dem Wind hinterher. Am Weiher entlang, in den Weiher, hinein in die Mückenlarven. Neulich wär’s besser gewesen. Dann hätte er gar nicht erst aufs Revier. Aber ach was, einmal kurz geblinkert mit den Augen, dann geht es ja auch so.
Vorne brüllt einer rum: Was macht denn die Polizei hier?, was macht denn die Polizei hier?, das hier ist ein Bürgerdialog!
Eine blonde Dünne auf dem Podium guckt ganz böse. Ach, eine Politesse. Heute mal in Zivil unterwegs. Oh, und da ist er ja, sein Engel. Lacht jetzt gerade, süßes Lachen, irgendwie feist im sonst so zarten Gesicht, gar nicht nett, wie sie jetzt so vor sich hin grinst, während doch die blonde Politesse da vorne fast zu weinen anfängt.




