Didaktik und Neurowissenschaften

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3.1 AufmerksamkeitAufmerksamkeit in Pädagogik und Hirnforschung
„Die AufmerksamkeitAufmerksamkeit ist für die Erziehung ein so wichtiger Gegenstand, dass ihr eine ausführlichere Betrachtung muss gewidmet werden“ (vgl. Herbart 1841: 49). Dieser Aussage des deutschen Pädagogen und Philosophen Herbart (1776–1841) werden sicherlich ebenso viele Praktikerinnen und Praktiker wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen zustimmen. Umso interessanter ist es, dass der pädagogisch-didaktische Diskurs zum Thema Aufmerksamkeit, der bis in 19. Jahrhundert intensiv geführt wurde, bis zum 21. Jahrhundert zum Erliegen gekommen war (vgl. von Stechow 2015). Teilweise mag das darin begründet liegen, dass die bis zu dem Zeitpunkt erarbeiteten Konzepte der Praxis ausreichende Orientierung boten, teilweise auch daran, dass veränderte Unterrichtsformen den Blick auf andere Aspekte des Lernens lenkten.
Inzwischen ist der Bedarf, sich mit dem Thema AufmerksamkeitAufmerksamkeit zu beschäftigen, wieder angestiegen, insbesondere im Zusammenhang mit zunehmenden Klagen aus der Praxis über mangelnde Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsprobleme vieler Schülerinnen und Schüler. Während im 19. Jahrhundert „die Herstellung von Aufmerksamkeit und Disziplin im Klassenzimmer als originäre pädagogische Aufgabe angesehen wurde“ (von Stechow 2015: 11), wird Aufmerksamkeit bzw. Unaufmerksamkeit in der aktuellen Debatte „als die in der Disposition der Person verankerte Antwort auf Erscheinungen des modernen (Großstadt-)Lebens“ (Reh 2015: 71) verstanden. Dabei stehen der medizinische Diskurs und als Reaktion darauf der gesellschafts- und kulturkritische Diskurs im Vordergrund. Zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der beiden Richtungen sowie auf der Seite der rezipierenden pädagogischen Fachkräfte sind im Laufe der Zeit einige Irrtümer und Missverständnisse entstanden, die dem Dialog und der Nutzung der Erkenntnisse der unterschiedlichen Disziplinen zur Erlangung eines vollständigen und ganzheitlichen Bilds des Phänomens Aufmerksamkeit im Wege stehen.
Gemäß ihrem Auftrag beschäftigt sich die Medizin mit Diagnose und Therapie von Erkrankungen. Daher kann es nicht verwundern, dass in der Medizin im Hinblick auf die AufmerksamkeitAufmerksamkeit Untersuchungen zum Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHSAD(H)S, früher Hyperkinetisches Syndrom HKS) einen Schwerpunkt darstellen und diesem Syndrom ein Krankheitswert zugeschrieben wird. Auch aus neurowissenschaftlicher Sicht sind Studien und Erklärungsmodelle zu ADHS äußerst interessant. Die Untersuchung von ADHS eröffnet die Möglichkeit, neuronale Grundlagen eines wichtigen Aspekts von Aufmerksamkeit zu untersuchen, nämlich die Grundlagen der bewussten Aufmerksamkeits- und Handlungskontrolle. Selbstredend sind dabei neuronale und neurophysiologische Aspekte von ADHS der Untersuchungsgegenstand, etwa die Verbindungen zwischen Nervenzentren und die Rolle neuronaler Botenstoffe für die funktionierende oder eben nicht funktionierende Aufmerksamkeitskontrolle. Dabei werden auch die genetischen Grundlagen dieser neurobiologischen Prozesse einbezogen.
Ein erstes, grundlegendes Missverständnis besteht nun darin, dass angenommen wird, medizinisch-neurowissenschaftliche Studien und die daraus erwachsenden Erklärungsmodelle für Erkenntnisse zu ADHSAD(H)S könnten als Erklärung für alle Formen von Unaufmerksamkeit und Desinteresse bei Schülerinnen und Schülern betrachtet werden. Das ist sicherlich nicht der Fall. In medizinischen Kreisen wird nicht übersehen, dass vielfältige andere Ursachen körperlicher und nichtkörperlicher Art Unaufmerksamkeit hervorrufen können (z.B. Schlafmangel, Fehlernährung, psychische Erkrankungen, Störungen der Schilddrüsenfunktion, Schädel-Hirn-Traumata, psychische Traumata, mangelnde Motivation, psychische oder familiäre Belastungssituationen, Mobbing).1
Das zweite Missverständnis entsteht, wenn man die oben beschriebene medizinische Perspektive und den gesellschafts- und kulturkritischen Diskurs, der gesellschaftliche Veränderungen und damit Veränderungen der Lebensbedingungen als Ursache für ADHSAD(H)S/Aufmerksamkeitsprobleme betrachtet,2 als miteinander unvereinbar gegenüberstellt (z.B. von Stechow 2015: 12). Auch wenn diese Interpretation einer Unvereinbarkeit der Positionen des Öfteren vorgebracht wird, entbehrt sie doch jeder wissenschaftlichen Grundlage und hat keinerlei Erklärungswert. Sie ist lediglich eine Variante der Nature-versus-Nurture-Debatte, die im vergangenen Jahrhundert geführt wurde. Seit Beginn des aktuellen Jahrhunderts liegen ausreichend Belege dafür vor, dass das Zusammenspiel natürlicher Anlagen und umweltbedingter Erfahrungen so eng und wechselseitig rekursiv verwoben ist, dass eine Trennung oder Gegenüberstellung der Positionen das Verständnis der Entstehung von Merkmalen lebender Organismen nicht unterstützt, sondern vielmehr behindert. Wie in Kapitel 2 ausführlich beschrieben, entwickeln sich sämtliche Hirnfunktionen unter dem Einfluss der von außen kommenden Erfahrungen. Das gilt auch für die Entwicklung der AufmerksamkeitAufmerksamkeit. Ohne Erfahrungen und die Auseinandersetzung mit der Umwelt finden Entwicklung, neuronale Verknüpfungen und LernprozesseLernprozesse nicht statt und sind daher ohne eine Berücksichtigung der Lebens- und Erfahrungsbedingungen auch nicht zu verstehen (vgl. 2.7).
Insgesamt gilt es, die Diskurse und die Erkenntnisse der verschiedenen Disziplinen zusammenzuführen und dabei AufmerksamkeitAufmerksamkeit sowohl als Eigenschaft des lernenden Individuums als auch im pädagogisch-didaktischen Sinne als Bestandteil und Voraussetzung des Lehr-und LernprozessesLernprozesse zu betrachten. Das ist kein einfaches Unterfangen, zumal unter dem Begriff Aufmerksamkeit unterschiedliche Konstrukte zusammengefasst werden, die sich teilweise ergänzen, teilweise unabhängig voneinander sind und unterschiedliche Funktionen haben. Die Gemeinsamkeit der verschiedenen Konstrukte wird in einem Zitat von William James (1842–1910) deutlich:
Jeder weiß, was AufmerksamkeitAufmerksamkeit ist. Es ist das klare und lebhafte Besitzergreifen des Geistes von einem von mehreren scheinbar gleichzeitig möglichen Objekten oder Gedankengängen. Fokussierung, KonzentrationKonzentration, Bewusstsein sind ein wesentlicher Teil. Sie beinhaltet die Abwendung von einigen Dingen um sich effektiv mit anderen zu befassen. (vgl. James 1890: 381, Übersetzung durch die Autorinnen).
Gemeinsam ist allen Konstrukten also die Hinwendung zu etwas Bestimmten und damit verbunden die Nichtbeachtung von etwas anderem. Dieses weist bereits auf die Bedeutung begrenzter Ressourcen des menschlichen Geistes hin, die bei Aufmerksamkeitsprozessen eine Rolle spielen. Zugleich werden in dem Zitat die verschieden Varianten von AufmerksamkeitAufmerksamkeit deutlich: Aufmerksamkeit kann sowohl (äußere) Objekte als auch Gedankengänge betreffen, sich also nach außen und auf die Wahrnehmung richten, oder auch nach innen. In diesem Kapitel sollen die unterschiedlichen Formen von Aufmerksamkeit dargestellt und in ihrer Bedeutung für LernprozesseLernprozesse betrachtet werden, um so einen Beitrag für die Praxis, aber auch für den weiteren Diskurs zu leisten.
3.2 Wachheit, Kapazität und Grenzen von AufmerksamkeitAufmerksamkeit
Aufmerksamkeitsprozesse sind notwendig, weil unsere Ressourcen, Wahrnehmungs- und Verarbeitungskapazitäten begrenzt sind (vgl. Broadbent 1958). Das hat sowohl strukturelle wie auch energetische Ursachenenergetische Ursachen, die im Aufbau und der Funktionsweise unseres Gehirns als Organ begründet liegen. Der energetische Aspekt der AufmerksamkeitAufmerksamkeit ist direkt erfahrbar. Jeder, der sich schon einmal über längere Zeit konzentriert einer Aufgabe gewidmet hat, kennt das Phänomen der Ermüdung. Sind wir ermüdet, lässt unsere Fähigkeit, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, nach. Wie intensiv wir die prinzipiell vorhandenen Verarbeitungskapazitäten nutzen können, ist also abhängig von unserer Wachheit. Mehrere Aspekte tragen zu einem hohen Grad an Wachheit bei. Der eine ist schlicht die Versorgung des Gehirns mit EnergieEnergie in Form von Glucose1 und mit ausreichend Sauerstoff. Ohne diese beiden „Brennstoffe“ sind die Gehirnfunktionen deutlich eingeschränkt. Der zweite Aspekt ist unsere allgemeine Wachheit im Gegensatz zum SchlafSchlaf. Der Schlaf-Wach-Rhythmus wird vom ThalamusThalamus und HypothalamusHypothalamus im Zwischenhirn und von der Formatio reticularis im HirnstammHirnstamm gesteuert. Bestimmte Teile der Formatio reticularis sind zentrale Signalgeber für Wachheit und unterstützen Aufmerksamkeitsprozesse. Dieses sogenannte aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem besteht aus einem tonischen Anteil, der an der unspezifischen allgemeinen Wachheit oder Müdigkeit beteiligt ist, und aus einem phasischen Anteil, der über Botenstoffe spezifisch auf die verschiedenen Teile der GroßhirnrindeGroßhirnrinde einwirken kann und diese in einen Zustand erhöhter AktivierungAktivierung versetzt (vgl. Carter 2012: 303–304). Somit trägt das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem auf zwei Wegen zu unserer Aufmerksamkeit bei und bestimmt u.a. wie lange wir unsere Aufmerksamkeit aufrechterhalten können, z.B. auch unsere Aufmerksamkeitsspanne in langweiligen, reizarmen Situationen (zu Langeweile im Unterricht vgl. 3.7), unter Bedingungen, in denen immer das Gleiche passiert oder wenn monotone Handlungen gefordert sind (etwa bei der Fließbandarbeit).
Natürlich sind Wachheit und AufmerksamkeitAufmerksamkeit nicht nur von automatisch ablaufenden biologischen Mechanismen abhängig. Vielmehr reagiert unser Organismus auf äußere Ereignisse ebenso wie auf innere „Ereignisse“, etwa eine emotionale Bewertung und emotionale Bedeutsamkeit einer Situation. Verschiedene positive und negative EmotionenEmotion (Schreck, Angst, Überraschung, Freude, Verliebtheit, vgl. Kap. 4) führen zu einer höheren Erregung und damit zu einer verbesserten Möglichkeit, aufmerksam zu sein. Auch unsere MotivationMotivation und das Interesse an einem Gegenstand oder Geschehen steigert die Aufmerksamkeitskapazität. Intrinsische Motivation und echtes Interesse spiegeln die interne Bewertung „wichtig“ und wenn etwas wichtig ist, dann unterstützt das Gehirn die Hinwendung der Aufmerksamkeit. Die bewertungsbasierte Hinwendung ist daher mit wenig Anstrengung verbunden. Ganz anders ist das, wenn wir uns bewusst einem Gegenstand, einer Handlung oder einem Geschehen zuwenden, weil wir das für notwendig halten, obgleich uns dieser Gegenstand nicht wirklich interessiert. Das passiert z.B. häufig, wenn wir uns ganz bewusst anstrengen, um etwas zu lernen. Vielleicht interessieren uns die Mechanik fester Körper oder die Zeitformen französischer Verben überhaupt nicht. Wir lernen sie aber trotzdem, weil wir eine gute Note brauchen, um unser Traumfach studieren zu können. In einer solchen Situation laufen zwei Prozesse parallel ab, nämlich erstens die Verarbeitung des Lernstoffs und zweitens die bewusste, willentliche Aufrechterhaltung von Wachheit und Aufmerksamkeit. Dadurch ist der Gesamtvorgang natürlich wesentlich energieraubender als ein LernprozessLernprozesse, der ohne erzwungene Anstrengung abläuft, etwa weil eine große NeugierNeugier und Motivation uns dazu treiben, uns mit dem Lerngegenstand auseinander zu setzen. Dementsprechend erreichen wir bei bewusster Anstrengung schneller die Grenze unserer energetischen Erschöpfung und damit das Ende der Aufmerksamkeitskapazität.
Die strukturelle Begrenztheitstrukturelle Begrenztheit der Aufmerksamkeitskapazität ist eng mit der neuronalen Struktur des Gehirns verbunden, d.h. mit der Struktur der NervenzellenNervenzellen selbst und mit den Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Während die Informationsweiterleitung innerhalb der Neurone relativ zügig verläuft und durch die isolierende Myelinscheide optimiert ist (vgl. 2.4), setzt die Übertragung von Nervenimpulsen an den chemischen SynapsenSynapse der Verarbeitungsgeschwindigkeit zeitliche Grenzen. Zwar hat die chemische Übertragung erhebliche Vorteile, indem sie aufgrund der PlastizitätPlastizität, Umgestaltungs- und Wachstumsfähigkeit der Synapsen eine hohe lebenslange Lernfähigkeit sicherstellt und die Möglichkeit komplexer und adaptiver Vergleichs-, Berechnungs- und Entscheidungsprozesse bietet. Diese Vorteile bezahlen wir aber mit einer Einschränkung in der Verarbeitungsgeschwindigkeit. Man könnte bezüglich der Verarbeitungsgeschwindigkeit das Fazit ziehen „gut Ding will Weile haben“.
Die zweite strukturelle Begrenzung der AufmerksamkeitAufmerksamkeit ergibt sich daraus, dass Wahrnehmungs- und Denkprozesse, wie in Kapitel 2 dargelegt, in den zwei Assoziationsbereichen im parietalen und frontalen Cortexfrontaler Cortex zusammenlaufen. In diesen Zentren werden unsere Wahrnehmungs- und Denkprozesse koordiniert und zusammengefasst. So werden bewusste Wahrnehmung und bewusste Denkprozesse ermöglicht. Die AssoziationsarealeAssoziationsareale aber können zu jedem Zeitpunkt nur eine bestimmte Menge an Informationen für den jeweils aktuellen bewussten Zugriff bereithalten.
Um angesichts der begrenzten Kapazitäten mit der Informationsflut der Sinneseindrücke und der Vielfalt der möglichen Handlungen und Denkprozesse in geordneter Weise umgehen zu können, muss eine Auswahl aus den vorhandenen Möglichkeiten getroffen werden. Dazu werden im Bereich der Wahrnehmung ausgewählte Informationen aus den sensorischen Hirnarealen zusammen mit VorwissenVorwissen zu den jeweiligen Wahrnehmungsinhalten zu einer raum-zeitlichen RepräsentationRepräsentation der Umwelt verbunden, die der derzeitigen Lage sowie unseren Zielen und Bedürfnissen angemessen ist (vgl. Ernst & Bülthoff 2004, Tononi, Edelman & Sporns 1998, vgl. 3.3). Eine ähnliche Auswahl ist für Planungs- und Denkprozesse notwendig (vgl. 6.5).
Im Gehirn sind verschiedene NetzwerkeNetzwerk an der Steuerung der Aufmerksamkeitsprozesse beteiligt. Das sogenannte Arousal-NetzwerkArousal-Netzwerk trägt vor allen Dingen der energetischen Beschränkung unserer Aufmerksamkeitskapazität Rechnung. Es besteht aus subcorticalsubcorticalen Strukturen, wird aber auch von corticalen Bereichen beeinflusst, die im Zusammenhang mit MotivationMotivation stehen, und vom limbischen System, einem wichtigen Zentrum der Emotionsverarbeitung (vgl. Kap. 4). Sowohl auf der neurobiologischen Ebene als auch im Verhaltensexperiment lassen sich weitere Netzwerke nachweisen, die an Aufmerksamkeitsprozessen und deren Steuerung beteiligt sind. Diese sind z.T. auf die Wahrnehmung bezogen und z.T. auf die Planung und Ausführung von Handlungen (vgl. Fan et al. 2002, 2005). Diese Netzwerke und ihre Bedeutung werden im Folgenden beschrieben.
3.3 AufmerksamkeitAufmerksamkeit als Auswahlprozess
Das Konzept der AufmerksamkeitAufmerksamkeit bezog sich ursprünglich auf eine einheitliche, übergreifende Funktion, die alle Prozesse umfasste, die dem Feld Aufmerksamkeit und KonzentrationKonzentration zuzurechnen waren. Wissenschaftliche Ergebnisse, insbesondere aus der Hirnforschung und die Untersuchungen dieser Ergebnisse hinsichtlich ihrer Bedeutung für Wahrnehmung und Handlung (z.B. im Verhaltensexperiment), machten im Laufe der Jahre zunehmend deutlich, dass mehrere getrennte NetzwerkeNetzwerk unterschiedliche Formen der Aufmerksamkeit kontrollieren. Einen Überblick über die Entwicklung geben Raz und Buhle (2006). Je nach Anforderungen treten diese Netzwerke in dynamische Interaktionen, die entsprechend der jeweiligen Situation kooperativ oder auch antagonistisch sein können. Die Netzwerke werden in diesem Abschnitt vorgestellt.
3.3.1 Sensorische Auswahl und Orientierung
Als sensorische Auswahlsensorische Auswahl bezeichnet man die Filterung der eingehenden Sinnesreize. Nicht alles, was unsere Sinnesorgane erreicht, wird von den sensorischen Zentren des Gehirns so weit verarbeitet, dass es unserem Bewusstsein zugänglich wird. Vielmehr werden Sinnesreize vorverarbeitet, hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit eingestuft und nur zum Teil der vollständigen Verarbeitung und der Wahrnehmung zugeführt.
Jedes Sinnessystem nutzt hierbei unterschiedliche Objekteigenschaften als Basis für die Auswahl. Das SehsystemSehsystem macht sich die visuellenvisuell Eigenschaften unserer Umwelt zunutze. So ziehen große, schnell bewegte, auffällig farbige aber auch ungewohnt aussehende Objekte automatisch AufmerksamkeitAufmerksamkeit auf sich. Taucht ein auffälliges oder unbekanntes Objekt auf, verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit automatisch dort hin. Biologisch gesehen ist das sehr sinnvoll. Man muss zunächst einmal feststellen, ob eine Bedrohung naht oder ob sich eine wichtige und beachtenswerte Information präsentiert. Dinge, die wir schon oft gesehen haben, deren Bedeutung wir gut kennen und die in der aktuellen Situation nicht unerwartet sind, ziehen unsere automatische Aufmerksamkeit nicht oder nur ganz kurz auf sich. Anders ist es, wenn wir uns gerade für ein Objekt besonders interessieren. In dem Fall bestimmen MotivationsMotivation- und Zielaspekte die Ausrichtung der Aufmerksamkeit, wobei oft andere Sinnesreize ausgeblendet werden. Das Sehsystem greift also auch auf VorwissenVorwissen zurück, das als sensorisches Wissen gespeichert ist (vgl. 6.3.2).
Auch das Hörsystem wählt Reize zur Weiterverarbeitung aus. Dabei sind neben Lautstärke und Tonhöhe zeitliche Rhythmen und MusterMuster wichtig und natürlich in Kommunikationssituationen die Sprachlaute. Auf der Basis des Richtungshörens, das einmal durch die Form der Ohren möglich wird (vorwiegend Unterscheidung von oben und unten, vorne und hinten), zum anderen durch den Abstand zwischen den Ohren, kann die auditorischeauditorisch AufmerksamkeitAufmerksamkeit auch auf bestimmte Stellen im Raum gerichtet werden, sodass wir das, was an diesen Stellen ist, verstärkt wahrnehmen. Das kann unser Gesprächspartner sein oder beispielsweise Musik, der wir zuhören, während wir die Umgebungsgeräusche etwas unterdrücken (vgl. 2.5.1 sowie das Praxisfenster in Kap. 2). Allerdings können Kinder bis zum Ende der Grundschulzeit das lange nicht so gut wie Jugendliche und Erwachsene. Da ihre Ohren und ihr Kopfumfang und damit der Abstand zwischen den Ohren noch wachsen, kann das Gehirn noch nicht endgültig festlegen, welche akustischen Eigenschafen zu welcher Raumrichtung gehören. Damit ist die Möglichkeit der auditiven Fokussierung und der Ausblendung störender Nebengeräusche im Kindergarten- und Grundschulalter viel geringer als bei Jugendlichen und Erwachsenen. Ähnlich wie das visuellevisuell System reagiert auch das Hörsystem auf laute, unbekannte, unerwartete oder auffällige Geräusche (u.a. auch auf unseren eigenen Namen) und sorgt dafür, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf die entsprechende Geräuschquelle richten. Kinder können aufgrund der mangelnden Fokussierung solche Geräusche nicht ausblenden. Geräusche aus allen Raumrichtungen werden vollständig verarbeitet und der bewussten Wahrnehmung zugeführt. Da das vom auditorischen System autonom entschieden wird, lässt sich der Prozess nicht willentlich unterdrücken. Wird von Kindern etwa im Unterricht gefordert, sich nicht bei jedem Geräusch umzudrehen, sondern sich auf die Arbeit zu konzentrieren, dann können sie der Anweisung durchaus folgen. Sie können mit bewusster Willensanstrengung verhindern, sich dem Geräusch durch Umdrehen und Hinschauen zuzuwenden. Die exogene, also von außen sichtbare Aufmerksamkeitsverschiebung wird unterdrückt. Dennoch findet automatisch die endogene, rein innerliche Aufmerksamkeitszuwendung statt und unterbricht den Arbeitsprozess. Für manche, insbesondere jüngere Kinder ist es anstrengender, das Umdrehen zu unterdrücken, als sich schnell umzublicken und dann weiterzuarbeiten.
Die Aufmerksamkeitsleistung unserer taktilen Wahrnehmungtaktile Wahrnehmung wird insbesondere beim bewussten Tasten deutlich. Dann richten wir unsere AufmerksamkeitAufmerksamkeit auf einen bestimmten Bereich unserer Körperoberfläche, nämlich die Hände oder sogar noch präziser, auf die Fingerspitzen. Wir können unsere Aufmerksamkeit aber ebenso gut auch auf andere Bereiche unseres Körpers richten, den Wasserstrahl der Dusche genießen oder die Sonne auf unseren Armen und sind uns der anderen taktilen Reize, z.B. der Fußsohlen auf dem Boden, der Kleidung auf unserem Körper, nicht oder kaum bewusst. Unerwartete Berührungen dagegen ziehen automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich. Dann richten wir unseren Blick auf die Stelle, die berührt wurde (und auch unsere auditive Aufmerksamkeit, aber das ist von außen nicht sichtbar). Bei plötzlichen Berührungen ist es wichtig, die Quelle der Sinneswahrnehmung und eine möglicherweise damit verbundene Gefahr schnellstens zu erkennen. Immerhin ist der Auslöser der Empfindung ganz nah bei uns.
Beim Geruchs- und GeschmackssinnGeruchs- und Geschmackssinn gibt es keine räumlich gerichtete AufmerksamkeitAufmerksamkeit wie bei den anderen Sinnessystemen. Aber wir können unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Gerüche oder einen Geschmack richten, etwa beim Abschmecken von Speisen. Nehmen wir unerwartet einen intensiven, unangenehmen Geruch wahr, so richten wir unsere Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung der anderen Sinne darauf aus, die Quelle des Geruchs ausfindig zu machen, und tun anschließend in der Regel alles, um der Quelle möglichst fern zu bleiben oder sie zu beseitigen.
Aus dem oben Gesagten geht hervor, dass wir zum einen bei intensiven, auffälligen, unerwarteten und potentiell gefährlichen Reizen unsere AufmerksamkeitAufmerksamkeit unwillkürlich auf die Quelle des Reizes richten. Dann verarbeiten wir das, was sich uns sozusagen aufdrängt. Zum anderen können wir unsere Aufmerksamkeit aber auch auf ein bestimmtes Objekt, bestimmte Objekteigenschaften (etwa eine Farbe) oder auf eine bestimmte Stelle im Raum richten. Das tun wir beispielsweise dann, wenn wir jemanden suchen, von dem wir wissen, dass er ein Kleidungsstück in einer bestimmten Farbe trägt oder wenn wir einen Gegenstand näher betrachten wollen, der für uns gerade interessant oder wichtig ist.
Mit den beiden unterschiedlichen Formen der sensorischen Selektion sind unterschiedliche NetzwerkeNetzwerk im Gehirn befasst. Die unwillkürliche Reaktion auf auffällige, intensive, unbekannte und bisher unbeachtete Reize, wird von Arealen kontrolliert, die relativ weit unten, also ventral im Gehirn liegen. Daher wird dieses Netzwerk häufig als ventrales Aufmerksamkeitsnetzwerk bezeichnet. Zu diesem Netzwerk gehört der Übergang zwischen TemporallappenTemporallappen und ParietallappenParietallappen (temporoparietal junction) und der ventrale frontale Cortexfrontaler Cortex (vgl. Corbetta & Shulman 2002, Vossel, Geng & Fink 2014). Sobald über ein Sinnessystem ein unerwarteter, auffälliger oder potentiell bedrohlicher Reiz wahrgenommen wird, sorgt das ventrale Aufmerksamkeitssystem dafür, dass wir unsere Wahrnehmung und die gesamte AufmerksamkeitAufmerksamkeit in die entsprechende Richtung lenken. Diese Aufmerksamkeitsverschiebung kann verdeckt bleiben, in der Regel aber ist die Aufmerksamkeitsreaktion damit verbunden, dass sich Augen, Kopf und Körper dem Reiz zuwenden. Sehr schön lässt sich die Hinwendungsreaktion beobachten, wenn beispielsweise in einem Klassenzimmer während des Unterrichts unerwartet jemand in den Raum kommt. Alle Augen richten sich auf die sich öffnende Tür und niemand widmet sich mehr dem Unterrichtsgeschehen oder der aktuellen Aufgabe. Gehirn und Körper werden darauf vorbereitet, im Bedarfsfall schnell zu reagieren: Alle bisherigen Handlungen und Denkvorgänge werden gestoppt, die Wahrnehmungsschwelle der Sinne wird gesenkt, sodass sie auch kleine Änderungen in der Umgebung sofort bemerken und der Muskeltonus im ganzen Körper wird erhöht, um schnell reagieren zu können, z.B. auszuweichen oder etwas abzuwehren. Diese Reaktion ist ein sehr wichtiger Schutzmechanismus, der dafür sorgt, dass wir Gefahren erkennen und ihnen ausweichen. Entsprechend seiner Aufgabe wird das Netzwerk auch als Alerting-NetzwerkAlerting-Netzwerk bezeichnet. Der hauptsächliche NeurotransmitterNeurotransmitter (Botenstoff) in diesem System ist das NoradrenalinNoradrenalin, also eines der Stresshormone, die es uns erlauben, schnell zu reagieren, falls das nötig ist (vgl. Posner & Fan 2008).
Das zweite System zur Steuerung der sensorischen AufmerksamkeitAufmerksamkeit liegt dorsal, also weiter oben im CortexCortex und ist mit der top-down Komponente der sensorischen Auswahlsensorische Auswahl befasst. Hier wird die Aufmerksamkeit nicht über die WahrnehmungsarealeWahrnehmungsareale von äußeren Reizen gesteuert, sondern es werden die Wahrnehmungsinhalte ausgewählt, die gerade für eine bestimmte Aufgabe relevant sind. Da dieses System die bewusste Orientierung hin auf ein Objekt oder ein Geschehen steuert, wird es als Orienting-NetzwerkOrienting-Netzwerk bezeichnet. Der NeurotransmitterNeurotransmitter AcetylcholinAcetylcholin spielt eine wichtige Rolle in diesem NetzwerkNetzwerk (vgl. Posner & Fan 2008). Beteiligt an diesem System sind das frontale Augenfeld und der intraparietale Sulcus. Das frontale Augenfeld steuert willkürliche Augenbewegungen und die räumliche Orientierung und repräsentiert die Position aktuell interessierender Objekte und Blickziele. Der intraparietale Sulcus ist sozusagen ein Interface zwischen Wahrnehmung und Motorik: Informationen aus verschiedenen Sinnessystemen laufen hier zusammen, aber auch komplexere, bereits verarbeitete und abgeleitete Informationen sind abgebildet, z.B. die Anzahl von Objekten oder die soziale Bedeutsamkeit von Reizen (vgl. Grefkes & Fink 2005, Sui et al. 2015). Zugleich werden von hier aus Bewegungen, etwa der Augen und des Kopfes, aber auch Arm- und Handbewegungen gesteuert. All diese Bewegungen beziehen sich auf äußere Objekte und sind eng mit Aspekten der Wahrnehmung verknüpft.








