Traumzeit für Millionäre

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Die Industriellen stellten etwa ein Drittel der Millionäre Wiens. Das war viel und wenig zugleich. Über Beteiligungen und persönlichen Netzwerke kontrollierten die österreichischen Banken große Teile der Industrie. Bankiers sind mehr an Zinsen als an Dividenden und mehr an Krediten als Innovationen interessiert. Es wurden hohe Ausschüttungen verlangt, aber wenig Investitionen getätigt. Auch fehlte es Österreichs Industrie bei allem Bemühen immer noch am Zugang zum Weltmarkt. Konzerne mit weltweiten Netzwerken waren nur spärlich vertreten, was sich auf die Erträge auswirkte. Der jüdische Anteil war unter den Industriellen zwar deutlich geringer als unter den Bankiers. Dennoch wirkte sich der Antisemitismus im Industriebereich stärker aus als im Bankbereich. Ein Beispiel ist etwa die Elektroindustrie, die naturgemäß von öffentlichen Aufträgen in hohem Maße abhängig war. Der deutsche Siemens-Konzern konnte gegenüber den Firmen Johann Kremenezkys oder Bela Eggers gerade deswegen Aufträge an sich ziehen und seine bis heute dominierende Stellung in Österreich festigen.
Unter den Industriemillionären dominierten im Unterschied zu den Bankiers immer noch ganz eindeutig die Eigentümer-Unternehmer. Nur ausnahmsweise konnten Manager und Direktoren in derartige Einkommenshöhen aufschließen. Als man Isidor Mautner einmal als Herrn Generaldirektor ansprach, soll er lachend erwidert haben: Ich bin kein Generaldirektor – ich halte mir welche.183
Die Interessen der Industrie waren sehr unterschiedlich, ob Konsumgüter oder Investitionsgüter, ob am Binnen- oder Weltmarkt orientiert, ob Rohstoffe oder Finalprodukte. Eine gemeinsame Linie in der Interessenspolitik war schwer zu finden. Die einen forderten Schutzzölle, die anderen Freihandel. Daher konkurrierten mehrere Industriellenverbände, der Industrielle Club, der Zentralverband der Industriellen und der Bund Österreichischer Industrieller. Das Haus der Industrie, das 1906 bis 1909 am Schwarzenbergplatz errichtet und am 5. März 1911 durch Kaiser Franz Joseph eröffnet wurde, sollte ein Zeichen setzen: mitten in jenem kleinen Bereich, wo die größten Industriellen ihre Palais angesiedelt hatten, direkt gegenüber dem Haus des Handels und als Symbol einer geeinten Industrievertretung, die 1918 ganz am Ende des Habsburgerstaates dann auch tatsächlich zustande kam. Man wünschte sich ein „Wahrzeichen der Industrie“, nicht von einem modernen Architekten wie Otto Wagner oder gar Adolf Loos, sondern von einem „soliden“ Architekten wie Karl König, traditionsverhaftet, aber technikaffin.184
DER GROSSE BAUBOOM
Nie ist in Wien so viel gebaut worden wie vor dem Ersten Weltkrieg, nicht nur öffentliche Repräsentationsvorhaben und private Prunkpalais, sondern auch Infrastrukturprojekte und Wohnanlagen in einer innerhalb von einer Generation zur Zweimillionenstadt angewachsenen Metropole. Verbunden war der Bauboom mit einer Kostenexplosion im Baugewerbe. Während die meisten Industrie- und Gewerbeprodukte im Verlauf des 19. Jahrhunderts deutlich billiger wurden, stieg der Baukostenindex kontinuierlich an. Verursacht war dies zum Hauptteil von den durch Lohnsteigerungen und Arbeitszeitverkürzung angetriebenen Arbeitskosten. Der arbeitssparende technische Fortschritt hingegen war im Baubereich noch recht gering. Damals beruhten die Fortschritte in der Bautechnik vor allem auf neuen Stoffen und Konstruktionselementen, wie z. B. hydraulischem Zement, gewalzten Stahlträgern und industriell gefertigtem Glas. Die Wiener Bauwirtschaft war um 1910 immer noch vom Klein- und Kleinstgewerbe dominiert. Erfolgreich wurden jene, die sich den technischen Fortschritt nutzbar machten, insbesondere im Stahl- und Stahlbetonbau.185
Der Höhepunkt des Eisenbahnbaus, wo so viele Vermögen geschaffen worden waren, war um 1900 längst vorbei. Aber von der Regierung unter Ministerpräsident Körber war zwischen 1900 und 1904 eine letzte Welle von großen Bahnbauten über die Alpen eingeleitet worden: die Gasteiner Bahn, Pyhrnbahn, Aspangbahn und Wocheinerbahn. Die ebenfalls vorgesehenen Kanalbauprojekte zwischen Donau, Rhein, Oder und Weichsel hingegen kamen nicht in Schwung.186 Die zukunftsträchtigen Bereiche, der Kraftwerksbau, der Straßenbau und der Seilbahnbau, standen erst am Anfang. In die städtische Infrastruktur Wiens wurde von der Luegerschen Verwaltung viel investiert: Staßenbahnen, Kanalisierungen, Elektrizitäts- und Wasserversorgung, Schulen, Spitäler und Sozialeinrichtungen. Die Provinzhauptstädte suchten es dem Wiener Vorbild gleichzutun. Die Wiener Baufirmen und Stararchitekten fanden ein vielfältiges Betätigungsfeld zwischen Triest, Graz, Krakau, Lemberg und Czernowitz.
Die berühmten Architekten der Gründerzeit, die das Bild der Wiener Ringstraße prägten, waren 1910 schon tot: Heinrich von Ferstel, Theophil Hansen, August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll, Carl von Hasenauer, Gottfried Semper, Friedrich von Schmidt. Ob sie unter den Millionären zu finden gewesen wären, darf bezweifelt werden. Nach van der Nülls Selbstmord stand seine Witwe nahezu mittellos da. Auch Heinrich Ferstel hatte kein so beachtliches Vermögen erwirtschaftet, dass es die hohen Einkommen seiner Söhne erklären könnte. Diese hatten vielmehr in die Finanzaristokratie der Habsburgermonarchie eingeheiratet. Auch bei den 1910 noch aktiven Baumeistern und Architekten brachten es jene, die den Ruhm der Nachwelt haben, etwa Otto Wagner, Josef Maria Olbrich, Jože Plečnik oder Adolf Loos, nicht zu Spitzeneinkommen. Wer reich werden wollte, musste viel und industriell bauen. Denn die üblichen Architektenhonorare waren niedrig. Mehr als 4.000 bis 5.000 Kronen im Jahr konnte man mit Hausplänen und Bauführungen nur schwer verdienen. Von den rund 700 Architekten und Planern, die im Zeitraum zwischen 1880 und 1945 so bedeutsam waren, dass sie in Wien mehrere Projekte oder zumindest ein öffentliches Monumentalgebäude realisieren und sich im Architekturlexikon damit einen Eintrag sichern konnten, schaffte es kaum ein Prozent in den Einkommensolymp der 1.000 Reichsten des Jahres 1910. Bedeutsamkeit und Einkommen müssen einfach nicht zusammenfallen. Dass auch ein so vielbeschäftigter, aber durch und durch konventioneller Architekt wie Ludwig Baumann, der Berndorf prägte, in den Jahren 1908 bis 1910 das Kriegsministerium errichtete, ab 1910 in der Hofburg den Neubau des Festsaaltraktes durchführte und auch den Auftrag für das Konzerthaus und das Akademietheater erhalten hatte, nicht unter den Spitzenverdienern zu finden ist, überrascht allerdings. Umgekehrt: Über das Schaffen der Baumeister Eduard und Emanuel Schweinburg ist wenig bekannt. Im Wiener Architektenlexikon 1770 – 1940 haben sie keinen Eintrag.187 Dasselbe gilt für Josef Seichert und eine Reihe weiterer Baumeister. Zu den Einkommensmillionären zählten sie sehr wohl.
Den bis heute bleibendsten Eindruck im architektonischen Erscheinungsbild der späten Habsburgermonarchie hat wohl das Architekturbüro Fellner & Helmer hinterlassen, mit mehr als 60 Theater-, Hotel-, Rathaus- und anderen Repräsentativbauten quer durch das gesamte Reich. Der k. k. Oberbaurat Ferdinand Fellner, der 1873 mit seinem ehemaligen Mitschüler Hermann Helmer eine Architektengemeinschaft gebildet hatte, wurde zum bedeutendsten Theaterbaumeister der Doppelmonarchie. Mit einem Jahreseinkommen von 111.015 Kronen lag er dennoch ziemlich weit hinten: an 792. Stelle. Hermann Helmer brachte es überhaupt nicht über die 100.000er-Grenze.
Aus dem Eisenbahn- und Hochbauboom der ersten Gründerzeit hatte die Habsburgermonarchie zwar eine ganze Reihe fest etablierter Baugesellschaften geerbt. Die großen Einkommen um 1910 wurden aber von Neueinsteigern erzielt, die die Chancen und technischen Innovationen der „Zweiten“ Gründerzeit zu nutzen verstanden. Durch seinen Sohn Heimito in den Olymp der literarischen Erinnerung aufgestiegen ist Wilhelm Ritter v. Doderer. „Doderer, Göhl & Sager“ war durch Bahnbauten zu einem der größten Bauunternehmen der späten Donau-Monarchie aufgestiegen. Neben großen Aufträgen bei der Wientalregulierung und im Wiener Stadtbahnbau waren es vor allem die Tauern- und die Karawanken-Bahn, von denen das Unternehmen profitierte. Die Bausummen, die Wilhelm v. Doderer in einem Rückblick nannte, waren gewaltig: 4,5 Millionen Kronen für das Teilstück der Karawankenbahn von Klagenfurt nach Rosenbachtal, 3 Millionen für jenes der Tauernbahn von Obervellach nach Pusarnitz, schließlich der enorme Auftrag für die Mittenwaldbahn (rund 28 Millionen). Doderer zählte nach Einschätzung seines Biographen mit einem Vermögen von rund 12 Millionen Kronen zu den reichsten Männern der Doppelmonarchie.188 Mit 132.538 Kronen Jahreseinkommen lag er an 601. Stelle der Wiener Millionäre im Jahr 1910. Doch Doderer veranlagte sein erhebliches Vermögen zu einem großen Teil in Kriegsanleihen und gehörte zu den größten Kriegsverlierern, so dass sein Sohn Heimito auf die Unterstützung durch seinen in der Tschechoslowakei von der Geldentwertung weniger betroffenen Onkel angewiesen war.
Vom ererbten Ruhm und Reichtum des Eisenbahnbaus zehrten Nina von Fröhlich-Feldau, die Witwe des 1896 verstorbenen Bahnbauunternehmers Moritz Fröhlich Edler von Feldau, oder auch Dr. Hubert Freiherr von Klein-Wisenberg. Die Brüder Klein, die aus einer Erdarbeiterfamilie in Wisenberg den Aufstieg von ganz unten nach ganz oben geschafft hatten, hatten sich zu Ende des Jahrhunderts auf ein Rentiersdasein zurückgezogen. Von der ersten Bahnstrecke von Wien nach Gänserndorf im Jahr 1837 bis zum Börsenkrachjahr 1873 hatten sie über 3.500 Bahnkilometer im gesamten Gebiet der Monarchie errichtet. Hubert gab 1910 als Beruf nur mehr Gutsbesitzer an, mit etwa 8.000 ha in Mähren.

Erbaut 1884 – 1889 im Neo-Louis-XIII-Stil für Nathaniel Meyer Freiherr von Rothschild: Schloss Rothschild in Reichenau an der Rax. Foto: A. Wintschalek.
Die großen Einkommen in der Baubranche erzielten 1910 die Betonbaupioniere: Viktor Brausewetter gründete 1870 zuerst in Pressburg, ab 1878 in Wien mit Adolph Freiherr von Pittel die Betonbaufirma Pittel und Brausewetter. Rudolf Nemetschke hatte 1902 die Geschäftsführung der Baufirma Rella & Co. übernommen, die unter seiner Leitung zu einem der führenden Großbauunternehmen wurde. 1898 gründete der junge Eduard Ast unter dem Namen „Ed. Ast & Co., Ingenieure“ eine Gesellschaft „für Betonbau, Betoneisenbau und Wasserkraftanlagen“, die innerhalb weniger Jahre zu den führenden Baufirmen der Monarchie aufschloss. Ast war einer der Vorreiter der Einführung des Stahlbetonbaus und der Verwendung von Spannbeton im Brückenbau. Aber er war kein Betonierer. Er stand den Künstlern und Architekten des Wiener Jugendstils und der Wiener Werkstätte nahe. Die für ihn errichteten Villen auf der Hohen Warte in Wien und am Wörtherseee zählen zu den bedeutendsten Privatbauten des 20. Jahrhunderts. Der nach Österreich zugewanderte Gustav Adolf Wayss gilt mit den von ihm zusammen mit Conrad Freytag erworbenen Patenten für Eiseneinlagen in Zement als der bedeutendste Pionier des deutschen und österreichischen Stahlbetonbaus. 1903 übersiedelte Wayss von Berlin nach Wien, wo er die Firma G. A. Wayss & Cie. gründete und zum k. k. Baurat ernannt wurde. Besonders eng verbunden war er mit Waidhofen an der Ybbs, das er zu seinem Sommersitz wählte.
Für Baumeister waren Netzwerke und familiäre Kontinuitäten wichtig. Im Jahre 1902 gründete der junge Baumeister Felix Sauer seine eigene Baufirma. Er stammte aus einer alten Baumeisterfamilie und errichtete bis zum 1. Weltkrieg eine umfangreiche Zahl von größeren privaten und öffentlichen Gebäuden. Sein Onkel Alois Schu(h)macher war einer der bedeutendsten Baumeister der Ringstraßenära, der vor allem für den kommunalen und infrastrukturellen Bereich arbeitete. Baurat Ferdinand Dehm war Architekt, Hofbaumeister und liberaler Politiker. Die Firma war mit der Errichtung zahlreicher öffentlicher und privater Gebäude und im Geschäft mit Grundstücken sehr erfolgreich. Beide Söhne des Baumeisters Franz Glaser sen. übernahmen das Gewerbe ihres Vaters. Nach dem Tod des Vaters gründeten die Brüder die gemeinsame Baufirma „Heinrich und Franz Glaser“. Heinrich scheint der dynamischere und kaufmännisch präsentere der beiden Brüder gewesen zu sein. Er ist es, der in den verschiedenen Standesvertretungen aufscheint, ebenso engagierte er sich – wie der Vater – in der Gemeinde Dornbach. Die guten Kontakte, die schon seit Franz Glaser sen. zu der Familie Rothschild bestanden, konnten von den Söhnen noch vertieft werden. Neben verschiedenen Adaptionen und Umbauten in Wien waren sie vor allem mit der Bauausführung des Rothschild-Schlosses Reichenau an der Rax betraut. Wie die Brüder Glaser setzte auch Julius Goldschläger ganz auf einen konservativen, dem Historismus verbundenen Architekturstil, unbeirrt von neueren Strömungen, etwa um Otto Wagner und den Jugendstil. Auch Karl Hofmeier entsprach dem Repräsentationsanspruch des Großbürgertums und verstand es, diesen mittels des alle Möglichkeiten des Späthistorismus nutzenden bauplastischen „Gesamtkunstwerks“ wirkungsvoll in Szene zu setzen. Eduard Frauenfeld, der 1897 die Firma Frauenfeld & Berghof gegründet hatte, errichtete vor allem Gebäude, die von anderen Architekten geplant wurden.
Der Stadtbaumeister Wenzel König erbaute für die Gemeinde Wien und den Staat Kasernen, Schulen, Krankenhäuser und Ähnliches; nach 1900 galt er als einer der größten Baumeister Wiens. König trat auch selbst als Bauherr auf und schuf sich einen ansehnlichen Immobilienbesitz, dessen Administration er selbst übernahm. Auch Anton von Krones, Edler von Lichtenhausen, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, arbeitete sich vom Maurergehilfen zum Polier hoch und erwarb Baugründe, zum Beispiel 350 Parzellen nördlich der Schmelz, mit der Absicht, ein neues Stadtviertel zu errichten. Kajetan Miserowsky, der das gemeinsame Bauunternehmen Luckeneder & Miserowsky zu einem der florierendsten Betriebe in der Baubranche machte und es nach dem Tod Oswald Luckeneders im Jahr 1900 unter seinem Namen alleine weiterführte, war so bekannt, dass er immer wieder zu literarischen Ehren kam, etwa in Heimito v. Doderers Strudlhofstiege.
Besondere Erwähnung verdienen Karl König und Wilhelm Stiassny. Karl König, aus armen Verhältnissen in Pressburg stammend, 1878 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten und konfessionslos, war Professor der Baukunst des klassischen Altertums und der Renaissance an der Technischen Hochschule Wien. Sein vielleicht bekanntestes Bauwerk ist das Haus der Industrie, das 1906 bis 1910 nach seinen Plänen errichtet und am 5. März 1911 durch Kaiser Franz Joseph feierlich eröffnet wurde. Ende 1905, als man erste Kostenschätzungen vornahm, ging man von 900.000 Kronen aus, dann von 2,2 Millionen, am Ende waren es knapp drei Millionen. König sollte als Honorar 4,5 Prozent der Baukosten erhalten. Aufgrund der gewaltigen Baukostenüberschreitungen hätte sich sein Honorar entsprechend erhöht. Man einigte sich schließlich bei der Endabrechnung auf ein Honorar von 94.299,14 Kronen.189 Nicht in die nähere Auswahl für das Industriehaus und auch nicht unter die Millionäre gelangte der Architekt des gegenüberliegenden, ebenfalls neobarocken Hauses der Kaufmannschaft, Ernst von Gotthilf. Er war der Architekt zahlreicher Bankgebäude, etwa des Bankvereins in der Schottengasse, der Länderbank am Hof und der Creditanstalt auf der Freyung.
Baurat Wilhelm Stiassny war der Architekt des jüdischen Wien: Er war einer der meistbeschäftigten und am besten vernetzten Architekten Wiens und fungierte 1878 – 1900 auch als Vertreter der jüdischen Interessen im Wiener Gemeinderat. Er zeichnete neben zahlreichen Profanbauwerken auch für eine Reihe jüdischer Kultbauten im Raum der gesamten Habsburgermonarchie verantwortlich. So errichtete er die Synagoge von Časlav (1899), die Synagogen in der Prager Vinohrady (Weinberge) und Jerusalemstraße, in Gablonz (Jablonec nad Nisou) sowie Malacky und lieferte auch die Entwürfe für die Synagoge von Teplitz-Schönau, damals die größte in Europa.190 In Wien selbst waren es weniger Synagogen als zahlreiche Wohlfahrtsinstitutionen: Dem liberalen Wiener Judentum erschien sein maurisch-orientalischer Synagogenstil wahrscheinlich zu fremdartig. Nur die Polnische Synagoge („Polnische Schul“) in der Wiener Leopoldgasse (1892/93) und die Zeremonienhalle für die Israelitische Abteilung beim ersten Tor des Wiener Zentralfriedhofs konnte er hier realisieren. Vor allem arbeitete er für Rothschild und Königswarter, in deren Auftrag er zahlreiche Spitäler, Blindeninstitute, Altersheime und Waisenhäuser in und außerhalb Wiens errichtete. Der renommierte Zionist engagierte sich auch als Begründer des jüdischen Museums in Wien und entwarf 1909, ohne je in Palästina gewesen zu sein, einen schließlich doch nicht verwirklichten Bebauungsplan für Tel Aviv.191 Stiassny war mit Julia Taussig verheiratet, einer Tochter des mächtigen Bankmanagers Theodor Taussig. Das mag nicht nur für sein Einkommen, sondern auch für seine Beziehungen von Vorteil gewesen sein, was Karl Kraus zu der boshaften Bemerkung veranlasste, dass er fast jeden Tag mit Genugtuung aus der Neuen Freien Presse erfahren könne, „dass er hier und dort zugegen war“.192
In einer speziellen Nische arbeitete Wilhelm Beetz. Er war mit öffentlichen Bedürfnisanstalten reich geworden. Aus einer Familie von preußischen Landwirten und Mühlenbesitzern stammend, begann er 1883 mit der Errichtung öffentlicher Bedürfnisanstalten auf Basis seines patentierten Ölsystems Beetz. Die Aufstellung und der Betrieb erfolgten auf Grund eines zwischen ihm und der Gemeinde Wien 1883 auf zehn Jahre abgeschlossenen und dann verlängerten Vertrages. Seine Öl-Pissoire waren winterfest und wassersparend. Im Jahre 1906 schloss er mit der Stadt Budapest einen ähnlichen Vertrag ab. Die Beetz‘schen Toiletteanlagen wurden bald auch in Baden, Fiume, Triest, aber auch im Ausland (bis nach Johannesburg) errichtet. 1904 erbaute er auf dem Graben die erste unterirdische Bedürfnisanstalt in Wien. Wegen des notwendigen Erdaushubs und der besonders aufwendigen Innenausstattung mit feinen Hölzern, geschliffenen Gläsern, Dekor-Waschtischen und speziellen Armaturen betrugen die Baukosten die horrende Summe von 74.000 Kronen, wovon die Stadt Wien 32.000 Kronen zuschoss.193 Dafür ist sie auch denkmalwürdig geworden.
VON TELLERWÄSCHERN ZU MILLIONÄREN
„Raum für alle hat die Halle“, sagt der Hotelportier Rosenstock in Schnitzlers Weitem Land. In den Hallen der Grandhotels gab es zwar keine Unterschiede nach Rang, Stand oder Religion. Aber viel Geld musste man haben. Das Fin de Siècle war die Zeit der teuren Grandhotels, in den großen Städten und in den Kurorten und Zentren der Sommerfrische: am Semmering, im Salzkammergut, am Wörthersee, im böhmischen Bäderdreieck und an der Adria. Ihre Namen sind bis heute in der österreichischen Kultur- und Gesellschaft präsent: das Imperial, das Sacher, das Bristol, das Ambassador, das wiedererstandene Grandhotel am Ring, das Pupp in Karlsbad, das Südbahnhotel und das Panhans am Semmering, die Hotels in Gastein, am Wörthersee oder in Abbazia, auf der Insel Brioni und in den Dolomiten, und eben auch das fiktive Hotel des Dr. von Aigner am Völser Weiher. Es waren die Orte der Reichen. Sie sollten sich im Palasthotel wie im eigenen Palais zuhause fühlen, mit geräumigen Suiten, repräsentativen Speise- und Tanzsälen, mit Bibliothek und Spielzimmer, mit Spiegeln und Marmor, Tennisplatz und Park, livrierten Dienern und adretten Zimmermädchen und einem eilfertigen Direktor, der stets zu Diensten war.194
Die Hotelbesitzer und Hotelmanager waren feine Herren. Es ging um sehr viel Geld und um sehr feine Gäste. Einige der Hoteliers konnten es sehr schnell zu hohem Einkommen bringen: vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Kellner oder Koch zum Grandhotelier. 15 der 929 Wiener Millionäre sind dem Hotel- und Gastgewerbe zuzurechnen. Doch es fällt auf: Dieser Reichtum konnte sich sehr rasch wieder verflüchtigen. Kaum einer der Hotelmillionäre des Fin de Siècle konnte es zu dauerhaftem Wohlstand bringen. Während die Hotels fast alle noch bestehen, gibt es keine familiäre Kontinuität von den damaligen zu den heutigen Besitzern. Der Kontakt zu den Gästen und die Präsentation in der Öffentlichkeit waren wichtig und trugen wesentlich zum Erfolg bei. Arthur Schnitzler verbrachte viel Zeit in großen Hotels und kannte ihr Ambiente gut. Wo er allerdings überhaupt nicht recht hatte, war die Beifügung eines Doktortitels für seinen Hoteldirektor von Aigner im Weiten Land. Kein Einziger der Hotel- und Gastronomiemillionäre des Jahres 1910 hatte eine akademische Ausbildung vorzuweisen.
Das eindringlichste Beispiel für Aufstieg und Abstieg bietet Johann Frohner. Von 1874 bis zu seinem Tod im Jahr 1894 war er der Pächter des 1873 eröffneten Hotel Imperial. Bei ihm waren die Träume vom Aufstieg vom Tellerwäscher oder Kellnerlehrling zum Millionär am deutlichsten wahr geworden. Als Weinviertler Bauernsohn hatte er in Pressburg eine gastronomische Lehre begonnen. In Budapest machte er sich mit der Pacht der Bahnhofsrestauration am heutigen Budapester Ostbahnhof (damals Staatsbahnhof) erstmals selbständig. 1859 übernahm er das Hotel „Stadt Paris“. Sein großer Erfolg begann mit der Eröffnung des Hotel Frohner im Jahr 1864, das er bald zum besten Hotel Budapests machte. Ab 1874 führte er das Wiener Imperial, das der Kapitalist Horace Ritter von Landau dem mit seinem neu erbauten Wohnsitz höchst unzufriedenen Prinzen Philipp von Württemberg abgekauft und in Erwartung der Weltausstellungsbesucher 1873 zu einem Hotel umgestaltet hatte. Landau war ein Kapitalist, aber kein Touristiker. Mit seinen schon in Budapest erprobten Erfolgsrezepten, imperialem Flair und exklusivem Service, dazu mit Werbegags wie „Frohner Torte“ oder „Imperial-Torte“ statt „Sacher-Torte“ traf Frohner auch in Wien die richtige Entscheidung. Sein Reichtum stieg rasch. Er brachte es zu einem Rennstall in Budapest, Großgrundbesitzungen in der Steiermark und zwei Villen in Wien. Er machte große Stiftungen. Trotzdem verlief alles unglücklich. Seine zweite Ehe mit Josefine Cäcilie Tichtl v. Tutzingen, aus der sein einziger Sohn Roman hervorging, scheiterte bereits nach drei Jahren. Die untreue Gattin ging mit einem Baron von Villany auf und davon. Johann Frohner verfolgte sie mit dem vollen Hass des betrogenen Ehemanns. Dem minderjährigen Roman, der als Universalerbe eingesetzt war, wurde jeglicher Kontakt mit der Mutter testamentarisch untersagt; sein Vermögen verwaltete ein Vormund. Als Roman Frohner 1912 endlich großjährig war, hätte er sein Erbe antreten können. Doch vieles davon war schon zerronnen. Das Hotelfach interessierte ihn wenig. Er studierte Chemie, erwarb das Doktorat und beschäftigte sich mit noblen Autos. Mit der Übernahme der Vertretung der Autofirma Laurin & Klement war er nicht wirklich erfolgreich. Sein Erbe verkaufte er teils während, teils nach dem Krieg. Als er 1940 starb, war vom Riesenbesitz nichts mehr übrig.195

Einzigartiger Unternehmensstil: Anna Sacher, die Witwe Eduard Sachers, machte das Hotel Sacher zu einem der berühmtesten Häuser Europas.
Auch dem Hauptkonkurrenten Frohners im nahe gelegenen Hotel Sacher erging es nicht viel besser. Eduard Sacher, dessen Vater als Küchenchef in verschiedenen Adelshäusern die berühmte Sacher-Torte kreiert hatte, hatte sein Vermögen nach Kochlehre und Auslandspraxis Schritt für Schritt so weit ausgebaut, dass er 1876 ein Hotel in der Philharmonikerstraße vis à vis der Oper eröffnen konnte, das binnen weniger Jahre wegen seiner Eleganz und Spitzengastronomie und wohl auch wegen der diskreten Chambres Séparées in naher Lage zu Oper, Jockey-Club und den Palais des Adels zum Treffpunkt der High Society wurde. Sacher verstarb bereits 1892 im Alter von 50 Jahren. Seine Witwe Anna Maria, die Tochter eines Wiener Fleischhauers, führte den Betrieb äußerst erfolgreich weiter. Sie machte das Hotel durch ihren einzigartigen Unternehmensstil und ihre prägende Persönlichkeit zu einem der berühmtesten Häuser Europas. Doch vieles war äußerer Schein. Als sie 1930 starb, brauchte sie nicht mehr mitzuerleben, wie das in Wahrheit hoch verschuldete Hotel kurz darauf den Konkurs anmelden musste. Hans Gürtler erwarb die Konkursmasse und konnte den Betrieb, basierend auf dem großen Namen, seit den 1950er Jahren wieder auf den alten Erfolgskurs bringen.196



