Traumzeit für Millionäre

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Am Semmering war das Panhans von ähnlichen Schicksalsschlägen betroffen. Vinzenz Panhans, der sich nach Lehrjahren im Wiener Hotel Lamm als Küchenchef des 1882 eröffneten Semmeringer Südbahnhotels an die Spitze hochgearbeitet hatte, errichtete 1888 sein eigenes Hotel, mit dem er schnell zum schärfsten Konkurrenten seines früheren Arbeitgebers wurde. 1901 übergab er es im Alter von 60 Jahren seinem Neffen Franz Panhans. Dieser entschloss sich im Sommer 1911 zu einem 128 Meter langen Zubau, der das Panhans zu einem der größten Hotels in Mitteleuropa machen sollte. Vielleicht war die Entscheidung überhastet, auf jeden Fall war sie überdimensional. Die neue Technik des Stahlbetons ermöglichte den raschen Baufortschritt. Die Eröffnung des Neubaus zu Weihnachten 1913 wurde allerdings zu einer traurigen Angelegenheit. Franz Panhans war Ende September 1913 im Alter von 44 Jahren an Magenkrebs gestorben. Klara Panhans, die Witwe, 39 Jahre alt, mit vier kleinen Kindern, war die unglückliche Erbin von 300 Laufmetern Hotelfassade und 600 Betten auf 17.000 m2 Nutzfläche. Im Nachruf in der Hotelzeitung war von „rastloser Tätigkeit“ die Rede und von einem „Selfmademan im besten Sinne des Wortes“. Der Stress des Hotelbetriebs, verbunden mit dem Bauvorhaben und dessen Finanzierung, hatte ihn körperlich und nervlich überfordert. Der patriarchalische Familienunternehmer, der sich jede noch so kleine Entscheidung vorbehalten hatte und jeden Gast per Handschlag begrüßte, manchmal sogar zweimal, schon am Bahnhof und dann, zu Fuß eine Abkürzung nehmend, noch einmal am Hoteleingang, während seine Frau die Küchenorganisation und Küchenkassa führte, war durch die gewaltigen Baukosten, vier Millionen Kronen, schon 1912 genötigt, den Betrieb in eine Aktiengesellschaft einzubringen. Im Winter 1913/14 war das Hotel zwar überbucht wie jedes Jahr. Doch der Krieg zog den Grandhotels den Boden weg. 1916 stand das Hotel zu Dreiviertel leer. Im Juli 1918 war Klara Panhans faktisch bankrott und gezwungen, weit unter Wert an ein Bankenkonsortium zu verkaufen. Dem Verkaufserlös von 4,8 Millionen Kronen standen Schulden von 4,5 Millionen Kronen gegenüber. Klara Panhans lebte bis zu ihrem Tod 1964 von der Zimmervermietung in bescheidenem Umfang in der familieneigenen Privatvilla „Waldruhe“. Das Panhans strudelte in den Inflationstaumel, wechselte mehrmals den Besitzer und litt unter immer größer werdenden Auslastungsproblemen. Die entsprechend zahlungsfähige Klientel fehlte immer stärker.197

Luxusherberge in der Wiener City: das 1873 von Carl Schumann und Ludwig Tischler erbaute Hotel Métropole am Morzinplatz, nach 1938 Gestapo-Hauptquartier.
Der große Kapitalbedarf der Grandhotels war nur über die Börse zu decken. Max Eissler aus der Familie der berühmten Holzhändler und Holzindustriellen investierte in Hotels. 1910 war er Präsident der 1872 gegründeten Hôtel-Actiengesellschaft Métropole, die das Hotel Métropole am Morzinplatz 4 führte. Das 1872 anlässlich der Weltausstellung errichtete Nobelhotel wurde wegen der baulichen Ähnlichkeit zum Hotel Sacher und der jüdischen Gründer- und Eigentümerfamilien bisweilen als „jüdisches Sacher“ bezeichnet und ist nach der Beschlagnahme 1938 als Hauptquartier der Gestapo zu trauriger Bekanntheit gekommen. Max Eissler war auch Präsident der Ersten Wiener Hôtel-Actiengesellschaft, die Anfang 1907 die Aktien des Grand-Hotels (Kärntnerring 9) mit Hilfe der Unionbank an der Börse eingeführt hatte. Das Hotel wurde durch Erwerb und Umbau der beiden anstoßenden Häuser erweitert. Alles war hochmodern: die elektrischen Aufzüge, der glasüberdachte Innenhof, alle Zimmer bereits mit Telefon. 1912 wurde auch das Imperial in eine Aktiengesellschaft ungewandelt und in die Grand-Hotel-Gesellschaft eingegliedert. Auch die übrigen Wiener Grandhotels, das 1898 eröffnete Krantz, später Krantz-Ambassador, oder das Bristol, das 1892 eröffnet und in rascher Folge erweitert worden war, oder das traditionsreiche Erzherzog Karl litten unter den Problemen der Finanzierung. Der Krieg beendete ihren Höhenflug.
Die Grand- und Palasthotels prägten vor allem die Kur- und Badeorte. Das Pupp in Karlsbad, das Nonplusultra aller Kurhotels der Habsburgermonarchie, war nach 1918 wegen der besseren Wirtschaftsentwicklung in der Tschechoslowakei weniger von der Krise betroffen. Von den drei Pupp-Brüdern der Gründergeneration Anton, Julius und Heinrich war 1910 nur mehr Heinrich am Leben, der sich als Privatier nach Wien zurückgezogen hatte und in der Aktiengesellschaft die Stellung eines Vizepräsidenten einnahm. Simon Graf Wimpffen scheiterte mit seinem Tourismusprojekt in Neuhaus spektakulär. Wimpffen hatte riesige Besitzungen in Ungarn und daher die finanziellen Möglichkeiten, das Projekt Neuhaus zu forcieren. Ab 1896 hatte er in dem heute zu Weissenbach an der Triesting gehörenden Ort einen eleganten Kurbetrieb zu begründen versucht: ein Kurhaus mit Teich und Bad, rund dreißig luxuriös eingerichtete Villen mit Lufthütten, Kegelbahn, Pferdegestüt und Pferderennbahn, Tennisplätzen und Rollschuhhalle. Das Management, das der mehr als Lebemann denn als Betriebswirt bekannte Graf selbst leisten wollte, war wohl nicht das beste. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges blieben die Gäste aus. Nach dem Ausgleichsverfahren blieb nicht viel übrig. Am Wörthersee war es der Wiener Porzellanfabrikant und Warenhausbesitzer Carl Ernst Wahliß, der ab 1872 zahlreiche Liegenschaften erwarb und rund um das Schloss Velden und in Pörtschach ein großes Tourismusimperium mit Hotel- und Villenbauten, Badeanstalt und Tennisplätzen aufbaute. Das zog eine ganze Reihe von Wiener Millionären an: Die Familie Urban legte sich mehrere Villen in Pörtschach zu, ebenso die Familie Berndt. Helene Kern hatte eine Villa in Velden, Carl Littmann das dortige Seeschlössl. Graf Douglas Thurn-Valsassina errichtete 1891 – 97 das Hotel Wörthersee in Klagenfurt.198

Das Nonplusultra aller Kurhotels der Habsburgermonarchie: das Pupp in Karlsbad. Ansichtskarte, um 1900.
Um 1900 wurde die Adria entdeckt. Der Geschmack der Badegäste begann sich zu ändern: Nicht mehr die kalte Nordsee, sondern das warme Mittelmeer wurde zum bevorzugten Erholungsraum. Von Grado über Brioni, Abbazia, Rab und Lussin (Lošinj) bis nach Dubrovnik wurde die österreichische Adria erschlossen.199 1895 war die Erste Österreichische Hôtel- und Curorte AG Ragusa-Cattaro gegründet worden, die das Hotel Imperial in Ragusa betrieb und Gründe in Lapad bei Ragusa besaß. Ein Wiener namens Wilhelm Lerch, über den recht wenig bekannt ist, der aber 1910 ein Jahreseinkommen von über 100.000 Kronen versteuerte, kam 1911 nach Dubrovnik und kaufte den Palast der Familie Dor ˜dić, den die Einheimischen auch Piccola Venezia nannten. Im Jahre 1912 begann Lerch mit dem Umbau des Schlosses in ein Hotel, dem er den Namen Weißes Schloss (Bijeli dvorac) gab und das über 73 Betten verfügte. Nach dem 1. Weltkrieg und dem Zerfall der Österreich-Ungarischen Monarchie verkaufte Lerch das Hotel. Heute wird es unter dem Namen Grand Hotel Lapad geführt.
So wie die Südbahngesellschaft Abbazia von 1883 an praktisch aus dem Nichts zu einem Weltkurort hochgezogen hatte, mit prunkvollen Hotels, 15 Kilometer langer Promenade, Grandhotels, Kursalon, Theater, Straßenbahn etc., so schwebte es Paul Kupelwieser mit Brioni vor: 1893 kündigte er seine Stellung als Generaldirektor in Witkowitz und begann etwas ganz Neues. Er kaufte für 75.000 Gulden die von Malaria verseuchten und von undurchdringlicher Macchie bedeckten Brioni-Inseln. Er investierte ein Vielfaches des Kaufpreises, machte die Inseln malariafrei, baute Hotels, ein Strandbad und das erste Winterschwimmbad an der österreichischen Riviera, legte eine submarine Wasserleitung vom Festland und schuf Einrichtungen für die eigene Wein- und Milchversorgung. Der habsburgische Hochadel, Wiener Millionäre, Künstler und die Offiziere aus dem nahen Kriegshafen Pula bildeten die illustre Gästeschaft. Der Thronfolger Franz Ferdinand fand eminenten Geschmack an der Insel und bedrängte Kupelwieser, sie ihm zu überlassen. Deren Wert war inzwischen auf 30 bis 35 Millionen Kronen angestiegen.200 Der Höhenflug endete nach 1918. 1930 beging sein Sohn und Erbe ob der verzweifelten Lage Selbstmord.
Prinz Alexander von Thurn und Taxis, der Schloss Duino von Prinz Friedrich von Hohenlohe erworben hatte, machte Sistiana ab 1898 zu einem Seebad mit Promenaden, Tennisplätzen, Radwegen und elektrisch beleuchteten Hotelanlagen. In Portorose übte der Grazer Bierbaron Hans von Reininghaus eine ähnliche Funktion aus. So wurde die österreichische Riviera innerhalb der drei letzten Jahrzehnte vor dem Weltkrieg zum führenden Erholungs-Resort Zentraleuropas. Während in Abbazia um 1910 fast die Hälfte der Gäste aus Ungarn kam und nur 17,5 Prozent aus Wien und Niederösterreich, war Brioni ganz wienerisch. Es war nicht das größte, aber das eleganteste Seebad. Es war auch das wienerischste Seebad. Das ganze Jahr über war Prominenz aus Hochadel, Politik, Wirtschaft und Kultur anzutreffen. Der Erste Weltkrieg beendete den Höhenflug recht abrupt. Die nachfolgende Hyperinflation brachte noch eine kurze Scheinblüte. Doch der Niedergang war nicht aufzuhalten, weder in Brioni und Abbazia noch am Semmering oder im Salzkammergut.
Viel Geld ließ sich auch in Groß- und Nobelgasthäusern verdienen: Stadtbekannt waren Josef Dombacher als Pächter des Wiener Rathauskellers, Friedrich Kargl mit dem Restaurant im Deutschen Haus, der Restaurateur Paul Hopfner mit zwei Lokalen in der Innenstadt und dem Parkhotel Schönbrunn in Hietzing und der Südbahnhofwirt Ludwig Schneider, bekannt als Vater der von Arthur Schnitzler verehrten Thalhofwirtin Olga Waissnix. „Na gehn mir halt zum Hopfner.“ … „Kommst also nachher zum Hopfner!“ sind Stehsätze aus Karl Kraus’ Weltuntergangsdrama Die letzten Tage der Menschheit. Auch das „Schwarze Kamel“ in seiner Mischung aus Feinkosthandlung, Stehbuffet und Restaurant machte seinen Besitzer Franz Josef Stiebitz reich. Der Rathauskeller war 1898/1899 als Repräsentationsobjekt der neuen Lueger-Verwaltung errichtet worden, mit Schwemme, Ratskeller, Ratsstübchen und Volkskeller. Die Ausstattung war modern, aber nicht radikal, als erstes großes Ausstattungsprojekt des Wiener Jugendstils durch Heinrich Lefler und Joseph Urban. Das machte seinen Erfolg aus.201
Das Fin de Siècle war die große Zeit der Kaffeehäuser, an der Ringstraße, in der Innenstadt, aber auch in den Vorstädten. Um 1900 gab es in Wien mehr als 600 Kaffeehäuser. Dass nur ein einziger Kaffeehausbesitzer zu den ganz hohen Einkommen aufschließen konnte, mag vielleicht verwundern, kann aber doch nicht überraschen. Kaffeehäuser waren Orte des Konsums, aber des kleinen Konsums, wo man stundenlang mit Reden und Lesen bei einem kleinen Braunen und einem Glas Wasser verbringen konnte. Da brauchte es schon ein Marketinggenie wie Ludwig Riedl, den Besitzer des Café de l’Europe am Stephansplatz, um Großverdiener zu werden. Riedl, der Lieblingsgegner von Karl Kraus und Mann mit den meisten Orden Wiens, hatte sein Café zum beliebtesten Treffpunkt gemacht, rund um die Uhr, weniger mit geistiger Nahrung als mit leiblichen Genüssen. Und nach Mitternacht konnte man dort die leichten Damen von der Kärntner Straße und der Rotenturmstraße antreffen. Auch so konnte man Millionär werden.
NOBELADVOKATEN UND RECHTSVERTRETER
Unter den sogenannten freien Berufen war der einflussreichste und prestigeträchtigste jener der Rechtsanwälte, von denen einige wirklich hohe Einkommen erzielen konnten. Wien war ein guter Boden für Advokaten. Sie spielten im politischen und öffentlichen Leben des Liberalismus eine führende Rolle. Wichtige Politiker der Zeit waren in ihrem Brotberuf Anwälte: Karl Giskra, Johann Nepomuk Berger, Josef Kopp, Max Menger, Julius Ofner oder Robert Pattai. Die Liste der Wiener Bürgermeister mit Johann Kaspar von Seiller, Andreas Zelinka, Cajetan Felder, Julius von Newald, Johann Prix, Raimund Grübl bis Karl Lueger und Josef Neumayer in fast ungebrochener Reihenfolge bestätigt eindrucksvoll die hohe Qualifikation dieses Berufsstands für politische Ämter – welcher politischen Bewegung und Richtung sie auch immer zuzuordnen waren.
Im Jahr 1918 waren in Wien 1.647 Personen als Rechtsanwälte eingetragen, im gesamten heutigen Bundesgebiet 2.231. Von 1868 bis 1918 hatte sich die Anzahl der Advokaten im Gebiet der Republik Österreich mehr als vervierfacht. Für die Tätigkeit als Rechtsanwalt bedurfte es mit der Einführung der Advokatenordnung vom 1. Jänner 1869 keiner weiteren behördlichen Zulassung oder Genehmigung. Es genügte neben dem absolvierten Studium die mehrjährige praktische Ausbildung und die Ablegung der Rechtsanwaltsprüfung.202 Das machte Rechtsanwaltskanzleien für Juden attraktiv, denen für eine Aufnahme in den Staats- und Justizdienst kaum überwindbare Mauern entgegenstanden.
Insgesamt befanden sich 26 Advokaten unter den 929 Millionären. Jener mit dem höchsten Einkommen war Dr. Adolf Stein mit 289.000 Kronen. Er galt als Rechts-Consulent der Rothschild. Dr. Max Freiherr von Mayer, von vornehmer nichtjüdischer Wiener Herkunft, vertrat das Kaiserhaus und war Präsident bzw. Mitglied des Verwaltungsrates bedeutender Industrieunternehmen und Banken. Als Funktionär der Witwen- und Waisenpensionsgesellschaft, der Kinderschutz- und Rettungsgesellschaft und des Vereins zur Erhaltung der Studienkonvikte wurde er karitativ tätig. Er war Verfasser zahlreicher Fachartikel und auch sprachwissenschaftlicher Werke. Auch Adolf Bachrach galt als Rechtsanwalt mit vornehmster Klientenstruktur: Er war Rechtskonsulent der toskanischen Habsburger und Rechtsfreund des Prinzen Philipp von Coburg und dessen Bruders, des Zaren Ferdinand von Bulgarien. Karl Kraus höhnte: „Die Vornehmheit, die Herr Bachrach in der Berührung mit dem Schmutz der Hoheiten erlernt hatte … “203 In seiner Kanzlei würden die Grafen und Fürsten, die Prinzen und Prinzessinnen ein und ausgehen. Er war nicht nur Berater, sondern auch Trauzeuge des höchsten Adels.
Dr. Heinrich Steger arbeitete durch mehr als 50 Jahre als äußerst angesehener Strafverteidiger. Er war verheiratet mit Jeanette Mandl, der Schwester von Max Mandl von Maldenau. Gelobt wurde er als Künstler unter den Verteidigern („Ich bin Musiker. Ich höre, was dem Angeklagten schadet.“). Berühmt wurde seine erfolgreiche Verteidigung für den Beleuchtungsinspektor Breithofer im Ringtheaterbrandprozess: „Wo alle den Kopf verloren, könne man nicht verlangen, dass ihn gerade einer aufbehalte.“ Auch Dr. Eduard Coumont, der die berühmte Kanzlei des Dr. Wilhelm Stammfest übernommen hatte, war bald einer der bekanntesten und meistbeschäftigten Anwälte auf zivilrechtlichem Gebiete. Mehr als zwei Jahrzehnte betreute er als Schriftleiter die Allgemeine Österreichische Gerichtszeitung, war Rechtsanwalt Kaiser Karls, der Nationalbank und vieler großer Industrieunternehmen.
Wichtige und große Einzelklienten konnten einen Rechtsanwalt reich machen: Das galt für Dr. Adolf Gallia. Sein Einkommen stammte praktisch ausschließlich aus der Vertretung und Durchsetzung der Patentrechte für Auer von Welsbach. Der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Leopold Teltscher personifizierte die Verbindung der Niederösterreichischen Escompte-Gesellschaft zur Beleuchtungsindustrie. Er war sowohl Repräsentant der Imperial Continental Gas-Association wie auch Präsident der Vereinigten Elektrizitäts AG, einer Art Elektroholding. Dr. August Periz war Präsident der österreichischen Gasbeleuchtungs AG und Verwaltungsrat der Wiener Gasindustrie-Gesellschaft.
Akademische Ausbildung

Eigene Auszählung

Ein Chirurg als Topverdiener: Anton Freiherr von Eiselsberg.
Rechtsanwalt war auch Dr. Gustav Bloch, der sich seit 1917 Bloch-Bauer nannte. Er war mit Therese Bauer verheiratet, der Tochter des Direktors des Wiener Bankvereins Moritz Bauer. Maria Altmann, die von ihrer Tante Adele Bloch-Bauer die berühmten Klimt-Bilder erbte, ist eine Tochter des Ehepaars. Auch die beiden Kranz-Brüder, Dr. Sigmund und Dr. Josef Kranz, die Söhne des Kreisrabbiners von Auschwitz, waren Advokaten. Beide machten eine spektakuläre Karriere. Während Sigmund Kranz durch die Ehe mit Malwida (Malvine) Zwieback, der Tochter des Warenhausbesitzers Ludwig Zwieback, reich wurde, war das Leben seines Bruders Josef mehr als wild bewegt: Tätigkeit im Finanzministerium, Industriegründungen in Bosnien-Herzegowina, Übernahme der Präsidentschaft der Depositenbank, Führer des Spiritus-Kartells. Am 15. Juni 1916 adoptierte er Regina Wiener, verwitwete Zirner, die später unter dem Namen Gina Kaus bekannt wurde. Ihr Ehemann Josef Zirner, der Sohn des Juweliers Max Zirner und der Gisela Zwieback, war am 20. Juli 1915 gefallen. In Wahrheit war diese Adoption nur der Ersatz für eine Eheschließung, die Kranz, da formell nicht geschieden, wohl eine Anklage wegen Bigamie eingebracht hätte. Bekannt wurde Kranz durch den Prozess, der 1917 gegen ihn und Hans Reitzes wegen Preistreiberei geführt und in dem er zu neun Monaten Haft verurteilt wurde. Gina Kaus beschreibt ihn als Finanzgenie, der es von kleinsten Verhältnissen zum Millionär gebracht hatte.204
Bis heute besteht die 1878 gegründete Anwaltskanzlei Weiss-Tessbach. Sie geht auf Dr. Adolf Weiss, ab 1886 Ritter von Tessbach, zurück. Aus bescheidenen Verhältnissen in Groß Ullersdorf (Velky Losiny)/Mähren stammend, gründete er 1878 in Wien eine Rechtsanwaltskanzlei. Als Verwaltungsrat der Credit-Anstalt und Reichsrats- und Landtagsabgeordneter kam er zu großem Vermögen, das er in Immobilien investierte und das seinem gleichnamigen Sohn ein Leben als Gutsherr erlaubte. Die Anwaltstradition wurde aber in der nächsten Generation wieder weitergeführt.
Die Anwaltskanzleien entwickelten sich danach, ob ihre Klientel aus der „besseren Gesellschaft“ oder von den „kleinen Leuten“ kam. Ein Titel oder ein „von“ konnte helfen, eine bestimmte Klientenschicht anzusprechen. Noch wichtiger war aber die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Milieu, waren Bekanntschaften und Beziehungen aus dem familiären Umfeld oder aus Funktionen in der Wirtschaft, aus der Politik oder durch eine Vereinsmitgliedschaft. Letztere konnte die eines Sportvereines, eines Automobilklubs, des Alpenvereins, der Musikfreunde, einer Studentenverbindung oder der Freimaurer sein. Vielfach bestimmte sich bei einer Kanzleiübernahme die Klientel nach dem vom Kanzleivorgänger übernommenen Mandatsbestand.205 Von den 681 Wiener Anwälten im Jahr 1893 waren mehr als die Hälfte, insgesamt 395 Juden. Unter den anwaltschaftlichen Spitzenverdienern lag der jüdische Anteil mit 70 Prozent deutlich über dem Durchschnitt aller Anwälte.
Nur zwei Notare findet man unter den Spitzenverdienern: Der angesehenste war Dr. Franz Mayrhofer. Der aus Aschbach in Niederösterreich gebürtige Mayrhofer war von 1899 bis 1917 Präsident der Niederösterreichischen Notariatskammer und des Österreichischen Notarenvereins. Dr. August Kolisko war Notar im 1. Bezirk und hatte entsprechend noble Kundschaft. Er kümmerte sich 1919 um die Verwaltung des Vermögens des abgedankten Kaisers Karl.
Warum unter den 22 Apotheken, die 1910 im 1. Wiener Gemeindebezirk bestanden, gerade die von August Moll geführte Apotheke „Zum weißen Storch“ so ertragreich gewesen war, dass sie ihm ein Einkommen von mehr als 100.000 Kronen brachte, dürfte mit dessen Schritt in die Industrie zusammenhängen. Schon August Moll sen. begann sein Seidlitz-Pulver aggressiv zu vertreiben und zu bewerben: „Der zuverlässige Selbst-Arzt durch das neue Wunder-Heilmittel Franzbranntwein und Salz … eine Hilfe der leidenden Menschheit.“ August Moll lieferte auch photographische Bedarfsartikel für den Hof und gab die Photographischen Notizen heraus. Sein Cousin war der Maler Carl Moll. Die historische Einrichtung der Apotheke gehört bis heute zu den touristischen Sehenswürdigkeiten der Wiener Innenstadt.206
REICHE PROFESSOREN UND EIN PAAR NICHT ARME STUDENTEN
Universitätsprofessoren waren hervorragend bezahlt, vor allem an der Wiener Universität. Das Jahresgehalt eines ordentlichen Professors lag zwischen 8.000 und 16.000 Kronen. Das war etwa das Zwölffache eines Industriearbeiters. Professoren, die gut besuchte Vorlesungen hatten, konnten ihr Einkommen noch zusätzlich durch die Kolleg- und Prüfungsgelder aufbessern. Auch die Diäten aus einer Dekans- oder Rektorsfunkion waren beträchtlich. Aber für ein Einkommen von mehr als 100.000 Kronen reichten diese Bezüge bei weitem nicht. Es musste ein zusätzliches Einkommen dazukommen: aus einer Privatpraxis als Arzt, aus Gutachtertätigkeiten, einer vorteilhaften Heirat oder aus ererbten Wertpapieren und Unternehmensbeteiligungen.
Es sind mit wenigen Ausnahmen Professoren der Medizinischen Fakultät, die die Hunderttausendergrenze überspringen konnten. Unter den 38 Angehörigen des Professorenkollegiums der Medizinischen Fakultät der Wiener Universität im Jahr 1909/10 befanden sich dreizehn Millionäre. Der Titel „Professor“ war eine Lizenz zum Geldverdienen; ein Inhaber dieses Titels konnte automatisch seine Honorarsätze verdrei- oder vervierfachen.207
Spitzenverdiener waren die beiden Ordinarien für Chirurgie Dr. Anton Frh. v. Eiselsberg und Dr. Julius Hochenegg. Eiselsberg, von 1901 bis 1931 Vorstand an der I. Chirurgischen Universitätsklinik Wien, war von adeliger, aber nicht wirklich wohlhabender Herkunft. „Es wäre ein Irrtum zu glauben, schreibt der Medizinhistoriker Leopold Schönbauer, dass Eiselsberg ein reicher Mann war und reich gestorben ist.“208 Schönbauer irrt, zumindest was die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg betraf. 1910 war Eiselsberg unter den Spitzenverdienern. Eiselsbergs Pendant an der II. Chirurgischen Klinik, Julius Hochenegg, hatte eine ganz ähnliche Karriere: Er stammte aus einer Tiroler Familie. 1914 wurde er in den Adelsstand erhoben. Verheiratet war er mit Julie, geb. v. Mauthner. Diese reiche Heirat war wohl auch der Grund dafür, dass er um über 100.000 Kronen mehr Einkommen hatte als der ohnehin auch exzellent verdienende Eiselsberg.

Als Ordinarius für Chirurgie zum Spitzenverdiener: Julius Hochenegg.
Der Internist und Diabetologe Dr. Karl von Noorden erhielt 1906 den Ruf an die Wiener Universität, um dort die Nachfolge Hermann Nothnagels als Ordinarius für innere Medizin und Leiter der Ersten Medizinischen Klinik anzutreten. Hier baute er ein Zentrum für Diabetiker auf. Der Pathologe Ernst von Strümpell, der so berühmt war, dass er 1923 sogar nach Moskau zum todkranken Lenin gerufen wurde, war 1909 nach Stationen in Leipzig, Erlangen und Breslau an die Universität Wien berufen worden. Dass er hier nicht einmal zwei Jahre blieb, bis er wieder nach Leipzig zurückkehrte, wird sicher nicht am Geld gelegen sein.209 Denn in Wien verdiente er 1910 über 130.000 Kronen. Dr. Friedrich Schauta hatte 1891 die Nachfolge von Carl Braun Ritter von Fernwald auf dem Lehrstuhl für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der I. Universitätsfrauenklinik angetreten. Dr. Viktor Urbantschitsch hatte die Leitung der Universitäts-Ohrenklinik (Schwerpunkte: Otologie, Pathologie und Therapie der Gehörerkrankungen), Dr. Heinrich Obersteiner war der Vertreter der Neurologie, Ernst Fuchs Vorstand der Augenklinik. Die medizinischen Berühmtheiten konnten hervorragend verdienen. Auflagenstarke Lehrbücher konnten viel Geld bringen: Das mag bei Hofrat Universitätsprofessor Dr. Ernst Fuchs der Fall gewesen sein. Er war der berühmteste Augenarzt seiner Zeit.210 Schon 1879 begann er mit Kursen in englischer Sprache für amerikanische Studenten. Sein Lehrbuch der Augenheilkunde, 1889 erstmals erschienen und in alle Kultursprachen, auch ins Japanische und Chinesische, übersetzt, erlebte neunzehn Auflagen und war ein halbes Jahrhundert lang die weltweite Bibel der Augenärzte. Wenn je ein Buch als „Medizinischer Klassiker“ bezeichnet werden kann, so ist es dieses, urteilte die bekannte Medizinhistorikerin Erna Lesky.211 Fuchs war Mitglied in 39 wissenschaftlichen Gesellschaften und Akademien. Sein Wirken, das auch nach seiner Pensionierung 1915 weiter andauerte, war global. Die Fuchs‘sche Klinik, durch die jährlich an die 20.000 Patienten gingen, war das Mekka der Augenheilkunde.



