Traumzeit für Millionäre

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„Der fidele Bauer“: Librettist Viktor Léon erhielt mehr Tantiemen als Komponist Leo Fall.
Ernste Musik konnte da nicht mithalten. Man kann nur von Komponisten berichten, die ihrem finanziellen Erfolg hinterherliefen. Arnold Schönberg war, um über die Runden zu kommen, auf wohlhabende Mäzene und Mäzeninnen angewiesen. Auch Hugo Wolf brauchte Geldgeber. Nicht auf Sponsoren angewiesen war Gustav Mahler. Er verdiente als Operndirektor in Wien etwa 28.000 Kronen im Jahr. Wie viel aus Tantiemen für seine Kompositionen und aus Sonderverträgen noch dazukam, ist ungewiss. 1907 hatte er genervt die Operndirektion für ein Engagement in New York aufgegeben, gelockt durch das höchste Gehalt, das die Metropolitan Opera jemals einem Dirigenten zahlte, 15.000 $ oder 75.000 Kronen, mehr als das Doppelte dessen, was Mahler in Wien erhalten hatte. Als er 1910 nach Europa zurückkehrte, war er bereits todkrank.
Mehr als doppelt so viel wie Lehár, Straus oder Fall verdiente der größte Musikverleger und Musikalienhändler Wiens, Bernhard Herzmansky. Er versteuerte 1910 ein Einkommen von 436.055 Kronen. 1876 hatte er die Musikalienhandlung Ludwig Doblinger um 24.000 fl. oder 48.000 Kronen gekauft. 1911 kaufte er das gesamte Palais. In seinem Programm hatte er nicht nur die bekanntesten Operetten und Wiener Lieder, sondern auch Anton Bruckner, Gustav Mahler, Karl Goldmark oder Alexander Zemlinsky.
Maler sind nicht unter den Millionären, weder Gustav Klimt, der „teuerste“ Maler der Zeit, noch Carl Moll, der kommerziell umtriebigste, oder Kolo Moser, verheiratet mit der vermögenden Industriellentochter Ditha Mautner-Markhof. Nur der heute weitgehend vergessene akademische Maler und Erfinder der Heliogravüre, des Rakeltiefdrucks und der nach ihm benannten „Klicotypie“ Karl Klietsch war mit seinen Vervielfältigungstechniken reich geworden. Mit einem Jahreseinkommen von 140.800 Kronen lag er an 521. Stelle des Rankings von 1910. Dass Gustav Klimt, der für seine Bilder Rekordpreise erzielte, nicht unter den Millionären ist, mag vielleicht erstaunen.230 Am Höhepunkt seines Ruhms konnte er für Landschaften 6.000 bis 8.000 Kronen verlangen, für Porträts zwischen 5.000 und 10.000 Kronen. Hermann Bahr erwarb 1900 Klimts „Nuda Veritas“ um 4.000 Kronen, die er in Raten abstotterte. 10.000 Kronen kostete das großformatige Bild von Hermine Wittgenstein, 8.000 Kronen bezahlte Karl Wittgenstein 1908 bei der Galerie Miethke für Wasserschlangen I, und ebenfalls im Jahr 1908 zahlte das Niederösterreichische Landesmuseum 12.000 Kronen für das Porträt Emilie Flöge. Für eine Zeichnung erhielt Klimt 1910 etwa 300 Kronen.231
Schon in seiner Frühzeit war Klimt teuer. 1894 waren bei ihm und Franz Matsch die Deckenbilder für den Festsaal der Wiener Universität in Auftrag gegeben worden: Das Honorar, 60.000 fl, davon 20.000 für das Mittelbild, je 5.000 für jedes der vier weiteren Deckenbilder und 20.000 für die zwölf Zwickelfelder, war sehr ordentlich. 1905 kaufte Klimt, der lang dauernden Auseinandersetzungen um die Fakultätsbilder (Philosophie, Medizin, Jurisprudenz) müde, seinen Teil der Bilder um 60.000 Kronen zurück. Das war für Klimt zwar eine empfindliche finanzielle Einbuße, aber er hatte sein künstlerisches Selbstbewusstsein gerettet. Klimt habe sein ganzes Vermögen geopfert, zumal er jahrelang alle Privataufträge zurückgestellt habe, und sei nun bettelarm, schrieb Berta Zuckerkandl.232 August Lederer, der durch die Jungbunzlauer Spiritusraffinerie und den Handel mit Spiritus und Melasse auf ein Einkommen von 114.000 Kronen kam, und Kolo Moser, der durch seine Heirat mit Ditha Mautner Markhof über ein stattliches, wenn auch nicht millionärsreifes Vermögen verfügte, hatten den Deal vorfinanziert. Klimts „Kuss“, der Höhepunkt der Kunstschau 1908, wurde vom Unterrichtsministerium sofort um die stolze Summe von 25.000 Kronen angekauft, „Danae“ wurde um 8.000 Kronen an Eduard Ast verkauft, die Mohnwiese um 5.000 Kronen an Viktor Zuckerkandl. Die Gesamtkosten für den Stoclet-Fries (1908 – 10) beliefen sich auf 117.000 Kronen, wovon über 60.000 Kronen für Klimt und Forstner reserviert waren.233
Egon Schiele beobachtete Klimts Umgang mit Geld: „Er verdiente viel, sehr viel, doch verausgabte er alles: ‚Das Geld muss rollen. Dann interessiert es mich‘, sagte er.“234 1917 feilschte Klimt mit Othmar Fritsch: „Das Bild ‚Schönbrunner Landschaft‘ kann ich leider nicht um 6.000 Kronen überlassen – muss bei 8.000 Kronen bleiben. Könnte noch ein zehn prozentiges ‚Cassenskonto‘ mir vorstellen und als Draufgabe 2, eventuell 3 Zeichnungen.“235 Er zählte damit zu den teuersten Malern Europas. Ähnlich exorbitante Honorare für Porträtaufträge konnten zur selben Zeit nur mehr Max Liebermann in Berlin oder John Singer Sargent in London verlangen.236 Im Jahr 1917 hatte Klimt Einkünfte aus Verkäufen in Höhe von 112.715 Kronen.237 Sehr reich starb Klimt dennoch nicht, angesichts dessen, was er für seine Bilder zeit seines Lebens verlangt hatte. Er hinterließ 1918 den durch die Inflation ohnehin schon etwas entwerteten Betrag von 60.000 Kronen. Als Schriftsteller oder Dichter Millionär zu werden, war noch schwieriger als als Komponist oder Maler.
Arthur Schnitzler, der um 1910 am Höhepunkt seines Erfolges stand und wie kein anderer die Wiener Gesellschaft zu analysieren und zu demaskieren verstand, schaffte die Grenze von 100.000 Kronen nie. Der finanzielle Erfolg spielt in seinen Tagebucheintragungen eine wesentliche Rolle. Am 24. Jänner 1903 notierte er: „Im vorigen Jahr Einkommen 32- Ausgaben über 35tausend Kr.- Das Vermögen, klein genug, schmilzt. Die Papiere fallen. Hab ich heuer und im nächsten Jahr nicht Glück, so hab ich überhaupt nichts mehr. Die Ausgaben für meine Verhältnisse übergroß. Mit einem Wort: es muss ernstlich ans, Verdienen‘ gedacht werden … “238 Im Jahr 1904 verzeichnete er Ausgaben von über 30.000 Kronen. Aber er war zufrieden: „Die Einnahmen decken sich mit den Ausgaben.“239 Am 22. September 1906 sagte er zu Bruder Julius und Mama: „Wir leben über unsere Verhältnisse. – Ich. Was würdet ihr dann an meiner Stelle thun? – Längst aufhängen.“240 Der Abschluss der Jahresrechnung 1906 zeigte ihm: „Haben die wahrhaft ungeheure Summe von über 39.000 Kronen verbraucht. Dabei eine überraschende Einnahme – die in der 2. Hälfte des Jahres allerdings schrecklich zurückging. Ich bin beinah gespannt, was kommen wird, um mich vor dem finanziellen Ruin zu retten.“241 Zwar wurde sein Einkommen von Jahr zu Jahr höher. Doch am 15. 4. 1907 resigniert er: „Gebe trotzdem langsam mein kleines, Vermögen‘ aus und werde, wenn nicht ein besonderer Glücksfall eintritt, zu Schuldenmachen gezwungen sein.“ 1910 ist er am Höhepunkt seines Erfolgs. Es ist so weit, dass er über einen Hauskauf nachdenken kann. Er kalkuliert scharf: „Ein Haus, das gegen 100.000 Kronen kostet, bedeutet über 6.000 Kronen Zins, über 40.000 Kronen unvermeidlichen jährlichen Verbrauch – Was thun?“242 Am 7. 4. 1910 kaufte er das Haus in der Sternwartestraße um 95.000 Kronen: „Die Hälfte leiht mein Bruder, die andre die Sparcasse … “243 Dr. Pollak war von dem Haus entzückt; er schätzte es auf 200.000 Kronen.244 Am 4. 1. 1910 schreibt Schnitzler ins Tagebuch: „Weiteres Rechnen und Ordnen, etwa 10.000 Kronen mehr ausgegeben als eingenommen. Wohin?“ und am 2. 1. 1913: „1912 abgeschlossen. Größre Einnahmen und Ausgaben als je.“ Am 4. 1. 1915 macht er die Bilanz für 1914: „Ausgaben – etwa 90.000! – Ein Defizit von ca. 25.000. Halt!“ und am 31. 3. 1915: „Einnahmen 1. Quartal – 1289 – Ausgaben 11.426; voriges Jahr 1. Quartal 30.369! Ausgaben 23.479! … Wenn nicht ein Wunder kommt, sind meine Ersparnisse (da ja die Papiere sich immer tiefer entwerthen) in 4 – 5 Jahren aufgezehrt, – die Einnahmemöglichkeiten kaum gestiegen – die Ausgaben gewiss nicht gesunken – was dann?“ Krieg und Inflation zerstörten sein Vermögen. Er verdiente auch in der Hyperinflation nicht schlecht und lebte gut. Aber ein Leben wie bei den wirklich Reichen war undenkbar.
Millionär war Siegfried Trebitsch, der als Übersetzer von Bernhard Shaw bekannt geblieben ist und als Beruf Schriftsteller angab. Er verdankte jedoch einen mehr oder weniger großen Teil seines Einkommens wohl nicht der Literatur, sondern seinen Anteilen an der familieneigenen Seidenmanufaktur S. Trebitsch & Sohn. Mit dem Einkommen aus Buchhonoraren, Übersetzungstantiemen, der reichen Erbschaft und dem Vermögen der Gattin, einer geborenen von Keindl, konnte sich das kinderlose Ehepaar Siegfried und Antonia (Tina) Trebitsch einen aufwendigen Lebensstil leisten. Sein so unsäglicher, als früher Förderer Hitlers bekannter Halbbruder Arthur Trebitsch schaffte den Sprung über die 100.000er Grenze zwar nicht. Aber auch er hatte Anteile am ererbten Vermögen und pumpte, um sich wie sein älterer Halbbruder als Schriftsteller zu beweisen, viel Geld in seine Veröffentlichungen. Ein 1909 vollendeter Roman und ein 1910 fertiggestellter Band philosophischer Betrachtungen fanden keine Verleger. War es die schriftstellerische Unterlegenheit gegenüber seinem gefeierten und viel erfolgreicheren älteren Bruder, war es der Einfluss Weiningers oder das allgemeine antisemitische Klima, von dem er sich treiben ließ? Arthur Trebitsch trat jedenfalls 1909 aus dem Judentum aus und wurde zum fanatischen Judenhasser. „Ich bin kein Jude, ich war nie einer und werde nie einer sein“, war nunmehr sein Standardsatz. Er gründete auf eigene Kosten einen Verlag, den er nach dem Riesen Antaios aus der griechischen Sagenwelt benannte. Gegen seinen Halbbruder und gegen den Kritiker Ferdinand Gregori, die eine seiner Novellen als „dilettantisch“ bzw. als „Schmarrn und Mist“ abqualifiziert hatten, reagierte Trebitsch 1912 nicht nur mit mehreren Duellforderungen, sondern auch mit einem Gerichtsverfahren, das er natürlich verlor. Mit seinem bedeutenden Einkommen gehörte er 1920 zu Hitlers ersten finanziellen Förderern.245
Felix Salten wurde nie Millionär. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und strebte immer nach Reichtum: „Er möchte“, notierte Schnitzler in sein Tagebuch, „in zehn Jahren mit Operetten 800.000 Kronen haben, hofft es.“246 Er schaffte es nicht, trotz seiner Erfolge in vielen Genres, von Bambi bis zur Mutzenbacherin. Auch Hugo von Hofmannsthal wird seiner Herkunft wegen häufig den Millionären zugerechnet. Seine Familie war aber schon nach dem Börsenkrach von 1873 relativ verarmt. Wohl aber zählten die Väter von Stefan Zweig, von Hermann Broch und von Heimito von Doderer zu den Superreichen des Jahres 1910. Im Jahr 1907 hatte Stefan Zweig aus dem Erbe seiner Großmutter 40.000 Kronen erhalten. Aus der Fabrik seines Vaters, der 1910 etwa 170.000 Kronen Einkommen deklarierte, bezog er eine jährliche Rente von etwa 20.000 Kronen.247 1911 zahlte ihm Moriz Zweig stattdessen 400.000 Kronen aus. Auch der ältere Bruder Alfred wurde im Testament seines Vaters mit einem entsprechenden Anteil berücksichtigt. 1917 kaufte Stefan Zweig in Salzburg um 90.000 Kronen das kleine Schloss am Kapuzinerberg mit 8.000 m2 Grund, das beste Geschäft, das er angesichts der damals hereinbrechenden Hyperinflation hatte machen können.

Schaffte es nicht unter die reichsten Tausend: Schauspiel-Legende Alexander Girardi, hier im Sommer 1910 in Bad Ischl mit Sohn Anton (links), Leontine Girardi und Ludwig Bösendorfer. Foto: F. Hofer.
Hermann Brochs Vater war doppelt so einkommensstark wie der von Stefan Zweig. Von 1906 bis 1926 betätigte sich Hermann Broch, der später als Literat zu einem der bedeutendsten Romanautoren des 20. Jahrhunderts wurde, als Assistenzdirektor (bzw. Geschäftsführer) in der von seinem Vater erworbenen Fabrik. 1909 konvertierte er zum römisch-katholischen Glauben und heiratete Franziska von Rothermann, die Tochter des Besitzers der Hirmer Zuckerfabrik im heutigen Burgenland. Sie brachte eine Mitgift von 100.000 Kronen ein. Der Vater Josef Broch hielt wenig von der Verbindung mit den „nobilitierten Neu-Ungarn aus Norddeutschland“. Hermann Broch lebte um 1910 wie ein Dandy: etwa 50 Anzüge im Kasten, im Sommer weiße und gelbe aus Leinen- und Seide, im Winter nur schwarzes Tuch, die Schuhe von den besten Schuhmachern Wiens, Reiten und Fechten, eigener Chauffeur, der ihn im Auto – einen Führerschein hat er nie erworben – zwischen Teesdorf und Wien chauffierte.248 Später, nach dem Krieg und nach seiner Wendung zur Schriftstellerei, wurde seine Situation jedoch immer ärmlicher.

Auch Oscar Straus stand 1910 am Höhepunkt seines Erfolgs.
Schauspieler waren die gefeierten Götter der Zeit: Josef Kainz, Alexander Girardi, Adolf von Sonnenthal. Die Spitzenkräfte in Schauspiel und Oper konnten es auf etwa 50.000 Kronen jährlich bringen.249 In die Hunderttausender Ränge schafften es 1910 nur zwei: Selma Kurz-Halban und Leo Slezak, und dies offenbar aus den Zusatzeinkünften aus den ersten Plattenaufnahmen, die damals modern geworden waren. In ihren Gagenverhandlungen mit der Hofoper und deren Direktor Gustav Mahler 1907 wurde Selma Kurz-Halban von Dr. Harpner vertreten. Für die Jahre 1908 bis 1914 wurde ein Gesamtjahresbezug von 52.000 Kronen vereinbart, aufgeteilt in eine Gage von 18.000 Kronen und eine Funktionszulage von 34.000 Kronen mit einem dreimonatigen Sommerurlaub bei vollen Bezügen, nach den Worten des Gustav Mahler nachfolgenden Operndirektors Felix Weingartner ein Vertrag mit grandiosen Bedingungen.250
Die in der Literatur kolportierten Angaben über Schauspielereinkommen sind recht widersprüchlich und schlecht belegt. Der 1910 verstorbene Josef Kainz soll einer nicht näher angeführten Quelle zufolge am Höhepunkt seines Ruhms eine halbe Million Kronen jährlich verdient haben, was recht unwahrscheinlich klingt.251 1910 war Alexander Girardi für ein zweimonatiges Gastspiel im Ronacher engagiert, wo er das Fiakerlied sang, wofür er angeblich 70.000 Kronen Gage erhielt.252 Seine Steuererklärung überstieg jedoch nicht die 100.000er-Grenze. Hansi Niese bekam im Ronacher 1908 eine Monatsgage von 15.000 Kronen. Die mit 12.000 Kronen im Jahr pensionierte Burgschauspielerin Katharina Schratt war 1910 hingegen wohl nicht wegen ihrer schauspielerischen Einkünfte auf ein Einkommen von 102.137 Kronen gekommen, sondern wegen ihrer Rolle als Vertraute des Kaisers, was ihr offensichtlich entsprechend hohe Zuwendungen einbrachte, die sie auch versteuerte. Vom Kaiser erhielt die Schauspielerin, die neben ihrem großzügigen Lebensstil auch eine leidenschaftliche Spielerin war, immer wieder finanzielle Unterstützung, um ihre enormen Schulden tilgen zu können. Außerdem überhäufte der Kaiser sie mit wertvollem Schmuck. Jedenfalls hatte der Kaiser gut für sie gesorgt. An Immobilien besaß sie die Villa in der Gloriettegasse und ein dreistöckiges Palais am Kärntner Ring 4, vis-à-vis der Oper, das sie 1908 erworben hatte.253
Keiner der Direktoren der großen Theater schaffte es unter die Millionäre, weder in der Hofoper und im Burgtheater noch im Deutschem Volkstheater oder Renaissancetheater. Auch als Theaterdirektor musste man auf Seiten der leichten Muse stehen, um wirklich gut zu verdienen. Bernard Ben Tiber (auch Tieber) leitete das 1904 neu eröffnete Wiener Apollo-Theater (heute Apollo Kino). Er machte es in den folgenden Jahren zum beliebtesten Varietétheater Wiens, das seinen größten Konkurrenten, das Etablissement Ronacher, nicht zuletzt durch die Spezialisierung auf „Nuditäten“ überholen konnte. Aus dem Gewinn der ersten Spielzeit konnte sich Tiber, der vorerst bloß Pächter war, bereits 1905 in nur einem Jahr das ganze Theater samt dem Haus an der Ecke Gumpendorferstraße/Kaunitzgasse kaufen.254 Ben Tiber war ein Emporkömmling. „Seine besten Jahre soll er als Boxer und Ringer verbracht haben“, beschreibt ihn Rudolf Österreicher in der Festschrift zum 50-jährigen Bestand des Apollotheaters. 1910 betrug sein Einkommen 318.103 Kronen. Am 17. August 1911 erwarb er die Otto-Wagner-Villa in der Hüttelbergstraße 26 und bewohnte diese bis zu seinem Tod. Tiber lebte dort mit seinen beiden Adoptivkindern Arnold und Marie (Mimi) und seiner Schwester, Frau Regine Engelmann. Heimito von Doderer porträtierte ihn im Roman Der Grenzwald als jüdisch-ungarischen Varietébesitzer Bela Tiborski.255
Ben Tibers größter Konkurrent war das Ronacher: Von September 1909 bis Juni 1912 hatte Gabor Steiner dort die Direktion inne. Er änderte dessen Ausrichtung zu Ausstattungsrevuen und Operetten. Unter den Spitzenverdienern war er nicht. Mit seinem „Venedig in Wien“ baute er vielmehr horrende Verluste. Karl Kollinsky als einer der Teilhaber des Etablissement Ronacher hingegen versteuerte 1910 ein Einkommen von 108.000 Kronen.256 Über sein Leben ist kaum etwas bekannt. 1925 scheint er in Lehmanns Adressbuch noch als Vergnügungsetablissementbesitzer auf, 1926 nur mehr als Kaffeehausbesitzer, 1927 überhaupt nicht mehr. Im Meldezettel steht zuletzt: „Cafetier, ‚Firma Collini & Rebsamer’, evangelisch Augsburger Bekenntnisses.“ In der NS-Zeit wurde dazu der Vermerk angebracht: „Abstammung: J“. Dennoch blieb er den ganzen Krieg über in Wien gemeldet. Er starb am 20. Dezember 1953.
Auch der Bankier Julius Schwarz (Strisower & Schwarz), Einkommen 1910 : 102.650 Kronen, investierte in Theater: Der in seinem Auftrag von seinem Schwiegersohn, dem Architekten und Zionisten Oskar Marmorek, errichtete Nestroyhof in Wien-Leopoldstadt mit den 1899 eröffneten Nestroy-Sälen umfasste auch ein Wirtshaus, eine Bierhalle, ein Restaurant, eine Tanzbar und einen Theatersaal, in welchem berühmte Erstaufführungen (Wedekind, Gorki, Strindberg etc.) stattfanden.257
DIE ZEITUNGSZAREN
Wien um 1900 war ein Mekka des Journalismus. Bis heute sind einzelne Namen weltberühmt. Die Wiener Zeitungslandschaft war vielfältig, die Auflagenzahl relativ gering: 1914 waren im österreichischen Teil der Monarchie etwa 4.700 Periodika auf dem Markt. Wien hatte zwischen 25 und 30 Tageszeitungen: unter den liberalen Zeitungen die Neue Freie Presse und das Neue Wiener Tagblatt“ auf konservativer Seite das Vaterland und das Neuigkeitsweltblatt, dazu die amtliche Wiener Zeitung und das quasi „halbamtliche“ Fremdenblatt als Leibblatt Kaiser Franz Josephs. Es gab die Parteizeitungen, die christlichsoziale Reichspost, die sozialdemokratische Arbeiterzeitung und als deutschnationale Organe das Deutsche Volksblatt und die Ostdeutsche Rundschau. Boulevard waren das Neue Wiener Journal und das Illustrierte Extra-Blatt und ab 1900 die Österreichische Kronenzeitung.
Journalisten verdienten nicht viel. Nur die Zeitungsherausgeber konnten wirklich reich werden: 1,7 Millionen Kronen Jahreseinkommen versteuerte der Herausgeber der Neuen Freien Presse Moriz Benedikt. Er lag damit an 11. Stelle im Ranking der Spitzenverdiener. 1872 hatte er als Redakteur begonnen, wurde Mitherausgeber und war von 1908 bis zu seinem Tod im Jahr 1920 allmächtiger Chefredakteur und Alleininhaber. Auch sein 1908 verstorbener Vorgänger Eduard Bacher, der 1872 als Journalist begonnen hatte und ab 1879 Chefredakteur und wenig später auch Herausgeber und Miteigentümer dieser Zeitung gewesen war, bezog ein hohes Einkommen. Seine Witwe Berta versteuerte 1910 ein Jahreseinkommen von 121.271 Kronen. Sie lag damit an 688. Stelle.

Moriz Benedikt, der Herausgeber der „Neuen Freien Presse“.
Der Journalist und Bühnenschriftsteller Gustav Davis als Herausgeber der Österreichischen Kronenzeitung lag mit 146.000 Kronen an 513. Stelle. Die erste Nummer der Österreichischen Kronenzeitung war am 2. Jänner 1900 erschienen, zum Monatspreis von einer Krone, im Einzelpreis zu 4 Hellern, parallel zur Einführung der Kronenwährung, die ab 1. Jänner dieses Jahres galt. 1906 wurden bereits mehr als 100.000 Exemplare verkauft. 1909 war sie mit 130.000 Exemplaren zur auflagenstärksten Wiener Zeitung geworden. Davis, 1900 noch pensionierter Oberleutnant und mehr oder weniger erfolgreicher Bühnenschriftsteller, verdiente innerhalb von zehn Jahren ein Riesenvermögen, das er in Grundbesitz veranlagte. In den Jahren zwischen 1908 und 1913 kaufte er 14 Bauerngüter im Gebiet von Hohenlehen im Ybbstal. Insgesamt hatte Davis innerhalb von fünf Jahren einen Großgrundbesitz im Ausmaß von ca. 2.000 ha für insgesamt etwa 1,4 Mio. Kronen zusammengekauft. 1909 ließ er sich ein Schloss samt Gartenhaus und Park, Meierhof, Verwaltungsgebäude, Pförtnerhaus und Personalwohnhaus errichten.258 In Wien bewohnte das Ehepaar Davis etwa 15 Zimmer im 1. Stock des Eckhauses Kolingasse/Schlickplatz. Nach dem Anschluss 1938 verlor er die Zeitung und wechselte auch seine feudale Wiener Adresse. Nach 1945 wurden die Titelrechte von den Erben an Hans Dichand verkauft.
REICHE „ARME“ STAATSDIENER
Rudolf Sieghart nannte den Staatsdienst das „nobile officium“ par excellence. Das Prestige des Staatsdienstes war beträchtlich. Voll Stolz wurde der Hofratstitel vor den Professorentitel gestellt.259 Die Literaturgeschichte der vor dem Ende stehenden Habsburgermonarchie ist voller Beamter, vom technokratischen Sektionschef Tuzzi in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften über den Hofrat Winkler in Schnitzlers Professor Bernhardi, den Bezirkshauptmann Trotta in Joseph Roths Radetzkymarsch, den Sektionsrat Geyrenhoff in Doderers Die Dämonen und den Tabakamtsrat Melzer in der Strudlhofstiege bis hin zur grotesken Überzeichnung beamteten Kompetenzdschungels bei Fritz Herzmanovsky-Orlando. Der „Beschwichtigungshofrat“, dem jede Lösung eines Problems zuwider war, war die Kehrseite der Medaille: „Tue nichts und verhindere alles.“ „Als Beamter“, lässt Arthur Schnitzler den Hofrat Winkler in seinem Stück Professor Bernhardi sagen, „da hat man nur die Wahl, Anarchist oder Trottel“.
Seit dem Beamtengehaltsgesetz von 1873 war die Beamtenschaft in 11 Rangklassen gegliedert, von 1.200 Kronen in der untersten Rangklasse elf bis 24.000 Kronen an der Spitze in Rangklasse eins. Das Verhältnis zwischen oberster und unterster Rangklasse war wie 15 zu 1. Die große Unterscheidung bestand zwischen den Konzeptsbeamten und den Kanzleibeamten. Die Ersteren hatten Hochschulbildung. Ohne Hochschulstudium, bevorzugterweise Rechtswissenschaft, kam man nicht in die Konzeptsränge. In den ersten beiden Rangklassen befanden sich der Ministerpräsident und die Minister, in die Rangklassen III (18.000 Kronen) und IV war die höchste Beamtenschaft (Statthalter, Landespräsidenten, Polizeidirektoren, Sektionschefs und die Präsidenten der Höchstgerichte) eingereiht. Die höhere, akademisch gebildete Beamtenschaft nahm die V. bis VIII. Rangklasse ein (2.800 bis 12.000 Kronen). Niedere Beamte waren in der X. und XI. Rangklasse. In der X. Rangklasse verdiente man 2.200 bis 2.800 Kronen, in der XI. 1.600 bis 2.200 Kronen. Die Beamten der V. bis XI. Rangklasse erhielten eine Aktivitätszulage, die hohen Beamten Funktionszulagen. Die Aktivitätszulagen waren vom Dienstort abhängig, die Funktionszulagen waren als Repräsentationskosten gedacht. Innerhalb der Rangklassen gab es Vorrückungen im Fünfjahresabstand. In den beiden höchsten Rangklassen wurde die Besoldung bis 1914 nicht erhöht, während die Gehälter der Rangklassen III und IV im Jahr 1898 und die der Rangklasse V 1907 eine sehr milde Steigerung erhalten hatten und die Gehälter der Rangklassen VI bis XI sowohl 1898 wie 1907 signifikant gestiegen waren. Sehr schlecht hingegen verdienten jene Staatsbediensteten, die gar nicht in den Beamtenrängen waren, sondern als Bürodiener oder als Anwärter auf einen Posten Dienst machten.
Als Beamter gehörte man ohne Zweifel zur Herrenklasse, schrieb Otto Friedländer, auch wenn man arm war.260 Für Beamte lag allerdings, auch wenn sie generell unverhältnismäßig gut verdienten, ein Einkommen jenseits der 100.000 Kronen außer jeder Reichweite. Das galt auch für Offiziere, die noch dazu das Privileg hatten, von der Einkommenssteuer befreit zu sein. Für die Diplomatie war ein gewisses Privateinkommen Voraussetzung. Der unvermeidliche repräsentative Aufwand eines Botschafterdaseins sollte nicht ausschließlich aus Steuergeldern finanziert werden.261 Weil das soziale Prestige der Beamten so hoch war, übten einige Millionäre ihren Dienst weiterhin aus, auch wenn das damit erzielte Einkommen für sie nur ein vergleichsweise kleines Zubrot bedeutete. Auf diese Weise finden sich 20 Beamte unter den Millionären. Die Rede vom „Mönchsgelübde“ im Staatsdienst, von der gedrückten sozialen Lage der Staatsdiener, war vor 1914 mehr Märchen als Realität, insbesondere in den Konzeptsrängen. Millionäre, schreibt Friedländer, sähen gerne einen Schwiegersohn im Ministerium, ein Fabrikant hätte mit einem Bezirksrichter Freude, ein wohlhabender Fleischhauer mit einem Steuerbeamten.262 Für eine Beamten-, Armee- oder Diplomatenkarriere war adelige Herkunft von Vorteil. Und für nachgeborene Millionärssöhne oder für fesche junge Männer, die über Heirat zu Geld gekommen waren, war der Beamtenstand ein schöner Ausweis ihrer Ehrbarkeit. Die Sektionschefs seien zusammen mit dem Kaiser die Herren des Landes, so Friedländer.263 Kaiser Franz Joseph verstand sich in josephinischer Tradition als Beamter. Die selbst gewählte Berufsbezeichnung des Kaisers als „selbständiger Beamter“ war zwar ein Widerspruch in sich.264 Aber für Spitzenverdiener, die Beamte waren, galt diese Widersprüchlichkeit. Sie waren Beamte, waren aber eigentlich Selbständige oder „Privatiers“ ohne wirklich feste Dienstzeit, mit hohem Ansehen und entsprechender finanzieller Anerkennung.



