Traumzeit für Millionäre

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Der Kaiser stilisierte sich als unablässig im Dienst und am Schreibtisch sitzend, von fünf Uhr früh bis acht Uhr abends. Solche Mythen sind sehr propagandawirksam. Die Realität war eine andere. Die Arbeit in den Büros war vielen Zeugnissen zufolge nicht sehr aufreibend: reden, im Kaffeehaus sitzen, Zeitung lesen … „Der Dienst im Außenamt war in jeder Hinsicht angenehm“, schreibt Ernest U. Cormons über seine dortigen Erfahrungen: „Die offiziellen Amtsstunden waren von elf bis ein Uhr und von drei bis sechs Uhr. Man konnte aber auch später kommen und früher gehen, es wurde das nicht so genau genommen.“265 Andererseits ist durchaus beeindruckend, welche Leistungen vollbracht wurden: Bescheide und Memoranden in geschliffensten Formulierungen, Aktenberge in gewaltigen Dimensionen, endlose Zahlenreihen in statistischen Dokumentationen, allein zur Einkommenssteuerstatistik jährlich an die gedruckten 1.000 Seiten, und das alles ohne Schreib- und Rechenmaschinen, händisch geschrieben, händisch addiert, ohne viele erkennbare Fehler.
Das soziale Ansehen war beim Dienst in den Ministerien am höchsten, allen voran im Außenministerium. Dann kamen die politischen Beamten bei den Statthaltereien, dahinter die Richter, Finanzbeamten, Lehrer. Die Statthaltereien und Bezirkshauptmannschaften waren das Rückzugsgebiet des alten Adels, ebenso bestimmte Ministerien, das Außenministerium und das Unterrichtsministerium. Es musste ja nicht gleich so sein wie bei Hieronymus (Girolamo) Freiherr von Alesani, der von 1874 bis 1887 Landespräsident der Bukowina war und durch seine Gattin Eugenie zum Millionär geworden war. Eugenie, eine geborene Haas von Teichen, versteuerte 1910, längst verwitwet, noch mehr als 100.000 Kronen. Die nicht gerade freundliche Charakterisierung, die Emil Franzos von seiner Amtsführung gibt, mag übertrieben und voreingenommen sein, doch ganz untypisch war sie nicht: „Baron Alesani – er war in den Freiherrnstand erhoben worden – tat allmählich nichts mehr, in des Wortes verwegenster Bedeutung nichts; er kümmerte sich um die Geschäfte überhaupt nicht mehr und ließ seine Beamten tun und lassen, was ihnen irgend beliebte. Wie Baron Alesani angeblich seine Zeit ausgefüllt haben soll, würde in eine Chronique scandaleuse von Czernowitz, nicht in ein ernsthaftes Buch gehören; wer ihn entschuldigen will, behauptet, dass er in den letzten Jahren geistesschwach oder geradezu gemütskrank gewesen sei.“266
Das hohe Ansehen des öffentlichen Dienstes bewog einzelne Millionäre in den Staatsdienst zu gehen oder dort zu verbleiben, obwohl die daraus resultierenden Einkommen für sie kaum ein Motiv darstellen konnten. Aus einer Professorenfamilie stammte Dr. Theodor von Brücke, k. k. Oberlandesgerichtsrat, Sohn des berühmten Physiologen Ernst Wilhelm Brücke. Das hohe Einkommen stammte von seiner Gattin Emilie, genannt „Milly“, einer Schwester Karl Wittgensteins. Ähnlich verhielt es sich mit dem Ministerialvize-Sekretär Dr. Max Frh. v. Allmayer-Beck. Er war von seinem Onkel, dem Ministerpräsidenten Maximilian Vladimir Frh. v. Beck, adoptiert worden, der ihm auch den Freiherrntitel erwirkte. Sein Reichtum kam aus der Ehe mit Helene Wagenmann, der Tochter des Großindustriellen Gustav Wagenmann und der Adele Medinger. Der k. k. Baurat und Oberingenieur im Eisenbahnministerium Heinrich R. v. Kuh hatte sein Vermögen wohl von Felicia v. Kuh, geb. Rapoport, Edle von Porada. Der k. u. k. Hof- und Ministerialrat Dr. Wilhelm Frh. von Mittag-Lenkheym war mit Johanna Mautner v. Markhof verheiratet. Dr. Max Salzer war der Schwiegersohn von Karl Wittgenstein, verheiratet mit dessen Tochter Helene. Um die Jahrhundertwende war er in die Dienste des Finanzministeriums eingetreten, als Ministerialconcipist in der Dienstklasse IX mit einem Jahresgehalt von 2.800 bis 3.000 Kronen, einer Aktivitätszulage von 1.000 Kronen und einer vorläufigen Pensionsaussicht nach zehnjähriger Dienstzeit auf 1.200 Kronen. 1906 wurde er zum Ministerial-Vicesekretär und 1910 zum Ministerialsekretär befördert, wurde 1913 Sektionsrat und 1916 Regierungsrat. 1910 betrug sein Beamteneinkommen 6.000 bis 7.000 Kronen im Jahr, sein versteuertes Gesamteinkommen aber 315.429 Kronen. 1924 ging er als Sektionschef in Pension. Nach seinem Rückzug aus dem Amt sollte er das Vermögen der Familie Wittgenstein verwalten. Doch bald ließen seine geistigen Fähigkeiten merklich nach, worauf man ihn angeblich nur mehr pro forma seine Aufgaben erledigen ließ, ohne seine Ratschläge zu beachten.267
Flotte Offiziere und Beamte konnten gute Partien machen. Oskar Kratzmann, k. k. Oberleutnant a. D., war mit Bertha Faber verheiratet, Josef Siebert, k. u. k. General der Kavallerie, mit Lydia Wittgenstein, der Gymnasialprofessor Wenzel Kriesche (Einkommen 1910 : 372.021 Kronen) mit Ella, geb. Edle v. Schroll, der Eisenbahnfachmann und Politiker Hofrat Eduard Sochor Frh. v. Friedrichsthal mit Alexandrine Zinner. Andere waren selbst reich, gingen aber in den Staatsdienst wie Hugo Mayr v. Melnhof. Er ging unentwegt seiner Arbeit als Hofsekretär in der Statist. Zentralkommission nach, bewohnte aber sein eigenes Palais am Opernring 4.
Ganz anders machte es der Beamte im Patentamt Hugo Kostersitz von Marenhorst. Nach der Heirat mit der schwerreichen, erst 18 Jahre alten Benediktine Benies, die 1910 mit 705.000 Kronen Jahreseinkommen das höchste Einkommen unter allen Wiener Frauen versteuerte, trat er, „ein braver Beamter, noch keine dreißig Jahre alt“, in den Ruhestand. „Seine weitere Beschäftigung“, erzählt Benediktines enger Verwandter, der Historiker Heinrich Benedikt, in seinen Erinnerungen, bestand im Nichtstun und Geldvertun: „Beni (Benediktine), eine kluge, ja weise Frau“, schreibt er, „mit der Hugo ein wunderbares Zusammenleben führte, suchte alle seine Wünsche, mochten sie noch so bizarr sein, zu erfüllen. Sie erstanden das Palais der Fürstin Oettingen-Wallerstein, einer Tochter von Pauline Metternich, stellten einen Viererzug aus Lippizanern zusammen, mit dem sie auch uns in Lissa besuchten, machten teure Jagdexpeditionen und rüsteten im Krieg einen Malteserzug zur Beförderung von Verwundeten aus. So ging das Vermögen Zug um Zug verloren.268 Kein Wunder, dass auch die Ehe nicht ewig hielt.
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