Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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Und alle schrien und lärmten.
Und dann ward es ganz still.
Und dann schlugen sich alle auf den Ballonbauch - daß das Gedröhne so furchtbar wurde - wie ein einziger anhaltender Donnerton.
Und es durchdröhnte die Luft dieser einzige gewaltige Paukendonnerton sieben Stunden lang.
Danach wards abermals still.
Und dann löste sich die rote Masse auf - und die kleinen Mondmänner sprühten wie die Funken eines großen Feuers umher - die einen flogen zu den Sternen empor - die andern hinunter in die Krater.
Und die Freude war groß.
Die Freude rüttelte alles auf und wirbelte dann alles durcheinander.
Und nun ward die große Revolution auf dem Monde mit einem Schlage zum Ereignis; die hundert Ratsherren beschlossen, den Führern der Fabrikgrotten unumschränkte Machtbefugnisse über sämtliche Mondvölker zu verleihen.
Und die Führer der Fabrikgrotten geboten - alle Tätigkeit an den verschiedenen Kraterteleskopen, in den Museen und Bibliotheken - sofort einzustellen.
Und die große Bohrtätigkeit begann.
Da viele Maschinen in der Nähe der Todesgrotten angeschraubt wurden, so mußten diese durch schalldämpfende Portieren aus Moosfaserstoffen an allen Seiten abgeschlossen werden; es wurden nach den Aufregungen der letzten Zeit sehr viele Mondleute müde; doch mit diesem Umstande war gerechnet worden.
Über hundert Jahre nahm nun die große Bohrtätigkeit sämtliche Mondmänner ganz und gar in Anspruch.
Es war nur Maschinenarbeit - doch die Maschinen mußten hergestellt, transportiert und bedient werden; die Stützvorrichtungen und Berechnungen nahmen auch viele Hände und Köpfe in Anspruch.
Aber schließlich ward es Licht.
Und man gelangte in eine große große Glasgrotte, durch deren bunte farbenglühende Nischen und Wände das Sonnenlicht drang- wie ein stilles Abendlied am Flötenkrater.
Nach weiteren hundert Jahren hatte man eine ganze Anzahl weiterer Glasgrotten kennengelernt.
Des Staunens und Bewunderns war kein Ende - denn jede Grotte hatte ein neues komplizierteres Farbenwunder gezeigt.
Und je weiter man vordrang- um so heller und strahlender wurden die Grotten.
Und die Luft ließ nichts zu wünschen übrig.
Die unausgesetzte Arbeit spannte die Mondvölker derartig ab, daß sie sich, als dreihundert Jahre nach der Revolution verflossen waren, ganz gleichgültig allen ferneren Ereignissen gegenüber verhielten.
Selbst die wundervollen bunten Licht-, Glanz-, Brand- und Farbeneffekte der immer wieder neu wirkenden Glasgrotten vermochten eine bemerkenswerte Erregung nicht mehr hervorzurufen.
Die Leiter der Fabrikgrotten verfolgten mit zäher Unerbittlichkeit ihre Ziele.
Und als nun die müden Arbeiter endlich nach vierhundert Jahren die große natürliche Linse, von der Zikáll so viel geredet hatte, erblickten - da ging bloß noch ein langer Seufzer durch das Innere des Mondes.
Und die Hälfte der Arbeiter schwebte traurig zu den Todesgrotten, um durch eine neue Wiedergeburt wieder lebensfähig zu werden.
Zikáll hatte also recht gehabt - die große Naturlinse, die einen Durchmesser von mehreren Meilen besaß, war in der Mitte der gläsernen Mondseite entdeckt worden.
Aber es kam noch mehr.
Bald entdeckte man auch in anderen Grotten, die an der Oberfläche lagen, große Glaslinsen, die sich ebenfalls für Riesenteleskope eigneten.
Und da beschlossen denn die hundert Ratsherren, deren Zahl immer wieder, wenn einzelne müde geworden waren, aus den Führern ergänzt wurde, auch diese kleinen Naturlinsen zu Teleskopzwecken zu verwerten.
Die Grotte mit der großen Mittellinse war im Innern eine Rubingrotte und bestand aus lauter kolossalen roten Brillanten, die schreckliche Brandglut ausströmten, so daß man bei Tageslicht nicht lange dort sein konnte.
Überhaupt: sämtliche Grotten, die an der Oberfläche lagen, zeigten sehr viele Brillanten und Edelsteine in unsäglich vielen neuen Farben und Kristallformationen, so daß es eine große Freude war, in diesen Brillanten-Grotten zu weilen.
In den Glaslinsen zeigte sich glücklicher- und seltsamerweise kein einziger Brillant - während doch das Innere der Glasgrotten so viele aufwies; die Linsen waren sämtlich wasserklar und auch von Meteoren nicht beschädigt.
Die natürlichen Glassäulen und die herrlichen Nischen, Galerien und Schluchten aus Glasgebilden und edelsten Steinen wirkten allmählich durch all den blitzenden, funkelnden und brennenden Reichtum der immer wieder neuen Formen- und Farbenkompositionen - wiederbelebend auf die ermüdeten Mondvölker - wie frischer Blütenduft wirkte das neue Grottenreich.
Und dann wurden die Teleskope zusammengebaut- sowohl das mittlere große - wie auch zwölf seitwärts stehende kleinere, die allerdings recht beträchtliche Dimensionen durchquerten - und zum großen Rohr in demselben Verhältnisse standen - wie in einem aufgespannten Regenschirm die spannenden Querstangen zum Stock.
Die Zwischenlinsen, die geschliffen werden mußten, machten die meiste Arbeit - mancher Mondmannsmund lernte das Seufzen dabei.
Jedes der dreizehn Rohre führte zunächst in den Ausgangspunkt der Bohrarbeiten, den man früher für den Mittelpunkt des Mondes gehalten hatte. Und von diesem Punkte aus ging das mittlere Riesenrohr stockgrade nach der Mondseite, die der Erde zugewandt ist - bis in den Bleikrater, der das Zentrum der bewohnten Halbkugeloberfläche bildet.
Man denke sich einen Regenschirm aufgespannt - und die Vorstellung wird komplett sein; nur vergesse man nicht, daß das Schirmtuch der Glasseite entspricht.
Diese riesenhaften Teleskope sollten so eingerichtet werden, daß Beobachtungen und photographische Aufnahmen an verschiedenen Stellen des großen Rohres möglich wurden; vom Bleikrater bis zu den Todesgrotten schuf man sieben undzwanzig Rohrstationen mit kompliziertesten Apparaten.
Auch ganz neue Apparate zur Beobachtung der Licht- und Wärmespektren wurden in den Fabrikgrotten hergestellt.
Das Gehämmer und Geklopfe ward vonJahrzuJahr stärker.
Die Metalle klangen oft melodisch zusammen - doch nur selten.
Vom Bleikrater bis zur großen Linse warens gute tausend Meilen.
Die ungeheure Arbeit wirkte nach und nach ganz eigenartig auf die Gemütsverfassung der armen Mondmänner ein; die waren an eine derartig ununterbrochene Handtätigkeit gar nicht gewöhnt - es bildete sich viel Horn in den Handflächen.
Die Krater, in denen früher so regelmäßig Beobachtungen des Himmels und der Erde stattgefunden hatten, standen nun schon jahrhundertelang in stiller Einsamkeit da.
Niemand fand die Zeit, die alten Räume, an die sich so viele Erinnerungen knüpften, wieder mal aufzusuchen.
Und am Himmel und auf der Erde konnten die kolossalsten Wunder geschehen - die Mondleute bemerkten davon nichts.
Selbstverständlich hatte man die alten zurückgesetzten Apparate so sorgsam umwickelt und eingepackt, daß sie Schaden nicht leiden konnten.
Auch die Museen und Bibliotheken liefen nicht Gefahr, zu verderben - dafür war gesorgt.
Aber für die Köpfe der Mondleute war weniger gesorgt worden.
Die Führer der Fabrikgrotten nutzten ihre Machtstellung ganz rücksichtslos aus - und gestatteten keine andre Beschäftigung den Mondleuten - als die an dem großen Werke.
Und bald warens volle tausend Jahre, daß die Mondleute so unablässig arbeiteten.
Die Zeit war vergangen - man wußte nicht wie.
Aber da kam es einigen Ratsherren - und besonders dem Knéppara - so vor, als müßte nun notwendigerweise die große Arbeit mal unterbrochen werden.
»Das furchtbarste Gefängnis«, sagte er in der Ratsversammlung, »kann nicht einen so verheerenden Einfluß ausüben - als diese ständige mechanische Tätigkeit. Ich habe diese schlimmen Folgen der großen Arbeit damals vor tausend Jahren vorausgesehen und gefürchtet. Aber Ihr wolltet nicht hören.«
Und Knéppara schlug vor - zehn Jahre zu ruhen.
Auf den Amethystsäulen fand danach wieder eine Abstimmung statt.
Zuhörer wie sonst waren in der Ratsgrotte diesmal nicht da.
Und der Knéppara wurde wieder überstimmt; die Führer der Fabrikgrotten waren der Uberzeugung, daß in guten drei Jahrhunderten alles fertig sein würde - man müßte fest bleiben.
Knéppara setzte es danach bloß durch, daß einzelne Arbeiter jährlich fünfhundert Stunden von der Arbeit befreit werden konnten.
»Ihr seid grausam!« sagte Knéppara - und bat, ihn sofort fünfhundert Stunden hindurch allein zu lassen.
Dem Knéppara ward die Bitte selbstverständlich gewährt; dabei versicherten aber die Führer der Fabrikgrotten mit erhobenen Händen, daß sie nach bestem Wissen und Gewissen handelten - ein Nachlassen in der Arbeit setze das ganze große Unternehmen den größten Gefahren aus.
Und danach suchten sich wieder die Ratsherren durch die kolossalen Weltbilder, die ihnen später beschert werden würden, zu berauschen.
»Dieser Zukunftsrausch«, sagte Zikáll, »hat uns bereits tausend Jahre aufrechterhalten - er wird uns auch über die nächsten drei Jahrhunderte hinweghelfen.«
Und mit diesem Troste flogen die Herren vom Ratskrater wieder eilig davon und nahmen die ihnen zugewiesene Arbeit von neuem in Angriff.
Knéppara aber saß nun hoch oben am Rande des Zinnkraters und starrte die volle, rotglühende Scheibe des Erdgestirns an, das die Moosfelder des Mondes mit weichem Licht erfüllte.
»Diese Erdmänner!« sagte er leise in Gedanken zu den Nachtwinden"wer hätte das vor tausend Jahren gedacht! Heute kümmert sich keiner mehr um die Erdmänner. Wir wissen gar nicht, was sie tun; sie können bereits sämtlich ausgestorben sein - sie können sich auch heute noch gegenseitig totschießen - sie können sich auch gegenseitig aufessen - und dabei ruhig weiterleben - ein anderes Leben. Wer kann das wissen? Wir jagen einem größeren Ziele zu. Und es werden noch drei Jahrhunderte vergehen - bis wir wieder was von dem Leben der Erdmänner erfahren. Vielleicht haben auch sie eine große Revolution erlebt. Vielleicht können wirs nach drei Jahrhunderten gar nicht mehr konstatieren, ob die Erdmänner eine große Revolution erlebten - oder nicht. Vielleicht sind die Folgen der großen Revolution schon wieder verweht. Es ist doch traurig, daß ich von alledem nichts weiß.«
Goldkäfer schwirrten um Knépparas Kopf.
Feine Musik tönte aus dem Zinnkrater heraus - so wie von fernen fernen Gesängen, die weder traurig noch heiter sind.
Die Sterne funkelten.
Und die Erde glühte.
Als dreizehnhundert Jahre nach der großen Revolution auf dem Monde verflossen waren - da saßen alle Mondleute an ihrem neuen großen Riesen-Fernrohr - und sahen die große Welt ganz in der Nähe.
Und was die Mondleute sahen, berauschte sie so, daß sie ganz kopflos wurden - und anfingen, wirre Reden zu führen.
Das schlug dem Faß den Boden aus.
Das war mehr als großartig.
Das spottete jeder Beschreibung.
Das ging über die Hutschnur.
So gewaltig hatte sich keiner die Welt vorgestellt.
Jetzt erst gingen den Mondleuten die Augen auf.
Und die Augen wurden ihnen feucht, und sie fingen an zu weinen - laut zu weinen - vor übergroßer Seligkeit.
Und jetzt bedauerten sie nicht mehr, daß sie ausgeschlagene dreizehn Jahrhunderte rastlos gearbeitet hatten, ohne Auge für die Welt zu haben.
Jetzt durften sie dafür um so mehr Auge für die Welt haben; jetzt konnten sie wieder leben - wie früher - und noch anders.
Und der große Mafikâsu, umgeben von seinen beiden Rasibéffs, hielt eine lange Rede, in der er unter anderem auch bemerkte:
»Wenn die Erde durch den Bleikrater durchsehen könnte, so würde der Mond bloß das Fernglas der Erde sein. Der Mond aber ist jetzt ganz Auge. Das wollte er immer sein - das sagte ich schon vor zwei Jahrtausenden. Vielleicht bilden jetzt Erde und Mond zusammen bloß einen Stern - dann wäre der Mond das große Sehorgan dieses Doppelsterns - und die Erde wäre dann bloß eine Art Ballonbauch. Vielleicht steckt grade in diesem Umstande das Motiv für die schwache Entwicklungsfähigkeit des Sterns Erde. Nun, meine verehrten Weltfreunde, ob dem so ist, wie ich sagte - oder ob dem nicht so ist - das kann uns ja eigentlich ganz gleich bleiben. Aber eines wollen wir heute nicht vergessen: Wir blicken heute die Welt mit den Naturlinsen des Mondes an, und uns muß zum Bewußtsein kommen, daß wir mit denselben Organen die Welt anblicken - mit denen unser Stern die Welt anblickt. Wir sind dadurch mit unserm Stern eins geworden - einig. Und weil wir so ganz eins und einig sind mit unserm lieben Monde - deshalb sind wir so glücklich. Dieses wollen wir nicht vergessen.«
Da ward es still am großen Rohr - und Mafis Worte, die er im Mittelpunkte des Mondes gesprochen hatte, gingen am langen Fernrohr und an den zwölf kürzeren, die zu den kleineren Naturlinsen führten, immerzu auf und ab.
Und die Mondleute begriffen plötzlich, daß sie mit ihrem Stern zusammen ein einziges einiges Wesen bildeten.
Und die Mondleute trommelten nicht auf ihren Ballonbäuchen - sie brachten ihre feierliche Stimmung durch ein langes großes Schweigen zum Ausdruck.
Die Todesgrotten waren jetzt wieder ganz leer, da jeder dabei sein wollte - wenns losging.
Die Benutzung der neuen Apparate begann an allen Punkten zu gleicher Zeit.
Und das war ein großer Augenblick.
Und die Mondleute fühlten, daß sie jetzt viel mehr waren als früher; sie hatten es so weit gebracht, daß es ihnen vorkam, als wären sie viel zu weit gekommen.
Und diese Erkenntnis hob ihre Brust und machte, daß ihre hellblauen Augen leuchteten - und daß ihre Leiber wieder so rot wurden wie glühende Kohlen.
Und was die Mondleute nun durch ihre neuen Apparate sahen - das wirkte so überwältigend, daß den roten Weltbetrachtern anfänglich ganz der Atem wegblieb.
Das kribbelte und wibbelte auf den nächsten Fixsternen von unzählbaren Geschöpfen: da gabs solche, deren Leiber so dünn wie feinste Haare waren - und andre Wesen wieder, die meilenbreite Leiber hatten. Auch solche Geschöpfe gabs, die sich unsichtbar machen konnten - auch solche, die bald klein und bald groß aussahen - auch solche, die mit ihrem Stern fest zusammenhingen, so daß jeder Wurm-Kopf seinen Stern für seinen Unterleib halten konnte.
Und wie sahen erst die Sterne selber aus, die jetzt so zu sehen waren, als schwebten sie ganz dicht neben dem Monde dahin!
In den Nebelflecken gabs eine solche Fülle von neuen nie geahnten Sternformen --
Unzählige Dinge harrten der Aufklärung.
Zunächst wußte niemand, wie er sich dieser Fülle von neuen Erscheinungen gegenüber benehmen sollte.
Es war wirklich zu viel auf einmal.
Und nun wurden auf Knépparas Bitten auch die alten kleinen Kraterteleskope wieder instand gesetzt; sie hatten in den dreizehnhundert Jahren nur wenig gelitten.
Und die alten Museen und Bibliotheken wurden ebenfalls wieder geöffnet; da zeigte sich aber, daß manche Photographie infolge schlechter Verpackung vollkommen verblaßt erschien; auch verschiedene Papierqualitäten hatten sich nicht bewährt.
Doch diese Verluste wurden nicht zu hoch angeschlagen.
Mit großer Neugier ließ Knéppara eine Reihe von Teleskopen auf die Erde richten; er wollte doch zu gerne wissen, was aus den Erdmännern geworden sei.
Und bald wußten die Mondleute, daß die Erdleute nur noch ganz kleine Soldatenscharen unterhielten, die nicht mehr zu großen Kriegen, sondern nur noch zum Schutze gegen die Verrückten, deren es auf Erden nicht wenig gab, gehalten wurden.
»Es ist doch«, bemerkte der eine Klambátsch, »sehr seltsam, daß die Erde so viele Wesen leben läßt, die eigentlich infolge Mangels an Vernünftigkeit nur zerstörend wirken.«
»Der Stern Erde«, bemerkte Knéppara, »gehört zu den ganz abnormen Sternen, die vielleicht in der Welt nur den Beweis erbringen sollen, daß die große Welt auch imstande ist, die größten Dummheiten zu machen - daher das schnelle Absterben der irdischen Kreatur! Von diesem Standpunkte aus war auch das frühere Kriegswesen der Erdleute durchaus entschuldbar. Man sieht nicht ein, warum Kreaturen, die so unvollkommen sind, so ötepetöte mit ihrem Leben umgehen sollen. Das ganze Mordsleben auf Erden erzeugt, wenn mans ohne Mitgefühl von oben herab betrachtet, durchaus komische Effekte. Und wir haben daher wohl ein Recht, den Stern Erde zu den komischen Sternen zu rechnen. Dieser Umstand erklärt wohl mein Interesse für die Erde - mehr als alles andre. Ich liebte wohl unbewußt nur das Komische an ihr. Der Erde würde doch sehr viel fehlen, wenn ihr die lächerlichen Seiten fehlen sollten!«
Und diese Worte des weisen Knéppara erhielten durch die weitere Beobachtung der Erde noch eine ganz besondere Bedeutung; es stellte sich nämlich heraus, daß die Erdleute ihr Gesellschaftsleben recht merkwürdig entwickelt hatten.
Während man früher auf Erden fortwährend von Krieg und Militarismus sprach, lenkte man jetzt alle Aufmerksamkeit auf die Ausbildung der feinsten gesellschaftlichen Umgangsform und schuf dabei ein derartig umständliches Zeremoniell, daß die ganze Jugendzeit der Erdmänner nur mit Erlernung der verschiedenen Anstandsregeln verbracht wurde. Im reiferen Alter gings dann an die praktische Verwertung der erlernten Regeln. Und wer im späteren Alter die Geschichte noch nicht ordentlich kapiert hatte, wurde unter militärischer Bedeckung in eine sogenannte Fortbildungsschule gesandt.
Und die Mondmänner konstatierten bald, daß die Erdmänner jetzt mindestens ebenso lebhaft zu bedauern wären - wie vor dreizehnhundert Jahren.
»Wenn dieses Zeremoniell«, sagte Knéppara, »nicht ein Beweis mehr ist, daß diese Erde zu den komischen Sternen gehört, so weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll. Trotz aller Unappetitlichkeit hat dieser Stern doch so viel Drolliges, daß man ihm beinahe gut sein könnte.«
Die Mondleute lachten herzlich, als sie diese neuen Nachrichten vom Stern Erde kennenlernten.
Traten sich die Erdmänner früher mit Mordsinstrumenten zu nahe, so suchten sie jetzt das Sichzunahetreten durch so viel Zeremoniell zu verhindern - daß der jetzige Zustand mit allen seinen Umständen eigentlich ebenfalls einem permanenten Kriegszustande gleichkam, obschon jeder sich hütete, loszuschlagen.
Loso, der sich meist in den bunten Glasgrotten auflhielt, bemerkte sehr richtig:
»Die Erdmänner wollen den Bewohnern andrer Sterne nur was zum Lachen geben. Wir sollten den Erdmännern für ihre Absicht, die anderen Sternbewohner erheitern zu wollen, dankbar sein. Es wäre schade, wenn wir die Erdmänner nicht gelegentlich ebenfalls beobachten wollten. Wers will, sollte jedenfalls nicht gehindert werden.«
Und es wurden diejenigen, die gelegentlich die Erde beobachten wollten, nicht daran gehindert, aber allzuviel warens nicht.
Der Pflastermann sagte gelegentlich mal:
»Es scheint mir, daß wir gar kein Recht haben, die Organismen der Erdoberfläche für Dinge zu halten, die zur Erde gehören. Es wäre doch möglich, daß die Erde ihre ersten Organismen durch Meteore empfangen hätte. So was sagte schon ein Erdmann. Und wenn dem so wäre, so hätten wir in allen Pflanzen und Tieren der Erdoberfläche nur Fremdkörper zu erblicken, um die sich der Stern Erde gar nicht kümmert - die er einfach duldet, da er weiß, daß sie durch seine Haut nicht durchkönnen.«
Diese Worte gefielen dem Knéppara und dem Zikáll ganz außerordentlich; die Mondvölker aber ließen sich nicht die Zeit, diesen Gedankengang zu verfolgen.
Die kolossalen Ereignisse, die man jetzt durch die neuen Teleskope mit ihren großen Naturglaslinsen im Weltenraume beobachten konnte, nahmen doch alle Aufmerksamkeit fast ganz und gar in Anspruch.
Jetzt erst bemerkte man den überschäumenden, vernichten den Reichtum der Welt - wieviel auch ›zwischen‹ den Sternen war.
Es zeigten sich nicht bloß Kreaturen, die aus so feinen Stoffen bestanden, daß die Luft dagegen wie Goldklumpen wirkte - es zeigten sich auch Eisgeschöpfe und Feuergeschöpfe.
Ganz was Natürliches war es, daß mehrere Sterne ineinander lebten.
Überhaupt: die Einfachheit des Lebens war nur sehr selten zu entdecken - fast alles hatte im Laufe der Zeit sehr komplizierte Formen angenommen.
Und es bedurfte schon eines großen Aufwandes von Scharfsinn, wenn einzelne Erscheinungen ein wenig aufgehellt werden sollten; die neuen Spektralapparate bewährten sich oft ganz gut.
Doch vieles blieb unverständlich.
Gleichzeitig wurde aber eine ganze Reihe von Instrumenten erfunden, mit denen eine Messung neuer Kräfte, die weder zur Wärme noch zur Elektrizität Beziehungen hatten, vorgenommen werden konnte.
Es bot sich überhaupt so viel Neues den Blicken dar, daß es einfach überwältigte und hinriß.
Ganz deutlich wars zu erkennen, daß die Anziehungskraft in den weiteren Fernen des Weltraums nicht mehr existierte und Wärme und Kälte auch nicht.
Die Formen der großen Sterne setzten immer wieder in Erstaunen.
Und die Zahl der Sterne!
Die Zahl konnte auf der ganzen Mondoberfläche nicht geschrieben werden - das war bald sonnenklar.
Die nahe Sonne verblüffte ganz besonders.
Ein derartig mannigfaltiges Leben hatte niemand in der Sonnenglut geahnt.
Das kribbelte und wibbelte.
Und die neuen Museen mit den Welt-Photographien füllten sich immer mehr.
Und jetzt empfanden die Mondleute eine ganz neue Lebenslust in sich.
Und es dauerte sehr lange Zeit, bis einer müde wurde; die Todesgrotten standen anfangs ganz leer.
Und dann lernten die Mondleute, wie sich die Sterne gegenseitig verständigten - und lernten dadurch verschiedene Sternsprachen kennen.
Und das riß hin - mit Gewalt.
Und es zeigten sich Sterne, die mit gewaltigen Sprachorganen einen ungeheuren Lärm machen konnten - und die Stärke dieses Lärms konnte gemessen werden - mit ganz neuen Apparaten!
Es war allen so, als tauchten sie tief tief in das ganze große Weltleben hinein.
Astrale Gestalten sausten oft wie Kometen mit komischen Gliedern durch die nächsten Planeten durch und blieben auch in diesen sichtbar; diese astralen Gestalten bestanden aus ganz besonderen Stoffen, die nur von besonderen Apparaten bemerkt und fixiert werden konnten.
Oft war allen so, als gingen sie unter in all diesem Reichtum - als würden sie verschlungen von der ungeheuren Lebensfülle.
Und zuweilen kams selbst den Führern so vor, als wärs denn doch zu viel.
Das kribbelte und wibbelte überall!
Und die Fülle der neuen Erscheinungen nahm immer mehr zu.
Es war immer mehr - immer mehr - zu sehen und anzustaunen - und zu erklären.
Und die Mondmänner starrten in das Weltleben hinein und waren ganz Auge- ganz Auge.
Und der große Mond wars auch.
»Das kann«, rief Mafikâsu, »niemals aufhören. Und so ist unsre Freude an dieser großen Welt unzerstörbar.«
Die Mondmänner waren selig.
Ihr Stern, der große Mond, drehte sich immerzu weiter um jenen drolligen Stern, der Erde hieß und ein komischer Stern blieb sein ganzes Leben hindurch - in jedem Jahrtausend ohne müde zu werden.
Die Mondleute wurden zuweilen recht müde - aber wenn sies wurden, so schwebten sie zum Pflastermann in die Todesgrotten - und aus denen kamen sie immer wieder mit neuen Lebenskräften heraus.
Und die große Welt blieb voll Lebensrausch - unaufhörlich.
Auch die große Welt schien niemals müde zu werden - immer wieder und wieder neue große Wunder zu offenbaren.
Und die Mondleute lebten in dem unaufhörlichen Leben der Welt - so als wäre das ihr Mondmannsleben.
- Ende -
Immer mutig!
Inhaltsverzeichnis
Lichtwunder
Die wilde Kralle
Er hatte ...
Der große Kampf
Die Kummerlotte
Noahs Glück
Nebelsterne
Groß!
Das harte Rot
Freunde
Der Weg zur Schlachtbank
Das neue Leben
Wir maken Allens dot!
St. Georg
Der Mönch



