Gesammelte Science-Fiction & Dystopie Romane (12 Titel in einem Band)

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Auch die Völkerscharen, die an den Wänden aus Bergkrystall und oben im Trichter und auf der Außenseite des Kraters versammelt waren, sprachen kein Wort.
Die telegraphischen Tafeln waren überall so angebracht, daß die Reden, die die Ratsherren auf ihren Amethystsäulen hielten, überall sofort verständlich wurden; die Apparate machten ohne weiteres aus allen Worten auf den telegraphischen Tafeln große Schriftzeichen, die jeder Mondmann leicht mit seinem Fernglas lesen konnte; die Farbe der Ratsherren war auf den Tafeln unten in Punkten sichtbar.
Lange Zeit währte die Ruhe im Ratskrater.
Die hundert Ratsherren zitterten nicht mit den Fühlhör nern, blickten auch nicht mit den Augen nach rechts und nach links, sie blickten vor sich runter in die tiefe Tiefe; die Herren dachten eifrig über das Gesagte nach.
Und nach anderthalb Stunden sagte Knéppara leise: »Ja!«
Da atmeten die Ratsherren ganz tief auf - so daß ein kleiner Wirbelwind im Krater entstand.
Und dann sagte Loso leise: »Wir wollen abstimmen.«
Und alle hundert Ratsherren waren in den nächsten fünf Minuten rot; sie warens nicht auf einmal geworden - aber sie wurdens doch nach und nach sämtlich.
Und ein unbeschreiblicher Jubel durchbrauste den großen Ratskrater, daß die schlanken Amethystsäulen bebten.
Nun ward es wieder ruhiger auf der bemoosten Seite des Mondgestirns, und die lauten heftigen Reden der Mondleute verstummten allmählich.
Von den Blitzblumen war nicht mehr die leiseste Spur zu bemerken, sie kamen wie der Blitz und verschwanden auch so.
Die fünfzig Tonnenwagen wurden wieder ins Innere des Mondes gebracht und in der Nähe der Fabrikgrotten aufbewahrt; die Wagen sollten eigentlich verbessert werden, gerieten aber bald in Vergessenheit.
Nach all der großen Erregung kam jetzt eine Zeit der Abspannung.
Und es wurden sehr viele Mondleute müde.
Und der Pflastermann hatte mit seinen Gehilfen viel zu tun.
Und die hohen violetten Hallen der Todesgrotten bevölkerten sich immer mehr und mehr.
Oben an den Kratern wurde jetzt die Erde mit größtem Eifer beobachtet, und die Museen, in denen sich die Photographien der Erdbilder befanden, wurden überall durch Inanspruchnahme andrer Grotten erweitert.
Und bei dieser Erweiterung wurde viel Glas von der Jenseitsseite des Mondes geholt; in den Fabrikgrotten hatten die Erdfreunde zu diesem Zwecke eine kolossale Maschine hergestellt.
Der Pflastermann wunderte sich über die große Arbeit, die diese Maschine verursacht hatte und sagte mal zum Loso, dem großen Glasfreunde:
»Ist es nicht verwunderlich, daß die Erdfreunde so viel Scharfsinn und so viel Arbeit aufwenden, bloß um ja nicht die alte Erde aus dem Auge zu lassen? Und ist es andrerseits nicht wieder verwunderlich, daß sie der Arbeit, die das große Fern rohr verlangt, so ängstlich aus dem Wege zu gehen trachten ? Wie reimt sich das?«
»Lieber Pflastermann«, versetzte da der Loso, «die Geschichte nimmst Du nicht so ganz richtig. Die Erdfreunde gehen den großen Arbeiten durchaus nicht aus dem Wege. Wer das Gegenteil behauptet, kennt uns nicht. Bedenke mal bloß, was das für Mühe gekostet hat, die einzelnen Sprachen der Erdvölker zu entziffern! Das war keine kleine Arbeit - wahrhaftig nicht! Und sie ist noch lange nicht abgeschlossen. Was den Knéppara und mich veranlaßt, soviel gegen das große Fernrohr zu reden - das ist doch nicht Arbeitsscheu. Wir wollen bloß nicht in unsren Arbeiten, die noch viele Lücken aufweisen, gestört werden. Schließlich hoffen wir, in den fünfzig Jahren, die wir Vorsprung gewonnen haben, so viel zusammenzubringen, daß wir uns ein bißchen verschnaufen können. Die Erdfreunde arbeiten heute mehr denn je. Es sieht uns eben so aus, als ob jetzt auf der Erde jeden Tag Wunder passieren könnten. « »Hm!« sagte da der Pflastermann »auf dem Monde siehts mir jetzt auch so aus, als ob alle Tage Wunder passieren könnten.«
»Wie«, fragte Loso, »meinst Du das? Ich dächte, es wären jetzt bald genug Wunder bei uns passiert. Mafikâsus Erfolge - der Lanzen-Nebel - die Blitzblumen - der Diamantengletscher- der große Rubin - ist das nicht schon alles, was sein kann?«
»lch glaube« flüsterte der Pflastermann geheimnisvoll, »es ereignen sich noch mehr. Wenn Du in die Todesgrotten mitkommen möchtest, so würdest Du was erleben. Ich habe die Sache nun schon sehr lange geheimgehalten, da ich glaubte, auf dem Monde sei schon genug Erregungsstoff da.«
Na - Loso begleitete gleich den Pflastermann.
Und in den Todesgrotten fanden sie in einem stillen dunklen Winkel den gelehrten Zikáll, der neben den Herren Nadûke und Klambátsch saß.
Zikáll sagte gleich:
»So was ist noch nicht vorgekommen. Die Herren sitzen nun bereits über zwei Jahre, und die Neubildung in der linken Ballonseite zeigt sich nicht. Dafür zeigen sich andre Erscheinungen. Wartet ein wenig - die Geschichte muß gleich wieder losgehn.«
Und kaum hatte er das gesagt, so entstand ein seltsames dunkelblaues Licht in den Körpern des Nadûke und Klambátsch ZU gleicher Zeit. Und jedes der beiden dunkelblauen Lichter irrte in dem Leibe herum und sprang dann wie eine Leuchtkugel raus und tanzte in der Luft auf und ab wie ein Irrwisch. Und plötzlich zerspritzten die beiden tanzenden Lichter- und die blauen Lichtteilchen waren gleich wie dünne weiße Schlangen - die sich in der Luft hin und her schlängelten - und dann langsam nach allen Seiten zerrieselten - wobei es zuweilen so aussah - als wenn Schneeflocken herumflögen.
»Was ist denn das?« rief der Loso, als es vorbei war.
»Wir müßten die Sache«, sagte der Pflastermann, »eigentlich bekanntmachen. Mich hält nur eine Ahnung zurück. Diese Lichterscheinungen haben sich beinahe schon hundertmal gezeigt. Die beiden Herren wissen nichts davon. Aber nach jeder Lichterscheinung habe ich den Körper der beiden ein wenig verändert gefunden. Die Sache spielt schon viel länger als zwei Jahre - es sind bald vier. Wenn bei andern das Herauswachsen des neuen Rumpfes ein halbes Jahr dauert so ist das schon lange. Wir wollen nun noch einmal ganz genau nachsehen.«
Der Pflastermann löste ein paar Pflaster vom Bauche des schlafenden Herrn Nadûke ab - und wurde dabei sehr rot, um besser sehen zu können.
Und mit einem Male fing der Pflastermann furchtbar zu lachen an. Zikáll und Loso wußten zuerst nicht, was das Lachen bedeuten sollte.
Doch sie solltens bald erfahren.
Sie flogen näher, betrachteten den Bauch des Sterbenden sehr aufmerksam - und sahen nun - zwei ganz winzig kleine Köpfe nebeneinander in Nadûkes linker Ballonseite.
Der Pflastermann lachte noch immer.
Aber die Herren Zikáll und Loso schlugen entsetzt die Hände überm Kopfe zusammen und rissen den Mund weit auf.
»Das bedeutet ja«, rief Loso, als erwiederzu sich kam, »daß jetzt zwei Nadûkes entstehen.«
»Das bedeutet es!« sagte der Pflastermann ernst, » jetzt weiß ichs genau; nun können wir von dem unerhörten Wunder allen Mondvölkern Nachricht geben. Ich war bis heute meiner Sache noch nicht ganz gewiß; ich kann mich auf die Feinfühligkeit meiner Finger nicht mehr so recht verlassen; ich glaube, ich werde auch bald müde.«
»Wie steht es aber«, fragte Zikáll, »mit dem Herrn Klambátsch? «
Der Pflastermann nahm auch dem Klambátsch ein paar Pflaster ab - und da waren ebenfalls zwei Köpfchen in der Ballonhaut zu sehen.
Die beiden Sterbenden wurden wieder in die bequemste Lage gebracht, und dann flogen die drei, die das Wunder gesehen hatten, sehr rasch davon.
Und bald wußten alle Mondvölker, daß es demnächst zwei Nadûkes und zwei Klambátsche geben würde.
Und diese Nachricht brachte alle Mondvölker in ein paar Augenblicken ganz aus Rand und Band.
Die Erregung wurde im Handumdrehen so furchtbar, daß alle Führer und alle Ratsherren in größter Eile durch die Lüfte sausten - ohne zu wissen - wohin.
Alle Mondleute waren glühendrot und rangen die Hände.
Und an den Kratern wimmelten die Völker durcheinander - als wenn ein großes Feuer- Funken sprühte.
Und sie flogen in die Todesgrotten und flogen wieder in die Fabrikgrotten - und dann wieder nach oben - und wußten nicht- was sie eigentlich wollten.
Es war eine Aufregung!
Nicht zu sagen!
Und das Merkwürdige an der ganzen Geschichte war, daß alle Mondmänner nicht wußten, ob sie sich über dieses Wunder freuen - oder ob sies für ein Unglück halten sollten.
Die Trubelstimmung währte ohne Unterbrechung volle vierundzwanzig Stunden.
Dann aber kamen die hundert Ratsherren im Ratskrater zusammen und beschlossen, sich gegenseitig ihre Meinungen über dieses eigenartige Naturereignis mitzuteilen.
Und da saßen sie denn wieder mal auf ihren langen schlanken Amethystsäulen - und die Völker ringsum lauschten wieder.
Aber in dieser außerordentlichen Sitzung waren die Herren Ratsherren sämtlich rot wie glühendes Eisen.
Und keiner hatte lachende Gedanken, denn wenn die Sache eine Zukunft hatte...
»Sollen wir«, sprach Zikáll, »annehmen, daß wir nun fürderhin immer gleich mit zwei Schädeln denken werden? Müssen wir nicht befürchten, daß sich unsre Zahl verdoppeln könnte?«
»Und werden wir da«, meinte der große Loso, »nicht schließlich genötigt sein, eine neue Ratsgrotte zu suchen? Ist es nicht nötig, unter den obwaltenden Verhältnissen zweihundert Ratsherren zu wählen? Daß wir uns, wenn sich jeder von uns in zwei Teile spaltet, diese beiden Teile als gleichdenkend vorstellen können, das können wir uns doch nicht denken.«
Ohne diese Worte zu beachten, sprachen nun die andern.
Und alle sprachen - hintereinander - ohne Rücksicht auf die Vorredner - in langen wohlgesetzten Reden.
Und alle hatten plötzlich so viel zu sagen - daß es auf die zuhörenden Mondvölker ganz schrecklich wirkte - denn so viele Meinungen hatten sie noch niemals in einer einzigen Ratssitzung vernommen.
Sonst wars in den Ratssitzungen immer so einfach zugegangenman war ja vorher immer schon einig gewesen - wer sprechen sollte - im Auftrage der anderen.
Und jetzt sprachen alle Hundert.
Das war neu.
Die Namen der Herren Nadûke und Klambátsch wurden in den Reden an die hunderttausend Mal gebraucht; diese beiden Herren, die an Ruhm ihr Lebtag kaum mal dachten, hatten jetzt einen unheimlichen Ruhm; Gepenster könnten keinen haben, der unheimlicher wäre.
Und es empfanden bald alle Ratsherren, daß sich eine große Verwirrung ihrer bemächtigt habe.
Zum Schlusse sprach Knéppara ein erlösendes Wort:
»Liebe Freunde«, sagte er, »ich glaube, daß alle Reden vorläufig recht überflüssig sind, denn wir müssen doch zunächst mal abwarten und erst wissen, ob sich derartige Doppel-Geburten wiederholen werden. Es ist doch nicht so ohne weiteres anzunehmen, daß wir nun gleich sämtlich dazu verurteilt seien, in zwei Köpfen und zwei Leibern weiterzuleben. Ich glaube, wir täten gut, unsre Sitzung so lange zu vertagen, bis sich die Doppel-Geburten in größerer Zahl zeigen. Die Herren Nadûke und Klambátsch dürfen uns doch nicht vollständig aus der Fassung bringen. Wir haben in letzter Zeit doch wahrlich schon Dinge vertragen, die schwerer sind - Dinge, die noch tiefer in unsre Lebensverhältnisse einschneiden - obschon ich zugebe, daß uns dieses Ereignis in unsern Todesgrotten nicht ohne Grund im ersten Augenblick - ein wenig verwirrte.«
Nach diesen Worten beschlossen die Ratsherren, die Sitzung zu vertagen.
Das ging allerdings nicht so schnell - denn es sprachen noch sehr viele Mondleute, die sonst jahrhundertelang kein Wort geredet hatten, zum zweiten und dritten Mal.
Schließlich aber trennten sich die Ratsherren trotzalledem allerdings mit schwerem Herzen - denn die Aussicht, nächstens immerzu einen gleichberechtigten Namensbruder und Leibbruder neben sich zu sehen und neben sich zu hören - erschien keinem Mondmann als etwas Angenehmes - obwohl wieder viele der Meinung waren, daß diese neue Form der Lebensäußerung sicherlich mindestens so interessant sei - wie die Ereignisse im Lanzen-Nebel.
Nun- darüber ließ sich streiten.
Und das wurde auch reichlich getan.
Langsam - sehr langsam ging die Beruhigung der Mondvölker vor sich.
Die Herren Nadûke und Klambátsch kamen schließlich tatsächlich als vier Mondleute an die Oberfläche.
Und dieses verdoppelte Erscheinen machte wieder alle Völker rot; jeder Mondmann wollte nun was andres von den vieren erfahren.
Da gab es gleich ganze Labyrinthe von Fragen.
Und so hatten sowohl Nadûke I wie Nadûke II - wie auch Klambátsch I und Klambátsch II so viel zu antworten, daß ihnen bald das Antworten unmöglich wurde.
Und die vier ließen sich zusammen in einer einsamen Höhle am Zackenfall nieder und baten die Neugierigen herzlichst, vorläufig bloß fern zu bleiben - ganz fern.
Es ließ sich auf diese Weise nicht einmal feststellen, ob die Zweiten genauso dachten wie die Ersten; das wußten sie eben wie so vieles andre selber noch nicht.
Nun ereignete es sich währenddem, daß beinahe sämtliche Führer zu gleicher Zeit schrecklich müde wurden und - ohne es eigentlich zu wollen - genötigt waren, die Todesgrotten aufzusuchen.
Da bemächtigte sich der Mondvölker natürlich abermals eine Panik - denn nun fragte es sich ja - ob sie fürderhin von Doppelwesen regiert werden würden.
Die Geschichte wurde schwierig und gab jetzt auch denen einen tüchtigen Stoß, die schon was vertragen konnten.
Die ganze Beschaulichkeit ging in die Brüche.
Rasibéff war ebenfalls unter den Müden - und er war der erste, bei dem sich die blauen Lichterscheinungen zeigten.
Als es nun klar wurde, daß auch Rasibéff fürderhin in zwei Köpfen und in zwei Rümpfen und in zwei Ballonbäuchen weiterleben mußte - da wußten die Mondmänner nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand.
Anfänglich glaubte der Pflastermann, der jetzt selbstverständlich das erste Wort in allen Mondangelegenheiten hatte, es sei nicht unwahrscheinlich, daß die Ballonbäuche zusammen einen bilden könnten.
Dieses bewahrheitete sich glücklicherweise nicht; aber die Furcht vor einer derartigen Mißgeburt hatte nur noch wenig Eindruck auf die Mondvölker gemacht - sie waren schon ganz abgestumpft durch all das Unerwartete.
Beruhigend wirkte dann, als bei Mafikâsu und Knéppara alles normal verlief.
Und dann kam auch Zikáll wieder so aus den Todesgrotten heraus, wie er hineingeflogen war.
Und dann ereignete sich kein weiterer Fall, der zu Bedenken Anlaß bot.
Die Doppelgänger vermehrten sich nicht mehr.
Und die Furcht vor dem Doppelgängertum, die dem Mondmannsverstande schädlich zu werden drohte, löste sich langsam auf - und zerrann.
Und bald hatten sich die Mondleute an ihre drei Doppelmänner gewöhnt.
Es scheint eben sämtlichen Lebewesen des Weltraums gemeinsam zu sein, daß sie sich an alles Wunderbare sehr rasch gewöhnen und es dann so behandeln wie all die anderen bekannten Wunderdinge der Gewöhnlichkeit.
Und es wunderte sich nach einem Jahre kein Mondmann mehr, wenn Nadûke I eine ganz andre Meinung äußerte als Nadûke II - es wunderte sich auch über die Rasibéffs keiner mehr, wenn die beiden regelmäßig dasselbe sagten - und zwar wörtlich.
Klambátsch I war ein eifriger Erdfreund - und Klambátsch II konnte sich nur für die verschiedenen Glassorten begeistern und befand sich infolgedessen gewöhnlich in der Nähe des großen Loso.
Nach zehn Jahren dachten die Mondleute gar nicht mehr an die drei Uberzähligen.
Die große Wette jedoch - die hatte keiner vergessen.
Und so kam es, daß selbst die Weltfreunde viel öfter über das Militärwesen der Erdbewohner redeten - als über die große Welt.
Das machte natürlich die Führer der Weltfreunde sehr ungeduldig, besonders beklagten sich die Rasibéffs über diese zeitraubende Beschäftigung mit den alten irdischen Wurmverhältnissen.
Die Rasibéffs hatten auch allen Grund, über die kostümierten Massenmörder des Erdballs nicht freundlich zu reden denn es zeigten sich an verschiedenen Stellen des Himmels so merkwürdige Phänomene, daß wahrlich jeder Weltfreund vollauf ZU tun hatte; das photographische Material war oftmals neu zu ordnen und von verschiedenen Gesichtspunkten aus den früher entdeckten Phänomenen anzugliedern.
Ganze Sternhaufen waren neuerdings entdeckt worden, von denen sämtliche Sternkarten keine Spur verrieten. Und man gelangte bald zu der Einsicht, daß diese neuen Sternhaufen zu den wandelnden gehörten.
»Abermals«, sagte Mafi, » ein Beweis, wie nötig wir das größere Fernrohr gebrauchen. Wir sehen allnächtlich den großen Himmel mit einer ganz erklecklichen Anzahl von Fernrohren an und bemerken plötzlich, daß wir unzählige Sterne, die in Haufen immerzu da sind, doch nicht bemerken, da sie ein bißchen weiterab liegen. Die Existenz von wandelnden Sternhaufen ist bisher stets bestritten worden, und nun zeigen sich solche Wandelsternhaufen plötzlich zu gleicher Zeit an fünf Stellen.«
Es waren nämlich solche wandelnden Sternhaufen gleich zeitig an fünf räumlich weit voneinander getrennten Stellen des Himmels entdeckt worden. »Was«, bemerkte Zikáll, »die Meteore in unserm Sonnensysteme sind, das sind die wandelnden Sternhaufen in unserm Raum.«
Verblüffend wirkte die ungeheure Schnelligkeit, mit der die Sternhaufen dahinzogen - sie bewegten sich alle in denselben spiralförmigen Kurven und wurden dabei bald größer und bald kleiner.
Wie kantige Glasstücke sahen die neuen Sterne aus, sie wechselten unablässig die Farben; in welchen Verhältnissen die Sterne in den einzelnen Haufen zueinander standen, ließ sich bei der großen Entfernung nicht konstatieren.
Dagegen bemerkten die Mondleute, daß altbekannte Nebelflecke, die allgemein für Milchstraßensysteme angesehen wurden, sehr rasch ihren Standpunkt beim Herannahen der wandelnden Sternhaufen veränderten.
Es wurde hierbei berechnet, daß die Nebelflecke, die auswichen, in ein paar Sekunden viele Trillionen von Sternweiten weiterschwebten, während die wandelnden Haufen selbstverständlich noch viel schneller waren.
Und die Mondleute nennen erst die Strecke von tausend Billionen Meilen - eine Sternweite.
»Man sollte«, bemerkte Zikáll, »wahrlich glauben, daß derartige Veränderungen im Weltraume den ganzen Tanz der Sterne verwirren müßten. Und dennoch sehen wir, daß dieser Ortswechsel der Nebelflecke die Nachbargebiete ganz kalt läßt; es muß doch sehr viel Raum in der Unendlichkeit vorhanden sein - das empfindet man sonst gar nicht so deutlich. «
»Hieraus schließe ich«, sagte Nadûke II, »daß wir uns selber im Raume - mit unserm ganzen Milchstraßensystem zusammen - sehr schnell hin und her bewegen. Ich bin der Meinung, daß wir uns ebenfalls in einem wandelnden Sternhaufen befinden. «
Das Wort erzeugte eine heftige Debatte, denn Nadûke I widersprach dieser Ansicht durchaus. Und es stritten sich bald an die hundert Gelehrte über die große Frage, ob sich der Mond in einem wandelnden oder in einem stillsitzenden Sternhaufen befindet.
Zu Resultaten führte diese Debatte vorläufig noch nicht.
Die Erdfreunde entdeckten währenddem etwas Neues auf der Erdoberfläche.
Die Erdmänner, die in den Kostümen des allgemeinen Söldnertums staken und zusammen die herrlichen Volksheere repräsentierten, hatten plötzlich ganz andre Kostüme an.
Das war folgendermaßen gekommen:
Da von seiten der Künstler Jahre hindurch behauptet wurde, daß die Soldatenkostüme künstlerisch nicht befriedigen könnten, da alles Uniforme den Reichtum der Natur zerbreche- so waren die Künstler - man staune! - aufgefordert worden, künstlerische Kostüme zu zeichnen und zu kolorieren. Und nach einzelnen dieser künstlerischen Arbeiten stellten danach die Armeeverwaltungen neue Uniformen in Massen her; es wurde dabei viel über das Wort ›Uniform‹ geredet, ohne dem Prinzip, dem man doch zu Leibe wollte, wehe zu tun - die Erdmänner leisteten dabei etwas im wohlgefügten oratorischen Satzbau.
Da sah man denn bald die Soldaten mit stilvoller Ornamentstickerei an den Armen und am Halse - auf dem Kopf, auf dem Rücken und auf der Brust - besonders aber an den Beinen.
Der sonst so schweigsame Klambátsch I sagte dazu mal lächelnd:
»Diese Erdmänner schämen sich gar nicht, daß sie Beine haben.«
Aber nicht nur der Ornamentschmuck machte die Uniformen neu und eigenartig - auch die Farbenkomposition wies viel größeren Reichtum auf und wirkte besonders auf der Rückenpartie der Offiziere sehr stimmungsvoll - im Geschmack alter Glasmalerei - worüber alle Glasfreunde auf dem Monde ganz entzweigingen vor Entzücken.
Über die neuen Uniformen sagte eine erdmännische Tageszeitung, die grundsätzlich für die Erhaltung der bestehenden Zustände mit Feuereifer eintrat, folgende Worte, die im Zinnoberkrater photographiert worden waren:
Es wird, sagte das Blatt wörtlich, heutzutage vieles umgestoßen. Das liegt bedauerlicherweise daran, daß wir alles immer wieder in neuer Form haben wollen. Und deshalb soll man stets den Dingen, die erhalten bleiben sollen, ein neues Kleid verschaffen; manches kann eben im alten Kleide nicht weiterleben und muß deshalb ein neues haben. So gings auch bei unsern braven Vaterlandsverteidigern. Das Interesse an der Wehrkraft unsrer Land- und Seetruppen, das schon durch Verweichlichung der Gesinnung arg zurückging, hat durch die neue Uniformierung einen neuen starken Impuls erhalten. Die Soldaten werden den Künstlern von Herzen dankbar sein für die schönen Röcke und Hosen, die vom Genius der Kunst entworfen wurden. Die Soldaten werden es gerne vergessen, daß die Künstler an fänglich nur deshalb gegen die alten Uniformen eiferten, um dadurch an dem Fundamente unsres Heerwesens zu rütteln. Es ist anders gekommen. Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.
»Da ist ja«, sagt Knéppara, »recht viel Aussicht vorhanden, daß die Heere der Erdmänner abgeschafft werden.«
»Humor, der nicht verstanden wird«, meinte Klambátsch I, »kann natürlich keine Wirkung ausüben.«
Die Freunde des Sterns Erde lächelten schmerzlich und besahen sich ihre feinen Hände, was die Mondleute immer dann tun, wenn eine intensive Abneigung gegen eine störende Geschichte in ihnen aufsteigt.
Doch die Zeit ging dahin - im Fluge.
Und zwanzig Jahre nach der großen Ratssitzung, in der das erdmännische Soldatentum so wichtig gemacht wurde, hatte man wieder mal ein anderes Bild vom Erdball; der sah jetzt so aus, als wenn endlich alles gründlich verrevolutioniert werden sollte.
Knéppara sagte feierlich:
»Es können sich Wunder auf der Erde ereignen! Photographieren wir besonders die Tageszeitungen!«
Das geschah denn auch.
Aber dabei kam was Schönes zutage.
Bekanntlich war es die Absicht der irdischen Friedensfreunde schon vor zwanzig Jahren gewesen, die Tagespresse auf ihre Seite zu ziehen; diejenigen Zeitungen, die von den Friedensfreunden tüchtig bezahlt bekamen, taten natürlich alles mögliche für die Verbreitung der Friedensideen - aber die andern Zeitungen, die nach ihrer Meinung nicht genug für ihren Schlund kriegen konnten, taten bald alles mögliche zur Verbreitung der Kriegsideen - und verstanden es, ihre Leser durch kriegerische Alarmartikel und tägliche Mordsgeschichten so zu verrohen, daß es in kurzem gradezu als Vaterlandsverrat betrachtet wurde, wenn jemand seine Kinder nicht schon im zarten Alter von zehn Jahren militärisch drillen ließ - wofür es viele staatliche Erziehungsanstalten gab, die das Drillen ganz umsonst besorgten.
Und so erfuhr der Militarismus auch durch die Tagespresse nur eine Steigerung seiner Kraft, was allerdings zur Folge hatte, daß die Erdleute überall geneigt waren, große Revolutionen zu arrangieren.
Und so wurde manches anders - ganze Reihen von Potentaten wurden abgeschafft - aber die stehenden Heere wurden keineswegs abgeschafft.
Die von den Regierungen gut bezahlte Tagespresse sorgte dafür, daß das Interesse am Heerwesen nicht wieder erschlaffte. Aller Hohn und Spott von seiten der Friedenspartei nutzte gar nichts; die Soldaten lachten die Friedensleute einfach aus und drückten ihnen öfters die Hände und sagten freundlich:
»Ihr habt das meiste zu unserm Wohlsein beigetragen. Wenn Ihr nicht so viel auf das Soldatenwesen geschimpft hättet, so lebten wir heute noch so schlecht wie die armen Stiefelputzer, die vor zwanzig Jahren dienten. Jetzt leben wir einen Herrentag!«



