- -
- 100%
- +
Eine weitere wichtige Dimension des achtsamen Gehirns ist, dass wir, indem wir die mit achtsamem Gewahrsein verbundenen neuronalen Mechanismen verstehen, vielleicht eher in der Lage sind, seine universellen menschlichen Qualitäten zu identifizieren und es für ein breiteres Publikum zugänglicher und glaubhafter zu machen. Können Sie sich eine Welt vorstellen, in der diese die Gesundheit fördernde, die Empathie erhöhende, die exekutive Aufmerksamkeit entwickelnde, das Mitgefühl mit sich selbst nährende, erschwingliche und anpassungsfähige geistige Praxis für jeden verfügbar wäre?
Zwei Arten des Wissens
Bei der Vorbereitung auf die Erforschung dieser Themen habe ich mich mit zwei Arten des Wissens befasst – dem erfahrungsbezogenen und dem experimentellen. Ich habe an einer Reihe intensiver und unmittelbarer Versenkungen in das achtsame Gewahrsein teilgenommen, um die Kraft dieser bedeutenden Art, im Leben zu sein, zu spüren. Dieser Aspekt der Reise, über den ich noch sprechen werde, befähigt uns, die innere Dimension der Achtsamkeit quasi von innen nach außen zu erleben. Die zweite Art des Wissens ist gleichermaßen kraftvoll, jedoch anders geartet: Hier geht es um die wissenschaftliche Sicht auf das achtsame Gewahrsein.
Ich erhielt eine Einladung, bei einem Sommer-Forschungsprogramm zu unterrichten. Dieses Programm wurde vom Mind and Life Institute gesponsert, das sich unter der Führung des Dalai Lama um die Integration von Wissenschaft und Meditation bemüht hat. Vertreter anderer Praktiken, unter anderem des kontemplativen christlichen Gebets, des dem Taoismus entstammenden Tai-Chi und des Yoga besuchten das Institut: Es gibt viele Wege, um achtsames Gewahrsein zu trainieren. Ich war auf einer Podiumsdiskussion und sprach über die klinischen Anwendungen von Achtsamkeit und die Transformation des Affekts durch Meditation. Bevor ich anfing, wollte ich ein Gespür dafür bekommen, welche Grundkenntnisse das Publikum in Neuroanatomie hatte, so dass ich die Einzelheiten meines Vortrags darauf abstimmen konnte. Als ich fragte: „Wer hier weiß, wie das Gehirn funktioniert?“, entgegnete einer meiner Podiumspartner, Richard Davidson, ein renommierter Forscher auf dem Gebiet der affektiven Neurowissenschaft: „Keiner von uns!“ Wir alle lachten und erkannten, wie Recht er hatte.
Das Gehirn ist ein komplexes System, und wir „wissen“ nicht wirklich zur Gänze, wie es funktioniert, noch, auf welche Weise seine Funktionen genau mit der subjektiven Natur des Geistes verbunden sind. Und noch viel weniger wissen wir, wie achtsames Gewahrsein funktioniert. Aber dennoch stehen uns viele faszinierende Hinweise darauf zur Verfügung, wie geistiges Erleben und Gehirnstruktur und -funktion zusammenwirken. Die Gehirnfunktion und das geistige Leben sind nicht identisch. Wenn wir mit der Erforschung des achtsamen Gewahrseins befasst sind, dann müssen wir sehr bescheiden sein und sagen, dass wir nur sehr wenig über die Rolle des Gehirns dabei wissen. Doch wenn man sich unvoreingenommen den neuronalen Aspekten der Achtsamkeit zuwendet, dann kann das nur dazu beitragen, Licht auf die damit verbundenen Prozesse und Mittel zu werfen, um diese wichtige Dimension unseres subjektiven Lebens zu kultivieren. Und die daraus resultierenden Erkenntnisse könnten die objektive Natur unseres Körpers, unserer Beziehungen und unseres seelischen Wohlbefindens weiter bereichern.
Wir können sagen, dass Geist und Gehirn sich in ihren Funktionen entsprechen, doch wir wissen de facto nicht, auf welche Weise Gehirnaktivität und Geistesfunktionen sich gegenseitig hervorbringen. Es ist allzu einfach, nur zu sagen, dass „das Gehirn den Geist erzeuge“, da wir mittlerweile wissen, dass der Geist auch das Gehirn aktivieren kann. Der Prozess, der den Energie- und Informationsfluss reguliert (unsere Definition von Geist), kann das Feuern des Gehirns direkt anregen und letzten Endes auch die strukturellen Verbindungen im Gehirn umgestalten.
Wir können auf das Gehirn schauen, um Entsprechungen zu mentalen Prozessen zu finden, wie etwa beim achtsamen Gewahrsein. Diese Verbindungen sind einfach nur das: keine kausalen Beweise, sondern zwei Dimensionen der Realität, die letzten Endes nicht aufeinander reduziert werden können. Davidson und seine Kollegen haben zum Beispiel eine Verlagerung der Gehirnfunktion zu einer Dominanz des linken Frontallappens als Reaktion auf emotionale Auslöser festgestellt (Davidson et al. 2003), die mit einer Annäherungshaltung und positiveren Emotionen assoziiert werden, wie wir in Kapitel 10 sehen werden. Diese Linksverlagerung in Schaltkreisen, die für das Regulieren von Emotionen zuständig sind, korrelierte unmittelbar mit dem Grad an Verbesserung bei der Immunabwehr.
Eine weitere Studie (Lazar, Kerr, Wasserman, Gray, Greve & Treadway 2005) zeigte eine Vergrößerung von zwei Gehirnbereichen: (1) des mittleren Präfrontalbereichs auf beiden Seiten und (2) diejenige eines damit verbundenen neuronalen Schaltkreises, der Inselrinde, die insbesondere auf der rechten Gehirnseite dicker war. Die Dicke in diesen Arealen hing mit der Länge der Zeit zusammen, in der die Achtsamkeitsmeditation praktiziert worden war. Hier sehen wir sowohl eine linksseitige als auch eine rechtsseitige Korrelation mit den Praktiken des achtsamen Gewahrseins (siehe Anhang III, Lateralität). Studien über andere Meditationsformen, bei denen man sich zum Beispiel auf das Mitgefühl konzentriert, zeigen wieder andere Veränderungen, wie etwa eine erhöhte Feuerkoordination, insbesondere im Präfrontalbereich auf beiden Seiten des Gehirns (Lutz, Greischar, Rawlings, Ricard & Davidson 2004). Eine umfangreiche Bewertung vieler Studien (Cahn & Polich 2006) zeigt eine ganze Reihe von Aktivierungen, insbesondere in den mittleren Präfrontalbereichen (anteriores Cingulum) durch die Achtsamkeitsmeditation.
Ein positiver Effekt bei der Beschäftigung mit dem Gehirn und der Suche nach Entsprechungen mit dem Geist, zeigt sich darin, dass wir mehr über den Geist selbst lernen können. Bei der Untersuchung des achtsamen Gehirns werden wir uns nicht nur mit diesen und anderen Studien über Emotionen, Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen beschäftigen, sondern auch in das neue Gebiet der sozialen Neurowissenschaft eintauchen. Das achtsame Gewahrsein auch als Beziehung zu sich selbst anzusehen, die sich die neuronalen Schaltkreise unseres sozialen Lebens zunutze macht, könnte neues Licht auf die fundamentalen Prozesse werfen, die in der Erfahrung der Achtsamkeit verborgen liegen.
Vorläufige Forschungen zu den Gehirnfunktionen deuten an, dass Achtsamkeit das Gehirn verändert. Warum sollte die Art und Weise, wie Sie im gegenwärtigen Moment aufmerksam sind, Ihr Gehirn verändern? Die Art und Weise, wie wir aufmerksam sind, fördert die neuronale Plastizität – die Umgestaltung neuronaler Verbindungen als Reaktion auf Erfahrung. Was wir untersuchen werden, sind die möglichen Mechanismen, wie sich die verschiedenen Dimensionen achtsamen Gewahrseins in der Aktivität des Gehirns niederschlagen und dann das Wachstum der Verbindungen in diesen Bereichen anregen. Indem wir tief in das unmittelbare Erleben eintauchen, werden wir in der Lage sein, etwas Licht darauf zu werfen, warum Forschungsergebnisse Veränderungen auf der linken und rechten Seite zeigen und welche globalen Auswirkungen sich dadurch für das integrative Funktionieren des Gehirns als Ganzes ergeben könnten.
Achtsamkeit als Beziehung, die Integration fördert
Lange bevor wir unseren Geist mithilfe von Reflektion zu kultivieren versuchten, haben wir uns als soziale Geschöpfe weiterentwickelt. Ein großer Teil unseres Gehirns im Ruhezustand, in der Standardeinstellung sozusagen, scheint ein neuronaler Schaltkreis zu sein, der mit dem Verstehen anderer in Beziehung steht (Gusnard & Raichle 2001). Es sind die sozialen Schaltkreise des Gehirns, die wir zuerst benutzt haben, um den Geist, die Gefühle, Intentionen und Einstellungen anderer zu verstehen. Wenn wir das achtsame Gewahrsein als einen Weg ansehen, um das Bewusstsein des Geistes von sich selbst zu kultivieren, dann erscheint es wahrscheinlich, dass es sich Aspekte der ursprünglichen neuronalen Mechanismen zunutze macht, um sich des Geistes anderer bewusst zu werden. Wenn wir uns unserer eigenen Intentionen und des Fokus unserer Aufmerksamkeit bewusst werden, dann verwenden wir dazu vielleicht genau diejenigen Schaltkreise im Gehirn, die zuerst Landkarten von der Intention und Aufmerksamkeit anderer erzeugt haben. COAL ist genau die geistige Haltung, die Eltern gegenüber ihren Kindern haben, denen sie eine sichere Bindung mit auf den Weg geben. Wir können sagen, dass die gegenseitige Einstimmung bei der sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind einer intrapersonalen Form von Einstimmung beim achtsamen Gewahrsein entspricht. Beide Formen von Einstimmung fördern die Fähigkeit zu engen Beziehungen sowie Resilienz und Wohlbefinden (siehe Kapitel 9 zur weiteren Erörterung des Themas Bindung).
Vergleicht man Studien über sichere Bindung mit solchen über Praktiken des achtsamen Gewahrseins, stellt man erstaunliche Überschneidungen in den Ergebnissen fest (Kabat-Zinn 2003b; Sroufe, Egeland, Carlson & Collins 2005). Ich habe außerdem festgestellt, dass viele der Grundfunktionen, die bei diesen beiden scheinbar so unterschiedlichen Themen auftauchten, mit dem Präfrontalkortex verbunden waren. Zu diesen Funktionen gehören die Regulierung der Körpersysteme, das Ausgleichen von Emotionen, die Einstimmung auf andere, das Modulieren von Angst, flexible Reaktionen und das Zeigen von Einsicht und Empathie. Zwei andere Funktionen dieser Präfrontalregion – nämlich in Kontakt mit Intuition und Moral sein – sind in der Bindungsarbeit nicht untersucht worden, schienen jedoch ein Ergebnis der Praxis des achtsamen Gewahrseins zu sein (siehe Anhang III, Die Funktionen des mittleren Präfrontals).
Der Vorschlag, den meine Kollegen und ich früher unterbreitet hatten (siehe Cozolino 2002; Schore 2003a, 2003b; Siegel 1999, 2001b; Siegel & Hartzell 2003; Solomon & Siegel 2003), bestand darin, dass die Beziehungen der sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind ebenso wie die effektive therapeutische Beziehung zwischen Kliniker und Patient das Wachstum der Fasern in dieser Präfrontalregion förderten.
Die Präfrontalfunktion ist integrativ. Das bedeutet, dass lange Stränge der Präfrontalneuronen bis in weit entfernte und abgegrenzte Bereiche des Gehirns und des Körpers hineinreichen. Diese Verbindung von abgegrenzten Elementen ist die wörtliche Definition eines fundamentalen Prozesses, nämlich der Integration. Aus vielerlei Gründen, die an anderer Stelle erörtert werden, kann die Integration als grundlegender gemeinsamer Mechanismus für verschiedene Bahnen angesehen werden, die zu Wohlbefinden führen (Siegel 1999, 2001b, 2006, im Druck).
Wie fördert Einstimmung die Integration?
Wenn die Beziehungen zwischen Eltern und Kind aufeinander abgestimmt sind, dann ist das Kind in der Lage, sich „gefühlt zu fühlen“, und es hat ein Gefühl von Stabilität im gegenwärtigen Moment. Während der Interaktion im Hier und Jetzt fühlt sich das Kind gut, verbunden und geliebt. Die innere Welt des Kindes wird von den Eltern klar gesehen, und die Eltern lernen, mit dem Zustand des Kindes in Resonanz zu gehen. Das ist Einstimmung.
Im Laufe der Zeit befähigt diese eingestimmte Kommunikation das Kind, die regulierenden Schaltkreise im Gehirn zu entwickeln – einschließlich der integrativen Präfrontalfasern –, die für einen Menschen in der Zeit des Wachstums eine Quelle von Resilienz darstellen. Diese Resilienz nimmt die Form der Fähigkeit zur Selbstregulation und des Einlassens auf andere in empathischen Beziehungen an. Hier sehen wir, dass gegenseitige Einstimmung – die grundlegende Eigenschaft einer sicheren Bindung – zu den empirisch nachgewiesenen Ergebnissen führt, die wir oben beschrieben haben.
Diese Liste der neun Präfrontalfunktionen schien sich auch mit dem zu überschneiden, was ich im Laufe der Zeit über die Achtsamkeitspraxis gelernt hatte. Ich habe diese Idee Jon Kabat-Zinn auf einem Diskussionspodium vorgestellt (Ackerman, Kabat-Zinn & Siegel 2005), und er hat die Beobachtung dieser Funktionen als Zielkriterien bestätigt. Er hat dann die Idee dahingehend erweitert, dass es bei dieser Liste nicht nur um Ergebnisse geht, die von der Forschung verifiziert wurden, sondern um den Prozess des achtsamen Lebens an sich.
Der Reiz, eine Konvergenz zwischen der Bindungs- und der Achtsamkeitsforschung zu finden, hat mich dazu gebracht, die Überschneidungen weiter zu erforschen. Seit jener ersten Begegnung habe ich noch mehr über die Achtsamkeitspraxis gelernt, aus dem direkten Erleben und meinen eigenen klinischen Anwendungen ebenso wie dadurch, dass ich an einer Reihe von Retreats teilgenommen habe und mich an Forschungsinstituten als Teilnehmer und Fakultätsmitglied damit beschäftigt habe. Die Reise, etwas über diese Möglichkeiten, den Geist und das Wohlbefinden zu kultivieren, zu lernen, ist aufregend gewesen und hat mich in meiner Aufgeschlossenheit gestärkt.
In den vor uns liegenden Kapiteln werden wir tiefer in die Geheimnisse des Geistes eindringen und untersuchen, was achtsames Gewahrsein, sichere Bindung und präfrontale Gehirnfunktion miteinander gemein haben könnten.
* Zur Verwendung der Begriffe „Reflektion“ versus „Reflexion“ siehe ausführliche Darlegung auf Seite 169 ff.
Kapitel 2
Das Gehirn – Grundlagenwissen
Entwicklung
Das Nervensystem entwickelt sich im Embryo zunächst als Ektoderm, den äußeren Zellschichten, die später die Haut bilden. Bestimmte Zellcluster dieser äußeren Zellen falten sich dann an der Rückenseite (Neuralplatte) nach innen und bilden das Neuralrohr aus, das zum Rückenmark und zum Gehirn wird. Diese Entwicklung vom Ursprung der Neuronen – der Grundzellen des Gehirns – auf der „Außenseite“ bis hin zu ihrer Reise „ins Innere“ des Körpers veranschaulicht eine philosophische Erkenntnis, nämlich die, dass das Gehirn an der Schnittstelle der inneren und der äußeren Welt unseres körperlich definierten Selbst entsteht. Für die Beschäftigung mit dem achtsamen Gehirn ist es von Nutzen, diese Schnittstelle oder Verbindung von innen und außen im Gedächtnis zu behalten.
Unser Gehirn steht an der Spitze eines ausgedehnten Nervensystems, das über den ganzen Körper verteilt ist. Wann immer wir dem Wort Gehirn begegnen, ist es wichtig, sich diese Tatsache zu vergegenwärtigen. Das Grundgerüst (oder die Kernarchitektur) des Nervensystems entsteht im Zuge seiner Entwicklung im Mutterleib. Genetische Faktoren bestimmen in entscheidendem Maße, wie viele Neuronen zu ihrem Bestimmungsort wandern und sich dann miteinander verbinden werden. De facto sind circa fünfzig Prozent unseres genetischen Materials direkt oder indirekt für die Struktur des Nervensystems zuständig, was die Gene zu einem sehr wichtigen Faktor in der neuronalen Entwicklung werden lässt. Doch bereits wenn der Fötus kurz davor steht, den Mutterleib zu verlassen, wirken Erfahrungen auf die Verbindungen zwischen den Neuronen ein.
„Erfahrung“ bedeutet für das Nervensystem im Wesentlichen die Aktivierung des neuronalen Feuerns als Reaktion auf einen Stimulus. Wenn Neuronen aktiv werden, dann wachsen ihre Verbindungen untereinander und unterstützende Zellen und Blutgefäße beginnen sich schnell zu vermehren. Auf diese Weise prägen Erfahrungen die Struktur des Nervensystems. Unter neuronalem Feuern versteht man die Aktivierung des Äquivalents eines elektrischen Stroms, eines so genannten Aktionspotenzials, das sich über die gesamte Länge der Axone (Nervenzellenfortsätze) bis zu deren Endverzweigungen fortsetzt, wo an der Synapse, dem intrazellulären Raum zweier unmittelbar angrenzender Neuronen, die durch Verbindungskanäle (gap junctions) aneinander gekoppelt sind, entweder ein aktivierender oder ein hemmender Neurotransmitter (Botenstoff) ausgeschüttet wird. Das nachgeordnete Neuron wird dann in Abhängigkeit davon gefeuert, ob die in jenem Moment ausgeschütteten Transmitter eher stimulierend oder eher hemmend sind. Im Durchschnitt sind hundert Milliarden Neuronen über 10 000 synaptische Verschaltungen miteinander verbunden, die von Genen geschaffen und durch Erfahrung geformt werden: Die Natur braucht die Umwelt. Diese beiden wichtigen Dimensionen der menschlichen Entwicklung und der Neuralfunktionen stehen nicht im Widerspruch zueinander.
Neuronen feuern, wenn wir Erfahrungen machen. Durch das Feuern der Neuronen wird das Potenzial geschaffen, bestehende Synapsen durch das Wachstum neuer Verbindungen zu verändern oder sogar das Wachstum neuer Neuronen anzuregen, die ihrerseits neue synaptische Verbindungen erzeugen. Die Neubildung und Neuvernetzung von Neuronen beruht sowohl auf genetischen Faktoren als auch auf Erfahrung. Veränderungen in den Verbindungen, die aufgrund von Erfahrung zustande kommen, sind Ausdruck der Neuroplastizität des Gehirns.
Erfahrung bedeutet neuronales Feuern, was in einigen Situationen die Aktivierung von Genen fördern kann. Die Genaktivierung führt zur Produktion von Proteinen, die ihrerseits die Bildung neuer Verschaltungen und die Verstärkung alter ermöglicht. Die Forschung hat außerdem gezeigt, dass Erfahrungen das Wachstum neuer Neuronen anregen können. Neurogenese ist der Prozess, bei dem neue Neuronen heranwachsen – sogar bei Erwachsenen. Bei den noch nicht ausdifferenzierten Zellen im Gehirn, den neuronalen Stammzellen, erfolgt eine regelmäßige Teilung. Ein Produkt dieser Teilung setzt durch Vermehrung die Stammzellenlinie fort (Proliferation), während das andere, die „Tochterzelle“, dazu angeregt werden kann, zu einer voll integrierfähigen Nervenzelle im Gehirn heranzuwachsen (Differenzierung). Wir wissen, dass sich Neurogenese bei Erwachsenen zumindest im Hippocampus vollzieht (synaptische Plastizität) und dass diese Tochterzellen über einen Zeitraum von mehreren Monaten dazu angeregt werden können, zu voll funktionsfähigen, integrierten Neuronen heranzuwachsen (Kempermann, Gast & Gage 2002).
Neuroplastizität
Erfahrungen können strukturelle Veränderungen im Gehirn bewirken. Häufig finden solche Veränderungen auf der fein abgestimmten mikrostrukturellen Ebene statt; zum Beispiel wenn wir im Gedächtnis neue Assoziationen schaffen. Mit Hilfe eines Scanners können solche Veränderungen jedoch kaum nachgewiesen werden, es sei denn, sie wären recht markant. Aufgrund von Sara Lazars veröffentlichter Arbeit (Lazar et al. 2005), die strukturelle Veränderungen aufzeigt, sollte uns bewusst sein, dass dieser Befund nur durch signifikantes Wachstum von Nervengewebe im Gehirn zustande gekommen sein kann. Sollte dies das Resultat von Erfahrung sein, dann könnte es sein, dass die Neuroplastizität im Zentrum jenes Befunds stünde: Ein wiederholtes Feuern von Neuronen in spezifischen Arealen würde zu einer deutlich erhöhten Synapsendichte in jenen Regionen führen, die durch die Achtsamkeitspraxis aktiviert werden. Das Wachstum von unterstützenden Zellen und Blutgefäßen könnte sowohl zum Funktionieren dieser Bereiche als auch zu der größeren Dicke beitragen. Das achtsame Gewahrsein ist somit eine Form der Erfahrung, welche die Neuroplastizität zu fördern scheint.
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit in spezifischer Weise fokussieren, dann aktivieren wir die Schaltkreise im Gehirn. Diese Aktivierung kann die synaptischen Verbindungen in den betreffenden Bereichen stärken. Wenn unsere Hypothese lautet, dass Achtsamkeit als eine Form der Beziehung zu sich selbst nicht nur aufmerksamkeitsbezogene Schaltungen, sondern auch soziale Schaltkreise beinhaltet, dann bedeutet dies, dass wir neue Dimensionen unserer achtsamen Erfahrung im Gehirn erforschen oder, mit anderen Worten, nach „neuronalen Korrelaten“ derselben suchen können (für Rezensionen der sozialen Neurowissenschaft siehe Cozolino 2006 und Goleman 2006).
Bei der Untersuchung von Veränderungen im Gehirn als Reaktion auf Erfahrungen können wir auf Daten aus funktionellen Bildgebungsverfahren (wie der fMRI, der funktionellen Magnetresonanztomografie) oder elektronischen Überwachungsgeräten (wie EEGs und ähnlichen Testverfahren) zurückgreifen. Dabei sollten wir nicht nur auf die physische Struktur des Gehirns schauen, sondern auch auf das Funktionieren des Gehirns als Gesamtsystem, um aufzuzeigen, wie neuroplastische Veränderungen zu funktionalen Veränderungen führen können. Richard Davidsons Nachweis, dass es bei Stimulustests, bei denen bestimmte Emotionen provoziert wurden, zu einer linksfrontalen Funktionsverschiebung kam, zeigt, dass die Achtsamkeitspraxis Menschen hilft, ihre Emotionen auf positivere Weise zu regulieren, und zwar durch Annäherung statt durch Rückzugsverhalten (Davidson 2004). Die Tatsache, dass eine Korrelation zwischen dem Grad an Verschiebung zur linken Gehirnhälfte hin und der positiven Beeinflussung der Immunfunktion festgestellt wurde, zeigt uns, dass Achtsamkeit nicht nur dazu beiträgt, dass man sich wohl fühlt und sich schneller von negativen Gefühlen erholt, sondern dass sie tatsächlich unseren Gesundheitszustand verbessern kann.
Neuroplastische Veränderungen sind nicht auf strukturelle Veränderungen beschränkt, sondern gehen auch mit Veränderungen in der Gehirnfunktion, im psychischen Erleben (etwa von Gefühlen und emotionaler Ausgeglichenheit) und in der körperlichen Verfassung (beispielsweise bei der Reaktion auf Stress und bei den Immunfunktionen) einher.
Wie könnte unser Fokus auf Aufmerksamkeit und innere Einstimmung Veränderungen in jenen Schaltkreisen des Gehirns bewirken, die diese Funktionen durch achtsames Gewahrsein vermitteln? Die Art und Weise, wie wir Aufmerksamkeit schenken, wird das neuronale Feuern in bestimmten Bereichen anregen; diese werden aktiviert werden und ihre Verbindungen innerhalb der integrierten Schaltkreise des Gehirns umorganisieren.
Wir werden untersuchen, wie geistige Aktivitäten – beispielsweise ganz bewusst dem gegenwärtigen Moment Aufmerksamkeit zu schenken – das Gehirn tatsächlich dazu anregen können, in spezifischer Weise aktiv zu werden, was dann zu vermehrtem Wachstum in diesen Regionen führt. Hier sehen wir uns mit der Vorstellung konfrontiert, dass der Geist das Gehirn nutzt, um sich selbst zu erschaffen. Dieses Wachstum und diese neuroplastischen Veränderungen, die durch die Fokussierung auf unseren eigenen Geist bewirkt werden, helfen uns, die Verbindung zwischen der Praxis achtsamen Gewahrseins und der Herbeiführung von Wohlbefinden zu erkennen.
Das Gehirn in Ihrer Handfläche
Das Gehirn kennen zu lernen kann eine überwältigende Erfahrung sein. Neuere Entdeckungen im Bereich der Gehirnfunktionen zeigen Grundprinzipien auf, die uns dieses Organ nicht nur verständlich machen, sondern auch zugänglich. Und wenn ich noch weitergehen darf: Es kann sogar Spaß machen, das eigene Gehirn kennen zu lernen.
In diesem Buch finden Sie einfache Schaubilder des Gehirns, komplizierte Übersichtstafeln der neuronalen Schaltkreise und echte CAT-Scans. Diese bildlichen Details der Gehirnanatomie können recht nützlich sein. Für unsere Erkundungen des achtsamen Gehirns benötigen wir ein Grundgefühl dafür, wo die verschiedenen Gehirnareale lokalisiert sind: Mit Hilfe der auf die Grobstrukturen reduzierten Schaubilder in den Abbildungen 2.1 und 2.2 können Sie sich einen ersten Einblick in die Thematik verschaffen.
Ein weiteres nützliches Handwerkszeug, um das Gehirn zu betrachten, ist Ihre Hand. Wenn Sie Ihre Hand nehmen, Ihren Daumen in der Mitte platzieren und Ihre Finger darüber legen, dann haben Sie ein leicht zugängliches und ziemlich genaues Modell des Gehirns. Dieses Handmodell ist so ausgerichtet, dass Ihr Handgelenk für Ihre Wirbelsäule steht, das Gesicht befindet sich vor Ihren Fingernägeln und der Scheitelpunkt des Kopfes wird von der Oberkante Ihrer Hand repräsentiert.

Abbildung 2.1
Diagramm des menschlichen Gehirns (Median-Sagitalschnitt). Es werden einige der Hauptareale des Gehirns dargestellt, u. a. das Stammhirn, das limbische System (mit Amygdala, Hippocampus und Cingulum anterior sowie anderen medialen und ventralen Arealen) und der Großhirnrinde (mit den präfrontalen Arealen, einschließlich des orbitofrontalen Kortex, der zusammen mit dem anterioren Cingulum und anderen medialen und ventralen Arealen Teil des „mittleren Präfrontalkortex“ ist (Siegel & Hartzell, aus: Parenting from the inside out, New York: Penguin Putnam, 2003 – Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen. Freiamt: Arbor, 2004. Nachdruck mit ausdrücklicher Genehmigung der Autoren).




