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Abbildung 2.2
Die beiden Gehirnhälften. Diese Abbildung zeigt auch die Lage der Areale des „mittleren Präfrontalkortex“, zu dem die mittleren und ventralen Regionen des Präfrontalkortex gehören sowie der Orbitofrontalkortex und der Kortex des Cingulum anterior. Der Balken (Corpus callosum) verbindet die beiden Gehirnhälften miteinander.
Das Stammhirn ist Ihre Handfläche, das limbische System sind Ihre Daumen (idealerweise haben Sie einen linken und einen rechten Daumen) und Ihr Kortex wird durch Ihre gekrümmten Finger symbolisiert. Lassen Sie uns die genannten Hirnareale kurz eines nach dem anderen durchgehen.
Das Stammhirn ist für wichtige elementare Prozesse zuständig, wie für die Regulierung des Herzschlags und der Atmung, für Zustände von Wachheit und Schläfrigkeit sowie für gewisse Aspekte von Kampf-, Flucht- und Einfrierreaktionen. Das Stammhirn, das bereits bei der Geburt gut entwickelt ist, ist der in evolutionärer Hinsicht älteste Gehirnanteil und wird manchmal auch als Reptilhirn bezeichnet.
Das limbische System hat sich entwickelt, als die Reptilien sich zu Säugetieren weiterentwickelten. Limbische Regionen sind am Bindungsverhalten (unseren Verbindungen zu unseren engen Bezugspersonen) beteiligt, ebenso am Gedächtnis (insbesondere der Verarbeitung von Ereignissen in faktischer und autobiografischer Form), der Wertschätzung von Sinn und Bedeutung und der Erzeugung von Affekt und unseren inneren Empfindungen von Emotion. Zum limbischen System gehört auch der Hypothalamus, der das Hauptsteuerungsorgan für die Regulierung des Hormonhaushalts ist und somit direkten Einfluss auf den Körper ausübt.
Diese endokrine Verbindung ist zusammen mit dem Einfluss, den das Gehirn über das autonome Nervensystem mit seinen bremsenden und beschleunigenden Elementen (Parasympathikus und Sympathikus) auf unser Immunsystem und unsere körperliche Verfassung hat, der direkte Weg, auf dem Gehirn und Körper eng miteinander verbunden sind. Die limbischen Bereiche, das Stammhirn und die subkortikalen Areale wirken zusammen und beeinflussen unsere Motivation und die Aktivierung unserer Grundbedürfnisse nach Überleben, Zugehörigkeit und Sinn.
Der Kortex ist der äußere Teil des Gehirns, der bei Säugetieren vergrößert ist. Er ermöglicht uns die Steuerung komplexerer Prozesse wie zum Beispiel Wahrnehmung, Planung und Aufmerksamkeit. Da er mehrere Lappen mit unterschiedlichen Funktionen umfasst, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, um die komplexen Fähigkeiten dieser Region zu beschreiben, die bei der Geburt noch kaum entwickelt und daher sehr offen dafür ist, durch Erfahrung geformt zu werden (Abbildung 2.3).

Abbildung 2.3
Die traditionelle Sicht auf das Gehirn – die Kortikallappen (Cozolino 2006; Nachdruck mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors).
Der Kortex ist in erster Linie ein aus sechs Schichten bestehender gefalteter Bereich, der aus grauer und weißer Substanz besteht. Die sechs Schichten setzen sich aus vertikal angeordneten Reihen kortikaler Säulen mit verschiedenen Säulen-Clustern zusammen, die in der Regel für die Verarbeitung eines bestimmten Aktivitätsmodus zuständig sind, wie dem Sehen oder dem Hören. Diese vertikalen Säulen sind über horizontal verteilte Schaltneuronen miteinander verbunden, die Wortgefechte ebenso ermöglichen wie die Verknüpfung unterschiedlicher Sinneswahrnehmungen (Hören, Sehen) in einem „kreuzmodalen“ Feuern ganzer Neuronengruppen. Auf diese Verknüpfung getrennter Bereiche ist die wichtige Komplexität zurückzuführen, durch die sich die Glanzleistungen des menschlichen Kortex erklären lassen.
Im Allgemeinen ist die Rückseite des Kortex, der Bereich von den zweiten Fingerknöcheln nach hinten, für die Wahrnehmung der Außenwelt zuständig, mit Ausnahme des Geruchs und des Bewusstseins von der Position der Gliedmaßen. Diese hinteren Regionen ermöglichen es dem Menschen, ein Gespür für die Außenwelt in Form von Wahrnehmungen zu erlangen.
Die Vorderseite des Gehirns führt motorische, aufmerksamkeitsbezogene und auf Gedanken basierende Prozesse aus. Unsere Frontallappen haben sich entwickelt, als wir zu Primaten wurden. Studien zeigen, dass die Ausprägung der frontalen (stirnseitigen) Kortikalarchitektur bei Säugetieren umso stärker ausfällt, je höher ihr Grad an sozialen Lebensweisen ist.
Der Frontalbereich von den zweiten Knöcheln bis zu den letzten ist eine Region, in der die erste Zone motorische Handlungen ausführt und die nächste Zone nach vorn für die motorische Planung zuständig ist. Sie wird als prämotorischer Kortex bezeichnet (Abbildung 2.4). Dieses prämotorische Areal war die erste Region, bei der das Spiegelneuronensystem festzustellen war, das es uns ermöglicht, die Intentionen und Emotionen anderer Menschen aufzunehmen und jene Zustände in uns selbst als Teil eines größeren „Resonanzschaltkreises“ zu generieren (siehe Anhang III, Resonanzschaltkreise). Wir werden die Möglichkeit erforschen, dass diese Resonanzschaltkreise unseres sozialen Gehirns eine wichtige Rolle beim achtsamen Gewahrsein spielen.

Abbildung 2.4
Die traditionelle Sicht auf das Gehirn – bedeutende Regionen (Cozolino 2006; Nachdruck mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors).
Unmittelbar vor diesen motorischen und prämotorischen Bereichen befindet sich der Präfrontalkortex. Diese Präfrontalregion, die beim Menschen am höchsten entwickelt ist, ist für viele der Funktionen verantwortlich, die wir als einzigartig für unsere Spezies ansehen. Die Präfrontalregionen können in verschiedener Weise unterteilt werden, je nach ihren unterschiedlichen Funktionen (Abbildung 2.5). Fürs Erste werden wir sie lediglich in zwei Areale einteilen – die seitlichen und die mittleren Präfrontalregionen. Die Areale des Präfrontalkortex arbeiten im Allgemeinen als Team zusammen und ihre Funktionen in dieser Weise als System zu sehen, kann recht nützlich sein.
Der Seitenbereich der Präfrontalregion, der dorsolaterale Präfrontalkortex (DLPFC) ist für das Arbeitsgedächtnis (die „Tafel des Geistes“) verantwortlich, mit Hilfe dessen wir Inhalte kurzzeitig in unserem Gedächtnis aufbewahren können. Dieser seitliche Bereich ist für die Ausführung wichtiger Exekutivfunktionen zuständig, die die Selbstregulation unseres Verhaltens ermöglichen, und er beeinflusst auch den Fluss unserer momentanen Aufmerksamkeit.
Der mittlere Bereich, von Ihren beiden mittleren Fingernägeln zu den Knöcheln hinauf, schließt mehrere miteinander verknüpfte Regionen ein, die für jene neun mittleren Präfrontalregionen zuständig sind, die wir im nächsten Absatz näher besprechen werden. Dabei handelt es sich um den orbitofrontalen Kortex (OFC), den Kortex des anterioren Cingulums (ACC) und den ventrolateralen (vlPFC) sowie den medialen präfrontalen Kortex (mPFC). In Abbildung 2.5 sind der orbitofrontale und der mediale Präfrontalkortex zusammen dargestellt und werden als orbitomedialer Präfrontalkortex bezeichnet. In Abbildung 2.6 wird ihre Nähe zu den vorderen Anteilen des zingulären Cortex deutlich.
Diese ventralen und medialen Mittellinienstrukturen erhalten direkten Input aus dem gesamten Gehirn und dem Körper, insbesondere aus der Inselrinde (Inselkortex = IC). Die Inselrinde ist der Kanal, durch den Signale an und aus dem äußeren Kortex und den inneren limbischen Regionen (Amygdala, Hippocampus und Hypothalamus) und verschiedenen Körperbereichen (durch das Stammhirn und das Rückenmark) geschickt werden. Die mittleren Präfrontalbereiche scheinen die Daten der Inselrinde in Bezug auf unsere Emotionen und unseren primären körperlichen Zustand zu nutzen, um dann Repräsentationen vom Geiste anderer Menschen zu schaffen. Die mittleren Präfrontalbereiche sind sowohl für die soziale Kommunikation als auch für die Selbstbeobachtung unerlässlich. Diese Region ist ein zentraler Knotenpunkt im sozialen Schaltkreis des Gehirns (siehe Anhang III, Die Funktionen des mittleren Präfrontals).

Abbildung 2.5
Regionen des Präfrontalkortex (Cozolino 2006; Nachdruck mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors).
Beachten Sie, wie die mittlere Präfrontalregion den Körper, das Stammhirn sowie die limbischen, kortikalen und sozialen Prozesse zu einem funktionalen Ganzen verbindet. Wenn Sie Ihre Finger heben und wieder senken, dann nehmen Sie vielleicht wahr, dass die mittleren Präfrontalbereiche (repräsentiert durch die Enden der beiden Mittelfinger) in anatomischer Hinsicht tatsächlich alles im Gehirn berühren. Genau das kennzeichnet die neuronale Integration: über den gesamten Körper verteilte synaptische Verbindungen, über die wir sogar mit anderen Menschen verbunden sind.
Ein interpersoneller neurobiologischer Ansatz dazu, wie unser soziales Leben uns hilft, unser Wohlbefinden zu fördern, sieht die neuronale Integration als Resultat eingestimmter Beziehungen an. Die neuronale Integration, die Koordination und Balance des Gehirns sind als getrennte Bereiche miteinander verbunden, um ein funktionales Ganzes zu bilden, und dies scheint durch den Einklang, der in sicheren Bindungen besteht, gefördert zu werden. Ich schlage vor, hier einige vorläufige Daten zu sammeln, um die Hypothese zu verifizieren, dass achtsames Gewahrsein eine solche neuronale Integration fördern könnte, und zwar durch eine Form der intrapersonalen Einstimmung.

Abbildung 2.6
Strukturen des sozialen Gehirns. Die hier gezeigten Strukturen sind unter der Oberfläche des Gehirns verborgen (Cozolino 2006; Nachdruck mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors).
Das Gewahrsein der eigenen Erfahrung von Moment zu Moment schafft die Möglichkeit, die eigenen psychischen Erfahrungen unmittelbar zu spüren und anzunehmen. Dieser Bewusstseinszustand könnte sich verschiedener Gehirnregionen bedienen, unter anderem der wichtigen stirnseitigen Bereiche des Kortex, der subkortikalen limbischen Bereiche und des Stammhirns, um einen integrierten, kohärenten Zustand herzustellen. Die neuronale Integration, die teilweise durch diese Frontalregionen herbeigeführt wird, könnte wesentlich dafür sein, ein selbstregulierendes Gleichgewicht herzustellen. Wir sollten die genannten Präfrontalbereiche im Auge behalten, wenn wir erforschen, auf welche Weise diese integrativen Bahnen eine entscheidende Rolle auf dem Weg zum Wohlbefinden spielen.
Neuronale Integration, Achtsamkeit und Selbstregulation
Das Konzept der neuronalen Integration ist eine sehr weit gefasste systemische Sichtweise der verschiedenen Funktionsweisen des Gehirns. In der Neurowissenschaft ist es möglich, sich stärker auf die Mikroanalyse zu konzentrieren und etwa die Membranen von Neuronen zu untersuchen, Neurotransmitter und ihre Rezeptoren zu studieren oder Neuronencluster und die unmittelbar mit ihnen verbundenen Nachbarzellen unter die Lupe zu nehmen. Diese tief gehende und fein abgestimmte Forschungsarbeit ist bedeutsam und faszinierend. Über diese äußerst wichtige mikroskopische Sichtweise hinaus können wir uns jedoch auch stärker nach außen orientieren und das Gehirn als Gesamtsystem untersuchen. Diese Makroansicht ermöglicht es uns nicht nur, das gesamte Gehirn und den Körper als ein funktionales Ganzes zu sehen, sondern darüber hinaus zu untersuchen, wie Signale eines Gehirn-Körpers mit anderen in Beziehungen, Familien und Gesellschaften interagieren. Das ist der Fokus unserer Arbeit im Center for Culture, Brain, and Development an der UCLA (siehe Anhang I).
Bei dem Versuch, sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroanalyseebene zu sprechen, wird man unweigerlich mit der Frage der Übersetzung konfrontiert. In unserem Zentrum müssen wir die Realität dieses Wissensspektrums einbeziehen, um die Puzzleteile zusammenzubringen, die nur dann zusammengesetzt werden können, wenn man in aller Bescheidenheit und mit allem Respekt den Wert dieser voneinander abweichenden Standpunkte anerkennt. Mein Empfinden angesichts der systemischen Sicht, wie sich der Geist zweier Menschen durch gegenseitige Einstimmung verbinden kann, ist, dass diese Verbindungsfähigkeit des Gesamtsystems (die neuronale Integration) einen ganz wesentlichen Stellenwert für das Wohlbefinden in Beziehungen hat. Wenn wir uns diese neuronale Perspektive der gegenseitigen Einstimmung zu Eigen machen und die Achtsamkeit als intrapersonale Form derselben ansehen, dann ist es nur natürlich, das Gefühl zu haben, dass die neuronale Integration eine entscheidende Rolle bei Achtsamkeitszuständen spielen könnte. Die neuronale Integration ist das Verbindungsglied zwischen Neuralregionen, die in anatomischer oder funktionaler Hinsicht unterschiedlich sind, und sie bewirkt eine Zusammenschaltung von weit verzweigten Bereichen des Gehirns und des Körpers. Diese Zusammenschaltungen nehmen in struktureller Hinsicht die Form von synaptischen Verbindungen an und erzeugen in funktioneller Hinsicht eine Form von Koordination und Ausgeglichenheit.
Die neuronale Integration bewirkt über diese Koordination und Ausgeglichenheit der Nervenaktivierung wahrscheinlich ein optimales Funktionieren. Koordination bedeutet, dass wir das Feuerverhalten voneinander getrennter Regionen überwachen und dann so beeinflussen, dass es zu einem gut funktionierenden Ganzen wird. Ausgeglichenheit impliziert die Aktivierung, Deaktivierung und Reaktivierung von miteinander gekoppelten Bereichen.
Ein anschauliches Beispiel dafür wäre die Ausgeglichenheit solcher Funktionen wie des bremsenden und des beschleunigenden Zweiges des vegetativen Nervensystems. Hier sehen wir, dass die mittleren Präfrontalregionen die Aktivität dieser beiden Inputs – diejenige des Sympathikus einerseits und die des Parasympathikus andererseits – überwachen und dann in der Lage sein müssen, sie zu verändern (sie herunterzufahren oder sie hochzufahren).
Das ist der Mechanismus der „Körperregulation“, der ersten unserer neun Funktionen des mittleren Präfrontals. Erinnern Sie sich daran, dass diese Liste zum einen die Ergebnisse einer sicheren, eingestimmten Bindung aufzählt (die ersten sieben) und zum anderen eine Liste für die Resultate und den Prozess des achtsamen Gewahrseins ist, das wir als eine Form der inneren Abstimmung bezeichnet haben. Ich habe diese Liste generiert, während ich mich um eine Familie kümmerte, in der die Mutter bei einem Autounfall eine Verletzung an dem Teil des Gehirns erlitten hatte, der sich hinter der Stirn befindet. Die Familie quälte sich mit den tief greifenden Veränderungen in ihrer Persönlichkeit ab, und ich hoffte, den anderen Familienmitgliedern helfen zu können, diese Erfahrung irgendwie zu verstehen und sich an ihr neues Leben zu gewöhnen. Ich las einige grundlegende Werke zu diesem Themenkomplex und fragte mich: Welche Funktionen entsprechen der Aktivität der mittleren Bereiche des Präfrontalkortex? (Siehe Anhang III, Die Funktionen des mittleren Präfrontals.)
1. Wie oben beschrieben, erfolgt die Körperregulation dadurch, dass Brems- und Beschleunigungsfunktionen koordiniert und ausgeglichen werden.
2. Abgestimmte Kommunikation beinhaltet die Koordination des eigenen geistigen Inputs mit dem eines anderen Menschen. Dieser Resonanzprozess findet unter Einbeziehung der mittleren Präfrontalbereiche statt.
3. Emotionale Ausgeglichenheit impliziert, dass die affekterzeugenden limbischen Bereiche genügend Aktivierung erfahren, um dem Leben Vitalität und Sinn zu verleihen, diese aber nicht so stark ist, dass das Leben chaotisch wird. Die mittleren Präfrontalregionen haben die Fähigkeit, das limbische Feuerverhalten durch den starken bidirektionalen Fluss zwischen der subkortikalen limbischen Region und der mittleren Präfrontalregion zu überwachen und zu hemmen.
4. Reaktionsflexibilität ist die Fähigkeit, vor dem Handeln innezuhalten. Ein solcher Prozess erfordert die Bewertung der aktuellen Stimuli, die Verzögerung der Reaktion, die Auswahl aus einer Vielzahl möglicher Optionen und die Initiation einer Handlung. Zur Ausführung dieser Funktion arbeiten die mittleren Präfrontalregionen mit den Seitenbereichen zusammen.
5. Empathie scheint auf den inneren Verschiebungen zu beruhen, die durch die Resonanzschaltkreise zustande kommen, bei denen limbische und körperliche Veränderungen dann initiiert werden, wenn wir die Signale einer anderen Person wahrnehmen. Als Nächstes scheinen die mittleren Präfrontalregionen die Interozeption (Wahrnehmung von Innenreizen) zu nutzen, also den Input dieser subkortikalen und körperlichen Gegebenheiten in die mittlere Präfrontalregion über die Inselrinde. Die Daten werden dann einer Interpretation unterzogen, und diese Bewertung wird einem anderen als Form empathischer Vorstellungskraft dessen zugeschrieben, was sich möglicherweise in seinem Innern abspielt.
6. Einsicht oder sich selbst kennendes Gewahrsein verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander. Der mittlere Präfrontalkortex hat Input- und Outputfasern, die in viele Bereiche hineinreichen. In diesem Fall betreffen sie die kortikalen Repräsentationen des autobiografischen Gedächtnisspeichers und das limbische Feuerverhalten, das den Themen unseres gegenwärtigen Bewusstseins, unserer Lebensgeschichte und unseren Bildern von der Zukunft eine emotionale Struktur verleiht.
7. Angstmodulation könnte durch die Ausschüttung des hemmenden Neurotransmitters Gammaaminobuttersäure (GABA) in die unteren, für Angst zuständigen limbischen Bereiche, wie die zahlreichen Kerne der Amygdala, erfolgen. Auf diese Weise könnte Angst limbisch erlernt werden, doch das Ablegen der Angst könnte durch das Wachstum der mittleren Präfrontalfasern erfolgen, die jene Angst zu modulieren vermögen (Abbildung 2.7).
8. Intuition scheint das Registrieren des Inputs aus den informationsverarbeitenden neuronalen Netzwerken zu beinhalten, die unsere inneren Organe umgeben, zum Beispiel Herz, Lungen und Darm. Die Weisheit unseres Körpers ist also mehr als eine poetische Metapher. – Sie ist ein neuronaler Mechanismus, durch den wir über die PDP (parallel distributed processing), die um diese Hohlorgane herum stattfindet, einen tiefen Zugang zum Wissen unseres Körpers erlangen. Der entsprechende Input wird im mittleren Präfrontalkortex registriert und beeinflusst dann unsere Schlussfolgerungen und Reaktionen.
9. In Studien hat sich herausgestellt, dass Moral (im Sinne von moralischem Empfinden und Verhalten) ebenfalls durch den mittleren Präfrontalkortex vermittelt wird. Moral lässt sich wohl dadurch charakterisieren, dass man das größere Bild in Betracht zieht, dass man sich vorstellt, was das Beste für das Ganze ist, und nicht nur für einen selbst (selbst wenn man allein ist). Es hat sich gezeigt, dass Schädigungen der mittleren Präfrontalregion zu Beeinträchtigungen im Moralempfinden und damit zu amoralischen Verhaltensweisen führen.

Abbildung 2.7
Der orbitomediale Präfrontalkortex: das Amygdala-Netzwerk (Cozolino 2006; Nachdruck mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors).
Links und rechts
In Abbildung 2.2 konnten wir sehen, dass das Gehirn in eine linke und eine rechte Seite unterteilt ist. Bei der Betrachtung der Unterschiede zwischen linker und rechter Hemisphäre ist es wichtig, eine „Dichotomisierung“ zu vermeiden.
Im Laufe unserer Evolution als Wirbeltiere hatten die linke und die rechte Seite unseres Nervensystems unterschiedliche Funktionen inne (Halpern, Güntürkün, Hopkins & Rogers 2005). Der Vorteil dieser Asymmetrie, den wir Menschen mit Fischen und Fröschen, Eidechsen und Vögeln ebenso wie mit Ratten teilen, könnte darin liegen, dass wir durch stärkere Differenzierung eine größere funktionale Komplexität erreichen können. Warum sollten links und rechts oder oben und unten dasselbe sein? Wie an früherer Stelle bemerkt, entwickeln sich das Stammhirn und die limbischen Bereiche früher als der Kortex. Ihre Asymmetrien verweisen auf einen Unterschied in der Verbindungsfähigkeit der kortikalen Strukturen beider Hemisphären. Die sich herausbildenden strukturellen Unterschiede führen zu einigen relevanten und recht stabilen Funktionsunterschieden zwischen rechts und links. Die rechte Hemisphäre ist in den ersten zwei oder drei Lebensjahren aktiver und weiter entwickelt. Die linke tritt erst um den zweiten Geburtstag herum auf den Plan, dann kommt es in den folgenden Jahren zu periodisch unterschiedlich starken Entwicklungsschüben von links und rechts. Das verbindende Gewebe, der Corpus callosum, bekommt zu dieser Zeit ebenfalls seinen ersten Entwicklungsschub. Er dauert bis weit nach dem zwanzigsten Lebensjahr an.
Generell gesagt, kann man sich den Unterschied zwischen den Hemisphären so vorstellen, dass die kortikalen Säulen der rechten Hemisphäre mehr horizontale Verbindungen untereinander aufweisen, was die Repräsentationsprozesse stärker „kreuzmodal“ werden lässt in dem Sinne, dass die differenzierten Prozesse des einen Bereichs mit denen anderer Bereiche kommunizieren. Dies mag uns helfen zu verstehen, warum die rechte Gehirnhälfte leichter den Kontext und das Gesamtbild zu sehen vermag als die stärker detailorientierte linke Gehirnhälfte. In der linken Hemisphäre scheinen die Kortikalsäulen stärker eigenständig zu arbeiten, was die tiefer gehenden, analytischen, problemfokussierten, detailorientierten und Fakten akkumulierenden Prozesse dieser Hemisphäre ermöglicht.
Die Inputströme aus den subkortikalen Regionen speisen diese beiden Regionen mit verschiedenen Quellen sensorischer Daten, was uns ebenfalls zu verstehen hilft, warum solche Unterschiede auftauchen. Immer wieder wird nach Unterschieden zwischen den Geschlechtern gefragt, und so finden Sie hier eine allgemeine Aussage, die beide Geschlechter favorisiert. Die Entwicklung des weiblichen Gehirns scheint mehr Integration zu beinhalten, was auf eine größere Dicke des Balkens als Verbindung zwischen linker und rechter Hemisphäre zurückzuführen ist. Über das männliche Gehirn kann gesagt werden, dass es differenzierter und spezialisierter ist, so dass die getrennten Regionen intensiver eigenständig arbeiten können. Diese groben Verallgemeinerungen machen mich nervös, aber das ist meist die Art von Erkenntnis, die die Wissenschaft offenbart. In der klinischen Arbeit ist es wichtig, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind, und nicht, wie sie der Statistik zufolge sein könnten.
Die Funktionen der linken Gehirnhälfte kann man sehr leicht im Gedächtnis behalten, weil die meisten von ihnen mit „L“ beginnen: Die linke Seite ist spezialisiert auf Linguistik, Linearität, Logik und literales (wörtliches) Denken.
Im Gegensatz dazu zeichnet sich die rechte Hemisphäre durch folgende Eigenschaften aus: Sie ist nonverbal, ganzheitlich, visuell-räumlich und weist schließlich noch eine ganze Reihe nicht zusammenhängender Besonderheiten auf wie das autobiografische Gedächtnis, eine ganzheitliche Landkarte des Körpers (Körperschema), rohe und spontane Emotionen, eine anfänglich empathische, nonverbale Reaktion, Stressmodulation und eine Dominanz des alarmierenden Aspekts der Aufmerksamkeit. Man geht davon aus, dass die rechte Seite bei Leid und unangenehmen Emotionen vermittelnd wirkt und dass sie mit dem Rückzugsverhalten gegenüber Neuem korreliert. Die linke wird stärker mit positiveren affektiven Zuständen und mit Annäherungsverhalten assoziiert. Die Koordination zwischen rechts und links könnte bei der Ausprägung unserer emotionalen Gesamtstruktur eine wichtige Rolle dabei spielen, wie das achtsame Gewahrsein unseren affektiven Stil verändert (Davidson 2000). Wie wir gesehen haben, scheint Achtsamkeit zu einem Annäherungszustand zu führen, der mit einer linksseitigen Verschiebung in der frontalen elektrischen Aktivität einhergeht.
Wenn Funktionen getrennt sind, dann kann das Gehirn sie zu einem Zustand der Verbundenheit zusammenbringen, um komplexere und besser angepasste Funktionen zu ermöglichen. Das ist der Sinn der neuronalen Integration und der Weg, auf dem die komplexen Systeme des Gehirns und des Geistes Flexibilität erlangen und neue Funktionskombinationen schaffen können. Mit einer linken und einer rechten Hemisphäre, die physisch voneinander getrennt und in funktionaler Hinsicht differenziert sind, haben wir die Möglichkeit, ein anpassungsfähigeres Funktionieren zu erreichen, wenn es uns gelingt, sie zu einem Ganzen zu integrieren. So entsteht meiner Überzeugung nach Kreativität nicht aus der einen oder anderen Hemisphäre, sondern aus ihrer Integration.




