- -
- 100%
- +
Ohne aufzuschauen sagte sie:
„Stephen, wo hast du so lange gesteckt? Geh dich waschen und komm dann zum Essen.“
Ihre Stimme hatte einen wunderbaren Klang. Eric fühlte sich an die Stimme seiner Mutter erinnert, die ähnlich geklungen hatte. Trauer erfasste ihn.
„Mutter, ich habe einen Freund mitgebracht. Darf…“, begann Stephen zu sprechen. Bei dem Gehörten hob seine Mutter sofort den Kopf und Eric wurde von rehbraunen Augen eingehend gemustert. Für einen Moment runzelte sie die Stirn, doch dann wurde ihr bewusst, wie unhöflich sie sich verhielt: „Oh, entschuldige bitte. Ich heiße dich willkommen. Ich bin Ester.“
„Ich heiße Eric, Eric Eddings von Winterley.“
„Darf er bleiben, Mama? Er ist Olivers Mündel.“, hakte Stephen nach.
„Aber nur, wenn du dich jetzt sofort waschen gehst“, sagte seine Mutter mit gespielter Strenge. Stephen verschwand hinter einem Vorhang, der den Zugang zu einem anderen Raum verdeckte. Eric blickte ihm sehnsüchtig nach. Was gäbe er nicht alles dafür, sich waschen zu können. Ester verstand seinen Blick und bot ihm spontan an: „Wenn es dir nichts ausmacht, dich mit dem gleichen Wasser zu waschen, kannst du dich gerne etwas frisch machen.“
Früher hätte Eric die Nase gerümpft und eine hochnäsige Antwort gegeben. Aber jetzt war alles anders. Dankbar nahm er das Angebot an. Als Stephen herauskam, blieb ihm vor Fassungslosigkeit der Mund offen stehen. Der Junge war Oliver wie aus dem Gesicht geschnitten. Die gleichen schwarzen Haare und himmelblauen Augen, sogar das Grübchen im Kinn war da.
„Das gibt es doch nicht! Ist das…“, stammelte Eric. Ester half ihm aus der Verlegenheit:
„Es ist Olivers Halbbruder. Sir Otto ist sein Vater.“
Als wäre es das normalste der Welt hatte sie ihm gerade gesagt, dass Stephen ein Bastard war.
„Stellt das ein Problem für dich dar?“, fragte jetzt Stephen, der in Erics Gesicht genau gelesen hatte, was dieser gerade dachte. Eric räusperte sich und erwiderte dann aufrichtig:
„Früher hätte ich mit solchen Sachen ein Problem gehabt. Aber es hat sich vieles geändert und auch ich habe meine Meinung zu solchen Dingen überdacht. Es geht mich nichts an.“
Stephen atmete erleichtert auf, denn er wollte seinen neuen Freund nicht schon wieder verlieren.
„Dann geh dich waschen. Anschließend gibt es erstmal etwas Ordentliches zu essen.“
Das ließ sich Eric nicht zweimal sagen und verschwand hinter dem Vorhang. Er zog sein Hemd aus und tauchte seine Hände in die Schale. Das Wasser war noch warm. Er griff nach dem kleinen Stück Seife, das auf dem kleinen Tisch lag, und begann sich den Dreck von der Haut und aus den Haaren zu schrubben. Als er fertig war, nahm er das Handtuch und trocknete sich ab. Erneut rieb er sich die Oberschenkel mit der Salbe ein. Dabei fiel sein Blick auf den Boden. Ester hatte unter dem Vorhang frische Kleidung durchgeschoben. Er probierte sie an und stellte erstaunt fest, dass sie bis auf die Länge der Beinkleider passte. Das war ihm jedoch egal. Er fühlte sich frisch und sauber. Jetzt fehlen mir nur noch etwas Ordentliches zu essen und etwas Schlaf, dachte er bei sich. Verlegen trat er zu Ester und Stephen und bedankte sich für die Kleidung.
„Sie gehörten meinem älteren Sohn Roy, er ist vor zwei Jahren gestorben.“ Trauer schwang in Esters Stimme. Schon lag Eric die Frage auf der Zunge, ob Roy auch der Halbbruder von Oliver gewesen war, doch er verkniff sie sich.
Sie saßen am Tisch und aßen Brot, Käse und Wurst. Dazu tranken sie Wasser. Es war ein heiteres Beisammensein.
„Ich habe schon lange nicht mehr soviel gelacht, wie heute Abend. Dank deiner Witze, Stephen.“
Eric hielt sich noch immer den Bauch vor Lachen. Stephen grinste, doch er rieb sich mittlerweile ständig die Augen vor Müdigkeit.
„So, mein Sohn, Abmarsch ins Bett“, befahl seine Mutter, seinen Protest ignorierend.
Ester schob ihn in Richtung der Schlafkammer, gab ihm noch einen Gute-Nacht-Kuss und wartete einen Moment. Dann vergewisserte sie sich, ob er wirklich im Bett lag und kam dann zu Eric zurück.
Als sie sich wieder an den Tisch setzte, sah sie Eric geradewegs in die Augen. Sie hatte die tragische Geschichte der Familie Eddings gehört: Lady Diana und ihre Tochter Deria waren während der großen Fieberepidemie gestorben. So war es jedenfalls bekannt, doch als Ester den Eric Eddings vor sich genauer betrachtete, hatte dieser wenig Ähnlichkeit mit dem Jungen, der vor einigen Jahren zusammen mit Sir Robert auf der Bärenburg Rast gemacht hatte. Dieser Eric müsste jetzt schon kräftiger gebaut sein. Und markantere Gesichtszüge haben. Ohne Umschweife fragte Ester daher:
„Wie lange willst du diese Maskerade aufrechterhalten?“
Eric saß wie vom Donner gerührt da und wusste im ersten Moment nicht, wie Ester ihn so schnell durchschaut hatte. Ihm war sofort klar, was sie meinte, denn ihr Blick sprach Bände.
„Bis Oliver verheiratet ist. Dann bin ich frei!“, antwortete Deria genauso offen zurück.
„Das glaubst du doch nicht allen Ernstes?“, fragte Ester erstaunt.
„Wieso denn nicht?“, wollte jetzt das Mädchen wissen.
„Wenn du es ihm nicht sofort sagst, wird er es wahrscheinlich früher oder später herausfinden. Dann wird er furchtbar wütend auf dich sein und dich bestrafen.“
„Dann hau ich eben vorher ab. Er kann mir dann nichts mehr anhaben“, verteidigte sich Deria weiter, aber ihre Stimme klang schon nicht mehr ganz so zuversichtlich.
„Deria, er wird dir dann einen anderen Ehemann suchen. Du bist sein Mündel! Hast du diese Möglichkeit denn gar nicht in Betracht gezogen?“, fragte Ester weiter.
Die Erkenntnis, dass Ester sie sofort durchschaut hatte und die Aussicht, dass Oliver ihr womöglich einen Ehemann suchen würde, versetzte Deria in panische Angst. Sie schluckte schwer. Alles war umsonst gewesen. Zwei Jahre hatte sie geglaubt, die perfekte Lösung gefunden zu haben und dann hatte ihr Vater alles zunichte gemacht. Jetzt liefen die Tränen in ihrem Gesicht hinunter.
„Ich weigere mich jemanden zu heiraten, der mich nicht liebt und den ich nicht liebe!“, schrie Deria und sah Ester trotzig an.
„Ach Deria, ich versteh dich ja. Aber wir Frauen müssen gehorchen. Du musst es Oliver sagen, bevor es zu spät ist.“
Tröstend legte Ester ihre Hand auf Derias.
„Das kann ich nicht, Ester. Er wird mich umbringen.“
„Das Beste ist, du schläfst erst einmal darüber. Morgen wirst du klarer sehen. Ich werde keinem Menschen etwas sagen. Aber sei auf der Hut. So wie ich wird der ein oder andere in dir ebenfalls mehr sehen, und das schneller als dir lieb ist. Komm, du kannst in Roys Bett schlafen.“
Ester brachte Deria zu dem Schlafplatz und räumte dann den Tisch ab. Es war eine verfahrene Situation, in die sich Deria gebracht hatte. Egal wie, sie würde ihr beistehen. Sie hatte das Mädchen sofort in ihr Herz geschlossen und konnte verstehen, dass Deria geliebt werden wollte.
Gerade als sie die Kerze löschen wollte, um in ihre Schlafkammer zu gehen, klopfte es an der Tür. Ester öffnete die Tür. Es war Oliver.
„Ester, ich grüße dich.“
„Oliver, was führt dich zu mir?“
Spannung lag in der Luft. Oliver hatte immer von der Affäre seines Vaters mit Ester gewusst, aber sie nie akzeptieren können.
„Ich suche mein Mündel Eric. Man sagte mir, dass er mit Stephen davongegangen ist.“
Der junge Burgherr trat nicht ein, schaute sich aber prüfend im Raum um.
„Ja, er ist hier und schläft nebenan. Ich hoffe, es macht dir nichts aus? Sonst wecke ich ihn auf“, meinte Ester.
„Nein, ich wollte mich nur vergewissern, dass er nicht verloren gegangen ist. Gute Nacht, Ester.“
Erst als die Tür vor seiner Nase geschlossen wurde, wandte er sich um und ging.
In dieser Nacht schlief Oliver unruhig. Er wälzte sich in seinem Bett hin und her. Er träumte von Eric und plötzlich wurde dieser zu Deria. Sie hatte auf einmal lange Haare, die in sanften Wellen an ihrem Rücken entlang flossen. Sie schaute ihn trotzig an, trat ihn gegen das Schienbein und brüllte:
„Ich bin nicht euer Leibeigener!“
Schlagartig war Oliver wach, ihm schmerzte das rechte Schienbein. Nicht Deria hatte das gesagt, sondern Eric, aber Eric sah aus wie Deria. Oliver musste unbedingt herausfinden, was es mit seinem Traum und seinem Verdacht auf sich hatte.
Bei Sonnenaufgang wurde Deria von Stephen geweckt:
„Eric, aufwachen, wir müssen die Pferde auf die Weide bringen.“
„Oh, lass mich noch ein bisschen schlafen“, murmelte Deria schlaftrunken.
„Nein, steh jetzt auf!“ Stephen zerrte an ihrem Hemd.
„Schon gut, schon gut, ich komm ja gleich.“
Deria setzte sich auf. Die wunden Stellen an den Innenschenkeln waren mit Schorf bedeckt und schmerzten nur noch ein wenig beim Gehen. Nach einem kleinen Frühstück brachen die beiden zu den Ställen auf, um die Pferde zu einer großen Weide zu führen.
Deria und Stephen zäumten die Pferde ab und setzten sich ins Gras.
„Und was machst du jetzt?“, fragte Deria neugierig.
„Ich bleibe eine Weile hier und passe auf. Dann mache ich die Ställe sauber, prüfe das Zaumzeug und repariere es.“
„Aha! Dann werde ich dir helfen.“
„Musst du nicht was anderes machen?“, fragte Stephen skeptisch.
„Nun, Oliver hat mir im Moment keine andere Arbeit gegeben.“ Und außerdem will ich ihn gar nicht sehen, vollendete Deria den Satz in ihren Gedanken.
Während sie auf der Wiese saßen, kamen auf einmal zwei Hasen herangehoppelt.
„Schau mal, die spielen Fangen“, rief Stephen und zeigte in Richtung der Tiere. Der erste Hase sprang dem zweiten davon, aber zwischendurch wartete er, bis der zweite ihn fast eingeholt hatte, bevor er erneut Haken schlagend flüchtete. Nach einer Weile verschwanden sie aus ihrem Blickwinkel.
Deria blieb den ganzen Tag bei Stephen. Wann immer sie bemerkte, dass Oliver in Sichtweite kam, versteckte sie sich. So ging Deria Oliver fast eine Woche aus dem Weg. Ihr war bewusst, dass sie nicht auf Dauer vor ihm davon laufen konnte. An den Abenden war sie hundemüde. Die Arme schmerzten von der ungewohnten Arbeit. Wie jeden Abend sah sie nach Aragon und wollte anschließend wieder zu Stephen und Ester gehen, beschloss aber dieses Mal noch eine Weile im Stall zu bleiben. Sie setzte sich auf einen Heuhaufen und schaute Aragon beim Fressen zu. Nach einer Weile wurden ihre Lider immer schwerer und schließlich schlief sie ein.
Deria wurde von einer Stimme geweckt, die ihren Namen rief:
„Deria, Schwester, wach auf!“
Mit einem Schlag war sie wach. Eric stand vor ihr. Er war zu einem jungen Mann herangewachsen, sein Kinn zierte ein rötlicher Bart und sein Körper war muskulös.
„Eric, wo kommst du auf einmal her?“, fragte Deria verwirrt und wollte aufspringen, doch Eric deutete ihr sitzenzubleiben.
„Deria, du musst Oliver die Wahrheit sagen“, riet Eric ihr eindringlich.
„Das kann ich nicht. Er wird mich umbringen, wenn er die Wahrheit erfährt“, flüsterte Deria mit Tränen erstickter Stimme.
„Deria, du musst es tun. Er ist deine Bestimmung.“
Mit diesen Worten verblasste die Gestalt. Deria blieb wieder allein zurück.
Ende der Maskerade
Oliver war verärgert. Ihm war sofort klar gewesen, dass Eric ihm absichtlich aus dem Weg ging. Sobald er in seine Nähe kam, verschwand er immer auf mysteriöse Weise. Bei Ester und Stephen war er nicht. Sie meinten, er wäre noch im Stall geblieben. Ohne zu zögern lief er dorthin.
Als Oliver den Stall betrat, hörte er eine verzweifelte Stimme. Er brauchte eine Weile, bis er den Sinn der Worte, die er erst fast nicht verstanden hatte, begriff. Mit wem hatte Eric geredet, fragte sich Oliver? Er schlich weiter und da sah er ihn schlafend auf einem Heuhaufen liegen. Er hatte den Arm ausgestreckt, als versuchte er jemanden zu berühren. Er träumt, schoss es Oliver durch den Kopf. Schweigend blieb er vor ihm stehen und betrachtete ihn einige Augenblicke. Dabei wanderte sein Blick vom Gesicht des Jungen über seinen Körper hinab zu den Füßen und wieder zurück. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Keulenhieb. Mit der linken Hand schlug er sich an die Stirn und murmelte:
„Was bin ich doch für ein Narr, dass ich mich so habe an der Nase herumführen lassen. Dieses Gesicht ist viel zu zart für einen Jüngling.“
Olivers Blick glitt nochmals ungläubig über die schlafende Gestalt und blieb an den nackten Füßen hängen.
„Was für schmale Fesseln... oh, dieses Weibstück!“
Er ballte die Fäuste vor Zorn. Am liebsten hätte er Eric, nein Deria, geschüttelt bis ihr Hören und Sehen verging. Bevor er seine Beherrschung verlor, stürzte er aus dem Stall. Rastlos lief er im Mondlicht auf und ab.
„In was für eine Situation hat mich dieses Frauenzimmer nur gebracht.“
Nun hatte Oliver zwei Eheversprechen, die es einzulösen galt. Wie kam er nur aus dieser vertrackten Lage heraus? Wie musste Deria ihn verabscheuen, wenn sie zu solch einer immensen Lüge fähig war. Wie konnte in den letzten zwei Jahren niemand bemerkt haben, dass dies nicht Eric war? Oliver war fassungslos. Er schalt sich wieder einen Narren, dass er selbst nicht schon beim ersten Anblick ihre Maskerade durchschaut hatte.
Nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, ging er in den großen Burgsaal. Ein Teil seiner Ritter saß noch beim Abendessen. Am Haupttisch unterhielten sich sein Onkel und Roger angeregt miteinander. Oliver setzte sich zu ihnen und trank einen Becher Met in einem Zug leer. Guy schaute seinen Neffen fragend an, das war sonst nicht Olivers Art mit Alkohol umzugehen. Oliver schüttelte den Kopf und murmelte:
„Später.“
Dann trank er einen zweiten Becher. An der Unterhaltung nahm er nicht teil. Seine Gedanken verweilten bei Deria, der kleinen verlogenen, widerspenstigen und kratzbürstigen Deria. Aber gerade diese Eigenschaften faszinierten ihn. Mit ihr würde es wahrscheinlich nie langweilig werden. Sie war wie eine stolze Burg, die mit hoch erhobenem Haupte dastand und sich bis zum letzten Atemzug zur Wehr setzte, bevor sie endgültig erobert wurde. Und er würde sie erobern oder besiegen, schwor Oliver sich in Gedanken. Ihm kam das Gespräch in den Sinn, das er vor einigen Jahren mit seinem Vater an der gleichen Stelle geführt hatte. Hier im Burgsaal hatte ihm sein Vater mitgeteilt, dass er und Sir Robert beschlossen hatten, die Familien zu vereinen und dass deshalb er, Oliver, Deria heiraten sollte. Oliver war außer sich gewesen. Er wollte sich seine Braut selbst suchen, aber sein Vater hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass es sein ausdrücklicher Wunsch sei. Nun, dem konnte und wollte er sich nicht widersetzen. Als dann das Fieber kam und alle dahinraffte, war Oliver froh, dass ihm das Schicksal diese aufgezwungene Ehe erspart hatte. Doch nach einiger Zeit begriff er, dass er trotzdem heiraten sollte, denn die Linie der Familie Wallace musste aufrechterhalten werden. Sein Onkel Guy hatte nie geheiratet und so lag es nun in Olivers Verantwortung. Bei einem Ritterturnier zu Gunsten König Rufus’, hatte er die schöne Alicia gesehen. Da sie ihm gefallen hatte, begann er ihr den Hof zu machen und ihr Vater war überglücklich, als der junge Wallace um ihre Hand anhielt. Die Hochzeit sollte in einem Monat stattfinden und jetzt hatte er plötzlich zwei Bräute.
Guy setzte sich auf den anderen leeren Stuhl und beobachtete seinen Neffen. Er sah die tiefen Falten auf dessen Stirn sowie die verkrampften ineinander verschränkten Hände. Irgendetwas war geschehen, dass ihn tief bewegte. Oliver wurde sich der Nähe seines Onkels bewusst und sah ihn unvermittelt an:
„Ich habe eine Entscheidung zu treffen, die das Leben von vielen Menschen verändern wird, Onkel.“
„Willst du weiter in Rätseln sprechen, oder soll ich raten?“, fragte dieser neugierig.
„Es geht um Eric. Er ist kein Er sondern eine Sie. Verstehst du?“
Dabei fuhr sich Oliver fahrig durch die Haare.
Guy war für einen kurzen Augenblick sichtlich irritiert.
„Schau an! Ich hatte schon gedacht, ich hätte Halluzinationen. Sie hat sich also als Eric ausgegeben?“
„Ja.“
„Aber warum?“
„Das weiß ich nicht genau. Ich kann nur vermuten, dass sie mich auf keinen Fall heiraten will und deshalb beschlossen hat, sich als ihren Bruder auszugeben“, erklärte Oliver.
„Hat sie dir denn nichts dazu gesagt?“, wollte Guy wissen.
„Sie weiß nicht, dass ich ihre Maskerade durchschaut habe, Onkel. Ich war viel zu aufgebracht, um sie zur Rede zu stellen. Und das bin ich immer noch. Ich sitze in einer Zwickmühle. Wenn ich Alicia heirate, habe ich immer noch Deria als Mündel und trage die Verantwortung für sie.“
„Du kannst sie doch umgehend verheiraten. Dann wärst du diese Verantwortung los“, schlug Guy vor.
„Ich weiß, aber das wäre nicht im Sinne unserer Väter.“
„Aber warst du es nicht, der damals vor Wut geschäumt hat, als dir dein Vater von dieser Vereinbarung erzählte. Wolltest du nicht damals ausreißen?“, gab Guy mit leicht belustigter Stimme zu bedenken.
„Ich weiß, ich weiß. Aber dieser Teufelsbraten fasziniert mich mehr als jede andere Frau. Kannst du das verstehen?“
„Nun, Deria wurde sehr freizügig erzogen. Sie hat sich immer an ihrem Bruder orientiert und sein Verhalten nachgeahmt. Davon abgesehen, ist sie eine schöne junge Frau geworden. Wenn sie mal in ordentlichen Kleidern steckt, wird ihre Weiblichkeit sicher erst richtig zur Geltung kommen“, lachte Guy. „Was wirst du jetzt machen, mein Junge?“
„Ich reite morgen zu Howard und Alicia und werde ihnen mitteilen, dass ich die Verlobung lösen muss, da sie ungültig ist“, beschloss Oliver.
„Was meinst du, wie werden sie diese Nachricht aufnehmen?“
„Ich hoffe, so wie es tatsächlich ist. Es hat nichts mit ihnen zu tun, aber das erste Versprechen hat noch Bestand. Ich habe mich mit Alicia unter der Annahme falscher Tatsachen verlobt.“
„Soll ich dich begleiten?“, schlug Guy vor.
„Nein, ich nehme Roger mit. Behalte du bitte mein Mündel im Auge, dass es nicht wieder davon läuft.“
„Wirst du mit ihr darüber sprechen, bevor du abreist?“
„Nein, ich werde sie noch eine Weile im Glauben lassen, dass sie mich an der Nase herumführt“, erklärte er. Dabei schwang ein sardonisches Lächeln um seine Lippen.
Deria wurde am nächsten Morgen von lauten Rufen, Pferdegetrappel und anderen Geräuschen aus dem Schlaf geschreckt. Sie setzte sich auf und sah Stephen, der Olivers Streitross fertig gesattelt nach draußen führte.
„Was ist denn los?“, fragte Deria verschlafen.
Guy trat in den Stall und warf ihr einen spöttischen Blick zu.
„Guten Morgen, Eric, du scheinst jeden Platz zum Schlafen vorzuziehen, solange er nicht in deiner Kammer ist.“
Deria rappelte sich hoch, zupfte sich das Heu aus dem Haar und versuchte ihre Kleidung einigermaßen zu richten.
„Es war nicht meine Absicht, die ganze Nacht hier zu schlafen“, murmelte sie entschuldigend. „Was ist denn los?“, wollte sie wissen.
„Nun, Oliver muss für ein paar Tage fort. Er besucht seine Verlobte.“
Daraufhin vernahm Guy nur ein leichtes Schnauben als Antwort. Diese zwei waren wie Katz und Maus, doch er war überzeugt, dass sie früher oder später zu einander fanden.
„Ich zeige dir jetzt deine Räume und dann werde ich dir deine Aufgaben erläutern.“
Guy drehte sich um und setzte sich in Bewegung. Wortlos folgte ihm Deria. Konnte Oliver es gar nicht abwarten zu heiraten? Liebte er seine Braut? Nein, zu solchen Gefühlen war dieser Grobian sicher nicht fähig. Warum ärgerte es sie dann, dass er zu seiner Verlobten reiste? Sie verdrängte diese ganzen Gedanken, da sie noch keine befriedigende Antwort darauf fand. Als sie ins Freie trat, sah sie Oliver auf seinem Schimmel sitzen. Er war eine beeindruckende Erscheinung: Ganz in schwarz gekleidet, ritt er auf seinem schneeweißen Pferd, um seine Schultern lag ein schwarzer Umhang, auf dem das Wappen der Familie Wallace gestickt war: ein roter aufrechtstehender Bär.
Oliver warf Deria einen undefinierbaren Blick zu, nickte dann kurz und ritt durch das Tor davon. Mehrere Reiter folgten ihm.
In gemächlichen Trab ritten sie zur benachbarten Burg Shenderton. Oliver fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er würde Sir Howard gewaltig vor den Kopf stoßen und Alicia würde sich in ihrer Ehre gekränkt fühlen. Doch nachdem er seine Wahl getroffen hatte, musste er so schnell wie möglich diese Angelegenheit klären, auch wenn es ihm noch so unangenehm war. Wie bei den meisten Grenzen zwischen den einzelnen Lehensgütern, war auch hier die Grenze zwischen den beiden Besitztümern ungefähr eine Tagesreise entfernt. Am frühen Nachmittag konnte Oliver in der Ferne bereits die Türme erkennen, am Abend waren die Zinnen zu sehen. Die Burg war in ihren Ausmaßen wesentlich kleiner als die Bärenburg.
Sie ritten über eine Zugbrücke durch das Burgtor.
Bedienstete kamen ihnen entgegen gelaufen und nahmen ihnen die Pferde ab. Als sie die Stufen zur Eingangshalle hinaufstiegen, kam Donald, der ältere Bruder Alicias herausgelaufen.
„Oliver, mein zukünftiger Schwager. Was führt dich zu uns?“
Er schlug Oliver kameradschaftlich auf die Schulter. Diese Begrüßung machte Olivers Vorhaben nicht leichter, im Gegenteil: Seine Schuldgefühle verstärkten sich. Und das habe ich alles diesem verlogenen Weibstück Deria zu verdanken, dachte er. Gemeinsam traten sie in die große Empfangshalle und Sir Howard kam auf sie zu.
„Oliver, welch angenehme Überraschung. Du kommst gerade recht zum Essen.“
Auch diese Begrüßung war sehr herzlich. Sie setzten sich an den höchsten Tisch, der nur für die Familienmitglieder und Ehrengäste vorbehalten war.
Wie ein Engel eilte Alicia herbei. Sie trug ihr hellblondes Haar in einem langen Zopf, in dem ein blaues Band eingeflochten war. Das Obergewand war in dem gleichen sanften Blau, das auch der Farbe ihrer Augen entsprach. Als sie Oliver die Hand zum Gruß reichte, schlug sie errötend die Augen nieder. Er war von ihrer Erscheinung wie bezaubert und mit Bedauern dachte er daran, dass es ihm nicht vergönnt sein würde, Alicia auch nur einen Kuss zu rauben.
Beim Essen erzählte er von den Ereignissen der letzten Tage, dem Tod Sir Roberts sowie seiner neuen Eigenschaft als Vormund für Eric. Dann wurde noch über die gegenwärtigen Vorkommnisse gesprochen.
König Rufus hatte wieder die Steuern erhöht und es wurde immer schwieriger für alle, diese zu entrichten.
„Es ist eine Schande. Selbst für uns, die wir reiche Güter haben, ist es fast unmöglich diese Beträge aufzuwenden“, schimpfte Sir Howard.
„Ja, da hast du Recht. Doch bleibt uns nichts anderes übrig, sonst würden wir wie einige andere der Rebellion bezichtigt“, pflichtete Oliver ihm bei.
„Vater, Oliver, wie könnt ihr das einfach so hinnehmen? Der König ist ein selbstgefälliger Herrscher, der unser Land ins Verderben zieht“, ereiferte sich Donald.
„Sprich nicht so!“, ermahnte ihn sein Vater.
„Euer Verhalten ist das eines feigen Waschweibs“, schoss Donald zurück. Er hatte schon ein paar Becher Wein getrunken.
Oliver erhob sich, die rechte Augenbraue vor Wut nach oben gezogen. Seinen Rittern war dies nicht verborgen geblieben und so taten sie es ihrem Lehnsherrn gleich. Bevor jedoch jemand reagieren konnte, zischte Alicia ihrem Bruder zu:
„Werde erst einmal ein richtiger Mann, bevor du wahre Männer beleidigst. Oliver, ich bitte um Entschuldigung für die Äußerungen meines Bruders.“
Sie hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt, dessen Finger bereits den Griff seines Schwertes umschlossen hatte. Oliver atmete mehrfach tief ein und aus, dann setzte er sich. Seine Gesichtszüge entspannten sich jedoch nur unmerklich.
„Alicia, ich habe mit dir und deinem Vater zu sprechen, allein!“
Er sprach es mit einer unmissverständlichen Härte aus, die beide leicht zusammen fahren ließ.
„Aber gerne doch“, erwiderte Sir Howard sich räuspernd und erhob sich. Er führte beide in einen großen Raum, in dem an den Wänden wunderschöne Teppiche mit Jagdmotiven hingen.
„Auch wenn es so aussehen mag, dass ich auf die Äußerungen deines unreifen Sohnes reagiere, versichere ich vorab, dass diese Angelegenheit damit absolut nichts zu tun hat.“




