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Sir Howard saß in einem breiten Stuhl mit hoher Rückenlehne und Alicia hatte auf einem kleinen Rundhocker Platz genommen.
Oliver holte tief Luft, bevor er sprach:
„Sir Howard, als ich im vergangenen Herbst um die Hand deiner bezaubernden Tochter angehalten habe, war ich im guten Glauben ein freier Mann zu sein.“ „Was soll das heißen?“, fragte Sir Howard misstrauisch.
Die Richtung des Gesprächs, die Oliver einschlug, gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Wie du sicher weißt, habe ich vor vier Jahren Lady Deria Eddings ein Eheversprechen gegeben.“
„Ja, aber sie ist doch während der großen Seuche gestorben, hast du mir erzählt“, fuhr Sir Howard unwirsch dazwischen.
„Vater, ich bitte dich, lass ihn aussprechen.“
Alicia ahnte, worauf Oliver hinaus wollte. Doch darüber war sie gar nicht unglücklich. Sie liebte schon seit einiger Zeit einen anderen Ritter und hatte ihm auch beigelegen. Sie fürchtete sich davor, was Oliver tun würde, wenn er dies in der Hochzeitsnacht feststellen würde. Es war ihr ein Gräuel auch nur daran zu denken, dass ein anderer Mann als ihre heimliche Liebe sie berühren könnte.
Mit einem bösen Blick auf seine Tochter nickte Sir Howard jedoch zustimmend in Olivers Richtung.
„Ja, das haben wir alle gedacht. Doch Lady Deria hat ihren Vater und auch mich getäuscht. Es war Eric, der damals an dem Fieber gestorben ist. Sie hat seine Rolle angenommen, um der vorbestimmten Ehe mit mir zu entgehen. Durch einen Zufall habe ich erst gestern bemerkt, wer tatsächlich mein Mündel ist.“
„Bei Gott“, entfuhr es Alicia und erschrocken hob sie ihre Hand an den Mund.
„Aus diesem Grund sehe ich mich bedauerlicherweise gezwungen, die Verlobung mit Alicia zu lösen, da ich bereits an ein Versprechen gebunden bin, dass einen älteren Rechtsanspruch hat.“
Oliver fuhr sich nervös durch die Haare. Es war totenstill im Raum. Sir Howard blickte den jungen Wallace ernst an und rieb sich nachdenklich sein Kinn. Er überlegte, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Konnte er Oliver einen Vorwurf machen? Nein, denn er verhielt sich gewiss ehrenhaft. Er musste eine Wahl treffen und hatte sich zu Gunsten des länger bestehenden Versprechens entschieden. Sir Howard warf einen Blick auf seine Tochter und war erstaunt, als er das Leuchten in ihren Augen sah. Sie war ganz und gar nicht unglücklich, geschweige denn traurig. Was hatte das zu bedeuten? Seufzend antwortete er dem ungeduldig und unsicher dreinblickenden Oliver:
„Nun, Oliver. Ich bin natürlich sehr enttäuscht. Aber nicht von dir, sondern von deiner zukünftigen Frau. Sie war sehr unvernünftig und ich hoffe für dich, dass du diese Entscheidung nicht bereuen wirst.“
Oliver atmete erleichtert aus.
„Ich danke für dein Verständnis, denn mir ist weiterhin an deiner Freundschaft viel gelegen.“
Dabei reichte Oliver dem Älteren die Hand. Howard ergriff diese ohne zu zögern. Dann wandten sich beide Alicia zu.
„Oh, ich … ich wünsche dir Glück, Oliver, und ich bin ehrlich gesagt auch dankbar. Ich … ich fühle mich noch nicht reif genug für die Ehe.“
Sie senkte ihren Blick und hoffte, dass man ihr diese Lüge abnahm.
„Dann lasst uns noch ein wenig feiern. Denn immerhin wirst du so oder so bald verheiratet sein“, meinte Sir Howard und schlug ihm aufmunternd auf den Rücken.
Am nächsten Morgen erzählte Howard seinem Sohn von dem Gespräch. Donald verlor die Beherrschung:
„Das ist eine Beleidigung uns gegenüber, Vater! Wie konntest du das so einfach hinnehmen?“
„Aber Donald, er hat sich ehrenhaft verhalten. Da die erste Verlobung noch gültig ist, muss er Deria heiraten.“
„Das hat unser Haus nicht verdient. Verflucht, er hätte sie ja mit jemand anderem verheiraten können.“
Donald war ein junger Hitzkopf und fühlte sich persönlich abgewiesen. Er schwor sich, diese Schmach zu rächen.
Derweil bekam Deria ihre Gemächer gezeigt. Es waren zwei Räume, die durch eine Tür miteinander verbunden waren. Die Fenster im Schlafgemach zeigten auf die Rückseite der Burg, sie konnte die Wiese überblicken und hinter dem Steinwall den Wald.
„Was für eine herrliche Aussicht“, sagte sie erfreut.
„Schön, dass es dir gefällt“, erwiderte Guy.
„Wessen Räume befinden sich noch auf diesem Gang?“, fragte sie neugierig. Ihr waren noch drei Türen aufgefallen, an denen Guy sie vorbei geführt hatte.
„Das sind Olivers Gemächer.“
Wie vom Donner gerührt fuhr Deria herum. „Und warum werde ich dann hier einquartiert? Es gibt doch sicher andere Räume?“
So nah wollte sie ihn nicht haben.
„Was spricht dagegen? Du bist sein Mündel und hast dadurch eine gewisse Stellung.“
Darauf konnte sie nichts erwidern.
„Was sind meine heutigen Aufgaben?“
„Du sollst sein Rüstzeug und seine Waffen reinigen. Sie liegen in seinem Zimmer.“
Guy führte sie in die privaten Räume von Oliver. Erstaunt blieb Deria in der Tür stehen. Ein riesiges Bett stand an der gegenüberliegenden Wand, rechts und links gab es jeweils ein kleines Fenster mit einer schönen bunten Glasscheibe. Über dem Bett war ein riesiger Wandbehang. Das Motiv ließ Deria erröten:
„Oh, das ist aber sündig!“
Guy lächelte: „Es ist ein Liebespaar.“
„Das sehe ich selbst.“
Der Wandteppich zeigte einen Mann und eine Frau, beide waren nackt und umarmten sich auf äußerst frivole Weise. Deria musste den Blick abwenden, sonst würde Sir Guy sie bestimmt auslachen.
„Die Waffen sind nebenan.“
Er verschwand durch einen kleinen Torbogen und Deria folgte ihm. Dieser Raum war Olivers Ankleidegemach. Aus den offenen Truhen lugten Kleidungsstücke aus verschiedenen Stoffen hervor, zwei Paar Schuhe aus Leder standen in einer Ecke. Auf einem Holzgestell hing Olivers Kettenhemd, dessen Metall matt glänzte. Deria betrachtete ehrfürchtig die auf dem Tisch liegenden Schwerter und Messer.
Nachdem Guy ihr alles erklärt hatte, überließ er sie ihrer Aufgabe. Den ganzen Tag war sie mit der Reinigung der Kettenglieder beschäftigt, und am Abend strahlten der Kettenpanzer und die Waffen in neuem Glanz. Dann betrachtete sie sich den Wandteppich genauer. Wer hätte gedacht, dass Oliver solch sündige Bilder gefielen? Sie stellte sich direkt vor das Bett und legte nachdenklich den Kopf schief. Wie viele Frauen hatte er schon in so einer Umarmung gehalten? Sie versuchte sich Oliver nackt vorzustellen. Irgendwie wurde ihr dabei ganz flau im Magen.
Wie im Flug vergingen die Tage und sie half abwechselnd Stephen oder Guy, der ständig mit neuen Aufgaben kam. Mal musste sie in der Küche aushelfen, mal wurde sie Wasserholen geschickt. Die Aufgaben waren an sich keine Arbeiten für Männer, sagte sich Deria. Ob sie Eric bestrafen wollten? Doch auf diese Frage bekam sie keine Antwort, da auch Ester keine Antwort darauf hatte. Da Derias Oberschenkel verheilt waren, und sie für diesen Tag ihre Arbeiten erledigt hatte, bat sie Stephen, ihr das Reiten beizubringen.
„Wirklich, Eric? Du möchtest, dass ich dir das Reiten beibringe? Es ist mir eine Ehre.“
Seine Stimme klang dabei stolz. Stephen führte Aragon aus der Burg heraus und sie gingen linker Hand an der Wiese vorbei.
„Wo gehen wir hin?“, fragte Deria neugierig.
„Hier ist ein Übungsplatz, wo die jungen Pferde eingeritten werden und hier üben auch die Ritter den Zweikampf“, erklärte Stephen.
Deria betrachtete den riesigen Platz, der von drei Seiten mit Wald umgeben war. Durch das Longieren der Pferde war auf der einen Seite ein großer Kreis ins Gras getreten worden. Am Ende des Platzes auf der anderen Seite stand eine kleine Hütte. Stephen band Aragon an das Longierseil und half Deria beim Aufsitzen.
„Ich soll ohne Sattel reiten?“
„Ja, damit du ein besseres Gefühl für das Pferd bekommst. Vertrau mir, Eric“, erklärte Stephen zuversichtlich. Aragon schritt im Kreis Runde um Runde dahin. Stephen mäkelte ständig an Deria herum.
„Nicht so steif, pass dich einfach dem Rhythmus des Tieres an. Mensch, Eric, du bist echt ein Angsthase!“
„Was meinst du wohl, warum ich nicht mehr reite, du Angeber“, fauchte Deria zurück.
Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie Stephens Ratschläge umzusetzen, doch je schneller Aragon lief, desto mehr wurde sie hin und her geschüttelt.
„Ich lerne das nie“, seufzte sie nach einer Weile.
„Ach Eric, irgendwann klappt es auch bei dir. Jetzt drück die Knie vorsichtig an die Seiten und schließ die Augen. Konzentrier dich auf Aragon! Spüre seine Bewegungen und vertrau dir selbst, du kannst das!“
Deria tat wie ihr geheißen. Sie konzentrierte sich auf Stephens Stimme und schloss die Augen. Sie hörte seine beruhigenden Worte und mit einem Mal empfand sie einen Gleichklang mit dem Pferd und hatte das Gefühl, sanft geschaukelt zu werden. Sie fühlte sich sicherer und automatisch löste sich ihre versteifte Haltung. Stephen lächelte, es war dem Elfjährigen nicht entgangen, wie sich die Haltung seines Schülers entspannt hatte. Er schnalzte mit der Zunge und Aragon fiel in einen leichten Trab. Deria merkte zwar, dass irgendetwas anders war, aber es machte ihr keine Angst mehr. Stephen sprach weiter:
„Strecke deine Arme seitlich in die Höhe und spüre die Kraft, die Aragon in dich überträgt.“
Sie tat wieder wie ihr geheißen und rief vor Entzücken:
„Ich hab das Gefühl, ich fliege. Oh, Stephen es ist so wunderbar!“ Freudentränen liefen ihr die Wangen hinunter.
„Jetzt öffne die Augen, gleich wirst du galoppieren!“
Und wieder schnalzte Stephen mit der Zunge, Aragon fiel in einen Galopp. Deria griff in die Mähne ihres Pferdes, aber sie passte sich sofort dem schnelleren Rhythmus an, ohne wieder zu verkrampfen. Sie lachte laut auf und schüttelte übermütig den Kopf.
„Ich kann wieder reiten!“
„Nun, morgen machen wir einen Ausritt und dann werden wir sehen, ob du reiten kannst“, hörte sie plötzlich eine tiefe Männerstimme.
Ihr Kopf flog herum und sie sah Guy dastehen, der ihr anerkennend zunickte, während er Stephen auf die Schultern klopfte.
„Das hast du sehr gut gemacht Stephen. Dein Vater und dein Bruder wären stolz auf dich.
„Danke, Sir Guy.“ Stephen bekam vor Verlegenheit rote Ohren.
Am nächsten Tag holte Guy Deria ab.
„Jetzt machen wir den versprochenen Ausritt. Ich werde dir ein wenig Olivers Ländereien zeigen.“
Ohne Angst bestieg Deria Aragon und folgte Sir Guy durch das Burgtor. Sie ritten gen Westen und nach mehr als zwei Stunden hielt er auf einem Hügel an.
„Von hier aus kannst du einen weiten Blick über Olivers Land werfen“, sprach er mit Stolz erfüllter Stimme.
„Es ist ein sehr fruchtbares Land. Und es ist wunderschön.“
Deria war das saftige Grün der Wiesen und das satte Braun der Erde nicht entgangen.
„Bei uns ist es auch schön, aber nicht so wie hier. Oliver kann sich glücklich schätzen“, meinte sie aufrichtig.
Fast den ganzen Tag ritten sie über Olivers Ländereien. Für Deria gab es viel zu sehen und sie konnte sich auch einen Eindruck verschaffen, was die Bevölkerung von ihrem Lehnsherrn hielt. Bewundernd musste sie anerkennen, dass Oliver bei seinen Untergebenen sehr beliebt war. Er fällte gerechte Urteile und schröpfte seine Bauern nicht. Und dies war selten in diesen Zeiten.
Als die Sonne langsam unterging, verkündete Guy:
„Es wird Zeit, umzukehren.“
„Ihr seid sein Onkel, nicht wahr?“
Deria wollte mehr über Oliver erfahren. Schon die ganze Zeit während des Ausrittes hatte sie darüber nachgedacht, wie sie das Gespräch auf Oliver bringen konnte, ohne dass ihre Neugierde allzu offensichtlich wurde. Guy war nicht dumm, er hatte die innere Unruhe an Deria bemerkt und nur darauf gewartet, dass sie endlich ihrer Neugierde freien Lauf ließ.
„Ja, mein Bruder war sein Vater.“
„Warum hast du nie geheiratet?“
Überrascht von der Frage, da er nicht damit gerechnet hatte, selbst im Mittelpunkt ihrer Neugierde zu stehen, zögerte er mit der Antwort.
„Nun, die Frau, die ich liebte, musste einen anderen heiraten. Und bis heute ist mir keine andere begegnet, die diese Frau aus meinem Herz verdrängen konnte.“
„Welch romantische Worte aus dem Mund eines Mannes“, entfuhr es Deria, die von dieser Antwort seltsam berührt war.
„Wieso sollte es das nicht? Hältst du Männer für weniger romantisch als Frauen?“, fragte Guy erstaunt.
„Ich möchte dich nicht beleidigen, Guy. Aber Männer sind in meinen Augen zu keinen tieferen Gefühlen fähig. Die einzige Ausnahme war mein Vater“, erwiderte Deria überzeugt.
„Und das denkst du auch von Oliver, oder?“, wollte Guy neugierig wissen.
„Oh, er ist ein Grobian und ein gefühlloser Mann. Die Frau, die ihn heiraten muss, tut mir jetzt schon leid“, sagte Deria naserümpfend.
„Eric, hüte deine Zunge. Du kennst Oliver nicht so gut wie ich. Dann würdest du anders von ihm denken.“
„Oh, ich kenne ihn gut“, bemerkte Deria trotzig und musste daran denken, als er ihr damals den Hintern versohlte.
„Lass dir gesagt sein, dass er sehr viele gute Eigenschaften hat, und dass er zu wahrer Liebe fähig ist. Nur wer ihn belügt oder betrügt, verdirbt es sich mit ihm.“
Bei diesen Worten warf er Olivers Mündel einen warnenden Blick zu. Deria wurde es heiß und kalt. Genau das tat sie die ganze Zeit: Sie log und betrog die Menschen um sie herum und vor allen Dingen Oliver. Irgendwann würde dieses Netz aus Lügen reißen. Und bevor das geschah, musste sie verschwinden. Schweigend ritten sie zur Burg zurück.
Mehr als zwei Wochen waren vergangen, als Oliver und sein Gefolge auf die Bärenburg zurückkehrten. Nach dem Besuch auf Burg Shenderton waren er und seine Männer noch auf die Jagd gegangen. Mägde und Knechte nahmen die Beute in Empfang, um die erlegten Tiere auszunehmen. Die vom Fleisch gesäuberten Felle übergab man dem Kürschner zur Weiterverarbeitung, Küchenmägde kochten das Fleisch ein oder hingen es zum Trockenen auf. Für die nächste Zeit waren die Vorratskammern der Burg reichlich gefüllt.
Oliver berichtete Guy von seinem Gespräch mit Howard und seiner Tochter.
„Dann ist ja alles gut gelaufen“, meinte Guy erleichtert.
„Und wie erging es meinem Mündel?“, fragte Oliver neugierig.
Guy erzählte seinem Neffen von dem Reitunterricht und dem gemeinsamen Ausritt. Das Gespräch jedoch verschwieg er ihm.
„Wo steckt sie jetzt?“
„Wahrscheinlich bei Stephen.“
„Gut, dann gehe ich mich erfrischen und mich dann mit einem Weib vergnügen“, sagte Oliver.
„Hältst du das für sinnvoll? Immerhin ist Deria deine Verlobte“, gab Guy zu bedenken.
Oliver runzelte die Stirn und sah seinen Onkel lange an, bevor er ihm antwortete:
„Meinst du nicht, nach allem, was dieses verlogene Biest mir angetan hat, muss ich mich auch noch benehmen? Offiziell habe ich keine Verlobte und wer weiß, wann ich Deria eheliche. Bis dahin führe ich mein Leben wie bisher und das heißt, ich nehme mir ein Weib, wenn mir danach der Sinn ist, und heute ist dies der Fall.“
Mit diesen Worten stand er auf und rief Jolanda. Guy sah ihm kopfschüttelnd nach. Jolanda arbeitete als Küchenmagd und war Olivers Mätresse. Bisher hatte es für beide kein böses Erwachen aus einer berauschender Liebesnacht gegeben, denn Oliver hatte aus den Fehltritten seines Vaters gelernt. Er hatte es sich angewöhnt, seinen Samen nicht im Schoße einer Frau zu verströmen, damit er keine Bastarde zeugte.
Oliver zog Jolanda mit sich fort und lief neckend mit ihr die Treppe hoch. Schon vor seiner Zimmertür riss er sie in seine Arme und küsste sie. Seine Lenden brannten. Leidenschaftlich zog er seine Mätresse mit sich ins Schlafgemach. Knallend fiel die Tür ins Schloss.
Deria hatte sich heimlich in Olivers Gemach geschlichen um in seinen Büchern zu lesen. Aufgeschreckt durch den Tumult vor der Tür, hob sie den Kopf und lauschte. Sie hörte zwei keuchende Stimmen. Panisch rannte sie in das Ankleidezimmer und versteckte sich hinter dem Holzgestell, welches das Kettenhemd trug. Just in diesem Moment kamen Oliver und Jolanda hereingestürmt. Er warf die Tür zu und riss das Mädchen erneut an sich.
„Oh, Ihr könnt es wohl gar nicht abwarten, Mylord“, kicherte sie kokett.
„In der Tat, ich war zu lange enthaltsam“, knurrte er.
Er schob ihre Röcke hoch und drückte die Frau an die Wand. Mit zwei Handgriffen löste er seine Beinkleider und drang hart in sie ein. Jolanda keuchte auf. Seine Stöße wurden fester und schneller und als sie laut aufschrie, zog er sich aus ihr zurück. Schnell nahm sie seinen Schaft in die Hand und rieb daran. Seine Erregung war so stark, dass er sofort zum Höhepunkt kam.
Deria hielt sich den Mund zu, um nicht laut zu schreien. Das ist ja widerlich, was die beiden da machen! Und während sie das dachte, spürte sie, wie ihre Brustwarzen sich plötzlich gegen ihr Hemd rieben. Ihr Körper reagierte auf diesen wilden Akt, ohne dass sie es wollte. Doch damit nicht genug, denn sie hörte Oliver sagen:
„Das war die Vorspeise, jetzt kommt der Hauptgang.“ Und mit diesen Worten zog er Jolanda aus und führte sie zum Bett.
Oh nein, das kann ich nicht mit anhören, geschweige denn zusehen. Ich muss irgendwie hier raus, dachte Deria entsetzt. Doch wie konnte sie flüchten ohne auf sich aufmerksam zu machen? Sie würde warten, bis die beiden wieder zu Gange waren und dann flux hinausrennen. Sie kam leise hinter dem Kettenhemd hervor und spähte um die Ecke. Oliver lag auf Jolanda. Fasziniert beobachtete sie, wie er sich über die Brüste der Frau beugte und diese in den Mund nahm. Ihr wurde flau im Magen. Sie musste raus – sofort! Auf Zehenspitzen schlich sie zur Tür. Gerade schob sie den Türriegel nach hinten, als Jolanda den Eindringling entdeckte:
„Da ist ja ein Kerl.“
Deria riss die Tür auf und stürzte fluchtartig hinaus. Hinter sich hörte sie Oliver lautstark fluchen. Sie rannte so schnell sie ihre Füße trugen in ihr Zimmer und versuchte die Tür hinter sich zu schließen. Doch es war unmöglich, da Oliver bereits von der anderen Seite dagegen drückte. Deria stemmte sich mit ihrem ganzen Körper, der wie Espenlaub zitterte, dagegen. Doch vergebens. Oliver war stärker als sie und nach kurzem Hin und Her stand er im Zimmer. Krachend warf er die Tür ins Schloss. Deria schnappte nach Luft. Oliver war fast nackt, hatte nur seine Beinkleider angezogen und selbst die waren noch nicht einmal ordentlich hoch gezogen.
„Raus!“, schrie sie und wich ängstlich vor ihm zurück.
Er starrte sie nur an und bewegte sich geschmeidig auf sie zu. Wie ein Raubtier, das seine Beute umschleicht, schoss es Deria durch den Kopf. Sie konnte nicht anders als ihren Blick an ihm hinabgleiten zu lassen. Noch nie hatte sie so einen herrlichen Mann gesehen: Sein Oberkörper war muskulös, schwarze Haare zierten seine Brust und seinen Bauch, seine Brust hob und senkte sich in kurzen Abständen.
„Verschwindet, Ihr seid widerlich“, brüllte sie dennoch. Um ihn auf Abstand zu halten, trat sie hinter ihren kleinen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand. Oliver sah ihre geröteten Wangen, ihre Lippen glänzten feucht. Sie sieht zum Anbeißen aus, dachte er plötzlich. Aber jetzt war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort um sich darüber Gedanken zu machen.
„Was hattest du in meiner Kammer zu suchen?“, herrschte er sie an.
„Ich…es war…ich habe gelesen und ich wollte nicht stören…“, stotterte sie herum.
„Hast du noch kein Weib bestiegen?“
Oliver hatte sich wieder unter Kontrolle und wollte sie nun ein wenig ärgern.
„Was? Bestiegen?“ Sie schnappte nach Luft.
„Nein, hast du also nicht, wie mir deine Reaktion zeigt. Na, dann werde ich dir das demnächst zeigen, wie es geht.“
Als er ihr bestürztes Gesicht sah, drehte er sich um und ging grinsend davon. Deria starrte ihm nach. Ihre Knie zitterten und ihre Brust hob und senkte sich heftig vor Aufregung. Langsam kletterte sie aufs Bett, schlang die Arme um ihre Beine und legte ihr Kinn auf die Knie. Sie musste den festen Verband um ihre Brüste lösen, da diese schmerzhaft an ihm rieben und Derias Atem einengte. Zwischen den Schenkeln spürte sie eine Wärme und Feuchtigkeit, die sie erröten ließen. Was passiert mit mir? Warum löst Olivers Anblick diesen Wirrwarr an Gefühlen in mir aus, fragte sie sich. Deria hatte Angst. Mit wem, außer ihrer Mutter oder Milly, hätte sie darüber sprechen können? Aber beide waren nicht hier. Deria musste an Olivers Worte denken. Ihre Situation wurde immer heikler. Wie sollte sie ihm klar machen, dass Eric kein Interesse an Frauen hatte? Mit dieser Frage fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Als Oliver am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich ausgeruht und ausgeglichen wie schon seit langem nicht mehr. Jolanda war längst gegangen, denn er duldete sie nicht die ganze Nacht in seinem Bett. Dieses Privileg würde nur seiner Frau vorbehalten bleiben. Seiner Frau - dieser Gedanke ließ ihn wieder an seine Unterhaltung mit Deria denken. Was mochte sie von der Situation gehalten haben, als ich Jolanda so wild genommen habe? Sie war bestimmt verschreckt gewesen. Selbst Schuld, was hat sie auch in meinen Räumen zu suchen, sagte er zu sich selbst. Aber eine seltsame Erregung ergriff ihn. Wieder musste er an die feuchten Lippen denken: Wie herrlich wäre es, diese zu küssen. Erstaunt bemerkte er, wie seine Leidenschaft sich zu regen begann.
Oliver wusch sich und beschloss, das Katz- und Mausspiel endlich zu beenden. Er würde „Eric“ keine andere Wahl lassen als selbst zuzugeben, was für ein falsches Spiel er spielte.
Mit diesen Gedanken klopfte er energisch an Derias Zimmertür. Stille. Er klopfte noch einmal, dieses Mal lauter und heftiger. Wieder keine Antwort. Ohne etwas zu sagen, riss er die Tür auf. Sofort sah er, dass der Raum verlassen war. Verdammt, wo ist dieses Weibsbild denn schon so früh am morgen, grollte er in Gedanken. Als er wutschnaubend in die große Halle kam, saß sein Oheim bereits am Tisch und grinste ihm entgegen.
„Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?“, fragte er süffisant.
„Keine, aber gerade das ist es ja.“
„Wenn du Eric meinst, der bzw. sie ist vor über einer halben Stunde hinaus geschlichen.“
„So früh schon?“, fragte Oliver verwundert.
„Oh, sie nimmt ihre Pflichten sehr ernst. Wahrscheinlich hilft sie Stephen und dann frühstücken die beiden bei Ester.“
„Aha. Na, dann werde ich ihren Tagesablauf ein wenig durcheinander bringen. Heute zeige ich meinem Mündel, wie gekämpft wird.“
„Aber Oliver, jetzt übertreibst du es aber“, versuchte Guy Deria zu beschützen.
„Nein, sie soll endlich zugeben, wer sie wirklich ist. Ich habe diese Spielchen langsam satt“, grollte Oliver. „Jolanda, pack mir ein wenig Proviant ein!“
Oliver ging in den Stall, aber dort war niemand. So wie Guy es richtig vermutet hatte, fand er Deria in Esters Haus.
„Oh Oliver, möchtest du auch etwas essen?“, fragte Ester überrascht.
„Nein, danke, Ester. Ich möchte mein Mündel abholen. Wir haben heute eine schweren Tag vor uns.“
Ohne einen Widerspruch zu dulden, warf er Deria einen ungeduldigen Blick zu. Sie verschluckte sich fast an ihrer Milch, stand dann unsicher auf.
„Bist du endlich fertig?“, herrschte er sie an.
„Ja, dank Euch habe ich keinen Hunger mehr“, zischte sie zurück.
Nachdem sie sich bei Ester bedankt hatte, folgte sie Oliver.
„Was, um alles in der Welt, soll das jetzt? Wieso behandelt Ihr mich so herabwürdigend?“, brauste sie auf.
Er fuhr so schnell zu ihr herum, dass sie ängstlich zurückwich. Er packte ihren Arm und zog sie zu sich heran.
„Nicht anders, als du mich behandelst“, knurrte er in ihr Ohr.
Dann zog er sie wortlos mit sich. Deria hatte nun wirklich Angst. Irgendetwas war anders als sonst. Oliver wirkte so entschlossen. Nur weswegen? Sie überlegte, ob sie versuchen sollte sich loszureißen. Nein, das würde zu nichts führen. Sie musste erst einmal abwarten, was er wirklich von ihr wollte.
„Sattle dein Pferd, wir werden ausreiten!“
Seine Stimme duldete keinen Widerspruch. Deria tat wie ihr geheißen und folgte dann schweigend ihrem Vormund. Die Provianttasche hatte er sich umgehängt. Ohne ein Wort zu sprechen, trieb er sein Pferd zum Galopp an. Deria folgte ihm in den anbrechenden Tag. Wenngleich sich ihr ein wunderbarer Sonnenaufgang bot, konnte sie sich nicht daran erfreuen. Furcht umschloss ihr Herz und drückte ihre Brust zusammen.




