Die wichtigsten Werke von Annette von Droste-Hülshoff

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Sie waren unter der Buche angelangt. »Ich sehe nichts«, sagte Herr von S. – »Hierher müssen Sie treten, hierher, an diese Stelle!« – Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte seine eigenen abgetragenen Schuhe. – »Gott, es ist Johannes! – Setzt die Leiter an! – So – nun herunter! Sacht, sacht! Laßt ihn nicht fallen! – Lieber Himmel, die Würmer sind schon daran! Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde.« Eine breite Narbe ward sichtbar; der Gutsherr fuhr zurück. – »Mein Gott!« sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche, betrachtete die Narbe mit großer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile in tiefer Erschütterung. Dann wandte er sich zu den Förstern: »Es ist nicht recht, daß der Unschuldige für den Schuldigen leide; sagt es nur allen Leuten: der da« – er deutete auf den Toten – »war Friedrich Mergel.« – Die Leiche ward auf dem Schindanger verscharrt.
Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 1789. – Die hebräische Schrift an dem Baume heißt:
»Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.«
Bei uns zu Lande auf dem Lande
Inhaltsverzeichnis
Nach der Handschrift eines Edelmannes aus der Lausitz
Inhalt
Einleitung des Herausgebers
Erstes Kapitel Der Edelmann aus der Lausitz und das Land seiner Vorfahren
Zweites Kapitel Der Herr und seine Familie
Drittes Kapitel In Hof und Garten
Das Brief-Tagebuch der Droste über »Bei uns zu Lande«
Der Entwurf von 1841.
Einleitung des Herausgebers
Inhaltsverzeichnis
Ich bin ein Westfale, und zwar ein Stockwestfale, nämlich ein Münsterländer – Gott sei Dank! füge ich hinzu – und denke gut genug von jedem Fremden, wer er auch sei, um zu glauben, daß er, gleich mir, den Boden, wo seine Lebenden wandeln und seine Toten ruhen, mit keinem andern Boden vertauschen würde, obwohl seit etwa zwei Jahrzehnten, das heißt seit der Dampf daran arbeitet, das Landeskind in einen Weltbürger umzublasen, die Furcht, beschränkt und eingerostet zu erscheinen, es fast zur Sitte gemacht hat, die Schwächen der Alma mater, welche man sonst Vaterland nannte und bald nur als den zufälligen Ort der Geburt bezeichnen wird, mit möglichst schonungsloser Hand aufzudecken und so einen glänzenden Beweis seiner Vielseitigkeit zu geben – es ist bekanntlich, ja unendlich trostloser, für albern, als für schlimm zu gelten! – Möge die zivilisierte Welt also getröstet sein, denn ihre Fortschritte zu der alles nivellierenden Unbefangenheit der wandernden Schauspieler, Scherenschleifer und vagierenden Musikanten sind schnell und unwidersprechlich – dennoch bleiben Erbübel immer schwer auszurotten, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, sobald man auf die Redeweisen dieser grandiosen Parteilosen sein kräftig eingeht und etwa hier und dort noch den rechten Drücker aufsetzt, sie gradeso vergnügt lächeln als ein Bauer, der Zahnweh hat. »Gott bessers«, sage ich und überlasse die beliebige Auslegung jedem. Was mich anbelangt, so bin ich, wie gesagt, ein Mensch nullius judicii, nämlich ein Münsterländer, sonst guter Leute Kind, habe studiert, in Bonn, in Heidelberg, auch auf einer Ferienreise vom Rigi geschaut und die Welt nicht nur weitläufig, sondern sogar überaus schön gefunden – ein in der Tat wunderbar köstlicher Moment, und für den armen Studenten, der um jeden zu diesem Zwecke heimgelegten Groschen irgendeine andere Freud hat totschlagen müssen, ein tief, fast wie heilig bewegender Moment – dennoch nichts gegen das erste Knistern des Heidekrauts unter den Rädern, nichts gegen das mutwillige Anbringen der ersten Blütenstaubwolke, die die erste Nußhecke uns in den Wagen wirbelte – nach zwei langen auswärts verlebten Jahren. Ich lehnte mich weit aus dem Schlag, ließ mich gelb einpudern, wie ein Römer aus den Zeiten Augustus, und sog wie berauscht die erstickenden Küsse meiner Heimat ein – dann kamen meine klaren, stillen Weiher mit den gelben Wasserlilien, meine Schwärme von Libellen, die wie glänzende Zäpfchen sich überall anhängen, meine blauen, goldenen Schmetterlinge, welche bei jedem Hufschlag ein flatterndes Menuett veranstalteten. – Wie gern wäre ich ausgestiegen und ein Weilchen nebenher getrabt; aber es kam mir vor, als müßte ich mich schämen vor den Leuten im Schnellwagen, und vor allen machte mir ein bleicher, winddürrer Herr not, der ganz aussah wie ein Genie, was auf Menschenkenntnis reist; denn ich bin ehrlicher Leute Kind und möchte nicht gern als empfindsame Heidschnucke in einem Journale figurieren – deshalb will ich denn auch hier abbrechen und nur erst sagen, daß ich seit zwölf Jahren wieder bei uns zu Lande bin und mein friedliches Brot habe, als Rentmeister meines guten gnädigen Herrn, der keine Schwalbe auf seinen Dächern belästigen mag, wieviel weniger seine Leute überladet, so daß ich meine Arbeit in der Tat ganz wohl zwingen kann und um vieles an gutem, ich meine gesundem Aussehen gewonnen habe, sonderlich in den letzten fünf Jahren, seit ich das obere Turmzimmer bewohne, was das gesündeste im Hause ist und mir noch allerhand kleine Ergötzlichkeiten gestattet, indem ich aus dem Fenster angeln und den Reiher über dem Schloßweiher schießen kann. Die Zeitungen werden mir auch gebracht, nachdem der Herr sie gelesen, und die Bücher aus der Leihbibliothek; so füllt sich mein Überschuß an Zeit ganz behaglich aus, und ich bleibe so nett im Rapport mit der politischen und belletristischen Außenwelt. Sehr wunderlich war mir zumute, als mir vor etwa zehn Jahren zum ersten Male mein gutes Ländchen in van der Veldens Romane unverhofft begegnete; es war mir fast, als sei ich nun ein Lion geworden und könne fortan nicht mehr in meinem ordinären Rocke ausgehen. In den letzten Jahren habe ich mich indessen dagegen verhärtet, seit wir Westfalen in der Literatur wie Ameisen umherirren. – Ich will nichts gegen diese Schriften sagen, da ich wohl weiß, wie es mir ergehen würde, wenn ich zum Beispiel einen Russen oder Kalmücken beschreiben sollte, aber so viel ist gewiß, daß ich in den Figuren, die dort unsere Straßen durchwandeln, höchstens meine Nebenmenschen erkannt habe; mir fiel dabei ein, wie ich in den Gymnasialjahren bei einer stillen honetten Familie wohnte, wo jeden Abend Walter Scotts Romane, einer nach dem andern, andächtig vorgenommen wurden – mein Wirt war Forstmann, sein Bruder Militär und seiner Frauen Bruder, der sich pünktlich um sieben mit der langen Pfeife und einem starken Salbenduft einstellte, Wundarzt. Gott! wie haben wir uns an dem Schottländer ergötzt, aber nur ich ganz rein, weil ich von allem, was er verhandelte, eben kaum oberflächliche Kenntnisse hatte, die andern hingegen fanden alles unübertrefflich, bis auf die greulichen Schnitzer in jedes eigenem Fach, und lagen sich oft in den Haaren, daß sie im Eifer das Licht ausdampften und mir vor Rauch und Angst der Atem ausging; denn mein Held lag derweil hart verwundet am Boden, und mir war, als müsse er sich verbluten, oder er hing über einem schaudernden Abgrund, und mir war, als sähe ich ein Steinchen nach dem andern unter seinen Füßen wegbröckeln; daraus habe ich denn geschlossen, nicht damals, sondern nachträglich, daß man, sowohl aus Billigkeit als um sich nicht unnötig zu verstimmen, zuweilen die Krähe für den Raben muß gelten lassen und es nicht zu genau nehmen mit Leuten, die vielleicht aus Not, als gute Familienväter, sich mit Gegenständen befaßt haben, zu denen durchgängig ihnen nun einmal die Gelegenheit nicht ist gegeben worden; dennoch war es mir, so oft ich las, als rufe alles Totgeschlagene um Hilfe und fordere sein Leben von mir – ich hatte seitdem keine Ruhe, weniger von dem, was besteht, als von dem, was für immer hin ist – alte, nebelhafte Erinnerungen aus meinen frühesten Jahren, die ich gar nicht mehr in meinem Gedächtnis geborgen glaubte, tauchten auf, glitten mir tages über die Rechnungen und kamen nachts in einer lebendigen Verkörperung wieder. Ich war wieder ein Kind und kniete andächtig auf dem grünen Stiftsanger, während die Prozession an mir vorüberzog, die Kirchenfahnen, die Sodalitätsfahne, ich sah genau die seit dreißig Jahren vergessenen Zieraten des Reliquienkastens, und Fräulein, die ich schon so lange als alt und verkümmert kannte, daß es mir war, als könnten sie nie jung und selbständig gewesen sein, traten in ihrer weißen Ordenstracht so stattlich und sittsam hinter dem hochwürdigsten Gute her, wie es christlichen Herrschaften geziemt. Seltsam genug war in diesen Träumen auch alle Scheu und Beschränktheit eines Kindes wieder über mich gekommen; ich fürchtete mich etwas weniges vor den Bärten der Kapuziner, nahm nur zögernd und doch begierig das Heiligenbild, was sie mir mit resoluten Reden aus ihrem Ärmel hervorsuchten, sah verstört hinter mich, wenn meine Tritte in den Kreuzgängen widerhallten, und horchte mit offenem Munde auf die eintönigen Responsorien der Domherren, die aus dem geschlossenen Chore mir wie Wirkung ohne, Ursache hervorzudröhnen schienen. Wachte ich dann auf, so war mir zumute wie einem Geplünderten, verarmt und tief betrübt, daß alles dieses und noch so viel anderes Landesgetreue, was so reich und wahrhaftig gelebt, fortan kein anderes Dasein haben sollte als in dem Gedächtnisse weniger Alternder, die auch nach und nach abfallen,wie das Laub vom Baume, bis der kalte Zugwind der Ereignisse auch kein Blatt mehr zu verwehen findet. Träumen macht närrisch, pflegt man zu sagen; mich hat es närrisch genug gemacht. Soll ich es gestehen? Warum nicht? Irren ist keine Schande, und non omnia possumus omnes. An einem schönenTage, als gerade ein blöder, mutwilliger Sonnenschein mir gute Courage machte, schnitt ich entschlossen ein Dutzend Federn, nahm mich gleichsam selber bei den Ohren und dachte: Besser ein halbes Ei als eine leere Schale. Schreib auf, was du weißt, wäre es auch nur für die Kinder des Herrn, für Karl und Klärchen! Angefangen habe ich denn auch; aber wenn ich sagte, es sei gut geworden, so hätte ich mich selber zum Narren. Solange ich schrieb, kam es mir schon leidlich vor, und ich hatte mitunter Freude an eignen netten Einfällen und, wie mich dünkte, ganz poetischen Gedanken. Aber wenn ich es mir nun vor anderer Augen oder gar gedruckt dachte, dann schoß es mir mit einem Male zum Herzen, als sei ich doch ganz und gar kein Genie, und obwohl gleichsam mit der Feder hinterm Ohre geboren, doch wohl nur, um Register zu führen und Rechnungen auszuschreiben. In meinem Leben habe ich mich nicht so geschämt, als wenn ich dann, wie dies ein paarmal geschah, die Tischglocke überhörte und der Bediente mich überraschte, der gottlob! kein Geschriebenes lesen kann. Aller Augen sahen auf mich, ich schluckte meine Suppe nachträglich hinunter wie ein Reiher, und es war mir, als wenn alle mit den Fingern auf mich wiesen, die doch nichts von meiner Heimlichkeit wußten, sonderlich die beiden Kinder. Bei Gott! es muß ein angstvolles Metier sein, das Schriftstellern, und ich gönne es keinem Hunde. Darum bin ich auch so herzlich froh, daß ich dieses Manuskript gefunden, was alles und weit mehr enthält, als ich zu sagen gewußt hätte, dabei in einem so netten Stile, wie es mir schwerlich würde gelungen sein. Das Heft lag im Archive unter dem Lagerbuch, und ich habe dieses wohl hundertmal davon hinein- und hinausgeschoben, ohne es zu beachten; aber an jenem Tage (morgen werden es drei Wochen hin sein) rutschte es einem Bündel Papier nach auf den Boden, und eine glückliche Neugierde trieb mich an, hineinzusehen. Der Verfasser ist ein Edelmann aus der Lausitz, Lehnsvetter einer angesehenen, seit, zwanzig Jahren erloschenen Familie, deren Güter meinem Herrn zugekommen sind, das Hauptgut als Allodium durch Erbschaft, da des Herrn Mutter eine Tochter jenes Hauses war, die geringeren Besitzungen durch Kauf vom Bruder dieses Lausitzers im Zeitpunkt der Aufhebung der Lehnsrechte durch Napoleon. Wie das Manuskript hierhergekommen, weiß ich nicht, und der Herr, dem ich es vorgelegt, weiß ebenfalls nichts darüber. Vielleicht hat es mein Vorgänger im Amte, der aufgeweckten und wißbegierigen Geistes gewesen sein soll, von einer seiner Inspektionsreisen mitgebracht. Es lagen noch zwei vergilbte Briefe darin, woraus erhellt, daß jener Edelmann unerwartet abreisen mußte, weil sein Bruder am Nervenfieber schwer erkrankt war, daß er, in der Heimat angekommen, über der Pflege desselben gleichfalls erkrankte und starb, während der andere aufkam. So mag er wohl sein Manuskript in der Angst und Eile vergessen haben. Er scheint ein munterer und wohlmeinender Mann gewesen zu sein, billig genug für einen Ausländer, und mit der so seltenen Gabe, eine fremde Nationalität rein aufzufassen. Freilich nur halb fremd, denn das westfälische Blut dringt noch ins hundertste Glied, und ich würde bedauern, daß er so früh sterben mußte, wenn ich nicht bedächte, daß er jetzt doch schwerlich noch am Leben sein könnte; sechsundfünfzig Jahre sind eine lange Zeit, wenn man schon vorher in den Dreißigern war. Die angesehene und fromme Familie, bei der er einen Sommer zugebracht, hat auch früh, man möchte sagen unzeitig, erlöschen müssen – zuerst der alte Herr, der sich beim Botanisieren erkältete und, so glatt und wohlerhalten für seine Jahre er aussah, sich doch als sehr schwach erwies; denn er schwand hin an der leichten Erkältung wie ein Hauch – dann der junge Herr Everwin, den man bis zu seiner Majorennität auf Reisen schickte und der in Wien ein trauriges, vorzeitiges Ende fand im Duell, nur einer eingebildeten Beleidigung willen, die das freundliche Gemüt des jungen Mannes nicht beabsichtigte – Fräulein Sophie starb ihnen bald nach, sie war nie recht gesund gewesen und diese beiden Stöße zu hart für sie – meines Herrn Mutter mußte die Geburt ihres Kindes mit dem Leben bezahlen – aber wer sie alle überlebte, war die Frau Großmutter, die nach dem Verluste der Ihrigen hierher zog und sich mit großer Elastizität an dem Gedeihen ihres Enkels wieder aufrichtete – ich habe sie noch gekannt als eine steinalte Frau, aber lebendig, heftig und aller ihrer Geisteskräfte mächtig bis zum letzten Atemzuge; man hätte fast denken sollen, sie werde nimmer sterben, und doch war es am Ende ein leichtes Magenübel, was sie hinnahm – ihr Andenken ist in Ehren und Segen und der gnädige Herr noch immer still und nachdenklich an ihrem Todestage. Als ich ihm das Manuskript gab, war er sehr bewegt, und ich glaubte nicht, daß er dessen Veröffentlichung zugeben werde. Nachdem es aber vierzehn Tage lang auf seinem Nachttische gelegen und er in dieser Zeit kein Wort zu mir darüber geredet hatte, gab er es mir am verwichenen Sonnabend, den 29. Mai, zurück, mit dem Zusatze: von einem Westfalen geschrieben, würde es weniger bedeutend sein, aus dem Munde eines Fremden aber sei es ein klares und starkes Zeugnis, was sein Gewissen ihm nicht erlaube aus Familienrücksichten zu unterdrücken. So mag es denn sein! Und ich gebe es dem Publikum zum Gefallen oder Mißfallen; es ist kein Roman, es ist unser Land, unser Volk, unser Glaube, und was diese trifft an Lob oder Tadel, was die Lebenden tragen müssen, das möge auch über diese toten Blätter kommen!
Erstes Kapitel
Der Edelmann aus der Lausitz und das Land seiner Vorfahren
Inhaltsverzeichnis
Soeben hat die Schloßglocke halb zehn geschlagen – es ist eigentlich noch gar nicht Nacht – ein schmaler Luftstreifen steht im Westen, und zuweilen fährt noch ein Vogel im Gebüsche drüben aus seinem Halbschlafe auf und träumt halbe Kadenzen seines Gesanges nach – dennoch ists hier fast schon Nacht – soeben hat man mir eine schöne neue Talgkerze gebracht – Holz in den Kamin gelegt, um einen Ochsen zu braten, und nun soll ich ohne Gnade in die Daunen. – Unmöglich, ich emanzipiere mich, heimlich, aber desto sicherer, und niemand sieht es mir morgens an, daß ich allnächtlich den stillen Wohltäter des Hauses mache und auf Wasser und Feuer zwar nicht achte, aber doch achten würde, wenn dergleichen Dinge hierzulande nicht unschädlich wären, wie ich wohl schließen muß, wenn ich jeden Abend Knecht und Magd mit flackernden Lampen in Heuboden und Ställen umherkriechen sehe. Diese alten Mauern, die doch wenigstens ihre drei Jahrhunderte auf dem Rücken zu tragen scheinen! seltsames schlummerndes Land! so sachte Elemente! so leise seufzender Strichwind, so träumende Gewässer, so kleine friedliche Donnerwetterchen ohne Widerhall! und so stille, blonde Leutchen, die niemals fluchen, selten singen oder pfeifen, aber denen der Mund immer zu einem behaglichen Lächeln steht, wenn sie unter der Arbeit nach jeder fünften Minute die Wolken studieren und aus ihrem kurzen Stummelchen gen Himmel schmoken, mit dem sie sich im besten Einverständnisse fühlen! Vor einer Viertelstunde hörte ich die Zugbrücke aufknarren, ein Zeichen, daß alles ab und tot ist und das Haus fortan unter dem Schutze Gottes und des breiten Schloßteiches steht, der, nebenbei gesagt, an einigen Stellen nur knietiefe Furten hat; das macht aber nichts, es ist doch blankes Wasser, was darüber steht, und man könnte nicht durchwaten, ohne bedeutend naß zu werden: Schutz genug gegen Diebe und Gespenster! – Die Nacht wird sehr sternenhell werden, ich sehe zahllose milchichte Punkte allmählich hervordämmern, – drei Hühnerhunde und zwei Dachse lagern auf dem Estrich unter meinem Fenster und schnappen nach den Mücken, die die dekretierte Nacht noch nicht wollen gelten lassen. Aus den Ställen dröhnt zuweilen das leise Murren einer schlaftrunkenen Kuh oder der Hufschlag eines Pferdes, das mit Fliegen kämpft – im Zimmer meines guten Vetters von Noahs Arche her brennt das einzige Nachtlicht; was soll ein ehrlicher Lausitzer machen, der um elf seine letzte Pikettpartie anzufangen gewohnt ist? Um mich liegen zwar die Schätze der Bibliothek: Hochbergs >Adeliges Landleben<, Kerssenbrocks >Geschichte der Wiedertäufer<, Werner Rolevinks >De moribus Westphalorum< und meines Wirtes nicht genug zu preisendes Liber mirabilis – aber mir geht es wie den Israeliten, die sich bei dem blanken Manna nach den Fleischtöpfen Ägyptens sehnten; o Dresdener Staatszeitung, o Frankfurter Postreiter, die ihr mich so manches Mal in den Schlaf gewiegt habt, wann werden meine Augen euch wiedersehen? Können die Heringe und Schellfische des Münsterschen Intelligenzblattes meine politischen Stockfische ersetzen? Aber warum schreibe ich nicht, oder vielmehr, warum habe ich nicht geschrieben diese zwei Monate lang? Bin ich nicht im Lande meiner Vorfahren? Das Land, das mein Ahn, Hans Everwin, so betrübten Herzens verließ und in sauberem Mönchslatein besang, wie eine Nachtigall in der Perücke? O Angulus ridens! o prata fontesque susurro etc.etc.
Ich weiß es, wie mich einst freuen wird, diese Blätter zu lesen, wenn dieses fremdartige Intermezzo meines Lebens weit hinter mir liegt; vielleicht mehr, als ich jetzt noch glaube, denn es ist mir zuweilen, als wolle das zwanzigfach verdünnte westfälische Blut sich noch geltend m mir machen. Gottbewahre! ich bin ein echter Lausitzer – vive la Lusace! und nun – das hat Mühe gekostet, bis ich an diesen Kamin gelangt bin –,schlechte, schlechte Wege habe ich durchackert und Gefahren ausgestanden zu Wasser und Lande. Dreimal hab ich den Wagen gebrochen und einmal dabei auf dem Kopfe gestanden, was weder angenehm noch malerisch war. Mit einem Spitzspann (so nennt man hier ein Dreigespann) von langhaarigen Bauernpferden habe ich mich durch den Sand gewühlt und mit einem Mal den vorderen Renner in einer sogenannten Welle versinken sehen, einer tückischen wandernden Rasse von Quellen, die ich sonst nirgends angetroffen und die hier so mancher Fahrwege Annex ist, sich das ganze Jahr stillehält, um im Frühlinge irgendeine gute münsterische Seele zu packen, zur Strafe der Sünde, die sie nicht begangen hat. Ich bin aus dem Wagen gesprungen wie ein Pfeil; denn – bei Gott- mir war so konfus, daß ich an die Nordsee und Unterspülen dachte – von meinem Pferdchen war nur noch ein Stück Nase und die Ohren sichtbar, mit denen es erbärmlich zwinkerte. Zum Glück waren Bauern in der Nähe, die Heidrasen stachen und geschickt genug Hand anlegten: »He, Hans! up! up!« Ja, Hans konnte nicht auf und spartelte sich immer tiefer hinein; endlich ward er doch herausgehebelt und zog niedergeschlagen und kläglich triefend weiter voran, wie der bei der Serenade übel begossene Philister. Ich fand vorläufig den Boden unter meinen Füßen sicherer und stapfte nebenher durch das feuchte Heidekraut, immer an unseren Ahn denkend und sein horazisches: O Angulus ridens ... und was denn hier wohl lachen möge? der Sand? oder das kotige Pferd? oder mein Fuhrmann in seinem bespritzten Kittel, der das Ave Maria pfiff, daß die Heidschnucken davon melancholisch werden sollten? oder vollends ich, der wie ein Storch von einem Maulwurfshügel zum anderen stelzte? – Doch – ich war es, der am Ende lachend in den Wagen stieg, dreimal selig, schon vor Jahrhunderten im kleinsten Keime diesem glückseligen Arabien entflohen zu sein; was sich mir in diesem Augenblicke von dem klassischen durch nichts zu unterscheiden schien als nur durch den Mangel an Straußen und Überfluß an Pfützen. O Gott! dachte ich, wie mag die Halle deiner Väter beschaffen sein, du guter Everwin! Eine halbe Tagereise weiter, und die Gegend klärte sich allmählich auf; die Heiden wurden kleiner, blumicht und beinahe frisch und fingen an, sich mit ihren auffallend bunten Viehherden und unter Baumgruppen zerstreuten Wohnungen fast idyllisch auszunehmen; rechts und links Gehölz und, soweit ich es unterscheiden konnte, frischer kräftiger Baumschlag; aber überall traten dem Blicke mannshohe Erdwälle entgegen, die, von Gebüsch und Stauden überschattet, jeden Fahrweg unerläßlich einengten – wozu? wahrscheinlich, um den Kot desto länger zu konservieren; ich befragte meinen Fuhrmann, einen gereisten Mann, der sogar einmal Düsseldorf gesehen hatte und mich mindestens immer um mein drittes Wort verstand. »O Herr«, sagte er, »wenn wir keine Wallhecken hätten, was würden wir dann für schelmhaftige Wege habend Vivat Westphalia, dachte ich! – Wir ackerten voran – aus allen Häusern belferten uns Kläffer an, die ich allemal, die langhaarigen ,Rüden', die glatten ohne Ausnahme ,Teckel' locken hörte; vor den Eingängen einzelner größerer Höfe zerwüteten sich greuliche Zerberusse an ihrer Kette, und es schien mir unmöglich, unzerrissen hinein- oder herauszukommen. – Was man nicht alles bemerkt auf einer Tagfahrt zwischen Wallhecken, den Himmel über, die Pfütze unter sich! Der Wagen hielt einen Augenblick an, vier kleine Buben, sämtlich in Troddelmützen und drei Kamisöler übereinander, rot wie Äpfelchen, stolperten eilig herzu und langten mit der Hand nach dem Schlage; ich suchte nach ein paar Stübern und Matieren, die man mir auf der letzten Station zugewechselt, und rief, indem ich sie aus dem Wagen warf: »Habt acht, ihr Buben!« Da aber nahmen sie Reißaus, und wie verscheuchte Hasen krabbelten sie den Erdwall hinan. »Gottes Wunder, was mochte das für ein Krabat oder Slowak sein, der kein Deutsch konnte und sein Geld in den Dreck warf?« Ich sah sie noch lange aus ihrem Hafen meinem Wagen nachstarren wie, sanz comparaison, einem abziehenden Kamele. Einem war beim Ansatz zur Flucht sein Holzschuh abhanden gekommen, und ich hörte ihn unter dem Rade ein unzeitiges Ende nehmen; mein Trost . waren die herrenlosen Stüber und Matiere, mit denen sich das dicke Henrichjännchen oder Jannberndchen (so heißt hier nämlich immer der dritte Mann) bezahlt machen konnte, wenn dieses nicht außer seinem Gedankenkreise lag. Jetzt weiß ich, daß die armen Dinger mir nur eine Kußhand geben, und schon damals begriff ich, daß sie mindestens nicht betteln wollten, überhaupt sah ich keine Straßenbettler am Wege, und das Land meiner Vorfahren fing an, mir mindestens ganz nährend und behaglich vorzukommen, obwohl meine Augen noch immer vergeblich nach dem ,Fette der Erde' ausschauten, bei dem die Leute so vollständig runde Köpfe und stämmige Schultern ansetzen konnten, bis ich durch die Lücken der Wallhecken über die schweren Schlagbäume weg in das Geheimnis der Kämpe und Wiesengründe drang, wo ich die eigentliche Elite der Ställe erblickte: schönes, schweres Vieh, ostfriesischer Rasse, das übersatt und schnaubend in dem wie von einem Goldregen überzitterten Graswalde lag. – O ihr pfiffigen Münsterländer! die ihr eure dicken Taler auf vier Beinen hinter Erdhaufen und Dornen versteckt, damit kein reisender Diplomat in der Seele seines gnädigsten Herrn etwa Appetit dazu bekomme. – Ich bin zu sehr Landwirt, als daß dieser Anblick mich unbewegt gelassen hätte; ich dachte an mein liebes Dobbritz und meine krauslockigen Lämmerchen und fühlte das Blut meines Ahns den Urenkeln seiner Ställe entgegenrollen – seltsam! ich kann dies niederschreiben, als dächte ich noch heute so, und doch ist mir so gar anders zumute.



