Die wichtigsten Werke von Annette von Droste-Hülshoff

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Ich habe schon gesagt, wie stark die Musik hier getrieben wird – die Anregung geht zumeist von der gnädigen Frau aus, die gern aus den Leuten alles holen möchte, was irgend darin steckt, das Talent aber vom Herrn, und es ist nichts lieblicher, als ihn abends in der Dämmerung auf dem Klavier phantasieren zu hören: ein wahres adeliges Idyll; denn eine gewisse Grandezza fährt immer in diese unschuldige reizende Musik hinein und Stöße ritterlicher Courage im Marschtempo. Es wird mir nie zu lang, zuzuhören, und allerlei Bilder steigen in mir auf aus Thomsons »Jahreszeiten«, aus den Kreuzzügen. Sonst hat der Herr noch viele Liebhabereien, alle von der kindlichsten Originalität; zuerst eine lebende Ornithologie (denn der Herr greift alles wissenschaftlich an). Neben seiner Studierstube ist ein Zimmer mit fußhohem Sand und grünen Tannenbäumchen, die von Zeit zu Zeit erneuert werden. Die immer offenen Fenster sind mit Draht verwahrt, und darin piept und schwirrt das ganze Sängervolk des Landes, von jeder Art ein Exemplar, von der Nachtigall bis zur Meise; es ist dem Herrn eine Sache von Wichtigkeit, die Reihe vollständig zu erhalten; der Tod eines Hänflings ist ihm wie der Verlust eines Blattes aus einem naturhistorischen Werke. Er treibt ein wahres Spionieren nach jedem seltenen Durchzügler: früh um fünf Uhr sehe ich ihn schon über die Brücken schreiten nach seinen Weidenklippen und Leimstangen, und wieder in der brennenden Mittagshitze, sieben- bis achtmal in einem Tage; möchte ich ihm zuweilen die Mühe abnehmen und verspreche, die Klippe wohlgeschlossen zu lassen oder den Vogel mitsamt der Leimstange in mein Schnupftuch gewickelt fein sauber herzutragen, so gibt er mir wohl nach, um mir keine Schmach anzutun, aber er trabt nebenher, und es ist, als ob er meinte, meine profane Gegenwart allein könne schon den erwischten Vogel echappieren machen. Dann ist der Herr ein gründlicher Botanikus und hat schon manche schöne Tulpe und Schwertlilie in seinem Garten; das ist ihm aber nicht genug, seine reiche, innere Poesie verlangt nach dem Wunderbaren, Unerhörten – er möchte gern eine Art unschuldigen Hexenmeisters spielen und ist auf die seltsamsten Einfälle geraten, die sich mitunter glücklich genug bewähren und für die Wissenschaft nicht ohne Wert sein möchten: so trägt er mit einem seinen Samtbürstchen den Blumenstaub sauber von der blauen Lilie zur gelben, von der braunen zur rötlichen, und die hieraus entspringenden Spielarten sind sein höchster Stolz, die er mit einem wahren Prometheus- Ansehen zeigt; die wilden Blumen, seine geliebten Landsleute, deren Verkanntsein er bejammert, pflegt er nach allen Verschiedenheiten in netten Beetchen wie Reihen Grenadiere. Manchen Schweißtropfen hat der gute Herr vergossen, wenn er mit seinem kleinen Spaten halbe Tage lang nach einer seltenen Orchis suchte, und manches in seiner Domäne ist ihm dabei sichtbar geworden, was er sonst nie weder gesucht noch gefunden hätte; darum lieben die Bauern auch nichts weniger als des Herrn botanische Exkursionen, bei denen er immer heimlich auf Unerhörtes hofft, zum Beispiel ein scharlachrotes Vergißmeinnicht oder blaues Maßliebchen, obwohl er als ein verständiger Mann dies nicht eigentlich glaubt, aber, man kann nicht wissen – die Natur ist wunderbar. Nichts zeigt die reiche, kindlich frische Phantasie des Herrn deutlicher als sein schon oft genanntes Liber mirabilis, eine mühsam zusammengetragene Sammlung alter, prophetischer Träume und Gesichte, von denen dieses Land wie mit einem Flor überzogen ist: fast der zehnte Mann ist hier ein Prophet – ein Vorkieker (Vorschauer), wie man es nennt – und wie ich fürchte, einer oder der andere dem Herrn zulieb! – Seltsam ists, daß diese Menschen alle eine körperliche Ähnlichkeit haben: ein lichtblaues geisterhaftes Auge, was fast ängstlich zu ertragen ist; ich meine, so müsse Swedenborg ausgesehen haben; sonst sind sie einfach, häufig beschränkt, des Betruges unfähig, in keiner Weise von anderen Bauern unterschieden. Ich habe mit manchem von ihnen geredet, und sie gaben mir verständigen Bescheid über Wirtschaft und Witterung; aber sobald meine Fragen übers Alltägliche hinausgingen, waren sie ihnen unverständlich, und doch verraten manche dieser sogenannten Prophezeiungen und Gesichte eine großartige Einbildungskraft, streifen an die Allegorie und gehen überall weit über das Gewöhnliche, so daß ich gezwungen bin, eine momentane geistige Steigerung anzunehmen wie Mesmer sie jetzt in seiner neuen Theorie aufstellt. Der Vetter nun hat alle diese in der Tat merkwürdigen Träumereien gesammelt und teils aus scholastischem Triebe, teils um sie für alle Zeiten verständlich zu erhalten, in sehr fließendes Latein übersetzt und sauber in einer buchförmigen Kapsel verwahrt, und Liber mirabilis steht breit auf dem Rücken mit goldenen Lettern; dies ist sein Schatz und Orakel, bei dem er anfragt, wenn es in den Welthändeln konfus aussieht, und was nicht damit übereinstimmt, wird vorläufig mit Kopfschütteln abgefertigt. Guter Vetter, du hast mir deinen Schatz anvertraut, obwohl ich weiß, daß du lieber ein Mal auf deinem Gesicht als einen Flecken auf den Blättern erträgst; da liegt er, rot, golden und stattlich, wie ein englischer Stabsoffizier, und ich sitze hier wie ein schlechter Spion und nehme eine geheime Karte von deiner Person – gute Nacht! würde ich sagen, aber du hast immer gute Nächte, denn du bist gesund und reinen Herzens. – Ich muß morgen früh auf – wir haben sieben Meisenkasten abzusuchen.
Drittes Kapitel
In Hof und Garten
Inhaltsverzeichnis
Der Morgen war so schön! Nachtigallen rechts und links antworteten sich so schmetternd aus dem blühenden Gesträuch und Hagen, daß ich um fünf Uhr im engsten Sinne des Wortes davon geweckt worden bin und es mir unmöglich war, wieder einzuschlafen; so habe ich denn bis zum Frühstück mich in den Anlagen umhergetrieben und die erste Blüte an des Herrn neuester Iris mit einem profanen Auge eher erblickt als der gute Prometheus selbst. Es war in diesen Tagen viel Rede und Erwartung wegen dieser Blume aus des Herrn Fabrik, die mir nur etwas tiefer blau scheint als die gewöhnliche Schwertlilie, ich denke aber, er wird sie atropurpurea oder mirabilissima taufen; jedenfalls sah die Blume in ihrem Tauperlenschleier reizend genug aus, und überall hatten die Anlagen in ihrem jungen, von der Sonne vergoldeten Grün, ihrem Tau und Blütenstaat eine solche beauté du diable, daß ich glaubte, nie etwas Lieblicheres gesehen zu haben. Der feuchte Boden ist dem Blumenwuchs und den Singvögeln so zuträglich, daß man in der schönen Jahreszeit von Düften, Farbe und Gesang berauscht vergißt, daß alles fehlt, was man sonst von schöner Gegend zu fordern pflegt – Gebirg, Strom, Felsen. Ich muß der Seltsamkeit wegen anerkennen, daß mir ganz poetisch zumute ward und ich mich beinahe auf den nassen Rasen geseht hätte und mich wirklich auf eine Bank hingoß und ein paar Gedichte von Wilhelm hervorzog, die Fräulein Anna mir gestern abend mit verschmitztem Lächeln und ein wenig errötend zugesteckt hatte. Irre ich nicht, so ruhen ihre dunkeln Augen zuweilen mit einer Teilnahme auf dem jungen Dichter, wie Langeweile und etwas Empfindsamkeit sie leicht auf dem Lande erzeugen. Das schüchterne Huhn scheint indessen davon kein Körnchen zu ahnen, und ich bezweifle, ob eine etwaige Entdeckung dem Fräulein zum Schaden oder Vorteil gereichen würde, da seine tiefblauen jungfräulichen Augen ganz anderes zu suchen scheinen als so rheinisches Blut. – Also ein Dichter ist der Wilhelm!
Ich hätte es mir denken können nach seinen verklärten Blicken, wenn wir am Weiher stehen und die Schwäne durch den glitzernden Sonnenspiegel segeln, wo er dann wirklich schön aussieht, die übrige Zeit aber unbehilflich und verschüchtert, wie es einem jungen Schreiber zukömmt, den die Güte des Herrn höchst überflüssig seinem Onkel zugesellt hat, nur um das arme Blut in freie Kost und Wohnung zu bringen. Die Verse sind auf schlechtes Konzeptpapier geschrieben, häufig durchstrichen und gewiß nicht für das Auge des Fräuleins bestimmt. Das eine schien sie mir mit einiger Ziererei vorenthalten zu wollen. Dieses wird zuerst gelesen.
(Hier folgt »Das Mädchen am Bach«)
Ei, ei, Wilhelmus! was sind das für gefährliche Gedanken! Paßt sich dergleichen für einen armen Studenten, der erst in zehn Jahren vielleicht lieben darf? Und nun zum zweiten!
(Der Knabe im Rohr)
Der junge Mensch hat wirtlich Talent! In einer günstigeren Umgebung – doch nein, bleib in deiner Heide, laß deine Phantasie ihre Fasern tief in deinen Weiher senken und wie eine geheimnisvolle Wasserlilie darüber schwanken. Sei ein Ganzes – ob es ein Traum, ein halboerstandenes Märchen – – es ist immer mehr wert als die nüchterne Frucht vom Baum der Erkenntnis...
Beim Heimzuge fand ich den Rentmeister Friese in Hemdärmeln am Brunnen vor dem Nebengebäude, eifrig bemüht, seine Stubenfenster mit Hilfe eines Strohwisches und endloser Wassergüsse zu säubern; seine Glatze glänzte wie frischer Speck, und ich hörte ihn schon auf dreißig Schritt stöhnen wie ein dämpfiges Pferd. Er sah mich nicht, und so konnte ich den wunderlichen Mann mit Muße in seinem Negligé betrachten, das an allen Stellen, die der Rock sonst in Verborgenheit bringt, mit den vielfarbigsten Lappen repariert war und ihm das Ansehen einer wandernden Musterkarte gab. Es ist mir selten ein mehr harpagonähnliches Gesicht vorgekommen, spitz wie ein Schermesser, mit Lippen wie Zwirnfäden, die fast immer geschlossen sind, als fürchteten sie, etwas Brauchbares entwischen zu lassen, und nur, wenn er gereizt wird, Witzfunken sprühen, wie ein Kater, den man gegen den Strich streichelt; dennoch ist Friese ein redlicher Mann, dem jeder Groschen aus seines Herrn Tasche wie ein Blutstropfen vom Herzen fällt, aber ein Spekulant sondergleichen, der mit allem, was als unbrauchbar verdammt ist: Lumpen, Knochen, verlöschten Kohlen, rostigen Nägeln, den weißen Blättern an verworfenen Briefen, Handel treibt und sich im Verlauf von dreißig Jahren ein hübsches rundes Sümmchen aus dem Kehricht gewühlt haben soll. Seine Kammer ist niemandem zugänglich als seinen Handelsfreunden und dem Neffen Wilhelm; er fegt sie selber, macht sein Bett selber, die reine Wäsche muß ihm ans Türschloß gehängt werden. Nitimur in vetitum, ich wagte einen Sturm, nahte mich höflich und bat um ein paar geschnittene Federn; er wurde doch blutrot und zog sich wie ein Krebs der Türe zu, um seine Hlnterseite zu verbergen; ich ihm nach und ließ ihm nur so weit den Vortritt, daß ihm gelingen konnte, in seinen grauen Flaus zu fahren; dann stand ich vor ihm, er sah mich an mit einem Blick des Entsetzens, wie weiland der Hohepriester ihn auf den Tempelschänder, der in das Allerheiligste drang, mag geschleudert haben, deckte hastig eine baumwollene Schlafmütze über ein Etwas in der babylonischen Verwirrung seines Tisches, suchte nach einem Federbunde, dann, in verdrießlicher Eile nach einem Federmesser – es war nicht da – er mußte sich entschließen, in einen Alkoven zu treten, ich warf schnell meine Augen umher – das ganze weite Zimmer war wie mit Maulwurfshügeln bedeckt, durch die ein Labyrinth von Pfaden führte, saubere Knöchelchen für die Drechsler, Lumpen für die Papiermühle, altes Eisen, auf dem Tische leere Nadelbriefe, schon zur Hälfte wieder gefüllt mit Stecknadeln, denen man es ansah, daß sie gerade gebogen und neu angeschliffen waren; ich hörte ihn einen Schrank öffnen und hob leise den Zipfel der blauen Mütze; beschriebene Hefte in den verschiedensten Formaten, offenbar ›Memoiren‹: .Heute hat der lutherische Herr wieder eine ganze Flasche Franzwein getrunken, das Faß à 48 Taler ist fast leer' – ich stand steif wie eine Schildwache; denn Herr Friese trat herein, und ich machte mich dann bald davon, so triumphierend wie ein begossener Hund; – guter Vetter, wird dir deine Freundlichkeit so schändlich kontrolliert!
Ich habe den Friese nie leiden können; obendrein ist er ein alter Narr, der sich von der Zofe Katharina, einem schlauen lustigen Mädchen und der gnädigen Frauen Liebling, aufs albernste hänseln läßt. Diese junge Rheinländerin stiftet überhaupt einen greulichen Brand im Schlosse an; die westfälischen Herzen seufzen ihretwegen wie Öfen. Zuerst des Herrn geliebter Johann, von ihr nur Jan Friedel genannt, der mit ihm eigens zum Kammerdiener erzogen worden ist, recht artig die Geige mit dem jungen Everwin streicht und in seinen graumelierten mit Talg hintenüber gestrichenen Haarresten, die in einem ausgemergelten Zöpfchen enden, genau einem geschundenen Hasen gleichsieht. – Dann ein paderbornscher Schlingel, derselbe, der mich zuerst am Wagen begrüßte, ein schlauer, nichtsnutziger Bursch, der sich durch tausend Foppereien an seinen Gesellen für die Langeweile, die sie ihm machen, schadlos hält – den Herrn beschwätzt er zu allem, wie er will, und ist ihm erst vor kurzem etwas fatal geworden, seit er der Köchin, einer armen gichtischen Person, drei bunte Fäden als sympathetisches Mittel gab, mit dem Zusatz – es wirke nur, wenn sie täglich einen Korb voll Holz vor des Herrn Zimmer trage (bis dahin sein Amt!). Der Spaß kam aus, und der Herr war sehr ungehalten über diese Grausamkeit seines Johanns; doch meine ich, daß er ihn seitdem auch sonst mit mißtrauischen Blicken betrachtet; denn, wie der Herr sagt, «dergleichen Dinge sind nicht ganz zu lachen, man trifft im Paderbornschen seltsame Beispiele an«.
Das Brief-Tagebuch der Droste über »Bei uns zu Lande«
Inhaltsverzeichnis
13. Dezember 1838 (Hülshoff) an Chr. B. Schlüter:
»Die vielfachen, ich möchte fast sagen ungestümen Bitten Malchen Hassenpflugs, haben mich bestimmt, den Zustand unseres Vaterlandes, wie ich ihn noch in frühster Jugend gekannt, und die Sitten und Eigentümlichkeiten seiner Bewohner zum Stoff meiner nächsten Arbeit zu wählen. Ich gestehe, daß ich mich aus freien Stücken nicht dahin entschlossen hätte, denn für erst ist es immer schwer, Leuten vom Fach zu genügen, und in dieser Sache ist jeder Münsterländer Mann vom Fache. Ich erinnere, daß einst ein sehr natürlich geschriebenes Buch in einer Gesellschaft vorgelesen wurde, die einen Soldaten, einen Forstmann, einen Gelehrten und einen Diplomaten in sich schloß; jeder war entzückt über alles, mit Ausnahme der Stellen, die jedes Fach betrafen. Der Soldat fand Schnitzer in den Schlachtszenen, der Forstmann in den Jagdabenteuern, der Gelehrte in den philosophischen Tiraden und der Hofmann in dem Auftreten und Benehmen der gekrönten Häupter; wie soll es mir nun gehen, der jeder Gassenbube im Lande die geringsten Verstöße nachweisen kann? Mein Trost ist, daß ich selbst hier aufgewachsen und somit so sehr Herrin meines Stoffes bin wie keines andern. Schlimmer ist es, daß die Leute hierzulande es noch gar nicht gewohnt sind, sich abkonterfeien zu lassen und den gelindesten Schatten als persönliche Beleidigung aufnehmen werden. In Paris und London ist es ein anderes, da haben sich die Leute einen breiten Buckel zugelegt, und die Schriftsteller sind so frech, daß eine Tracht Prügel ihnen mitunter wahrhaft heilsam wäre. Denke ich aber an den Nekrolog meines Vetters Droste in Bonn, den der Professor Braun so glänzend ausstaffierte, daß die ganze Familie davon einen Nimbus bekam, und doch, unter uns gesagt, kaum argem Verdrusse entging, so wird mir es überaus bedenklich zumute. Ich weiß am besten, daß ich meinen Landsleuten weit weniger Unrecht tun, als viel eher durch zu große Vorliebe und Idealisierung mancher, an sich unbedeutenden Eigenschaft mich lächerlich machen werde, und dennoch fürchte ich gänzlich in Verruf zu kommen, denn alles kann ich ihnen und meiner eigenen Liebe nicht aufopfern, nicht Wahrheit, Natur und die zur Vollendung eines Gemäldes so nötigen kleinen Schatten. Wenn Sie, teurer Freund, die Ausführung meines Vorhabens für gänzlich untunlich halten so sagen Sie mir es jetzt, wo es noch Zeit ist, ich bitte Sie darum. Über die Form bin ich noch unschlüssig und möchte Ihre Meinung hören. Was meinen Sie? Soll ich«jene des Bracebridgehall von Washington Irving wählen? Eine Reihenfolge von kleinen Begebenheiten und eignen Meditationen, die durch einen losen, leichten Faden, etwa einen Sommeraufenthalt auf dem Lande verbunden sind? Diese Form ist sehr ansprechend und gibt dem Schreibenden große Freiheit, bald erzählend, bald rein beobachtend und denkend aufzutreten, und außer Washington Irving hat Jouy sich ihrer fortwährend und mit großem Beifalle bedient in seinem »l'Hermite de la Chausée d'Antin«, »l'Hermite en province«, »l'Hermite de Paris«, de Londres, de la Guyane«, aber eben dadurch ist sie etwas verbraucht worden. Oder soll ich eine Reihe kleiner in sich geschlossener Erzählungen schreiben, die keinen andern Zusammenhang haben als daß sie alle in Westfalen spielen und darauf berechnet sind, Sitten, Charakter, Volksglauben und jetzt verloren gegangene Zustände desselben zu schildern? Dies ist schwieriger, bedarf weit reicherer Erfindung und schließt alle Meditationen und Selbstbeobachtungen fast gänzlich aus. Dagegen ist es weniger verbraucht, läßt höchst poetische und seltsame Stoffe zu, die jener andern Form des täglichen Lebens unzugänglich sind und hat den großen Vorteil, in keinem Falle zu beleidigen, da lauter bestimmte Individuen auftreten, noch obendrein zumeist aus dem Bauernstande, als dem mir am genauesten bekannten und auch noch eigentümlichsten; was sagen Sie dazu? Geben Sie Ihr Votum ab! Ich will nicht sagen, daß es den totalen Ausschlag gibt, aber es wird gewiß sehr berücksichtigt werden.«
29. Januar 1839 (Rüschhaus) an die Schwester:
»... jetzt, wo das Ding einen guten Fortgang hat, interessieren sich alle dafür, auch die Bökendorfer,... und jeder Narr maßt sich eine Stimme an über das, was ich zunächst schreiben soll, und zwar mit einer Heftigkeit, daß ich denke, sie prügeln mich, wenn ich es anders mache, oder nehmen es wenigstens als persönliche Beleidigung, auf. Und doch sagt der eine schwarz und der andre weiß. Die münsterschen Freunde ermahnen mich, um Gottes willen auf dem Wege zu bleiben, den ich einmal mit Glück betreten, und wo meine Leichtigkeit in Vers und Reim mir einen Vorteil gewähren, den ich um keinen Preis aufgeben dürfe. Malchen (Hassenpflug) und die Bökendorfer dagegen wollen, ich soll eine Art Buch wie Brace-Bridge- Hall schreiben und Westfalen mit seinen Klöstern, Stiftern und alten Sitten, wie ich sie noch gekannt, und sie jetzt fast ganz verschwunden wären, zum Stoffe nehmen. Das läßt sich auch hören, aber ich fürchte, meine lieben Landsleute steinigen mich, wenn ich sie nicht zu lauter Engeln mache.... Tunlicher scheint es mir, eine Reihe Erzählungen zu schreiben, die alle in Westfalen spielen und so alles Verlangte in sich schließen, ohne daß man grade zu sagen braucht: Dies soll ein Bild von Westfalen sein, und der Westfale ist so und so. Dann, meine ich, wird keiner (wie hier die Leute wohl etwas schweren Begriffs sind) es auf sich beziehn, sondern nur auf die Personen der Erzählung; auch kann ich dann von dem gewöhnlichen Gange der Dinge abgehn, kann Vorgeschichten und dergleichen mit einem Tone der Wahrheit erzählen, während ich sie in der andern Form nur als Volksglauben erwähnen darf. Doch ist die Form von Bracebridge... bei weitem die angenehmste, sowohl zum Lesen als zum Schreiben, weil sie so mannigfaltig ist und eigne Beobachtungen und Meditationen, kleine lächerliche Vorfälle et cet. zuläßt, was sehr amüsiert, man öfter lesen kann und auch mehr eignen Geist voraussetzt, als Erzählungen, die, sie mögen so gut und charakteristisch sein als sie wollen, doch selten jemand zweimal liest, weil der Abstich vom ersten Male zu groß ist, wenn die Spannung auf den Ausgang fehlt. Dagegen finden die Leute zwischen so kurzer Ware immer allerlei, was sie selbst schon gedacht und beobachtet haben und deshalb zwanzigmal lesen können, weil es ihnen den angenehmen Eindruck,macht, als hätten sie es selbst geschrieben. So hat jede Ansicht ihre günstige Seite und jeder meiner unberufenen Präzeptoren recht. Aber mag ich nun tun was ich will, so stelle ich einige zufrieden und, stoße die übrigen vor den Kopf.«
23. März 1841 (Rüschhaus) an Chr. B. Schlüter:
Wissen Sie wohl, Professorchen, daß ich jetzt ernstlich willens, bin, ein ellenlanges Buch im Geschmacke von Bracebridgehall auf Westfalen angewendet zu schreiben, wo auch die bewußte Erzählung von dem erschlagenen Juden hineinkömmt? Das Schema zum ersten Teile, Münsterland betreffend, habe ich schon gemacht, und das ist für mich ein großer Schritt, denn eben dies Ordnen und Feststellen der wie Ameishaufen durcheinander wimmelnden Materialien macht mir immer zumeist zu schaffen, und habe ich das überwunden, gehts in der Regel sehr schnell. Nun aber ist nur mit meiner Grippe und Appendix vorläufig ein Schlagbaum vorgefallen, und ich muß mich gedulden oder vielmehr ungedulden, denn nun ich mal angefangen, brennts mir wie auf den Nägeln, und ich möchte lieber Tag und Nacht schreiben, als vielleicht noch drei Wochen die Hände in den Schoß legen und Daumen drehn oder die Wolken studieren. Aber das Schreiben will noch ganz und gar keine Art haben; es ist, als ob die gebückte Stellung den Reiz in der Kehle vermehrte, auch das Blut steigt zum Kopfe, und die Tränen laufen mir aus den Augen,, wie eben jetzt, so daß ich längst hätte aufhören sollen. Ich will und muß auch aufhören, aber erst noch wegen meines Buchs in spe. Es wird drei Abteilungen enthalten, und den verbindenden Faden gibt der Aufenthalt eines Edelmanns aus der Lausitz bei einem Lehnsvetter im Münsterlande (erste und stärkste Abteilung), der dann mit dieser Familie ihre Verwandten im Paderbornischen besucht (zweite Abteilung) und durchs Sauerland zurückkehrt, wo sie auch einige Zeit bei Freunden und entfernteren Verwandten verweilen (dritte und kleinste Abteilung). Diese sind die drei hervorstechendsten Provinzen Westfalens, und zudem die einzigen, wo ich hinlänglich eingebürgert bin, um festen Grund unter mir zu fühlen. Es werden alle normalen Charaktere, Sitten, Institute (z. B. Damenstifter, Klöster), Sagen und Aberglauben dieser Gegenden darin vorkommen, teils geradezu in die Szene gebracht, teils in den häufig eingestreuten Erzählungen. Ich hoffe Gutes von dem Buche....«
Der Entwurf von 1841.
Inhaltsverzeichnis
»1795, Westfalia oder Tagebuch aus Westfalen, oder ein Sommeraufenthalt in Westfalen oder bei uns zu Lande auf dem Lande«.
Dieser Entwurf, der sich im Dorste-Archiv auf Haus Stapel befindet (abgedruckt bei Schulte Kemminghausen: Droste-Hülshoff, Werke, Bd.3 S.288/89 f.), deutet stichwortmäßig die geplanten 24 Kapitel des ersten Teiles an. Nachdem sich in den ersten drei vollendeten Kapiteln der Lausltzer in der münsterländischen Wasserburg umgesehen hatte, sollten die Lebenskreise Ring um Ring erweitert werden: die Dienstboten mit kurlosen Schicksalen, die teils ins Holländische hinübergreifen; die Welt des Dorfes, wo ein unklares Gemunkel über eine Kindsmörderin herumläuft, bis diese Geschichte nach einer persönlichen Aufzeichnung erzählt wird; Spuk- und Vorgeschichten, die allenthalben auftauchen und auf spätere Schicksale vorausdeuten; eine Bauernhochzeit, wobei die Beobachtung gemacht wird, daß der »schöne Mund der Münsterländer wie ein Vogelnest in einem Dornenstrauch« wirke; die Ankunft eines verarmten Oberst aus Holland, der auf dem Schloß im Münsterland eine hilfsbereite Aufnahme findet, denn der Münsterländer habe »Mitleiden selbst mit solchen, die noch mal unglücklich werden können«; zuletzt ein Besuch bei einem Schulzen und Ausführungen über den Schulzenadel, die sich wohl an Immermanns Oberhof anschließen sollten. Der blumenliebende und blumenzüchtende Vater, die alte treuherzige Amme und ein Dechant, der die Bauern gern mit den neusten technischen Errungenschaften (»Perspektiv«) konsterniert, das sind die hauptsächlichsten Gestalten. Gegen Schluß des Entwurfs drängt sich immer mehr eine romanhafte Handlung in den Vordergrund, die schon lange in dunklen unklaren Andeutungen als spannendes Moment die Kapitel durchzog. Der Müllerssohn, der schon im erhaltenen zweiten Kapitel als hintersinnig infolge eines verunglückten Heiratsprojektes eingeführt wurde, faßt eine Liebe zum Fräulein auf dem Schloß. Damit klingt das Problem des Standes- Unterschiedes aus dem jugendlichen Dramenfragment »Bertha« wieder an. Diese Geschichte des Müllerssohnes ist dieselbe, die Annette schon in der »Ledwina« behandeln wollte und dort als Episode. andeutet. Denn hier wie dort geht der hintersinnige Müllerssohn schließlich ins Wasser. Mit diesem Ereignis sollte der erste Teil zu einem überstürzten Abschluß gebracht werden, indem nun die Familie mit dem Sommergast abreist, wohl ins Paderbornische, wo nach den brieflichen Andeutungen der zweite Teil spielen sollte.



