I. Die Bio-Ökonomie - Die nachhaltige Nischenstrategie des Menschen

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1. Jäger- und Sammlergesellschaften: Gleichgewicht im Zustand der uroborischen Verschmelzung
Während 99% der menschlichen Geschichte waren die Tätigkeiten des Jagens und Sammelns die grundlegenden energetischen Aufwendungen, um den Lebensunterhalt der Menschen zu bestreiten.[127] Nur wenige Jäger- und Sammlergesellschaften - wie die Eskimos oder die stark bedrohten Indianerstämme im Amazonasgebiet - haben bis heute überdauert. Solare Energie ist in der Frühzeit die Ressourcenbasis dieser Gesellschaften. Sie ermöglicht das Leben der Pflanzen und der Tiere, die von den Pflanzen leben, sowie der Raubtiere, die von den pflanzenfressenden Tieren leben. Ökologische Systeme tendieren stets zu einem Gleichgewichtszustand zwischen verfügbaren pflanzlichen Nahrungsreserven, pflanzenfressenden Organismen und Raubtieren, und es scheint, dass schon die frühen Menschen intuitiv um diese Zusammenhänge wussten. Die ersten Menschen sind Jäger und Sammler. Ihre materielle Lebensgrundlage bildet gespeicherte solare Energie in Form von pflanzlicher und tierischer Nahrung. Besonders die Jagd prägt die Lebensform und die Entwicklung von Sprache, Kultur und gesellschaftlicher Organisation. Das Herdenwesen entwickelt die „Gemeinschaftlichkeit in Blut, Sprache, Sitten”.[128] Oft ist behauptet worden[129], dass besonders die kalorienreiche tierische Nahrung die Entwicklung des Gehirns beschleunigt und damit die Überlebenschancen vergrößert habe. Allerdings waren in der Ernährung der frühen Menschen auch Nüsse wichtig; und diese enthalten wesentlich mehr Kalorien als die meisten Fleischsorten.[130] Es gibt auch Überlegungen, dass es gerade der Verzehr von Fleisch und das Töten anderer Wesen waren, die den aggressiven Überlebenswillen angestachelt und damit eine auf Dominanz gerichtete Nischenstrategie nachhaltig gefördert haben. In den Jäger- und Sammlergesellschaften ist mit primitiven Werkzeugen verrichtete menschliche Arbeit das Hauptinstrument, um Nahrungsquellen zu erschließen. Ursprünglich war die Arbeit geschlechtsspezifisch geteilt: Die Männer gingen der Jagd, dem Fischfang und der Fertigung von Werkzeugen nach, die Frauen dem Sammeln von Pflanzen, der Konservierung von Nahrung (sofern sie betrieben wurde) und der Herstellung von Transportbehältnissen.[131] Aus dieser ursprünglichen, geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung entwickelt sich nach und nach eine zunehmende Spezialisierung, bis hin zur Entwicklung besonderer Handwerke. Werkzeuge, Arbeitsteilung und Sprache werden so zu Instrumenten, um Umweltressourcen immer effizienter zu erschließen und zu nutzen. Dabei haben allerdings bewusste Effizienzüberlegungen im heutigen Sinne, also als Verhältnis zwischen Mittel und Zweck, bei den Jägern und Sammlern so gut wie überhaupt keine Rolle gespielt.
Marshall Sahlins[132] vertritt - im Gegensatz zur verbreiteten anthropologischen und ethnologischen Auffassung - die These, dass die Jäger und Sammler keinesfalls arm waren oder unentwegt harte Fronarbeit des nackten Überlebens willens leisten mussten. Er behauptet (auch unter Verweis auf Beobachtungen an heute noch lebenden Jäger- und Sammlergemeinschaften in Australien[133]), dass diese Menschen normalerweise nicht sehr hart arbeiteten. Nicht mehr als 4-5 Stunden täglich wurden für die Aneignung und Zubereitung von Nahrung verwendet. Die meisten dieser Tätigkeiten waren körperlich nicht sonderlich anstrengend und wurden mit Sicherheit nicht als unangenehme Arbeit oder notwendiges Übel betrachtet. Es war eine Ökonomie der begrenzten, spezifischen Ziele, das heißt die Menschen jagten und sammelten nur für den unmittelbaren Bedarf. Vorratshaltung war nur wenig verbreitet, da Nahrungsreserven in Hülle und Fülle vorhanden waren. Die Jäger und Sammler schöpften also ihre ökonomischen Möglichkeiten bei weitem nicht aus und ließen folglich Teile der vorhandenen Arbeitskraft und der erreichbaren Ressourcen durchaus bewusst ungenutzt. Diese Menschen lebten in der ersten Wohlstandgesellschaft der Welt, weil sie alle ihre materiellen Bedürfnisse leicht befriedigen konnten. Sahlins nennt die Lebensweise dieser Menschen den Zen-Weg zum Wohlstand, der das unbegrenzte Wachstum der Bedürfnisse nicht kennt. Die Jäger- und Sammlergesellschaften lebten im Wohlstand, weil sie die verwirrende Vielfalt von Erzeugnissen nicht kannten. Knappheit, als Verhältnis zwischen Mittel und Zweck, war ihnen unbekannt. Ihre Bedürfnisse waren knapp und im Verhältnis dazu, hatten sie der Mittel übergenug. In dieser Hinsicht waren sie der pointierte Gegensatz des homo oeconomicus, jener Witzfigur der Schulbuch-Ökonomie, dessen unbegrenzte Bedürfnisse stets mit knappen Mitteln kollidieren und der so schon den Stoff zur Fabrikation der skurrilsten Theoriegebilde der Ökonomie geliefert hat. Das Wirtschaftsziel dieser Ökonomie ist die Maximierung von Muse und Freizeit. Vielleicht hatten diese Menschen mehr Zeit für Muse zur Verfügung als jede andere Gruppe in der Geschichte der Menschheit. Weil Neid und Gier vor allem dort gedeihen, wo ein anderer permanent über Mittel verfügt, die einem selbst fehlen, kann man vermuten, dass gerade aufgrund der wenig ausgeprägten Besitzstrukturen eine freundlichere emotionale Befindlichkeit vorgeherrscht haben mag.
Allerdings ist das Lebensniveau dieser Gesellschaften von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Nahrungsreserven in vorhersagbarer Dichte und einer entsprechenden Größe der Population abhängig. „In einer Kultur, in der Nahrung durch die Jagd und durch das Sammeln essbarer Vegetation verschafft wird, werden ungefähr zwei Quadratmeilen fruchtbaren Landes im Naturzustand benötigt, um ein einziges Individuum am Leben zu erhalten.”[134] Die ständige Gefahr des Versiegens der Nahrungsquellen erfordert von solchen Gesellschaften dauernde räumliche Mobilität, ein ständiges Umherziehen zur Sicherung der energetischen Überlebensbasis. Ein Heimreviersystem ist für die meisten dieser Gesellschaften eher untypisch. Das ständige Wanderleben beschränkt den Besitz von Kleidung, Werkzeugen, Hausrat und Schmuck, auf so viel, wie getragen werden kann. Kaum ein Gegenstand wird doppelt besessen. Lagerung und Hortung sind kaum ausgeprägt. Die Akkumulation von Besitzgegenständen ist nicht mit sozialem Status gekoppelt. Die Größe der Bevölkerung wird durch den Umfang der verfügbaren Nahrungsreserven bestimmt. Gute Nahrungsversorgung lässt die Bevölkerung anwachsen. Werden nun aufgrund zu hoher Bevölkerung die Nahrungsreserven knapp, müssen sich die Gruppen der Jäger und Sammler rascher und weiter ausbreiten. Auch Alten- und Kindermord hat es wohl gegeben, um diejenigen auszusondern, die die Fortbewegungsfähigkeit der Sippe und des Lagers behindern. Kommt es andererseits zur Überbevölkerung, so führt dies zur Überjagung des Bestandes an jagdbaren Tieren und damit zu katastrophalen Zusammenbrüchen. Diese Entwicklung begünstigt zudem die Ausbreitung von Epidemien, denen viele Menschen zum Opfer fallen. Die Notwendigkeit, die Ernährungsprobleme zu lösen, wird so zum Auslöser der Umstellung auf Garten- und Ackerbaukulturen und markiert den Übergang zur Strategie der Nischenspezialisierung.[135]
Betrachtet unter dem Aspekt der energetischen Transformation kann also folgendes Bild der Jäger- und Sammlergesellschaft gezeichnet werden: Photosynthese verwandelt einen Teil der diffusen Sonnenenergie in Bindungsenergie der organischen Stoffe. Die Sonnenenergie ermöglicht so durch ihre Speicherung die Existenz tierischen und menschlichen Lebens. Mit primitiven Werkzeugen und einfacher Arbeitsteilung und vermittelt durch das Medium der Sprache passen sich die Jäger und Sammler an die Lebensbedingungen der ökologischen Nische an. Aufgrund der erforderten hohen räumlichen Mobilität bleiben sowohl die Instrumente der Energietransformation, wie Waffen und Werkzeuge, als auch der Energiespeicherung, wie Konservierungstechniken und Verfahren zur Weiterverarbeitung von Nahrungsressourcen, auf einem relativ konstanten Niveau. Die Werkzeuge liegen alle noch in Richtung der unmittelbaren Aktion des Menschen: der Hammer als verlängerte Faust, der Speer als verlängerter Arm usw. Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über die Energieströme und -transformationen dieser Wirtschaftsweise.
Abbildung 1: Energieströme und -transformationen in historischen Jäger- und Sammlergesellschaften

Abbildung 1 gibt einen Überblick über die Energiezirkulationen in historischen Jäger- und Sammlergesellschaften: Solare Energie wird von der Pflanzlichen Sphäre, der Tierischen Sphäre und der Menschlichen Sphäre aufgenommen, verarbeitet, gespeichert und ausgetauscht. Alle drei bilden sich selbst unterhaltende Subsysteme. Das Symbol des Mannes mit dem Speer und der Sammelkorb bezeichnen den Gebrauch einfacher Werkzeuge zur Energie- und Ressourcennutzung. Die beiden äußeren Linien (rechts) markieren den Strom von Abfällen aus der Menschlichen Sphäre in die anderen.[136]
Solange die Nahrungsreserven ausreichend und die Bevölkerungsgröße diesen entsprechend war, lebten die Jäger und Sammler in einer stabilen Beziehung mit ihrer Umwelt. Der Energieverbrauch pro Kopf und Jahr war niedriger als in jeder anderen Wirtschaftsform, die Energiezerstreuung gering.
Der moderne Begriff der Natur als benutz- und ausbeutbares Rohmaterial fehlt in solchen Gesellschaften völlig. Die Umwelt wird nicht als Ding gesehen, sondern als wesensverwandtes Subjekt. Oft wird die Sonne als Energiemanifestation verehrt. Mit dem Jagen und Töten der Tiere sind oft Schuldgefühle verbunden: „Manche Stämme unterziehen sich nach der Tötung eines Tieres einer Reinigung wegen Entheiligung. Andere entschuldigen (...) sich bereits vor der Tötung des Tieres bei diesem.”[137] Die Menschen dieser Zeit beginnen gerade erst sich des Körper-Ichs als ihrer eigenen getrennten Existenzweise bewusstzuwerden. Allmählich kommt er zur Erfahrung der Dualität von Geist und Körper sowie von Körper und Umwelt. Wilber[138] spricht von Uroboros als dem uranfänglichen mythischen Symbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, als der Verkörperung dieser primitiven Bewusstheit, die noch ganz in die physische Natur eingebettet und von animalisch-reptilhaften Impulsen angetrieben wird. Der Uroboros ist insbesondere die Struktur, die den Hintergrund der universalen Mythen vom Garten Eden bildet. In den frühen Jäger- und Sammlergesellschaften unternehmen die Menschen gerade erste Schritte, den Zustand der uroborischen Verschmelzung aufzubrechen und ihr zunehmend als abgetrennt erfahrenes Ich gegen Thanatos zu verteidigen, indem sie versuchen, es stabil, dauerhaft, unsterblich und kosmozentrisch erscheinen zu lassen. Das magische Weltbild der identischen Einheit des Lebens[139], der Identität von Erscheinung und Bedeutung macht nach und nach der animistischen Anschauung Platz, welche die Welt in die beiden Sphären des Sichtbaren und des Sakralen teilt. Damit erst entwickeln sich die Voraussetzungen differenzierter Kulturformen. Neben dem Bevölkerungswachstum, überproportional zu den verfügbaren Nahrungsreserven, entsteht so die zweite dynamische Triebkraft, um die ökologische Nische grundlegend zu transformieren.
In der Jägergesellschaft entwickelt sich gleichzeitig mit der männlichen Jagdideologie die Grundvoraussetzung für eine gewaltsame Beziehung des Menschen zur Natur. Nach Maria Mies hat der patriarchalische Mythos vom Mann-dem-Jäger folgende Gesichtspunkte:
Hauptwerkzeuge des Jägers sind keine Instrumente zur Erzeugung, sondern zur Vernichtung von Leben, die zudem alle auch als Zwangsmittel gegen Mitmenschen eingesetzt werden können.
Die Macht des Jägers über andere Lebewesen ist eine räuberische und ausbeuterische Beziehung, eine antagonistische, aber keine reziproke Beziehung. Jäger eignen sich Leben an, können selbst jedoch kein Leben produzieren.
„Die durch Waffen vermittelte Objektbeziehung ermöglicht ein Herrschaftsverhältnis zwischen Jäger und Natur und steht im Gegensatz zum kooperativen Prinzip der Sammlerinnen. Dieses Herrschaftsverhältnis wurde schließlich zum integralen Bestandteil aller Produktionsverhältnisse, die von Männern errichtet wurden, und zum ausschlaggebenden Paradigma ihrer Produktivität. Ohne Herrschaft und Kontrolle über die Natur und Menschen können Männer sich selbst nicht als produktiv verstehen.”[140]
Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen[141], haben sich die Lebensbedingungen heute noch lebender Jägergesellschaften unter dem Einfluss der modernen Welt via Einführung der Geldwirtschaft stark verändert. Am Beispiel der Eskimos lässt sich dieses Ineinandergreifen unterschiedlicher Nischenstrategien anschaulich studieren. Die Eskimos sind heute nicht mehr ausschließlich auf die Jagd zur Nahrungsbeschaffung angewiesen. Importierte Energie in Form von Munition und Brennstoffen tritt an die Stelle der Nahrungsbeschaffung mit Speer oder Harpune sowie die Abhängigkeit von tierischem Talg und Fett. William Kemp beschreibt in seiner Untersuchung über die Energietransformationen der Eskimo-Gesellschaft, dass durch die Möglichkeiten importierte Nahrung und andere Lebensgüter zu erwerben, die früher periodisch wiederkehrenden Hungersnöte ausbleiben und die Wärmeversorgung sich in der rauen arktischen Umgebung verbessert. Allerdings hat sich durch die Einführung fremder Technologie, Energie und auch Weltanschauung das soziale Zusammenleben der Eskimos beträchtlich verändert. Vertrauen in moderne Technik ersetzt nun den Glauben an die überlieferten magischen Jagdrituale:
„In ihren Ritualen erkannten die Eskimos die Labilität des arktischen Ökosystems an und trachteten danach, auf Gegenseitigkeit gegründete Beziehungen mit den Tieren zu unterhalten, die sie der Nahrung wegen jagten (...) Heute ist die rituelle Kontrolle der Naturkräfte und Nahrungsreserven fast vollständig verschwunden; moderne Technik gilt als Hauptquelle guten Lebens.”[142]
Durch das Eindringen von Elementen einer anderen Wirtschaftsform wird das ökologische Gleichgewicht, in dem die Eskimo-Jäger mit ihrer Umwelt lebten, gefährdet, wenn nicht völlig zerstört. Moderne Waffen und Schießtechniken führen zur Überjagung der Tierbestände; der traditionelle Glaube an die Seele der Tiere, die der Eskimo stets zu besänftigen trachtete, droht völlig verloren zu gehen. So bricht äußere Dynamik eine im Kern selbstgenügsame und stationäre Wirtschaftsweise auf.
2. Die Nischenstrategie der frühen Ackerbaukulturen, Hirtenvölker und Viehzüchter: Energetische Transformation und zunehmende Differenzierung
Vor fast 10.000 Jahren entwickeln sich die ersten Ansätze landwirtschaftlicher Kultur. Zuvor hatten sich bereits Gesellschaften mit soziokulturellen Merkmalen und der Fähigkeit zu schreiben gebildet. Erste Spuren landwirtschaftlicher Bodennutzung finden sich in Jericho um 7.000 v. Chr. Frühe Formen von Landwirtschaft finden sich auch in den Nil-Ebenen und an der Südseite des kaspischen Meeres. Einige Funde lassen hier Nutztierhaltung erkennen. Die Anfänge des Ackerbaus in Mittelamerika liegen ebenfalls in dieser Zeit. Allerdings setzte sich die sesshafte Lebensweise hier aufgrund des Fehlens wilder Getreidesorten vermutlich erst viel später durch. Auch das Fehlen von Zugtieren hat in Südamerika die Herausbildung entwickelter Ackerbaukulturen verzögert.[143] Immer mehr Energie fließt nun in die landwirtschaftliche Produktion. Die Weltbevölkerung damals kann auf ca. 5 Millionen Menschen geschätzt werden.[144] Mit dem Ackerbau schlagen die Menschen die Strategie der Nischenspezialisierung ein. Die wachsende menschliche Kontrolle über die natürliche Lebensumwelt markiert den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation. Nach Auffassung des Anthropologen Richard Thurnwald haben die Frauen als erste mit dem Feldbau begonnen.[145] In der besonderen Beziehung der Frauen zur Natur manifestiert sich das lebensspendende weibliche Prinzip. Im Gegensatz zum auf Vernichtung zielendem Jagdverhalten sehen die Frauen im Wissen um ihre Fruchtbarkeit den eigenen Körper als produktiv an, wie sie auch die äußere Natur als Leben schaffend verstehen. Sie verfügen aber weder über ihren Körper noch über die Natur als kommandierende Besitzerinnen, sie kooperieren vielmehr mit beiden, um Dinge wachsen zu lassen und zum Wachsen zu bringen: „Als Produzentinnen neuen Lebens waren sie (die Frauen - Anm. d. Verf.) auch die ersten Subsistenzproduzentinnen, die Erfinderinnen der ersten Produktionswirtschaft, was von Anfang an auch soziale Produktion war und die Schaffung sozialer Beziehungen beinhaltete, das heißt sie waren Schöpferinnen von Gesellschaft und Geschichte.”[146]
Je mehr die Bedeutung der Feldarbeit zunimmt, desto mehr wächst die Mitarbeit der Männer, und die Jagdaktivitäten gehen zurück. Die ersten Rodungen werden mit primitiven Werkzeugen ausgeführt. Die Ernteerträge sind kläglich. Brandrodungen dürften am Anfang gestanden haben. Zugtiere und Düngemittel kamen erst später auf. Oft wurden die Böden nach kurzer Rodung wieder aufgegeben und anderen Ortes neu gerodet. Später entwickelten sich sesshaftere Formen. Bedingt durch die Ansiedlung kommt es zum Rückgang von Kinder- und Altenmord, da nun den Nahrungsquellen nicht mehr ständig gefolgt werden muss. Der Ackerbau benötigt nur einen Bruchteil der Fläche, die früher zur Ernährung durch Jagen, Fischen und Sammeln erforderlich war. Die Welt des Ackerbaus ist die Welt ausgedehnter Zeit, einer Zeit, in der man imstande ist, gegenwärtige Handlungen auf zukünftige Ziele und Belohnungen hin auszurichten: „Impulsive Reaktionen zu verlangsamen und zu beherrschen, die Fähigkeit, instinktive, körpergebundene Handlungen und typhonische Magie aufzuschieben, zu kanalisieren, sublimieren und auszuschalten - das gehört zur erweiterten Welt des Ackerbauern.”[147] Der Ackerbau wird zur Wachstumserfahrung und Lebensversicherung zugleich. Begonnen als vorbeugende Maßnahme gegen drohenden Hunger, fördert er bald die differenzierte Sprachentwicklung und die Entstehung eines mentalen Ich, im Unterschied zur Jagd, die lediglich den Bestand des Körper-Ich sicherte. Doch auch das Körper-Ich ist den Unbilden der äußeren Natur jetzt nicht länger schutzlos ausgeliefert. Feste Behausungen fungieren als Festungen und Schutzräume nun als weniger empfindlich und verletzbar wahrgenommener Leiblichkeit. Durch den Bau dauerhafter Behausungen spüren die Menschen einerseits die energetischen Potentiale kooperativer Arbeit und schaffen zum anderen gleichzeitig Vorratseinrichtungen zum Speichern großer Mengen von Nahrungsreserven, wodurch sie weniger den Wechselfällen des Naturlebens ausgesetzt sind. Die Küche wird zum Zentrum einer neuen Technologie. Nahrungskonservierung durch Trocknen, Dörren und Vergären sowie das Verfeinern der Speisen führen zur einer differenzierteren Nutzung natürlicher Ressourcen. Hinzu tritt bald auch die Entwicklung spezialisierter Handwerke. Das Wachstum der Bevölkerung sowie die zunehmende Verknappung der gewohnten Nahrungsreserven waren die auslösenden Momente des Übergangs zur landwirtschaftlichen Nutzung der ökologischen Nische.[148] Jeremy Rifkin stellt fest, die Jäger und Sammler hätten sich aus reiner Not dem Ackerbau zugewendet. Diese Umwälzung sei nicht das Resultat von Reichtum, sondern „Ergebnis der Dissipation der existierenden Vorratsquellen.”[149]
Mit dem Ackerbau einher geht die Domestizierung von Tieren. Diese dienen zunächst nur als Lieferanten von Fleisch, Milch und Häuten. Hirtenstämme waren vermutlich die ersten, die Pferde und Esel als Zugtiere und Hunde zum Hüten ihrer Herden einsetzten. Thurnwald zeigt am Beispiel des östlichen Afrika, dass Ackerbauern- und Hirtengemeinschaften sich historisch und soziologisch verschieden entwickelten, aber auch oft einander annährten und miteinander verschmolzen.[150] Es sind die extreme Spezialisierung der gesamten Lebenshaltung auf die Viehherden und die damit verbundene einseitige Einstellung der Ernährung sowie die Beschränkung der handwerklichen Tätigkeit, die Hirtenstämme dazu bringen, mit Feldbauern in Beziehung zu treten. Ergebnis ist jedes Mal eine Steigerung der kreativen Potentiale. Mynarek vermutet, dass die Tierzucht auf kultische Ursprünge zurückgeht: „Die Entwicklungslinie verläuft von der kultischen Verehrung der Tiere (die auf der Ambivalenz basiert, dass die Tiere teils als Nahrung, teils als Da seiendes in ihrem Selbstwert erlebt werden) über die kultische Tierhege zur Tierzüchtung.”[151] Durch die Erfindung und stetige Verbesserung des Pfluges und schließlich den Einsatz von Ochsen und später Pferden als Zugtiere, verbessern sich die Bodenerträge bei gleichzeitiger Schonung menschlicher Energieressourcen in Form von Arbeitskraft, die nun für andere Tätigkeiten mehr Freiraum hat.
Ob mit der Etablierung von Ackerbau und Viehzucht eine Veränderung der Hauptenergiequelle der Gesellschaft einhergeht, ist umstritten. Leslie White[152] behauptet, in Jäger- und Sammlergesellschaften sei menschliche Arbeit die Hauptenergiequelle gewesen, wohingegen die neolithischen Ackerbaukulturen auf Ressourcen in Form domestizierter Pflanzen und Tiere zurückgreifen konnten. Aus diesem Blickwinkel erscheinen arbeitssparende Technologien der Ackerbaugesellschaften dann als Befreiung von drückender Arbeitsfron. Sahlins[153] widerspricht dieser These und hält entgegen, dass in beiden Fällen diese Arbeitskraft aus tierischen und pflanzlichen Ressourcen gewonnen wurde; daher sei der pro Kopf und Jahr zur Verfügung stehende Energiebetrag bei beiden Wirtschaftsweisen gleich. Sahlins Argumentation ist insofern problematisch, weil er die Arbeit als einheitliches Phänomen auffasst und in Bezug auf die Energietransformationen nicht zwischen körperlicher und geistiger Arbeit (zum Beispiel in Gestalt von arbeitssparenden Erfindungen und Entdeckungen) unterscheidet. Außerdem setzt er die Arbeit nicht in Beziehung zur durch sie immer entstehenden Entropie, die sich mit steigender Komplexität der Arbeit erhöht. Entropie ist das Maß, mit der die Unordnung angezeigt wird, die durch alle energetischen Umwandlungsprozesse im Hinblick auf die Umgebung erzeugt wird. Durch das Abbrennen einer Kerze zum Beispiel kommt es zur Auflösung der geordneten molekularen Strukturen des Wachses und der übrigen Bestandteile, bis sich am Ende alle strukturierte Energie in Wärme verwandelt und zerstreut hat, also in die Umgebung verloren geht. Letztlich ist alle auf der Erde genutzte Energie solaren Ursprungs. Durch die Arbeit der Pflanzen wird solare Energie umgewandelt und gespeichert. Frisst nun zum Beispiel ein Zugochse die durch pflanzliche Aktivität gespeicherte Energie, so kann sie in Form seiner Arbeitsleistung wieder freigesetzt werden. Die Arbeit des Ochsen setzt also die energetisch gespeicherte Arbeit der Pflanze wieder frei. H.T. Odum unterscheidet dementsprechend zwischen gespeicherter Arbeit, Bewegungsarbeit und freisetzender Arbeit.[154] Bei dieser Betrachtung darf nicht vergessen werden, dass jede Art von Arbeit mit entropischer Entwertung sog. Degradation einhergeht, weil alle Energie letztlich zu Wärme zerstreut. Diese Wärme ist zwar auch Energie, aber sie kann nur genutzt werden, wenn hierfür zusätzliche Energie (das heißt Energie aus einem anderen System) aufgewandt wird. Alle Energieumwandlungen verlaufen daher in Richtung einer Einbahnstraße. Will man die Arbeit als Energiequelle in Jäger- und Sammlergesellschaften einerseits und in Ackerbaukulturen andererseits miteinander vergleichen, so muss man die spezifischen Formen in Beziehung setzen, in denen die Arbeit geleistet wird und außerdem die jeweilige Geschwindigkeit des Entropiestromes in Rechnung stellen. Der Übergang vom Jäger- und Sammlerleben zum Ackerbau und der Viehzucht ist durch einen Wechsel der energetischen Basis der Gesellschaft gekennzeichnet. Während Muskelkraft die zentrale Energiequelle der Jäger und Sammler ist, markieren die Verwendung von Werkzeugen zur Bodenbearbeitung, die Erfindung des Kreuzpfluges und der Einsatz von Ochsen als Zugtiere und später deren Ersetzung durch die wendigeren Pferde jeweils die Nutzung unterschiedlicher Energiequalitäten. Rifkin nennt diesen Übergang einen Entropieverzweigungspunkt, weil sich der Modus der Entropieerzeugung wandelt. Durch die Erschließung schwerer zugänglicher Energiequellen und die Etablierung von Technologien größerer Komplexität und höheren Energieaufwands kommt es in der Folge zu einer erheblichen Erhöhung der Entropierate. Preis der Entwicklung arbeitssparender Technologien der Bodenbearbeitung und der Ersetzung menschlicher Arbeit durch tierische ist also eine Beschleunigung des entropischen Flusses: „Man kann Stahl, Holz und alle anderen Materialien nur in eine Struktur oder Ordnungsgestalt bringen, die nützlich ist, indem man ein Mehr an Entropie und Unordnung in der Welt als Ganzes erzeugt. Als Ergebnis gibt es weniger 'Ordnung' zum Anzapfen in der Zukunft.”[155] Im Vergleich zur Jäger- und Sammerkultur erzeugen also in der Ackerbaugesellschaft weniger arbeitsintensive Techniken mehr Entropie. Diese Entropievermehrung verursacht gleichzeitig eine enorme Zunahme an Information und an Wissen. Wilber nennt die Entdeckung des Ackerbaus:



