I. Die Bio-Ökonomie - Die nachhaltige Nischenstrategie des Menschen

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Das spezifisch Ökonomische der ökonomischen Analyse, das heißt insbesondere die Geld- und Marktbezogenheit der Wirtschaftsaktivitäten, zeigt grundlegende funktionale Defizite, wenn Tätigkeiten und Wirtschaftsbereiche betrachtet werden sollen, deren Allokationsprozesse nicht hauptsächlich auf Markttransaktionen basieren. Indem die Wirtschaftswissenschaft die ökonomische Wirklichkeit als Kosmos mit eigener Gesetzlichkeit analysiert, generiert sie Rationalitätsaxiome, die auf nichts anderes als das Handlungsfeld des Produzierens, Verteilens und Konsumierens verweisen. Die meisten ökonomischen Schulen erklären die auf diese Weise gewonnenen Axiome jedoch zu Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Lebens überhaupt. Seit jeher gibt es in der Wirtschaftswissenschaft die Tendenz, traditionelle ökonomische Methoden auch auf Gebiete zu beziehen, die über ihr originäres Anwendungsfeld weit hinausgehen. Hans Albert[86] hat demonstriert, wie die klassische Ökonomie Marktprozesse als Teilabläufe eines Steuerungsmechanismus behandelt, der zu einer bestimmten Ordnung im sozialen Leben führt. Der klassische Ansatz der Nationalökonomie analysiert soziale Systeme auf der Basis von Gesetzmäßigkeiten - wie Selbstinteresse der Beteiligten, Annahme der Knappheit der verfügbaren Mittel, des Grenzertragsgesetzes und der Idee rationalen Handelns - die zu umfassenden soziologischen Erkenntnisprogrammen hypostasieren. Das Streben, ein einheitliches Prinzip im wirtschaftlichen Handeln zu finden, führt praktisch zu dem skurrilen Phänomen, dass in der herrschenden Ökonomie Marktbeziehungen zum einen als relativ autonomer Teil des gesellschaftlichen Lebens erscheinen, während zum anderen der auf eben dieser Sichtweise basierende Ansatz gleichzeitig zum umfassenden Steuerungsprinzip wird, dessen Gültigkeit nicht auf bestimmte Perioden oder kulturelle Umgebungen eingeschränkt wird.[87] Die spezifischen Bewegungsgesetze der industriell-kapitalistischen Marktwirtschaft erscheinen so als die umfassenden Regulatoren des sozialen Lebens überhaupt und als Prinzipien, die in der inneren Natur des Menschen wurzeln. Die Verfolgung der Eigeninteressen ist dabei die Schlüsselkategorie, die der traditionsökonomischen Sicht unserer Motive und Handlungen zu Grunde liegt. In dieser Weltsicht gibt es keinen Platz für Kooperation und symbiotische Beziehungen; und altruistisches Handeln gar, wie es für vorsorgendes und nachhaltiges Wirtschaften insbesondere im Bereich der häuslichen Reproduktion so typisch ist, gilt hier bloß als dysfunktional und Entgleisung aus der Schiene konkurrenzorientierten, geldvermittelten Wirtschaftens. Dieses Eigeninteresse ist aber überhaupt keine einfache und offensichtliche Sache, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, sondern ein äußerst komplexes Phänomen. Talcott Parsons[88] hat schon in den vierziger Jahren das ökonomische Eigeninteresse kritisch hinterfragt und festgestellt, dass es keinesfalls einfach mit der menschlichen Natur korrespondiert, sondern vielmehr verschiedene Motive bündelt, die unterschiedliche Typen sozialer Situationen betreffen. Parsons hält es für gehaltvoller, diese Strukturen und die institutionellen Veränderungen wirtschaftlichen Handelns zu untersuchen, als das ökonomische Denken auf sehr fragwürdige Annahmen über die angeblich wahre Natur des Menschen zu gründen. Durch die Traditionsökonomie wird bis heute eine Ideologie verbreitet, die es der Gesellschaft nahelegt, das von ihr selbst erfundene Muster von Produktion, Austausch und Konsum nicht als Veränderbares, sondern als ewige Naturgesetzlichkeit anzusehen.
Eine bestimmte Form separierender Erkenntnisgewinnung geht so mit der Entwicklung einer nischenstrategischen Lebenspraxis einher, die fragwürdige Annahmen über die innere Natur des Menschen schließlich zur ökonomischen Realität werden lässt. Der Modus der Erkennens nimmt also Einfluss auf das gewonnene Ergebnis.[89] Der Reduktionismus der ökonomischen Theorie wäre nicht möglich ohne die jahrtausendealte Dominanz männlichen Denkens, dessen mechanistische Metaphern für Ordnung und Macht, für die Beherrschung der Natur-Maschine und die Unterdrückung des Weiblichen und Kreativen stehen. Das Spontane und Unberechenbare der Natur muss unter die Vormundschaft der Verstandesgesetzlichkeit gebracht werden. Im Deutschland der Aufklärung wird schließlich Kant zum Wegbereiter eines Denkens, das die Natur so betrachtet, als sei sie selbst ein reines Verstandesprodukt.[90] Die organischen Wesen könnten nur begriffen werden, so Kant, indem wie sie uns vorstellen, als ob sie die Produkte des Verstandes wären. Die Harmonie zwischen Natur und menschlichem Erkenntnisvermögen beruht nach Kant nicht darauf, dass der Mensch ein Produkt der Natur ist, sondern die Natur gilt als quasi-menschliches Erzeugnis. Indem Ordnung, Einheit und Regelmäßigkeit auf diese Weise zu Produkten menschlicher Aktivitäten werden, erscheint die Natur somit formal vollständig durch die Gesetzlichkeit des Verstandes bestimmt. Zwar findet sich in Kants Kritik der Urteilskraft noch ein Rest von Bedeutung der Natur, indem ihr Natur zum Beispiel Eigenschaften wie Reinheit und Unschuld zugeschrieben werden; aber hier geht es weniger um Reinheit und Schönheit als sinnliche Rezeptionen, sondern um die intellektuellen Reaktionen auf sie. Und so zeichnet sich die für Kants Werk grundlegende Auffassung von Natur als ein System von Regeln und Zwecken ab, als „Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in Raum und Zeit”, die der Verstand der Natur vorschreibt. Das erkennende Selbst löst sich auf diese Weise aus dem Dialog mit dem Anderen der Natur und wird zum narzisstischen Ego, das die Natur nötigt, unterwirft und beherrscht. Weil die Vernunft nach Kant nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem eigenen Entwurf hervorbringt, muss sie die Natur nötigen, auf ihre Fragen zu antworten, „ ... nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen (...) sonst hängen zufällige nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf.”[91]
Vandana Shiva[92] hat sehr eindringlich gezeigt, wie die auf Francis Bacon zurückgehende Methode des westlichen Mannes die Welt in männlich und weiblich, rational und emotional, objektiv und subjektiv und schließlich in Fakten und Werte spaltet. In dieser Spaltung sieht Shiva die szientistische Grundlage für die männliche Herrschaft über die Natur, die Frauen und große Teile der modernen Lebenswelt: „Für Bacon war die Natur nicht mehr Mutter, keine weibliche Natur, sondern nur mehr die vom männlichen, aggressiven Verstand eroberte Natur (...) die durch das Baconsche Programm geschaffenen Bilder vom Überwältigen und Beherrschen vermochten gemeinsam mit der Wissenschaftlichen Revolution alle Gefühlsschranken zu beseitigen und die Entblößung der Natur kulturell zu sanktionieren.”[93] Wie die Isolierung des Ökonomischen aus der ganzheitlichen Wirklichkeit, so ermöglicht auch die Zerlegung der Natur in ihre Einzelteile die Schaffung von wissenschaftlichen Maßstäben und Kriterien, die sich von ihrem lebendigen Kontext frei machen und dann als objektive ausgegeben werden. Tatsächlich beruhen sie jedoch gerade auf der Entfremdung von der Natur und der Nicht-Teilnahme an ihren lebenssichernden Zusammenhängen.[94] Durch dieses Erkenntnisverfahren wird der Gegenstand der Erkenntnis aus von einem, in einen bestimmten Zusammenhang Gehörendes, sich Veränderndes, zu einem statisch-zeitlosen Objekt: „Die Isolierung des Objekts aus den lebendigen Zusammenhängen heraus, in denen es lebt, lässt diese für die Gewinnung von Erkenntnissen unwichtig werden (...) Das Ziel der Erkenntnisgewinnung besteht darin, durch exakte Bestimmung seiner Bestandteile das Objekt nach menschlichen Willen selbst herstellen zu können.”[95] Durch die industrielle Nischenstrategie kommt es zur umfassenden Etablierung dieser Erkenntnismethodologie. An die Stelle weiblicher Intuition und des Anschmiegens an die Natur tritt nun die männliche Strategie der Zerstückelung und trennscharfen Bestimmung unter künstlich erzeugten Bedingungen. Macht, Eroberung und Herrschaft treten an die Stelle des Dialogs mit der Natur. Die männlich geprägte Schaffung der ökonomischen Handlungssphäre führt dabei zur Entwicklung spezifischer Handlungskriterien. Was zählt, ist einzig das Berechenbare: „Jeglicher Beitrag, der diese Kriterien (fassbar und messbar zu sein – Anmerkung des Verf.) nicht erfüllt, verliert seine Bedeutung. Die Vorherrschaft dieser engen Kosten- und Nutzenrechnung bewirkt den Verlust unserer Rituale und Tabus, deren Wert sich vor allem in der Langzeitperspektive zeigt.”[96] Durch das Ziel der Naturbeherrschung, so Joan Davis und Gabriela Kocsis[97], kommt es in der männlichen Ökonomie zu einer Verbannung des Göttlichen aus der Natur, zu einer Ent-Zauberung und Ent-Spiritualisierung des Alltags. Einen Gegenpol hierzu bilden die Merkmale von Vorsorge und Pflege als Bestimmungsmomente einer weiblichen Ökonomie.
Eine ganz anders gestaltete Kritik des ökonomischen Reduktionismus hat Karl Marx geleistet. Anhand des Erscheinungsbildes der klassischen Ökonomie hat er zu zeigen versucht, dass diese Theorie selbst bloß als entsprechender Ausdruck einer bestimmten historischen Situation, nämlich der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise begriffen werden muss. Sein eigener Ansatz, worauf wir an späterer Stelle noch ausführlicher zu sprechen kommen, hat dem Begriff des Ökonomischen selbst einen neuen Inhalt gegeben. Weil die Ökonomie das ganze Leben beherrscht, werden ökonomische Kategorien zu Universalbegriffen der geschichtlich-gesellschaftlichen Lebenswelt überhaupt - und an eben diese Universalisierung der Begriffswelt einer begrenzten historischen Epoche knüpft die marxsche Kritik an. Marx gebraucht den Ökonomiebegriff dabei durchaus in ganzheitlicher Perspektive. Was er aufzeigen will, ist das Spannungsverhältnis zwischen der Entfremdung des Menschen in der wirtschaftlichen Sphäre ihres Lebens auf dem einen Pol und dem gleichzeitig verfügbaren Potential zur Aufhebung der Entfremdung durch bewusstes und kollektives Handeln auf dem anderen.
Das bioökonomische Paradigma folgt in dieser Hinsicht durchaus den marxschen Überlegungen, insofern das Wechselverhältnis von Ökonomie und Gesellschaft sowie die Wirtschaft selbst in ihrer konkret-historischen Ausprägung analysiert werden. Wie Marx wendet es sich gegen die Verallgemeinerung der ökonomischen Verhaltensweisen einer spezifischen, historischen Wirtschaftsform zu den ubiquitären Regulatoren menschlicher Gesellschaften überhaupt. Es geht jedoch über Marx hinaus, indem der stoffliche und energetische Charakter des Wirtschaftsprozesses den Ausgangspunkt der Analyse bildet und die Natureigenschaften der Produktion zu den zentralen Parametern des kategorialen Zugriffs gemacht werden. Bioökonomen untersuchen die ökonomische Sphäre in ihrer Einbindung in die ökologischen Systeme der Biosphäre, deren Teil sie ist. Entsprechende Analysen operieren daher nicht ausschließlich mit monetären Kategorien, wie es für lediglich an marktförmigen Austauschprozessen orientierte Modelle typisch ist, sondern sehen die Wirtschaft als Teil eines umfassenden Ganzen, in welchem die Stoffwechselprozesse zwischen Mensch und Natur vermittelt werden. Die Ökonomie von Mensch und Natur wird nicht getrennt, sondern in ihrer wechselseitigen Verknüpfung betrachtet; denn letztlich bestehen wir alle aus den gleichen Stoffen. Dementsprechend wird den Naturbedingungen des ökonomischen Prozesses, das heißt der Analyse der Energieflüsse, der Stoffkreisläufe und der informationellen Struktur der ökologischen Systeme, welche die Bedingung und Basis aller Produktion bilden - ein zentraler Stellenwert zugemessen. Hierin liegt ein entscheidender Unterschied zur traditionellen Wirtschaftslehre, wie auch zur marxistischen Theorie. Weiterhin bestehen Verbindungslinien zur feministischen Ökonomiekritik; sie liegen vor allem in den folgenden vier, sich überschneidenden Perspektiven: zum ersten in einem Produktivitätsverständnis, das nicht auf eine verengte Geld- und Marktperspektive gründet, sondern auch die Arbeit der Frauen, die häusliche Reproduktion und das freiwillige soziale Engagement als äußerst produktive, weil lebensspendende Tätigkeiten auffasst; zum zweiten ist der gemeinsame Bezugspunkt auf therapeutischem Gebiet: in der Perspektive einer nachhaltigen Wirtschaft, in der weibliche Werte wie Schutz, Vorsorge und Lebenserhaltung den ökonomischen Kosmos bestimmen; drittens liegt eine weitere Schnittmenge im übereinstimmenden Interesse an einer Re-Moralisierung der Ökonomie und in der Kritik des scheinheiligen Wertfreiheits-Postulats der herkömmlichen Wirtschaftslehre mit seinen faktisch destruktiven Folgen für die natürlichen Lebenswelten und die in ihnen lebenden Menschen, sowie schließlich viertens in der Orientierung auf Dialog und Verstehen anstelle von Beherrschung und Unterwerfung der Natur. Die Ökonomie hat bisher nur Partialrationalitäten, also Maßstäbe vernunftgeleiteten Handelns hervorgebracht, die nur auf begrenzte Teilbereiche des Lebens anwendbar sind. Eine Perspektive ganzheitlicher Rationalität kann an die Ökonomie offensichtlich nur von außen herangetragen werden. Die innere Rationalität der Geldökonomie mit ihren normativen Implikationen hat in der Vergangenheit zum zweifelhaften Fortschritt in Richtung Irrationalität in Bezug auf die Natur, deren Teil wir sind, und im Hinblick auf die Gestaltungmuster der globalen menschlichen Beziehungen geführt. Rationalität muss, wie Arne Naess richtig festgestellt hat, im Hinblick auf Grundwerte beurteilt werden.[98] Wir brauchen heute ein globales Umdenken, ein neues Weltbild, das unsere Stellung im Kosmos und unsere Beziehung zu anderen Wesen auf ganz andere Weise als bisher beschreibt. Dieses Bild kann aus einer neuen Qualität innerer Erfahrung erwachsen, einer Abkehr von den Abstraktionen wie Geld, Macht oder Mobilität, die uns in die Sackgasse der industriellen Nischenstrategie manövriert haben. Aus dem Fühlen der inneren Einheit allen Lebens kann das Bild eines umgreifenden Selbst entstehen; indem wir uns als das sehen, was wir in Wirklichkeit sind: Teile und Fäden im großen Gewebe des Lebens, in dem alles mit allem verbunden ist. Und es ist das Gefühl dieser Verbundenheit, aus dem große Freude erwächst, die unseren menschlichen Handlungsmöglichkeiten eine neue Perspektive weist. Diese neue Lebensperspektive ist heute auf vielen Gebieten sichtbar. Auf ökonomischen Gebiet ist es die Vision einer Wirtschaft des räsonierenden Umgangs mit Menschen, Tieren, ökologischen Umwelten und Naturstoffen, in der die soziale Entwurfsphantasie das wichtigste Element kreativer Weltgestaltung bildet. Im Bild einer nachhaltigen und vorsorgenden Wirtschaft kann diese Handlungsperspektive eine realistische und für alle nachvollziehbare Gestalt annehmen. Wir wollen daher versuchen, dieses Bild ein wenig auszumalen.
2. Die Nachhaltigkeits-Metapher als Idealtypus und Realmodell für die Wirtschaft der Zukunft
Nachhaltigkeitsmodelle stehen im Spannungsfeld zwischen utopischen Idealentwürfen und umsetzbaren Handlungsszenarien, die auf konkrete Lebenskontexte hin ausgerichtet sind. Wie die Alltagserfahrung, so kann auch der wissenschaftliche Zugriff niemals alle Elemente der Realität in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit aufnehmen, sondern muss auswählen. Aber schon der Modus des Auswählens präformiert den Gegenstand in unserer Vorstellungswelt auf spezifische Weise und legt in gewisser Weise bereits den Regelkanon parat, von dem dann zwangsläufig detailliertere Betrachtungen ausgehen. Max Weber hat den Idealtypus als Spezialfall einer Form der Begriffsbildung eingeführt.[99] Der Idealtypus liefert kein geschlossenes System von Begriffen im Sinne einer endgültigen Gliederung der Wirklichkeit, sondern ist vielmehr eine Methode der Darstellung unter dem Gesichtspunkt des Verstehens und sinnhafter Klarheit. Der Bezug zu den empirischen Tatsachen liegt darin, dass der Idealtypus vermutete oder festgestellte Zusammenhänge verständlich machen kann. Sein Wert liegt also vor allem in der Veranschaulichung, die durch die Reduktion von Komplexität einer mannigfaltigen Wirklichkeit erreicht wird. Wir wollen hier nicht allen Implikationen des Weberschen Idealtypus nachsteigen, da für unsere Zwecke nur die eigentliche Kernidee von Bedeutung ist. So glaubte Weber im Gegensatz zu Marx, der Einsicht in die Wirklichkeit der Dinge für prinzipiell möglich hielt, dass alle erfahrungswissenschaftliche Erkenntnis nur Partialerkenntnis sein kann. Indem Weber die Gegenstandswelt als wertfreie und unendlich komplexe Tatsächlichkeit behandelt, bestimmt er die Objektivität der Erkenntnis allerdings nur von der angewandten Methode her.[100] Wenn sich die Erkenntnis somit ihr eigenes Objekt schafft, dann muss die herkömmliche Rede von objektiver Erkenntnis in die Irre führen. Erkenntnisgewinnung wird damit zu einem dialogischen Prozess zwischen Erkennendem und Erkannten - eine Ansicht die Max Weber so wohl nicht ausgesprochen hätte, die sich aber dennoch aus den Grundlehren seines Erkenntnismodells ableiten lässt. Was das bioökonomische Erkenntnisparadigma mit Max Weber und auch mit Karl Marx vereint, ist der Versuch, die Problematik der modernen Menschenwelt im Ganzen eines Prinzips transparent zu machen, aufgrund dessen sie dann im einzelnen erforschbar wird.
Weil die ökonomische und historische Totalität anders nicht darstellbar ist, muss versucht werden, über die Nachhaltigkeits-Metapher Aspekte dieses Ganzen unter dem Gesichtspunkt sinnhafter Klarheit, Konsequenz und Durchsichtigkeit zu rekonstruieren. Im Bild der Nachhaltigkeit ist die Wirtschaft das Gebilde eines geschichtlichen Vorgangs, der sich auf der Basis umgreifender ökologischer Prozesse abspielt. Mit Hilfe dieses Bildes werden die typischen Funktionen und Mechanismen sichtbar, durch die sich das wirtschaftliche Geschehen als abgegrenztes Gebiet mit entsprechenden Eigengesetzlichkeiten etabliert. Indem wir erkennen, auf welche Weise die Eigendynamik des Wirtschaftslebens in Widerspruch zu den ökologischen Lebensvoraussetzungen tritt, wird Nachhaltigkeit gleichzeitig zum Leitidee und Paradigma der Zukunftsentwicklung; zeigt es doch, wie die Bewegungsgesetze von Ökonomie und Ökologie wieder aufeinander abgestimmt werden können. Christiane Buch-Lüty[101] sieht im Leitbild der Nachhaltigkeit die Abkehr von einem ökonomischen Weltbild, das noch immer vom mechanischen Denken geprägt ist und Leben als ganzheitliche Kategorie nicht wahrnehmen will.
Die Nachhaltigkeits-Metapher stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft, in der das Nachhaltigkeitsprinzip bereits auf eine über dreihundertjährige Tradition zurückblicken kann. Nachhaltigkeit steht für erhaltende Nutzung, aber nicht statisch, im Sinne von bloßer Substanzerhaltung, sondern dynamisch im Sinne der Sicherung der Reproduktionskraft und Evolutionsfähigkeit der Naturpotentiale. Seit dem von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung 1987 herausgegebenen Bericht Unsere gemeinsame Zukunft, (nach der Kommissionsvorsitzenden, der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, auch als Brundtland-Bericht bekannt)[102], in dem die Notwendigkeit einer weltweiten Strategie dauerhafter Entwicklung im Mittelpunkt der Überlegungen steht, hat sich der Begriff der Nachhaltigkeit weltweit verbreitet. Nachhaltige Entwicklung steht für die Perspektive einer dauerhaft existenzfähigen Gesellschaft, die auf Ausgleich und Stabilität mit den ökologischen Systemen hin orientiert ist, ohne deren Produktivität keine langfristig tragfähige und damit zukunftsfähige Entwicklung möglich ist. Stofflich geht es dabei um die Errichtung und den Unterhalt energiearmer Kreislaufstrukturen, energetisch um eine Begrenzung der Entropiesteigerung. Das Soziosystem soll also so organisiert werden, dass im Zusammenspiel mit Biosphäre, Atmosphäre, Lithosphäre und Hydrosphäre das thermische Gleichgewicht innerhalb des Energiebudges der Sonne eingehalten wird.[103] Eine Gesellschaft kann dann als nachhaltig angesehen werden, „ …wenn sie so strukturiert ist und sich so verhält, dass sie über alle Generationen existenzfähig bleibt. Mit anderen Worten: Sie ist so weitsichtig, so wandlungsfähig und so weise, dass sie ihre eigenen materiellen und sozialen Existenzgrundlagen nicht unterminiert.”[104] Die Ausweitung und Generalisierung des Nachhaltigkeitsprinzips über die Forstwirtschaft hinaus zum Leitbild einer dauerhaft naturgerechten Wirtschaftsentwicklung ist keinesfalls, wogegen Busch-Lüty sich wendet, ein naturalistischer Fehlschluss. Vorwürfe dieser Art, so Busch-Lüty, übersehen, dass auch in der Fortwirtschaft Nachhaltigkeit zugleich als sozialethische Grundlage und Vorsorge im Hinblick auf die kommenden Generationen verstanden wurde. Nachhaltige Entwicklung setzt die Stabilität aller beteiligten Teilsysteme von Natur, Gesellschaft und Wirtschaft voraus. Nur aufgrund solcher Stabilität können interne und externe Veränderungen selbstregulierend ausgeglichen werden: „'Ökonomische', 'sozio-kulturelle' und 'ökologische' Reproduktion bedingen sich als Determinanten im vernetzten System von Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft wechselseitig; sie bilden insofern nur integrativ die konstituierenden Elemente einer derart als ganzheitliches Lebensprinzip zu verstehenden Nachhaltigkeit.”[105]
Der klassischen Ökonomie ist der Begriff der Nachhaltigkeit fremd. Allerdings findet sich auch hier die Idee, dass am Ende des Wachstumspfades ein stationärer Zustand liegt. Mit Ausnahme von John Stuart Mill haben die Klassiker der Nationalökonomie jedoch diesen Zustand als trostlos, armselig und nicht wünschenswert aufgefasst. Auch die neoklassische Theorie hat ein gewisses Interesse an stationären Zuständen entwickelt, die jedoch mit dem soeben skizzierten Bild der Nachhaltigkeit kaum etwas zu tun haben. Neoklassische Ökonomen verwenden den stationären Zustand nicht zur Beschreibung einer wirklich existierenden Gesellschaft, sondern lediglich als analytisches Hilfsmittel. Über die Annahme dieses Zustandes soll ein einfaches, heuristisch brauchbares Bild wirtschaftlicher Prozesse gezeichnet werden. Das Bild der idealen, in der Wirklichkeit nie existierenden stationären Volkswirtschaft ist in der neoklassischen Denktradition durch endlose wirtschaftliche Kreislaufbewegungen und das Vorhandensein einer konstanten Bevölkerungszahl, bei Abwesenheit von Neu-Investitionen, technischen Neuerungen und Vermögenskonzentrationen geprägt.[106] Auch der Hauptopponent der klassischen Ökonomie, Karl Marx, hat in der Analyse des Kapitals die Annahme stationärer Zustände als analytisches Hilfsmittel eingesetzt, um die Bedingungen einfacher Reproduktion darzustellen. Um die logischen Entfaltungsstrukturen der kapitalistischen Produktionsweise durch Akkumulation und erweiterte Reproduktion aufzuzeigen, wählte er das Schema der einfachen Reproduktion, in der die Bedingungen der Produktion zugleich Bedingungen der Reproduktion sind, als die ideale Darstellungsebene eines in der Realität kaum anzutreffenden Zustandes.[107]
Die heutige Nachhaltigkeitsdiskussion hat allerdings wenig gemein mit dem Begriff des stationären Zustandes, wie er in der herkömmlichen Wirtschaftslehre und auch bei Marx gebraucht wird. Als stationär werden feste und beständige, nahezu unveränderliche Zustände bezeichnet; Nachhaltigkeit hingegen steht für dauerhafte, dynamische und selbststeuernde Gleichgewichtszustände. Mit dem Idealtypus der Nachhaltigkeit haben wir ein Hilfsmittel an der Hand, nicht nur um reale Ökonomien zu beschreiben, sondern auch das handlungsleitende Konzept einer nachindustriellen, nicht auf Wachstum beruhenden Wirtschaftsweise zu entwickeln, deren zentrale Funktionen an die Regelungsmechanismen der ihr zugrundeliegenden ökologischen Systeme rückgekoppelt sind. Darüber hinaus können mit diesem Idealtypus auch vorindustrielle Wirtschaftsformen hypothetisch gehaltvoll beschrieben werden. Im nächsten Kapital werden wir daher, ausgehend vom Nachhaltigkeitsmodell - verschiedenen Wirtschaftsweisen im Prozess ihrer historischen Herausbildung folgen und dabei sehen, auf welche Weise frühere Wirtschaftsformen in die sie umgebenden natürlichen Systeme eingebettet waren und dabei mehr oder weniger nachhaltige Nischenstrategien verfolgten.
Die gegenwärtige Nachhaltigkeitsdiskussion hat im angelsächsischen Raum ihren Anfang genommen. Dort dominieren vor allem zwei Stränge: Da ist zum einen die Diskussion um Sustainable Development und Ecodevelopment (Nachhaltige bzw. Ökoentwicklung) und zum anderen der tiefenökologische Strang der Permaculture. Der erstgenannte konzeptuelle Rahmen zielt auf einen alternativen Entwicklungspfad, der sich auf Umwelt- und Sozialverträglichkeit gründet. Der Grundgedanke des vom Maurice Strong, dem ersten Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) entwickelten Ecodevelopment-Ansatzes liegt in der Befriedigung der Grundbedürfnisse, weitgehend mit Hilfe eigener, verfügbarer Ressourcen, der Entwicklung eines befriedigenden sozialen Ökoystems (u.a durch soziale Sicherheit und Respekt verschiedenartiger Kulturen) sowie der vorausschauenden Solidarität mit zukünftigen Generationen. Das Konzept des Sustainable Development thematisiert nachhaltige Entwicklung insbesondere im Kontext des Nord-Süd-Problems, das heißt dem Wohlstands- und Verteilungskonflikt zwischen den armen und reichen Ländern. Bei der weltweiten Naturzerstörung kumulieren sich unterschiedliche Ursachenkomplexe der armutsbedingten Umweltzerstörung in den armen Ländern des Südens mit der wachstumsbedingten Umweltzerstörung des ressourcenverschwenderischen industriellen Leitmodells der nördlichen Halbkugel. Nachhaltige Entwicklung bedeutet in diesem Kontext: der Norden darf seine derzeitigen und zukünftigen Bedürfnisse nur im Einklang mit denjenigen des Südens realisieren. Diese Ansätze beschränken sich aber nicht auf die Entwicklung in der Dritten Welt, sondern stehen generell für die Suche nach gesellschaftlich wünschenswerten, ökonomisch beständigen und ökologisch stabilen Mustern der Ressourcennutzung und Lebensweise.[108] Der zweite Strang der Nachhaltigkeitsdiskussion im angelsächsischen Raum ist das tiefenökologische Konzept der Permaculture als einer nachhaltigen, auf Stabilität und Dauer gerichteten Wirtschaftsweise, die auf eine dialogische und kommunikative Beziehung zur Natur gründet und dabei auch die innere Ökologie des Menschen in den Blick nimmt. Die Prinzipien der Permaculture basieren auf der Beobachtung natürlicher Systeme und traditioneller Mischkulturen. Sie sind auf Kooperation mit der Natur anstelle des Kampfes gegen die Natur gerichtet; sie orientieren auf maximales Verstehen und minimale Einmischung. Die gesellschaftliche Perspektive liegt in einem Zusammenschluss sich auf eigene Kräfte stützender kommunaler Einheit auf der Basis innerer Autonomie und Stärke.[109]



