Und dann kommst Du dahin an einem schönen Sommertag

- -
- 100%
- +
»Unwürdig, die Frau eines Beamtenoffiziers zu sein«
»Eines Nachts kam ein Wärter und brachte mich in einen Saal, in dem ungefähr zwanzig Personen und mein Mann waren. Er sagte, er lässt sich nicht scheiden, und die Gestapo hat gesagt: ›Sie werden geschieden!‹ Mein Mann war so traurig und sagte: ›Was haben Sie aus meiner Frau gemacht?‹ Man kann sich ja vorstellen, wie man aussieht, wenn man monatelang da drin hockt. Ich durfte keine Garderobe rein- oder rausgeben und musste immer das Gleiche anhaben, wegen Schmuggelgefahr. Am 24. Dezember, an Heiligabend 1935, kam ein junger Gestapomann und hat mir die Scheidungsurkunde gebracht: ›Unwürdig, die Frau eines Beamtenoffiziers zu sein.‹ Er war ein kleiner Beamter und älter als ich. Ich vergesse nie die Glocken von der Hospitalkirche, da musste ich mit kaltem Wasser siebzig Treppen runterwaschen. Am selben Abend! Ich war geschieden! Die meinten, wenn ich geschieden bin, würde ich vielleicht was sagen.«
Sechs Monate lang blieb Maria Zeh in Einzelhaft im Gefängnis Büchsenstraße, bevor sie in das Frauengefängnis Weimarstraße verlegt wurde. Auch dort wurde sie weiter verhört und blieb in einer Zelle allein. »Bei den Verhören, da hat man täglich zu mir gesagt: › Sie verrecken ja doch bei uns. Sie verrecken bei uns! Sie kommen nimmer raus!‹ Ganz genauso ging das achtunddreißig Monate lang. Wenn man dann einen Widerstand in sich aufbringt, dann bekommt man diese Kraft. Da war so eine ungeheure Lebenssehnsucht, je näher man am Abkratzen war. Ich hatte die ganz feste Überzeugung, die Gewissheit, dass der Faschismus nicht siegt. Das gab mir die ganze Kraft. Ich hatte ganz großes Glück, dass ich hier sitze.«
Maria Zeh ist überzeugt, dass sie selbst nur überleben konnte, weil ihre Freundin Lilo Herrmann5 sie nicht verraten hat. »In der Zelle, in der Mußgay immer gesagt hat, die verreckt da drin, in der Zelle hat der sich später aufgehängt. Nachdem er alle Kameraden verraten hatte, nach 1945, hat er sich in der Zelle 36 aufgehängt.«
Die Biene in der Zelle
Maria Zeh erzählte, wie sie sich alleine in der Zelle mit Turnübungen beschäftigte, um nicht in Apathie zu verfallen, wie wichtig die Geräusche um sie herum waren, und dass man ständig Gefahr lief, in den Wahnsinn abzugleiten, weil auch die Gedanken keinen Fluchtweg hatten. »Da kam eine Biene in meine Zelle – in die dunkle Zelle eine Biene! Sie flog herum und wieder davon. Abends kam sie wieder rein, und dann hab ich mit ihr gesprochen: ›Auf welchen Wiesen warst du? Wo gibt’s hier die Auen? Hat es da draußen nach Gras gerochen?‹ Da war man so unglaublich erregt und war von einer solchen Lebenssehnsucht erfüllt. Man wusste ja, du bist eingeschlossen, aber manchmal war es auch so, als ob die guten Gedanken der Menschen wie ein warmer Mantel um einen waren. Es gab auch Hochstimmungen. Aber vor allem das Gefühl: Du hast niemanden verraten. Du wirst niemanden verraten! Man hat nicht nur gelitten, aber eben immer damit zu tun gehabt, nicht schwach zu werden. Das Schlimmste war die Hitze. Gegen die Kälte konnte man Kniebeugen machen und turnen, aber die Hitze und bloß so ein bisschen Wasser, gerade genug für einen Vogel, sich zu waschen.«
Am 25. Februar 1938 fand ihr Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart statt. Nach ihrer Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« wurde sie noch im Februar 1938 in das Frauengefängnis Gotteszell verlegt. »Dort kam ich auch wieder in Einzelhaft, mit Steinboden, schwerer Arbeit, keine Zeit für Turnen, schlechter Verpflegung. Dort bin ich zusammengebrochen; ich hatte hohes Fieber. Als meine Strafe rum war, bin ich aber nicht heimgekommen, sondern da hieß es: Ich komme ins KZ!«
Nach insgesamt achtunddreißig Monaten Einzelhaft – mehr als zweieinhalb Jahren alleine in der Zelle – wurde Maria Zeh in das KZ Lichtenburg an der Elbe überführt. »Auf dem Transport hab ich Frauen getroffen, die hatten Illusionen: Wir kommen auf ein Schloss. Aber nach dem, was ich erlebt hatte in den achtunddreißig Monaten, konnte ich mir das nicht vorstellen. Die Lichtenburg war ein altes, vermodertes Schloss bei Torgau. Als wir dort ankamen, hieß es, rechts die Kommunisten, links die Juden. Da gab es gleich Schläge mit der Peitsche, Zimmer6 hat die geheißen, von der wurden wir gleich durchgeprügelt. Viele sind gar nicht mehr hochgekommen. Ich kam auf einen Strafarbeitsblock. Dort musste ich vierundzwanzig Öfen heizen und nebenher Syphiliskranke im Endstadium und solche mit offener Tbc pflegen. Das hab ich so lange gemacht, bis ich derart geschwollene Arme und Beine hatte, dass ich nicht mehr konnte. Dann kam ich ins Revier. Dort hat mich der Arzt angeschrien, Sonntag7 hieß der: ›Warum melden Sie sich nicht?‹ Und ich hab gesagt: ›Mir hat man achtunddreißig Monate lang gesagt, ich verrecke hier, und jetzt hab ich gedacht, das ist der Anfang.‹ Doch dann hat mich die Oberschwester Margarete ins Revier genommen, und da hab ich gemerkt, dass mir vieles fehlte. Ich hatte wohl einen Kurs in Krankenpflege mitgemacht als junges Mädchen, aber Wörter wie Hexamethylen, Tetramine usw. kannte ich nicht.«
Die Frauen-Konzentrationslager
Bis zur Zeit der ersten Begegnungen mit Maria Zeh in den Jahren 1978/1979 hatte ich – damals 24-jährig – noch nie von der Existenz reiner Frauen-Konzentrationslager gehört. Zwar war ich in mehreren KZ-Gedenkstätten gewesen, doch hatten mich dabei weniger die Orte, sondern vielmehr die Menschen interessiert, die dort während der Nazizeit eingesperrt waren. Erst 1983 besuchte ich die Kleinstadt Moringen in der Nähe von Göttingen, wo sich von Oktober 1933 bis März 1938 das erste Frauen-KZ befand. Unfassbar war für mich die Lage des riesigen Gebäudekomplexes8 unmittelbar an der Hauptstraße der kleinen Stadt. Als Moringen – konzipiert für ca. 400 Häftlinge – nicht mehr ausreichte, um die inhaftierten Frauen aufzunehmen, wurde Ende 1937 das Frauen-KZ Lichtenburg eröffnet.
Maria Zeh, die im August 1938 in die Lichtenburg kam, gehörte zu den ersten Häftlingen in diesem neu errichteten Frauen-KZ. Ende 1938 waren dort ca. 800 Frauen eingesperrt. Das Lager verfügte anfangs über einen Lagerkommandanten, 26 Aufseherinnen, eine Ärztin, einen Arzt, eine Krankenschwester und vier Hilfsschwestern im Krankenrevier.9 »Im Revier hatten wir als Häftlinge eine große Macht. Man wusste ja gleich, wer Genossin ist, wer Verräter ist und so – da konnte man die Leute, die schwerste Arbeiten verrichten mussten, für ein paar Tage ins Krankenrevier stecken. Manche sind natürlich doch gestorben, weil sie wirklich krank und elend waren. Ich erinnere mich an eine Bibelforscherin. Der SS-Mann hat sie so gestoßen, dass sie aus der Nase geblutet hat. Da sagte sie: ›Herr, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.‹ Am andern Tag saßen wir bei unserem kärglichen Mahl, da kam die Oberin und sagte: ›Was Sie jetzt sehen, dürfen Sie niemandem sagen.‹ Sie hat uns ins Kellerverlies geführt, und da lag diese Bibelforscherin. Sie lag auf einem Betonbett. Das kann man nicht beschreiben, in dieser Uniform, die wir hatten, wir sahen ja gar nicht mehr wie Frauen aus. Wir mussten sie ausziehen. Sie war grün und blau am ganzen Körper, zusammengeschlagen, totgeschlagen. Da dachte ich, ich kann nicht mehr, hab gezittert und trotzdem gewusst: Das nützt niemandem, wenn ich jetzt zusammenbreche. Es muss ja weitergehen. Vor allem müssen die Kameradinnen wissen, was da unten geschieht. Obwohl die Aufseherin gedroht hatte, dass wir selbst da runter kommen, wenn wir darüber sprechen, hat man gleich den Genossinnen gesagt, was sich da unten abspielt. Das werde ich nie vergessen. Das lässt mich noch heute nachts aufwachen. Ich muss dann genau sehen, wo ich bin, weil es Dinge gibt, da kann man nicht mit Worten benennen, was da in einem vorgeht. Ich kann’s nicht. Es ist nach so vielen Jahrzehnten immer noch da, so tief sitzt das. Die Haftpsychosen haben wir einfach. Manchmal, am schönsten Tag, kann ich nicht aus dem Haus gehen, obwohl ich die Natur so liebe. Das sitzt so tief, dass ich die Wohnung nicht verlassen kann. Aber wenn man im Revier war, konnte man den Menschen helfen. Da konnten wir auch den Jüdinnen helfen. Wir haben Arznei und alles geklaut. Ich hatte den Schlüssel zur Apotheke, denn ich hatte das Vertrauen der Oberin. Sie hat mir gesagt, sie habe sich die Häftlinge anders vorgestellt. Man habe sie geworben, um den Abschaum der Menschheit zu bewachen, und nun war sie erstaunt über die ›Qualität‹ der Häftlinge.«
Maria Zeh konnte erreichen, dass andere Häftlinge, die eine medizinische Ausbildung hatten, zu ihrer Unterstützung ins Revier kamen. So auch die Ärztin Dr. Doris Maase.10 »Da hat das Leben wieder einen Sinn bekommen. Da waren wir ein Team und konnten helfen. Wir mussten mit einem Medizinkasten durch das Lager, und dabei wurden Verbindungen geknüpft. Die Jüdinnen wollten immer Alkohol und Medikamente. Ich war so jung, ich hatte noch nie Medikamente genommen, keinen Kaffee, keinen Alkohol; wir haben nicht geraucht, wir haben leicht gelebt, aber die waren das schon gewohnt.«
Erst beim Abtippen dieses Gesprächs wurde ich auf den erwähnten Alkohol aufmerksam. Ich fragte nach, und Maria Zeh erzählte, dass die Jüdinnen sich betäuben wollten, bevor sie zur Vergasung geschickt wurden. Deshalb habe sie den reinen Alkohol aus der Lagerapotheke gestohlen. Vor laufender Kamera wollte sie allerdings nicht darüber sprechen, weil sie fürchtete, dies könnte noch heute als kriminelle Handlung angesehen werden. Tausende Jüdinnen wurden vergast – und Maria Zeh hatte ein schlechtes Gewissen, geklaut zu haben? Dieser tiefgründige Ehrbegriff schien mir nahezu unverständlich. Allerdings erfuhr ich in diesem Zusammenhang auch, dass Maria Zeh im Alter schwer alkoholkrank war und ein gemäßigter Umgang mit Alkohol ihr große Disziplin abverlangte.
»Ich bin mit Sehnsucht geboren und sterbe mit Sehnsucht«
»Doris Maase und ich konnten im Revier helfen. Zum Beispiel konnten wir eine, die gefährdet war durch Transport, drei Tage im Revier lassen. Du warst immer in so einem Fieber, du bist ja auch immer mit einem Fuß im Strafblock gestanden. Aber trotz allem, man hatte eine wahnsinnige Sehnsucht nach dem Leben, die hab ich heute noch. Ich bin ein Mensch, der mit Sehnsucht geboren wurde und mit Sehnsucht stirbt. Ich hab Sehnsuchtsgedanken, wenn andere schon halb tot sind. Dann denk ich immer an das, was noch kommt. Du weißt ja, wie alt ich bin. Aber ich hab ja auch immer so viel zu tun. Damals haben wir uns immer alles erzählt und auch die Liebesbriefe gelesen. Doris Maase und Lina Haag11 bekamen welche – ich hab keine bekommen.«
Die Hilfe für andere, sagte Maria Zeh, sei eine wirkliche Erfüllung gewesen, durch die die eigenen Sorgen und sogar der Hunger in Vergessenheit gerieten. »Ich hatte dadurch einen Vorteil, dass ich Faltboot gefahren, Ski gelaufen bin, jung verheiratet war. Ich hatte schon ein anderes Leben. Doch je mehr ich mich daran erinnerte, desto größer war natürlich die Sehnsucht. Doch dann kam ein Einschnitt: Ich hätte ja nie geglaubt, dass ich wieder rauskomme. Selbst als Himmler kam und manche Leute zur Entlassung ausgesucht hat, sagte er zu Doris Maase und zu mir: ›Die haben zu fanatische Augen. Die kommen nicht raus.‹ Das war sehr schwer, als die anderen gingen, und ich blieb da! Auch von dieser Verlassenheit kann ich jetzt noch nachts aufwachen, die kriege ich nicht mehr los. Unter den Aufseherinnen gab es sympathische Frauen, aber es gab auch ganz große Kanaillen. Eine mit Namen Mandl12, die hat ausgesehen wie ein Engel, blond und blauäugig. Die hat mit einer unerhörten Unbarmherzigkeit zugeschlagen, bis die Haut geplatzt ist. Und eines Abends, die Kameradinnen waren alle weg, stand ich so da, 1001 war meine Nummer, und die Schwester sagte: ›Was denken Sie jetzt, 1001?‹ Ich sagte: ›Was soll ich Ihnen sagen, was ich jetzt denke, wenn alle fort sind?‹ Sie sagte, sie hätte nichts machen können. In meiner Akte stehe ›Rückkehr unerwünscht‹. Ich hab bloß eines gewusst: Du darfst jetzt nicht zusammenbrechen! So ging’s halt weiter. Und eines Tages hat es geheißen: ›Drei Tage nichts essen und trinken!‹ Das war die Vorbereitung für den Abtransport.«
Moringen und Lichtenburg waren Kindergärten im Vergleich zu Ravensbrück
Maria Zeh wurde im Mai 1939 in das gerade neu eröffnete Frauen-KZ Ravensbrück verlegt. Dort waren zu dieser Zeit ca. 1000 weibliche Häftlinge registriert. Der Lagerdirektor, die SS-Wachmannschaften und die Mehrzahl der Aufseherinnen kamen ebenfalls von der Lichtenburg. Auch der SS-Arzt Dr. Walter Sonntag wurde nach Ravensbrück versetzt. »Wir haben Ravensbrück eröffnet, wir waren einer der ersten Transporte. Dieser Transport war so schrecklich, weil wir keine Notdurft verrichten durften. Es war so trostlos, es gab nur Sand. Ich bin am Neckar aufgewachsen, und dann kommst du dahin an einem schönen Sommertag und hast nur Sand. Und der Ton dort! Man sagt ja, Moringen und Lichtenburg wären Kindergärten gewesen im Vergleich zu Ravensbrück.«
Die Ankommenden erlebten einen Schock. Sie begriffen schnell, dass die Arbeit in den Außenkommandos, im Straßenbau oder beim Entladen von Baumaterialien weitaus bedrohlicher war als die in den Büros der Lagerverwaltung, in der Küche, Wäscherei oder im Krankenrevier. Maria Zeh hatte das Glück, gleich nach ihrer Ankunft wieder gemeinsam mit Doris Maase im Revier eingesetzt zu werden. Mit denjenigen, mit denen sie bereits in der Lichtenburg zusammengearbeitet hatte, konnte sie ihre Hilfe für die Kameradinnen in Ravensbrück fortsetzen. »Als dann im September 1939 der Krieg ausbrach, sind wir, die wir uns gegenseitig anvertraut hatten und auch gefährliche Arbeiten im KZ gemacht haben, wir sind uns bloß in die Arme gefallen und haben gesagt: ›So, jetzt kommen wir nicht mehr raus.‹ Politischer Gegner zu sein und Krieg, da kommen wir nie mehr raus. Wir waren ganz am Boden. Es war der Abschied von der Jugend, vom Leben und überhaupt. Es hat doch keiner gedacht, dass wir da noch mal herauskommen. Und sofort wurde alles strenger: Das Essen wurde gekürzt, die Knute saß loser, es gab immer mehr Gründe, uns zu quälen. Es war wie eine Bestätigung, uns zu vernichten, das hat man ganz deutlich gespürt. Wir spürten, dass abgerechnet wird.«
Im November 1939 wurde Maria Zeh zu einem Verhör in die Ravensbrücker SS-Kommandantur gerufen. »Da wurde ich alles Mögliche gefragt, und dann sagt der: ›Was würden Sie denn machen, wenn Sie freikämen?‹ ›Ja‹, sag ich, ›ich habe keine Heimat mehr, ich weiß nicht, was ich mache. Arbeiten, wenn ich Arbeit kriege.‹ Ich wusste nicht, wo ich hin sollte. Meine Mutter war ja gestorben. Die hing mit einem Bild als Mutter von fünf Soldaten in Berlin, bei dieser faschistischen Mutterverehrung, und von mir wurde niemals gesprochen. Nur meine Brüder – fünf Soldaten. Dann sagte eine Freundin: ›Ich kauf dir einen Kamm, ich glaube, du wirst entlassen.‹ An einem schönen Tag hat es geheißen: ›Nach vorne. Entlassen!‹ Da bin ich so erschrocken, ich wollte gar nicht raus.«
»Da hab ich Heimweh nach dem KZ gehabt«
Am 9. November 1939 wurde Maria Zeh aus Ravensbrück entlassen. »Insgesamt war ich ohne Unterbrechung vier Jahre und vier Monate in Haft, davon achtunddreißig Monate in Einzelhaft. Ich bin später sehr viel zum Psychiater geschickt worden, und als das untersucht wurde, war ich die einzige Frau in der Bundesrepublik, die so eine lange Einzelhaft gehabt hatte. Manchmal spüre ich so eine Schwere in mir drin. Dann schlafe ich kaum. Und wenn doch, dann träume ich von allen, die gestorben sind, die man zur Vergasung geschickt hat. An anderen Tagen, obwohl ich’s doch gut habe hier, bringt mich keiner aus dem Haus, da bin ich mein eigener Gefangener. Aber gegen die Träume vom Lager, da kann ich nichts machen. Das hab ich mir schon oft vorgenommen: Du träumst nie mehr davon! Trotzdem träum ich dann davon.«
Nach ihrer Entlassung kehrte Maria Zeh nach Stuttgart zurück. »Ich habe keinen Mantel und nichts gehabt. Keine Handtasche, gar nichts. Die Bluse hat mir die Lina Haag aus einem alten Fetzen von einer Vergasten gemacht. Ich kam ja im Krieg heim, das war ganz schlimm. Ich musste mich immer bei der Gestapo melden. Ich hatte keine Wohnung. Ich war fünfzehn Kilo schwerer vor lauter Wasser. Die Genossen, das kann ich ruhig sagen, sind aufs andere Trottoir, wenn sie einen gesehen haben. Die, die man geschützt hat! Das war eine Einsamkeit! Die wollten einen nicht sehen, weil sie Angst hatten, sie kommen dann ins KZ. Ich hatte auch Angst, weil man uns gesagt hat, wer wieder ins Lager kommt, der kriegt gleich fünfundzwanzig auf den nackten Po. Man durfte ja mit keinem Menschen reden. Man war wahnsinnig einsam und verlassen. Elend war mir. Und da hab ich so richtig Heimweh nach dem KZ gehabt, nach meinen Kameradinnen und Genossinnen.«
Nach drei Tagen bekam Maria Zeh eine Arbeit beim Buchgroßhandel Koch, Neff & Oettinger, doch erst eine Woche später ihr erstes Gehalt. Bis dahin musste sie mit trockenem Brot und Wasser auskommen. Diese ersten Tage in der Freiheit waren für sie schwerer als die Zeit im Lager. »Das Zurückkommen war ganz furchtbar, weil ich aus dem Schoß einer warmen Familie komme. Wenn ich heute zurückdenke, wir waren sehr reich, kein Wohlstand, aber wir haben das nicht gespürt durch die Wärme meiner Mutter. Das ist so traurig gewesen, dass meine Mutter wegen mir starb. Wir hatten ein ganz inniges Verhältnis. Und dann bin ich weggekommen. Meine Mutter war doch eine bürgerliche Frau und ist aus Sehnsucht nach mir sehr, sehr erkrankt. Sie hat sich furchtbar geschämt, dass in unserer Familie so was vorkommt. Einmal ist die Gestapo mit mir zu ihr gefahren. Da lag sie im Bett und sagte, sie hätte immer gebetet, dass sie mich wiedersieht. Da hat der Gestapo gesagt, der Mistkerl, der sich selber nachher aufgehängt hat, der hat gesagt, ich darf dableiben, wenn ich sage, was sie wollen. Meine schwer kranke Mutter hat sich aufgesetzt und gesagt, einen Verräter hätte sie nicht erzogen! Das wollte sie nicht, dass ich Leute verrate. Man hat mir erzählt, dass sie im Krankenhaus immer nach der Türe geschaut hätte und hoffte, dass ich käme. Dann ist sie gestorben. Ich hab in meiner Zelle gesessen, und man hat mir gesagt, meine Mutter sei gestorben. Immer wenn ich Glockenschläge höre, dann fällt mir das ein.«
Als Maria Zeh von ihrer großen Einsamkeit erzählte und wie sie sich ohne Arbeit, ohne Geld ein neues Leben aufbauen musste, schien mir das vollkommen unverständlich. Warum konnte sie, die so vielen geholfen hatte und die deswegen viereinhalb Jahre eingesperrt war, nirgendwo Unterstützung finden?
Nicht ohne Enttäuschung und verbitterten Unterton erklärte sie mir, dass es für die früheren Genossinnen und Genossen gefährlich war, mit einer Kontakt aufzunehmen, die aus den Fängen der Gestapo kam. Stand sie im Verdacht, eine Verräterin geworden zu sein? Dachte man, sie würde diejenigen, die sie kannte, ausliefern? Die Genossen mussten doch wissen, dass sie niemanden verraten hatte, sonst wären sie doch selbst verhaftet worden. »Ach Kind«, sagte sie, »was weißt du über die Menschen?« Als ich weiterbohrte und fragte, wo denn ihr Mann gewesen sei, der wäre doch, wie sie, zwangsweise geschieden worden, fand sie mich vollkommen naiv: »Russland ist groß, und der Zar ist weit!« Viereinhalb Jahre seien eine zu lange Zeit. Ihr Mann habe eine neue Frau gefunden, zu ihr selbst blieb ein freundschaftlicher Kontakt.
Obwohl sie dies sehr bedauere, sei ihr vollkommen bewusst gewesen, dass sie niemals nahtlos an das Leben würde anknüpfen können, aus dem die Verhaftung sie gerissen habe.
Maria Zeh fand schließlich eine Wohnung im Stuttgarter Süden, in der sie noch wohnte, als wir uns kennen lernten. Anfangs habe sie zur Untermiete gewohnt und später die ganze Wohnung in dem schwäbischen Bürgerhaus übernommen. »Zum Beispiel haben sie mir ein Plakat an die Türe gemacht: ›Wer nicht mit »Heil Hitler« grüßt, ist ein Staatsfeind.‹ Gleichzeitig ist der Staub so hoch gewachsen, dass man hätte Kresse darauf säen können. Das waren die Leute unter mir. Es gab viele Schikanen. Aber wie das Leben so spielt: Letztes Jahr war niemand im Haus, die Frau war sterbenskrank, da hat sie mich gebraucht. Da hab ich nicht gesagt: ›Sie waren so und so‹, sondern da hab ich als Mensch gehandelt und habe sie versorgt. Ich bin so erzogen, für mich gibt es kein ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹, das ist eine angeborene und anerzogene Haltung, dass man Mensch bleibt. Ich bin nicht religiös, aber denk nur, gerade die Frau, die mir das Leben so schwer gemacht hat, hatte niemanden als mich, der für sie gesorgt hat.«
Die Zeit bis zum Kriegsende erlebte Maria Zeh in großer Einsamkeit: geschieden, die Mutter gestorben, kein Kontakt zu Genossen, und nur ein Bruder kehrte aus dem Krieg zurück. »Da hab ich das Leben erst kennen gelernt, in jeder Hinsicht. Ich durfte ja auch Stuttgart nicht verlassen, musste mich regelmäßig bei der Gestapo melden. Ich wollte nichts, außer wieder eine Existenz und mein eigenes Geld verdienen.«
»Sich rühren ist besser als gerührt sein«
Maria Zeh blieb allein, den Männern ihrer Generation misstraute sie. Zu viele Nationalsozialisten oder wankelmütige Sympathisanten waren unter ihnen. »Das hat etwas mit meinen Erfahrungen zu tun. Ich bin nicht kleinlich oder spießig, aber ich habe auch festgestellt, dass Frauen immer die Rechnungen bezahlen in einem Zusammenleben. Ich habe Frauen getroffen, die mit solchen Enttäuschungen lebten, doch der Mann kann immer ausziehen. Obwohl ich kein gesellschaftliches Ansehen wollte, habe ich gemerkt, dass man überhaupt kein gesellschaftliches Ansehen hat, wenn man älter ist und mit einem jüngeren Mann lebt. Ich bin auch keine Hausfrau mehr, die für einen Mann die Hemden wäscht, das wollte ich nicht mehr.«
Sie arbeitete ab 1945 in der Betreuungsstelle für die Opfer des Faschismus, engagierte sich in der Gewerkschaft ÖTV und gleich nach der Gründung in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – VVN. Die größte Erfüllung brachte ihr dann die Arbeit beim Stiftungsamt der Stadt Stuttgart, wo sie bis zur Pensionierung blieb. Ihr Engagement war unermüdlich, ihre Lebenssehnsucht und Lebensfreude außergewöhnlich. Einer solch aktiven Frau dieser Generation war ich nie zuvor begegnet.
Was sie ihr Leben lang nicht verlor, war die Angst vor der ›schwarzen Macht‹. Sie hatte eine große Angst vor den Faschisten und Neofaschisten. »Weil wir es gespürt haben! Glaubst du, dass man das vergisst? Ich weiß, dass die Reaktion immer zusammenhalten wird, dass wir für die stets Feinde sind.«
Als Beispiel führte sie an, dass die CDU-Regierung den politisch Verfolgten die Kuren abgelehnt habe. Alle seien krank aus dem Lager gekommen und auf staatliche Unterstützung angewiesen gewesen. Aus diesem Grund wollte Maria Zeh auch nie über Einzelheiten ihrer Widerstandsarbeit sprechen. Sie habe erlebt, dass antifaschistische Widerstandskämpfer, die im Verdacht standen, sich damals mit ›kriminellen‹ Mitteln zur Wehr gesetzt zu haben, nie eine Entschädigung erhalten haben. »Was mich mein Leben jetzt im Alter leben lässt, ist, dass ich – bei allen Androhungen von Verrecken und alledem – meine achtunddreißig Monate Einzelhaft durchgehalten habe, ohne jemanden belastet, verraten oder jemandem geschadet zu haben. Das hilft mir zu leben. Du kannst auch ›Stolz‹ dazu sagen. Ich werde niemals jemanden verurteilen, der sich die Pulsadern geöffnet, sich aufgehängt oder andere verraten hat. Es war eine solche Tortur, die kann man nicht beschreiben. Deshalb darf man über diese Menschen nicht urteilen. Aber dass ich die Kraft hatte, das durchzustehen, das hilft mir heute leben. Es ist ja nicht leicht, alleine zu leben im Alter, aber es ist noch schwerer, wie ich die Frauen erlebt habe, die ein paarmal verlassen wurden von einem Mann – das könnte ich nicht ertragen. Schlimm ist, dass die besten Freunde, die zehn, fünfzehn Jahre jünger sind, dass die sterben. Wie ich zum Beispiel leide über den Tod von Doris Maase und anderen, mit denen man die Enge erlebt und vieles auf Leben und Tod gewagt hat. Wenn die dann wegsterben, das ist schlimm. Es hat ja keiner gedacht, dass man so alt wird. Ich hab jetzt noch ein Leben voller Sehnsucht. Zum Beispiel hab ich mir Möbel angeschafft, da sagen die Leute: ›Ach, in deinem Alter!‹ Ich bin nicht für Luther, aber das sag ich wie Luther: ›Wenn ich wüsste, ich müsste morgen sterben, dann pflanze ich trotzdem noch ein Apfelbäumchen.‹ Das heißt, das Leben geht weiter. Ich will das. Ich leb auch noch sehr gerne. Mit allen Gebrechen und mit allem, was nicht angenehm ist. Aber ich reiß mich auch schwer zusammen. Für die Zeiten, in denen ich mich einsam fühle, hab ich mir einen Spruch von Bert Brecht angewöhnt: ›Sich rühren ist besser als gerührt sein.‹ Dann mach ich irgendwas. Ich hab immer irgendwo etwas, was man machen muss.«



