Und dann kommst Du dahin an einem schönen Sommertag

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Im Juni 1987 erkrankte Maria Zeh sehr schwer und starb im Dezember 1989 in einem Krankenhaus. Sie kennen gelernt zu haben war ein Einschnitt in meinem Leben. Die Begegnung mit ihr führte letztendlich dazu, dass ich in den folgenden fünfundzwanzig Jahren nahezu 200 Ravensbrückerinnen interviewt habe.
BEGINN DER SAMMLUNG
1979 nahm Maria Zeh mich mit zu einem Treffen mit ihren »Kameradinnen«, wie sie sagte. Und dort, im Stuttgarter Waldheim1, begegnete ich dreißig weiteren Frauen. In ihren geblümten Sommerkleidern sahen sie wie typische Großmütter aus. Doch etwas stimmte nicht an dem Bild, das sich mir bot: Die Frauen redeten nicht über Krankheiten, Enkelkinder und Königshäuser. Sie diskutierten eine Resolution an die Gewerkschaftsführung, in der sie forderten, für Senioren politische Veranstaltungen statt Kaffeekränzchen anzubieten. Sie tauschten sich über ihre Aktivitäten aus, und ich erfuhr, dass jede in ihrem Umfeld an Veranstaltungen, Demonstrationen und politischen Aktionen beteiligt war. Sie gingen in Schulen, erzählten von ihren Erfahrungen während des Faschismus, von Widerstand und Verfolgung.
So war ich in einen Kreis von politisch aktiven Seniorinnen geraten, die sich einmal im Jahr zu einer mehrtägigen Tagung trafen. Ihre Treffen wurden für mich in den folgenden Jahren ein fester Termin in meinem Kalender. Während der Tagungen wurde diskutiert und abgestimmt, wurden immer wieder neue Forderungen formuliert. Damals waren es: Keine Lagerung von Giftstoffen! Keine Atomkraft! Anstelle der Stationierung von neuen der Abbau vorhandener Vernichtungswaffen! Jeder Satz, jedes einzelne Wort wurden besprochen und genau formuliert.
Und doch war ihr ›Kampf‹ ein sehr spezieller: Sie hatten Krieg und Nationalsozialismus erlebt, sie waren wegen ihres politischen Engagements verfolgt worden und hatten Folter und Haft erlitten. Der kommunistische Widerstand gegen das »Dritte Reich« hatte eine große Zahl an Opfern gefordert; sie hatten überlebt. Die politische Überzeugung war Grundlage ihres Zusammenhalts – zugleich machte sie sie im Nachkriegsdeutschland zu Außenseitern, wie schon in den Jahren der NS-Diktatur. Die Stimmung im Land war eher antikommunistisch, geprägt vom Kalten Krieg. In den frühen 80er Jahren hatten die politisch Verfolgten keine Lobby. Dieser Stimmung wollte auch die »Lagergemeinschaft Ravensbrück« entgegenwirken. Die KPD war 1956 wieder verboten worden. In der DKP hatten sie nach deren Gründung 1968 wieder ein politisches Zuhause gefunden. Ihre Ehemänner hatten viele Berichte über eigene Erlebnisse in der KZ-Haft verfasst. Die Frauen blieben im Hintergrund, redigierten die Texte, in denen sie selbst meist nicht vorkamen. Oftmals hatten sie auch noch nach der Verhaftung ihrer Männer weiter im Untergrund gearbeitet.
»Zur Sprache kommen«
Als Gertrud Müller2, die Vorsitzende der Lagergemeinschaft, im Rahmen einer Tagung die anwesenden Frauen energisch aufforderte, doch endlich ihre Erinnerungen aufzuschreiben, und dann die Diskussion darüber begann, wie schwierig es wäre, sich ganz alleine und ohne Gegenüber den Erinnerungen zu stellen, war die Idee schon geboren: In derselben Nacht beschlossen meine Kollegin Helma Fehrmann und ich, die Erinnerungen dieser Frauen auf Video aufzunehmen. Als wir unsere Absicht am nächsten Tag vorstellten, erklärten sich viele spontan zu einem Interview bereit. Schnell war klar, dass die Älteste in der Runde den Anfang machen sollte. So wurde Aenne Meier3, die 1896 geborene Kreisfürsorgerin aus dem Saarland, meine zweite Interviewpartnerin. Im Dezember 1980 besuchte ich mit dem Kameramann Rolf Schnieders die Vierundachtzigjährige in ihrer Wohnung im Saarland. Sie war auf unser Gespräch gründlich vorbereitet und hatte all ihre Aufzeichnungen herausgesucht.
Durch Aenne Meier habe ich erste grundlegende Informationen über das Frauen-KZ erhalten. Akribisch, handgeschrieben in zahllosen kleinen Heften, sammelte sie seit vielen Jahren Namen und Fakten über das Frauen-KZ und fügte sie zu einem umfassenden Bericht über das Lager zusammen. Erst sehr viel später – aber da war Aenne Meier bereits gestorben4 – wurde mir bewusst, wie wenig ich über ihre Person und ihre persönlichen Erlebnisse aus dem Lager erfahren hatte und wie viele Fragen ich ihr gerne noch gestellt hätte.
In Erinnerung ist sie mir als eine ausgesprochen herzliche, wache und aufmerksame Person geblieben, die mir, der damals unerfahrenen Interviewerin, voller Verständnis und Einfühlungsvermögen alle Fragen geduldig beantwortete. Gleichzeitig achtete sie sorgsam darauf, dass ich den von ihr empfohlenen Kräutertee warm trinke und nicht vergesse, etwas zu essen. Ich fühlte mich wie in der Geborgenheit einer umsorgenden Oma.
Danach begannen unsere Reisen durch die Republik und die ersten Videointerviews mit den ehemaligen politischen Häftlingen. Der Kreis der »alten deutschen Widerstandskämpferinnen« bildete den Schwerpunkt der ersten Gruppe von Interviewpartnerinnen in den Jahren 1980 bis 1985. »Uns hat nie jemand gefragt« und »Ich bin es nicht gewohnt, von mir zu sprechen« waren Sätze, die ich oft hörte. Dazu kam die Angst: Der Wechsel von der SPD- zur CDU-Regierung im Jahr 1983 ließ die Hoffnung auf eine späte Anerkennung sinken. Furcht vor erneuter Überwachung, Bespitzelung und der Kampf um karge Entschädigungsrenten prägten die Stimmung.
Ein Übriges hatte die westdeutsche Entschädigungspolitik getan, sodass in den ersten Gesprächen vieles über die konkreten politischen Aktivitäten verschwiegen wurde: wenn beispielsweise Waffen, Sprengstoffe oder gefälschte Papiere im Spiel waren oder was die konspirative Arbeit im Untergrund anging. Meist geschah es aus Angst, dafür im Nachhinein belangt oder als ›kriminell‹ definiert zu werden, den Anspruch auf Entschädigung zu verlieren. Nicht wenige Überlebende der Konzentrationslager waren nach dem KPD-Verbot in den 50er Jahren erneut inhaftiert gewesen; ihre Kinder erlebten das Berufsverbot (z.B., weil sie in der DKP oder in der VVN engagiert waren), sie selbst erlebten Überwachung durch den Staatsschutz.
HERMINE SCHMIDT

Hermine Schmidt hatte noch nie öffentlich über ihre Erlebnisse in Ravensbrück gesprochen. Bei den Versammlungen der Lagergemeinschaft hielt sie sich im Hintergrund. Sie hörte aufmerksam zu, und wenn sie sich zu Wort meldete – was selten geschah –, sprach sie mit entrüsteter Stimme, in ihrem bergischen Dialekt Worte suchend. Sie war es nicht gewohnt zu sprechen.
Nach dem Ende ihrer mehr als zweijährigen Haft war Hermine Schmidt bei Kriegsende nach Hause zurückgekehrt. Ihr Vater hatte den Krieg nicht überlebt, er war in der Haft ermordet worden. Hermine war eng mit ihrem Vater verbunden gewesen, war ihm auch politisch gefolgt und gemeinsam mit ihm verhaftet worden. Über das, was sie während der Haftzeit erlebt hat, habe sie auch deshalb nie gesprochen, weil niemand ihr geglaubt hätte. Es sei direkt nach dem Krieg auch keine Zeit gewesen, denn im Vordergrund stand das Überleben. Mit ihren älteren Geschwistern nahm sie die kleine Weberei der Familie wieder in Betrieb, doch der Ertrag reichte kaum zum Leben. Obst und Gemüse wurden im Garten angebaut, auf dem großen Grundstück Schafe, Hühner und Ziegen gehalten.
Als wir Hermine Schmidt 1982 das erste Mal besuchten, lebte die 79-Jährige mit ihrem älteren Bruder und ihrer verwitweten Schwester noch immer in dem kleinen bergischen Haus. Hermine versorgte den Obst- und Gemüsegarten und die Haustiere. Die Bandweberei, in der glitzernde Geschenkbänder hergestellt wurden, war noch immer in Betrieb. Hermines Leben bestand aus schwerer Arbeit, ihre abgearbeiteten Hände zeugten davon. Die jährlichen Reisen zu den Treffen der Lagergemeinschaft – das Zusammensein mit den Kameradinnen – waren ihr einziger Luxus und der einzige Ort, wo sie die schweren Erinnerungen an die Haft zulassen konnte.
Geschichten aus Ravensbrück kamen in Bruchstücken aus ihr heraus, oftmals von Tränen begleitet. Insgesamt habe ich Hermine Schmidt in den Jahren 1982 bis 1987 dreimal besucht und befragt.
»Da habe ich mich ganz blöde gestellt«
Hermine Schmidt kam am 28. Juli 1905 in Wuppertal-Beyenburg zur Welt. Ihr Vater, Hermann Schmidt, war vor dem Ersten Weltkrieg SPD-Mitglied, anschließend in der USPD und später in der KPD. Bis 1929 war er Stadtverordneter der KPD in Remscheid-Lüttringhausen. Er war Bandwirker und hatte einen kleinen Betrieb im eigenen Haus. Dort erlernte auch Hermine Schmidt den Beruf der Bandwirkerin. Sie hatte zwei Brüder und eine Schwester. Die ganze Familie beteiligte sich am Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Hermine Schmidt: »Ich bin nicht in der Partei gewesen, aber ich habe so ziemlich alles mitgemacht.«
Bereits im Frühjahr 1933 wurde die Werkstatt mehrfach durchsucht; ihr Vater und die beiden Brüder wurden verhört und misshandelt. Doch die Familie engagierte sich weiterhin mit der Unterbringung von Flüchtlingen und Emigranten – unter anderem KPD- Funktionäre –, die ins Ausland, hauptsächlich nach Holland, geschleust werden sollten. Im Haus gab es einen Vervielfältigungsapparat zur Herstellung von Flugblättern, und es gab – wie Hermine Schmidt zwar zaghaft, aber schmunzelnd zugab – auch Waffen. »Am Anfang haben wir noch Flugblätter gedruckt. Dann wurde es hier zu gefährlich, und wir haben nur noch Unterkunft gewährt. Wir haben immer Emigranten untergebracht. Da war zum Beispiel eine Grete Müller, ich hab ihr eine Brille und einen großen Strohhut gekauft, und sie hat sich noch einen Blumenstrauß gekauft. Damit ist sie dann einfach an die Grenze gegangen, das war das schwerste Stück, sie über die Grenze nach Holland zu kriegen. Das hat aber geklappt. Das waren wieder andere, die das machten. Einer, der Kurt, mehr wussten wir nicht über ihn, der ist öfter hier gewesen, und der ist verraten worden. In Berlin müssen sie ihn wohl geschnappt haben. Da sind Hunderte verhaftet worden. Da hat es auch viele Todesurteile gegeben. Und dann waren da noch die, die sie hier unten im Wuppertaler Polizeipräsidium totgeschlagen haben.«
Am 1. Februar 1943 wurde Hermine Schmidt zusammen mit ihrem Vater verhaftet. Im Polizeigefängnis Wuppertal wurde sie zehn Monate in Einzelhaft gehalten. »Am Anfang bin ich oft raufgeholt worden zum Verhör, da habe ich mich ganz blöde gestellt. Ich dachte, der Kurt – der gemeine Kerl – hätte mich heiraten wollen, habe ich gesagt. Die haben das scheinbar geglaubt. Aber weil ich mich so naiv angestellt habe, konnte ich dann gar nichts mehr sagen. Die haben doch haufenweise Sachen bei uns gefunden, Vervielfältigungsapparat und Flugblätter, Papiere zum Drucken.«
›Schutzhaft‹ in Ravensbrück
Anfang November 1943 wurde die achtunddreißigjährige Hermine Schmidt zur ›Schutzhaft‹ in das Frauen-KZ Ravensbrück eingewiesen. Sie kam nach einem vierwöchigen Transport über Köln, Essen, Bremen, Hamburg nach Berlin. Dort erlebte sie schwere Bombenangriffe; die Häftlinge wurden drei Stunden lang im Waggon auf einem toten Gleis abgestellt. In Ravensbrück kam sie erst im Dezember 1943 an. »Vor dem Tor stand die ganze SS, die Aufseherinnen. Da wurden wir in Empfang genommen, und dann ging es direkt ins Bad. Sie waren mit Hunden da, wie Verbrecher wurden wir behandelt. Wir mussten uns aufstellen und wurden angeschrien, gemeinste Worte hat man zu uns gesagt. Wir mussten alles ausziehen, wurden untersucht, die guckten direkt nach den Zähnen, schrieben auf, wer Goldzähne hatte! Wir hatten im Winter keine Strümpfe, bloß ein Hemd und ein Kleid, und einige hatten noch eine Jacke. Wir bekamen einen roten Winkel, aber an die Nummer kann ich mich nicht mehr erinnern, das war irgendwas mit 24.000.«
Acht Wochen lang blieb Hermine Schmidt auf dem Zugangsblock als ›Verfügbare‹. »Der Zugangsblock war einer der schrecklichsten. Morgens mussten die Betten gemacht werden. Wenn das alles fertig war, kriegten wir ne Tasse Kaffee, das war ein Sauzeug. Dann wurde gestanden: Zählappell! Das dauerte manchmal Stunden, je nachdem, wie die gelaunt waren oder ob es regnete, dann kamen die später. Da durfte man sich nicht rühren.«
Nach dem Zählappell erfolgte die Aufteilung der Arbeitskommandos. Hermine Schmidt arbeitete im Straßenbau, musste Schiffe entladen und Gartenarbeiten ausführen. »Da war viel Schikane. Im Winter bin ich mal auf einem Kommando gewesen, da mussten wir ein Schiff Ziegelsteine ausladen. Da war eine dünne Eisschicht am See, da sind Frauen gewesen, die hatten ganz blutige Hände. Die ganze Haut war erfroren und abgegangen. Im Revier kriegten sie Jod drauf und mussten am andern Tag wieder arbeiten. Bei der Arbeit im Außenkommando mussten wir Häftlingskleider tragen, und so gingen wir zur Kleiderkammer. Dort arbeitete Lieschen Kubier. Ich sagte: ›Du musst mir unbedingt eine Jacke mit einem Gürtel dazutun.‹ Denn ich hatte schon von anderen gehört, wie die klauten. Als ich dann schon alles ein bisschen kannte, fiel es auch leichter. Mittags kriegten wir Kartoffeln, die wurden in großen Kesseln für die Schweine gekocht. Davon kriegten wir welche zu essen. Die hab ich unterm Kleid mit ins Lager gebracht. Wenn ich jetzt dran denke, dass die mich am Tor geschnappt hätten – das Wenigste wäre der Strafblock gewesen oder Bunker oder fünfundzwanzig Schläge –, das wäre furchtbar gewesen. Aber ich hab in so was immer Glück gehabt.«
»Weißt du noch, wie du mir den Gürtel …?«
Bei einem meiner Besuche bat mich Hermine Schmidt, sie mit dem Auto zu Lieschen Kubier zu fahren. Sie könne den Berg nicht mehr hochlaufen und habe ihre Freundin, die das Haus nicht verlassen kann, seit Jahren nicht mehr gesehen. Voller Vorfreude saß sie im Auto und lotste mich hin. Doch an der Haustüre wurden wir barsch und unfreundlich von jungen Leuten empfangen: Frau Kubier wäre zu krank, sie könne keinen Besuch empfangen. Als sich im Hintergrund eine Türe öffnete und eine alte Frau herausschaute, stürmte Hermine auf sie zu und zog mich mit hinein. Lieschen Kubier war voller Freude über den unerwarteten Besuch, und nach der Begrüßung waren wir sogleich mitten in Ravensbrück: die Kartoffelgeschichte! »Weißt du noch, wie du mir den Gürtel …?« Natürlich erinnerte sich Lieschen Kubier, und beide Frauen erzählten aufgeregt, wie sie die Kartoffeln im Kleid unter der Brust – durch den Gürtel gehalten – ins Lager schmuggelten. Immer noch erregt bei dem Gedanken, was gewesen wäre, wenn … Doch die Freude dieser Begegnung währte nur kurz. Unfreundlich wurden wir aus dem Raum gewiesen: Frau Schmidt müsste doch wissen, dass immer nach ihren Besuchen die Erinnerungen hochkämen und Frau Kubier sich nicht mehr beruhigen ließe und sie es wieder so schwer hätten mit ihr. Auch der Widerspruch von Frau Kubier half nicht. Wir sollten sofort gehen. Beim Abschied nahm Lieschen Kubier meine Hand und sagte: »Ich bin jede Sekunde meines Lebens im Lager!«5
»Ich dachte, du wärst schon durch den Schornstein gegangen«
Nachdem Hermine Schmidt ein Vierteljahr in Ravensbrück war, erkrankte sie schwer. »Auf einmal fing das an, ich fiel immer so rüber, und das Essen lief mir aus dem Mund, die ganze Seite war wie gelähmt. Hernach hat mich die Stubenälteste ins Revier geschickt, zur Untersuchung. Da saß die Schwester Luise am Tisch, das war eine braune Schwester, Stiefel hatte sie an, das werde ich nie vergessen. Ich denke immer, da fehlte nur noch eine Zigarette im Mund! Die Häftlingsärztin musste ihr dann sagen, was man hatte. ›Auch zu faul zum Arbeiten, raus!‹, schrie sie. Aber ich konnte doch nicht mehr stehen! Da hab ich lange Zeit im Block unter dem Tisch gelegen, wo die Frauen am Stricken waren. Ich durfte doch nicht ins Bett! Wenn die mich gefunden hätten, dann wäre ich in den Krankenblock gekommen – und wenn der Krankenblock voll war, dann ging ein Transport weg zur Vergasung. Die das wussten, sagten immer: ›Und wenn du über die Erde kriechen musst, meld dich nicht krank.‹ Mehr sagten die nicht.«
Der Blockältesten gelang es, Hermine Schmidt zum Stubendienst einzuteilen, damit sie nicht zur Arbeit ausrücken musste. »Es gab auch eine tschechische Ärztin, ein Häftling, zu der ging ich irgendwann hin und klagte mein Leid. ›Das ist alles Einbildung, du bist überhaupt nicht krank!‹ Ich sollte mir das doch nicht einbilden, so schimpfte sie mich aus. Ich denke: Was will die? Ich bin doch krank! Nach ein paar Wochen treffe ich sie wieder, sie bleibt vor mir stehen und sagt: ›Ich dachte, du wärst schon durch den Schornstein gegangen.‹ Ich fragte: ›Warum denn?‹ ›Ich wusste, dass du das nicht überlebst, du warst so krank, du solltest aber nicht dran glauben.‹ Die wollte gut zu mir sein und hat mich ausgeschimpft! Kannst du dir das vorstellen? Die war wirklich prima. Ich sollte mich nicht hängen lassen, so schlimm wäre das alles nicht. Sonst wäre ich ja nicht nach Hause gekommen.«
Hermine Schmidt wurde gesund. Sie war der Meinung, dass die tschechische Ärztin ihr den entscheidenden ›Schubs‹ gegeben habe. »Ich sagte mir, die werden mich hier nicht kaputt kriegen. Wir hielten doch zusammen wie Pech und Schwefel, dann kommt das andere von selber. Wer alleine war, der überlebte das nicht. Alle, die nach Hause gekommen sind, haben solch einen Willen gehabt. Die haben auch im Lager Halt gehabt.«
Schlimme Erinnerungen hatte Hermine Schmidt an die hygienischen Bedingungen im Lager. Die Waschbecken reichten nicht aus für die vielen Frauen im Block, und zwischen Wecken und Appell blieb kaum Zeit für alle, sich zu waschen. »Für dreihundert Frauen waren da viel zu wenig Waschhähne, da kamst du selten dran. Ich hab zum Glück die ganze Zeit keine Periode gehabt, viele hatten sie nicht mehr. Die ist ausgeblieben. Erst ein halbes Jahr, nachdem ich wieder hier war, fing sie wieder an. Diejenigen, die ihre Blutungen hatten, mussten das runterlaufen lassen, die hatten keine Binden, nichts, gekriegt. Auf diese Art war es gut, dass ich sie nicht hatte.«
»Auf Sabotage stand Tod durch Erschießen«
Hermine Schmidt ist überzeugt, dass sie nicht überlebt hätte, wenn sie weiterhin schwere körperliche Arbeit hätte leisten müssen. »Da war eine russische Ärztin in der Weberei, die sagte: ›Hermine, melde dich in die Weberei, da bist du sicher.‹ Das hab ich getan. Ich bin angenommen worden, weil ich das gelernt hab. In der Weberei mussten wir hart arbeiten. Der Bandstuhl blieb einmal mittendrin hängen. Dann gingen die ganzen Fäden kaputt, alles fiel nach hinten. Die Anweiserin hat mir geholfen. Doch ein paar Tage drauf passierte dasselbe wieder. Wieder war ich an dem Stuhl. Da sagt die Anweiserin: ›Ich muss dich melden.‹ Das war ja ein Ausfall, also war sie gezwungen, das zu melden. Ich denke: Mein Gott, jetzt ist es zu Ende! Besser ich melde das selber. Ich ging also hin und sagte: ›Herr Scharführer, am Stuhl klappt was nicht.‹ Ich wüsste nicht, was das wäre, ob er mal nachsehen wollte. Er ging hin, setzt ein, klatsch, dasselbe. Da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen! Ich hatte Todesangst gehabt, denn das war Sabotage, und auf Sabotage stand Tod durch Erschießen! Das zu melden war das Einzige, was ich machen konnte, und zum Glück, beim ersten Schuss direkt, blieb der Stuhl stehen. Dann kam ich anderswo hin. Der war zu faul, den Stuhl wieder in Ordnung zu bringen. Das waren Augenblicke, wo man wirklich Todesangst hatte.«
»Hier geht noch eine rein«
In der Weberei blieb sie bis zum 28. Juli 1944 – das Datum wusste sie genau, es war ihr Geburtstag. Hermine Schmidt sollte aus Ravensbrück entlassen und in Hamm vor Gericht gestellt werden. Doch sie war wieder erkrankt und nicht transportfähig, so wurde ihr Prozess vertagt. Mit Geschwüren am ganzen Körper verbrachte sie sechs Wochen im Krankenrevier. Als sie davon erzählte, fiel ihr Folgendes ein: »Wie ich auf dem Krankenblock war, da mussten wir die Toten in den Totenkeller bringen. Die eine machte den Sarg auf: ›Geht nix mehr rein.‹ Dann den nächsten: ›Hier geht noch eine rein.‹ Den Deckel hoch, da wurde die Trage umgekippt – wir durften die ja nicht anfassen, wegen Leichengift –, und abends kamen die alle auf eine lange Karre; die wurde von Frauen zum Krematorium gezogen, und dort wurden die verbrannt.«
Jeden Tag war man mit dem Tod konfrontiert. »Ich hab zwei junge Mädchen erlebt, ich glaube, die waren aus Litauen oder Estland. Die eine haben sie vom Hund zerreißen lassen. Die Hunde waren darauf abgerichtet! Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber es ist viel wert gewesen, dass man abgestumpft ist. Die Aussprache war nicht so fein wie hier, da wurde man ein bisschen gewöhnlich, das kommt von selber mit der Zeit.«
Fünf Monate später, Anfang Januar 1945, brachte man Hermine Schmidt schließlich als Untersuchungsgefangene nach Hamm, um sie dort vor Gericht zu stellen. Wegen der Bombenangriffe kam es aber nicht zum Prozess, denn alle Akten waren zerstört. Sie wurde in das Gefängnis von Wiedenbrück bei Gütersloh weitertransportiert. Dort erlebte sie die Befreiung durch amerikanische Soldaten – Hermine Schmidt war vierzig Jahre alt. Nach zwei Wochen Fußmarsch erreichte sie ihr Elternhaus und traf ihre Mutter und Schwester an. »Ich sah ja ein bisschen verboten aus. Vierzehn Tage unterwegs. Ich bin durch die Lippe gegangen, durch den Fluss. Alle Brücken waren ja kaputt. Ich kann bis heute nicht verstehen, wie ich das ausgehalten habe, bis nach Hause zu kommen. Meine Mutter hatte ja so viel Leid erlebt. Die hat sich gefreut, wenn sie auch geheult hat. Nun dachten wir ja immer, der Vater wäre auch gekommen, der ist aber nicht gekommen, der blieb vermisst. Als er verurteilt wurde, hat er acht Jahre gekriegt. Vielleicht hat er einen Tod gehabt, wo er nichts von gemerkt hat …«
»Ich träume, dass man mich wieder holt«
Von ihren Erlebnissen in der Haftzeit konnte Hermine Schmidt niemandem erzählen. »Hier konntest du nichts sagen – die meisten hier sind Nazis gewesen. Übergeschnappt waren die! Wie das im Lager gewesen ist, das haben die Nachbarn hier ja nicht geglaubt.«
Auch wenn das Leben weiterging, Hermine die elterliche Weberei wieder in Betrieb nahm und sich ein bescheidenes Leben einrichtete, Ravensbrück konnte sie nie vergessen. »Zuerst hab ich immer geträumt, sie haben mich wieder geholt. Lange Jahre hab ich das geträumt, und ich wusste, wenn sie einen wieder holten, kam man direkt in den Strafblock. Wenn ich jetzt darüber rede, dann bin ich schon wieder ein bisschen aufgewühlt.«
Hermine Schmidt wurde Mitglied der Lagergemeinschaft Ravensbrück. Das jährliche Zusammentreffen mit den Kameradinnen bedeutete ihr sehr viel. Selbst wenn sie nur wenig mit den anderen Ravensbrückerinnen sprach – für sie war das entscheidende Gefühl, im Kreis von Leidensgefährtinnen zu sein. »Jeder Mensch hat was, woran er sich wieder aufrichten kann, so ist das auch da. Wenn ich kann, geh ich nächstes Jahr wieder. Die Kraft hat man einfach. Das kann man vergleichen, wie ich damals nach Hause ging. Man war ja halb verhungert und hatte so viel hinter sich. So ähnlich ist das jetzt auch, wie man die Kraft aufbringt. Aber wenn ich ständig darüber reden sollte, käme ich nie zur Ruhe.«
Hermine Schmidt starb am 25. Januar 1995 im Alter von 89 Jahren. Bis zu ihrem Tod lebte sie von einer spärlichen Rente zusammen mit einem ihrer Brüder und ihrer Schwester in dem kleinen Schieferhaus in Beyenburg.
ELFRIEDE SCHNEIDER

Elfriede Schneider lernte ich 1983 bei der Tagung der Lagergemeinschaft Ravensbrück in Moringen kennen. Sie war zum ersten Mal dabei. Die mädchenhaft zierliche, knapp sechzigjährige Frau war die Jüngste im Kreis der Überlebenden. Zurückhaltend und schüchtern hielt sie sich am Rand des Geschehens. Beim Mittagessen des zweiten Tages saßen wir nebeneinander. Sie getraute sich kaum, Essen zu bestellen, ließ sich dann aber doch dazu überreden. Als ihr Schnitzel kam, stocherte sie lustlos auf dem Teller herum und aß kaum etwas. Dann brach es aus ihr heraus: Drei Nächte habe sie nicht geschlafen, vor Aufregung hierherzukommen. Noch nie sei sie in einem früheren Lager gewesen. Und auch wenn sie selbst nicht in Moringen inhaftiert gewesen sei, würden alle Erinnerungen an die Haft in Ravensbrück wieder lebendig werden. Sie habe schreckliche Träume und könne nichts zu sich nehmen. Dazu kam, dass niemand mit ihr sprach und manche ihr sogar zu verstehen gaben, dass sie unmöglich in Ravensbrück gewesen sein könne. Nur einmal habe sie beiläufig geäußert, dass sie im Lager keine Gemeinschaft erfahren habe, nicht diese Solidarität gekannt habe, von der permanent die Rede sei. »Dann war ich wohl in einem anderen Lager«, hatte sie die Beschreibungen der anderen kommentiert. Daraufhin habe diejenige, die zufällig neben ihr saß, gesagt, dass sie wohl keine ›Politische‹ sei.



