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Wenn ihre Mutter sagte: »Das kannst du nicht!«, dann fühlten sich die Worte für Annika wie Schläge an. Es schwang immer ein Vorwurf mit, so als ob es ihre Schuld wäre, wenn sie wieder einmal die Erwartungen ihrer Mutter enttäuschte. Und aus »Das kannst du nicht!« wurde »Das lohnt sich nicht!« Schwimmtherapie für den Bewegungsapparat – lohnt sich nicht. Reitstunden auf dem Therapie-Pony – was soll das bringen? Ein Spezialrollstuhl für Sport, wozu denn das? Es lohnt sich nicht. Du kannst das nicht.
Unsinn, kommentierte die kaum hörbare Fistelstimme und riss Annika aus ihren Gedanken.
»Ich kann aber nicht laufen«, wiederholte Annika.
Wer spricht denn vom Laufen? Wer will denn laufen, wenn er fliegen kann?
***
Gerade, als Annika einwenden wollte, dass sie doch auch des Fliegens keineswegs mächtig war, spürte sie, wie sie den Kontakt zu Sitz und Lehne ihres Rollstuhls verlor. Etwas zog sie mit enormer Macht durch das offene Fenster hinaus in die fliederschwere Abendluft. Aus ihrer neuen Perspektive sah sie, dass sich im Westen bereits Wolken türmten, und hörte ein leises Grollen, das das nahende Gewitter ankündigte. Den Weg zum Waldsaum, der ihr vom Fenster aus eben noch unüberwindlich erschienen war, legte sie in einem Wimpernschlag zurück. Nach der flirrenden Vorgewitterschwüle fühlte sich die Kühle des schattigen Blätterdachs angenehm auf der Haut an.
Annika wusste gar nicht, wie ihr geschah. Beinahe schwerelos und mit solcher Leichtigkeit hatte sie sich in ihrem Leben noch nie fortbewegt. Unzählige Male hatte sie sich ausgemalt, wie es wäre zu gehen. Doch wie viel besser noch als jede Fantasie war dieses Gefühl: Sie flog!
Behände wie ein kleiner Vogel schlängelte sie sich zwischen Ästen hindurch, tauchte in frisches Blätterwerk ein und landete schließlich auf einer sonnengefluteten Lichtung. Von oben sah sie Dinge, die sie hauptsächlich aus Büchern kannte: Im weichen, saftigen Gras wuchsen leuchtendgelbe Butterblumen, üppiger Löwenzahn und noch eine Menge von anderen weißen, violetten, blauen und gelben Wiesenblumen. In der Mitte der Lichtung ragte eine riesige, uralte Esche in den Himmel.
Der Baum schien Annika magisch anzuziehen. Sie wollte in seiner Nähe sein, die raue Borke seines Stamms mit der Hand berühren. Annika landete und ließ sich im Schatten der Esche nieder.
Sie lehnte sich mit ihrem schmerzenden Rückgrat gegen den aufrechten Stamm und folgte mit ihrem Blick, den Kopf weit in den Nacken gelegt, dem Baum bis in die feinen Verästelungen seiner ausladenden Krone. Aus dieser Perspektive erschien es ihr, als ob das Blätterdach des Baumes den Himmel abstützte und seine weiten Äste die ganze Erde umspannten.
***
Da nahm Annika wieder eine leise, flüsternde Stimme wahr. Sehnst du dich nicht nach der Zeit zurück, zischte die, als du noch ein kleines Kindchen warst? Das Leben war so viel einfacher damals, nicht?
Annika dachte daran, wie sie auf den Schultern ihres Vaters durch die Welt geritten war. Seine kräftigen Beine hatten die ihren ersetzt. Sie waren wie ein seltsames Wesen mit einem Unterleib und zwei Köpfen gewesen, das lachte und sang. Dort oben hatte Annika sich unverwundbar gefühlt. Doch inzwischen war sie ihrem Vater viel zu schwer, er konnte sie nicht mehr so auf dem Rücken tragen. Je älter sie geworden war, desto seltener wurde der Klang ihres Lachens.
Die Leichtigkeit des Moments war mit einem Mal verflogen, so als hätte das Stimmchen mit seinem Einwurf alle Fröhlichkeit und Unbeschwertheit von der Lichtung gesogen.
Als kleines Kind war ihr Leben leicht gewesen, ja, weil sie so viel von dem noch nicht gekannt hatte, was man ihr später verwehren würde. Weil sie noch nicht hatte ermessen können, wie anders sie war.
Annikas Blick glitt an ihren Beinen entlang und ihr Magen verkrampfte sich. Sie packte mit beiden Händen ihre Oberschenkel und rüttelte daran. Von einer plötzlichen Wut gepackt, griff sie nach einem Stöckchen, das sie im Gras fand, und warf es nach ihren eigenen Füßen.
Ach, könnte sie sie doch ausreißen, diese dummen, nutzlosen Stelzen!
***
Da vernahm sie eine weitere krächzende Stimme. Und wie wird das wohl weitergehen? Hämisch setzte sie hinzu: Eine Last bist du, dein Leben lang. Allen, die du liebst!
Annika erinnerte sich daran, was ihre Mutter oft seufzend sagte: dass sie sie ihr Leben lang brauchen würde. Sie würde immer auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Was nützte es da schon, wenn sie jetzt lernte und übte, um einen guten Schulabschluss zu bekommen? Am Ende würde sie doch nie so leben können wie normale junge Frauen.
Angst ergriff Annika und schnürte ihr die Kehle zu. Eine Angst, die sie bereits oft verspürt hatte, wenn sie sich ihr späteres Leben ausmalte. Sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Die Furcht verdrängte die Wut und verdeckte jeden positiven Gedanken, so wie die größer werdenden Wolkentürme die Sonne verdunkelten. Die ersten Regentropfen platschten schwer auf die Blätter der Esche und fielen hinunter in das hohe Gras. Sie trafen ihre nackten Arme und die feinen Härchen sträubten sich. Gleich würde sie richtig nass werden.
Mach dich nicht schmutzig. Pass auf, dass du nicht nass wirst. Bleib im Haus. Die gut gemeinten Ratschläge, die die engen Grenzen ihres bisherigen Lebens noch enger gefasst hatten, gellten automatisch in Annikas Kopf wider. Nur ja nicht noch mehr Arbeit machen. Ohnehin schon hatten ihre Eltern genug mit ihr zu tun. Nicht das auch noch. Vorsichtig sein. Achtsam. Eine Erkältung steckte ihr ohnehin geschwächtes Immunsystem schlecht weg, wie schnell wurde daraus Schlimmeres. Ans Bett gefesselt, nicht nur an den Rollstuhl, und gezwungen, noch mehr Hilfe in Anspruch zu nehmen. Doch warum eigentlich? Wenn sie jetzt durchnässt wurde und eine Lungenentzündung bekam, dann ging es vielleicht zu Ende. Dann fiele sie endlich niemandem mehr zur Last. Und Annika überlegte, dass sie vielleicht besser einfach hier sitzen bleiben sollte, durchweicht vom Regen. Was spielte es schon für eine Rolle?
***
Da meldete sich die erste Stimme wieder zu Wort. Eindringlich sagte sie:
Woher kommst du?
Wohin gehst du?
Was ist dein Glück?
»Glück!« Annika spie das Wort förmlich aus. »Wer redet denn von Glück? Wie könnte jemand wie ich je wirklich glücklich sein?«
Das Stimmchen piepste: Wie viel braucht es denn dazu?
Annika schwieg. Mindestens, so dachte sie trotzig, braucht es dazu Beine!
Deine Beine sind nicht das Problem, fuhr die leise Stimme sie so scharf an, als hätte sie jedes ihrer gedachten Worte genau gehört. Du bist blind und taub! Sieh hin!
Annika blickte sich irritiert um, denn die Lichtung hatte sich nicht verändert. Das emsige Summen der Bienen hatte allerdings aufgehört, auch die Insekten zogen sich vor dem Regen zurück. Die goldgelben Blütenköpfe der Butterblumen wippten auf ihren dünnen Stängeln, wenn ein Wassertropfen sie traf. Sie beugten kurz die Köpfchen, dann richteten sie sich selbstbewusst wieder auf.
Zögerlich streckte Annika ihre Arme aus und strich über das feuchte Gras auf dem Boden. Jetzt prasselte der Regen bereits mit dicken Tropfen auf das Blätterdach der Esche nieder. Ein großer, brauner Vogel, der unter dem Baum Schutz gesucht hatte, ließ einen krächzenden Laut vernehmen. Es roch nach feuchter Erde.
In Annika reifte ein Entschluss. Sie wusste nicht, woher er plötzlich kam, doch er war da und er ließ sich nicht mehr abschütteln. Entschlossen stemmte Annika ihre Füße in den weichen Waldboden und schob sich, mit dem Rücken fest an den Stamm der Esche gedrückt, hoch. Es kostete sie große Anstrengung, bis sie auf ihren wackeligen Beinen stand. Der harte Baumstamm stützte sie. Jetzt regnete es in Strömen. Ohne Unterlass fielen die Tropfen auch durch die schützenden Blätter der Esche. Annika fing einen Regentropfen mit der Zunge und ließ die kalte Flüssigkeit im Mund zergehen. Ein Grinsen glitt unwillkürlich über ihre Lippen.
Sie wusste nicht, wie lange sie dort gelehnt hatte. Annika verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit, vielleicht stand der Moment auch einfach still unter der Esche. Obwohl es immer noch regnete, fühlte Annika, dass es an der Zeit war zurückzukehren. Womöglich sorgte man sich bereits um sie.
***
Als die besorgten Betreuer Annika völlig durchnässt und fröstelnd vom Regen auf den Stufen zur Terrasse fanden, fürchteten sie bereits das Schlimmste. Der umgestoßene Rollstuhl lag am Fuß der steinernen Treppe.
Doch Annikas Augen strahlten.
Sie bestand darauf, auf den Arm ihrer Erzieherin gestützt, selbst zum Haus hinauf zu steigen. Ihre Schritte waren ungelenk und langsam, glitten auf den nassen Stufen mehrmals ab, aber Annika ließ sich endlich einmal nicht davon beirren. An diesem Frühlingsabend hatte Annika unter der Weltenesche etwas erfahren, was ihr niemand mehr würde nehmen können:
In der Vergangenheit zu leben, machte traurig.
In der Zukunft zu leben, machte Angst.
Aber wenn du glücklich sein willst, genieße das Hier und Jetzt.
Und: Glücklichsein hängt nicht davon ab, ob man seine Beine bewegen kann.
Spiegelwelten
Erik Huyoff
Gelangweilt ließ ich meinen Blick über das Gelände schweifen. Seit ich ein kleines Kind gewesen war, mochte ich den Halloween-Jahrmarkt, der jedes Jahr im Oktober mit seinen Attraktionen alle Kinder und Erwachsenen zu erschrecken versuchte.
Noch genau erinnerte ich mich an meinen ersten Besuch vor zwölf Jahren, als mir meine Großmutter in der Geisterbahn Geschichten von fremden Welten erzählte. Zwei Nächte lang verfolgte mich das Grauen des Jahrmarktes. Doch entweder war ich mit den Jahren abgestumpft, oder die Attraktionen hatten an Qualität verloren, denn seit einiger Zeit jagte mir hier nichts mehr einen Schrecken ein. Die Freakshows und Kuriositätenkabinette, selbst die berühmt-berüchtigten Vorführungen der Hexer zauberten mir höchstens ein Gähnen aufs Gesicht. Dass ich in diesem Herbst den Jahrmarkt überhaupt wieder besuchte, war wohl eher der Nostalgie als wirklichem Interesse geschuldet.
Ich trank einen Schluck meines Blutorangensafts und tauchte in das Gewimmel ein. Zwischen den ganzen Goth-Queens und Vampirverschnitten in Designer-Anzügen, die von Zelt zu Zelt pilgerten, um gestellte Selfies vor den Attraktionen zu schießen, kam ich mir in meinen ausgeblichenen Jeans komplett verloren vor. Wann war eigentlich der Jahrmarkt zu einem Laufsteg für die neueste Mode geworden? Noch vor der Dämmerung hatte ich das Ende des Geländes erreicht. Lediglich der Kauf eines wunderschönen Klappmessers tröstete mich über die neuerlichen Enttäuschungen hinweg. Ich hatte mich sofort in die filigranen Silberverzierungen am Griff des Messers verliebt und spürte dessen Gewicht bei jedem Schritt schwer in meiner linken Hosentasche. Obwohl der Verkäufer mir deutlich mit dem Preis entgegengekommen war, hatte es mich immer noch fast ein halbes Monatsgehalt gekostet. Aber das war es mir wert, so konnte ich doch noch eine positive Erinnerung aus diesem Jahr mitnehmen.
Gerade, als ich mich dem Ausgang zuwenden wollte, fiel mir ein schmuckloses, großes Zelt auf, das sich an die Mauer, die den Jahrmarkt umgab, quetschte, und das ich bisher noch nie bemerkt hatte. Interessiert ging ich darauf zu. Als ich nur noch wenige Schritte vom Eingang entfernt war, konnte ich ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift Spiegelkabinett – Verlieren Sie sich in unendlichen Welten ausmachen. Ich grinste ob des Slogans – er war deutlich geistreicher als der schlechte Wortwitz Nicht nur für Geisterfahrer!, mit dem die Geisterbahn um Kunden warb. Daher wunderte es mich umso mehr, dass sich hier kein anderer Besucher herumtrieb.
Eine erste Erklärung dafür bot sich mir bereits, als ich das Kassenhäuschen im Eingangsbereich des Zeltes erreichte. Hinter der Theke schlief laut schnarchend ein untersetzter Mann. Speichelfäden rannen aus seinen Mundwinkeln, und wenn ich mir die Flecken auf seiner Jacke so ansah, schien ihn schon längere Zeit niemand mehr geweckt zu haben. Kurz geriet mein Entschluss, das Spiegelkabinett zu besuchen, ins Wanken. Aber mir war klar: Bis zum nächsten Jahr würde ich mich täglich fragen, ob ich nicht doch etwas verpasst hätte.
Entschlossen räusperte ich mich. Nichts geschah. Ratlos sah ich mich um, entdeckte eine Glocke neben dem Eingang und läutete sie. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen hallte durch die Luft und ließ meine Ohren klingeln. Während mein Gehör sich nur langsam wieder normalisierte, räkelte sich der Mann hinter der Kasse und schaute sich verwirrt um. Schließlich fiel sein Blick auf mich. Unverschämt lange musterten seine kalten Augen meinen Körper. Nicht, dass ich dies nicht gewohnt wäre, ab und an genoss ich sogar die bewundernden Blicke, aber diese Situation war … anders. Sein Blick war kalt, berechnend, ohne jegliches Interesse. Mit jedem Augenblick, der verstrich, fühlte ich mich unwohler.
Bereits seit einigen Sekunden verweilten die Augen des Mannes auf meiner Hüfte. Durch den Stoff der Jeans spüre ich das kalte Silber des Messergriffs auf meiner Haut.
»Was hast du da in der Tasche?«
Ich erschrak. Woher wusste er …? Ich war mir sicher, dass sich die Konturen des Messers nicht durch die Tasche abzeichneten.
»Das geht Sie gar nichts an!«, antwortete ich, trotz meines Unbehagens mit fester Stimme. Obwohl er so klein war, jagte mir der Mann Angst ein, was objektiv betrachtet lächerlich schien – schließlich hatte ich ein Messer. Verstohlen tastete ich mit meinen Fingern in der Tasche nach dem Schaft und … griff ins Leere.
»So eine Waffe ist doch nichts für junge Frauen.« Mit einem lauten Plopp sprang die eingeklappte Klinge aus dem Schaft.
Meine Nackenhaare stellten sich auf.
Ohne sich von der Stelle bewegt zu haben, hielt der Zwerg das Messer in der Hand und betrachtete es mit einem Stirnrunzeln. Zärtlich glitten seine Finger über die Intarsien am Griff. »Bezaubernd«, flüsterte er. »Und ziemlich wertvoll.«
Langsam stieg Panik in mir auf. Wie war das Messer in die Hände des Mannes gelangt?
»Ein wunderschönes Stück!« Der kleine Mann seufzte, stand auf und schlurfte mit langsamen Schritten auf mich zu, das ausgeklappte Messer erhoben.
Noch während ich überlegte, ob ich umdrehen und wegrennen oder versuchen sollte, mir das Messer zurückzuholen, klappte er die Klinge mit einem Klick zurück in den Griff.
»So eine meisterhafte Arbeit habe ich schon lange nicht mehr gesehen.«
Mit einem Satz, den ich ihm nicht zugetraut hätte, überwand er den Abstand zwischen uns und schob das Messer zurück in meine Hosentasche, wobei seine Hand einen Augenblick länger als nötig auf meinem Oberschenkel verharrte.
Er grinste. »Ich würde beim nächsten Mal besser auf das gute Stück aufpassen.«
Meine Finger schlossen sich um den Messergriff in meiner Tasche. Das Metall unter meiner Haut zu spüren, beruhigte mich und gab mir ein wenig Sicherheit zurück.
»Was willst du eigentlich hier, Schätzchen?« Der Mann hatte sich mittlerweile wieder hinter seinen Tresen gesetzt und gähnte ungeniert. »Zu Moriartys monsterhafter Mode hättest du links am Zelt vorbeigemusst.« Seine Augen glitzerten vor Abscheu. »Wenn es dir nichts ausmacht, dann schlag doch die Plane beim Rausgehen zu, damit ich nicht erneut beim Schlafen gestört werde.«
»Ich will ins Kabinett!«, antwortete ich.
Schlagartig verschwand das Grinsen von seinem Gesicht. »Wirklich? Das ist nichts für dich, Kleine. Schon viel stärkere und cleverere Leute vor dir haben sich in den unendlichen Welten der Spiegel verloren.« Erneut glitt sein Blick über meine Figur. »Allerdings selten hübschere.«
Von Minute zu Minute fühlte ich mich unwohler in meiner Haut, aber da ich bereits bis hierher gekommen war, wollte ich nun sehen, was sich hier verbarg. Da ich ohnehin maßlos enttäuscht vom Jahrmarkt war, konnte es nicht mehr schlimmer werden.
Ich straffte meine Schultern, zog einen Fünfeuroschein aus der Tasche und knallte ihn auf die Theke.
»Es interessiert mich nicht, was Sie sagen. Ich will zu den Spiegeln.«
Langsam griff der Zwerg nach dem Geldschein und zerrte an der altmodischen Kasse, die erst nach einigen Versuchen mit einem lauten Knarren aufsprang. Wie lange hatte er sie nicht mehr geöffnet?
»Mir soll’s egal sein.« Der Mann seufzte. »Ich werde dich nicht aufhalten. Sag nachher aber nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«
Ich ignorierte ihn und betrat das Kabinett. Es war, wie ich zähneknirschend zugeben musste, viel besser, als es von außen den Anschein machte. Im ganzen Zelt herrschte ein pulsierendes, intensives Licht, das sich in den Dutzenden, wenn nicht Hunderten mannshohen Spiegeln brach, die den Weg durch das Labyrinth markierten. Die Glasflächen waren makellos, warfen die Bilder in allen denkbaren Formen gestaucht, verzerrt oder umgedreht zurück. Bereits nach wenigen Schritten hatte ich im Labyrinth der Spiegel die Orientierung verloren. Was das Ganze jedoch auf einem Mystery-Jahrmarkt zu suchen hatte, war mir schleierhaft. So interessant es hier auch war, mit Horror hatte es nichts zu tun.
Dennoch hob sich meine Laune merklich, als ich von Spiegel zu Spiegel ging und versuchte, meinen Weg aus dem Labyrinth zu finden. Doch egal, wie viele Gänge ich entlang lief, es tauchte einfach kein Ausgang auf. Panik drohte mich zu übermannen, als ich immer schneller durch die Gänge hastete, auf der Suche nach dem rettenden Ausgang.
Schließlich blieb ich ausgepumpt und verwirrt stehen. Das Zelt war zwar groß, aber nicht gigantisch. Es war schlichtweg unmöglich, dass ich das Ende des Labyrinthes verfehlen würde, wenn ich konzentriert an die Sache heranging. Um mich besser orientieren zu können, beschloss ich, mich rechts an der Spiegelwand entlang zu tasten, bis ich auf den Ausgang oder den Eingang stoßen würde. Mit neuer Entschlossenheit ging ich auf den Spiegel zu, streckte die Hand aus und … schrie auf. Das Glas unter meinen Fingern fühlte sich glühend heiß an. Ich fuhr zurück und blinzelte die Tränen des Schmerzes aus den Augen. »Reiß dich zusammen!«, versuchte ich mich zu beruhigen. Wer auch immer für diese Effekte verantwortlich war, hatte seinen Job gut gemacht.
Plötzlich veränderte sich das Licht.
Ich blickte hoch. Anstelle meiner Reflexion war in den Spiegeln eine Landschaft aufgetaucht. Goldene Weizenfelder in voller Blüte glitzerten im Sonnenschein und bildeten einen scharfen Kontrast zu dem dunklen Wald, dessen Bäume bis in den Himmel zu reichen schienen. Mit offenem Mund drehte ich mich im Kreis. Es sah so realistisch aus!
Aus den Augenwinkeln nahm ich eine Bewegung wahr und wandte mich nach links. Auf der Scheibe war eine humpelnde Frau aufgetaucht, die mehr schlecht als recht über die Felder stolperte und aus zahlreichen Wunden blutete. Ein Mann in einer pechschwarzen Rüstung verfolgte sie mit erhobenem Schwert. Mitten auf dem Acker blieb die Frau stehen und trat dem Mann, der sich mit Riesenschritten näherte, mit erhobenen Händen entgegen. Gebannt verfolgte ich das Geschehen. Das war besser als jedes Kino!
Als die Klinge des Mannes in einer fließenden Bewegung in den Körper der Frau fuhr, schrie ich auf. Was für ein sinnloses, grauenvolles Ende.
Plötzlich hob der Ritter im Spiegel den Kopf und sah mir direkt in die Augen. Langsam, fast gemächlich zog er sein Schwert aus dem Körper der Frau und kam näher. Mit jedem Schritt wurde sein Bild im Spiegel größer. Als er es vollends ausfüllte, schwang er seine Waffe.
Ich sprang instinktiv zurück und … krachte durch den Spiegel hinter mir.
Ein lautes Sirren durchbrach meine Gedanken. Intuitiv rollte ich mich zur Seite. Dort, wo ich gerade noch gelegen hatte, fuhr das Schwert des Ritters ins Gras.
Ins Gras?
Ich sprang auf. Was war hier passiert? Ich stand in der Landschaft, die ich in den Spiegeln gesehen hatte. Rasch drehte ich mich im Kreis, doch das Kabinett war verschwunden. Panik drohte mich zu übermannen.
»Vorsicht!«, schrie eine Stimme in meinem Kopf und ich warf mich zu Boden, gerade rechtzeitig, um dem nächsten, kraftvollen Schwerthieb auszuweichen, der mich mühelos in zwei Hälften geteilt hätte.
Wie von Zauberhand sprang das Messer aus der Tasche in meine Hand. Hass loderte in mir auf und übernahm die Kontrolle. Reflexartig duckte ich mich unter dem nächsten Schwerthieb hinweg, eine Zuschauerin im eigenen Kampf. Blind vor Wut stieß ich dem Ritter das Messer in die ungeschützte Stelle an seiner Seite. Bevor ich realisierte, was geschehen war, schlug der Angreifer mit einem lauten Knall auf dem Boden auf. Nur langsam ebbte das Adrenalin in meinem Körper ab. Ich schauderte. Woher wusste ich überhaupt von der Schwachstelle in der Rüstung des Kriegers? Meine Knie begannen zu zittern, schnell übertrug sich das Beben auf meinen ganzen Körper. Was war mit mir passiert? Und wo hatte ich gelernt, so zu kämpfen?
Vorsichtig näherte ich mich dem Fremden, der in einer immer größer werdenden Blutlache lag und sich nicht bewegte.
Ich war … ein Monster!
Als hätte das Wort einen Schalter umgelegt, erinnerte ich mich wieder an die Bilder aus dem Spiegel. Der Ritter war auch nicht besser, hatte eine hilflose Frau umgebracht. Ich ließ meinen Blick über die Felder schweifen und sah ihren Körper einige Dutzend Meter entfernt liegen. Das Messer immer noch in der Hand, näherte ich mich der Fremden.
Überrascht stellte ich fest, dass sie noch atmete. Ihr blutverschmiertes Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor, doch ich konnte nicht sagen, woher.
Plötzlich schlug sie die Augen auf, die sich vor Schreck weiteten.
»Was machst du hier? Verschwinde, ehe sich die Durchgänge zwischen den Welten wieder schließen!«
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. »Aber … wie? Was … warum?«, stotterte ich, unfähig, meine Gedanken in Worte zu fassen.
»Für Erklärungen ist jetzt keine Zeit. Belur, der Wächter, wird dir alles erklären und deine Erinnerungen freisetzen. Doch jetzt flieh, sie kommen!«
Alarmiert blickte ich mich um und sah, wie mehrere Ritter die Felder durchkämmten.
»Flieh!«, wiederholte die Frau eindringlich. »Sie werden dich nicht noch einmal unterschätzen. Du hast pures Glück, dass sie deine Rückkehr nach all den Jahren nicht mehr erwartet haben. Lauf in den Wald! Die Quelle ist deine einzige …« Ihre Stimme versagte.
Ich sprang auf und hechtete auf den Wald zu. Hinter mir erschollen Alarmrufe, anscheinend hatten die Angreifer den Leichnam ihres Kameraden entdeckt. Ohne mich umzudrehen, hastete ich zwischen den Bäumen entlang, hörte, wie hinter mir die Verfolger durchs Unterholz brachen.
Schlitternd kam ich am Rand eines kleinen Sees zum Stehen. War das die Quelle, von der die Frau gesprochen hatte?
Mit einem lauten Sirren flog ein Pfeil knapp an meinem Ohr vorbei. Erschrocken drehte ich mich nach rechts und erblickte auf einer Lichtung einen Ritter, der bereits den nächsten Pfeil auf die Bogensehne legte. Ich holte tief Luft und sprang, ohne nachzudenken, in den See.
***
Eiskaltes Wasser klatschte in mein Gesicht und ich schlug die Augen auf. Über mir stand der kleine Mann, einen leeren Eimer in der Hand. »Den kaputten Spiegel ersetzt du mir aber!«, murrte er verdrießlich.
Ich rappelte mich hoch. Was war geschehen?
Langsam folgte ich dem Zwerg zum Ausgang, der nur wenige Meter entfernt lag. Erst jetzt merkte ich, dass meine Finger immer noch krampfhaft das Messer umklammerten. Ich erstarrte, als ich die Blutstropfen an der Klinge sah, und sank zu Boden. Es war alles wahr. Ich, eine Mörderin. Doch wie …?
Der Mann stieß mich mit dem Fuß an.
»Los, aufstehen! Ich will für heute schließen.«
Plötzlich fiel mir wieder ein, was die Frau gesagt hatte, bevor sie gestorben war.
»Kennst du jemanden namens Belur?«, fragte ich ihn.
Der Zwerg erstarrte mitten in der Bewegung. »Das kann nicht sein«, flüsterte er, mehr zu sich selbst als an mich gerichtet. »Aber dann …« Er straffte die Schultern, seufzte und zwirbelte seinen Bart. »Ich dachte, ich würde diesen Tag nie erleben. Belur Elgarsson, Hüter der Spiegel. Es ist mir eine Ehre«, stellte er sich vor.
»Die Frau im Spiegel sagte, ich sei zurückgekehrt. Was hat sie damit gemeint?«, wollte ich wissen.
Die Gesichtszüge des Hüters entgleisten. »Das kann nicht sein«, flüsterte er. »Nach all den Jahren! Ich wusste doch gleich, dass mir dein Gesicht bekannt vorkommt. Du ähnelst deiner Großmutter sehr. Sie war eine bemerkenswerte Frau – und eine große Kriegerin.« Wehmütig sah er mich von der Seite an. »Folge mir! Ich mach uns etwas Tee«, ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, »mit ganz viel Rum. Wenn du wieder bei Kräften bist, musst du mir erzählen, was geschehen ist.«




