Die verriegelte Tür hinter dem Paradies. Ein Roman frei nach Heinrich von Kleist

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Wohin würde das alles führen? Würden ihm wirklich ganz neue Türen offen stehen? Was würde er wohl aus seinem Leben machen können mit dieser Chance, oder das Leben aus ihm? Halb angedachte Pläne, gute Vorsätze und Phantasien von Reichtum und Ansehen drängten einander abwechselnd aus seinen Gedanken, und erst, als er nach einer guten Weile ganz ungeplant wieder in seine Straße zurückgelangt war, außer Atem und müde gelaufen, ohne die geringste Vorstellung, wo alles er herumgekommen war in diesen letzten ein, zwei Stunden, da kamen mit der körperlichen Erschöpfung auch die Gedankenturbulenzen allmählich zur Ruhe. Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass die ganze Sache ja längst nicht ausgemacht war. Noch stand ihm ja dieses Auswahlgespräch bevor. Du liebe Zeit, da malte er sich schon alle möglichen tollen Sachen aus, während er sich doch wohl viel eher auf morgen hätte vorbereiten sollen! Was er da wohl alles gefragt würde? Hätte er nicht vielleicht besser noch mal in seine Schulbücher geschaut? Schade, dass er sich bei Herrn Mäuthis nicht noch erkundigt hatte, was man dort von ihm erwartete!
In langsamem, nachdenklichem Schlenderschritt ging er jetzt zwischen Häusern und Höfen hindurch, hinunter zum Kanal, um an seinem Lieblingsplatz noch etwas auszuruhen und den Booten und Kähnen nachzuschauen. Gerade wollte er sich auf den Stein unter der Weide setzen, da glaubte er, von irgendwo in der Nähe ein Geräusch zu vernehmen, das er im ersten Moment nicht einordnen konnte. Bald aber kam es ihm vor, als sei es kein bloßes Geräusch, sondern eine menschliche Stimme, ein leises, immer wieder ganz verstummendes Summen. Er hielt inne und versuchte zu lauschen, und da schienen die Töne, die bis zu ihm drangen, eine Melodie zu ergeben, schlicht und doch fremd, so schön, wie er es noch nie gehört hatte. Neugierig trat er unter der Weide hervor und ging am Rand des Wassers entlang. Schon wenige Schritte weiter, von einem Gebüsch bislang verdeckt, sah er Nomi am Ufer sitzen, mit den Zehen des einen Fußes im Wasser baumelnd, den einen Arm auf einen Wäschekorb an ihrer Seite gelehnt, in der anderen Hand die rote Rosenblüte, derentwegen sie heute in der Schule gehänselt worden war (‚oh, man trägt neuerdings rot... man ist wohl verliebt?‘; ‚Quatsch‘, hatte sie zu Elsa gesagt, die sich die Wirkung aus der Nähe ansah, ‚jetzt haben bloß die roten auch angefangen zu blühen, und von den weißen gibt es nicht mehr so viele.‘), das Gesicht zum Wasser gewendet und selbstvergessen vor sich hin summend. Er blieb stehen, unschlüssig, ob er einfach so weiter zuhören oder sich bemerkbar machen sollte. Aber da war sie sich der fremden Gegenwart schon bewusst geworden und wandte sich rasch um.
„Ah, du bist’s. Tag, Johannes.“
„Ach, bitte, sing doch weiter, Nomi! Ich wollte dich nicht stören!“
„Wie, hab ich denn gesungen?“
„Klar, weißt du das gar nicht? Nur ganz leise, ich hab’s gar nicht richtig hören können. Aber es war so schön! - Kannst ... willst du es mir nicht noch mal vorsingen?“, bat er verlegen. Nomi wurde rot und wehrte genauso verlegen ab. Als er aber seine Bitte ganz ernsthaft wiederholte, schaute sie ihn noch mal kurz zweifelnd an und meinte dann einfach: „Also schön“, sah wieder hinaus auf das Wasser, überlegte einen Moment und begann erneut zu singen; diesmal aber richtig, deutlich, wenn auch so verhalten, dass schon in geringer Entfernung ihre Stimme von den Geräuschen des Windes in den Zweigen und Halmen, des Wassers zwischen den Ufersteinen und der vorbeiziehenden Schiffe übertönt worden wäre, und mit Worten, von denen jedoch Johannes, der sich inzwischen neben sie gesetzt hatte, trotz allen Bemühens nichts verstehen konnte. Bald war er sicher, dass das nicht am Gesang lag, der etwa die Worte verfremdet hätte, sondern dass sie wirklich in einer anderen Sprache sang. Verwundert blickte er zu ihr hinüber und staunte nun erst recht: Was war denn mit Nomi geschehen? Wo war das scheue, jederzeit nichts als Ablehnung erwartende Mädchen geblieben? Hier war jemand, den er noch nie gesehen hatte. Das Gesicht halb abgewandt, den Blick nach den Schiffen, dem Wasser gerichtet, aber in Wirklichkeit schien er, nach innen gekehrt, etwas Drittes, vollkommen anderes zu schauen; der Gesichtsausdruck konzentriert, ernsthaft und zugleich aus ihrem Innersten heraus leuchtend, entflammt von einer verhaltenen Leidenschaft, so zurückgenommen wie die Stimme, die sie nie über eine mittlere, nur ihm zugedachte Lautstärke erhob und dennoch dem wechselnden Ausdrucksverlangen ihres Gesanges beweglich anzupassen wusste.
Etwas ganz Außergewöhnliches schien hier vorzugehen, etwas, das Johannes noch nie erlebt hatte und dem er, als etwas nur undeutlich Empfundenem, keinen Begriff zuzuordnen, das mit keinerlei Erfahrungen aus seinem gewöhnlichen Leben zu vergleichen er imstande gewesen wäre. Es war, als habe Nomi vor seinen Augen einen Schritt in eine andere Welt getan, eine Welt, in der sie – im Unterschied zu dieser hiesigen, alltäglichen - wirklich zuhause war, mit der sie und in der sie mit sich selbst im Reinen war und wo sie eine Souveränität und Unangreifbarkeit besaß, die ihr nichts und niemand streitig machen konnte; und als sei sie im selben Moment eins geworden mit ihrem Gesang, restlos mit ihm verschmolzen - sie war der Gesang, und der Gesang war sie, da gab es keinen Unterschied mehr zwischen beiden.
Und was war aber das auch für ein Gesang!
Wovon das Lied handelte, konnte er natürlich nicht mitbekommen. Es musste aber doch eine Ballade traurigsten Inhalts sein, der wehmütigen, leid- und sehnsuchtsvollen Melodie nach zu urteilen. Aber auch hier geschah ein seltsamer, neuartiger Zauber: so schmerzlich die Stimmung, in die ihn die fremd-schönen Intervalle, der magische Fluss der Melodik hineinzogen, so sehr wirkte dieselbe Musik auch wieder als ihr eigenes Gegenmittel, war Verwundung und Balsam, Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, Sehnsucht und Erfüllung zugleich, auch dies untrennbar und beides in einem.
Während sich Strophe um Strophe des langen Lieds der Kehle des schmächtigen und anscheinend doch so starken Mädchens entwand, in Ausdruck und Gesangsweise keine einzige der anderen gleich sondern jede offenbar ihrem je unterschiedlichen Inhalt angepasst vorgetragen, hörte er aufmerksam zu, vollständig gefangen genommen und alles andere vergessend. Er hatte ja nicht gewusst, dass es so etwas gab! Was er bisher an Musik gekannt hatte, waren ein paar Gassenhauer, ein paar Schlager, die gerade in Mode waren, Militärgeschmetter von den Festtagsparaden, Jahrmarktsgedudel und solche Tanzmusik, wie sie auf dem Maskenball erklungen war. Das eine oder andere hatte ihm gut gefallen, dann hatte er es vor sich hin gepfiffen, wenn er froher Stimmung war, manches konnte auch mal eine schlechte Laune aufheitern. Aber nun hatte er den Eindruck, er habe bisher nicht im Entferntesten gewusst, was Musik eigentlich sein konnte. Eine tiefe Ergriffenheit bemächtigte sich seiner und die Ahnung eines Reichtums, den die Welt, den das Leben, verheißungsvoll, noch bereithalten mochte.
Als das Lied zu Ende war, blieben die beiden lange stumm nebeneinander sitzen, ohne sich auch nur anzusehen. Nach einer Weile brach Johannes den Bann, indem er ein heiseres „Danke!“ brummte. Wie beeindruckt, wie ergriffen er wirklich war, hätte er nicht auszudrücken vermocht.
„Gern gescheh’n!“ erwiderte Nomi ebenso leise. Dann fügte sie hinzu und sah dabei endlich zu ihm herüber: „Hab das lange nicht mehr richtig und ganz, von Anfang bis Ende, gesungen.“
„Aber sag mal, was für eine Sprache war das denn?“
„Die Sprache meiner Mutter“, war die Antwort.
„Wieso? War deine Mutter gar keine Deutsche? - Wer bist du, Nomi? Woher kommst du wirklich?“
„Nein, das stimmt schon alles: Ich komme von hier, bin Deutsche, wie mein Vater. Nur meine Mutter war eine Roma, eine Zigeunerin, wie man sie so nennt.“
Johannes war sprachlos. Also war doch etwas dran gewesen an den Gerüchten und die fremdartige Aura keine Einbildung.
„Na so was!“ brachte er nur hervor. „Warum hast du das denn aber damals in der Schule nicht zugegeben? Ist doch nichts dabei - im Gegenteil: das ist doch riesig spannend!“
Nomi lächelte, fast ein wenig spöttisch. „Nein, danke, ich hatte keine Lust auf das Geschrei und die Beschimpfungen. Außerdem: niemand hat mich nach meiner Mutter gefragt, nur danach, was ich bin. Und ich bin nun mal, was mein Vater ist“, und man konnte einen Ton von Bitternis nicht überhören.
„Also, dann bist du doch nicht im Pferdewagen umhergezogen, oder? Schade eigentlich. Aber erzähl doch mal!“ bettelte er.
Jetzt lachte Nomi wirklich. „Nein, ich glaube nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich dort noch geboren bin.“
Wieder verstummte sie. Dann fügte sie hinzu: „Du musst mir versprechen, dass du niemandem, hörst du, niemandem etwas davon weitererzählst!“
„Aber warum ist das denn so ein Geheimnis? Ich wär doch stolz darauf, wenn meine Eltern irgend so was Besonderes, Ausgefallenes wären. Ich meine, nicht dass ich die umtauschen wollte, aber wenn sie, so wie sie sind oder waren, was anderes als eben ... einfach so ganz normal wie alle wären, dann wär ich da irgendwie stolz drauf!“
„Aber ich bin ja doch stolz!“ sagte Nomi heftig. „Das ist es ja gerade!“
Und als er sie verwirrt und fragend ansah: „Du verstehst das nicht. Meine Mutter und alles, was zu ihr gehört, ist das Größte, Beste, was ich habe, heilig, sozusagen. Und wenn ich drüber spräche, würde ich nur Spott und Hohn und dumme Beleidigungen hören.“
„Aber doch nicht von mir!“
„Weiß ich doch. Deshalb erzähl ich es dir ja auch. Aber du kriegst doch selbst mit, wie die meisten anderen reden und tuscheln und feixen. Das ist immer und überall dasselbe. Solange sie sich nur über mich lustig machen, ist mir das gleich. Ich bin ja nun mal eben keine Zigeunerin“, wiederholte sie trotzig. „Aber ... aber meine Mutter, die ... die werfe ich denen nicht vor die Füße!“ Sie hatte Tränen in den Augen, als sie nun wieder nach draußen auf den Kanal schaute.
„Hast du denn schon an vielen Orten gewohnt, bevor ihr hierher gezogen seid?“
„Ach, unzählige, keine Ahnung wie viele!“
„Und überall waren sie so ... so hässlich zu dir? So wie Rudolph zum Beispiel?“
Sie nickte. „Du siehst, ich bin längst dran gewöhnt.“
„Aber etwas verstehe ich nicht: Warum hast du denn eigentlich neulich dem Rudolph aus der Patsche geholfen? Du weißt schon, als du die beiden Kerle in die falsche Richtung geschickt hast, damit er ihnen entwischt? Das wollte ich schon lange fragen.“
„Ach das. Hatte ich schon ganz vergessen. Woher weißt du denn davon?“
„Ich war zufällig in der Nähe und hab alles gesehen. Da hast du doch glatt den gerettet, sozusagen, der dich am meisten und schlimmsten piesackt. Warum bloß?“
Nomi sah kurz zur Seite, zuckte dann mit der Achsel und fragte zurück: „Und du? Was hättest du denn gemacht? Hättest du ihn etwa verraten?“
„Hmmm. Nein“, antwortete Johannes. „Aber das ist doch auch was anderes. Wir sind ja sozusagen Freunde. Das kann man von dir und ihm ja wirklich nicht behaupten. Er ist schließlich dein größter Feind hier, und da hättest du die Gelegenheit gehabt, es ihm heimzuzahlen.“
„Ach Gott, Feind... Na ja, Mühe gibt er sich ja...“, sagte sie lächelnd und zuckte wieder die Schultern: „...keine Ahnung - ich weiß auch nicht. Die hätten doch kein heiles Haar an ihm gelassen!“
Im Grunde brauchte er auch gar keine Erklärung mehr dafür, es war mit einem Mal überhaupt nicht mehr so unbegreiflich, und er wechselte das Thema: „Wovon handelt denn dein Lied nun eigentlich?“
„Na, wovon solche Lieder eben handeln: von der Liebe, von zweien, die sich suchen und nicht finden, von Herzweh, und so weiter. Mutter hat es mir beigebracht.“
„Dann kannst du also diese Sprache richtig sprechen?“
„Ja. Wenn wir allein waren, hat sie oft so mit mir gesprochen.“ Noch jede Menge schöner Lieder habe sie sie gelehrt, bunte, märchenhafte Geschichten erzählt und die Lehren, Werte, Regeln und Gesetze ihres Volkes erklärt, habe ihr berichtet, wie es früher, vor ihrer Heirat, gewesen war. Nomis Leben, so hart es auch damals schon sein mochte, war gut und rund und richtig gewesen, solange die Mutter noch dagewesen war; die Quelle alles dessen, was dem Mädchen Halt und Kraft gab, all ihrer Lebenswärme und undemonstrativen frühreifen Weisheit war diese Mutter, diese enge Mutter-Tochter-Liebe und die unausgesprochen hochgehaltene und hartnäckig verteidigte Treue zu ihr, das wurde aus allem, was und wie sie davon erzählte, spürbar.
„Aber warum seid ihr denn eigentlich nicht bei ihren Leuten geblieben?“ wollte Johannes wissen, dem es um die Pferdewagen wirklich leid war.
„Na, wegen meinem Vater.“
„Also, an seiner Stelle wäre ich lieber mit denen rumgezogen als meine Frau ins normale Leben wegzuholen!“
Er blickte den Wasserlauf entlang, auf dessen kleinen Wellen die Lichtreflexe der spätnachmittäglichen Sonne tanzten. Zwischen dem Ufergebüsch der nächsten Biegung glitt ein langgestrecktes, flaches Boot gemächlich aus dem Gesichtsfeld. Darüber schossen jauchzend und kreischend wilde Banden von Mauerseglern hin und her und warfen sich ausgelassen, tollkühn und vertrauensselig in das nach Westen zu wie durch hauchdünn ausgeschlagenes feinstes Gold hindurch immer gläsern-grünlicher, immer lichter, immer ätherischer durchscheinende Himmelsblau hinein. Von dorther hatte die sinkende Sonne in diesem Augenblick einen freien Durchlass gefunden geradewegs aus den Weiten des Himmels zwischen allen Hindernissen aus Gebirgen, Häusern, Bäumen hindurch, so dass das rötlich-gelbe Licht sich in Nomis schwarzem Haarschopf fing und ein überirdischer Strahlenkranz sie zu umgeben schien.
Nach ein paar Sekunden Schweigen sagte Nomi: „Er hatte gar keine andere Wahl. Sie wollten ihn nicht mehr bei sich haben, haben ihn weggejagt aus der Sippe. Da ist Mutter mit ihm gegangen.“
„Warum? Weil er keiner von ihnen war?“
„Nein, er hatte wohl irgendwas angestellt, gegen ihre Gesetze verstoßen. Ich weiß das nicht so genau.“
„Und ... und ist sie jetzt schon lange tot?“
„Drei Jahre oder ein bisschen mehr. Das ist lang, oder? Trotzdem: manchmal glaub ich, ich kann mich besser an sie erinnern und an die Zeit, wo sie noch da war, als an alles, was seither gewesen ist; und jeden Tag wünsch ich sie mir zurück, immer, immer!“
„Mein Vater ist schon ganz lange tot, da war ich nicht mal drei. Ich kann mich leider fast gar nicht erinnern.“ Er lächelte leicht bei dem Versuch, die vagen Bilder, die ihm geblieben waren, abzurufen. „Sehr groß muss er gewesen sein. Wenn er mich auf seinen Schultern hat reiten lassen, habe ich alles von ganz hoch oben betrachtet. Und bei uns auf der Kommode steht ein Foto von ihm, deshalb weiß ich, wie sein Gesicht war.“ Plötzlich lachte er: „Das würde sich doch prima ergänzen, denke ich grade: du und dein Vater und ich und meine Mutter - das wäre zusammen wieder eine komplette Familie.“
„Bloß nicht!“ Nomi wehrte erschrocken ab. „Das wünschst du deiner Mutter nicht!“ Sie biss sich auf die Lippen und sah zur Seite, wie wenn sie die Worte bereute, sobald sie gesagt waren.
„Na, war ja nur ein Scherz“, beschwichtigte er. „Ist er denn wirklich so schlimm, dein Vater?“
Nomi schwieg.
„Die Leute sagen furchtbare Sachen von ihm. Dass er dich ganz elend schlecht behandelt vor allem.“
Mit abgewandtem Gesicht und in einem leisen, gepressten Ton sagte Nomi nur: „Er ist mein Vater!“, und es war deutlich, dass sie zu dem Thema nichts weiter zu sagen wünschte. Das war indessen schon eloquent genug, und Johannes spürte eine Auflehnung, eine Empörung in sich aufsteigen, und leistete im Stillen einen hochherzigen, ritterlichen Schwur, er werde von jetzt an ihr Beschützer sein und nicht mehr zulassen, dass ihr von irgendjemandem, auch nicht von ihrem Vater, ein Leid geschehe. Wie er das anstellen wollte, hatte er freilich keine Ahnung.
„Trotzdem: dann wärst du ja meine Schwester. Und ... und das fänd ich richtig toll.“ Noch war er gerade Kind genug, um auf keinen anderen Gedanken zu kommen, wenn er auch undeutlich spürte, dass es nicht genau das traf, was er sich wünschte und was er empfand. „Ja, so einen Bruder könnt ich schon brauchen“, gab Nomi lachend zu.
„Sag mal“, fing sie wieder an, „was war das damals eigentlich für ein Spiel, als ich ganz neu hier war - da seid ihr alle, die ganzen Kinder aus der Straße, dort drüben an der Mauer gewesen und irgendwie alle übereinander geklettert, und Fritz ist dann doch runtergefallen, weißt du noch?“
„Oh je, und ob ich das noch weiß! Erinnere mich bloß nicht an diesen Tag!“ Und er erzählte ihr von seinem Missgeschick mit dem Buch.
„Herr Mäuthis scheint ja große Stücke auf dich zu halten, nicht? Na, du bist ja auch der Beste in der Klasse.“ Sie lachte auf: „Ich bin immer noch dabei zu überlegen, ob ich die Frage richtig verstanden habe, da hast du schon die Antwort. Es ist schon genau richtig, dass du demnächst auf die höhere Schule gehst.“
„Was?!? Woher hast du das denn schon?“
„Rudolph hat das vor ein paar Tagen herumposaunt, als wir alle auf dem Nachhauseweg waren. Das konnte man gar nicht nicht hören. Er hatte wohl an der Tür gelauscht, als Mäuthis mit dir drüber gesprochen hat. - Stimmt es denn nicht?“
„Na, jedenfalls ist es überhaupt nicht sicher. Morgen muss ich erst so eine Art Prüfung bestehen oder ein Vorstellungsgespräch bei jemandem, der solche Hilfen vergibt für Arme-Leute-Kinder. Ich weiß selbst nicht, wie das wird.“
„Wünschen tust du’s dir aber schon, oder?“
„Aber ich hab auch ordentlich Angst.“
„Klar hast du Angst. Aber es ist bestimmt genau das Richtige für dich. Und ich glaub fest daran, dass du’s schaffst. Bloß schade, dass du dann nicht mehr in der Klasse bist!“
Johannes wurde rot vor beschämtem Stolz.
„Du wolltest aber doch eigentlich wissen, was wir da vor der Mauer gemacht haben“, lenkte er schnell ab und erklärte ihr, welche Herausforderung die Mauer und das Geheimnis dessen, was sie abschirmte, für die gesamte Straßenjugend bedeutete. Er berichtete auch von den Diskussionen und Spekulationen über das Dahinter, das sich jeder dazu ausmalte.
„Und du?“, fragte er sie zum Schluss, „Was stellst du dir vor, was dahinter ist?“
„Och je, keine Ahnung!“, sagte sie grübelnd. „Jedenfalls, was da wirklich in Echt dahinter ist, hab ich überhaupt keine Idee. Kann ja alles sein, was Agnes und Rudolph und die anderen sich da überlegt haben. Aber wenn ich mir was wünschen dürfte, dann ... dann wäre das irgendwas zwischen dem, was Elsa und Fritz und, klar, auch Karl gesagt haben. Also, das wär’ schön, wenn man da seine Ruhe hätte und keine Sorgen, nicht ums Essen, nicht ums Frieren; wo keiner keinem was Schlimmes tut ...“ Es war anrührend zu sehen, wie sie beim Ausmalen, allein schon in der Vorstellung solchen Friedens richtig tief und erleichtert aufatmete. „Man würde endlich wissen, wo man hingehört und bleiben darf...“ Langsam kam ihr Blick wieder zurück aus dem Traumbild, und sie sah ihn an: „Aber du hast ja noch gar nicht erzählt, was du dir denkst!“
„Ja, das ist, weil ich’s eben auch selbst nicht weiß. Klar, so Sachen wie immer genug zu essen, das hätte schon was, und noch dazu, ohne dass Mutter sich so plagen müsste - ach, überhaupt: hast du vielleicht jetzt gerade Hunger?“ Er kramte in seiner Kitteltasche und holte einen Apfel hervor, an ein paar Stellen angestoßen und fleckig, aber bestimmt noch genießbar. „Den hab ich vorhin unterwegs gefunden - willst du?“
„Nein, danke, ist doch deiner!“, sagte Nomi, während ihre Augen hungrig angezogen wurden von der Frucht.
„Aber ich brauch ihn nicht, nimm doch!“
Schließlich einigten sie sich darauf, ihn sich zu teilen und bissen abwechselnd davon ab.
„Am liebsten hätt’ ich dort vielleicht einen Hafen“, fuhr Johannes fort, „einen richtigen meine ich, von wo aus man zum Meer und um die ganze Welt fahren könnte. Oder ein Platz, wo Luftschiffe starten. Bloß müsste man, um mitfahren zu können, natürlich erst mal wissen, wie man da hinkommt.“
„Schon komisch: du willst anscheinend am liebsten immer weg und unterwegs sein, und ich, ich bin schon so viel rumgekommen, wenn auch nicht gerade in der großen weiten Welt, dass ich einfach nur müde davon bin. Ich wär am liebsten wie die Rose hier, oder der Strauch, von dem sie kommt: die hat ihren Platz, da steht sie, den kennt sie, sie hat, was sie braucht, ihre Erde, Wasser, Sonne, da kriegt sie Blätter, verwelkt, wirft sie ab, kriegt wieder neue, da blüht sie, verblüht, kriegt vielleicht - was kriegen die noch mal für Früchte? - und braucht nach sonst nichts fragen.“
„Und ich ... ich finde, es gibt so viel, oder es muss so viel geben auf der Welt, was ich nicht weiß, nicht verstehe, nie gesehen habe, und wenn ich denke, ich müsste immer hier angewachsen bleiben wie deine Rose, da könnt ich fast verrückt werden. Am liebsten würde ich mit den Schwalben da -“, wieder einmal sauste so eine Schar dicht über der Wasserfläche vor ihnen vorbei, schoss in elastischem Schwung nach oben, tauchte hinauf, hinein in den goldblauen westlichen Himmel und verlor sich als eine Handvoll schwarzer hüpfender Punkte darin - „mitfliegen, auf und davon - wenn’s so leicht wäre!“
Nomis Augen spiegelten beim mitfühlenden Zuhören etwas von Johannes’ Enthusiasmus wider, und sie sagte lächelnd: „Am besten müsste man wohl beides haben, nicht?“
„Vielleicht“. Er zuckte die Schultern und wollte den abgegessenen Apfelgriepsch mit großem Schwung ins Wasser werfen. Da hielt ihn Nomi zurück und bat: „Nicht, bitte, das wird immer so eklig, wenn das so lange im Wasser treibt, so glibberig und faulig. Lass ihn uns lieber hier vergraben.“ Sie war richtig blass geworden und sah zu seiner Verwunderung erschrockener aus als der Anlass rechtfertigte. Sie drehte sich halb um und strich die locker krümelnde Erde an einer grasfreien Stelle auseinander, bis eine Kuhle entstand, da legten sie das Gehäuse hinein und strichen die Erde wieder drüber. Dann nahm Johannes die schon sehr welke rote Blume, die Nomi abgelegt hatte, und steckte sie aufrecht dazu, wie ein Kreuz hinter einem Grab - er wusste selbst nicht, warum er das tat.
Sie lachten einander an und kehrten sich wieder dem Wasser zu, saßen still nebeneinander, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt.
Unterdessen hatte der späte Nachmittag fast unbemerkt schon große Schritte auf den Abend hin getan. Das Licht zog sich zusehends aus den tiefergelegenen Regionen zurück, die Gemäuer in der Nähe wurden grau und verschwammen ineinander; der eine oder andere Kahn, der jetzt noch unterwegs war, schob sich als dunkle, undeutliche Masse über die spiegelglatte, als einzig verbliebenes leuchtendes Band die fortschreitende Dämmerung durchziehende Wasserfläche; dahinter vereinigten die Büsche und Baumwipfel und die darüber hinausragenden Dächer und Türme des gegenüberliegenden Ufers sich immer mehr zu einer zusammenhängenden Scherenschnittsilhouette vor dem klaren Grün des Himmels, in das hinein sich aber mehr und mehr das stetig sich vertiefende Nachtblau aus der östlichen Sphäre vorschob, hie und da von spitzigen Lichtpunkten erster Sterne durchsetzt. Aus den schwärzer werdenden Schatten zwischen Gestrüpp und Gezweig hörte man Vögel schwätzen, plustern, schimpfen und kurz und schrill aufzwitschern, während sie sich an ihren Ruheplätzen für die Nacht einrichteten. Da erhob sich mit einem Mal, nicht weit entfernt, über dieses Grundgewebe aus Geräuschen das einsame Solo eines Amselgesangs: schluchzend, lockend, klagend, jubilierend, schlichte Melodien und virtuose Koloraturen aneinanderreihend, zwischen immer neuen Improvisationen regelmäßig zu dem einen Lieblingsrefrain zurückkehrend, die Töne in den tiefen, weichen Farben, der honiggoldenen, erdigen Süße dieser Abenddämmerung. Den Kindern stockte das Herz, und etwas wie ein heiliger Schauer überlief sie. Sie saßen und lauschten mit angehaltenem Atem, und dann, beide zugleich, wandten sie sich dem anderen zu und sahen sich an, sahen einander in die Augen mit einem völlig neuen, veränderten Blick, der an dem des anderen unausweichlich, magnetisch hängen blieb. Es war, als hielten die beiden Augenpaare sich gegenseitig fest, kämen auf keine Weise, auch wenn sie es wollten, von der wechselseitigen Umklammerung los, als sähen sie durch die weit und weich geöffneten, erstaunten Augen des anderen in sein Inneres hinein und fänden dort erst eigentlich sich selbst, wo sie den anderen erkannten. Eine Ewigkeit schien dieser Moment für sie zu umspannen, ein Moment ohne Anfang und Ende in diesem Blick in das fremde, nahe Gesicht, aus allem Zeitgefüge und Alltagszusammenhang für immer herausgehoben, gebannt und in der Schwebe gehalten durch das Lied der Amsel, die ihren Abendgesang für alle Zeiten in die Unendlichkeit des sterndurchwirkten dunkelnden Himmels hinein fortspann.



