Die verriegelte Tür hinter dem Paradies. Ein Roman frei nach Heinrich von Kleist

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Die unruhige Flamme seiner Laterne warf ihm eine ständig die Form wechselnde mattgelbe Lichtinsel vor die Füße; mal rutschte sie an einer fleckigen Hauswand nach oben, mal sprang sie durch Torbögen in Hofeinfahrten, strich über Mauerecken und Zaunlatten, schoss an Baumstämmen empor bis in die Kronen und zeichnete zuckende, quicklebendig scheinende Schattenrisse aus den vordergründigen Zweiggeflechten auf die dahinter und darüber liegenden Blätter, streifte über Gräser und struppiges Kraut am Boden, holte das Weidenbäumchen aus der Dunkelheit, fand den Stein, den Strauch daneben, und da - zitterte sie über der Kante eines rechteckigen Gegenstandes.
Er setzte die Laterne ab und zog zwischen nassem Laub, aufgeweichtem, matschigem Boden und tropfenden Zweigen das Buch hervor. Dreimal so schwer war es geworden, und dicker schien es auch in dem unsicheren Licht. Unter dem Druck seines Zugriffs gab es ein leises Schmatzen von sich und Tropfen pressten zwischen den Seiten hervor. Er nahm es auf, so vorsichtig es ging, griff die Laterne und ging zurück. Nun ließen sich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Wut, ungerechte Wut auf die Kameraden, dass sie ihn nicht hatten in Ruhe lassen können, Zorn auf sich selbst, und Reue, unerträgliche Reue und der heiße Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können - warum hatte er das Buch nicht zuerst nach Hause gebracht? Wie konnte er es einfach so im Gras liegen lassen? Wie sollte er das bloß Herrn Mäuthis erklären? Was würde der sagen? Er sah schon vor sich, wie dessen wohlwollende, freundliche Miene erstarrte und Enttäuschung und kalte Ablehnung sich darauf malten. Wie gut er es mit ihm gemeint hatte und wie er ihm vertraut hatte - das wäre nun für immer vorbei - das Vertrauen hatte er nicht verdient, das Wohlwollen verscherzt...
Schluchzend, das Buch mit einem Arm an sich gedrückt, trat er in die Stube.
„Hannes, was hast du denn? Was ist denn passiert?“ Stumm hielt er der Mutter das Buch hin, die ihn verständnislos anblickte.
„Aber Kind, du musst mir schon erklären, was los ist!“
Als er fertig war mit dem kurzen Bericht und gleich wieder in Tränen ausbrach, sagte sie: „Aber, es ist doch nur ein Buch! Ich dachte wunder, was Schreckliches geschehen sei!“
„Aber verstehst du denn nicht? Er hat es mir doch geliehen, ich hätte es ihm doch heil wieder zurückgeben müssen. Und: ‚nur ein Buch’! - es ist doch so ein schönes und wertvolles, und er hat es so gern gehabt!“
Viel Schlaf bekamen beide nicht in dieser Nacht, denn als ihr die Ernsthaftigkeit von Johannes’ Verzweiflung und auch die Tragweite des Missgeschicks klar wurde, bot ihm die Mutter an zu versuchen, was man irgend vielleicht doch noch reparieren könne.
Die genauere Bestandsaufnahme der Schäden war allerdings niederschmetternd: vollgesogen wie ein Schwamm sperrte das Buch die Deckel auseinander, so dass es am Vorderschnitt das Zwei- bis Dreifache der ursprünglichen Stärke aufwies; die Blätter hatten sich gewellt, und das Wasser, das zwischen ihnen austrat, war verdächtig bunt gefärbt und ließ für den Zustand der prächtigen Farbdrucke das Schlimmste befürchten; die Buchdeckel selbst waren verquollen und hatten sich konkav aufgewölbt, streckten die aufgebrochenen, filzig ausgefaserten Ecken von sich. Vielfach klebten Seiten aneinander und bildeten dicke Blöcke, und beim ersten zaghaften Versuch, eine am Rand zu fassen und umzublättern, riss die Ecke einfach weich und geräuschlos aus. Da verließ Johannes schon der Mut, und er wollte gleich aufgeben. Die Mutter aber hatte Ideen, wie man vorgehen könne, und so arbeiteten sie eine ganze Weile konzentriert und angespannt zusammen.
Schlammspritzer und Grasfetzen entfernten sie vorsichtig mit feuchten Lappen. Sie ließen das Buch sich so öffnen, wie es die zusammenhaftenden Blätter erlaubten, und versuchten von da aus, die übrigen Seiten mit einem Messer voneinander zu trennen; das ging nicht immer ohne weitere Schäden ab; an manchen Stellen war das Papier so weich geworden, dass es sich einfach in kleinen Fetzen löste; es blieben Stücke an der einen Seite hängen, und die andere behielt ein Loch; oft auch hinterließ der Druck der einen Seite eine schattenhafte Spur auf der anderen, so dass ein unentzifferbares Zeichenwirrwarr entstand. Besonders Johannes passierten diese Dinge immer wieder, zu sehr zitterten ihm die Hände in seiner Aufregung und Ungeduld, den Schaden ungeschehen zu machen. Irgendwann meinte die Mutter, es hätte so doch keinen Sinn, zuerst müsse das Papier etwas trockener werden. Sie steckten einen Holzstab vorsichtig zwischen Rücken und Block hindurch und hängten das Buch so, die Seiten nach unten, in die Nähe des wieder entfachten Herdfeuers.
Nun schickte die Mutter den Jungen ins Bett und versprach, selbst aufzubleiben und ihr Bestes zu tun. Nach einigem Widerspruch gab er nach und legte sich hin. Doch verbrachte er die Stunden bis zum Morgen zwischen wachem Gram und aufgeregten, ereignisreichen Träumen. Da sah er hilflos zu, wie Fritz, behindert durch ein dickes, schweres Buch, das er mit einem Arm festhielt, an einer Mauer hinaufkletterte, den Halt verlor und in die Tiefe stürzte; dabei entglitt ihm das Buch und löste sich in Hunderte einzelner Blätter auf, die alle nach und nach hinabtaumelten und in den Kanal fielen; er rannte hin und konnte nur noch zusehen, wie sie langsam tiefer und tiefer unter das Wasser sanken, wobei Schrift und Bilder sich allmählich auflösten, Blumen, Vögel, Bäume ihre Konturen verloren und schließlich nur noch als formlose Farbschlieren im Wasser schwebten. - Er stand mit furchtsam aufgerissenen Augen vor Herrn Mäuthis, der mit böse entstelltem, immer höher, größer und bedrohlicher über ihm ragendem Blick zurückstarrte, während sich sein Gesicht in dasjenige seines Vaters verwandelte, dann mit verurteilender Ablehnung den Kopf schüttelte und ihn schließlich, sich auflösend wie vorher die Bilder aus dem Buch, allein zurückließ. - Er stand unten am Ufer, aber anstelle des Kanals lag da das Meer vor ihm, um ihn her ein Wald aus unvertrauter Vegetation; in einiger Entfernung ein rasenbewachsener, baumbeschatteter Platz; zwei Kinder machen sich dort mit etwas zu schaffen, ein Junge und ein Mädchen; er geht zögernd auf sie zu, da erkennt er Fritz in dem Jungen, das Mädchen aber ist ihm fremd, nur lange dunkle Haare kann er ausmachen; die beiden legen etwas ab auf dem Gras, nehmen sich bei den Händen, drehen sich halb nach ihm um, lächeln ihm zu und gehen zwischen den Bäumen davon; er läuft zu dem Gegenstand und hebt ihn auf, da ist es das Buch, ganz wiederhergestellt und wie neu. Er durchblättert die Seiten, und sie erscheinen ihm nun noch viel schöner, viel leuchtender, viel beglückender als sie es je gewesen waren...
Als er aus diesem versöhnlichen Traum erwachte, war er umso verzweifelter im Bewusstsein von der Unmöglichkeit eines solchen Wunders. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben erfuhr er die unerbittliche Notwendigkeit, die Konsequenzen des eigenen Handelns auszuhalten und durchzustehen. Bitter wurde ihm das, sehr bitter, und schweren Herzens kroch er unter der warmen Decke hervor - wenn er doch über Nacht todkrank geworden wäre! Dann hätte die Sache mit dem Buch doch sicher gleich eine geringere Bedeutung? -, machte sich im Morgengrauen fertig und hoffte, dass Mutter nicht wach würde - er war heute viel früher auf als sonst, und sie hatte sicher noch bis tief in die Nacht hinein gearbeitet.
In der Stube war es zu dunkel, um sich ein Bild vom Resultat der nächtlichen Bemühungen zu machen; aber er war sowieso sicher, dass, was immer Mutters Geschicklichkeit bewirken konnte - und der traute er schon einiges zu - das Buch ruiniert bleiben und nichts ihm die Notwendigkeit einer Beichte bei Herrn Mäuthis abnehmen würde.
Er war heute der Erste bei der Abholstelle der Zeitung, erledigte das Verteilen in fiebriger Hast und erreichte das Schulhaus lange vor Beginn der ersten Stunde. Es gelang ihm auch, obwohl dies gegen die Regeln verstieß, sich bereits Zutritt zum Gebäude zu verschaffen. Er wusste, dass Mäuthis immer schon früh da zu sein pflegte, und bat den Pedell, ihm auszurichten, dass er ihn sprechen müsse.
Er wartete in dem schwach beleuchteten Winkel des Korridors, der zum Verwaltungstrakt führte, den vor Nervosität halbblinden Blick nach unten gerichtet, wo er in dem schwarz-weiß-grauen Gewimmel des Granitfußbodens ertrank und nur an den geradlinigen schwarzen Zierbändern, die die Ränder säumten, immer wieder ein wenig Halt fand. Dann starrte er, wie es ihm schien, eine herzklopfende Ewigkeit lang auf die schwere, dunkle Holzschwingtür und wusste nicht, ob er sich wünschte, irgendetwas möge geschehen, das das Bevorstehende unnötig, unmöglich machen oder wenigstens aufschieben würde, oder doch lieber, dass er es so rasch wie möglich hinter sich bringen möge. Dann wurde die Tür immer noch viel zu bald aufgestoßen mit hörbarem Luftzug, schwang noch ein paarmal mit nachlassenden Schlägen hin und her, während Herr Mäuthis ihm mit fragender Miene entgegenkam.
Mehrere Anläufe brauchte er für seine Beichte, wusste plötzlich nicht, wo anfangen, brachte nur gestammelte Satzfetzen hervor, bis Mäuthis ihn unterbrach: „Tut mir leid, Junge, aber ich hab gar nichts verstanden. Nun beruhige dich doch erst einmal, und dann fang noch mal von vorne an.“ Da nahm er sich zusammen: „Das Buch... Ihr Buch - ich hab’s...“ - „Na, was denn - verloren?!“ - „Nein. Es ist... kaputt!“ Und dann schaffte er es doch endlich, die Geschichte einigermaßen zusammenhängend zu erzählen. Herrn Mäuthis Gesicht wurde tatsächlich ernst, und ein Ausdruck von Enttäuschung lag darin. „Ja, nun zeig es mir doch einfach mal. Vielleicht ist es ja auch nur halb so schlimm.“ Johannes schüttelte den Kopf. „Ich hab es nicht hier, es ist zuhause. Wir haben, Mutter und ich, in der Nacht versucht, zu retten, was zu retten ist. Ich weiß nicht, wie es jetzt genau aussieht, aber es wird ganz sicher nicht mehr heile!“ Tränen liefen ihm jetzt über die Wangen, und in den Augen stand eine so tief empfundene traurige Reue, dass sich schon wieder Mitleid in den Groll des Lehrers mischte.
„Die schönen Bilder! Die Farben sind verlaufen, überall sind Flecken, und das geht nicht mehr weg, auch wenn es mal ganz trocken ist... Es tut mir so leid! Aber, ich will es ersetzen, ich werd sparen, ich werde mehr arbeiten, bis ich es Ihnen wieder kaufen kann!“
„Nun pass mal auf, Johannes“ - die Stimme klang zwar etwas reservierter als sonst, aber doch nicht ganz so streng und kalt, wie der Junge es befürchtet hatte. „Ich muss jetzt leider noch mal zum Rektor, bevor der Unterricht beginnt. Wir sprechen später noch mal drüber, ja? Wir sehen uns dann in der Klasse. - Und: lass den Kopf nicht hängen! Wir finden schon eine Lösung.“
Als Herr Mäuthis wenig später ins Klassenzimmer kam, brachte er eine neue Schülerin mit - das fremde Mädchen von gestern. Er stellte sie vor - „Das ist Nomi Beatritsch. Sie ist gerade erst ins Viertel zugezogen und wird ab heute mit uns lernen“ - und wies ihr einen freien Platz in der Mädchenhälfte zu. Alle Köpfe drehten sich und Getuschel breitete sich aus. „Ruhig, Kinder!“, mahnte der Lehrer, „Freundschaft schließen könnt ihr in der Pause noch!“
Den ganzen Vormittag über hatte Johannes den Eindruck, Herr Mäuthis beachtete ihn demonstrativ weniger als sonst, und er litt schrecklich unter dem Bewusstsein seiner Verfehlung und dem obsessiven Gedanken, ein für alle Mal in Ungnade gefallen zu sein. Die Stunden krochen quälend dahin, er wünschte sich weit weg und außer Sichtweite, sehnte das Läuten der Glocke zum Schulschluss herbei, und hatte doch auch wieder Bauchgrimmen, wenn er an die Fortsetzung der Aussprache dachte.
Mäuthis' Aufforderung, bis zur Pause zu warten, um mit der neuen Schülerin Freundschaft zu schließen, war wohl mehr eine verkappte Ermahnung, ein indirekt geäußerter Wunsch gewesen. Von Freundschaft-Schließen konnte während der Hofpause denn wirklich keine Rede sein. Das Mädchen hatte erst gar keine Anstalten gemacht, sich zu den anderen zu gesellen; sie hatte wohl nach deren Blicken und Getuschel und nachdem ihre Banknachbarin demonstrativ ein Stück weggerückt war, als sie sich zu ihr setzte, nicht viel Entgegenkommen erwartet und sich gleich in eine Ecke des Hofs zurückgezogen, wo sie jetzt mit einer Schulter an der Mauer lehnte und abwechselnd mal zu Boden und mal verstohlen und scheu zu den lärmenden, rennenden, streitenden oder schwätzenden Gruppen hinüber sah.
Bald waren ihr jedoch einige ihrer Klassenkameraden gefolgt, und die verteilten sich jetzt in einer interessanten geometrischen Konstellation um sie her: Der Abstand und die Haltung jedes Einzelnen zu ihr waren offensichtlich ein mathematisches Resultat aus den Faktoren Neugier, Sympathie, Ablehnung, Aggression beziehungsweise ihrem jeweiligen Grad der Ausprägung.
Da gab es eine äußere Runde der eher mäßig Interessierten, die aber auf dem Laufenden sein wollten und sich hauptsächlich untereinander beredeten, nur hin und wieder einen Blick in Richtung des Mädchens werfend. Hier fand sich Frieda in eifrigem Klatsch mit ein paar Freundinnen.
Etwas näher standen solche, die wohl noch nicht recht wussten, welche Stellung sie einnehmen sollten; die hatten einen Punkt auf der Mitte zwischen Anziehung und sicherer Entfernung eingenommen, musterten das Mädchen unschlüssig und skeptisch und blieben ansonsten inaktiv - zu denen gehörten Fritz und Agnes.
Ganz außen kreisten ein paar Spaßvögel, die mit Fingern auf das fremde Kind wiesen und sich gegenseitig in die Seite stupsten, offensichtlich dabei irgendetwas Ehrenrühriges äußerten und dann in schallendes, gemeines Gelächter ausbrachen, dann aber bald sich wieder ihren Spielen zuwandten.
Nur wenige einzelne hatten sich bis innerhalb des ersten Zirkels angenähert, darunter Karl, Rudolph und Elsa; unter denen gab es diejenigen, die mit grobem Spott und bösartigen Schmähreden, laut und deutlich in Hörweite des Mädchens geäußert, ihrer Verachtung Luft machten; so rief Rudolph: „Die stinkt, sie ist dreckig, das hat Erika gesagt - die Arme! Der Mäuthis sollte die besser allein an ein Pult setzen, das kann man doch niemandem zumuten!“ Und Karl, dessen unmittelbare Nachbarn sie und ihr Vater ja seit zwei Tagen waren, stimmte ein: „Genau! Und außerdem: der Vater ist ein Galgenvogel, das sieht man ja schon von weitem, da wird die Tochter auch nicht besser sein!“ Andere dagegen fühlten sich von der eher gefühlten als tatsächlich wahrnehmbaren Fremdheit und der unaufdringlichen Scheu der Neuen eher angezogen in einer Art wohlwollender Neugier. Zu denen gehörte Elsa, die die beiden gleich empört zurechtwies: „Ihr seid ja so gemein! Lasst sie doch in Ruhe, die hat euch doch gar nichts getan! Und schaut euch doch bloß mal an: ihr seid doch selber dreckig!“ Und zu dem Mädchen selbst: „Hör bloß nicht auf die. Die sind immer so, nicht nur zu dir. Die können wohl einfach nicht anders.“
Nur Johannes hatte sich keiner dieser Gruppen und Kreise angeschlossen. Er stand, wenn auch ganz in der Nähe, genauso abseits wie die Neue und war viel zu sehr in seine eigenen Sorgen eingesponnen, um sich an irgendetwas zu beteiligen. Auch er lehnte an der Mauer, die Hände in den Hosentaschen, scharrte mit einem Fuß flache Streifen in den festgestampften Sandboden und kaute an seinem Kummer. Nur als die Stimmen um das Mädchen laut wurden, sah er kurz hinüber und vergaß für einen Moment seine eigene Situation im Gedanken daran, in was für einer unangenehmen Lage sie sich da befand. „Noch jemand, der den Schulschluss kaum erwarten kann und sicher am liebsten sonst wo wäre!“, dachte er.
Nachdem die Glocke zum letzten Mal für diesen Vormittag geläutet hatte und Herr Mäuthis zunächst noch kurz mit der Neuen gesprochen hatte, war endlich Johannes an der Reihe.
„So, jetzt können wir besser über die Sache reden. Ich fürchte, heute Morgen war nicht Zeit genug und Ruhe, wahrscheinlich war ich auch etwas unvorbereitet und wusste nicht recht, wie ich reagieren sollte.“ - „Aber ich hab ja damit gerechnet, dass Sie sehr böse sein würden“, sagte er kleinlaut.
„Na, böse vielleicht nicht gerade. Ein bisschen ungehalten war ich schon zuerst, und vor allem enttäuscht - ich hätte einfach gedacht... na, lassen wir das; ich sehe ja, wie ernst du es nimmst und wie leid es dir tut; und das bestätigt mir eigentlich, auch wenn das Buch nun einmal hin ist, dass ich mich doch nicht so sehr in dir getäuscht hatte. Und glaub mir, jedem von uns sind ja doch schon solche Dinge passiert, die wir hinterher am liebsten ungeschehen gemacht hätten, und niemand hat in jedem Moment seine Handlungen mit allen ihren Folgen sicher im Griff. Und wenn dann dabei nicht mehr passiert, als dass ein alter Wälzer sich im Wolkenbruch auflöst, kann man eigentlich froh sein.“ So versuchte Herr Mäuthis, ihn zu trösten und aufzumuntern.
„Aber es ist - war - doch kein ‚alter Wälzer’! Es war bestimmt das tollste Buch auf der ganzen Welt. - Und ich war auch noch überhaupt nicht fertig... Nicht wahr, am Ende sind sie doch heil wieder zurückgekommen, oder?“
Sein Lehrer schmunzelte, auch im Bewusstsein, dass seine „Therapie“ zu wirken begann. „Na, die Frage kannst du dir aber sicher selbst beantworten, wenn du etwas nachdenkst. - Aber, hör zu, Johannes: Dass du mehr arbeitest, um die Sache gut zu machen, das möchte ich nicht. Mir ist es wichtiger, du verwendest deine Zeit und Kraft auf das Lernen, solange das noch geht, und wenn du den ganzen Tag Zeitungen austrägst oder so, wird daraus nichts. Ich wünsche mir stattdessen, dass du versuchst, das Buch so gut du kannst zu reparieren, und es mir dann so zurückbringst, wie du es eben hinbekommen hast.“
Johannes schaute ungläubig und wollte protestieren - „Kein Aber, mein Junge, so machen wir das. Ich würde sagen, das ist ein klassisches Lehrbeispiel zum Thema ‚Das Beste aus etwas Unabänderlichem machen’. So, und nun spring nachhause zur Mittagssuppe, oder was immer du da hoffentlich jetzt kriegst. - Ach, und noch was wollte ich sagen: Ich fand es ganz großartig von Dir, dass du gleich gekommen bist und zugegeben hast, was passiert ist!“
Auf dem Weg nachhause hatte er das Gefühl, als lockere sich in seinem Inneren ein für unauflöslich gehaltener Knoten, der ihm seit gestern Abend die Luft abgeschnürt und ihn zugleich unerbittlich niedergehalten hatte. Allmählich schien er sich wieder aufrichten und durchatmen zu können, mit einem Gefühl glückseliger, aber immer noch auch schwermütiger Erleichterung. Und in dem Auftrieb, den ihm dieses Gefühl gab, beschloss er fest, sich alle erdenkliche Mühe zu geben mit den Reparaturversuchen. Und wer weiß, vielleicht könnte er ja doch heimlich auf einen neuwertigen Ersatz sparen und seinen Lehrer eines Tages damit überraschen. „Wenn Vater noch leben würde“, dachte er dankbar, „dann wäre er bestimmt so wie Herr Mäuthis.“
Ungefähr eine Woche später nahm er das Buch mit in die Schule, und in der Pause brachte er es nach vorne zum Lehrerpult. Wie neu, so wie in seinem Traum, war es natürlich bei weitem nicht: Die farbigen Tränenspuren an allen Seiten waren geblieben, die „Maulsperre“ war nur geringer geworden, die Spuren der Schlammspritzer am Leineneinband hatten sie nicht völlig zum Verschwinden bringen können. Im Inneren gab es immer noch Stellen, wo die Folgen der ersten ungeschickten Versuche nicht mehr zu beseitigen gewesen waren. Bei den Farbdrucken waren manche ganz und gar verschmiert, andere hatten lediglich „aquarellartige“ Verziehungen oder geisterhafte Doppelungen erlitten. Alles in allem aber hatten Mutter und er eindeutig gute Arbeit geleistet.
Und Johannes hatte Mäuthis‘ Auftrag durchaus richtig verstanden und es sich nicht nehmen lassen, den größten Teil der Arbeiten selbst zu verrichten. Mutter hatte ihm gezeigt, wie man mit dem Bügeleisen umgehen müsse, und gleich am ersten Tag hatte er umsichtig und unter ihrer überwachenden Anleitung die Seiten zwischen Baumwolltüchern glatt- und die restliche Feuchtigkeit herausgebügelt. Wo immer möglich hatten sie ausgerissene Stücke Papier wieder in die richtigen Stellen eingepasst und festgeklebt. Das Ergebnis war, dass man in dem Buch wenigstens zu Teilen wieder ungehindert lesen konnte, dass man viele der Illustrationen immer noch mit Freude betrachten, bei anderen wenigstens in der Vorstellung den ursprünglichen Zustand wiederherstellen konnte.
Als er es seinem Lehrer reichte, wurde er wieder rot vor Scham und Schuldbewusstsein. „Hier ist es nun, besser werden wir es wohl leider nicht mehr hinkriegen.“
Herr Mäuthis nahm es entgegen, betrachtete es eingehend von allen Seiten, blätterte darin und meinte: „Oh je, ich glaube, ich kann mir ungefähr vorstellen, wie es zu Anfang aussah. Da habt ihr ja eine Höchstleistung an Geduld, und auch an Geschick übrigens, vollbracht!“ Er legte es in ein Fach seines Pults, nickte dem Jungen freundlich zu und schickte ihn zu den anderen in den Pausenhof.
Am nächsten Tag jedoch überreichte er Johannes das Buch und machte es ihm zum Geschenk. „Als Andenken, und damit du, so weit möglich, noch lesen kannst, wie sie die Reise um die Welt am Ausgangspunkt vollenden.“
9. Nomi
An dem Verhältnis der Schul- und Nachbarskinder zu dem neu zugezogenen Mädchen änderte sich auch in den nächsten Zeiten nichts Wesentliches. Nach und nach wurden ein paar Einzelheiten über sie bekannt. So hatte Herr Mäuthis gleich an ihrem zweiten Schultag die kleine Selbstvorstellungsprozedur nachgeholt, wie er sie am Anfang mit der ganzen Klasse praktiziert hatte. Dabei war aber deutlich zu spüren gewesen, dass sie wenig dazu aufgelegt war, über sich und ihre Familienverhältnisse zu berichten. Dass sie allein mit ihrem Vater lebte, hatten wenigstens die Kinder ihrer Straße sowieso schon mitbekommen. Nun erfuhr man, dass sie wirklich Halbwaise war und auch keine anderswo lebenden Geschwister hatte. Der Frage nach dem Beruf ihres Vaters wich sie aus, und Mäuthis zog es denn auch vor, nicht weiter zu insistieren. Elsa allerdings wollte sich nicht so schnell zufrieden geben und bat darum, auch noch etwas fragen zu dürfen. Es ließ ihr keine Ruhe, dass man munkelte, die beiden seien "Zigeuner". Das Mädchen schüttelte aber den Kopf - „nein, sind wir nicht“, widersprach sie. „Aber wieso hast du dann diesen komischen Namen?“ beharrte Elsa. Das wusste sie eigentlich selbst nicht. Ob es nicht eher ein osteuropäischer, ein slawischer, oder auch ein italienischer Name sein könne, schaltete sich der Lehrer ein. Vielleicht sei ja ein Ur-Ur-Ur-Ahne dereinst von irgendeinem anderen Land zugewandert; aber schon an der eingedeutschten Namensschreibung könne man ablesen, dass das schon sehr lange her sein müsse und dass also die Familie inzwischen längst als deutsch gelten dürfe.
Den Nachbarn in der Straße fiel auf, dass der Vater wenig und unregelmäßig zuhause war - und man war sich einig, dass man das nicht gerade bedauerte. Man vermutete auch stark, dass die Tochter selbst noch weniger Anlass hatte, sich das anders zu wünschen. Auf der einen Seite fast ausschließlich sich selbst überlassen und nur sporadisch mit wenig Barem versehen, um sich irgendwie durch den Alltag zu wursteln, den kleinen Haushalt mehr schlecht als recht in Ordnung zu halten und mit dem Nötigsten zu versorgen, schienen ihr, wenn man den Berichten von Karls Mutter glauben durfte, schreckliche Szenen vorbehalten, wenn der Mann zuhause war. Besoffenes Gebrüll, Tobereien, umherfliegende Gegenstände, Prügel - man mochte sich gar nicht wirklich genauer ausmalen, was da während dieser lärmenden Auftritte vor sich ging. Dabei, so Frau Gulach, hörte man fast immer nur den Vater, das Kind gab kaum jemals einen Laut von sich, und wenn aber doch einmal, dann stünden einem die Haare zu Berge - „Eines Tages steht die auch mal nicht wieder auf!“, meinte sie.
Dass der Mann auf irgendeine ehrliche Weise Geld verdiente, konnte sich keiner vorstellen; man wusste nicht, hatte aber natürlich genügend Phantasie, um sich auszumalen, was er in den Zeiten seiner Abwesenheiten trieb. Frau Gulach machte ihrem Mann schon dauernd Vorwürfe, dass er nicht besser hingesehen hatte, als er die beiden einziehen ließ, und er solle sie doch wieder hinauswerfen. Das war aber nicht gut möglich, weil sie die Miete für den armseligen Verschlag gleich zu Beginn für einige Zeit im Voraus bezahlt hatten.
Zu den Leuten ihrer neuen Umgebung verhielt sich das Mädchen weiterhin still, scheu zurückgezogen, war in ihrer Distanziertheit aber auch nie provokant, beleidigend oder aggressiv, sondern antwortete, wenn sie angesprochen wurde, zwar kurz, aber freundlich; nur zu Fragen nach ihrem Vater schwieg sie sich beharrlich aus. Es war, als nehme sie ihre Außenseiterrolle einfach passiv, frag- und klaglos an. Wie am ersten Tag sah man sie immer wieder einmal die Spiele der anderen Kinder aus der Ferne beobachten. Und bei denen riefen die etwas geheimnisvollen Besonderheiten ihrer Umstände zusammen mit ihrer friedlichen Abseitshaltung die verschiedensten Einstellungen hervor: distanzierte Neugier paarte sich bei den einen mit Geringschätzung, Ablehnung oder einer schnippischen Gleichgültigkeit, bei anderen mit einer passiven Bereitschaft zu Wohlwollen, freundlicher Anteilnahme, oder gar mit einem gewissen Wunsch nach Annäherung, der aber mangels Ermutigung von ihrer Seite folgenlos blieb.



