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Ich lasse mich nicht belügen und trügen.
Fürchterlich Wachen kommt über mich.
Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,
Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.
Oft
Hörte ich Dröhnen
Von Rossen und Wagen,
Ein Tönen,
Klirren und Klagen und Waffenschlagen,
Posaunen schollen dumpf in den Raum her,
Und ich lag
Von Grauen umdrängt
Und meinte,
Daß all dies nur mein eigener Traum wär.
Doch jetzt
Bin ich wach,
Grauenhaft wach,
Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.
Ich weiß,
Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:
Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,
Wir sind geschlagen, wir sind verloren.
Wehe, Krieg ist in Israel!
JEREMIAS:
Mutter! Mutter!
DIE MUTTER:
Jeremia,
Jeremia, sprich,
Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.
Sag,
Ist er gekommen,
Den du verkündet,
Der König, der König von Mitternacht?
JEREMIAS:
Du träumst, Mutter, du träumst.
JOCHEBED (flüsternd):
Leugne es ihr… um ihres Lebens willen leugne es ihr…
DIE MUTTER (im Fieber):
Weh, die Fanfaren,
Wie sie dröhnen und schallen!
Er ist da, er ist da,
Der reisige König von Mitternacht!
Krieg ist in unsere Länder gefallen,
Feind kommt gefahren
Unendliche Scharen.
Weh, wie sie stürmen!
Es knicken die Mauern,
Es brechen die Tore
Gewaltig entzwei.
Verloren… verloren
Israels Stadt und heiliges Haus.
Die Mauer begräbt mich,
Die Mauer erschlägt mich.
Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette!
Rette mich, rette!
Wohin
Soll ich entfliehn?
Jeremia… wo bist du… Jeremia,
Hebe mich fort… trag mich hinaus!
JEREMIAS (bei ihr kniend):
Mutter, Mutter, unseliger Wahn
Hält dich umkettet,
Mutter, Mutter, höre mich an!
DIE MUTTER:
Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände,
So schwöre mir, schwöre,
Daß es nicht wahr ist.
Schwöre mir, schwöre,
Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist.
Schwör mirs, beschwöre,
Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört,
Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt!
JEREMIAS (erschreckt):
Es wird… es wird… Gott wird gnädig sein
Unserm Tode, wie ers dem Leben ist.
DIE MUTTER:
Jeremia,
Sage mir, sage,
Bin ich wach oder wirr,
Ist Feind vor den Toren
Oder seligen Friedens voll unsere Welt?
(JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.)
ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend):
Täusche sie… sprich doch… eh sie vergeht.
Siehst du denn nicht,
Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht
Schatten des Todesengels hinweht?
Die Angst… die Schrecknis… scheuch ihr sie fort…
JOCHEBED:
Sprich ihr zu… sonst wird es zu spät…
Ein Wort nur… ein Wort,
Daß sie in Frieden zu Gott eingeht.
JEREMIAS (mit sich ringend):
Ich… kann nicht… ich kann nicht.
Es hält mir einer die Kehle umpreßt,
Es hält mir einer die Seele umschnürt…
DIE MUTTER:
Wehe,
Er schweigt,
Oh, wahr, es ist wahr!
Gott hat sein eigenes Volk geschlagen…
Jerusalem… Fluchtag, der mich gebar…
Das Dunkel… wehe… das Dunkel steigt…
Brand überm Land… die rasende Glut…
Weh, ich verbrenne… rettet mich fort…
ACHAB (gleichzeitig):
Ein Wort… ein Wort nur sprich… nur ein Wort.
JOCHEBED:
Tröste sie… tröste sie… eh sie vergeht… Ein Wort nur… ein Wort… sieh, wie sie verschmachtet.
JEREMIAS (wie ein Gewürgter röchelnd):
Ich… kann es nichtsagen… das Wort…
Er läßt nicht… Er… Mir die Kehle verdorrt…
Die Hand… die grausame Gotteshand…
Mir… die Seele geschnürt… die Kehle umspannt…
Gott… Gott, gib mich frei… gib mich frei…
DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei):
Verloren… weh
… wehe… ich brenne… Mord im Gezelt…
Hilfe… die Stadt… der Tempel… Gott fällt…
Gott ist gefallen… verloren… die Flammen Gehennas…
Ins Herz… bis ins Herz… oh, Jerusalem…
(Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.) (ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die Tote.)
JEREMIAS (Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend): Es ist nicht wahr:
Ich log, ich log,
Ewig währet Jerusalem,
Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen,
Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen.
Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre,
Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre:
Ewig währet Jerusalem!
ACHAB (im Zorn):
Weg,
Du schreist sie nicht wach!
Laß ihr den Frieden!
JEREMIAS:
Sie muß mich hören, sie muß mich hören,
Eh es zu spät ist!
ACHAB:
Es ist zu spät!
Weg
Von ihrer Stille,
Fort aus dem Gemach,
Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach!
Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte
Und ihr Leben an deinem Schweigen verging?
Fort,
Du Mitleidsloser, du Gottesnarr,
Du wüster Träumer, du Ausgestoßner!
Da,
Sieh nur, wie starr
Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen,
Und du hast
Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen.
Du Gottverfluchter… weg… laß ihr den Frieden…
Der du sie selber gemordet hast.
JEREMIAS (stammelnd):
Laß mich… ich will…
JOCHEBED:
Fort, du Aussatz
Von den Gerechten,
Fort aus dem Haus!
Wehe, warum
Ließ sie dich ein?
Weg, du Verfluchter,
Rühr nicht die heilige Stille an
Und den Tod, den du ihr angetan.
JEREMIAS (zusammenbrechend):
Ewig verflucht,
Ewig verstoßen,
Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein,
Gott… Gott… es ist hart, dein Bote zu sein!
(ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des Todes.) (LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.)
ACHAB:
Wer dringt heran?
JOCHEBED:
Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus.
ACHAB:
Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf!
JOCHEBED:
Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor!
(Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das Dröhnen schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON, PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.)
SEBULON:
Hier muß er sein.
EIN KNABE:
Ich sah ihn eingehn ins Haus.
STIMMEN:
Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du befahlst… ich auch… ich hab ihn gesehn.
ACHAB:
Wen sucht ihr?
PASHUR:
Gib ihn heraus, den du birgst!
SEBULON:
Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut!
ACHAB:
Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte…
PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst): Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! (Dann wendet er sich und tritt schweigend zurück.)
DIE ANDERN (plötzlich still werdend, murmeln):
Gelobt sei der ewige Richter…
EINER (leise):
Wer starb?
ACHAB:
Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, daß sie einen Feind ihrem Volke gebar.
EINER:
Jeremias!
SEBULON:
Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias!
JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem Zorne): Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien über mich? Er komme, daß er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flüchen dieser Erde!
SEBULON:
Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn?
JEREMIAS (abwesend):
Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der Hüter deines Sohnes.
SEBULON:
Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brüder um mich, höret, diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten des Unheils und verleitet zur Schande.
HANANJA:
Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich!
JEREMIAS:
Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe zu klagen, mein Wort müßte fahren zu Gott!
STIMMEN:
Er schweigt… er redet wirr, daß man ihn nicht fasse… Haltet Gericht… nicht gebet ihn frei… Pashur, Hananja… Ein Ende machet mit ihm… haltet Gericht…
HANANJA:
Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon?
SEBULON:
Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn verlockte des Mitternachts an der Mauer, daß er überliefe zum Feind!
HANANJA (zu dem ersten Krieger):
Bist du des zu zeugen erbötig?
DER ERSTE KRIEGER:
Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes…
SEBULON:
Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte!
DER ERSTE KRIEGER:
Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kündete laut Untergang, daß mir das Herz ergrimmte…
HANANJA (zu den andern):
Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall!
DER ERSTE KRIEGER:
… und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte und blieb.
SEBULON:
Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? Der Verführung klage ich ihn und der Schmach über mein Haus.
PASHUR:
Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich.
JEREMIAS (schweigt).
PASHUR:
So nennest du keinen Zeugen?
JEREMIAS (dumpf):
Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht.
PASHUR:
Wird er sich erweisen zur Zeit?
JEREMIAS:
Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte!
HANANJA:
Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke!
STIMMEN:
Er leugnet nicht… überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende.
PASHUR:
Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu Einspruch und Widerrede!
JEREMIAS (schweigt).
PASHUR:
Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang wider des Königs Geheiß.
JEREMIAS (schweigt).
STIMMEN:
Er verbirgt sich… brich seinen Trotz… ein Ende, mach ein Ende…
HANANJA:
So leugnest du deine Verheißung?
JEREMIAS (schweigt wie abwesend).
HANANJA:
Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum ersten Male schweiget er!
JEREMIAS:
Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, daß ich sage nein für Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker hat er mich versuchet, daß ich weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh, daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr euch zerstoßet. Weichet von mir und verstört nicht meinen Frieden!
SEBULON:
Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich, gerecht Gericht.
HANANJA:
Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt!
STIMMEN:
Tod über ihn… befreie uns von seiner Nähe… tilg ihn aus… Sprich deinen Spruch…
PASHUR:
Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal rufe ich dich.
JEREMIAS (schweigt).
PASHUR:
So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen, nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel…
JEREMIAS:
Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende!
PASHUR:
In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, daß Gottes Licht er nicht länger schände und ledig sei seiner Stimme die Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde.
JEREMIAS:
Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet das Grab!
PASHUR:
Faßt ihn an, vollzieht den Spruch!
STIMMEN:
Gerechter Spruch… gesegnet deine Weisheit… fort… hinab… schleifen wir ihn fort… die Seile holt… die Seile… daran wir ihn niederlassen.
JEREMIAS (zurückzuckend vor ihrer Berührung):
Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh, wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten Bruder zu sein – fort – weichet, selbst scharr ich mich ein, daß ich erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei!
(JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen, ihm vorsichtig nachzufolgen.)
HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend):
Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte! Ewig währet Jerusalem!
(JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.)
DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit): Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt… ein Verhängnis war er… man verbrannte an seinem Blut… oh, daß nun doch Frieden würde… Friede in Israel… hinab mit ihm, daß versiegelt sei dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung… daß doch nun Friede würde in Israel…
(ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)
VI. Stimmen um Mitternacht
Inhaltsverzeichnis
»Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.«
Jer. VI, 4.
Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum, dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes.
(ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.) (DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet ehrfurchtsvoll, ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.)
DER KNABE SPEERTRÄGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam):
Mein König!
(ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.)
DER KNABE:
Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da du mich hießest, den Rat vor dich zu rufen.
ZEDEKIA:
Sind alle versammelt?
DER KNABE:
Alle, so du entboten.
ZEDEKIA:
Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen?
DER KNABE:
Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet.
ZEDEKIA:
Und der Späher, ist er gesondert von ihnen?
DER KNABE:
Er harrt in der Halle der Türhüter.
ZEDEKIA:
Er möge warten. Erst rufe den Rat.
(DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und entschwindet.)
ZEDEKIA (allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus): Wie die Sterne heute abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen sie, wirr und weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie, sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen ihre Götter, auf Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht Diener gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat muß ich geben, doch wer ist, der mich beratet? Führer muß ich sein, doch wer ist, der mich führte? Über sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt über mich, und ich sehe ihn nicht. Schlaf hängt unter mir, Schweigen hängt über mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner gesehn!
(DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des Königs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der Älteste, ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.)
ZEDEKIA:
Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim bleibe unsere Rede. Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis nicht schlüpfte von hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet frei, wie ich frei zu euch rede, keiner möge zagen, daß ich ihm zürne, wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und Ratschluß hier fällt, muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in unserer Brust. Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit einem Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, er bewahre an des Höchsten Statt euren Eid!
(ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in Pashurs Hand.)
ZEDEKIA:
Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich mein Herz verschließen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt seine Hände in die Pashurs.) Und nun laßt uns Rates pflegen! (Er weist mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grün geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn. Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des Morgenlands, daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hände. Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein.
HANANJA (heftig):
Gott ist mit uns!
(DIE ANDERN schweigen.)
ZEDEKIA (sehr ruhig):
Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hügel, und sein Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prüfungen über sein Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit ausfechten möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu enden.
HANANJA:
Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder sende. Wir müssen unsere Herzen füllen mit Gebet und seine Altäre mit Opfern. Wir müssen ein Doppeltes tun als bisher…
NACHUM:
Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke.
HANANJA:
Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken der Rinder gehört, die du birgst vor den Altären.
NACHUM:
Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu säugen, und als Zehrung den Kranken.
HANANJA:
Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die Kranken und verdorren die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers.
PASHUR (ernst):
Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe.
HANANJA:
Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das Letzte und reiße es selbst sich vom Munde.
PASHUR:
Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes mich belehren, Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und Wille.
HANANJA:
Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert und zählt, ist nur ein Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig, vor sein Antlitz zu treten…
ZEDEKIA (heftig):
Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkörner kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch zum Rate gerufen über unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden. Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech, den Obersten meiner Krieger.
ABIMELECH:
Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein Herz.
ZEDEKIA:
Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten höre ich sie jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr die Schilde und wahren den Blick.
ABIMELECH:
Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die Herzen. Vorbei ist die Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß das Schwert ihnen frei aus den Händen fuhr, denn die Gewöhnung mordet alles Große, und jede Lust wird schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die Mauern Jerusalems.
ZEDEKIA:
Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren.
ABIMELECH:
Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit.
ZEDEKIA:
Der Herr erfülle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher Art?
PASHUR:
Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen.
ZEDEKIA:
Und was ist dein Wort, Hananja?
HANANJA:
Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmütig sind und denen das Herz schmilzt im Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit der Schärfe des Schwerts.
IMRE:
Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen, die wider uns aufstunden. Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen Tag erschaut. Ewig währet Jerusalem!
ABIMELECH, HANANJA, PASHUR:
Ewig währet Jerusalem!
ZEDEKIA (nach einer Pause):
Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen?
NACHUM:
Düster sind meine Gedanken, mein König, und bitter meine Rede. Nicht drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist.
ZEDEKIA:
Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt, willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen!




