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NACHUM:
Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns gegangen und habe die Scheffel gezählt. Die Räume, die voll gewesen bis zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein ganzes Brot erhalte des Tages.
(ALLE schweigen betroffen.)
ZEDEKIA:
Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ ich nicht Milchkühe und Vieh in die Mauern treiben?
NACHUM:
Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende Mäuler flohen zur Stadt.
ZEDEKIA (nach einer Pause):
Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden sparen.
NACHUM:
Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, mein König, und doch gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit.
ZEDEKIA:
Und wie lange… meinest du… könnten wir ausharren… mit unserer Zehrung…
NACHUM (leise):
Drei Wochen, Herr, – zum längsten.
(ALLE schweigen wieder betroffen.)
ZEDEKIA:
Drei Wochen… und dann?
NACHUM:
Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein.
(ALLE schweigen wieder.)
HANANJA (erregt):
Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel. Genug lang haben sie gepraßt für sich und ihre Kebsen, nun mögen sie darben für den Herrn.
ABIMELECH:
Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden. Wer kämpfen soll, darf nicht darben.
HANANJA:
Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem.
ABIMELECH:
Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen die Unnützen verhungern, die Luftbläser und Wortemacher.
NACHUM:
Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, schnürten wir die Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei Sabbate mehr.
PASHUR:
Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen Nabukadnezar und verbündet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie dürfen wissen von unserer Not.
ZEDEKIA:
Und wenn er es wüßte bereits?
NACHUM:
Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich an die Tür der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not, nicht Nabukadnezar.
ABIMELECH:
Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen.
ZEDEKIA:
Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des Volkes. Nicht war mir bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich Botschaft sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden zwischen unsern Völkern.
HANANJA:
Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen!
ABIMELECH:
Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm!
PASHUR:
Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen, sobald er unsere Botschaft gehört.
ZEDEKIA:
Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen, doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir müssen die Zeit des Geheimnisses nutzen.
NACHUM:
Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen Gnade suchen bei Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig wird über uns.
ABIMELECH (erbittert):
Keine Gnade! Lieber den Tod!
PASHUR:
Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern!
HANANJA:
Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens…
IMRE (mühsam):
Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der König. Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind.
ABIMELECH:
Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns.
PASHUR:
Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft.
ZEDEKIA:
Es ist nicht zu spät. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir!
(ALLE aufspringend, wirr durcheinander.)
NACHUM:
Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde!
HANANJA:
Verrat! Du verhandelst mit den Feinden!
ABIMELECH:
Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen!
PASHUR:
Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen?
ZEDEKIA:
Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus, Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet!
(ALLE schweigen.)
PASHUR:
Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig Schicksal trägt.
ZEDEKIA:
An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen.
NACHUM:
Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören.
IMRE:
Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten.
ABIMELECH:
Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag ein Späher sein und gesandt, uns auszuschleichen.
ZEDEKIA:
Und ihr, Pashur und Hananja?
PASHUR:
Man höre ihn!
(HANANJA schweigt, wendet sich ab.)
ZEDEKIA:
Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tür und ruft:) Joab, hole den Boten! (Dann zurück zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein.
(BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.)
ZEDEKIA:
Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel?
BARUCH:
An dich hat er mich mit Botschaft gesandt.
ZEDEKIA:
Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen Antwort stehen, denn sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. (Zu den andern:) Fraget ihn aus.
HANANJA (höhnisch):
Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs…
ABIMELECH (hart unterbrechend):
Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?
BARUCH:
Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali.
ABIMELECH:
Unseres Blutes nennst du dich?
BARUCH:
Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner Väter Haus.
ABIMELECH:
Ist einem Kenntnis dieses Mannes?
PASHUR:
Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn.
ABIMELECH:
Wie fielest du in des Feindes Hand?
BARUCH:
Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich von den Schultern her und griffen mich.
ABIMELECH:
Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir gegeben, gesiegelte Schrift?
BARUCH:
Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.)
ABIMELECH:
Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.
BARUCH:
Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage, da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger. Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir: fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen. Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.«
ABIMELECH:
Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu haben elf Monde lang.
BARUCH:
Und er sagte ferner – die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen, und dauern möge eure Stadt und eure Tage.«
NACHUM:
Milde dünkt mich die Botschaft.
PASHUR:
Zu milde, als daß ich ihr traute.
ZEDEKIA:
Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?
BARUCH:
Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße tun und deiner Hoffart.«
ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam):
Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue?
BARUCH:
Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken…«
ZEDEKIA (auffahrend):
Ein Joch?
BARUCH:
»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.«
ZEDEKIA:
Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt. Niemals! (Er steht auf.) ABIMELECH:
Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.)
(DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.)
NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich):
Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?
PASHUR:
Hundert Schritte kaum sind es… nicht mehr…
IMRE:
Nicht siebenzig sind es… nicht siebenzig…
ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn):
Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid ihr…
PASHUR:
Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage, was sein Herz ihm gebietet.
ZEDEKIA:
Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach eurem Herzen.
NACHUM:
Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König. Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.
PASHUR:
Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.
ZEDEKIA:
Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du, Hananja?
HANANJA:
Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!
ZEDEKIA:
Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?
ABIMELECH:
Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein Wille!
ZEDEKIA:
Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich stöhne und stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. (Er geht auf und ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Türme, Häuser und Lager, alles, alles auf mein stöhnend Herz, Schicksal von Tausend auf Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:) Noch einmal wägt euern Beschluß, prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, daß ich unter das Joch trete für Israel?
(ALLE schweigen. Dann sagt:)
NACHUM (als erster):
Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder.
IMRE:
Für die Stadt und das Land.
PASHUR:
Für den heiligen Tempel und den Altar.
HANANJA:
Für Gott, der es heischt von dir.
(ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.)
ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich): Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt.
(ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.)
ZEDEKIA:
Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwöret ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt?
PASHUR (ergriffen):
Ich schwöre es, mein König.
IMRE, HANANJA, NACHUM:
Wir schwören es.
ABIMELECH:
Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen!
NACHUM:
Ewiges Gedenken dem König Zedekia.
ZEDEKIA:
So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig währe Jerusalem!
ALLE (begeistert):
Ewig währet Jerusalem!
ZEDEKIA (zu Baruch):
Du hast gehört, Knabe! So gehe hin zum Könige und sage ihm an: Zedekia, der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald vor die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das köstliche Wort: Friede.
BARUCH (unruhig, leise):
Ich höre, mein König. Doch eines noch hieß der König mich melden, eines noch heischt er von uns.
ABIMELECH (auffahrend):
Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach?
BARUCH:
Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt es groß.
ZEDEKIA:
Was fordert sein Stolz noch mehr?
BARUCH:
Er sprach: »Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Königs und die Krone wieder legen auf sein Haupt. Und er möge zu meiner Linken gehn, damit man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind. Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, daß ich ihn kenne. Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote, nicht gieren nach seinen Schätzen. Einlaß nur heische ich von euch, denn es lüstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wäre als ich.« So sagte Nabukadnezar.
PASHUR:
Niemals! Niemals!
HANANJA:
Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler!
PASHUR:
Lieber in Staub den Tempel als entweiht!
IMRE (bestürzt):
Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen!
PASHUR:
Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein König, sende ihn heim!
HANANJA:
Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen!
NACHUM:
Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu erwägen.
ABIMELECH:
Tausend Tode lieber als diese Schmach.
PASHUR:
Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger!
HANANJA (wild):
Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach!
IMRE:
Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort! Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen!
PASHUR:
Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum?
IMRE:
Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben. Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?
HANANJA:
Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn.
NACHUM:
Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen unser Stolz. Doch die Stadt möge überdauern unsern Stolz und unser Leben. König, mein König, errette Jerusalem!
HANANJA:
Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort!
ZEDEKIA:
Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet, entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet und eilet, daß ein Ende sei im Bösen oder im Guten.
IMRE:
Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot.
HANANJA:
Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen.
PASHUR:
Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel!
NACHUM:
Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten.
ZEDEKIA:
Und du, Abimelech?
ABIMELECH:
Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir.
ZEDEKIA:
Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert ihr ihn mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich selbst sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen?
PASHUR:
Gott wird dich erleuchten!
ZEDEKIA:
Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine Hände nach ihm und mein Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und meine Hände greifen nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte finde!
NACHUM:
Unsere Liebe ist mit dir, mein König!
ZEDEKIA:
Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich wendet, muß ich ja sagen oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Möge Gott mich erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie in Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das Rechte gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte erwäge für Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem!
PASHUR:
Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe du entschieden. Ich harre vor dem Altare!
HANANJA (im Abgehen):
Gedenke Gottes!
NACHUM (gleichfalls):
Gedenke der Stadt!
IMRE:
Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen!
ABIMELECH:
Du findest mich bei dir in Leben oder Tod.
(ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.)
BARUCH (leise):
Soll ich mit ihnen, mein König?
ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend):
Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst!
(BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich scharf um.)
ZEDEKIA:
Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort?
BARUCH:
Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond.
ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann plötzlich):
Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder im geheimen?
BARUCH:
Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war gegenwärtig und sein Vertrauter.
ZEDEKIA:
Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach?
BARUCH:
Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.
ZEDEKIA:
Und da er drohete, wie war er?
BARUCH:
In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere und ich Botschaft brächte seines Zorns.
ZEDEKIA:
Und frug er dich nach mir?
BARUCH:
Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es nicht.
ZEDEKIA:
Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.) Keine Frage hat er getan nach mir?
BARUCH:
Nein, mein König.
ZEDEKIA:
Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?
BARUCH:
Morgen neut sich der volle Mond.
ZEDEKIA:
Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt. Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball. Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an Nabukadnezar! Melde ihm…
BARUCH (erschreckt):
Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich!
ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen):
Was erkühnst du dich?
BARUCH (flehend):
Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der Botschaft.
ZEDEKIA:
Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern Worte zu bringen. Und ich befehle dir… Warum zitterst du?
BARUCH:
Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft.
ZEDEKIA:
Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?
BARUCH:
Nicht ihn fürchte ich – ich fürchte die Botschaft.
ZEDEKIA (erstaunt):
Was fürchtest du?
BARUCH:
Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich, rette, rette die Stadt!
(ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)
BARUCH:
Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf dein Herz!
ZEDEKIA (grimmig):
Tu auf die Tore, tu auf dein Herz – ich kenne dieses Wort. Nicht du sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider mich…
BARUCH:
Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah, daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.




