Ein Königreich von kurzer Dauer

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Linhardt ärgerte sich schwarz, dass er nicht dem Rat seines Vaters gefolgt war. Dieser hatte ihm immer wieder gepredigt, sich in wirklich wichtigen Angelegenheiten nicht auf andere, sondern nur auf Mitglieder der eigenen Familie zu verlassen. Er hätte selbst nach London reisen müssen, aber er hatte geglaubt, die Zeit in Lübeck sinnvoller verbringen zu können. Nun stand er hier herum und konnte nichts anderes tun als warten.
Wütend auf sich selbst, stapfte er zurück ins Kontor, hielt es dort aber nicht lange aus. »Wenn die Maria einläuft, gibst du mir sofort Bescheid. Hast du verstanden?«, schärfte er Peter, seinem Schreiber und engsten Gehilfen, ein.
Der grinste zunächst, nickte dann aber gehorsam.
»Das habe ich dir schon dutzendmal gesagt, oder?«
»So ist es«, erwiderte der Schreiber.
»Entschuldige. Aber ich erwarte eine wichtige Nachricht.«
»Auch das habt Ihr mir bereits erzählt.«
»Tatsächlich?« Linhardt schüttelte irritiert den Kopf. »Wenn du es sagst …« Mit diesen Worten verließ er das Kontor, um in einer der nahe gelegenen Schenken auf andere Gedanken zu kommen.
Unweit des Marktes stand ein Gasthaus, welches Linhardt öfter aufsuchte. Die Gäste, die dort verkehrten, gehörten nicht zu den ersten Lübecker Familien und entsprechend ungezwungen ging es zu. Trotzdem waren die Getränke kühl, das Essen schmackhaft und die Holztische blank gescheuert. Auf den Bodendielen lag, wie es sich gehörte, Sand und Stroh und das Feuer im Kamin brannte auch im Sommer, denn auf den Flammen bereitete der Wirt auch die Speisen zu.
Elsbeth, die Tochter des Hauses, bediente die Gäste. Sie war blond, von geringer Körpergröße und trug für Linhardts Geschmack ein paar Pfund zu viel mit sich herum. Sie hatte immer ein freundliches Wort für jeden Gast, egal wie hoch seine Zeche war, scherzte, war stets guter Laune und trug so maßgeblich dazu bei, dass der Silberne Krug beliebt bei den Schankgästen war.
Linhardt orderte einen Krug Bier und nahm einen großen Schluck. Ihm blieben nicht mehr als ein paar Tage. Dann würde er sein Versagen eingestehen müssen und das Vertrauen, welches sein Vater in ihn gesetzt hatte, enttäuschen. Miserable Aussichten.
»Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?«
Linhardt schreckte hoch. Vor ihm stand Clas Wibbeking. Er machte Anstalten, sich zu erheben, um den Älteren angemessen zu begrüßen, aber Martins Vater gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er keinen Wert auf diese Formalitäten legte.
»Darf ich mich zu dir setzen?«
Clas Wibbeking kannte ihn bereits sein ganzes Leben und sprach ihn deshalb immer noch mit dem vertrauten ›Du‹ an, was Linhardt sich umgekehrt nie herausnehmen würde.
»Selbstverständlich. Nehmt Platz.«
»Probleme mit dem Geschäft?«, erkundigte sich Wibbeking und bestellte bei der herbeigeeilten Elsbeth einen roten Wein.
Kurz erwog Linhardt, seinen väterlichen Freund anzulügen, entschloss sich dann aber doch für die Wahrheit. »Ich warte schon seit Wochen auf den Kontrakt aus London.«
»Es geht um die Stoffe, die dein Vater liefern soll?«
»Ja.«
»Wie groß ist das Volumen des Auftrags?«
»Über fünfzig Ballen.«
»Das sind mehrere Schiffspfund.«
»Fast zehn, um genau zu sein.«
»Und ist dein Gewinn entsprechend?«
»Ja.«
»Warum machst du dir dann Sorgen?«
»Weil ich das Geld dringend brauche. Vater wird die Stoffe ohne Kontrakt nicht nach Lübeck liefern und ohne den Verkauf der Ballen bin ich …« Er zögerte, holte dann aber tief Luft. »Dann ist die hiesige Niederlassung bankrott. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Außerdem soll die Maria überholt werden. Das wird etwa vier Wochen dauern. Dann läuft sie wieder nach London aus. Bis dahin muss der Stoff in Lübeck sein, damit ich ihn rechtzeitig an Bord bringen lassen kann.«
Clas Wibbeking griff zu seinem Becher. »Und die Irmla ist in Riga?«
»Ja. Von dort wird sie weiter nach Tallinn und Stockholm segeln. Erst dann kommt sie wieder nach Lübeck. Sie kann niemals rechtzeitig zurück sein. Nein, ich brauche die Maria.«
»Verstehe. Soll ich dir Geld leihen?«
Das war das Letzte, was Linhardt wollte. Seit Jahrzehnten waren ihre Familien befreundet, nie hatte die eine der anderen Konkurrenz gemacht und niemals hatten sich Clas und Jorge Geld voneinander geliehen.
»Geld unter Freunden zu leihen, ist der schnellste Weg, die Freundschaft zu beenden«, hatte Linhardts Vater ihm eingeschärft. »Die von Linden leihen sich kein Geld. Unter keinen Umständen!«
Daran hatte Linhardt sich in seinem ersten Jahr in Lübeck gehalten, und das sollte auch so bleiben. Deshalb antwortete er: »Ich danke Euch für Euer Angebot, aber ich lehne es ab.«
Clas Wibbeking lachte auf. »Genau wie dein Vater, als er damals nach Lübeck kam. Wenn du wüsstest, wie ähnlich du ihm bist.« Dann wurde er wieder ernst. »Aber du solltest dich auf das Schlimmste einstellen.«
»Wieso?«
»Gestern kam ein Bote aus Hamburg. Dort ist der Englische Schweiß ausgebrochen. Ein Schiff aus London habe die Krankheit mitgebracht, heißt es.«
»Der Englische Schweiß? Was ist das?«
»Eine üble Sache. Wer daran erkrankt, überlebt meistens nicht.«
»So wie beim Schwarzen Tod?«
»Anscheinend. Der Rat erwägt, alle aus London einlaufenden Schiffe unter Quarantäne zu stellen. In dem Fall darf niemand hinauf und niemand hinunter, bis feststeht, dass die Krankheit nicht mit an Bord ist.«
»O Gott. Dann ist alles aus.«
Clas Wibbeking legte die Hand auf die Schulter seines jugendlichen Freundes. »Es muss ja nicht so weit kommen. Eine Entscheidung fällt erst in der nächsten Ratssitzung. Ich …«
Die Tür wurde aufgerissen und völlig außer Atem stürmte Peter in die Schenke. »Die Maria ist eingelaufen. Ich habe schon mit dem Kapitän gesprochen.« Er strahlte, während er unter sein Hemd griff. »Und einen Becher geleert. Hier. Der unterschriebene Vertrag.«
Linhardt atmete hörbar aus, nahm das Schriftstück an sich und studierte es sorgfältig. Dann nickte er Peter befriedigt zu und lächelte Clas Wibbeking an. »Jetzt wird alles gut.« Er hieß Peter, sich zu ihnen zu setzen, und rief nach Elsbeth. »Diese gute Nachricht muss gefeiert werden!«
Obwohl es Sonntag war, trug Linhardt Peter am nächsten Morgen auf, direkt nach der Messe nach Hattingen aufzubrechen, um seinem Vater die gute Nachricht zu überbringen. Er solle Jorge bitten, die Stoffe nach Lübeck zu schaffen. Linhardt überließ seinem Gehilfen dafür das eigene Pferd. In etwa einer Woche würde Peter in Westfalen sein.
Zufrieden ging der junge Kaufmann an diesem Abend ins Bett. Alles hatte sich zum Besten gewendet. Der Gewinn, den er aus dem Verkauf der Stoffe in London erzielen würde, war so hoch, dass er sich für das nächste Jahr keine Gedanken um die Zukunft der Niederlassung machen musste. Auch der Kauf eines Schiffs – ohne die Unterstützung der Wibbekings – erschien nun im Bereich des Möglichen. Und Linhardt hatte noch weitere Pläne, die er jetzt realisieren konnte …
In dieser Nacht verstarben die ersten drei Seeleute der Maria, darunter Kapitän Bomhover, am Englischen Schweiß.
8
– Münster, 24. April 1531
Cuntz Muntzer stammte aus Würzburg. Er war mit seiner Frau Neslin und seiner sechszehnjährigen Tochter Anna vor knapp einem Jahr nach Münster gekommen. Er versprach sich von dem Umzug gute Geschäfte, da es in dieser Stadt keine anderen Lautenmacher gab.
Von einem Teil des Vermögens, welches er mit harter Arbeit in Würzburg verdient hatte, kaufte er sich ein Haus im Süden der Stadt, unweit des Ludgeritores. Die Familie bewohnte die oberen zwei Geschosse, die Werkstatt, das Kontor und Lager waren im Erdgeschoss untergebracht.
Wie erwartet, hatte sich sein Geschäft schon in den ersten Monaten glänzend entwickelt. Musikanten aus der näheren und weiteren Umgebung rissen sich um seine Waren, war er doch der einzige Instrumentenbauer weit und breit.
Fast jeden Tag stand mindestens ein neuer Kunde vor seiner Tür, um eine Laute oder Fidel in Auftrag zu geben. Denn die Dienste der Spielleute waren gefragt und sie verdienten gut. Bei jeder Hochzeit unterhielten sie das Volk, bei den großen Prozessionen, bei den Volksfesten. Und das, obwohl ihr Ruf nicht der beste war.
Ihre Kunst sei des Teufels, raunten einige besonders Fromme. Andere befürchteten, mit den Musikanten kämen die Gaukler und Beutelzieher. Teile des Rates der Stadt versuchten deshalb immer wieder, einige von ihnen dazu zu bewegen, sich dauerhaft in Münster niederzulassen. So habe man sie einerseits unter Kontrolle, könne sich andererseits ihrer Dienste bedienen und Fremde fernhalten.
Aber Spielleute waren unstete Wanderer. Selbst wenn sich jemand entschloss, in der Stadt zu bleiben, war das nur selten von Dauer. Schon bald verschwanden sie wieder, zogen die Wanderschaft dem Stadtleben vor, denn als zugereiste Musiker wurden sie von den Einheimischen kritisch beäugt und für jedes Unheil, welches sich ereignete, verantwortlich gemacht.
Dumpfe Schläge schallten durch das Haus. Jemand stand draußen und ließ den gusseisernen Löwenkopf gegen das Türblatt fallen. Cuntz Muntzer hörte die eiligen Schritte der Magd auf der Treppe.
Kurz darauf streckte das Mädchen den Kopf durch die Tür seiner Werkstatt. »Der ehrenwerte Herr Westenbrinck möchte Euch sprechen.«
Muntzer zuckte mit den Achseln. »Wer ist das?«
»Einer der beiden Schöffen der Bruderschaft der Tischler.«
»Ah ja. Danke.«
Cuntz Muntzer erinnerte sich. Als er nach Münster kam, hatte er sich einer der Zünfte anschließen müssen, sonst hätte er sein Handwerk nicht ausüben dürfen. Nach langem Hin und Her hatten ihn die Tischler – denen er erst klarmachen musste, dass er mit dem Bau von Lauten und Fideln keine Konkurrenz darstellte – in ihren Reihen aufgenommen. Das hatte einiges an Überzeugungsarbeit erfordert, aber auch einer großzügigen Spende in die Kasse der Bruderschaft bedurft.
Als Verhandlungsführer für die ortsansässigen Handwerker war damals Max Ostenloe aufgetreten. Den zweiten der Schöffen, Westenbrinck, hatte Cuntz nur einmal auf der Feier anlässlich seiner Aufnahme in die Bruderschaft getroffen. Der Tischler hatte – man konnte es nicht anders sagen – bei dieser Gelegenheit unbotmäßig gesoffen. Was er wohl von ihm wollte?
»Bitte ihn in die Stube. Und hole kühlen Wein.« Muntzer wartete noch ein wenig. Er war selbstständiger Handwerker wie sein Besucher und musste nicht springen, wenn dieser erschien.
Als genug Zeit vergangen war, um das deutlich zu machen, aber nicht so viel, um unhöflich zu erscheinen, verließ auch er die Werkstatt.
»Herr Westenbrinck«, grüßte Muntzer, nachdem er die Stube im Obergeschoss betreten hatte. »Was führt Euch zu mir?«
Der Angesprochene erhob sich von der Eichenbank, die an einer der Längsseiten des Raumes stand, und reichte Muntzer die Hand. Auf seiner Stirn perlten trotz des kühlen Wetters Schweißtropfen. Das Gesicht war mit rötlichen Flecken überzogen, die Nasenspitze sogar knallrot. Der Handwerksmeister war von untersetzter Gestalt und atmete hörbar, als er erwiderte: »Es gibt seit einigen Tagen Gerede unter den Ratsmitgliedern.«
Westenbrinck warf einen begehrlichen Blick auf den Weinkrug, den die Magd hielt, die hinter ihrem Herrn stand. Muntzer bedeutete dem Mädchen mit einer Kopfbewegung, den Wein zu servieren. Als die Magd das Zimmer verlassen hatte, erkundigte sich Muntzer: »Wie habe ich das zu verstehen?«
Der Tischler führte den Becher zum Mund und nahm einen großen Schluck. »Einige der Ratsmitglieder machen Stimmung gegen Euch. Sie behaupten, Ihr würdet mit Eurem Handwerk unehrliches Volk in die Stadt locken, so wie die Motten in der Nacht vom Licht der Kerzen angezogen werden. Und mit den Pfeifern, Trommlern und Lautenschlägern kämen noch andere zwielichtige Elemente, heißt es.«
Muntzer dachte nach. »Und was sagt der Rat in seiner Gesamtheit zu den Vorwürfen?«
»Eure Kritiker sind in der Minderheit« entgegnete Westenbrinck. »Noch.«
»Und die Meinung der Bruderschaft?«
»Ihr seid einer von uns, ein ehrbarer Handwerker, und wir stehen an Eurer Seite.«
Muntzer nickte zum Dank, gab aber nicht allzu viel auf diese Worte. Es wäre nicht das erste Mal, dass Lautenbauer genau wegen solcher Gerüchte aus einer Stadt vertrieben wurden. »Was rät mir die Bruderschaft?«
»Macht Euch nicht mit den Spielleuten gemein.«
Der Instrumentenbauer lachte auf. »Sie sind meine Kunden. Und einige von ihnen stehen sogar im Sold der Stadt.«
»Das wissen wir. Ihr solltet sie nur nicht auch noch ermuntern, nach Münster zu ziehen.«
Muntzer schüttelte den Kopf. »Aber ich ermuntere sie doch nicht. Die Musikanten kommen, weil ich gute Arbeit liefere, die weit und breit niemand sonst anbietet. Soll ich etwa meine Kunden dadurch vergraulen, dass ich minderwertige Instrumente herstelle?« Der Lautenbauer hob seine Stimme. »Ich bin Handwerksmeister wie Ihr. Und ich habe mich wie Ihr verpflichtet, ehrliche Arbeit abzuliefern.«
Sein Gast hob abwehrend die Hände. »So wollte ich das nicht verstanden wissen. Ihr solltet nur vorsichtig sein mit dem, was Ihr den Spielleuten sagt.«
»Ich lade sie nicht in mein Haus ein, gebe ihnen kein Obdach, versorge sie nicht mit Essen. Nur einen Schluck Wasser bekommen sie bei mir, wenn sie es wünschen. Das verlangt die Gastfreundschaft. Handelt Ihr anders?« Muntzers Stimme klang ärgerlich.
»Natürlich nicht.«
»Seht Ihr. Was also soll ich vermeiden?«
Westenbrinck wurde die Unterhaltung sichtlich unangenehm. Er trank den Inhalt seines Bechers aus. »Ich wollte Euch nur warnen.«
»Und dafür danke ich Euch und der Bruderschaft«, erwiderte Muntzer. »Ich werde Euren Rat befolgen, soweit es mir möglich ist.«
»Eine Frage habe ich noch: Wie haltet Ihr es mit dem neuen Glauben?«
Der Lautenbauer zögerte. Er wusste, dass es innerhalb der Handwerkerzünfte Bestrebungen gab, sich mit den Evangelikalen gegen den Rat und die Erbmännerfamilien zu verbünden. Die Handwerker wollten so den Einfluss der Patrizier zurückdrängen und selbst die Geschicke der Stadt lenken, um vor allem die Ungerechtigkeiten bei der Steuererhebung abzuschaffen. Das war ihnen aber bisher nicht gelungen. Die Gilden und Zünfte sahen jetzt in den Reformatoren natürliche Verbündete.
Muntzer glaubte zwar an Gott und das Paradies, die theologischen Auseinandersetzungen jedoch, die in diesen Tagen tobten, waren ihm ziemlich egal. Deswegen antwortete er vorsichtig: »Ich weiß nicht so recht. Ich habe mich, wenn ich ehrlich bin, noch nicht eingehend mit diesen Fragen beschäftigt.«
»Das solltet Ihr aber. Fast alle unsere Brüder haben sich den Auffassungen Luthers angeschlossen. Wenn Ihr die Unterstützung der Bruderschaft nicht verlieren möchtet, solltet auch Ihr Euch dem neuen Glauben verschreiben.«
Das war eine offene Drohung.
»Ich werde darüber nachdenken. Noch etwas Wein?«
»Nein. Ich muss wieder in meine Werkstatt. Kommt Ihr zu unserem nächsten Treffen?«
»Selbstverständlich.«
9
– Hattingen, 24. April 1531
Hinrick und Lukas brüteten über der Aufgabe, die ihnen ihr Vater aufgetragen hatte. Sie sollten lange Listen addieren, auf denen der Bestand der verschiedenen Waren festgehalten war, die in den ersten Monaten des Jahres im Lager des Händlers eingegangen und noch nicht wieder verkauft worden waren. Inventur nannte das ihr Vater. Immer dann, wenn das Lager überquoll, mussten alle mithelfen, die Vorräte zu zählen und zu bewerten. Nur so, predigte Jorge immer wieder, gelänge es, den Überblick zu behalten.
Für diese Arbeit entlohnte ihr Vater seine Söhne. Zwar erhielten sie nicht so viel wie die beiden Gehilfen, die das Handelshaus beschäftigte, trotzdem hatten die Brüder mittlerweile einen für ihre Verhältnisse ordentlichen Batzen angespart.
Mit einem Seufzer ließ der Jüngere den Federkiel fallen. »Geschafft. Alles addiert und in die Listen übertragen.«
Hinrick warf einen neidischen Blick auf seinen Bruder, der sich entspannt auf der Bank zurücklehnte. »Ich lerne das Addieren nie. Immer wieder verrechne ich mich, vergesse die Zahlen, die ich bis dahin im Kopf zusammengezählt habe, und muss wieder von vorn anfangen.« Er warf verärgert seine Feder auf das Pult, sodass die noch daran haftende Tinte sich in kleinen Klecksen auf seinem Rechenblatt verteilte. »Auch das noch«, stöhnte Hinrick. »Vater wird mich schelten. Ach was, noch Schlimmer, er wird mir die Kosten für das Papier von meinem Lohn abziehen.« Er stützte seinen Kopf in beide Hände. »Warum fällt mir das Rechnen nicht so leicht wie dir?«
»Dafür tue ich mich schwer mit Latein und dem Lesen. Da bist du mir um Längen voraus. Und ich finde, Lesen ist ohnehin viel schwieriger als Rechnen.«
Obwohl Hinrick wusste, dass Lukas ihn nur aufmuntern wollte, war er dankbar für diesen Zuspruch. Er seufzte erneut und griff wieder zur Feder. »Alles Jammern nützt ja nichts.«
»Soll ich dir helfen?« Lukas war näher zu seinem Bruder gerutscht.
»Würdest du das tun?«
»Sagen wir, ich könnte ernsthaft darüber nachdenken, wenn du mir einen Groschen deines Lohns abgibst«, meinte der Jüngere grinsend.
»Das ist ein Viertel dessen, was wir erhalten.«
»Ich weiß. Aber wenn du nicht fertig wirst, bekommst du nichts. Das ist dir ja klar.«
»Du bist ein Halsabschneider.«
»Nein, ein Kaufmann.«
»Ich denke, du willst kein Kaufmann sein.«
Lukas wurde ernst. »Will ich auch nicht. Darüber wollte ich nachher noch mit dir reden. Also gut, einen halben Groschen.«
Hinrick nickte zum Einverständnis.
Gemeinsam bewältigten sie die Arbeit in weniger als zwei Stunden und da sie sonst keine Verpflichtungen hatten, standen sie kurz darauf in der schon warmen Nachmittagssonne.
»Lass uns zum Fluss laufen«, schlug Lukas vor. »Da waren wir schon lange nicht mehr.«
Die Schäden an der Ruhrbrücke, die das Frühjahrshochwasser ausgelöst hatte, waren mittlerweile beseitigt. Nur die am gegenüberliegenden Ufer angeschwemmten und in sich verkeilten kleineren Holzstämme, Äste und Zweige zeugten noch davon, dass die Überflutungen in diesem Jahr stärker ausgefallen waren als in der Vergangenheit. Lukas schlug vor, sich nach Westen zu wenden. Da lagen die Wiesen, die ihrer Familie gehörten. Es würde ihren Vater freuen, wenn sie ihren kurzen Ausflug dazu nutzten, dort nach dem Rechten zu schauen.
Später saßen sie auf einem großen Stein am Ufer, zogen die Schuhe aus und ließen ihre Füße im kalten Wasser baumeln.
»Was ich dir jetzt sagen werde«, begann Lukas, »muss unter allen Umständen unter uns bleiben.«
»Natürlich.«
Lukas zog das kleine Silberkreuz, welches er immer trug, über den Kopf und hielt es Hinrick hin. »Schwöre es.«
Sein Bruder zögerte. »Was, zum Teufel, ist so wichtig, dass ich mein Schweigen auf dein Kreuz beeiden soll?«
»Schwöre oder du wirst es nie erfahren.«
Hinrick war hin- und hergerissen. Einerseits interessierte ihn unbändig, in welches Geheimnis ihn sein Bruder einweihen wollte. Andererseits scheute er die Last der Verantwortung, die ein heiliger Schwur mit sich brachte. Erst als Lukas das Kreuz zurückzog und es sich wieder um den Hals legen wollte, fasste er einen Entschluss. »Gib schon her«, knurrte Hinrick und legte den gewünschten Eid ab. Als er dem Jüngeren das Kreuz zurückgab, meinte er breit grinsend: »Jetzt bin ich aber gespannt, ob sich der ganze Aufwand gelohnt hat.«
Lukas blieb ernst. »Du weißt, dass Vater meinen Wunsch, Instrumentenbauer zu werden, abgelehnt hat.«
»Natürlich.«
»Er will mich zu einem Kaufmann machen. Aber diesen Gefallen werde ich ihm nicht tun.«
»Ich glaube nicht, dass du eine Wahl hast.«
»Wenn ich in Hattingen bleibe, nicht. Da hast du recht. Aber ich werde nicht hier hinter einem Schreibpult versauern.«
»Vater wird dir nie erlauben, die Stadt zu verlassen.«
»Eben. Deshalb werde ich ihn auch nicht um Erlaubnis fragen.«
Hinrick klappte der Unterkiefer herunter. »Du willst weglaufen?«
Lukas nickte.
»Das wird Mutter das Herz brechen.«
»Ich werde ihr einen Brief hinterlassen.«
Hinrick lachte auf, doch es klang hilflos. »Ein Brief wird sie wohl kaum über den Verlust ihres Lieblings hinwegtrösten. Das kannst du nicht machen, Lukas.«
»Ich muss.«
Hinrick schwieg. Er wog das Für und Wider eines Eidbruchs ab.
Als ob Lukas die Gedanken seines Bruders erriet, stieß er hervor: »Du hast es geschworen, Hinrick! Solltest du mich verraten, werde ich trotzdem versuchen, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Nur dass ich dann nie wieder im Leben auch nur ein Wort mit dir wechseln werde. Es wird sein, als wäre ich tot. Zumindest für dich.«
Diese Sätze waren mit einer solchen Heftigkeit vorgebracht worden, dass Hinrick klar wurde, wie ernst es seinem Bruder war. Also atmete er tief durch und meinte: »Mein Eid gilt. Obwohl ich einen Moment überlegte, ob es besser wäre, Mutter einzuweihen. Aber sie wird sich nicht gegen Vater stellen.«
Lukas atmete hörbar aus. »Danke.«
»Du wirst Geld brauchen.«
»Ich habe den Lohn, den uns Vater gezahlt hat, gespart.«
»Das wird nicht reichen.«
»Dann werde ich arbeiten.«
»Auch dann hast du nicht genug Geld. Ich werde dir meine Ersparnisse geben.«
Lukas strahlte den Älteren an. »Das würdest du tun?«
»Ich meinte natürlich: leihen.«
»Nichts anderes habe ich angenommen.«
Beide lachten. Schließlich fragte Hinrick: »Verrätst du mir, wohin du gehen willst?«
»In eine Stadt im Westfälischen. Mehr musst du nicht wissen. So kannst du dich nicht verplappern, wenn unsere Eltern dich unter Druck setzen. Dort hat sich vor etwa einem Jahr ein Instrumentenbauer niedergelassen. Er hat noch keinen Lehrling.«
»Woher weißt du das?«
»Du erinnerst dich an die Musikanten, die über Ostern in Hattingen gewesen sind?«
Hinrick nickte.
»Ich habe mit ihnen gesprochen. Sie haben es mir erzählt.«
»Und wann willst du aufbrechen?«
»An Christi Himmelfahrt. Du weißt ja, unsere Eltern wollen nach Schwelm, das Grab besuchen. Das verschafft mir einen gehörigen Vorsprung.«
Der Pflegevater ihres Vaters war dort beerdigt. Und immer an diesem Feiertag gedachten ihre Eltern seiner am Grab.
Eine Frage brannte Hinrick noch auf der Zunge: »Kommst du wieder zu uns zurück?«
Lukas schaute ihn erstaunt an. »Natürlich. Was für eine Frage. In Hattingen gibt es doch keinen Instrumentenbauer, oder?«
Hinrick schwieg.
Sein Bruder, der dies missdeutete, sagte: »Nun mach nicht so ein Gesicht. Es ist ja nicht für ewig.«
»Ich erinnere mich nur gerade an etwas. In der Bibliothek in Werden habe ich einmal in einem Buch geblättert, das die Zünfte der Handwerker beschrieb. Du willst doch eine Lehre machen, oder?«
»Natürlich.«
»Dann wirst du deine Herkunft nachweisen müssen.«
»Warum?«
»Wegen des Aufdingens. Ich meine jedenfalls, dass das so hieß. Der neue Lehrling wird vor allen Meistern der Zunft geprüft. Und dabei wird hinterfragt, ob dessen Geburt ehrlich gewesen ist.«
»Was heißt das?«
»Das stand da nicht. Ich denke, damit ist gemeint, ob die Eltern des Lehrlings verheiratet gewesen sind.«
»Das sind unsere Eltern ja.«
»Sicher. Aber wie willst du das beweisen?«
Jetzt schwieg auch Lukas. Schließlich meinte er: »Mir wird schon etwas einfallen.«
10
– Kleve, 24. April 1531
Herzog Johann stand mit seinem Berater Konrad Heresbach im Archiv des Spiegelturms und warf einen skeptischen Blick auf die Gewölbedecke. »Mir wurde zugetragen, Mauerwerk riesele herunter. Nicht, dass uns das Gemäuer auf den Kopf fällt wie einst der alte Donjon.«
»Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Ich habe mit Eurem Baumeister gesprochen, der zusätzlich Rat bei einem erfahrenen Kölner Kollegen eingeholt hat. Er kennt den Mann von früher. Es handele sich nicht um Mauerwerk, sondern lediglich um etwas Putz, haben die Herren übereinstimmend festgestellt. Der sei damals zu früh mit Kalk gestrichen worden und nicht richtig durchgetrocknet. Jetzt, wo die Bindung des Kalks nachlasse, komme es an manchen Stellen zu einem Herausbröckeln kleiner Putzteile. Das Schlimmste, was passieren könne, sei, dass jemandem ein Stückchen Putz auf den Kopf fällt und alles abgeschlagen und neu aufgebracht werden müsse. Das Tonnengewölbe, hat Euer Baumeister versichert, sei von überragender Festigkeit.«



