Ein Königreich von kurzer Dauer

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Der Herzog schien nicht überzeugt. »Euer Wort in Gottes Ohr. Und ich hoffe, dass nicht gerade ich dort stehe, wo der Putz herunterplumpst.«
»Das hoffe ich auch, Durchlaucht.«
»Nett von Euch.«
Die beiden Männer verließen das Archiv und traten unter die Arkaden im Innenhof. Es hatte zu regnen begonnen und ein stürmischer Westwind versetzte den vergoldeten Schwan, der auf dem Schwanenturm als Wetterfahne prangte, in heftige Drehbewegungen. Ein Geräusch erklang, das sich wie das entfernte Heulen eines wilden Tieres anhörte.
»Der Schwan ruft«, meinte der Herzog lächelnd. »Hoffen wir auf besseres Wetter.«
»Das sind nur die letzten Zuckungen des Winters«, erwiderte Konrad Heresbach. »Man kann den Frühling schon riechen.«
»Tatsächlich?« Der Herzog sog lautstark die Luft durch die Nase ein. »Das Einzige, was ich rieche, sind die Kochschwaden der Küche.« Er drehte sich um. »Kommt, lasst uns den Saal aufsuchen. Da ist es zwar auch nicht viel wärmer als hier, aber wenigstens nicht so stürmisch.«
Wie immer brannte im Palas ein heftig flackerndes Kaminfeuer. Bedienstete brachten gewürzten Wein und kandiertes Obst und der Herzog nahm auf einem der Stühle Platz, die vor dem Tisch standen.
»Was macht mein Sohn für Fortschritte?«
»Beim Reiten oder im Lateinunterricht?«, fragte Heresbach zurück.
Der Landesherr schmunzelte. »Ihr wisst, was ich meine.«
»Wenn ich ehrlich bin, keine. Wilhelm ist mit seinen Gedanken nicht recht bei der Sache, hat mir sein Lehrer berichtet. Und die Offiziere, mit denen er in seiner Freizeit verkehrt, sind nicht gerade das, was ich als gute Vorbilder bezeichnen würde.«
Johann hob, spielerisch drohend, den Zeigefinger. »Vorsicht, Heresbach. Ihr bewegt Euch auf dünnem Eis. Lasst sie das bloß nicht hören. Die Armee ist nur so gut wie ihre Offiziere und mein Herzogtum so bedeutend wie meine Armee.«
»So habe ich das nicht gemeint, Durchlaucht.«
»Ich weiß ja.«
»Euer Sohn braucht anderen Umgang. Wenigstens einige Stunden am Tag.«
Der Herzog seufzte. »Wenn ich Euer Gesicht sehe, ahne ich bereits, dass Ihr mir gleich einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten werdet. Nun raus damit. Wen von Euren verknöcherten Gelehrtenkollegen habt Ihr zum Vorbild meines Sohnes auserkoren?«
»Keinen Gelehrten, Euer Durchlaucht. Einen annähernd Gleichaltrigen.«
»Ich höre wohl nicht recht. Welcher Adelssprössling im Umkreis von einhundert Meilen taugt für diese Rolle?«
»Der junge Mann, den ich im Auge habe, ist nicht von Adel. Er stammt aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie aus Hattingen und ist rund drei Jahre älter als Euer Sohn. Sein Vater ist Jorge von Linden, seine Mutter die Tochter eines ehemaligen Bürgermeisters der Stadt. Hinrick, so heißt er, ist gut erzogen, äußerst belesen für sein Alter und spricht mehrere Sprachen. Er wäre der geeignete Begleiter für Euren Sohn. Sein Vater hat übrigens vor gut zwanzig Jahren damit gedroht, den Euren vor das Femegericht zu zerren.«
Die Verblüffung stand dem Herzog ins Gesicht geschrieben. Dann lachte er los. »Er wollte meinen Vater verklagen?«
»So heißt es.«
»Weshalb?«
»Es ging um eine Wiese in Linden. Aber er hat seine Drohung nicht wahr gemacht. Mehr konnte ich nicht in Erfahrung bringen.«
»Ihr haltet also den Sohn eines Mannes, der meinen Vater der Feme ausliefern wollte, für geeignet, Wilhelm zum Lernen zu bewegen?«
»So ist es.«
»Ich nehme an, wenn ich nicht zustimme, droht Ihr wieder mit Demission oder Ähnlichem?«
Heresbach senkte nur den Kopf.
»Einen Versuch ist es wert. Auf jeden Fall ist es ein amüsanter Gedanke.« Der Herzog schüttelte den Kopf. »Auf so einen Vorschlag könnt wohl nur Ihr kommen, Heresbach.«
»Kann ich also mit dem Vater des Jungen sprechen?«
»Tut das. Aber sagt ihm unmissverständlich, dass er mir weder die Feme noch den Kölner Erzbischof auf den Hals hetzen soll.« Johanns breites Grinsen verdeutlichte, dass er seine Worte selbst nicht ernst nahm. »Ihr werdet den Auserwählten bezahlen müssen.«
»Natürlich, Durchlaucht.«
»An was hattet Ihr gedacht?«
»Dreißig Gulden im Jahr.«
»Der Sold eines einfachen Soldaten«, stellte Herzog Johann fest. »Sei’s drum. Tut, was Ihr nicht lassen könnt. Eins noch.«
»Ja, Euer Durchlaucht?«
»Was ist mit dem Entwurf der Kirchenreform?«
»Wir arbeiten daran.«
»Und wie lange wollt Ihr mich noch warten lassen?«
»Bis zum Ende des Jahres werdet Ihr Euch noch gedulden müssen.«
Der Herzog griff zum Weinbecher. »Wenn uns die Prädikanten bis dahin nicht die Butter vom Brot genommen haben«, erwiderte er nachdenklich.
11
– Lübeck, 25. April 1531
Linhardt hatte am gestrigen Tag lange geschlafen und sich dann in die Dornse in seinem Haus zurückgezogen, um noch einmal die geplante Stofflieferung an den Londoner Kunden zu kalkulieren. Der Magd hatte er freigegeben, damit diese nach ihrem kranken Vater sehen konnte. Und da sich Peter auf dem Weg nach Hattingen befand, war er Montag allein gewesen. Sein Abendessen hatte aus etwas Dörrfleisch und trockenem Brot bestanden und er war zeitig zu Bett gegangen.
Als er am Morgen seine Schlafkammer verließ, überfiel ihn die Magd noch im Flur mit den neuesten Nachrichten.
»Habt Ihr gehört, Herr?«, stieß sie hervor. »Die Maria hat den Englischen Schweiß nach Lübeck gebracht.« Sie schluchzte auf. »Wir werden alle sterben.«
Linhardt war wie erstarrt. »Was sagst du da?«
»Der Rat hat das Schiff gestern unter Quarantäne gestellt. Aber es war zu spät.« Ihre Stimme überschlug sich. »Die Hälfte der Besatzung und auch der Kapitän sind bereits tot. Viele der Seeleute, darunter auch einige der Verstorbenen, waren schon an Land. Sie saßen in den Schenken, haben die Frauenhäuser besucht, auf dem Markt eingekauft und so die Krankheit in der Stadt verteilt.« Das Mädchen bekreuzigte sich. »Gott sei uns gnädig.« Dann schaute sie Linhardt aus verweinten Augen an. »Ich möchte jetzt zu meiner Familie, wenn Ihr erlaubt. Natürlich braucht Ihr mir keinen Lohn zahlen, ich …«
»Schon gut. Geh. Ich komme allein zurecht.«
»Ich habe heute Morgen noch schnell eingekauft. Für eine Woche werden die Vorräte reichen. Ich bitte Euch, Herr, bleibt im Haus. Es heißt, der Englische Schweiß springt durch die Luft. Es sind die faulen Dämpfe, die krank machen.« Sie zog ein Tüchlein über Mund und Nase, welches sie sich um den Hals gebunden hatte. »Ich habe es in geweihtes Wasser getaucht und mit gestampften Gewürzen bestreut. Die Leute erzählen, dass der Duft der Kräuter die teuflischen Dämpfe vertreibt. Auf dem Kaminsims liegt noch ein Tuch. Es ist für Euch. Ich habe es wie meines behandelt. Gott möge Euch schützen.«
Als das Mädchen fort war, lehnte sich Linhardt für einen Moment an die Flurwand. Dann ging er in die Stube und ließ sich erschöpft auf die Bank fallen. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Ihn fröstelte trotz des Kaminfeuers. Seine Nackenhaare richteten sich auf. Was hatte die Magd eben gesagt? Der Kapitän sei gestorben? Hatte Peter nicht den Kaufvertrag von ihm erhalten? Was, wenn er die Krankheit nun auch mit sich trug? Und sie auf schnellstem Weg nach Hattingen brachte? Zu seinen Eltern, seinen Brüdern?
Einem ersten Impuls folgend, wollte Linhardt das Pferd satteln und Peter folgen. Er war schon auf dem Weg zum Stall, als ihm einfiel, dass sein Gehilfe mit dem Tier unterwegs war. Sollte er sich eins leihen?
Doch wie sollte er Peter einholen? Der war vor zwei Tagen aufgebrochen und vermutlich schon weit hinter der Elbe. Und welchen Weg würde sein Schreiber nehmen? Es gab mehrere Möglichkeiten, hatte man den Elbfluss erst überquert. Aber selbst wenn Linhardt den richtigen Weg erriet: Er hatte Peter aufgetragen, sich zu sputen. Und genau das würde sein Gehilfe auch tun. Nein, er würde ihn niemals einholen.
Den Gedanken, seinen Eltern einen Brief zu schreiben, verwarf Linhardt schnell wieder. Auch ein Bote wäre nicht vor dem Schreiber in Hattingen.
Sein Blick fiel auf den Kaminsims. Dort lag das Tüchlein, von dem die Magd gesprochen hatte. Kurz entschlossen stand Linhardt auf und ging zum Kamin. Seine Hände zitterten, als er sich das Leinentuch vor den Mund band. Dann griff er sein Barett und verließ das Haus.
Er wollte den Medikus Claus Upberge aufsuchen, um von ihm mehr über diese Krankheit zu erfahren. Vielleicht gab es ja eine Tinktur dagegen oder es half, wenn der Erkrankte zur Ader gelassen wurde. Der Medikus kannte sich mit Krankheiten aus und konnte ihn beraten.
Und mit diesem Wissen würde Linhardt dann nach Hattingen aufbrechen. Ein Pferd würde er sicher bekommen. Wenn er keines leihen konnte, würde er eines kaufen. Zur Not würde er sich zu Fuß auf den Weg in seine Heimatstadt machen. Seine Familie durfte nicht wegen ihm an der teuflischen Krankheit sterben.
Die wenigen Menschen, die sich nach draußen trauten, hasteten grußlos und mit weit ins Gesicht gezogenen Kopfbedeckungen durch die Straßen. Viele von ihnen trugen ebenfalls Tücher vor dem Mund.
Das Haus des Medikus lag an der Wakenitz, östlich Sankt Katharinens. Es duckte sich hinter die Stadtmauer und war niedriger als die Bürgerhäuser im Stadtinneren.
Linhardt ließ den Eisenschlägel gegen das Türblatt fallen. Der Schlag ließ die Pforte erzittern. Es dauerte eine Weile, bis sich Schritte näherten. Eine Klappe, die in das Holz eingelassen war, öffnete sich einen Spalt. Linhardt hörte die Stimme einer Frau, die nach seinem Begehr fragte.
»Ich bin Linhardt von Linden. Ich möchte den Medikus sprechen. Sagt ihm, es ist dringend.«
Vor einigen Monaten war Claus Upberge überraschend in Linhardts Kontor erschienen und hatte um Hilfe gebeten. Zwischen ihm und Clas Wibbeking war es zu einer Auseinandersetzung wegen nicht bezahlter Rechnungen gekommen. Clas, der schon mehrmals von dem Medikus vertröstet worden war, hatte damit gedroht, das städtische Gericht anzurufen. Und da die Forderungen zu Recht bestanden, hätte das Verfahren übel für den Arzt ausgehen können.
Dieser hatte Linhardt aufgesucht, weil er um dessen freundschaftliches Verhältnis zur Familie Wibbeking wusste und ihn als Fürsprecher und Vermittler benötigte. Er wolle ja zahlen, versicherte der Medikus, säße aber auf einem Stapel unbezahlter Rechnungen. Die Zahlungsmoral seiner Patienten sei, sobald sie geheilt worden wären, nicht die beste. Er hoffe aber, in zwei, drei Wochen seine Schuld begleichen zu können.
Linhardt hatte Upberge geholfen, sich bei Clas für den Medikus eingesetzt und einen letzten Zahlungsaufschub erwirkt. Tatsächlich konnte Upberge Clas’ Forderung kurz darauf befriedigen. Als sich der Mediziner bei Linhardt für dessen Unterstützung bedankte, sicherte er ihm seine Hilfe zu, wann immer Linhardt diese benötige. Und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, die Schuld einzufordern.
Die Magd schloss die Klappe. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Tür öffnete und der Medikus erschien.
»Haltet bitte Abstand«, bat der Heilkundige. »Es ist nicht die Zeit für Höflichkeiten.«
Die beiden Männer gingen in die Stube.
»Was kann ich für Euch tun?«
»Sagt mir, was Ihr über den Englischen Schweiß wisst.«
»Leider nicht genug. Es gibt keine Heilung. Wer erkrankt, stirbt in der Regel. Nur wenige haben die Krankheit besiegt. Erst bringen Dämonen schlimme Visionen, dann kommt das Fieber, dann übel riechender Schweiß. Schließlich schlafen die Kranken ein und sterben.«
»Was, wenn man das Einschlafen verhindert?«
»Vielleicht hilft das. Nur …« Upberge sprach nicht weiter.
»Was?«
»Es gelingt nicht. In den Berichten aus England steht, dass die dortigen Mediziner versucht haben, die Menschen am Einschlafen zu hindern, allerdings ohne Erfolg.«
»Und wie bekommt man die Krankheit?«
Claus Upberge zuckte mit den Schultern. »Vielleicht wird sie über fauligen Atem übertragen. Oder die Ausdünstungen. Ich habe keine Ahnung.«
»Und wer Kontakt zu einem Erkrankten hat, bekommt den Englischen Schweiß?«
»Nicht jeder. Das ist die einzig gute Nachricht.«
»Wie schnell holt einen der Tod?«
»Spätestens einen Tag nachdem die bösen Träume aufgetreten sind.«
Linhardt hielt entsetzt die Hand vor den Mund.
Der Medikus deutete diese Geste richtig. »Ja, wir haben allen Grund, erschrocken zu sein. Der Englische Schweiß tötet fast jeden. Es gibt kein Kraut, das gegen diese Seuche gewachsen ist. Euer Tüchlein nutzt nur wenig, soweit ich weiß. Allein Gott der Herr kann uns von der Bürde befreien. Er hat uns diese Prüfung gesandt, er wird sie wieder nehmen. Das ist alles, was ich Euch sagen kann. Und nun seid so gut und lasst uns allein. Ich jedenfalls kann niemandem helfen, der vom Englischen Schweiß heimgesucht wird.«
»Eine Frage habe ich noch: Wie lange dauert es, bis die Krankheit ausbricht?«
Upberge hob die Hände in die Höhe, so als ob er Gott um Beistand anflehen wollte. »Ich weiß es nicht.«
Als Linhardt kurz darauf Upberges Haus verließ, zitterte er am ganzen Körper. Da es kein Heilmittel gab, war eine Reise nach Hattingen zwecklos. Er würde Peter nicht einholen können und wer sich einmal infizierte, für den könnte er eh nichts mehr tun. Linhardt zuckte zusammen. Was, wenn er sich bei seinem Gehilfen angesteckt hatte? Aber möglicherweise war Peter ja gar nicht krank. Er hatte den Kapitän schließlich nur kurz aufgesucht. Linhardt klammerte sich an diesen Gedanken. Was blieb ihm auch sonst übrig?
12
– Hattingen, 3. Mai 1531
Die Familie frühstückte, als der dumpfe Schlag des Türklopfers durch das Haus hallte. Eine der Mägde sprang auf, um nach dem frühen Besuch zu sehen. Kurz darauf kehrte sie wieder in die Stube zurück.
»Ein Bote des Herzogs«, verkündete sie aufgeregt. »Ich habe ihn in das Kontor gebeten.«
Jorge legte den Löffel in seine Schale. »Hast du ihm etwas zu trinken angeboten?«
»Sicher. Aber er wollte nichts. Er sei in Eile, hat er mich wissen lassen.«
Jorge verstand und erhob sich. Einen Beauftragten des Landesherrn ließ man nicht warten.
Der Bote war ein Offizier der Klever Garnison. Nach einer kurzen Begrüßung kam der Mann sofort zur Sache. »Ich habe eine wichtige Nachricht für Euch.« Er griff in seine Tasche und zog einen Brief hervor, der mit dem Siegel des herzoglichen Hofes verschlossen war. »Er stammt von Professor Konrad Heresbach, Berater am Hof unseres gnädigen Herzogs.«
Natürlich wusste Jorge, wer Heresbach war. Er hatte den Mann zwar noch nie getroffen, aber schon viel von ihm gehört. Heresbach galt als einflussreichster der herzoglichen Einflüsterer, als tolerant und gerecht. Was der Mann wohl von ihm wollte?
Jorge brach das Siegel und las den Brief. Darin teilte ihm Heresbach mit, dass er sich heute in Werden aufhalte und er sich freuen würde, wenn Jorge das Mittagsmahl mit ihm gemeinsam einnähme, damit sie Zeit fänden, sich in Ruhe zu unterhalten. Worüber der Berater mit ihm sprechen wollte, war nicht erwähnt.
»Ich habe Order, auf Eure Antwort zu warten«, erklärte der Bote.
Auch wenn der Brief sehr höflich formuliert war, handelte es sich doch weniger um eine Bitte als um eine Aufforderung, die Jorge nicht ablehnen konnte, selbst wenn er das gewollt hätte.
»Sagt Herrn Heresbach, dass ich seiner Einladung mit Freuden folge.«
Der Bote nickte und verschwand. Jorge überlegte kurz. Mit dem Pferd brauchte er keine Stunde nach Werden. Es blieb ihm also noch genug Zeit, um sich angemessen zu kleiden und die notwendigen Reisevorbereitungen zu treffen.
»Was meinst du, was ein Berater des Herzogs von dir will?«, erkundigte sich Marlein, nachdem er ihr den Brief gezeigt hatte.
»Keine Ahnung«, antwortete Jorge.
»Kann es etwas Geschäftliches sein?«
Daran hatte er auch schon gedacht. »Was könnte der Herzog sonst von mir wollen?«
»Sagtest du nicht gerade, Herr Heresbach habe dich um das Gespräch gebeten und nicht der Herzog?«, warf Hinrick ein.
»Ist das nicht dasselbe?«, erwiderte sein Vater.
»Ich denke nicht. Es heißt, Konrad Heresbach sei ein unabhängiger Kopf, der sich auch anders als unser Landesherr äußere.«
Jorge sah seinen Zweitältesten erstaunt an. »Woher weißt du das?«
»Ich habe mit dem Bibliothekar in Werden über Heresbach gesprochen, nachdem ich ihn kennengelernt hatte.«
»Du kennst den Berater des Herzogs?«
»Flüchtig. Wir haben uns über Luther und seinen Widersacher Eck unterhalten.«
Jorge wunderte sich immer mehr über seinen Sohn. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl. »Hast du etwa Partei für den Reformer genommen?«
Es erschien ihm nicht opportun, sich in Glaubensdingen zu weit aus dem Fenster zu lehnen, solange nicht eindeutig klar war, welche Position der Landesherr in dieser Frage zukünftig einnehmen würde. Dieser Luther war geächtet und seinen Anhängern drohte ein ähnliches Schicksal, auch wenn sich einige Fürsten und Städte bereits auf die Seite der sogenannten Protestanten gestellt hatten. Aber Herzog Johann hatte sich noch nicht festgelegt.
»Wie ist das Gespräch verlaufen?«
Hinrick berichtete.
Jorge dachte nach. Konnte diese Unterhaltung der Grund für die Einladung sein? Er verwarf diesen Gedanken schnell. Ein so wichtiger Mann würde einem Gespräch mit einem Jugendlichen keine große Bedeutung beimessen, da war er sicher. Nein, es musste einen anderen Anlass geben. Nur welchen? Nun, es brachte nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Er würde es in wenigen Stunden erfahren.
Peter hatte sich an die Anweisungen seines Herrn gehalten und war so schnell geritten, wie er konnte. Die Sonne war schon lange untergegangen, als er Bochum erreichte. Die Tore Hattingens waren sicher schon verschlossen. Er konnte sich glücklich schätzen, dass ihm die Bochumer Stadtsoldaten noch den Zutritt gewährten. Er suchte eine billige Unterkunft, um endlich wieder in einem Bett zu schlafen.
Als er am nächsten Morgen die Herberge verließ, fühlte er sich den Umständen entsprechend gut. Er hatte einige Humpen Bier getrunken und sich in der Nacht mit einer Hübschlerin vergnügt, die ihre Dienste in dem Gasthof angeboten hatte.
Er führte den pochenden Schmerz in seinem Schädel auf das viele Bier und den mangelnden Schlaf zurück. Die frische Luft würde seine Beschwerden lindern, daran hatte er keinen Zweifel. Das Frau, die er in seinen Armen gehalten hatte, war äußerst geschickt mit ihrer Zunge und ihren Fingern gewesen, und er gedachte, sich am heutigen Abend dieses Vergnügen noch einmal zu gönnen.
Er würde Jorge von Linden seine Aufwartung machen, den Kontrakt übergeben, auf weitere Anordnungen warten und dann so schnell wie möglich nach Bochum zurückkehren, um dort erneut die Nacht mit diesem Teufelsweib zu verbringen. Erst dann wollte er gemächlich in die Hansestadt reisen.
Zu den Kopfschmerzen gesellten sich im Laufe des Tages allerdings Gliederschmerzen. Peter fühlte sich schlapp und matt, als er sich über die Ruhrbrücke Hattingen näherte.
Vielleicht sollte er heute Abend doch auf das Bier in der Bochumer Schenke verzichten. Aber die erneuten Dienste der Hübschlerin wollte er sich unter keinen Umständen entgehen lassen.
Endlich erreichte er das Haus der von Lindens am Untermarkt. Er band sein Reittier an einen in die Hauswand eingelassenen Ring, schnappte sein Bündel und schlurfte zur Tür.
Es war Marlein von Linden selbst, die auf sein Klopfen öffnete.
»Herrin, ich habe gute Nachrichten von Eurem Sohn«, begrüßte Peter sie.
Die Kaufmannsfrau führte ihn in die Stube. »Du siehst furchtbar aus«, sagte sie mitfühlend, nachdem er sich auf eine der Bänke hatte fallen lassen. »Das Mädchen bringt dir etwas Bier.«
»Kein Bier«, wehrte Peter ab. »Ist Euer Wasser kühl und trinkbar?«
»Sicher.«
»Dann nur davon. Es muss die Reise sein, die mich so erschöpft hat.«
Die Hausherrin rief nach der Magd. Als diese den Raum betreten hatte, fragte sie Peter: »Hast du Hunger? Etwas Brot vielleicht? Oder Suppe?«
Er schüttelte nur den Kopf. »Wasser reicht. Ist der Herr zu sprechen?«
»Da bist du um gut eine Stunde zu spät gekommen. Er hat auswärts etwas zu tun und wird sicher nicht vor dem Abend zurück sein. Du wartest einfach so lange und ruhst dich aus«, schlug Marlein von Linden vor.
Das Angebot, sich in einem Bett auszustrecken und zu schlafen, war verlockend. Trotzdem entschied Peter sich dagegen. Denn die Reize der Hübschlerin, die in Bochum wartete, zogen ihn noch stärker an.
»Nein, lieber nicht. Wenn es Euch recht ist, lasse ich das Schriftstück, welches ich überbringen soll, einfach hier und komme morgen zurück, um die Aufträge des Herrn entgegenzunehmen. Ich bin mit einem Lübecker gereist, der in Dortmund und Bochum Geschäfte machen will«, schwindelte Peter. »Er wollte morgen früh wieder in die Heimat aufbrechen und wir hatten verabredet, dass ich ihn auch auf dem Rückweg begleite. Wenn ich nicht in der Herberge bin, macht er sich womöglich Sorgen und lässt nach mir suchen. Aber ich will ihn nicht aufhalten.« Die Lüge ging ihm leicht über die Lippen.
»Wie du meinst. Hat Linhardt dir ausreichend Geld für die Übernachtung gegeben?«
»Ja, das hat er. Danke.« Peter zog nun den Vertrag mit dem Londoner Händler aus der Tasche und übergab seiner Herrin das Schriftstück. »Hier. Fünfzig Ballen Stoff zu vorzüglichen Konditionen. Euer Sohn hat erstklassige Arbeit geleistet, wenn ich das sagen darf. Ihr könnt stolz auf ihn sein.« Peter hustete und ihm wurde kalt. Er trank den Rest des Wassers und erhob sich schwerfällig. »Wenn Ihr nichts dagegen habt, reite ich jetzt los. Ich muss wirklich etwas schlafen.«
Marlein von Linden nickte, sagte dann aber: »Nur noch einen kleinen Moment. Ich hatte ohnehin vor, nach Bochum zu fahren. Ein Schreiner dort fertigt wunderbar verarbeitete Stühle an. Ich wollte meinem Gatten einen für sein Kontor schenken. Er darf nichts davon erfahren. Ich gebe dir ein Schreiben mit den Maßen des Stuhls mit, das du dem Meister übergeben wirst. So spare ich mir den Weg, du musst morgen nicht erneut in die Stadt hinein und es besteht keine Gefahr, dass Jorge etwas von meinem Plan erfährt.« Sie schaute Peter verschwörerisch an. »Vorausgesetzt natürlich, dass du mich nicht verrätst.«
»Kein Wort kommt über meine Lippen, Herrin.«
Eine halbe Stunde später saß Peter erneut im Sattel. Es gelang ihm nur mit Mühe, wach zu bleiben. Die Gliederschmerzen wurden heftiger und sein Schädel schien zu bersten. Immer wieder nickte der Bote ein und drohte vom Pferd zu fallen.
Er schaffte es bis zum Hilinciweg. Kurz vor Linden konnte er nicht mehr weiterreiten. Schweiß rann aus allen Poren, sein Hemd war bereits klatschnass. Den Geruch, der von ihm ausging, nahm er nicht wahr. Er musste schlafen. Jetzt!
Mit letzter Kraft schleppte er sich über einen Waldweg auf eine kleine Lichtung unweit des Dorfes. Dort band er das Pferd locker an, legte sich ins frische Gras und murmelte mit matter Stimme: »Nur eine Stunde. Dann geht es mir bestimmt besser.« Und Peter sank in den Schlaf, aus dem er nie mehr erwachen sollte.
13
– Werden und Hattingen, 3. Mai 1531
Jorge von Linden meldete sich an der Pforte und der diensthabende Mönch brachte ihn in die Bibliothek. Dort warteten ein weiterer Benediktiner und ein hochgewachsener Mann, ganz in Schwarz gekleidet, dessen schlankes Gesicht ein sauber gestutzter Backenbart zierte.
Jorges Führer verbeugte sich still und ließ ihn mit den Männern allein.
Neugierig schaute Jorge sich um. An den Wänden standen raumhohe Regale voller Bücher und Schriftrollen, vor den Fenstern Stehpulte, Tische und Bänke. Es mussten Hunderte Bücher sein, die hier aufbewahrt wurden.
»Seht Euch nur um.« Der Benediktiner kam auf ihn zu und streckte ihm seine Hand entgegen. »Ich bin Johannes von Groningen, der Abt des Klosters. Und der Herr hinter mir ist Professor Konrad Heresbach, Berater des Herzogs von Kleve. Aber das wisst Ihr ja sicherlich.«
Jorge nickte.
»Ich lasse Euch gleich mit dem Professor allein. Meine Brüder werden euch etwas zum Essen und Trinken bringen. Aber zuvor möchte ich Euch zu Eurem Sohn Hinrick gratulieren.«



